Doch Eva konnte viel reden, die beiden brüllten weiter.
„Mit denen muß man deutsch reden,“ brummte der erste Schaffner. Und plötzlich brüllte er die beiden mit einer wahren Donnerstimme an: „Himmeldonnerwetter, still sollt ihr sein, sonst stecke ich euch in die Lokomotive!“
Schwapp! tat Mathes seinen Mund zu, schwapp! tat ihn Peter zu, und still waren sie beide.
„Endlich!“ sagte Eva, und ihre Mutter seufzte tief. Wie soll das mit den beiden werden! dachte sie bekümmert. Wären die nur erst wieder da, wo sie hergekommen sind!
Vorläufig schienen die Sternbübles aber gar nicht an die Rückreise zu denken. Nun sie den ersten Schreck überwunden hatten, wurden sie ganz zutraulich, und treuherzig sagten sie zu allen, die sie umstanden, guten Tag und streckten ihnen ihre Hände hin. An denen klebte viel Kohlenstaub und Reiseschmutz, und Eva von Ringewald erschrak etwas. Fein säuberlich sahen die Sternbübles eigentlich nicht aus, denn auch die Gesichter waren so schwärzlich, als hätten die Buben schon in der Lokomotive gesteckt.
„Na, nun kommt nur!“ sagte die Geheimrätin bedrückt. Ihre Freude über den Besuch war nicht sehr groß. Trotzdem nahm sie freundlich Mathes an der Hand, Eva führte Peter, ein Träger trug das Köfferlein der beiden, und so gelangten sie alle an die Sperre.
„Eure Fahrkarten,“ mahnte Eva, „die müßt ihr hier abgeben.“
Daheim hatte die Sternwirtin ihren Bübles sehr dringlich eingeschärft, die Karten zu hüten und sie ja und ja nicht zu verlieren. Da hatten die beiden, weil zweimal Schaffner so neugierig gewesen waren, ihre Karten zu verlangen, diese zuletzt sehr gut versteckt, und sie erklärten jetzt beide wie aus einem Munde: „Die Fahrkärtle können wir net zeigen.“
„Aber ihr müßt sie doch abgeben!“ rief Eva.
„Nur heraus damit!“ sagte der Beamte an der Sperre. „Schnell, schnell, ich mache hier gleich zu!“
„Die Fahrkärtle wollen wir behalten,“ behaupteten die Buben ganz unverzagt.
„Nein, die müßt ihr abgeben, sonst — sonst —“
„Kommt ihr in die Lokomotive,“ half der Schaffner Eva, die nicht wußte, was sie den Buben androhen sollte.
Das half wieder. Plautz setzten sich Mathes und Peter auf den Boden nieder, und schripp schrapp zogen sie beide ihre Schuhe aus, und da waren die Fahrkarten. Etwas zerbeult freilich, und der Beamte schüttelte ein wenig den Kopf, aber dann sagte er doch lachend: „Na, euch merkt man’s an, daß ihr noch nicht viel gereist seid!“
„Viel Vergnügen in der großen Stadt!“ rief ihnen der Zeitungsmann noch spöttisch nach. Und eilends drehten sich die beiden um und sagten so fröhlich und freundlich: „Danke schön!“ daß Frau von Ringewald dachte, sie sind doch lieb, die Buben; na, und der Schmutz geht ja ab!
Mathes und Peter hatten an diesem Tag schon viel erlebt, und sie waren vor lauter Sehen und Sichwundern so müde geworden, daß sie zuletzt eingeschlafen waren. Hier in Leipzig aber wurden sie wieder putzmunter.
Tausendnochmal, was gab es alles zu sehen!
Die Sternbübles hatten in ihrem Leben noch nie eine elektrische Bahn gesehen, denn so etwas gab es in Breitenwert noch nicht, nun sahen sie gleich recht viele auf einmal.
Und so groß waren die Häuser, so viele Menschen gab es, und die rannten alle so eilig einher, wie es die Breitenwerter nur taten, wenn es irgendwo brannte oder sonst etwas los war.
Die Bübles drehten sich wie Windmühlenflügel, sie schauten nach rechts, nach links, blieben stehen, wurden geschubst und gestoßen, und Eva und ihre Mutter atmeten auf, als sie die beiden endlich in einer Droschke drin hatten. O je, das war eine mühsame Sache, mit den beiden vorwärts zu kommen!
Das Gepäck wurde aufgeladen, der Kutscher rief hüh, und im rechten Zotteltrab, wie das die Leipziger Droschken so tun, ging die Fahrt los. Durch viele Straßen rollte der Wagen, und die Augen der Sternbübles wurden immer größer, immer ängstlicher schauten die beiden drein, und als der Kutscher endlich vor einem hohen, stattlichen Hause hielt und Eva sagte: „Hier wohnen wir,“ da ergriff die beiden eine unbeschreibliche Sehnsucht nach der Löwengasse, und Mathes rief jammernd: „Ich möcht’ heim!“
„Ich auch,“ schrie Peter nicht minder ängstlich.
Eva von Ringewald dachte erschrocken an das Gebrüll auf dem Bahnhof, und sie sagte rasch: „Erst müßt ihr doch etwas essen, ihr seid doch gewiß hungrig. Steigt nur aus, drinnen gibt es Schokolade!“
Das war ein Wort!
Die Sternbübles merkten gleich, hungrig waren sie wirklich, und darüber vergaßen sie ihr Heimweh und kletterten nun ganz vergnügt aus dem Wagen.
Aus dem Hause kam ein älteres Mädchen in schwarzem Kleid mit weißer Schürze und weißem Häubchen. Es war die Köchin Hulda. Die sah Mathes und Peter an, als traute sie ihnen nicht recht, und als die beiden über die Schwelle stolperten, brummte Hulda: „Na, die sehen aus, als machten sie lieber zehn Dummheiten als eine.“
„Aber Hulda!“ sagte Eva von Ringewald vorwurfsvoll. „Die Buben sind so nett und bescheiden und nur ein bißchen schüchtern; die werden sicher nicht viel Mühe machen.“
„Naaa!“ Hulda sagte nichts weiter. Sie half Frau von Ringewald beim Aussteigen, nahm das Gepäck und folgte den andern in das Haus hinein.
Ringewalds bewohnten das Erdgeschoß, das sehr groß und geräumig war, und zu dem auch ein mäßig großer Garten gehörte, der auf der Rückseite des Hauses lag. Den Sternbübles aber, die an ihr geräumiges Heimathaus gewöhnt waren, erschien der Flur, in dem sie ihre Sachen ablegen mußten, recht klein und nicht sehr prächtig; Verstecken spielen ließ sich schwer darin.
„Erst mal waschen!“ sagte da Hulda, denn die mochte schmutzige Hände gar nicht leiden. Sie schob die Buben rasch in ein Zimmer, in dem alles schneeweiß und blitzsauber war. Zwei Betten standen darin und zwei Waschtische, und das allerschönste war ein weißes Schränkchen, hinter dessen Scheiben allerlei Spielzeug bunt hervorschimmerte.
„Das ist für euch, wenn ihr recht artig seid,“ erklärte Hulda, als sie sah, wie verlangend die Bübles nach dem Schränkchen schielten. „Aber erst wird gewaschen.“
Nun waren die Sternbübles gar nicht gegen eine tüchtige Wasserplantscherei eingenommen; warum sie sich aber gerade am hellichten Tage waschen sollten, während ihnen ein Schrank mit allerlei wundersamen Spielsachen vor der Nase stand, das begriffen sie nicht. Kaum also hatte Hulda das Zimmer verlassen, da witschten sie zum Schrank hin, um dessen Herrlichkeiten zu bewundern. Leider war der Schrank verschlossen, und Mathes und Peter konnten nichts weiter tun, als ihre Nasen an die Scheiben pressen und alles von außen ansehen.
Sie sahen ein paar geheimnisvolle bunte Kisten, einige kleine Wagen und Pferde, und just überlegten sie, was sie damit spielen wollten, als Hulda wieder in das Zimmer trat. „Jemine,“ schrie die, „ihr seht ja immer noch wie ein paar Feuerrüpel aus, und, ach du meine Güte, den Schrank habt ihr ja ganz beschmiert! Ich dacht’ es mir gleich, mit euch beiden kommt nur Ärger ins Haus.“
Ehe Mathes und Peter noch recht begriffen wie und was, hatte sie Hulda gepackt und zog sie nicht sehr sanft zum Waschtisch. „Jacken aus,“ befahl sie grob, und dann strählte und striegelte sie an den Buben herum, daß denen wirklich Hören und Sehen verging. Da war Mina daheim im Silbernen Stern doch freundlicher, wenn die auch mal schalt, so grob faßte sie nicht zu. Die Buben ahnten freilich nicht, wie unwillkommen Hulda ihr Besuch war. Buben konnte die nämlich kein bißchen leiden, sie behauptete es wenigstens immer, meinte, die wären alle unnütz, und seit Frau von Ringewald die Sternbübles eingeladen hatte, war Hulda immer in einer sehr unholden Laune. An diesem Tage war noch dazu das Stubenmädchen Ida krank, also mußte Hulda allein für die Gäste sorgen. Wohl wurde es denen nicht dabei, und am liebsten wären sie eiligst entwischt.
Sie folgten ganz verdattert dem Mädchen ein paar Minuten später in das Speisezimmer, in dem die Geheimrätin und Eva auf sie warteten.
Das Zimmer war groß und schön eingerichtet. Ein reich geschmückter Tisch, mit allerlei guten Sachen bestellt, stand in der Mitte. Um aber zu dem Tische zu gelangen, mußten Mathes und Peter über spiegelblanken Boden schreiten, und daran waren die Breitenwerter Buben nicht gewöhnt. Sie taten einen Schritt, noch einen Schritt, dann rutschten sie.
Mathes griff zuerst nach Huldas Rock, Peter tat es ihm nach, Hulda wehrte sich, und klatsch, saßen sie alle drei auf dem Boden, und die Teller und Gläser auf dem Tisch klirrten von dem Fall.
Die Geheimrätin sprang erschrocken auf, Eva lief zur Hilfe herbei, Hulda schimpfte gewaltig, und die Buben taten und sagten nichts, die waren viel zu verdutzt dazu.
„Ich sag’s ja, ich sag’s ja, die Bengels bringen nur Verdruß ins Haus!“ zeterte Hulda und sah die beiden so bitterböse an, daß denen himmelangst wurde. Sie dachten gerade, es wäre vielleicht am besten, unter den Tisch zu kriechen, als Eva von Ringewald sie aufhob. Die wußte mit sanften Worten lind zu trösten, und den Sternbuben kam das blonde Fräulein so holdselig wie eine schöne Märchenfee vor. Sie standen auf und gingen an ihrer Hand an den Tisch, und weil Hulda, die sich über ihr Gezeter etwas schämte, nun auch stilleschwieg, tauten die kleinen Gäste allmählich auf und gaben Bescheid auf allerlei Fragen. Freilich, ein wenig kurz gerieten die Antworten; ja und nein, mehr sagten beide nicht, aber dafür aßen sie unglaublich viel. Eva fragte mitleidig: „Ihr hattet unterwegs wohl gar nichts mit?“
„Doch, zehn Bröter!“ antwortete Mathes.
„Und viele Äpfel!“ ergänzte Peter.
„Und Schokolade!“
„Und Zuckerhimbeeren von Herrn Häferlein!“
„Und Kuchen!“
„Und —“
„Lieber Himmel, und das habt ihr alles aufgegessen?“ rief Eva ganz entsetzt. „Euch wird es übel werden.“
Die Buben rissen ihre Münder weit auf. „Übel wird uns net,“ versicherten sie, verwundert über Evas Entsetzen. „So arg viel war’s doch auch net!“ fügte Peter kleinlaut hinzu.
„Halt nur jedem sein Rucksäckle voll!“ sagte Mathes.
Eva lachte, und selbst über das ernste Gesicht ihrer Mutter glitt ein fröhliches Lächeln, und ihre Heiterkeit fand das allerfröhlichste Echo bei den Sternbübles; die lächelten nicht, die lachten so herzhaft, daß sie hin und her wackelten vor Vergnügen. Sie erfüllten den weiten Raum mit fröhlichem Lärm, und Mutter und Tochter dachten beide: Gut, daß die Buben gekommen sind! Nur Hulda dachte das nicht. Die hörte aber auch das Lachen nicht; sie saß in der Küche, brummte und knurrte wie ein Bär, dem es in seiner Höhle nicht gefällt, und sie sagte wohl zum zwanzigsten Male zur kranken Ida: „Paß auf, von den Jungen kommt uns Ärger ins Haus; wenn’s noch Mädel wären, aber Jungen! Was fängt man mit denen an!“ Und dabei seufzte sie tief und dachte an einen Jungen, den sie so lieb gehabt hatte wie fast nichts auf der Welt.
Ida lachte. „Hulda,“ rief sie, „wenn Sie keine Jungen leiden können, warum sind Sie denn mit jedem Betteljungen so freundlich, der ins Haus kommt?“
„Schnickschnack, ich kann freundlich sein mit wem ich will!“ Damit war das Gespräch zu Ende. Hulda nahm ihr Strickzeug, strickte und sagte kein Wörtlein mehr an diesem Abend.
Viertes Kapitel.
Die Trostbuben.
Reisen, Schmausen und Lachen macht müde. Unversehens trat der Sandmann hinter Mathes und Peter; denen fielen die Augen zu, und sie waren recht froh, als Fräulein Eva vom Zubettgehen sprach. Sie sagten schon halb schlafend gute Nacht, und in ihrem Zimmer sahen sie nicht einmal mehr nach dem Spielschrank. Sie purzelten beinahe in ihre Betten. Als Frau von Ringewald ein Weilchen später nachsehen kam, fand sie die beiden schon im festen Schlaf liegen.
Eva saß neben den Betten, und sie flüsterte der Mutter heiter zu: „Ich wollte ihnen noch ein Märchen erzählen, ich habe aber nur gesagt: ‚Es war einmal —‘ da schliefen sie schon.“
Frau von Ringewald sah sinnend auf die Buben nieder. Sonderlich schön waren sie nicht, aber wie sie so mit roten Backen in ihren weißen Betten lagen, waren sie doch lieblich anzuschauen.
Die Frau seufzte tief. So sanft und friedlich hatte auch einst ihr Bube geschlafen, und viele Stunden hatte sie an seinem Bett gesessen und seinen Schlaf treu bewacht. Ihr Liebling, wo war er jetzt?
Tränen kamen in die Augen der Mutter, und Eva, die das sah, legte zärtlich ihre Arme um der Mutter Hals. „Sei nicht traurig,“ bat sie, „unser Fritz kommt wieder. Er muß ja wiederkommen!“
„Er muß ja wiederkommen!“ wiederholte die Geheimrätin, und eine leise Hoffnung durchzitterte ihre Stimme.
„Wie könnte er die beste Mutter je vergessen!“ Eva zog die Mutter auf den Stuhl zwischen den Betten nieder, kauerte zu ihren Füßen, und so, während die Sternbübles schliefen, Mathes im Traume lächelte und Peter etwas grimmig dreinsah, redeten Mutter und Tochter leise miteinander von dem Sohn des Hauses, der ohne Abschied vor zwei Jahren in die weite Welt gezogen war.
„Wäre der Onkel doch nicht so streng gewesen!“ klagte Eva.
„Darum durfte er uns doch nicht verlassen!“ Frau von Ringewald hatte dies Wort schon oft und oft gesagt, denn sie konnte es nicht verstehen, daß ihr Junge, ihr zärtlich geliebtes Kind, so von ihr gegangen war. Heimlich, ohne Abschied, ohne jemals zu schreiben.
Freilich, ihr Bruder, der Vormund ihrer Kinder, war sehr hart gewesen. Der Konsul Bucher war ein strenger Mann, und besonders Fritz von Ringewald hatte seine Strenge zu fühlen bekommen. Der sollte studieren wie sein verstorbener Vater oder Buchhändler werden wie sein Onkel. Zu beidem hatte Fritz keine Lust gehabt. Musik wollte er studieren, Geiger werden, nichts anderes.
Der Mutter war es recht. Aber ihr Bruder sagte nein, und er zwang seinen Neffen, in seine Buchhandlung einzutreten. Ein halbes Jahr hielt der es aus, dann — Mutter und Schwester waren gerade auf einer weiten Reise — ging er davon, ohne Abschied.
Es wäre wohl anders gekommen, wäre die Mutter dagewesen. Die erfuhr nie, was zwischen ihrem Bruder und ihrem Sohn eigentlich vorgegangen war. Der Konsul schwieg darüber, und Fritz schrieb nicht, nie, seit zwei langen Jahren nicht.
Eva tröstete alle Tage die Mutter mit dem gleichen Wort: „Unser Fritz kommt wieder; wenn er etwas erreicht hat, kommt er wieder.“
Er kommt wieder! Die Mutter hoffte es, aber zwei Jahre sind lang für die Sehnsucht einer Mutter. Eva sah das liebe, gütige Antlitz täglich blässer werden. Die Geheimrätin mochte nicht mehr ausgehen, ihr Gram war wie eine Spinne, die ein dichtes graues Netz spinnt, das Licht und Freude absperrt.
Eva schlug allerlei Reisen vor, aber die Mutter war zu müde dazu. Auch nach Breitenwert in den Silbernen Stern wollte Eva reisen, und wie auch da die Geheimrätin nein sagte, fiel es Eva eines Tages ein, sie könnte die Sternbuben einladen, der Mutter zum Trost und zur Freude.
Mathes und Peter Hinz als Trostbübles! Dies Amt ihnen zuzutrauen, darauf wäre in Breitenwert wohl niemand gekommen. Aber als Eva von Ringewald die beiden so friedlich schlafen sah, dachte sie: Es war schon recht, die beiden einzuladen, Mutter wird gewiß ihre Freude an ihnen haben.
Von ihrem hohen Amt, Trostbübles zu sein, ahnten die beiden nichts. Denen raubte kein Kummer den Schlaf, auch die vielen Bröter, Äpfel und anderen guten Dinge lagen ihnen nicht im Magen, die schliefen wie zwei Murmeltiere, ohne nur einmal aufzuwachen.
Nun hatten die Sternbuben aber eine dumme Angewohnheit. War Schule, dann schliefen sie wenn möglich bis Mittag, waren Ferien, dann wachten sie in aller Herrgottsfrühe auf. Daheim schalt Mina oft über diese dumme Angewohnheit, denn sie meinte, Buben wären in den Ferien am besten im Bett aufgehoben, da richteten sie am wenigsten Unheil an.
Weil in Leipzig die Breitenwerter Schule den Buben so entfernt lag wie Afrika, wachten sie natürlich sehr früh auf und wußten gar nicht, wo sie waren.
Sie blickten sich eine Weile höchst verdutzt an, meinten, sie tummelten sich noch in einem Träumchen herum, aber da knurrten ihnen auf einmal ihre Magen sehr vernehmlich. Na, und so etwas pflegt man meist nicht zu träumen.
„Wir sind verreist!“ schrie Mathes plötzlich.
Peter stopfte nachdenklich seinen Bettzipfel in den Mund. Das Verreistsein so am frühen Morgen war ihm etwas ungemütlich, er hätte lieber daheim in seinem Bett gelegen. Eben wollte er darüber stöhnen und knurren, als sein Blick auf den Spielschrank fiel. „Das Schlüssele steckt,“ schrie er, und hops! da war er auch schon aus dem Bett.
Hops! sprang Mathes ihm nach. Beide kauerten am Schrank nieder und begannen höchst vergnügt seine Herrlichkeiten auszuräumen. Nur mal ansehen, dachten beide.
Zuerst kamen ein paar Geduldspiele zum Vorschein. Die legten die beiden schnell wieder weg; Geduld war nichts für sie, und daheim nahmen sie diese Spiele auch nur vor, wenn sie vor Langeweile gar nicht wußten, was anfangen. Ein bißchen Puppenkram, der noch aus Eva von Ringewalds Kindheit stammte, betrachteten Mathes und Peter sehr von oben herab. Sie verrenkten und verdrehten den Gliederpüppchen die Glieder, und dann räumten sie weiter. Ein Baukasten und einer mit allerlei Getier gefiel ihnen schon besser, aber dann packten sie noch ein paar Tiere aus, bei deren Anblick sie in das hellste Entzücken gerieten. Es waren ein paar Mäuse, eine Ente und ein Hahn, die laufen konnten, wenn man sie aufzog. Ähnliche Tiere hatten die Sternbübles letztes Jahr zu Weihnachten bekommen, die hatten aber so viel im Silbernen Stern und auf der Löwengasse herumlaufen müssen, daß ihnen sehr bald die Eingeweide entzweigegangen waren.
Die Buben drehten nun flink Mäuse, Hahn und Ente auf. Da krähte der Hahn und schlug mit den Flügeln, die Ente schnatterte, und die ganze Gesellschaft lief lustig in der Stube herum. Sie rannten, standen still, Mathes und Peter drehten sie wieder auf, und sie vergaßen über dem Spiel ganz und gar, sich anzuziehen. Auf einmal, just als die Mäuse wieder frisch aufgezogen herumrannten, tat sich die Türe auf, und herein spazierte Hulda, die eine Kanne warmes Wasser brachte.
Eine lebendige Maus wäre vielleicht vor so einer wichtigen Person, wie es Hulda war, ausgerissen. Die Spielmaus aber war höchst frech, die lief dem Mädchen gerade zwischen die Füße.
Hulda schrie fürchterlich. Sie tat wahrhaftig, als wäre ein Löwe im Zimmer, und die Buben, die das Geschrei für Spaß ansahen, lachten laut und tapsten in ihren Nachthemden hin und her.
Da schnurrte auch die zweite Maus daher, und Hulda, die sich ganz entsetzlich vor Mäusen fürchtete, hielt beide für lebendig. Klatsch! warf sie den Wasserkrug hin und rannte jammernd aus dem Zimmer.
Draußen durchgellte ihr Geschrei die Wohnung, und die Geheimrätin, Eva, selbst die kranke Ida liefen herbei, alle meinten sie, irgendein Unglück sei geschehen.
„Was ist mit den Jungen?“ fragte Frau von Ringewald.
„Brennt es? Soll ich die Feuerwehr holen?“ quiekte Ida, die sich noch ihren Rock zuheftete.
„Mäuse, Mäuse! Die Bengels haben Mäuse mitgebracht, und nu lachen se noch!“ Hulda schüttelte ihre Röcke, sie fürchtete, die Mäuse wären an ihr heraufgekrochen. „Sie beißen, sie beißen!“ stöhnte sie.
„Die Jungen sind an den Spielschrank gegangen,“ rief Eva. „Hulda, schämen Sie sich, Sie sind ein rechter Hasenfuß, laufen vor ein paar Spielmäusen davon!“
Sie ging in das Zimmer, und dort fand sie die Hemdenmätze mitten in der Überschwemmung stehen. Die Mäuse, Hahn und Ente hatten das Laufen eingestellt; Wasser vertrugen sie nicht, selbst der Ente war es zu viel. Mathes und Peter waren sehr verdutzt über Huldas Davonlaufen. Und als sie die draußen schluchzen und jammern hörten, denn Evas Wort vom Hasenfuß hatte die treue Seele bitter gekränkt, dachten sie, das Klagen gelte dem Kruge, und sie riefen Eva eifrig entgegen: „Das Krügle ist net ganz entzwei!“
„Nur der Henkel ist ab!“ erklärte Mathes.
„Ein paar Sprüngle hat’s,“ fügte Peter hinzu.
„Und laufen tut es vielleicht auch.“ Eva nahm lachend Mathes den Krug aus der Hand; sie sah den ausgeräumten Spielschrank, die Tiere in der Wasserflut, und sie zwang sich zu einem ernsten Gesicht und sagte: „Spielt ihr in Breitenwert auch erst, ehe ihr euch anzieht? Das ist bei uns nicht Mode!“
Den Buben fuhr der Schreck gewaltig in die Glieder, und sie stürzten sich eilfertig auf ihre Sachen. Das liebliche Fräulein Eva mochten sie gewiß nicht kränken.
Rips, raps, rups — ging es. Mathes zog zwei Strümpfe über ein Bein, Peter versuchte verkehrt in seine Hosen zu schlüpfen, und dann schrie Mathes: „Das sind meine!“ und Peter schrie noch lauter: „Meine sind’s!“ Einer zog nach rechts, einer nach links, dann gab einer dem andern einen Puff, und die Hösles flogen hoch im Bogen durch das Zimmer.
„Streitet euch doch nicht!“ Eva mahnte es, aber da sah sie, wie sich die Brüder vor Lachen krümmten, und sie ahnte, so machten die es oft. Sie räumte flink den Spielschrank ein, zog vorsichtig wieder den Schlüssel ab und sagte plötzlich gelassen zu den beiden, die sich noch immer um ihre Kleidungsstücke rauften: „So, wer jetzt nicht in fünf Minuten fertig ist, der bekommt kein Frühstück!“
Das Wort half wunderbar gut. Jetzt fuhr auf einmal jeder Bube ins rechte Hosenbein, und bald standen beide blitzblank und fertig da, und Eva führte sie in das Frühstückszimmer. Dort wartete Frau von Ringewald schon am zierlich gedeckten Tisch. Und Hulda stand da, bereit, Kaffee einzugießen, aber mit einer Miene wie eine Pulvertonne, die in die Luft fliegen will.
Das kleine, behagliche Zimmer lag nach dem Garten hinaus, der jetzt im bunten Herbstschmuck prangte. Freilich waren der Staub und der Ruß der großen Stadt auf Büsche und Bäume niedergesunken; alles sah ein bißchen schwärzlich aus, und dann gab es auch nur ein paar wohlgepflegte Beete und sorglich geglättete Wege in dem mäßig großen Garten.
Spielen kann man da nicht drin, dachten die Sternbuben, und gerade da fragte Fräulein Eva, die sehr stolz auf den grünen Winkel war: „Gefällt euch unser Garten?“
„Noi!“ riefen die Buben wie aus einem Munde, und beide schüttelten so heftig die Köpfe, damit auch gar kein Zweifel an ihrem Mißfallen blieb.
„Na, solch freche Jungen! Finden unsern Garten nicht schön!“ brauste Hulda empört auf. „Ihr habt wohl gleich ’nen Park am Hause, he?“
„Aber Hulda!“ Evas Stimme klang vorwurfsvoll, und dann fragte sie freundlich: „Was gefällt euch denn nicht an unserem Garten?“
Die Buben sahen sich verlegen an. Was ihnen eigentlich an dem sauberen Gärtchen nicht gefiel, wußten sie selbst nicht zu sagen. Sie dachten eben nur an die Gärten, die sich daheim hinter den Häusern der Löwengasse hinzogen, und die so ganz anders waren, so viel lustiger und freier.
„Man kann net drin spielen,“ platzte endlich Mathes heraus.
„Er ist so — so fein!“ stotterte Peter.
„Natürlich, für euch zwei ist er zu fein!“ Es war gut, daß draußen die Flurglocke ertönte und Hulda das Zimmer verlassen mußte, sie hätte sonst gewiß noch allerlei gesagt, was den Buben recht unangenehm gewesen wäre. Fräulein Eva war viel netter, die schwieg von dem Garten. Sie sah nur wehmütig hinab. Ach, was wußten so ein paar dumme Breitenwerter Buben davon, wie froh ein Großstadtkind über so ein grünes Fleckchen sein kann!
„Erzählt einmal von eurem Garten!“ forderte die Geheimrätin auf, während sie Semmeln recht dick und lecker mit Mus für ihre Gäste bestrich.
Von ihrem Garten sollten sie erzählen! Die Sternbuben dachten nach. Am meisten ließ sich vom Lindengarten erzählen, der ein Räuberschlößle hatte, und gerade wollten sie den Garten ihrer Freunde preisen, als Hulda wieder das Zimmer betrat. Die brachte Briefe, und darüber vergaßen Mutter und Tochter den Garten und ihre Gäste, denn jedesmal, wenn Briefe kamen, schlugen ihnen die Herzen, sie dachten: Vielleicht ist einer von unserm Fritz dabei!
Auch Hulda, die schon viele Jahre im Hause war, dachte das, sie blieb darum mitten im Zimmer stehen und wartete, ob die Geheimrätin oder Eva nicht etwas sagten. Sie blickte still und fragend zu beiden hinüber, die Sternbuben aber meinten, Hulda blicke sie so unentwegt an. Das machte sie arg verlegen, und weil sie nicht recht wußten, wie sie sich helfen sollten, begannen sie ihre Mussemmeln zu essen.
Nun kümmerte sich daheim im Silbernen Stern, wo es alle immer recht eilig hatten, niemand viel darum, wie die Bübles aßen. Die pflegten daher oft von ihren Brötern erst das Mus abzuschlecken und dann das nackte Brot zu essen, wie das Gundel nannte, die oft über diese Art zu essen schalt.
Schön war es auch nicht, niemand konnte das finden. Daheim hatte Trinle Grill auch schon mal gesagt: „Ihr seid die reinen Saubarteles!“ was auch nicht schön war, aber in Breitenwert redete man halt so. Doch kein Mensch hätte dort so ein ungeheures Geschrei erhoben, wie dies Hulda plötzlich tat. Die vergaß Briefe und alles, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und schrie wohl zwanzigmal hintereinander: „Pfui, pfui!“
Mathes und Peter erschraken heftig, und Peter klatschte sich seine Semmel vor Schreck an die Nase, und da sah er nun aus wie ein rechter kleiner Schmierfink.
Fräulein Eva, die über einem Brief ihrer liebsten Freundin die kleinen Gäste ganz vergessen hatte, sah auf und rief auch erschrocken: „Pfui!“
Dieser Ruf des lieblichen Fräuleins bekümmerte die Buben sehr. Mathes stopfte vor Schreck seine Semmel in seine Tasse, schwapp! lief die über; Peter wollte dem Bruder helfen, dabei riß er seine eigene Tasse um, und über den zierlich gedeckten Tisch rann ein braunes Flüßlein.
„Sagt’ ich’s nicht, von denen kommt nur Ärger?“ kreischte Hulda. „Auf, marsch, raus, ihr Schmierfinken, ihr!“
„Halt!“ Frau von Ringewald legte sacht ihre Hand auf die Huldas, die eben mit hartem Griff Mathes von seinem Stuhle herabzerren wollte. „Mit Gästen geht man sanfter um, Hulda, und mit Kindern hat man Geduld.“ Über das feine, traurige Gesicht der Geheimrätin lief ein Lächeln, als sie den Buben die beschmierten, erschrockenen Gesichter streichelte. „Jetzt geht mit Eva, die wird euch waschen,“ sagte sie tröstend.
Hulda schwieg muckstill, und Eva stand rasch auf, nahm die Buben an die Hand und führte sie in das Schlafzimmer zurück. Sie dachte dabei, wie gut doch Mutter ist, und so gut war sie auch immer gegen den wilden Bruder. Ist’s möglich, kann der eine so gute Mutter wirklich vergessen?
Mathes und Peter waren die Herzen schwer. Die Patentante gefiel ihnen so gut, und Fräulein Eva gefiel ihnen so gut, und nun waren sie gewiß alle beide sehr böse, und weil sie das bedrückte, darum seufzte erst Mathes schauerlich tief und dann Peter noch tiefer. Da kehrten Evas Gedanken zu den beiden zurück, und sie fragte: „Warum seufzt ihr denn so?“
„Weil — weil du uns böse bist,“ stammelte Mathes.
„Jaa!“ seufzte Peter.
Eva lachte. „Ich bin schon wieder gut,“ versicherte sie, „wenn ihr jetzt nur brav sein wollt.“
Bei den Sternbübles wurde sehr rasch aus schlecht Wetter gut Wetter. Im Umsehen stellten sie das Geseufze ein, und Hulda machte ein ganz verwundertes Gesicht, als ein paar Augenblicke später die Buben blitzblank und purzelvergnügt wieder zurückkamen und nun ganz säuberlich und manierlich aßen und tranken. Sie benahmen sich so nett, daß Eva nach dem Frühstück sagte, nun würde sie den beiden die Stadt zeigen.
„Mit ’nem Schutzmann als Begleiter, sonst bringen Sie die beiden doch nicht heil und ganz wieder zurück,“ brummte Hulda.
Aber weder Eva noch die Sternbuben taten, als hörten sie Huldas Unkenruf. Eva sagte: „Nun macht euch fein, ich tue das auch; in einer Viertelstunde gehen wir.“
Und schon nach fünf Minuten standen Mathes und Peter im Flur. Sie hatten sich äußerst fein gemacht, Alettes Handschuhe hatten sie angezogen und Trinles Tüchle in ihre Brusttaschen gesteckt, und sie waren ein bißchen geärgert, als Fräulein Eva darüber lachte und meinte, dies alles wäre nicht nötig.
„Man sieht ihnen eben die Kleinstädter an der Nasenspitze an.“ Das war Huldas letztes Wort, das den Spaziergängern noch nachhallte. Es kränkte sie aber nicht, denn draußen sagte Eva: „Wir fahren nun zuerst mit der Elektrischen in die Stadt hinein; flink, dort oben hält sie, und ich höre sie schon klingeln!“
Da liefen die Buben wie zwei Windhunde und vergaßen Hulda und ihren Zorn. Zum erstenmal in einer elektrischen Bahn fahren, das war doch noch eine Sache!
Fünftes Kapitel.
Verloren und wiedergefunden.
Manchmal ist doch so eine elektrische Bahn recht boshaft. Da klingelt sie freundlich und einladend, tut, als würde sie warten und jeden mitnehmen, und wenn dann einer denkt: Ha, die erreiche ich noch! dann — schwuppdiwupp! saust sie ihm an der Nase vorbei.
Genau so erging es Fräulein Eva, Mathes und Peter an diesem Morgen mit der bösen Elektrischen. Nun war das ja nicht weiter schlimm, denn sie hatten alle drei keine Eile. Fräulein Eva wollte auch gerade sagen: „Die nächste Bahn kommt bald,“ als sie die beiden Buben heidi! dem Wagen nachrennen sah.
„So dumm!“ dachte Eva und rief, aber den Buben schienen die Ohren zugemauert zu sein, und es blieb ihr nichts weiter übrig, als den Ausreißern nachzurennen; die konnten ja in der wildfremden Stadt wer weiß wohin laufen! So rasten denn alle drei eine Weile die lange, stille Straße entlang, und da die Sternbübles flinke Beine hatten, hätte Eva sie sicher nicht erreicht, wenn ein daherkommender Mann die beiden nicht festgehalten hätte. Und der ließ nicht los, soviel die beiden sich auch wehrten, strampelten und zappelten. Als Eva herankam, rief er ihr entgegen: „Ich hab’ sie. Na, die haben wohl was Nettes ausgefressen?“
Eva, die ganz atemlos war, erzählte, der Mann lachte über die dummen Kleinstadtbuben, und die schämten sich entsetzlich. Und just da sauste ihnen allen eine zweite Bahn an den Nasen vorbei.
„Seht ihr, wäret ihr stehengeblieben!“ Der Mann sagte es, und Fräulein Eva sagte es, und Mathes und Peter senkten reumütig die Nasen, und dazu ärgerten sie sich gewaltig, denn der Fremde sagte noch, ehe er sie losließ: „Mit denen nehmen Sie sich nur in acht, Fräulein! Die sehen aus, als machten sie an jedem Tag drei dumme Streiche und am Sonntag sechs!“
O, wie nur jemand so reden kann!
Die Buben waren tiefgekränkt, und ganz still stiegen sie, als nun endlich wieder eine Bahn kam, hinein und saßen feierlich und steif auf ihren Plätzen.
Ein bißchen wirbelig wurde ihnen dabei zumute. Die Bahn fuhr durch viele, viele Straßen, und alle hatten sie hohe Häuser; wie die Löwengasse daheim sah keine Straße aus.
Endlich stiegen sie aus. Auf einem freien Platz war es, der ein wenig einem Ameisenhaufen glich, so viele Menschen liefen da hin und her, Wagen rollten, die Schaffner der Bahnen klingelten, und die Buben wußten gar nicht, wohin zuerst schauen.
„Der Platz heißt der Augustusplatz,“ sagte Fräulein Eva, die den kleinen Gästen alles recht genau erklären wollte.
„So heißt Herr Häferlein,“ rief Mathes, froh, daß er an Breitenwert denken konnte.
„Wer?“ fragte Eva erstaunt.
„Herr Baldan auch,“ sagte Peter. Und vielleicht hätten beide noch alle Breitenwerter Auguste aufgezählt, wenn nicht ein Mann sehr grob geschrieen hätte: „Platz da, ihr dummen Bengels!“ Und puff! bekam Mathes einen Stoß und Peter einen, und Fräulein Eva zerrte rasch die beiden vom Fahrdamm herab. „Hier darf man nicht stehen bleiben,“ erklärte sie erschrocken und ging ein paar Schritte über den Platz hin.
„So, nun seht euch einmal um! Dort drüben, das ist unser Museum.“
In ganz Breitenwert gab es kein Museum, und Mathes und Peter wußten nicht, war das eine Petroleumlampe oder sonst etwas. Sie starrten aber dahin, wohin Fräulein Eva blickte, und da sahen sie einen großen Brunnen, hoch aufgebaut und mit vielen Figuren schön geziert. Die Wasser sprangen lustig aus vielerlei Röhren, und die Buben meinten, ein Springbrunnen würde vielleicht in Leipzig Museum genannt. Sie riefen daher vergnügt: „Das ist fein, arg fein!“
Die Freude der Buben freute Fräulein Eva, denn sie liebte es sehr, in das Museum zu gehen. Sie versprach darum: „Morgen oder übermorgen gehen wir zusammen hinein.“
„Kann man das?“ Mathes sah ungeheuer erstaunt drein, und Peter wußte auch nicht recht, sollte er lachen oder verwundert sein.
„Natürlich kann man das, warum nicht? Da gehen viele Menschen hinein.“
„Muß man da Badehösle anziehen?“ forschte Mathes, dem die Sache doch sehr bedenklich schien. In Breitenwert dachte doch kein Mensch daran, in einen Brunnen zu steigen.
„Ba—dehösle?“ Nun schaute Fräulein Eva aber verdutzt drein. Sie schüttelte den Kopf, sah die Buben an, sah nach dem Museum hinüber, und da ging ihr auf einmal ein Lichtlein auf. Die springenden Wasser glitzerten in der Sonne, und sie ahnte die Verwechslung. „O ihr Dummerles!“ rief sie. „Ihr denkt wohl, der Brunnen ist das Museum, und wir wollen zusammen in den Brunnen steigen?“
Weil Fräulein Eva lachte, lachten die Bübles auch; sie taten es sehr herzhaft und laut, und ein paar Vorübergehende lachten mit. Unter ihnen war auch ein junger Mann, sehr einfach, fast ärmlich gekleidet. Der blieb plötzlich stehen und sah unverwandt zu dem fröhlichen Mädchen und ihren kleinen Begleitern hinüber. Und als die nun in die Grimmaische Straße einbogen, die den Augustusplatz mit dem Marktplatz verbindet, folgte er den dreien.
Eva von Ringewald wollte den Buben nun doch erklären, was eigentlich ein Museum sei, aber sie konnte viel reden, die beiden hörten nicht. Die sahen sich nur immerfort um. War das ein Getriebe in der ziemlich engen Straße! Den Sternbübles war es zumute, als wären sie in ein buntes Geschichtenbuch hineinspaziert, und weil man sich in Geschichten laut und nachdrücklich verwundern kann, verwunderten sie sich auch sehr laut. Einmal schrie Mathes: „Peter, guck!“ Dann schrie Peter: „Mathes, guck!“ Und dann zeigten sie mit den Fingern, klebten beinahe vor Schaufenstern fest, drückten sich die Nasen an den Spiegelscheiben platt, rannten die Vorübergehenden an, ließen sich selber ein paarmal umrennen, und sie wären gewiß noch auf den Fahrdamm gepurzelt, wenn Fräulein Eva sie nicht fest bei den Händen genommen hätte. Es war freilich schwer, in dem Straßengewühl zu dreien zu gehen, und manch ein Vorübergehender schalt über das Breitmachen. Aber schließlich kamen doch alle drei auf dem Marktplatz an, wo es freier war. Hier blieb Eva aufatmend stehen, und sie wollte eben ihren Schützlingen das Rathaus zeigen, als jemand ihren Namen rief.
Eine Freundin war es, die ihr nachgelaufen kam. Die wollte sich gleich die Breitenwerter Gäste ansehen. Das hübsche, lustige Mädchen redete freundlich zu Mathes und Peter, doch die waren von all dem Neuen, das sie sahen, so verwirrt, daß sie nur karge Antworten gaben.
„Seht euch ein bißchen um!“ rief Eva von Ringewald, die gern mit ihrer Freundin etwas bereden wollte. Die beiden Mädchen schwatzten zusammen, und die Sternbübles standen auf dem Marktplatz von Leipzig und sahen sich um. Der Platz war sehenswert, und an dem Rathaus konnte einer schon seine besondere Freude haben. Aber schöne Häuser waren den Buben noch recht gleichgültig, die sahen ganz andere Dinge. Die vielen Gefährte aller Art gefielen ihnen vor allem, und dann geschah auf einmal etwas ganz Wunderbares. Eine der vielen Straßen entlang, die alle auf den Marktplatz einmündeten, kam jemand anspaziert, den Mathes und Peter bislang nur aus Bilderbüchern kannten.
Ein Neger war es, einer, der dunkelbraun aussah wie ein Schokoladenplätzchen.
Die Buben kreischten laut vor Verwunderung. Eva von Ringewald hörte es, aber ihre Gedanken waren bei dem, was die Freundin ihr erzählte, und da sagte sie nur: „Seid doch still, man schreit hier nicht auf der Straße!“
Patsch! waren die Bübles still, merkwürdig still sogar.
Eva hörte kein Wörtlein mehr von ihnen, und darum vergaß sie die beiden über dem lebhaften Geplauder mit der Freundin ganz und gar. Leider aber vergaßen Mathes und Peter ihre Beschützerin auch. Schon ihr Gebot, stille zu sein, hatten sie kaum noch gehört, sie dachten nur an den Neger und sahen nur den.
Dieser, der eine rote Mütze und dunkelblaue Jacke trug, war sonst auf dem großen Meßplatz Türsteher bei einer Schaubude. Vormittags aber war es in Leipzig auf dem Meßplatz meist sehr stille, also konnten Schaubudenleute auch mal spazierengehen. Weil nun in Leipzig im Frühling und Herbst alljährlich Messe war, erstaunten die Leute nicht sonderlich, wenn Meßleute durch die Stadt gingen. Ein Neger schien niemand etwas Besonderes zu sein, niemand riß darum den Mund so sperrangelweit auf, wie es die Sternbübles taten.
Als der Neger in eine Seitenstraße einbog, hatten sie nur den einen Wunsch, ihm nachzulaufen. Das taten sie auch. Sie fragten nichts und sagten nichts, sie rannten einfach spornstreichs hinter dem Schwarzen einher, rannten, bis sie neben ihm waren und ihm recht genau ins Gesicht starren konnten.
Der gute Neger nun war das Anstaunen gewöhnt, die beiden Buben aber, die so trapp trapp neben ihm herliefen, wurden ihm doch lästig. Er rollte seine Augen, zeigte seine weißen Zähne und rief auf einmal mit rauher Stimme: „Fort, ich fresse euch!“
Die Vorübergehenden lachten, aber Mathes und Peter erschraken ungeheuer; sie schrieen laut auf und wichen entsetzt zurück. Ein paar Leute blieben lachend stehen, auch der Neger lachte, aber alles das sahen Mathes und Peter nicht mehr, die rissen einfach aus.
Heidi, husch! ging es die Straße entlang. Einer lief hinter dem andern her, aber statt zurück rannten sie vorwärts, sie kamen an eine Querstraße, liefen die entlang und wären wohl noch wer weiß wohin gelaufen, wenn sie nicht über eine Kiste, die ein Fuhrmann vor einem Torweg ablud, gestolpert wären.
„Himmeldonnerwetter! Nä, ihr Bengels, gennt ihr denn niche sähen!“ schalt der. „’ne Kiste ist doch nich ’n Wassertroppen, den man nich sieht!“
Da kamen die beiden zur Besinnung. An ihren Knieen spürten sie es, daß die Kiste wirklich kein Wassertropfen war; braun und blau hatten sie sich geschlagen. Sie sahen sich verwirrt an und sahen sich ebenso verwirrt um. Wo waren sie eigentlich, und wo war Fräulein Eva?
Der Neger war verschwunden. Kein Mensch ringsum bedrohte die beiden, nur der Fuhrmann, der sich noch immer mit seiner schweren Kiste abmühte, brummte weiter. Als er aber die tieferschrockenen Gesichter der beiden sah, fragte er gutmütig: „Nä, warum seid er denn erst gerannt wie ’n baar Bürstenbinder und steht nu da wie ’n baar Esel im Tanzsaal?“
„Der — der Mohr wollte uns fressen!“ stotterte Mathes, und Peter redete ihm nach: „Ja, er wollte uns fressen!“
„Herrjeses!“ Der Fuhrmann lachte dröhnend auf. „Nä, so was! Bei uns da laufen doch die Menschenfresser nich auf der Straße herum! Hört mal, ihr seid wohl nich aus Leipzig, wo seid ihr denn her?“
Weil der Mann so herzhaft lachte und so gutmütig dreinsah, faßten die Sternbuben Zutrauen zu ihm; sie drängten sich an ihn heran und fingen an, ihm ihr Abenteuer zu erzählen. Leider erzählten sie etwas durcheinander, und der Fuhrmann wußte nicht recht, wie er Fräulein Eva von Ringewald und den Neger zusammenbringen sollte, auch verstand er nicht, warum Peter immer versicherte, Hulda würde böse werden.
Endlich kam dem Mann ein Gedanke; er fragte: „Die sind wohl alle von der Messe, und ihr gehört wohl auch dahin?“
Nun hatten die Buben wieder keine Ahnung, was eigentlich die Messe war, und sie starrten den Frager mit offenem Munde an. Der tippte mit dem Finger an seine Stirn und brummelte: „Da rappelt’s wohl? Geht mal lieber heim zur Mutter!“
„Das ist zu weit,“ schrieen alle beide erschrocken, und Peter fügte klagend hinzu: „Wir sind doch auf Besuch, und Fräulein Eva ist doch mit uns spazierengegangen!“
„So so, spazierengehen nennt ihr das, wenn ihr auf meiner Kiste rumtrampelt! Na nu, wo ist denn Freilein Eva?“
Da kam Mathes ein Gedanke. „Auf dem Marktplatz steht sie,“ schrie er aus Leibeskräften, als wäre der Fuhrmann ganz taub.
Der schrak ordentlich zusammen. „Nä, ihr Schafsköppe,“ murrte er endlich, „wenn die da steht und ihr hier seid, dann geht ihr doch nich spazieren! Nach dem Marktplatz ist das schon ’n Stück. Da geht mal die Straße immer geradeaus und dann links und wieder immer geradeaus, un am besten ist, ihr fragt noch dreimal, denn sonst rennt ihr gar noch auf den Thomasturm. Und dann sagt Freilein Eva ’nen scheenen Gruß, un ihr wäret viel zu dämlich, um alleine zu laufen.“
Nach dieser überaus freundlichen Abschiedsrede schob der Fuhrmann seine Kiste in den Hausflur, und Mathes und Peter rannten sehr eilfertig davon. Furchtbar nett fanden sie den Fuhrmann freilich nicht, aber er hatte ihnen doch wenigstens den Weg gesagt. —
Eva von Ringewald hatte bald das Verschwinden ihrer Schützlinge gemerkt. Die Freundin nahm Abschied, und sie sah sich nach den beiden um. Aber alles Umsehen half nichts; von den Buben war kein Zipfelchen zu sehen. Sie lief die Straße zurück, durch die sie mit den beiden gekommen war, denn dort hatte ein Spielwarenladen die beiden arg gelockt. Aber vor dem standen fremde Kinder, die beiden waren nicht dabei.
Eva fragte ängstlich einen Schutzmann; der hatte die Buben nicht gesehen. Nun rannte sie in eine andere Straße hinein, fragte dort wieder einen Schutzmann. Doch der wußte auch nichts von den Verschwundenen.
Da kehrte sie zum Marktplatz zurück, lief auf und ab in immer wachsender Angst, bis ihr endlich der Gedanke kam, die beiden könnten vielleicht heimgelaufen sein. So recht glaubte sie es zwar nicht, aber wenn jemand in rechter Herzensangst ist, klammert er sich an die kleinste Hoffnung. So erging es Eva von Ringewald an diesem Morgen. Sie setzte sich in einen Wagen und fuhr heim, und trotzdem immerzu in ihrem Herzen eine Stimme redete: Sie sind nicht da, können nicht den Weg gefunden haben, sagte sie immer wieder zu sich selbst: Gewiß sitzen sie zu Hause, sicher ist es so.
Endlich, endlich hielt der Wagen vor ihrem Wohnhause. Sie drückte auf die Klingel, wie sie es sonst nie tat, und schrie Hulda, die öffnete, entgegen: „Sind sie da?“
Erst begriff Hulda gar nicht, was Eva wollte. „Besuch ist nicht gekommen,“ brummte sie. Doch als sie niemand nachfolgen sah, rief sie aufgeregt: „Herrjee, die Jungen sinn weg!“ Und ordentlich stolz über ihre eigene Klugheit fügte sie hinzu: „Das hab’ ich doch gleich gesagt, mit denen geht’s schief!“
Hulda wollte noch viel sagen, was man alles für schreckliche Dinge mit zwei so unnützen Jungen erleben könnte, und daß sie sich niemals welche einladen würde, als Frau von Ringewald herbeikam. Die sah Evas verstörtes Gesicht, sah sie allein und fragte erschrocken: „Die Kinder sind weg, die uns anvertrauten Kinder?“
Eva sank schluchzend in der Mutter Arme, und da begriff Hulda auf einmal, daß dies eine recht betrübliche Geschichte war. Sie schrie: „Ich lauf’ zur Polizei,“ und wupps! war sie weg.
In Hausschuhen, so wie sie ging und stand, lief sie die Straße entlang, und sie ließ sich die elektrische Bahn nicht an der Nase vorbeifahren, obgleich die die allergrößte Lust dazu hatte. Hulda rannte ihr nach, sprang auf, bumste einem etwas dicken Herrn vor den Magen, und als der zu schimpfen anfing, sagte sie gelassen: „Schimpfen Sie nur nicht, uns sind zwei Jungen verschwunden, so was, das ist viel schlimmer als so ’n bißchen Gestoße!“
Da fragten gleich vier Leute zusammen erschrocken: „Jungen sind verlorengegangen? Ja wo denn, wie denn, wann denn?“
Nun erzählte Hulda sehr gern gruselige Geschichten, auch tat sie sich sehr gern wichtig. Also erzählte sie allen Leuten im Wagen von den Sternbuben, und daß sie auf einmal — haste nicht gesehen! — verschwunden wären. Weil sie dabei an Frau von Ringewalds Angst und Fräulein Evas Tränen dachte, wuchs ihr Groll gegen die Buben, und die wurden immer unnützer in ihrer Erzählung. Max und Moritz waren die reinen weißgewaschenen Engelchen gegen die beiden. Schließlich sagte der dicke Herr, den Hulda erst so gestoßen hatte: „I du meine Güte, die müssen Haue haben, wenn sie gefunden werden!“
„Die dürfte man gar nicht einladen,“ rief eine ältere Frau. „Zwei solche Rangen im Haus, na, ich danke!“
Hulda wollte gerade sagen, sie meinte das auch, als der Schaffner rief: „Wächterstraße!“ Das war die Haltestelle, an der sie aussteigen mußte, und sie rannte sehr eilfertig hinaus. Dabei trat sie drei Leuten auf die Füße und purzelte fast vom Wagen, und als sie das Polizeigebäude erreicht hatte, stolperte sie über die Schwelle und rief dem wachthabenden Schutzmann zu: „Sind se da?“
„Ich bin da,“ antwortete der gelassen. „Wer soll denn noch da sein?“
Hulda erzählte und fügte gleich hinzu: „Aber Haue kriegen se tüchtig!“
„Nun, dazu muß man erst die Buben haben!“ meinte der Schutzmann; „alleweile sind se noch nicht da!“
So war es auch. Von Mathes und Peter war kein Zipfelchen zu sehen; niemand wußte etwas von ihnen, Hulda konnte fragen, soviel sie wollte.
Nach einer halben Stunde machte sie sich tiefbetrübt auf den Heimweg, denn weil sie Frau von Ringewald und Eva sehr lieb hatte, hätte sie, schon um denen eine Freude zu machen, die Buben gern gefunden.
Unterwegs fiel ihr zu allem Unheil noch ein, der Braten würde gewiß verbrannt sein; da brach sie in Tränen aus, und bitterlich weinend stieg sie wieder aus der Bahn. Wer weint, braucht ein Taschentuch, aber auch das hatte Hulda vergessen, so hielt sie sich die Schürze vor das Gesicht, schluchzte und schluchzte, und es war noch ein Wunder, daß sie dabei nicht die Häuser und die Gartenzäune umrannte. Auf einmal aber gab es doch einen Zusammenstoß. Bums! rannte Hulda mit jemand zusammen, und erschrocken ließ sie die Schürze sinken und sah vor sich — die Sternbübles stehen, alle beide unversehrt und putzmunter.
Hulda schrie laut vor Überraschung. Ehe sie aber noch fragen konnte: „Woher kommt ihr?“ kam Fräulein Eva aus dem Hause gelaufen. Die rief: „Gott sei Dank, da seid ihr! Wo waret ihr, wie habt ihr heimgefunden?“
Ein paar Fragen auf einmal zu beantworten, ist immer etwas schwer, und Mathes und Peter wußten auch nicht recht, was sie gleich sagen sollten, darum schwiegen sie und ließen sich in das Haus hineinziehen. Drinnen redete zuerst Hulda; die schrie: „Auf der Polizei waren sie nicht.“
„Noi,“ sagte Mathes entrüstet, „wir haben doch nur auf dem Marktplätzle gestanden!“
„Und dann hat uns der Mann hergebracht,“ erklärte Peter.
„Ja, und ’n Stückle Kuchen hat er uns gekauft.“
„Aber viel war’s net.“ Peter hielt es für besser, das gleich zu sagen, denn satt war er noch lange nicht.
Weder Fräulein Eva noch Hulda aber waren mit dieser Auskunft zufrieden. Sie fragten zugleich dies und das, bis Frau von Ringewald sagte: „Ihr macht die Kinder ja ganz verwirrt, laßt sie einmal erzählen!“
Da kam es denn heraus, daß Mathes und Peter wirklich den Marktplatz wiedergefunden hatten. Freilich, fragen hatten sie oft müssen, aber dann hatten sie auf dem Marktplatz Eva nicht mehr gesehen. Sie hatten gewartet und gewartet und schließlich angefangen zu weinen. Da war ein Mann gekommen, der hatte sie nach ihrem Kummer gefragt und gleich gesagt, als sie nur Evas Namen nannten: „Ach, Eva von Ringewald! Wo die wohnt, weiß ich, kommt nur mit!“ Er hatte die Buben durch viele Straßen geführt und ihnen unterwegs, als sie arg über Hunger geklagt, in einem Bäckerladen ein Stück Kuchen gekauft. Am Anfang der Straße hier hatte er dann plötzlich gesagt, er müßte gehen, Nummer 14 wohnten Ringwalds, sie könnten nun nicht mehr fehlgehen.
„Wer mag das wohl gewesen sein?“ Mutter und Tochter sahen sich erstaunt an, und beide forschten: „Wie sah der Mann denn aus?“
„Wie ’n Herr!“ behauptete Mathes.
„Net wie ’n Herr!“ widersprach Peter.
Und mehr wußten die Buben von dem unbekannten Helfer nicht zu sagen. Nur von seiner Freundlichkeit erzählten sie, und daß er sie bereits auf dem Augustusplatz gesehen hätte, als sie den Springbrunnen anschauten, den sie für das Museum hielten.
Ein bißchen rätselhaft war die Sache, aber schließlich waren alle im Hause nur froh, die Buben wieder zu haben, und diese waren froh, als Hulda vom Mittagessen redete, denn sie hatten gewaltigen Hunger. Und da Ida aufgepaßt hatte und alles gut geraten war, gab es ein vergnügtes Mahl. Es focht die Buben auch nicht weiter an, daß Frau von Ringewald erklärte, heute wären sie lange genug draußen gewesen, nachmittags müßten sie in ihrem Zimmer spielen. Sie begriffen dies nicht recht, denn in Breitenwert waren sie oft den ganzen langen Tag draußen, und niemand redete davon, es wäre zu viel. Aber in der großen Stadt war dies wohl anders, und schließlich war der Spielschrank verlockender als der winzige Garten und die fremde Straße mit den hohen Häusern. Mathes und Peter sagten darum sehr eifrig, sie blieben gern daheim, und als Eva sie ermahnte, ein paar Zeilen müßten sie auch an die Mutter schreiben, erklärten sie: „Wir schreiben ein Briefle, wir haben’s versprochen.“
Und dann zogen sie nach Tisch vergnügt und froh und sehr tatenlustig in ihr helles Zimmer, und selbst Hulda redete hinter ihnen her: „Wenn man’s recht ansieht, so schlimm sind se nicht, nur eben Jungen; man ist da nie sicher, was rauskommt. Wenn das halbe Spielzeug entzwei geht, mich soll’s nicht wundern.“
Sechstes Kapitel.
Der böse Brief.
Eva hatte den kleinen Gästen noch ein paar feine, bunte Briefböglein gebracht und sie ermahnt: „Vergeßt nicht, an die Mutter zu schreiben!“ Dann war sie gegangen, und die Buben blieben allein.
Es war sehr still in der Wohnung. Die Küche war im Kellergeschoß, von da drang kein Lärm herauf, Frau von Ringewald ruhte um diese Zeit, und Eva saß in ihrem Zimmer und las. Sie wollte ab und zu nach den Gästen sehen, aber das Buch, in dem sie las, fesselte sie mehr und mehr, und sie vergaß die beiden vollständig. Die fühlten sich auch ganz behaglich in ihrer Einsamkeit. Sie räumten erst wieder einmal den Spielschrank aus und wollten gerade ein Spiel beginnen, als Mathes mahnte: „Erst das Briefle.“
Arg viel Lust hatte Peter nicht dazu, er folgte aber dem Bruder, und als er die hübschen Bogen sah, erschien ihm das Schreiben ganz kurzweilig. „Weißt was,“ sagte er, „wir schreiben zusammen, du ein Sätzle, ich ein Sätzle!“
„Fein,“ erwiderte Mathes, „fang an!“
„Noi, fang du an, du bist älter!“
„Du hast’s gesagt.“
Ein paar Minuten stritten sie miteinander, dann kamen sie auf den Gedanken, der sollte anfangen, der über beide Betten hinwegspringen könne. Die standen dicht zusammen, und das Kunststück schien leicht, aber es mißlang beiden, und erst kollerte sich Mathes, dann Peter in den Betten herum. Ein Weilchen machte ihnen das den größten Spaß, dann mahnte Mathes wieder: „Das Briefle dürfen wir net vergessen.“ Er hatte es nämlich der Mutter daheim fest und heilig versprochen, er würde schreiben.
„Fang an!“ rief Peter.
„Noi, fang du an!“
Wieder stritten sie, bis sie den Ausweg fanden, sich anzusehen; wer zuerst lachte, sollte anfangen. Kaum aber sah einer dem andern in die blitzblanken Schelmenaugen, da lachten beide los, als sollten sie platzen. Sie lachten und lachten, bis sie ganz atemlos waren, und dann stritten sie noch kichernd miteinander: „Du hast zuerst gelacht!“
„Noi, du!“
„Du!“
„Du du du!“
Schließlich fiel Mathes eines der vielen Sprichwörter ein, die Frau Tippelmann daheim in der Löwengasse zu sagen pflegt, und er rief stolz: „Der Klügere gibt nach. Ich fang’ an.“
„Noi, ich fang’ an!“ Peter wollte nun doch der Klügere sein.
„Ich hab’s zuerst gesagt.“
Diesen Ausweg schlug in strittigen Fällen immer Schwester Gundel zu Hause vor, und darum ging auch Mathes auf Peters Vorschlag ein. Sie nahmen also flink zwei Papierstreifen, einen langen und einen kurzen, falteten die zusammen, und Peter warf beide in die Luft, jeder sollte einen fangen. Die Lose ließen sich jedoch nicht fangen, die verkrochen sich höchst verschmitzt, und ein paar Minuten rutschten die Buben nach ihnen im Zimmer herum. Ein Stuhl fiel dabei um, der Handtuchständer begann zu tanzen, bis endlich Mathes ein Los fand und gleich darauf Peter das andere in der Waschschüssel entdeckte. Da gab es keinen Streit mehr, Mathes mußte anfangen, und er malte eifrig auf den schönsten rosafarbenen Bogen: „Liebe Mutter!“ „Wir sind hier,“ schrieb Peter darunter, und Mathes fügte hinzu: „Die Reise war fein.“
„Es geht uns immer gut.“ Peter seufzte über das lange Sätzle, und Mathes, der schon ganz schwarze Klecksfinger hatte, schalt ihn faul und schrieb: „Wir haben uns schon färlaufen.“
„Das erzähl ich,“ schrie Peter und riß dem Bruder die Feder aus der Hand. Die spritzte zornig die Tinte weit über den weißen Tisch, und das rosa Böglein bekam auch ein paar Flecke. Ohne solche ging es bei den Sternbübles auch selten ab, beide grämten sich daher nicht weiter darum, und Peter schlug vor: „Wir machen Küßle draus.“ Da er die Feder hatte, schrieb er auch gleich: „Die Klecksle sollen net Klecksle sein, sie sind Küßle.“
Puuh! Peter tat einen Seufzer. War das ein langer Satz gewesen! Mathes kaute nachdenklich an der Feder. Was sollte er noch schreiben? Wenn etwas von Küssen dastand, war doch ein Brief eigentlich fertig. Also schrieb er flink: „Fiele Grüße, und heute hat’s Schokklatenbuhding gegeben. Dein lieber Sohn Mathes.“
„Fein!“ rief Peter und malte noch seinen Namen darunter.
Das Briefschreiben erschien ihnen aber ganz spaßhaft, und da es auch noch ein himmelblaues Böglein gab, beschlossen sie, auf diese Weise auch noch an Gundel zu schreiben. Sie taten es, wurden sehr flink fertig, und kein Mensch konnte den Brief lang und ausführlich nennen. Mühsam zu lesen war er nicht. Drei Zeilen, fertig! Sie hatten schon ihre Namen darunter gemalt, als Mathes noch etwas einfiel. „Das muß ich schreiben,“ schrie er, „du darfst es aber net sehen.“
„Doch,“ beharrte Peter, „ich muß es sehen.“
„Erst nachher, halt die Augen zu,“ gebot Mathes, „es wird fein.“
Peter hielt sich wirklich die Augen zu, er blinzelte zwar zwischen den Fingern hindurch, er konnte aber doch nicht sehen, was der Bruder schrieb, bis der ihm seine fertige Schrift vor die Nase hielt. Da stand: „Die Huhldah hier ist ein äklicher Affe!“
Peter quiekte vor Vergnügen. Das war fein! Gundel mußte das wissen, und grob fand er es auch nicht, denn im Silbernen Stern brauchte ihr guter Freund, der Hausknecht, oftmals solche nette Worte.
„Wir stecken’s schnell ein, das darf niemand lesen.“ Er begann die Umschläge zu suchen. Fräulein Eva hatte sie doch mitgebracht; aber so viel sie auch suchten, die waren auf einmal verschwunden. Über dem Suchen kamen sie auch wieder an den Spielschrank, und über den Herrlichkeiten darin vergaßen sie ihre Briefe. Sie begannen zu spielen, spielten und spielten. Die Zeit verging, und die Kaffeestunde nahte. Eva kam selbst, die kleinen Gäste zu rufen, und als sie die Tintenklecksfinger sah, schalt sie: „Aber pfui, nun flink, wascht euch!“
Sie klingelte nach warmem Wasser, das Hulda selbst herbeibrachte, und während Eva half, mit der Bürste die schwarzen Finger zu reinigen, sah sich Hulda streng im Zimmer um. So eine Unordnung! Die Betten zerwühlt, das Spielzeug verstreut, ein Stuhl lag am Boden, und sie sagte: „Fräulein Eva, sehen Sie nur, wie die’s treiben!“
Eva von Ringewald seufzte. Ja, schön sah es nicht aus, aber schelten mochte sie auch nicht wieder, sie dachte: Ich hätte nachsehen müssen.
Mathes und Peter am Waschtisch wurde die Sache unheimlich. Huldas Umherschauen war doch recht ungemütlich. Wenn die nun die Briefe erblickte! Da rief Hulda schon: „Nä, und der gute weiße Tisch, so viele Kleckse. Wie kann man die nur alle machen!“
Dumme Frage, dachten Mathes und Peter ungefähr, Kleckse macht man doch nicht, die kommen von selbst!
Wenn Fräulein Eva sie nur freigelassen hätte. Aber die scheuerte mal an der, mal an jener Hand herum, und geradezu ausreißen ging doch nicht.
Mathes seufzte und Peter seufzte, und da rief Hulda vom Tisch her: „Jemine, die haben wirklich Briefe geschrieben!“
„Net lesen!“ schrie Mathes erschrocken, und Hulda sagte: „I wo, so was tut man doch nicht!“
Dabei war nun aber Hulda ein etwas neugieriges Frauenzimmerchen. Sie legte den rosa Brief auf den blauen und den blauen wieder auf den rosa, tat, als ob sie den Tisch abwischen wollte, und schielte doch immer zu den Briefen hin.
„Net lesen,“ schrie da auch Peter. Seine Stimme klang so ängstlich, daß Fräulein Eva und Hulda beide aufhorchten und beide sagten: „Was steht denn so Geheimnisvolles drin?“
„Ich leg’ die Wische nur zusammen,“ brummelte Hulda, aber sie hielt dabei doch den himmelblauen Brief merkwürdig lange in der Hand, und plötzlich riß Mathes seine Hände aus der Waschschlüssel und rannte durch das Zimmer, um Hulda den blauen Brief zu entreißen.
Doch das Unglück war schon geschehen.
Hulda hatte das Wort über sich schon gelesen. Sie wurde puterrot, warf den Brief auf den Tisch und kreischte zornig: „Mit den Bengels, Fräulein Eva, will ich nichts mehr zu tun haben, die sind zu frech! Ekliger Affe nennen se mich, und noch nich mal richtig meinen Namen können se schreiben. So was, jemine, in meinem ganzen Leben hat mich noch niemals nich jemand so geschimpft!“
Hulda brach in Tränen aus, und Eva sah hilflos auf die halbgewaschenen Bübles: „Was habt ihr getan?“ fragte sie traurig.
Die beiden blieben ganz stumm, sie wußten wirklich nicht, was sie sagen sollten. Und bei aller Verlegenheit waren sie doch auch ein bißchen wütend; warum war Hulda auch so neugierig gewesen!
„Gebt mir einmal den Brief her,“ sagte Eva, die nicht einmal so recht verstanden hatte, über was für ein Wort Hulda so böse gewesen war.
Da ging Mathes stumm an den Tisch, holte den unglückseligen Brief, und weil er den Bruder nicht in falschen Verdacht bringen wollte, sagte er ehrlich: „Ich war’s, ich hab’s geschrieben.“