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Die Sternbuben in der Großstadt: Eine heitere Geschichte cover

Die Sternbuben in der Großstadt: Eine heitere Geschichte

Chapter 9: Achtes Kapitel. Auf der Messe.
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About This Book

Two lively boys from a narrow neighborhood are invited by a wealthy patroness to visit a distant city, and their impending journey sets the whole community abuzz. Scenes alternate between kitchen chatter, street gossip, and the children's proud preparations for new clothes and travel, while neighbors react with curiosity, concern, and amusement. The narrative follows the boys as they anticipate and undertake the trip, juxtaposing small‑town familiarity with urban novelty, and gently portrays childhood exuberance, communal bonds, and the humorous missteps that arise when eager youngsters encounter unfamiliar surroundings.

„Wir haben zusammen geschrieben, immer jeder ein Sätzle,“ rief Peter eifrig, denn ihm war’s zumute, als hätte er den schlimmen Satz mitgeschrieben.

Eva von Ringewald sah sehr ernsthaft drein. „Jetzt trocknet euch ab, dann räumt den Spielschrank ein, und nachher kommt ihr vor,“ gebot sie kurz. Sie ging mit einem so nachdenklichen Gesicht hinaus, daß die Buben ihr bedrückt nachschauten. Nun war sie gewiß bitterböse, o je!

Eva ging zu ihrer Mutter, denn sie wußte nicht recht genau, sollte sie lachen oder sich ärgern. Eigentlich ärgerte sie sich, und im Grunde hatte sie den Besuch schon etwas satt. Trostbuben sollten die beiden sein, ach, das war ein Reinfall gewesen! Ärger und Unordnung brachten sie ins Haus, mehr nicht.

Frau von Ringewald saß bleich und müde in ihrem Sessel am Kaffeetisch, als die Tochter zu ihr trat. Ihre Gedanken reisten wieder einmal wie so oft Tag und Nacht in der weiten Welt herum und suchten den verlorenen Sohn. Wo war er, lebte er noch?

Da legte ihr Eva Mathes’ Brief auf den Tisch. „Lies, was die beiden wieder angerichtet haben; Hulda hat’s gesehen und ist wütend. Sie sind doch arg unnütz die beiden.“

Frau von Ringewald las den himmelblauen Brief, und dabei erhellte ein sachtes, liebes Lächeln ihr blasses Gesicht. „Es sind halt Kinder!“ erwiderte sie. „Erzähle einmal, wie kam’s, daß Hulda den Brief gelesen hat?“

Eva erzählte, und dabei blieb das Lächeln auf dem Gesicht der Mutter, es wurde glänzender, schelmischer, und endlich sagte diese gütig: „Und meine Eva hat die kleinen Gäste schon herzlich satt, gelt?“

„Ein bißchen, ja,“ bekannte Eva. „Ich habe sie mir artiger vorgestellt und dachte, es würde lustiger mit ihnen sein.“

„Kinder brauchen Geduld, mein Mädel. Und sage mir einmal, was haben denn die Schelme so Schlimmes getan? Das Wort hier ist grob, freilich. Sie reden aber in Breitenwert etwas gröber, und Hulda hat die beiden ja auch unfreundlich behandelt, und zu lesen brauchte sie den Brief auch nicht. Na, und heute früh?“

Frau von Ringewald lächelte noch immer, und Eva sah die Mutter unverwandt an; plötzlich schlang sie stürmisch ihre Arme um sie und sagte zärtlich: „Es sind doch liebe Buben, Mutterle; sie haben dich lachen gemacht, und darum will ich auch nicht die Geduld verlieren.“

Und just da trappelte es draußen, und die armen Sünderlein kamen anmarschiert. Sie waren etwas verblüfft, daß Fräulein Eva sie ganz freundlich begrüßte. Sie schielten aber doch verlegen nach dem Unglücksbrief hin, der vor Frau von Ringewald lag. Vor der Tante Pate hatten sie noch eine große Scheu, aber da begann die zu reden, und das klang gar nicht böse. Sie sagte ihnen, sie müßten Hulda freilich um Verzeihung bitten, und ob sie nicht an die Schwester einen andern Brief schreiben wollten.

„Ja,“ rief Mathes eifrig, „ich schreib ihn.“

„Das feine Bögle!“ Peter sah bedauernd drein. „Wir streichen’s durch.“

„Das geht auch!“ Eva brachte flugs ein Tintenfaß und strich selbst das schlimme Sätzle durch, und dann rief sie Hulda, die nach zwei Minuten wie eine Gewitterwolke daherkam. „Den beiden tut’s leid, was sie geschrieben haben, Hulda,“ sagte Frau von Ringewald, „und sehen Sie, es ist durchgestrichen.“

„Hm!“ Hulda seufzte tief und sah ihrer Herrin ins Gesicht. Und auch sie sah, daß diese lächelte, daß ihre Augen ganz froh blickten. Da drehte sie sich blitzschnell um, streckte den Buben ihre Hand hin und verkündigte ihnen: „Ich bin nu nich mehr böse, aber Stricke seid ihr, und irgend ’ne Geschichte wird’s schon noch, solange ihr da seid. Und nu bring’ ich den Kaffee!“

Hulda trabte hinaus, holte den Kaffee, und die Bübles atmeten auf, als wäre jedem ein Vierpfundbrot vom Herzen gefallen. Danach wurde es sehr gemütlich, und der Tag voller Unruhe und Abenteuer nahm ein höchst friedliches Ende. Die Briefe wurden in Umschläge gesteckt, Eva schrieb die Aufschrift, und die Buben durften allein bis zur nächsten Straßenecke gehen und die Briefe in den Kasten werfen. Sie kamen von diesem Ausgang schnell zurück, denn Eva hatte gesagt: „Nachher spielen wir zusammen.“

Und sie spielten zusammen, lachten zusammen, und Frau von Ringewald saß dabei und lachte mit. Hulda ging so oft durch das Zimmer, als hätte sie Wunder was darin zu tun, und dabei hatte sie eigentlich gar nichts zu suchen oder zu fragen. Und nach dem Abendessen erzählte Eva eine Geschichte von Prinzessinnen und Feen, von einem goldenen Schloß, einem rosenroten Vogel, einem dottergelben Zwerg und einem feuerroten Schaf. Es war eine sehr lustige Geschichte, über die selbst Hulda lachte, weil sie nämlich gerade wieder durch das Zimmer ging und ein bißchen zuhörte.

Als die Buben an diesem Abend in ihren Betten lagen, schliefen sie nicht so fix ein wie am Tage vorher. Sie redeten noch ein paar Wörtlein über dies und das, aber dann kuschelte sich Peter in seine Kissen und seufzte: „Bin müde.“

„Weißt was?“ schrie ihn da Mathes an, der noch ganz munter war.

„Wa—aaas denn?“ Peter gähnte schauerlich.

„Wie der Mann aussah, der uns heute geführt hat? Der sah aus, wie —“

„Nuuu!“ Peter pustete laut, er war eingeschlafen.

„Nun sag’ ich’s net,“ knurrte Mathes, kuschelte sich auch in die Kissen und schlief auch ein.

Siebentes Kapitel.
Gartenfreundschaft.

Am andern Morgen zogen graue Wolken am Himmel hin und her, und wer ausgehen wollte, fragte sich: „Nehme ich nun einen Regenschirm mit oder nicht?“

Die Sternbübles dachten an keinen Regenschirm der Welt, sie standen höchst munter und vergnügt auf und schwätzten den Tag an wie zwei Spatzen auf der Dachrinne. Sie erwarteten von dem Tag vielerlei an Lust und Freude. Als sie aber in das Frühstückszimmer kamen, sah es da eher nach Regenwetter aus. Frau von Ringewald lehnte sehr bleich in ihrem Stuhl, und Fräulein Eva ermahnte gleich: „Seid stille, Mutter fühlt sich nicht wohl.“

Die Buben erschraken. Sie kannten das gar nicht, daß eine Mutter krank war. Die ihre war immer gesund und immer tätig. Also wußten sie auch nicht recht, was sie tun sollten, vergaßen das Gutenmorgensagen und blieben verdattert in der Mitte des Zimmers stehen.

„So schlimm ist es nicht,“ sagte die Frau Pate linde, „kommt nur her und sagt mir guten Morgen, ihr könnt auch reden, soviel ihr wollt.“

Wenn nun auch das Reden erlaubt war, mit dem Gang in die Stadt wurde es an diesem Morgen nichts. Mathes und Peter bekamen weder das riesengroße Denkmal zu sehen, das zur Erinnerung an die Leipziger Völkerschlacht erbaut wurde, noch das Museum, das wie ein großes Bilderbuch sein sollte. Eva, die sehr besorgt um ihre Mutter war, wollte nicht weggehen, ehe nicht der Arzt dagewesen war; sie riet also den Gästen, sie möchten sich etwas im Garten umschauen.

Garten ist Garten, dachten die beiden; wenn er auch klein war, spielen ließ sich schon drin. Also zogen sie ganz vergnügt hinein und durchschritten ihn erst einmal vom Anfang bis zum Ende, guckten in alle Winkel hinein, und dann begannen sie zu zählen, was es alles drin gab. Erst die Bäume, dann die Büsche, und dabei stellten sie fest, es gab nur einen einzigen Birnbaum im Garten und keinen Beerenstrauch.

So ein Garten! Lieber Himmel, da waren die Breitenwerter Gärten andere Kerle!

Selbst in Amhags Garten, der doch klein war, hatte es diesen Sommer Johannisbeeren wie kleine Kirschen so groß gegeben. Verächtlich sahen beide lange und angestrengt zu dem Birnbaum auf, und endlich sagten sie enttäuscht: „Es hängt nichts dran.“

„Was soll denn dranhängen? Zuckerwerk vielleicht wie an einem Weihnachtsbaum?“ fragte über den Zaun hinüber ein spitzes Stimmchen.

Verwundert blickten Mathes und Peter dem Klange nach, und da sahen sie zwei Mädel, ungefähr in ihrem Alter, im Nachbargarten stehen, die sehr spöttisch dreinsahen und kicherten, als wären die Sternbuben ein paar Hampelmänner. „Was macht ihr denn da?“ fragte die eine, die eine rosa Schleife wie eine Taube so groß im blonden Haar trug.

„Ihr seid wohl Gärtnerjungen, weil ihr die Bäume so anseht?“ fragte die andere, deren braune Zöpfe mit weißen Schleifen verziert waren.

„Noi!“ riefen die Buben, denen wirklich nichts anderes zu sagen einfiel.

„Nein, wie ihr sprecht!“ Die Mädel kicherten wieder, und die Blonde fragte weiter:

„Woher seid ihr denn?“

„Aus Breitenwert.“

„Aus —?“

„Breitenwert,“ wiederholten die Buben laut.

„Den Ort gibt’s gar nicht,“ rief die Braune hochmütig, „den haben wir noch nicht in der Geographie gehabt. Oder ist’s ein Dorf?“

„Noi, eine Stadt!“

„Pah, wie groß denn? So groß wie Leipzig?“

„Beinahe,“ riefen die Buben alle beide, denn im Augenblick erschien ihnen ihre Heimatstadt wirklich sehr groß und weit.

„Und wie seid ihr denn hierhergekommen? Was macht ihr denn in dem fremden Garten?“ Die kleine Braune sah aus, als wäre sie der Herr Schuldirektor und sollte eine Prüfung abhalten.

„Wir sind doch Besuch!“ Den Buben fing das Gefrage an unangenehm zu werden, außerdem kamen ihnen die Mädchen höchst wunderlich vor; so fein geputzt ging selbst Alette Amhag nicht auf der Löwengasse einher. Die beiden sahen aus wie die großen Wachspuppen, die sie gestern in einem Geschäft gesehen hatten.

„Besuch, bei wem denn?“

„Bei meiner Pate,“ bemerkte Mathes, „sie hat uns eingeladen.“

„Ist das Frau von Ringewald?“ Die Braune sah auf einmal sehr freundlich aus. „Die ist reich,“ flüsterte sie wichtig. „Aber wie heißt ihr denn?“

So ein Gefrage! Schon wollten die Buben davonlaufen, aber dann besannen sie sich und sagten ganz sittsam ihre Namen. Doch damit waren die Nachbarinnen noch immer nicht zufrieden, die wollten auch wissen, was ihr Vater wäre, und ob sie in einem feinen Hause wohnen.

Nun erschien der Silberne Stern in Breitenwert den Buben schon als ein Haus, von dem man erzählen kann, und sie erzählten unbefangen von der Heimat und merkten nicht, wie die fremden Mädel ihre Näslein immer höher reckten, just als käme von den Sternbuben her ein übles Gerüchlein.

„Ein Wirtshaus, puh!“ rief die Braune.

„Gasthausjungen seid ihr und zu Besuch bei Ringewalds? Wie komisch!“ Die Blonde kicherte spöttisch, und dann fragte sie hochmütig: „Dann werdet ihr wohl mal Kellner?“

Über das Wort brach die andere in ein lautes Lachen aus, und sie höhnte verächtlich: „Kellnerjungen, Kellnerjungen!“

Was zu viel ist, ist zu viel. Die Sternbübles waren zwar sehr harmlos und zutraulich, den bitterbösen Spott fühlten sie aber doch, und ein gewaltiger Zorn stieg in ihnen auf. Gribsch, grabsch! packte Mathes die Blonde an der rosa Schleife und Peter griff über das Gitter nach den Zöpfen der Braunen, und ehe es sich die beiden versahen, beutelten die Buben sie tüchtig hin und her.

Und Breitenwerter Bubenfäuste können schon zufassen. Den Mädeln wurde himmelangst, und sie schrieen ganz jämmerlich.

Es kam aber keine Hilfe. In Breitenwert hätte sich bei solchem Geschrei sicher schon da und dort ein Fenster aufgetan, hier sah niemand aus einem der vielen, vielen Fenster, die auf die kleinen Gärten hinaussahen. Doch Mathes und Peter wurde über dem Geschrei selbst Angst, und sie ließen ihre kleinen Feindinnen los. Die rannten davon, blieben in ihrem Garten in der Mitte stehen und schalten zornig hinüber: „Pfui, pfui, ihr frechen Kellnerjungen!“ Und dann begannen sie bitterlich zu weinen; es klang, als wäre ihnen das größte Unrecht geschehen. Sie kauerten am Boden nieder und schluchzten erbärmlich, und den Sternbuben wurde es selbst dabei ganz wind und weh zumute. So etwas konnten sie nicht vertragen.

„Flennt doch net so!“ riefen sie über das Gitter.

„Ihr — ihr — seid — so — so — grob!“ schluchzten die beiden.

„Und ihr habt uns geschimpft.“

„Es war doch nicht so schlimm!“

„Doch!“ schrieen die Sternbuben.

„Nein,“ schluchzten die Mädel, „ihr seid doch Wirtshausjungen.“

„Das ist was Feines!“ Mathes reckte und streckte sich, und plötzlich schrie er die Mädel an, als wären sie taub. „Bei uns hat schon mal ’n König gewohnt.“

„Ja, und ’n Herzog und furchtbar viele Grafen,“ fügte Peter hinzu.

Ein König, ein Herzog und Grafen! Die Mädel hörten auf zu weinen, sie sahen ihre Nachbarn halb eifersüchtig, halb mißtrauisch an. „Wirklich?“ fragten sie.

„Wir lügen doch net!“ Mathes warf ganz hochmütig den Kopf zurück, er fühlte, er mußte den Silbernen Stern ordentlich herausstreichen. „Fein ist’s bei uns,“ lobte er, „viele, viele Stuben haben wir, und in einer steht ein Bett mit goldenen Engeles drauf, da hat der König drin geschlafen.“

„Ja, und in unserm Gärtle gibt es viele, viele Beeren und Kirschen und Birnen,“ rühmte Peter.

Der Silberne Stern, der so viele Köstlichkeiten barg, stieg in der Achtung der beiden Mädel. Sie dachten an die großen Prunkhotels, die sie kannten, und sie zupften an ihren Haarschleifen herum und gaben das Weinen auf; mit den Buben da drüben ließ es sich vielleicht doch unterhalten. Noch zögerten sie, dann kamen sie ein paar Schritte näher, und die Braune sagte halb verlegen, halb herablassend: „Erzählt doch mal, wie ist’s denn bei euch?“

„Na, fein!“ Mathes und Peter, die sich doch ob der Haarrauferei ein wenig schuldig fühlten, begannen zu erzählen. Und wunderbar war das, das Heimathaus und die Löwengasse bekamen goldenen Glanz in der Erinnerung. Das kleine Gäßle schien ihnen viel länger und breiter als die Straße, in der sie jetzt wohnten, der Sterngarten, der eigentlich nicht groß war, wuchs und wuchs und wuchs zehnmal größer als all die grünen Winkel, die da von Häusern umschlossen lagen. Na, und der Silberne Stern erst! Kein Palast konnte schöner sein. Und die Freunde auf der Gasse, die Spiele, die sie miteinander spielten, ganz wundersam war alles.

Den Mädeln klang es wie ein Märchen. Und dieses Märchen lockte und lockte; sie vergaßen, daß die Buben sie gerauft hatten, sie standen plötzlich wieder am Gitter, und als Peter beschrieb, wie wundervoll es wäre, Räuber und Prinzessin zu spielen, rief die Braune: „Wir können’s ja mal zusammen spielen!“

Aber da war das Gitter dazwischen, das böse Gitter!

„Lauft auf die Straße; um die Ecke herum wohnen wir, da kommt ihr durch das Haus zu uns,“ riet die Blonde.

„Wir dürfen net auf die Straße.“ Der Vorschlag lockte, aber Mathes und Peter fanden es doch etwas bedenklich. „Wir klettern über das Gitter,“ schlugen sie vor.

„Könnt ihr das?“ Solche Kletterkünste waren den Mädeln noch nicht vorgekommen, aber ihr Zweifel spornte die Buben zu kühnem Tun an. Eins, zwei, drei! stiegen sie am Gitter empor, und erst plumpste Peter, dann Mathes drüben wie eine reife Pflaume in den Nachbargarten, und ihr Kommen wurde mit großem Jubel begrüßt.

Die beiden Mädel, die ihren neuen Freunden ihre Namen nannten, — die Blonde hieß Irene, die Braune Herta — vergaßen ganz und gar, daß es ihr allerhöchster Ehrgeiz war, sich wie kleine Damen zu benehmen. Aus ein paar Wachspuppen wurden im Umsehen ein paar wilde lustige Mädel.

Mathes und Peter sahen sich erst einmal in dem Garten um und fanden, ein großes Leinenzelt könnte zur Not eine Rauberhöhle sein. „Recht passen tut’s net,“ erklärte Mathes verächtlich, und Herta und Irene sahen ganz betrübt auf das zierliche Zelt mit den weißen Biedermeierstühlen darin. Warum war das nur kein Räuberschlößle wie das im Lindengarten in Breitenwert?

Und dann befahlen die erst so verachteten Wirtshausbuben: „So wird’s gemacht und so,“ und Herta und Irene gehorchten ohne Widerrede. Ein paar Minuten später war das vergnüglichste Spiel im Gang. Alle vier tobten in dem Gärtchen herum, hopsten auch einmal über die Beete, rissen beinahe die Räuberhöhle um, und als Fräulein Eva in den Garten kam, um ihren kleinen Gästen Frühstücksbrote zu bringen, sah sie die Bescherung.

„Aber wie seid ihr denn hinübergekommen?“ fragte sie verdutzt.

„Über das Gitter.“ Und flugs kletterte Mathes am Gitter empor, und flugs war er wieder drüben, Peter tat es ihm nach, und Herta und Irene erhoben ein großes Geschrei: „Geht noch nicht fort, geht noch nicht fort!“

Eva lachte. „Meinetwegen steigt wieder rüber, nur zerreißt euch die Hosen nicht,“ sagte sie, „und verpaßt das Frühstück nicht über eurem Spiel!“

Das Frühstück vergessen!

Die Sternbuben waren ganz baff, wie nur jemand auf diesen Gedanken kommen konnte, und da Fräulein Eva auch noch nicht so lange die Kinderschuhe ausgetreten hatte, fiel es ihr ein, wie frühstückshungrig sie und ihr Bruder stets gewesen waren, und sie lachte herzhaft über ihre eigene Mahnung. Lachend kehrte sie in das Haus zurück, und Mathes und Peter kletterten samt den Frühstücksbroten und den Birnen, die dabei lagen, wieder zu ihren neuen Freundinnen hinüber.

Dann schmausten sie alle vier zusammen sehr vergnügt in der Räuberhöhle, denn Mathes und Peter waren edelmütig genug, von ihrem Überfluß etwas, doch nicht allzuviel, abzugeben. Dabei erzählten sie sich dies und das, und es gab ein gegenseitiges Verwundern und Erstaunen. Was Herta und Irene, die zwei sehr verwöhnte einzige Kinder waren, aus ihrer Schule von ihren Freundinnen, von Theater und Gesellschaften erzählten, kam den Sternbübles höchst sonderbar vor, und die Mädel wieder hörten den Geschichten aus der Löwengasse zu wie einem Märchen. Sie saßen beide auf einer weißen Bank, und trotzdem sie etwas zerzaust waren vom wilden Spiel, kamen sie den Buben doch wieder vor wie zwei Puppen. Aber freilich, diese Puppen konnten reden wie ein paar erwachsene Damen. Von Schulgeschichten und Freundinnenklatsch kamen sie auf die Geschichten, die sich die Dienstboten auf der Straße erzählten, und Herta, die noch naseweiser war als Irene, erzählte auch den erstaunten Bübles, Fräulein Evas Bruder, Fritz von Ringewald, sei durchgebrannt.

Erst kam Mathes und Peter das Durchbrennen ungemein spaßig vor, aber als Herta weiter erzählte, daß Frau von Ringewald vor Kummer immer krank sei, wurde ihnen die Sache bedenklich. Auch erschien es ihnen unmöglich, daß Fräulein Evas Bruder ausreißen sollte, und Peter schüttelte heftig seinen Kopf und rief: „Noi, das ist net wahr, ich glaub’s net.“

„Ich auch net,“ schrie Mathes, „ihr flunkert.“

Herta und Irene waren über diesen Widerspruch so verdutzt, daß ihnen wirklich die Mäulchen stillestanden; ein paar Sekunden wußten sie kein Wörtlein zu sagen, dann rief endlich Herta: „Es ist aber doch wahr!“

„Noi, wir glauben’s net.“

„Aber doch, fragt doch Hulda danach!“

Doch davon wollten die Buben nichts wissen, und eine Weile stritten sie sich alle vier hin und her, die Mädel schrieen laut, die Buben noch lauter, und vielleicht wäre noch eine schlimme Geschichte draus geworden, gar wieder eine Haarrauferei, wenn nicht ein sehr zierlich gekleidetes Dienstmädchen erschienen wäre, um Herta zu holen. „Aber Herta!“ rief dieses entsetzt. „Was sind denn das für Jungen, die sind wohl von der Straße?“

Die Sternbübles sahen zwar ein bißchen beschmutzt aus, denn sie waren als Räuber auf der Erde herumgekrochen, so wüst aber doch nicht, wie das Mädchen tat, und sie sahen darum auch gleich ganz bitterböse drein.

Nun hatten sich Mädel und Buben zwar eben noch tüchtig gestritten, und Herta besonders war sehr wütend auf die widerborstigen Bübles gewesen, doch in diesem Augenblick dachte sie an ihr schönes Spielen zusammen, und sie rief gekränkt: „Das sind meine Freunde, Frieda! Und die sind furchtbar vornehm, die wohnen im Silbernen Stern, und morgen spielen wir wieder zusammen, nicht wahr?“

Mathes und Peter nickten eifrig. „Wir klettern wieder über das Gitterle,“ sagte Mathes, „und vielleicht spielen wir Indianer; da müßt ihr euch aber ein bissele anstreichen und die Haare aufmachen.“

„Um Himmelswillen!“ schrie Frieda. „Das ist ja gräßlich!“

„Das wird fein,“ jauchzten Herta und Irene, und dann nahmen sie den allerherzlichsten Abschied von ihren neuen Freunden, gar nicht als wären ihnen die in die Haare gefahren und als hätten sie sich miteinander gezankt. Mathes und Peter kletterten zu Friedas Entsetzen wieder über das Gitter und winkten und nickten noch von drüben herüber, bis die Mädel im Hause verschwunden waren, und dann sagte Peter nachdenklich: „Manchmal sind’s Äffles und manchmal sind sie’s net.“

Sie standen noch und sahen nachdenklich in den Nachbargarten hinein, überlegten noch immer, ob ihnen ihre neuen Freundinnen eigentlich gefielen oder nicht, als Eva von Ringewald wieder zu ihnen kam. Der Arzt war inzwischen dagewesen, und er hatte leise gesagt: „Hier kann nur eins helfen.“

Eva wußte wohl, es war die Rückkehr des Bruders an das Herz der Mutter, was der Arzt meinte. Ach, würde das jemals geschehen?

Mathes und Peter dachten just auch an den ausgerissenen Bruder, aber nicht gerade mit Trauer, sondern mit sehr viel Neugier. Ob das wirklich wahr war? Hulda trauten sie sich nicht zu fragen, und Fräulein Eva erst recht nicht, darum hingen sie ganz verlegen die Köpfe, als diese zu ihnen trat.

Eva merkte das wohl, und sie dachte: Ei, die beiden haben etwas angestellt! Sie sah sich im Garten um, da war alles in Ordnung, nichts zertreten, nichts abgerissen; sie sah sich auch die Bübles selbst an, ein bißchen schmutzig waren sie, aber Hosen und Jacken waren heil. „Wo sind denn Herta und Irene?“ fragte sie.

Mathes gab Antwort. Er erzählte von dem Dienstmädchen, das gemeint hätte, sie wären Straßenjungen.

„Seid ihr darum so niedergeschlagen?“ fragte Eva lächelnd.

Mathes und Peter schüttelten die Köpfe, sie sahen sich an, wurden rot, aber nach dem ausgerissenen Bruder wagten sie doch nicht zu fragen.

Eva bekam nichts aus den beiden heraus, und doch spürte sie, die haben etwas, die verbergen etwas vor mir. „Kommt nun herein,“ sagte sie ein wenig kurz und streng, das Heimlichtun ärgerte sie.

Als alle drei das Gartenzimmer betraten, klingelte gerade Frau von Ringewald in ihrem Schlafzimmer, und darum rief Eva eilig: „Geht in eure Stube oder seht euch noch hier ein bißchen um.“ Dann lief sie davon, und die beiden blieben allein.

Denen gefiel das ganz gut. An den Wänden des hübschen Zimmers hingen allerlei Bilder, die sahen sie sich an, und als sie fertig waren, gingen sie in das Nebenzimmer, von da auf den Flur, und auf einmal standen sie an einer kleinen Treppe, die abwärts führte. Von da herauf war Hulda manchmal gekommen, also mußte es da unten auch noch Räume geben. Entdeckungsreisen liebten sie beide sehr, und sie stiegen darum hurtig die Treppe hinab und fanden es unten wie oben. Auf einen kleinen Flur mündeten verschiedene Türen, und aus einer, die nur angelehnt war, zog den beiden ein Düftlein entgegen wie von frischem Kuchen. Und dieses Düftlein glich einer Angelschnur, es zog und zog, und auf einmal standen Mathes und Peter in der Küche und waren selbst höchst verwundert darüber.

Noch mehr war es Hulda, die gerade ein Blech voll kleiner goldgelber Kuchen aus dem Ofen zog. „Hm,“ brummte sie, „was wollt denn ihr hier?“

Das wußten die Buben nun selbst nicht.

„Die Jungen kommen,“ rief Ida, die auch in der Küche war, „weil Sie immer so schrecklich freundlich sind und nie nich schimpfen.“

Das ärgerte Hulda und sie knurrte: „Quitschquatsch, ich bin auch freundlich, sehr sogar, und wenn die Jungen mich besuchen wollen, ist mir’s allemal recht. Kommt rein!“ schrie sie Mathes und Peter an, als wollte sie die verschlingen.

Die Buben zögerten. Diese Einladung klang doch nicht sehr verlockend, aber da schrie Hulda noch lauter: „Kommt rein, macht die Türe zu; es zieht mir die Kuchen zum Ofen raus. Ihr wollt wohl kosten?“

Das wollten die Buben schon, und sie kamen langsam näher. Weil Ida immer lachte, erschien ihnen Huldas Schreien nicht so schlimm zu sein. Und dann saßen sie plötzlich auf der Küchenbank, und zwischen ihnen stand ein Tellerchen voll Kuchen, und Hulda brummte: „Eßt, eßt, in so ’n Jungenmagen geht viel und noch was rein.“

„Na, Hulda, wie Sie aber nett zu Gästen sind!“ Ida lachte und lachte, die Sternbuben lachten auch, und Hulda grollte: „Gehen Sie man nach oben, wir hier unten unterhalten uns schon! Das sind jetzt meine Gäste. Nicht wahr, wir unterhalten uns?“ brüllte sie die Sternbübles an.

Die verschluckten sich beinahe vor Schreck, nickten nur mit den Köpfen, blieben aber doch sitzen, als Ida ging. Und es war sonderbar, ein paar Minuten später unterhielten sie sich wirklich höchst vergnügt mit Hulda, und zwar hatte eigentlich die Küche vom Silbernen Stern die Unterhaltung begonnen. Nach der fragte Hulda, die Buben antworteten, sie erzählten dies und das, und als Hulda sagte, der Silberne Stern möchte ihr schon gefallen, wurden Mathes und Peter sehr vergnügt und redelustig. Sie erzählten auch von ihrer Gartenbekanntschaft, was Herta und Irene gesagt hatten, und unversehens waren sie bei der Geschichte von dem ausgerissenen Bruder Fräulein Evas und wußten nicht wie.

„Herrje!“ schrie Hulda erschrocken. „Davon dürft ihr nie ein Sterbenswörtchen sagen. O du lieber Himmel, der Kummer!“ Sie vergaß ihren Kuchen im Ofen, hockte sich auf dem Kohlenkasten nieder und brach in ein bitterliches Schluchzen aus. „Der Junge, der Junge, wenn man an den denkt, bricht’s einem das Herz,“ klagte sie.

Den Buben wurde es seltsam weh, jeder hielt einen Kuchen in der Hand und vergaß das Hineinbeißen, Huldas Weinen klang auch gar zu traurig. Aber wie sollten sie ihr helfen? Sie wagten nicht einmal recht zu ihr hinzugehen, und so hätten sie wohl noch eine lange Weile stumm dagesessen, wenn nicht aus dem Ofen ein verdächtiges Gerüchlein gekommen wäre.

„Die Küchles brennen!“ schrie Mathes erschrocken.

„Herrje!“ Hulda sprang auf, riß die Ofentüre auf und zerrte ein Blech voll dunkelbrauner Küchlein aus dem Ofen. Ehe sie noch in neue Klagen ausbrechen konnte, rief Peter: „Das ist net schlimm, so schmecken sie fein.“

„Ach du meine Güte, gerade das hat er auch immer gesagt, unser Fritz!“

Huldas Tränen flossen aufs neue. Unter Tränen nahm sie die Kuchen vom Blech, unter Tränen legte sie welche auf den Teller der Buben, und dieser Kummer rührte Mathes so sehr, daß er plötzlich aufsprang und rief: „Wenn ich groß bin, geh’ ich ihn suchen.“

„Ich auch!“ Der Peter hatte aber vergessen, erst seinen Bissen runterzuschlucken, er verschluckte sich, hustete und hustete, Hulda schlug ihn auf den Rücken, erzählte etwas von einem Storch, der an der Küchendecke zu sehen wäre, darob mußte Mathes fürchterlich lachen, und ein paar Minuten lachten, husteten und weinten alle drei durcheinander, und im Ofen zischten und brodelten ein paar Töpfe, als wollten sie mittun.

Einige Zeit später kam Ida wieder in die Küche und sah zu ihrem Erstaunen Hulda inmitten der Sternbuben auf der Küchenbank sitzen. Sie schälte Kartoffeln, und ihre Gäste hatten sich ganz dicht an sie angeschmiegt, und als Ida etwas schnippisch fragte: „Ich störe wohl?“ rief Hulda laut „Ja!“ und — die Buben nickten dazu.

So etwas! Ida ging ein bißchen gekränkt wieder hinaus, und Hulda erzählte weiter. Sie erzählte von Fritz von Ringewald, dem entlaufenen Sohn des Hauses. Ihr Liebling war er gewesen, seiner Mutter stolze Freude. Immer heiter, immer fleißig, am frohesten aber, wenn er seine Geige im Arm hatte oder mitsingen durfte im altberühmten Thomaschor. Wie schön das sei, wenn die Buben oben auf der Orgelbrüstung der alten Thomaskirche ständen und sängen, erzählte Hulda. „Wie unser Fritz noch dabei war, bin ich oft hingegangen,“ sagte sie, „und unser Fräulein Eva konnte sich gar nich satt hören an dem lieblichen Gesinge. Es wäre auch alles anders geworden, wenn unser Herr Geheimrat am Leben geblieben wäre, doch der starb so rasch, und unsere gnädige Frau nahm sich das so zu Herzen, sie vergaß beinahe die ganze Welt über ihrem Kummer. Damals hat’s angefangen mit unserem Fritz. Sein Vormund wollte ihm die Musik verbieten, der Fritz trotzte, er hätte sich sonst wohl seiner Mutter anvertraut, aber er wollte ihren Kummer nicht vergrößern. Ach du lieber Himmel, und hat ihr nachher noch viel größeres Herzeleid zugefügt!“

Hulda seufzte tief, und die Bübles seufzten mit. Das Ausreißen erschien ihnen noch immer etwas unverständlich, und Hulda merkte wohl, hatte sie so weit erzählt, mußte sie die Geschichte auch zu Ende führen. Sie fuhr also fort: „Es wäre alles nich so schlimm geworden, wenn unsere gnädige Frau nich hätte fortreisen müssen. Weit weg, nach Italien runter hat sie der Doktor geschickt, und Fräulein Eva hat mitgemußt. Ich sollt’ auch mit, aber ich hab’ mich gegrault vor ’n Land, wo die Leute anders reden als wir. Na, so was, das liebe ich nich. Also ich bin hiergeblieben und wollt’ für unsern Fritz sorgen. Doch das litt der Herr Vormund nich, der Junge mußte zu ihm; er wollt’ ihm die Musik austreiben, hat er gesagt. Zu dumm, daß ich das nich der gnädigen Frau geschrieben habe! Denn die hat von alledem keine Ahnung gehabt, der Vormund war doch ihr Bruder, bei dem, meinte sie, wäre der Fritz gut aufgehoben. Es sind aber zwei harte Köpfe zusammengekommen, und eines schönen Tages, sechs Monate war die Mutter weg, ist der Fritz auf und davon gegangen. Haste nich gesehen, da siehste, weg war er! Hinterher hat’s dem Herrn Onkel schon leid getan, er hat suchen lassen, aber ’ne Stecknadel hätte man leichter gefunden als unsern Fritz. Weg war er, und weg ist er geblieben. Ich denk’ immer, der ist in Amerika bei den Schwarzen.“

„Ich such’ ihn,“ schrie Mathes.

„Ich auch!“ Und beide Buben schmiegten sich ganz fest an Hulda an, die wieder in schmerzliches Weinen ausbrach. „Ihr seid gute Jungen,“ murmelte sie. „Ist schon recht, daß ihr gekommen seid. Ich mag euch auch gut leiden, ganz gewiß.“

„Wir dich auch,“ schrieen die Buben.

Und so wurde die Freundschaft unter Tränen besiegelt, und als die Buben ein Weilchen später wieder nach oben kamen, antworteten sie stolz auf Fräulein Evas Frage, wo sie gewesen wären: „Bei Hulda.“

„Da war’s fein!“ rief Peter, und Mathes nickte bedächtig dazu: „Sie sagt, nun wären wir befreundet.“

Achtes Kapitel.
Auf der Messe.

Hulda zeigte ihre neue Freundschaft für die Sternbuben gleich an diesem Nachmittag. Sie erbot sich nämlich, mit den beiden auf die Messe zu gehen, und Eva, die gern bei der Mutter bleiben wollte, war sehr froh darüber. Hulda versprach, die Buben wie ihre Augäpfel zu hüten, stellte ihnen alle Wunder der Messe in Aussicht und sagte: „Die werden Augen machen! Aber auf die Luftschaukel dürfen sie nich. Denn da fallen sie mir gar kopskegel in meinen Marktkorb und brechen jeder noch drei Arme und sechs Beine.“

Wie die Buben so viele Gliedmaßen brechen sollten, sagte Hulda nicht dazu. Eva lachte, Mathes und Peter lachten, und dann trabten sie auf ihren zwei Beinen sehr vergnügt mit ihrer neuen Freundin davon. Natürlich fuhr ihnen wieder die elektrische Bahn an der Nase vorbei, aber Hulda sagte: „Warten ist gesund.“ Also warteten sie, denn die Messe lief ja auch nicht gleich weg nach Huldas Ansicht.

Von der Messe selbst hatten die Sternbuben keine rechte Vorstellung. Sie wußten nicht, daß seit Jahrhunderten die Leipziger Messen Weltruf haben, und daß neben vielen, vielen Kaufleuten aus aller Herren Ländern auch viele lustige, fröhliche Leute zur Messe kommen, um ihre Künste zu zeigen. Dort, wo einst die Straße nach Frankfurt am Main führte, wo nach der großen Völkerschlacht Napoleon mit seinem geschlagenen Heer flüchtend dahinzog, befindet sich jetzt der große Marktplatz. Hulda hatte gesagt: „Es ist wie ein großer Jahrmarkt,“ und Mathes und Peter dachten daher an den Breitenwerter Jahrmarkt, den sie für sehr groß und bedeutend hielten. Als sie aber auf dem Meßplatz anlangten, da wünschten sie sich zwar nicht sechs Beine, doch sechs Augen, um alles recht zu sehen, was es zu sehen gab.

Potztausend ja! Was war der Breitenwerter Jahrmarkt mit seinen fünf Buden und einem Karussell gegen die Messe von Leipzig! Wie eine kleine Stadt war die mit langen Budenstraßen. Und in den Buden schimmerte es in allen Farben, es glänzte und gleißte darin, und wenn einer nur Geld im Beutel hatte, der konnte mehr kaufen, als er heimzutragen vermochte. Da gab es Spielzeug und Musikinstrumente, Spitzen und Bänder, Seidenstoffe und Blecheimer, Töpfe, Tassen, Teller, Gläser und Pfefferkuchen, Schuhe, Schürzen, Bücher, Bilder und Holzsachen, Schmucksachen und lustige Schnurrpfeifereien. Dazu waren die Leute alle sehr freundlich, Hulda wurde immer Madamchen genannt, und Mathes und Peter brauchten nur etwas anzusehen, gleich fragte jemand: „Na, junger Herr, was ist gefällig?“

„Ihr dürft auch nachher was kaufen; eine Mark für jeden hat mir Fräulein Eva geschenkt,“ sagte Hulda. „Aber erst überlegen, denn sonst kommt ’n Unsinn raus. Nu gehen wir erst zur Schaumesse.“

Das war erst etwas! Ein Dutzend Augen hätten die Buben hier haben mögen, das halbe Dutzend genügte nicht mehr. Was war das Breitenwerter Karussell gegen die Prachtbauten hier! Die hatten gleich ein paar Stockwerke, und ihre Pferde und Wagen, ihre Schlitten und Schaukeln stammten gewiß alle aus einem Königsschloß. Das glitzerte wie von tausend Edelsteinen, und Hulda erzählte: „Abends, wenn die Lampen brennen, dann ist so viel Licht, daß ich allemal denke, unsere liebe Sonne muß sich recht ärgern über das Gefunkle. Na, und nu seht mal dahin, das ist ’n Ding! Wenn man da mal drauf fährt, ist’s einem nachher, als hätte man die Drehkrankheit und Stecknadeln in den Beinen.“

Ganz erschrocken sahen Mathes und Peter zu dem hohen, wundersamen Aufbau empor, den Hulda ihnen zeigte. Es war eine Luftschaukel. In kleinen Gondeln sausten die Menschen durch die Luft, sie lachten und winkten, es sah gar nicht aus, als fänden sie das Fahren so schrecklich wie Hulda. Doch die brummte: „Erst soll’n die mal runterkommen, nä, da laß ich euch nich drauf. Seht mal dort, da ist ’n Zaubertheater.“

Neben dem Zaubertheater stand noch ein Gebäude, neben dem wieder eins und so fort. Buden konnte man diese stattlichen Holzbauten gar nicht mehr nennen. Und während sich die Buben umschauten, und es ein Wunder war, daß ihre Hälse dies viele Hinundherdrehen aushielten, krähte unweit von ihnen eine heisere Stimme: „Seht wohl, ich bin auch da!“

„Kasperle!“ schrieen Mathes und Peter und sahen dahin und dorthin, und dann stürzten sie, ohne sich um Hulda zu kümmern, auf ein kleines Budchen zu, das wie ein verhutzeltes Fraule zwischen einer Schaubude und einem Karussell stand. Das Budchen hatte einen kleinen roten Vorhang, und aus einer Luke blickte wirklich Kasperle hervor, genau so wie er es auf dem Breitenwerter Jahrmarkt tat.

„Kasperle,“ riefen die Buben noch einmal, „bist du auch da?“

„Nu freilich!“ antwortete Kasperle, der hier in Leipzig Sächsisch redete. Seine Stimme klang recht kläglich, denn dem armen Kasperle ging es auch sehr schlecht hier. Seine Nachbarn machten so viel Musik und Getöse, daß die meisten Leute ihn gar nicht hörten. Auch Hulda schalt: „Hier bleiben wir nich stehen, das ist ja nur ’ne kleine Schmierbude!“

„Allerschönstes Madamchen, laufen Se man nich fort!“ flehte Kasperle. „Ich hole auch gleich meine Frau und den Teufel und den König, und wen Se noch wollen.“

„Unsinn!“ brummte Hulda. Aber da bettelten Mathes und Peter mit glänzenden Augen: „Wir wollen doch bleiben! Der Kasperle ist auch immer bei uns.“

Komisch, dachte Hulda, nu sollen die sich die Messe ansehen, und dann bleiben sie vor so ’n Jammerding stehen, weil das in Breitenwert so ist.

Kein Bemühen und Seufzen half, wo Mathes und Peter einmal standen, da standen sie, und Kasperle gab sich auch alle Mühe, seinen Zuhörern Freude zu machen. Er schlug Purzelbäume, zankte sich mit dem Teufel und haute sich mit ihm, machte die tollsten Späße, und der Teufel wurde fuchswild darob.

Mathes und Peter lachten hellauf, sie wackelten vor Lachen hin und her, und Hulda wackelte mit; sie hatte das Grollen rasch aufgegeben und lachte, ohne freilich zu wissen, ob über Kasperle oder die Buben. Und diese jauchzende Fröhlichkeit der drei übertönte schließlich doch den Lärm der stattlichen Nachbarn. Immer mehr Leute kamen herbei, zuletzt gab es ein richtiges Gedränge vor dem Budchen. Da wurde Kasperle immer lustiger, und gerade als er seine besten Späße machte, fing ein altes Frauchen an, vor der Bude einzusammeln. Es gab jeder etwas, Kupferpfennige und Nickelmünzen, und als das Frauchen zu Hulda trat, war der Teller schon ganz voll. Hulda legte ganz hochmütig fünfzig Pfennig auf den Teller, und die kleine Kasperlefrau knickste tief. „Allerschönsten Dank!“ murmelte sie. „Ach, ich wollte, die Herrschaften kämen jeden Tag! Wenn zweie so lachen können wie die Jungen da, dann ist das besser, als wenn Kasperle noch so laut schreit: „Ich bin da!“

Die Frau ging, die Leute zerstreuten sich, der rote Vorhang wurde für ein Weilchen wieder geschlossen, und Hulda und die Buben gingen auch.

„Das war fein!“ sagte Mathes, und Peter stieß einen Seufzer aus: „Kasperle ist was Feines!“

„Kasperle hat’s arg gut!“ Mathes seufzte auch.

„Dummer Junge!“ brummte Hulda, „den Leuten geht es schlecht, das konnte man doch sehen, und es war schon recht, daß wir dastanden und so gelacht haben, sonst wär’ keine Katze weiter gekommen.“

Kasperle sollte es schlecht gehen? Ja wieso denn?

Mathes und Peter starrten Hulda tief erschrocken an, und die mußte ihnen erst erklären, wie schwer es so ein kleines Budchen zwischen den andern Prachtbauten hätte, um nur gesehen zu werden. Und Kasperle hatte eine heisere Stimme gehabt und konnte nicht laut schreien, darum hörte ihn selten jemand. In Breitenwert mochte das anders sein. Aber hier, lieber Himmel, wer sah viel nach dem Budchen, wo es so viel Schöneres zu sehen gab!

Die Buben senkten die Köpfe. Kasperle, dem lieben Kasperle ging es nicht gut, das beschwerte ihre Herzen sehr.

„Mathes!“ rief da plötzlich Peter, und „Peter!“ rief Mathes, und beide steckten die Köpfe zusammen, tuschelten etwas, nickten sich zu, lachten, und als Hulda sie ganz verwundert ansah, sagten sie rasch: „Wir wünschen uns was.“

„Na, was denn? Wohl für die Mark von Fräulein Eva?“

Die Buben nickten lebhaft. „Wir wollen sie — Kasperle geben.“

Unsinn, hätte Hulda beinahe gesagt, aber sie tat es nicht, sie besann sich auch nicht lange, sondern nickte bedächtig mit dem Kopf: „Meinetwegen, mir ist’s recht. Ist ja auch wahr, Spielzeug habt ihr genug, und — Kasperle kann es gewiß brauchen.“

Einige Augenblicke später standen die drei wieder vor dem Budchen, und Mathes und Peter brüllten den Vorhang an: „Kasperle, komm raus, wir wollen dir was schenken!“

Zwei, dreimal wiederholten sie ihren Ruf, bis das Zipfelmützchen aus dem Vorhang herauslugte und eine klägliche Stimme fragte: „Vielleicht ’ne Wurst?“

„Noi, das hier!“ Mathes und Peter reichten jeder seine Mark hinaus, und Hulda gab auch eine, und Kasperle purzelte vor Verwunderung über die reiche Gabe beinahe aus dem Budchen heraus. „Ich freu’ mich, ich freu’ mich!“ schrie er und wackelte mit Kopf und Beinen, und dann setzte er sich auf die Brüstung der kleinen Bühne und begann zu singen, und es klang, als ob ein Hahn krähte:

„Kasperle ist ’n armer Mann,

Hat nur sein Flick-Flickröcklein an,

Hat nicht Bett, hat nicht Tisch,

Hat nicht Braten und nicht Fisch.

Trocken Brot am Morgen,

Abends Kummer und Sorgen,

Das ist ’n bißchen wenig,

Doch tauscht er mit kein’ König;

Denn allzeit lustig, allzeit froh

Ist Kasperle, hussaholdrioh!“

Zuletzt schrie Kasperle und zappelte immer toller, die Buben jauchzten, und der Lärm lockte neue Zuschauer herbei. Als Hulda und ihre Schützlinge gingen, drängten sich die Menschen vor dem Budchen ganz dicht zusammen; Kasperles Stimme übergellte selbst das Karussell, und Hulda sagte befriedigt: „Heute geht’s dem mal gut, aber nun gehen wir hier rein und trinken Kaffee.“

Gegen diesen Vorschlag erhoben die Buben keinen Widerspruch. Freilich, so flink kamen sie nicht zu ihrem Kaffee. Ein Schwarzer lief ihnen über den Weg, der sah genau so aus wie der von gestern, und aufgeregt rissen sie Hulda von der Tür der Kaffeeschenke weg: „Da ist er, da ist er!“

„Wer denn?“ Hulda sah sich rundum, sie sah viele, viele Menschen, aber den Schwarzen sah sie nicht, der war in eine Bude hineingegangen, und Mathes und Peter konnten nur von ihm erzählen.

Hulda war gar nicht verwundert, sie sagte gelassen: „Solche laufen hier oft rum, und hier drin spielen sogar Zigeuner. Ja, ja, bei uns gibt’s was zu sehen!“

Die drei traten nun in einen großen, hellen Saal ein, in dem viele kleine Tische standen. Fast alle waren sie schon besetzt, aber schließlich fand sich neben einer kleinen Treppe noch ein freier Tisch für die neuen Gäste. Das Treppchen führte zu einer kleinen Bühne empor, auf der ein paar Männer in bunten, seltsamen Gewändern saßen und Geige spielten.

„Das sind die Zigeuner,“ erklärte Hulda. Sie selbst sah kaum zu den Spielern auf, sie sah sich lieber um, sah sich die Menschen an, die im Saal saßen, und außerdem dachte sie ungeduldig an Kaffee und Kuchen.

Mathes und Peter aber starrten unentwegt zu den Zigeunern empor. Durch Breitenwert waren einmal solche gezogen, die hatten freilich nicht so bunt und sauber ausgesehen, sondern recht zerlumpt und schmutzig. Käthle im Silbernen Stern hatte allerlei wunderbare Geschichten von ihnen erzählt, hatte gesagt, sie könnten wahrsagen, es ginge aber nie in Erfüllung. Auch Kinder sollten sie rauben, stehlen und sonst allerlei unbehagliche Taten tun. Alles hatte ein bißchen graulich geklungen, und Mina hatte alles dumme Räubergeschichten genannt. Jedenfalls waren Zigeuner Leute, die sich für zwei Buben schon des richtigen Ansehens lohnten, zumal wenn die Buben selbst gemütlich am Kaffeetisch saßen.

Mathes und Peter besorgten darum das Anschauen auch recht gründlich und suchten allerlei Räuberhaftes an den Zigeunern zu entdecken. Dies war ein vergebliches Bemühen. Die vier Männer sahen nämlich sehr gutmütig aus, kein bißchen grimmig, und so braun und dunkelhaarig, wie eigentlich Zigeuner sein sollten, waren sie auch nicht. Ja, sonderbar genug, der eine hatte zwar schwarze Haare, dazu aber kornblumenblaue Augen, solche, wie Fräulein Eva sie hatte. Er wandte den Buben halb den Rücken zu, aber jedesmal, wenn er sich etwas drehte, stießen die beiden sich an, und endlich tuschelte Mathes dem Bruder zu: „Das ist er!“

Peter sah etwas zweifelhaft drein, so ganz klar war ihm die Sache nicht. Doch als der Zigeuner einmal nach ihnen hinsah, nickte er ihm zutraulich zu, und Mathes nickte auch.

„Herrje! Wem nickt ihr denn da zu?“ fragte Hulda erstaunt. „Kennt ihr denn jemanden?“

„Ja, den Zigeuner oben,“ flüsterte Mathes, „der hat uns gestern heimgebracht.“ Und sein Fingerlein wies Huldas Blicken den Weg.

„I nä!“ Hulda starrte nun auch zur Bühne empor, aber da hatte sich der Zigeuner gerade umgedreht, und nur sein Rücken war noch zu sehen. Da murmelten die Buben auf einmal höchst erstaunt: „Gestern war er aber blond!“

„Dann ist er’s eben nich!“ Hulda lachte. „Ihr seid schon ’n paar Dummchen; wie soll denn ’n Zigeuner wissen, wo ihr hingehört, die sind doch fremd hier. Und wenn einer einen Tag blond ist und den anderen schwarz, dann ist er eben ein anderer.“

Und nach dieser Rede Huldas kam der Kaffee und der Kuchen, und alle drei vergaßen ein Weilchen die Zigeuner vollständig. Erst beim Weggehen dachten die Buben wieder an den geheimnisvollen Mann, und gerade als sie hinsahen, blickte sie der Zigeuner an. Sein Blick war freundlich und vertraut, und alle beide pufften Hulda gelinde, und Peter schrie laut: „Er ist’s doch! Da, er sieht uns.“

Schwapp! drehte der Zigeuner ihnen wieder den Rücken zu, und Hulda brummte ärgerlich: „So ’n dummer Kerl, mal ansehen kann er sich doch lassen! Aber nun kommt, jetzt könnt ihr auf dem gräßlichen Drehding fahren, nur schlecht darf’s euch nich werden.“

Die Bübles versicherten eifrig, ihnen würde es nicht schlecht, es wäre ihnen noch niemals schlecht geworden vom Karussellfahren, und sie purzelten auch ganz bestimmt nicht runter.

Das richtige Karussell zu finden, war gar nicht leicht. Den Buben gefiel eins immer besser als das andere, und sie wählten und wählten, bis endlich Hulda sagte: „Entweder fahrt ihr jetzt oder nicht.“ Da entschlossen sich die beiden, ein Karussell zu besteigen, auf dem es Löwen und Tiger und noch viele andere Tiere gab. Hulda bezahlte gleich für drei Fahrten, und dann sagte sie, sie würde rasch einige Töpfe kaufen, inzwischen sollten die Buben fahren und sie wieder hier am Karussell erwarten. Dies versprachen die beiden, und sie erstiegen vergnügt ein paar Wüstentiere, und dideldum! ging die Fahrt los.

Hulda kaufte Töpfe, die Buben fuhren, zuletzt auf ein paar Schwänen, und als diese dritte Fahrt begann, sahen sie plötzlich unter den Zuschauern den Zigeuner stehen. Als sie an ihm vorbeikamen, nickten sie ihm zu, und diesmal nickte er wieder. Rundum ging’s, da war wieder der Zigeuner, sie nickten, er nickte, und wieder rundum; da stand er noch immer, und wieder nickten sie, und wieder nickte er.

„Wenn’s alle ist, gehen wir zu ihm,“ sagte Peter.

„Da ist Hulda,“ rief Mathes.

Und da stand wirklich Hulda, nickte, winkte und lachte, die Musik brach ab, die Fahrt war zu Ende.

„Schon!“ sagten die Bübles seufzend, und dann kletterten sie von ihrem köstlichen Sitz herab und wurden unten von Hulda empfangen. Die hatte ihre Töpfe gekauft, und den Buben drehte sich ein Weilchen alles im Kreise herum, und erst als sie wieder fest auf den Beinen standen, konnten sie Umschau nach dem Zigeuner halten. Doch von dem war selbst die Nasenspitze nicht mehr zu erblicken, und Hulda lachte sie beide noch obendrein aus. „Das ist doch so,“ erklärte sie, „wenn eins auf dem Karussell fährt und nickt, dann nicken die Zuschauer wieder. Doch nun kommt, jetzt gehen wir noch ins Affentheater und dann nach Hause!“

Affenbekanntschaften hatten die Sternbübles in ihrem Leben noch nicht viele gemacht, sie gingen sehr neugierig und erwartungsvoll in das Theater hinein und dachten, wenn die Äffles so lustig sind wie Alette Amhags Augustle, der leider so schnell gestorben war, dann wird’s fein. Es wurde aber noch feiner als fein, es wurde herrlich!

Hulda nahm ersten Platz, und dann saßen alle drei nebeneinander auf roten Samtstühlen, und das Spiel begann. Wie Menschen waren die Affen gekleidet, und wie Menschen benahmen sie sich; sie aßen und tranken, fuhren spazieren, gingen wie vornehme Damen und Herren einher, machten allerlei Kunststücke, warfen den jauchzenden Kindern im Zuschauerraum Kußhände zu, zankten sich und versöhnten sich, zuletzt gab es sogar eine Hochzeit, und damit war das Spiel aus.

„Kommt!“ mahnte Hulda.

Doch die Buben rührten sich nicht. Die starrten wie verzaubert auf den bunten Vorhang der kleinen Bühne. Dahinter waren nun die lustigen, drolligen Spieler verschwunden, und als Hulda wieder zum Aufbruch drängte, da riefen beide: „Es war so kurz!“

„Je, ihr wollt wohl sechs Stunden mit ’ner Draufgabe hier sitzen!“ murmelte Hulda. „Nächstes Mal da gehen wir wieder her, nu kommt, wir müssen nach Hause gehen. Fräulein Eva denkt sonst, sie haben uns gleich dabehalten.“

Da lösten endlich die Bübles mit einem tiefen Seufzer ihre Blicke von dem Vorhang los. Es war wirklich eine schwere Trennung, und als sie durch das Theater schritten, das schon ganz leer war, und in dem nur noch ein paar Lampen brannten, drehten sie sich so häufig um, daß Hulda sagte: „Ihr werdet noch mit den Augen rückwärts heimkommen! Jetzt aufgepaßt, hier geht’s raus!“

Und da waren sie draußen. Der Spätsommertag neigte sich schon seinem Ende zu, und nur ein breiter roter Streifen am Himmel erzählte vom Tag, der vergangen war. Nach diesem schönen Himmelsschein sah aber niemand; auf dem Meßplatz war es hell genug. Alle Buden und Karussells hatten flink ihre Lampen angezündet; rote, blaue, gelbe, grüne Lichter glänzten auf. Das funkelte, schimmerte und flimmerte wie in einem Märchenland. Die Schaubuden hatten sich in Feenpaläste verwandelt, und die Karussells glitzerten, als trügen sie Edelsteine zum Schmuck. Und immer neue Lichter flammten auf, immer heller wurde der Glanz, und immer fröhlicher klang das Dudeln der Leierkasten, das Geigen und Blasen der Instrumente.

Die Luftschaukel stieg auf und ab, die Karussells drehten sich, die Menschen lachten und jauchzten, und immer mehr und mehr kamen und füllten den weiten Platz.

Der rote Streifen am Himmel verlosch; blaß, fein und noch ein wenig schief ließ der Mond sich sehen. Sehr vergnügt sah er gerade nicht auf das Lichtergewirr herab; das ärgerte ihn tüchtig. Er dachte wohl: Ihr dummen, dummen Menschen, was braucht ihr den vielen Glanz? Habt ihr nicht uns, die schönen, sanften Himmelslichter?

Es war wirklich gut, daß der Mond seine betrübte Frage nicht an die Sternbübles richtete, denn die hätten ihm sicher in diesem Augenblick eine blitzdumme Antwort gegeben. Die meinten nämlich, es könnte auf der ganzen Welt nichts Wundervolleres geben als dies blitzende, bunte, funkelnde Durcheinander; sie hätten hinten, zu Seiten, oben auf dem Kopf und gar noch an jeder Fingerspitze Augen haben mögen, um nur alles recht genau zu sehen. Sie rissen ihre Äuglein zwar weit genug auf, es langte aber immer noch nicht, und darum stießen sie da und dort an, stolperten, drehten sich wie Kreisel, so daß Hulda immer wieder mahnen mußte: „Kommt, kommt, es ist Zeit!“

Bums! rannte Peter an einen Mann an, der ein großes Plakat trug und mit lauter Stimme irgend etwas schrie.

„Dummer Bengel!“ schalt er, und Hulda ergriff ihren Schützling. „Junge, sieh dich doch vor!“ mahnte sie. „Komm! Herrje, wo ist denn Mathes?“

Sie blickte nach rechts, schaute nach links, da sah sie ein paar Schritte weit Mathes mit weit offenen Augen vor einer Bude stehen, vor der ein Mann in scharlachrotem Anzug stand, der immer brüllte: „Hier gibt’s das größte Wunder der Welt zu sehen, das allergrrrrößte!“ Hulda packte Mathes und zog ihn mit fort. „Nun komm endlich! Herrje, wo ist denn Peter?“

Da war Peter wieder verschwunden! Diesmal half kein Rechts- und Linkssehen, und es blieb Hulda nichts weiter übrig, als laut des Vermißten Namen zu rufen: „Peter, Peter!“

„Peter, Peter!“ riefen gleich ein paar andere Leute mit.

„Peter!“ gröhlte ein langer Bengel, „Peter!“ quiekte ein stubsnäsiges Fräulein von einer Schaubude herab, und da kam Peter, atemlos und froh, Hulda und Mathes wiederzusehen. Er war gestoßen worden, weggedrängt, er wußte kaum wie, und Hulda, froh, ihn wieder zu haben, rief etwas überlaut: „Na endlich, nu gehen wir aber nach Hause!“

„Is recht, die Kleenen müssen ins Bette!“ schrie der lange Bengel, der vorher laut nach Peter gerufen hatte. „Das sind ja noch Wickelkinder, und man ’n Schnuller nich vergessen!“

So eine Beleidigung!

Mathes und Peter vergaßen Messe, Lichterglanz, fremde Menschen, die große Stadt, Hulda und alles; sie taten, als wären sie daheim in Breitenwert auf der Löwengasse, wo sie sich auch nicht Hohn und Spott gefallen ließen. Ehe der fremde Junge noch wußte, wie ihm geschah, rannten die beiden wütend gegen ihn an und puff, platsch! sausten die kleinen, derben Bubenfäuste auf ihn nieder.

Eine Prügelei auf dem Meßplatz!

Hulda schrie laut und versuchte ihre Schützlinge fortzuziehen. Neben dem großen Jungen aber erschienen plötzlich drei, vier andere, die sich drohend gegen die Sternbübles wandten, und die hätten beinahe recht tüchtige Haue bekommen, wenn nicht irgend jemand sie gepackt und fortgezogen hätte. Ganz rasch ging das; eins, zwei, drei! Da standen sie auf einmal im Winkel am Kasperletheater, Hulda kam angelaufen, und in der Ferne verschwand ein buntgekleideter Mann.

„Der Zigeuner,“ sagte Mathes, als er wieder zu Atem kam.

„Jemine, was ihr mir für ’n Schreck eingejagt habt!“ Hulda sah sich nach dem Retter um, doch der war im Gewühle verschwunden, und sie nahm nun die Buben fest an den Händen und eilte im Sturmschritt mit ihnen dem Ausgang zu. Stehenbleiben litt sie nicht mehr, aber dann blieb sie auf einmal selbst wie erstarrt stehen, als Peter fragte: „Wo hast du denn die Töpfe?“

Ja, wo waren die!

„Im Affentheater hab’ ich sie vergessen, du meine Güte!“ jammerte Hulda. „Den ganzen Korb hab’ ich stehen lassen!“

Es half nichts, sie mußten noch einmal zurück. Wieder ging’s in Hast und Eile über den Platz, wieder drehten die Buben die Köpfe wie die Wetterfahnen dahin und dorthin, und immer heller, strahlender schienen ihnen die Lichter zu glänzen, und auch das Affentheater, das sie bald erreichten, erschien ihnen größer, prunkvoller als beim Tageslicht. Wie gut, daß sie wieder hinein mußten, den Korb zu holen; den hatte Hulda nämlich neben ihrem Platz stehen lassen. Die seufzte schwer: „Nun muß ich gar noch Eintritt bezahlen,“ sagte sie, „und dann müssen wir das Geld absitzen. Jemine, wann werden wir nach Hause kommen!“

Mathes und Peter sahen gar nicht so betrübt aus wie Hulda. Der Gedanke, noch einmal ins Affentheater gehen zu müssen, machte ihnen den größten Spaß. Doch die Geschichte kam anders. Neben der Kasse stand groß und breit Huldas Korb, und der Mann, der die Karten verkaufte, sagte freundlich: „Freilein, da ist er. Na, Ihnen hat’s gut gefallen bei uns, wenn Sie sogar den Korb vergessen haben.“

Da war es nichts mit dem Hineingehen. Hulda dankte sehr, versprach das Wiederkommen beim nächsten Mal, und dann gebot sie: „Jetzt faßt ihr mich unter und nu flink, sonst schickt Fräulein Eva noch auf die Polizei nach uns und weint so sehr wie gestern!“

Wieder ging’s im Sturmschritt über den Platz der Haltestelle der elektrischen Bahn zu. Die drei stiegen ein, und erst als sie drin saßen, merkten die Buben, daß sie eigentlich rechtschaffen müde waren. Sie lehnten sich etwas an Hulda an, blinkerten mit den Augen, und wenn ihnen ihre Beschützerin nicht dann und wann einen kleinen Stoß gegeben hätte, wären sie vielleicht eingeschlafen.

Daheim empfing Fräulein Eva wirklich schon etwas besorgt alle drei. „Endlich!“ rief sie. „Es ist schon so spät!“

Aus dem Erzählen wurde an diesem Abend nicht mehr viel. Frau von Ringewald war eingeschlafen, und alles sollte still im Hause sein, um den leisen Schlaf der Kranken nicht zu stören. Mathes und Peter durften in ihrem Zimmer Abendbrot essen, und dann half ihnen Hulda den Weg ins Bett finden, wie sie sagte. Wenn einer so müde ist und beinahe über seine eigenen Beine fällt, ist das nicht so leicht, und den Bübles ging es an diesem Abend so.

Peter schlief ein, ehe er noch drin lag; Mathes aber hielt noch die Augen offen, und als Hulda zur Türe hinausging, rief er ihr nach: „Hulda, der Zigeuner sieht aus wie —“

„Denk’ jetzt mal nicht an den schwarzen Kerl,“ unterbrach ihn Hulda, „sonst träumste von ihm und schreist in der Nacht. Denk’ lieber ans Karussell, so ’n bißchen rundum fahren im Traum schadet nichts.“

Die Tür klappte, Hulda war hinausgegangen. Mathes steckte den Kopf in die Kissen und brummte noch: „Und er sieht doch so aus!“ Dann schlief er auch ein.

Neuntes Kapitel.
Noch einmal die Messe.

Nichts störte den Schlaf der Sternbuben in dieser Nacht. Sie träumten von der Messe und dem Zigeuner, von der Heimat, dem Affentheater und von sonst noch allerlei. Alles hopste im Traum kunterbunt durcheinander, und einmal murmelte Peter halblaut: „Die Schule fängt an, es klingelt schon.“

Mathes hörte nicht darauf. Der saß gerade im Traum auf einem Tiger und ritt auf dem die Löwengasse entlang; sollte er da vielleicht von seinem wunderbaren Reitpferd absteigen um der Schulklingel willen? Es waren doch Ferien, also blieb er sitzen, ritt im Traumland herum und fand es sehr sonderbar, daß plötzlich jemand immer seinen Namen rief. Endlich wurde ihm das Rufen zu bunt, er klappte die Augen auf, bums! fiel die Türe vom Traumland zu, und er sah nun Hulda am Bett stehen und sah den lichten Tag ins Zimmer scheinen.

„Nä, ihr seid ein paar gesegnete Faulpelze!“ rief Hulda. „Sechsmal habe ich nun schon gerufen, und der Peter da ist noch immer nicht wach.“

„Uahuah!“ Peter gähnte, er reckte und streckte sich, und dann erkannte er auch Hulda und merkte, es war Tag.

Und was für ein Tag! Es gab einen tiefblauen Himmel und eine goldene Sonne, als wären noch die Hundstage. Aber zu einem Spaziergang kam es auch an diesem Vormittag nicht. Frau von Ringewald war kränker geworden, und was Peter in der Nacht für die Schulklingel gehalten hatte, war die Glocke gewesen, um Hulda herbeizurufen. Die hatte mit Eva ein paar Stunden gewacht, und obgleich die Mutter nun schlief, hatte keine von ihnen Lust, den Buben die Stadt zu zeigen. Doch denen war auch das Gärtchen recht. Über der Messe hatten sie Herta und Irene völlig vergessen, nun fielen ihnen die neuen Freundinnen wieder ein, und sie rannten nach dem Frühstück vergnügt in den Garten, um beide zu sehen.

Erst waren diese nicht da, aber lange brauchten die Sternbuben nicht auf die Nachbarinnen zu warten. Fein und zierlich angetan kamen die bald durch den Garten. Sie hatten heute Hüte auf und Handschuhe an und erzählten, sie würden spaziergehen. Herta nickte den Buben sehr herablassend zu und sagte gnädig wie eine Prinzessin: „Ihr dürft mitkommen. Geht nur hinein und fragt; wir warten auf der Straße auf euch.“

Da waren die Buben flink dabei. Der helle Tag voll Sonne lockte, und sie rannten schnell in das Haus zurück und brachten drinnen ihr Anliegen vor. Fräulein Eva sagte aber nicht so schnell ja, wie daheim die Mutter in solchen Fällen es tat; die machte ein gar bedenkliches Gesicht, redete etwas von Verlaufen, aber Hulda sagte: „Ach, mit den beiden Zierpuppen von drüben können sie schon gehen, die sind wie Damen und machen sicher keine dummen Streiche.“

Eva nickte. Die feingeputzten Mädel würden schon nichts Unrechtes tun. Auch taten ihr die Buben leid. Sie dachte, gewiß langweilen sie sich sonst, und sie sind doch zur Ferienfreude hier. Sie packte ihnen selbst leckere Frühstücksbrote ein und brachte sie an die Flurtüre, dann ging sie noch in den Erker, der sich nach der Straße hin ausbuchtete, und sah den beiden nach. Da liefen der Mutter Trostbübles, und die Mutter selbst lag krank und hatte keine Freude von dem Besuch. In Evas Augen traten Tränen. Das junge Herz war ihr schwer, die Sonne lockte auch sie hinaus, und am liebsten wäre sie den Buben nachgelaufen und mit ihnen durch die herbstbunten Wälder getrabt, die die Stadt Leipzig im Halbkreis freundlich umschmiegen.

Von diesen Gedanken ahnten die Sternbuben nichts. Die hatten ihre Freundinnen aus dem Garten getroffen und gingen mit ihnen steif und feierlich die Straße auf und ab. Eva sah es und dachte beruhigt, wenn sie mit den beiden zusammen sind, geschieht ihnen sicher nichts. Dann verließ sie das Fenster und ging zu ihrer Mutter, setzte sich still an deren Bett und bewachte den Schlummer der Kranken.

Unten auf der Straße sagte Herta in diesem Augenblick: „Jetzt sieht uns niemand mehr nach, nun flink, wir gehen auf die Messe!“ Und husch! drehte sie sich um und rannte in eine Nebenstraße hinein, und die drei andern folgten ihr, die Buben etwas erstaunt, aber gar nicht ungern.

Am Ende der Straße blieb Herta stehen. Sie war ganz atemlos. Der Hut war ihr etwas schief gerutscht, die Haare waren zerzaust, und sie sah auf einmal gar nicht mehr aus, als könnte sie kein Wässerlein trüben, sondern viel eher etwas frech und unnütz. „Paßt auf,“ sagte sie zu den Sternbuben, „wir gehen zusammen auf die Messe und fahren Karussell immerzu. Habt ihr Geld?“

Das hatten Mathes und Peter, denn zum Reisen und Mitbringen gehört doch Geld. Die Mutter hatte ihnen darum jedem noch ein paar Markstücke in funkelnagelneue Beutelchen getan und freilich gemahnt: „Haltet gut damit Haus!“ Aber schließlich Karussell fahren durften die Buben in Breitenwert auch, und wenn Jahrmarkt war, liefen sie sechsmal am Tage hin, um sich alles recht anzusehen; sie fanden darum das Messegehen auch sehr spaßhaft.

„Annedore wollte mitgehen,“ sagte Irene etwas zaghaft.

„Pah, die! Sie fragt ja erst, und dann darf sie nicht.“ Herta sah aus, als machte ihr Annedores Mitgehen nicht viel Freude, und schon wollten alle vier weiterlaufen, als plötzlich ein Mädel um die Ecke bog, ein bißchen wie der Sturmwind, der alles umreißt, denn Mathes, der am nächsten stand, bekam einen tüchtigen Puff.

„Hallo, da bin ich! Ich darf.“

„Gefragt? Pah, du Tugendspiegel!“ Herta rümpfte verächtlich die kleine Nase.

„Ohne Erlaubnis macht’s mir keinen Spaß.“ Annedore zuckte die Achseln, dann drehte sie sich um und musterte die Sternbuben. „Sind das die?“ fragte sie. Und ohne eine Antwort abzuwarten, streckte sie Mathes und Peter die Hand hin und sagte: „Ich heiße Annedore Reinach. Habt ihr wirklich einen richtigen silbernen Stern auf eurem Haus oder hat das Herta nur geflunkert?“

Auf dem Heimathaus in Breitenwert saß der silberne Stern nun freilich nicht, aber im Wirtshausschild prangte er; doch ob er echt oder unecht war, darüber hatten sich die Buben auch noch nicht den Kopf zerbrochen. Sie sahen sich also etwas ratlos an, und gerade wollte Mathes etwas vom Silbernen Stern und seinem Stern erzählen, als Herta ungeduldig rief: „Wir müssen gehen, sonst haben wir dort keine Zeit.“ Und flink ergriff sie Mathes und Peters Hände und rannte mit beiden voran, Irene und Annedore folgten.

Solange die Straßen noch menschenleer waren, rannte Herta; als sie aber in eine belebtere Straße einbogen, ging sie auf einmal gemessen und feierlich und kümmerte sich auch nicht darum, daß Annedore und Irene lachend voraus liefen. „Es ist unpassend, zu rennen,“ sagte sie zu den Buben; „vornehme Kinder tun das nicht. Annedore ist schrecklich wild und ungezogen.“

Mathes und Peter blieben stumm. Sie wären viel lieber mit Annedore und Irene gerannt, denn eigentlich gefiel ihnen Annedore am besten. Und warum das flinke Laufen unpassend sein sollte, begriffen sie nicht.

„Wir rennen oft bei uns,“ sagte endlich Mathes.

„Na ja, in einer kleinen Stadt!“ Herta sah sehr hochmütig drein. „Ich habe nämlich gestern meinen Vater gefragt, wie groß Breitenwert ist; der hat gesagt, es wäre ein Nest, und wenn man aus einem Nest stammt, weiß man natürlich nicht, was sich schickt.“ Und da ihr die Buben auf diese Rede die Antwort schuldig blieben, begann sie eifrig zu erzählen von ihrem Zuhause, wie reich der Vater wäre, wie viele Kleider sie selbst hätte, sie redete von Theater und Konzerten, von Sommerreisen und Kaffeegesellschaften, spottete über ihre Lehrer und klatschte über ihre Freundinnen Irene und Annedore. Wie ein Wasserfall ging es. Mathes und Peter kamen gar nicht dazu, auch nur den Mund aufzutun, aber je länger die Unterhaltung dauerte, desto unbehaglicher wurde es ihnen, und sie waren froh, als der Meßplatz erreicht war.

Am Eingang warteten Annedore und Irene schon etwas ungeduldig auf die drei, und Annedore rief: „Ihr geht ja wie Schnecken!“

„Es schickt sich nicht, durch belebte Straßen so zu rennen.“ Herta sagte es sehr spitz, und dann erzählte sie: „Wir haben uns unterhalten; nicht wahr, Jungen, es war sehr fein!“

„Noi!“ riefen die beiden sehr flink, und Mathes fügte hinzu: „Du hast alleweil allein geschwätzt, wie — wie — ’ne Elster.“

„Pfui, ihr seid aber frech!“ Herta war tief gekränkt, sie brach gleich in Tränen aus und sagte, sie würde allein gehen. Die andern Mädel lachten, und die Sternbuben wußten nicht recht, ob sie lachen oder ernsthaft dreinschauen sollten. Schließlich lachten sie auch, und das ärgerte Herta noch mehr. Ein Weilchen drohte der Meßbesuch ins Wasser zu fallen, aber die Musik von dem großen Platz dudelte gar so lustig herüber. Dumdumdidellallalla! Das lockte und zog. Annedore hüpfte voran, die Buben folgten, Irene lief mit, da folgte denn auch Herta, denn allein mochte sie nicht bleiben; bei sich dachte sie freilich: Die Elster streiche ich ihnen noch an.

So bunt und vielfarbig wie am Tage vorher war es jetzt nicht auf der Messe. Die sah eigentlich ein bißchen verschlafen aus, denn viele Buden hatten noch geschlossen; selbst die Karussells drehten sich nicht alle. Dafür aber lag der Platz im Sonnenlicht, die Luft wehte sommerlich warm, und weil nicht so viele Menschen da waren, konnten sich die Kinder alles recht ansehen. Die Meßleute, mitunter bunt und seltsam aufgeputzt, trödelten vor ihren eigenen Buden herum, sie unterhielten sich miteinander, ließen sich von den Kindern gutmütig anstarren, ja einer, der himmelblaue Strümpfe und einen sonderbaren Kittel von rotem Samt trug, fing an, sich mit den Fünfen zu unterhalten. Er sagte, er wäre ein Herold und rufe immer das größte Weltwunder aus, aber jetzt schliefe das größte Weltwunder, da könnte er spazierengehen.

In diesem Augenblick rief eine rauhe Stimme: „Ludwig, Ludwig, der Kaffee kocht!“ Da rannte der Mann mit den himmelblauen Strümpfen spornstreichs davon, und eine Frau, die neben den Kindern stand, sagte: „Das war sie.“

„Wer denn?“ fragte Herta.

„Na, das größte Weltwunder! Die Frau mit dem langen Bart.“ Die Frau, die klein und sehr dick war, schüttelte den Kopf. „Es lohnt sich nicht sehr, sie anzusehen,“ meinte sie; „meine Wachsfiguren sind schöner, kommt doch zu mir rein, ich mach’s billig; weil Vormittag ist, kostet es nur ’nen Groschen.“