Geschichtliche Erzählungen las sie am liebsten; sie konnte oft ihren ganzen Monatslohn ausgeben, um neue zu kaufen, wie denn überhaupt Geschichte ihre gründlichste und ernsteste Liebhaberei war. Ich lieh ihr einmal ein Buch, das ich mir um zwei Mark gekauft hatte: ein süßlich modernes, äußerst heikles Werkchen eines anerkannten Schriftstellers, das mir sehr gefiel und schon halb in Fleisch und Blut übergegangen war.
Sie brachte es mir mit verächtlicher Miene zurück. »Blech!« sagte sie, »weißt du – das war früher doch noch eine andere Schreiberei als jetzt. Da schrieb man Geschichten und Schicksale der Völker und Stämme und allein Helden und Könige wurden es gewürdigt, einzeln hervorgehoben und beschrieben zu werden. Und heutzutage befaßt sich so ein Kerl da seitenlang mit den Gefühlen eines Kindes im Mutterleib! Ach, ich kann das gar nicht leiden!«
Und in der hellen Teufelei warf sie das Buch zum Fenster hinaus in den Fluß, rief feierlich: »fahr wohl!« nach und rannte lachend zur Tür hinaus.
Das war mir zu bunt, ich rief ihr zornige, empörte Worte nach; ich kaufte mir meine Bücher, weiß Gott, auch nicht gerade zum ins Wasser schmeißen; sie nahm mir's übel, und wir bekamen bittere Händel; bis sie nach ein paar Tagen, wie es so ihre Art war, mitten in der Nacht halb angekleidet plötzlich vor meinem Bett erschien, mich umarmte, küßte, streichelte und mit einer Nelke, die sie an langem Stiel zwischen den Fingern hielt, halb tot kitzelte.
»Filzläusle, Herrgottskäferle, Schweinebrätle!« sagte sie zärtlich, »bockst du immer noch?« – und dann küßte sie mich aufs neue.
»Agnes, ach Agnesle, mög' mich doch wieder! Ich will's nimmer tun. Komm, ich will dir eine Geschichte erzählen: In Stuttgart war einmal einer Soldat, der hatte fünf Schätze; eine Köchin, eine Kellnerin, eine Zimmerjungfer, die ihm seine Wäsche wusch, eine Näherin, die sie ihm flickte, und eine Nette, Kleine – zum Gernhaben. Getreulich alle fünf Sonntage besuchte er wieder die gleiche und entschuldigte sich mit Wache und Stubendienst. Als nun seine zwei Jahre herum waren, kam er in eine große Verlegenheit und hätte sie gern alle wieder losgehabt. Da bestellte er sie am letzten Sonntag alle miteinander auf den Alten Postplatz vor die Kaserne an das ganz gleiche Plätzchen.
Erst stehen sie wohlwollend beieinander und fragen einander nach ihrem Schatz; – da kommt die ganze Geschichte heraus, sie fahren einander in die Haare, und zornwütig schieben sie ab, die eine die Rotebühlstraße hinauf und die andere hinunter, eine die Poststraße hinunter und eine die Calwerstraße hinüber, die fünfte aber die Gartenstraße hinauf, dieweil nämlich der Alte Postplatz in Stuttgart, just wie dafür geschaffen, fünf Ausgänge hat. Der ungetreue Schatz aber sah es von der Kaserne aus und lachte sich die Haut voll.
Magst du mich jetzt wieder? Immer noch nicht? – Ich will dir noch etwas erzählen. Wir haben zu Haus einen Tisch, bei dem das eine Paar Füß' kürzer ist als das andere. Mein Großvater wollte partout immer am kurzen Ende sitzen und endlich gestand er uns den Grund. »Wisset ihr, Kinder,« sagte er, »wenn's Welschkornbrei gibt, lauft alle Schmälze auf meine Seit'!«
Was, du lachst? Wart, es ist mir noch etwas eingefallen! In der Kochschule seinerzeit hatten wir eine Lehrerin, die hochdeutsch sprechen wollte und es nicht konnte. Etwa so: »Urschula, hannen Sie den Spatzenteig jetzet fertig? – Urschula, es ischt Ihnen ebbes nagefallen! – Urschula, mit Ihnen muß man sich z'tot ärgren!«
Einmal sollte beim Nachtessen eine Wurst übrig bleiben, wurde aber aus Versehen scheint's mitgegessen. Da schnaufte sie wütig an den Tischen auf und ab: »Wer hat zwei Wurschten gegessen? Es muß ebber zwei Wurschten gegessen han!« Das schlimmste aber war, daß wir's ihr nachmachten und zwar so arg, daß wir bald nimmer anders konnten und uns die Fräulein-Schneider-Sprache herausfuhr, wo wir besser anders gesprochen hätten! Es hat mich nämlich einmal ein Herr um den Weg gefragt, und ich sagte, ohne etwas dabei zu denken: »Gangen Sie nur selle Stafflen dort na!«
Dabei kitzelte sie und zwickte sie mich fortwährend und fuhr mir mit der Nelke im Gesicht herum, daß ich fast erstickte vor Lachen.
»Hast du mich jetzt wieder lieb, Agnesle?« fragte sie sanft und hielt mir die Nase zu. »Ja,« schnappte ich, und sie ließ sogleich fahren, küßte mich herzlich auf den Mund und rannte fort, ihre Ziehharmonika zu holen, auf der sie mir dann noch bis spät in der Nacht Volkslieder vorspielte und mit ihrer weichen, schönen Stimme dazu sang. Sie saß auf meinem Bettrand und ihre bloßen Füße wippten den Takt dazu.
– Wir gingen an den hellen Sommerabenden oft noch hinauf in die Wiesen und Felder, brachen Sträuße von Kornblumen und lagen an rot versonnten Hängen, lachten, sprachen, sangen oder waren still und sahen die Sonne untergehen. Dann liefen wir in der lauen Dämmerung ins Städtlein hinunter, bummelten durch die Gassen und Alleen, standen oft lange auf der Brücke und träumten den ziehenden Wellen nach oder fuhren still im Nachen noch ein Stück weit den Strom hinunter, bis die Nacht gesunken war. Daheim in Urschels bunter Stube begann dann erst das rechte Leben; wir misteten den Tieren, besorgten die Blumen, sprangen in der Stube herum, rauften wie die Buben und seiltänzerten in der Dachrinne, und wir tanzten, sangen und musizierten, erzählten einander Geschichten und schauten in den weiten gestirnten Himmel hinaus.
Wir saßen halbe Nächte lang über dem Atlas, dachten uns die Herrlichkeiten der südlichen Länder aus und litten ungebärdige Sehnsüchte darnach; wir lasen mit glühenden Gesichtern Reisebeschreibungen, Weltgeschichte und populäre Schriften über Technik und Chemie. Unermeßliche Gründe taten sich auf vor unsern Augen, Völker erstanden und zerfielen wieder, Schicksale brausten wie Stürme durch die Länder, und die Zukunft lag vor uns wie ein unendliches, schimmerndes Meer, das uns voll Größe und Ungestüm entgegenbrandete. Tausend Himmel und Welten erschlossen sich uns, von Wundern und Schönheit und gewaltigem Leben erfüllt, daß wir zitternd und scheu davor standen, und doch in der überquellenden Lust unserer jungen Jugend uns dazu berufen glaubten, alle diese Welten zu erfassen und alle Schönheit des Lebens zu besitzen, und wir spürten den Drang und die mächtige Kraft dazu in uns.
– Dieses weite, reiche Leben, das ich wie einen köstlichen Vorgeschmack meiner Zukunft genoß, zog mich so in seinen Bann und erfüllte mein ganzes Herz, daß meine unselige Schwärmerei für die schöne Gunhild bald verblaßte und ich wieder unbefangen mit ihr reden und verkehren konnte; es blieb nur eine dankbare, leise Wohligkeit zurück, die ich jedesmal empfand, wenn ich ihr nahe war oder wenn sie mich ansah. – – –
So gegen den Herbst und Winter hin wurde Urschel immer lebendiger und toller, es schäumte in ihr wie ein brausender, junger Most, und es kribbelte ihr in allen Fingerspitzen von Streichen und Teufeleien. Sie kaufte sich Feuerwerk und Frösche, die sie zu nachtschlafender Zeit in fremder Leute Gärten losließ, sie ließ mit den Buben Drachen steigen und spielte eine halbe Nacht lang unter des Dekans Schlafzimmerfenster auf ihrer Mundharmonika die gleiche Schauermelodie wohl fünfzig Mal hintereinander, um den frommen Herrn aus der Fassung zu bringen. Auf Staatsbeamte überhaupt hatte sie einen unerklärlichen Pick, in diesem Punkt war sie vollkommen Zigeunerin.
Da sie aufs Luftschiffahren vorderhand verzichten mußte, mietete sie sich ein Fahrrad und übte abends vor dem Haus mit großem Geschick. Dabei kam sie einmal zu Fall und verstauchte den Fuß. Sie schämte sich, es mir zu sagen, hinkte in ihr Bett und versuchte, sich allein zu kurieren. Als ich morgens nach ihr sah, fand ich den Fuß bös geschwollen und mit einer unheimlichen Salbe dick beschmiert.
»Was ist das?« fragte ich entsetzt.
»Hundsschmalz! Es hilft immer!« sagte sie überzeugt.
Es half aber diesmal nicht, und Urschel mußte eine gute Zeit lang im Bett bleiben. Ich habe jene Tage noch wohl im Gedächtnis; es ist mir, als habe sie sich nie liebenswürdiger, witziger und heiterer gezeigt als damals.
Manchmal lag sie den ganzen Tag still und spielte Mundharmonika oder schnitt Papierpuppen aus, mit denen sie auf ihrer Bettdecke Schillers Dramen aufführte; auch konnte sie großartig Karikaturen zeichnen; ich habe mir damals eines dieser Blätter ausgebeten und bewahre es mir noch heut. Es zeigt die schöne Gunhild und mich als schmachtende Anbeterin unter einem Regenschirm, auf dem ein Amor sitzt und uns beide am Bändel hält.
Immer aber war Urschel am Abend, wenn ich zu ihr hinaufkam, zum Platzen voll von lustigen Einfällen und Geschichten, auf die sie sich den einsamen Tag über besonnen hatte. Ach, was haben wir damals zusammen gelacht! Sie zeigte mir ihre vielen Narben und Schrammen, die sie am Leib herum trug und die sie sich alle durch ihren bodenlosen Leichtsinn auf ähnliche Weise wie den bösen Fuß zugezogen hatte; zu jeder wußte sie ein witziges, romantisches Anekdötlein zu erzählen.
»Ich habe so oft mit dem Tod gespielt, immer mit dem tröstlichen Gedanken: Unkraut verdirbt nicht! Es ist auch wahrhaftig wahr. Bis auf ein Närblein und ein Blau-Mal hat es mir nie etwas getan. Nun bin ich doch gespannt, ob ich, wenn ich einmal ernstlich den Tod suche, auch wirklich umzubringen bin! Ich glaube eben, der Tod will mich nicht. –«
»Weißt du,« fuhr sie fort, »wenn ich mir einmal das Leben nehmen will, steige ich an einem schönen Tag auf einen Kirchturm, ganz hoch hinauf auf die oberste Brüstung, tue die Arme auseinander und springe hinunter. Dann habe ich mein Gelüste gebüßt.«
Von ihrer Kindheit wußte sie in so glühenden Farben zu erzählen, daß mich nachträglich noch der helle Neid stach, weil ich nichts dagegen aufzuweisen hatte, als etwa den alten Kirchhof. Als ich ihr's sagte, zog sie mich zu sich aufs Bett und streichelte mich.
»O du armer, armer Tropf du! Hat einen Kirchhof voll Begrabener zur Unterhaltung gehabt! – Der Herrgott sollte dich nachträglich noch um Verzeihung darum bitten, daß er dich um das alles, was du damals hast entbehren müssen, betrogen hat!«
Damals haben wir auch zusammen Scheffels Werke gelesen. Urschel war außer sich vor Freude darüber. Der Ekkehard lag von da ab immer unter ihrem Kopfkissen, und ich kann sie mir nie schöner und seelenvoller denken, als wenn sie mit mir durch den Wald lief und ein Lied dieses ihres Lieblingsdichters in die Bäume hinaufsang.
Im Winter liefen wir Schlittschuh und schlittelten verbotene steile Steigen hinunter. Einmal wurden wir ertappt und von einem Polizeidiener gehörig heruntergeputzt. Urschel lachte ihn aus und fuhr am nächsten Abend wieder dort; da kam sie in des Polizeidieners Buch und mußte zehn Mark Strafe zahlen. In der hellen Wut stieg sie in des dicken Amtsrichters Garten und schuf von dem frisch gefallenen Schnee ein köstlich getreues Abbild des gestrengen Herrn mit einem gewaltigen Bauch und setzte ihm ein Narrenkäpplein auf. Sodann aber sammelte sie die zehn Mark in einzelnen Pfennigen, packte sie säuberlich zusammen und schickte sie aufs Rathaus.
»Ich möchte dabei sein, wenn sie's zählen,« rief sie grimmig vergnügt.
– Am Sylvesterabend saßen wir in meiner Stube, die einen Ofen hatte; wir tanzten, brauten ein Pünschlein, und als es gegen Mitternacht ging, gossen wir Blei. Zuerst kam ich: ein längliches, dünnes Stücklein schwamm in der Schüssel.
»Ein Wanderstab,« meinte Urschel.
»Es kann auch ein Federhalter sein,« sagte ich nachdenklich.
sprach Urschel feierlich.
Als sie dran kam, lag ein wunderliches, geschnäbeltes Gebilde im Wasser. »Ein Storch!« schrie sie erschrocken; denn sie war furchtbar abergläubisch. Ganz vernagelt sah sie auf meinen Fenstersims; als die Glocken durch die klare Winternacht läuteten, bekam sie wieder Mut. – »Ach was, es hat nicht gegolten!«
Und sie goß noch einmal. Als es dann so etwas wie ein Herz war, war sie zufrieden.
Die Nächte vor Fastnacht tanzte sie durch. Sie war auf jedem Maskenball, in einem Spanierkostüm, das ihr zu den schwarzen Haaren prächtig stand. Morgens um fünf Uhr kam sie heim, schlich leise wie ein Vogel die Treppen herauf, küßte mich lachend wach und warf mir Konfetti übers Bett. Sie war sehr, sehr hübsch in diesen Augenblicken, wenn sie mit dem Treppenlämpchen auf mich herableuchtend, in dem fremdartigen Kostüm vor mir stand, strahlend vor Lust und Leichtsinn.
Auf einmal, im März, als der Schnee taute, hatte sie einen Schatz. Er war ein Schulmeister und sie hatte ihn an der Fastnacht kennen gelernt. Ich bekam ihn lang nicht zu Gesicht; endlich an einem Sonntag im Mai ging ich mit den beiden spazieren. – Er hatte lange strohblonde Haare und ein hübsches, freches Gesicht, das mir nicht recht gefiel. Besonders in seinen Augen lag ein Ausdruck, den ich mit dem besten Willen nicht von dem Funkeln unseres Katers unterscheiden konnte, wenn er in Frühjahrsnächten zu seiner Kätzin ging.
Ich sagte es ihr, aber sie entgegnete nichts. Ein paar Tage drauf, an einem ungewöhnlich heißen Maimorgen gingen wir zusammen zum Baden an den Fluß.
Urschel war seltsam verstimmt. »Was hast du?« fragte ich.
»Ich sag dir's auf dem Wasser,« sagte sie verbissen.
Als wir miteinander mitten im Fluß schwammen, stupste ich sie. »Jetzt sag's!«
Da fuhr sie auf mich los wie eine wilde Katze, tunkte mich und riß mich wieder herauf. »Du Luder, du scheinheiligs, was geht dich mein Schatz an? Hab ich dich drum gefragt? Braucht er denn dir zu gefallen, du Krott, du elende! Wart, dich will ich dein böses Maul halten lernen!« Und sie schüttelte mich wie toll, riß mich unters Wasser und saß mir im Genick, daß mir Hören und Sehen verging.
»Willst du noch einmal etwas gegen den Schulmeister sagen?«
»Nein,« – sagte ich schwach und schwamm, als sie mich losließ, schnell ans Ufer und ging schwer empört und beleidigt heim.
Ich schaute sie ein paar Tage nicht an; aber sie fehlte mir unbeschreiblich und ich beschloß, meine zweite Freundin nicht wieder wie die erste um einer Liebschaft willen zu verlieren. Auch gefiel es mir, daß sie ihren Schatz so streitbar verteidigt hatte, und es dünkte mich, wohl so das Rechte zu sein, wenn man eine Liebschaft habe.
Dann versöhnten wir uns wieder. Urschel war herzlich und lieb, und ich mußte ihr versprechen, am nächsten Sonntag mit ihr und dem Lehrer spazieren zu gehen.
Nie war sie toller und ausgelassener als an jenem Nachmittag. Wir gingen einen schönen Weg durch Wiesen und heiteres Land, und Urschels hellblaues Kleid leuchtete festlich zwischen dem jungen Grün. Sie lachte und schwätzte in einem fort, hatte den einen Arm um den Blonden und den andern um mich gelegt und erzählte Geschichten, daß uns die Tränen kamen vor Lachen.
In einem Wirtsgarten aßen wir zu Abend, tranken roten Wein dazu, und als Urschel vom Haus her Tanzmusik hörte, tat sie einen Schrei vor Entzücken und riß uns lachend und glühend mit hinein.
Spät in der Nacht kamen wir heim; unten vor dem Hause hatten die beiden Verliebten noch ein Geflüster und Heimlichtun miteinander, das kein Ende nehmen wollte. Schließlich schloß ich das Haus auf und machte mich daran, allein hinaufzugehen. »Ich komme gleich nach!« rief Urschel, und der Blonde grüßte.
Dann lag ich ärgerlich in meinem Bett und horchte in die Dunkelheit hinein, bis ihr leichter Schritt die Treppe heraufkäme. Und dann plötzlich war draußen ein Geräusch und kurz darauf in Urschels Kammer ein leises Lachen. Ich sprang auf, lief vor ihre Tür und rüttelte an der Klinke.
»Urschel!«
Es blieb alles totenstill.
Da wurde es mir auf einmal ganz elend und schwer in allen Gliedern; ich lief in meine Kammer zurück, schloß die Tür hinter mir zu und lag dann schluchzend in meine Kissen vergraben, bis ich mich in Schlaf geweint hatte. Von Urschels Kammer nebenan war kein Ton mehr zu mir gedrungen.
– – – Von jenem Sonntag an konnte ich mich nimmer über Urschel beklagen. Den Blonden schien sie vergessen zu haben; sie war nur noch für mich da, hielt mich umschlungen, wenn wir abends unterm Fenster saßen und spielte mir meine Lieblingslieder vor. Oft, wenn ich morgens erwachte, sah ich sie in einem erschöpften Schlaf mit verweinten Augen vor meinem Bett auf dem Boden liegen, und wenn ich sie erschrocken weckte und befragte, küßte sie mich:
»Ach, ich möchte eben immer bei dir sein!«
Sie wurde noch fleißiger als vordem, zart und leise, und ihr Gesicht war voll schmerzlich beseelter Schönheit; alles Wilde und Törichte fiel von ihr ab. Sie nahm ihre vielen Bildchen von den Wänden und verschenkte sie. Den Stieglitz ließ sie fliegen, und die Schildkröte setzte sie in einen Garten, daß Kinder sie finden konnten. Mir blutete das Herz, wenn ich die fröhliche Stube so zerstört sah; sie streichelte mich aber und fragte mit traurigem Lächeln: »Gelt, ich bin arg dumm gewesen früher! Jetzt bin ich gescheit; ach, so kalt und grausam gescheit. Ich weiß jetzt alles!«
Nur die drei Mannen über dem Bett blieben hängen in der ganzen Größe ihrer Unsterblichkeit.
Dann kam jener schöne traurige Abend im Juli. Urschel brachte eine Düte mit großen, schwarzen Kirschen, wir saßen im Abendschein unter ihrem Fenster, aßen und spuckten die Steine weit hinaus.
»So ist es schön, Kirschen zu essen; an einem offenen Fenster, worunter ein Fluß vorbeifließt, daß die Steine ungesehen verschwinden,« sagte sie und fing dann so unters Essen hinein leise zu erzählen an, von Kirschbäumen in ihrer Heimat, von dem Stieglitz und von den Seiltänzern.
»Du Agnes,« sagte sie dann traurig, »ich werde doch wohl keine Zigeunerin sein. Ich glaube, ich bin zu sauber dazu; ich kann den Schmutz nicht an mir leiden.«
Nach einer Weile fragte sie ganz unvermittelt: »Weißt du, was die alten Deutschen mit ihren schlechten Dirnen gemacht haben? Es ist mir so, als hätten sie sie in den Sumpf gejagt. –
Weißt du's nicht?«
Ich schüttelte verwundert den Kopf und meinte, ich könne ja in irgend einem Buch nachschlagen.
»Nein, laß nur,« sagte sie. »Es wird wohl stimmen mit dem Versäufen!« Darauf seufzte sie leise und schwieg.
Später, als es dunkel war, gingen wir noch zusammen an den Fluß hinunter. Es war eine wundersame stille Nacht, Brücke und Wasser lagen schimmernd im feierlichen Lichte des Mondes, über uns aus dem tiefblauen Grunde brachen die Sterne so groß und deutlich leuchtend, daß Himmel und Erde einander nahe gekommen schienen in schweigender Schönheit.
Wir saßen auf der Brücke, ergriffen von dieser Nacht, deren mächtige, stumme Sprache in uns weiterredete, lauter und unbezwinglicher als in all der Zeit, seit wir uns kannten. Ich legte mein Gesicht in ihren Schoß, große, warme Tränen fielen aus den lieben Augen darauf nieder; sie trocknete mir's mit ihrer Schürze und liebkoste mich stumm und innig.
Als wir dann aufstanden und weitergingen, sagte sie leise: »Du bist ein guter Kerl, Agnes. Aber ich glaube, du hast zu wenig dumme Streiche in deinem Leben gemacht. Das ist nicht gut.«
Dann lachte sie. »Ich habe die meinigen gemacht und sie haben mich genug gedrückt. Aber jetzt sind sie alle so leicht geworden, und wenn ich in den Himmel komme, fliegen sie lustig und gemütlich wie Pfeifenwölkchen um meine arme Seele herum, daß der liebe Gott lachen muß und das Schimpfen vergißt.«
Wir machten ein Boot los und fuhren noch bis Mitternacht auf dem glänzenden Wasser, dann ruderte sie mich ans Ufer und bat mich, heimzugehen, sie wolle später nachkommen.
Und als ich ans Land steigen wollte, da riß sie mich noch einmal ins Schifflein zurück, preßte meinen Kopf an ihr Herz und küßte mich heiß und zitternd wie in Angst und Leidenschaft.
»Sei doch nicht so wild und so wunderlich, – du. Du machst mir ja Angst,« sagte ich. »Komm, wir wollen uns die schöne Nacht nicht verderben!«
»Ja, – ich bin gleich ruhig. Aber,« und dann fing sie auf einmal an, leise zu lachen, »wenn ich nun zum Beispiel heute Nacht ins Wasser spränge, – gelt, dann käme das Amtsgericht um die fünfundzwanzig Mark Strafe, die ich noch schuldig bin? Ach, das täte mich noch in der Ewigkeit freuen!«
Sie wurde aber gleich darauf wieder ernst und still und in ihren Augen waren Tränen.
Dann half sie mir ans Land steigen, bot mir zum Abschied noch beide Hände herauf und sagte leise: »Gute Nacht, Agnes. Wenn du einmal nach Spanien kommst, sag einen Gruß von mir!« Darauf stieß sie ab und blickte nimmer zurück.
Ich schritt langsam heim und war sonderbar ergriffen. Aber nicht traurig wie in jener andern Nacht, da Urschel den Blonden mit zu sich heraufgenommen hatte, sondern glücklich und von einer tiefen, dankbaren Freude erfüllt, darüber, daß ich einen solch schönen, köstlichen Menschen zum Freunde hatte wie meine Urschel. Noch vor dem Einschlafen fuhr ich über meine Wange, wo ihre Tränen und Küsse hingefallen waren und nannte zärtlich ihren Namen.
»Liebe, liebe Urschel!« – – –
Am nächsten Morgen war Urschel verschwunden. Man fand ihre Schürze und nassen Kleider am Fluß; die Leute sagten, sie sei ins Wasser gegangen, weil sie von dem Schulmeister ins Unglück gebracht und verlassen worden sei, und Männer mit Stangen suchten am Flusse nach ihr. Ach, ich glaubte es nun auch, ich meinte, es noch gewisser zu wissen, als die andern!
Es war alles so namenlos traurig und schwer und entsetzlich.
Die Männer fanden sie nicht; der Leichnam war wohl vom Flusse mit fortgerissen worden.
– Nach acht Tagen bekam ich einen Brief.
»Liebe Agnes, ich bin in Hamburg. Damals in der Nacht habe ich mich im Fluß ertränken wollen; ich bin aber nicht untergegangen, weil ich so gut schwimmen konnte; es war zum Lachen. Jetzt ist es mir auch so recht. Ich will nach Amerika. Wenn ich drüben bin, schreib ich Dir wieder, und wenn es schön ist, mußt Du auch kommen; dann freue ich mich.
Du wirst schon wissen, warum ich es habe tun wollen. Aber ich fange jetzt an, es lieb zu haben. Wenn es ein Mädchen wird, heiße ich es nach Dir. In Hamburg gefällt es mir gut; ich war schon am Hafen und habe Schiffe gesehen; sie sind bloß ganz fürchterlich viel größer, als ich sie mir vorgestellt habe. Wenn ich bei der Ueberfahrt nur auch die Maschinen sehen darf! Neger habe ich auch schon gesehen und gestern einen Chinesen.
Viele Grüße und einen Kuß von Deiner Urschel.«
– Ich lachte und weinte, war halb närrisch vor Freude und las den Brief wohl hundertmal. Ach, das war sie, wie sie leibte und lebte; meine liebe, liebe Urschel!
– Sie hat mir nie mehr geschrieben.
Es ist mir, als habe ich es dazumal schon leise und dunkel geahnt, daß sie mir für immer verloren sei. Und doch war es nun, da ich sie auf einem Schiff über's Meer fahren wußte und einer neuen, begehrlich ersehnten Zukunft entgegen, lange nicht so trübe und furchtbar, und tausendmal besser zum Ertragen für mich, als wenn sie die Stangenmänner vom Flusse aufgefischt hätten.
Aber die fröhliche, helle Flamme meines Lebens fiel jäh in sich zusammen, nun, da ihr die Nahrung ausging. Es ist mir vergönnt gewesen, eine Zeitlang von eines prächtigen und schönen Menschen Leben mitgerissen zu werden und aus seinen Augen die Welt zu sehen; da war sie reich und bunt und voller Leben und Ereignis und Unerschöpflichkeit, und unser Schicksal war das der Welt, weil wir kühn mitten drin uns treiben ließen wie ein Boot auf bewegtem Wasser, selber bewegt, selber vom Wind und Sturm getrieben und dem großen, weiten Meer zusteuernd.
Und nun mit einem Schlage hatte ich mein eigenes, kleines, jämmerliches Dasein wieder, und sah mit Entsetzen, daß ich nicht Kraft und Witz und Fröhlichkeit genug hatte, es allein so weiter zu führen, wie es vorher mit Urschel gewesen war. Mein Schicksälchen lief grau und armselig weiter und wartete auf den großen Strom und das weite Meer, dem wir damals so nahe standen, und mußte noch lange warten.
In einer halb blöden Stumpfheit lebte ich die nächsten Monate vor mich hin. Einmal noch kam all der Schmerz grausam neu über mich; in der Stunde, da ich mein Erbe antrat: da ich den Schiller, Kopernikus und Zeppelin von der Wand nahm und ihn unten in meinem Koffer barg.
Tags darauf zog in einem schwarzwollenen Kleid und mit falschen Zähnen eine dicke Nane nebenan ein.
Schon von meiner Kindheit an war ich gewöhnt, mit irgend jemand in herzlicher Vertrautheit zu leben und alles zu bereden, was mir auf der Seele lag. An Margret und an Elsbeth hatte ich mit der gleichen, warm erwiderten Liebe gehangen; und nun, da durch Urschels wundersame Freundschaft alle Hingabe und Liebe und Neigung in mir geweckt und erwartungsvoll war, stand ich allein, suchte vergebens nach einem Menschen, dem ich meine Liebe schenken könnte, und das schwere Blut meines Vaters regte sich in mir dunkel und drängend.
Und da war es wieder die Neigung zu der schönen, kühlen Frau Gunhild, die mich packte wie ein toller, ungebändigter Sturmwind, und es war keine Urschel mehr da, die mich mit treuen, fröhlichen Händen davor bewahrte.
Wenn sie an mir vorüberging, klopfte mir das Herz vor Beklemmung, ich zitterte, wenn sie mich rief oder ansah und wenn sie mit mir sprach, kamen mir Tränen in die Augen. In den einsamen, schwülen Sommernächten machte mich die Leidenschaft halb verrückt; ich küßte im Flur ihren Hut und ihre Schuhe, manchmal schlich ich mich lautlos vor ihre Schlafzimmertür, warf mich auf den Boden und krampfte meine Finger in die Matte. Und ich dachte oft in schmerzlicher Verwunderung, wie es denn möglich sein könne, daß diese ungeheure Kraft so ganz verloren und ohne Widerhall bleiben könne; ob es da nicht geheime Strömungen gäbe, Fernwirkungen, die Träger und Ueberbringer solcher stummer Sehnsüchte wären. Ach, sie mußte es doch spüren, daß ich sie lieb hatte!
Schließlich wurde ich mager und müd und kam in der Kraft und Gesundheit herunter; ich vernachlässigte meine Pflichten, und eines Abends, als ich den Tisch vom Nachtessen abräumte, stellte sie mich zur Rede.
»Was ist mit Ihnen, Agnes? Sind Sie krank?«
Da sagte ich ihr mit abgewandtem Gesicht alles, wie ich sie lieb hätte und die Not meiner Nächte. Ich fragte sie traurig, ob sie es denn nicht gespürt habe, daß ich ihr leidenschaftliche Liebe entgegenbringe und Tag und Nacht sehnsüchtig an sie denke.
Sie schwieg lange, wie es so ihre Art war. Dann sprach sie langsam: »Nein, ich habe nichts gespürt. Und dies kommt daher, weil ich nichts spüren will! Sehen Sie, ich kann so etwas nicht verstehen. Kämpfe und Schmerzen hat ein jeder Mensch, auch ich; aber es ist etwas in mir, das mich davor behütet, von einer Leidenschaft so jämmerlich haltlos gemacht zu werden, wie Sie. Ich bin mir einfach zu gut dafür; ich habe es nicht nötig, jemand nachzulaufen, der meine Liebe nicht möchte. Und ich will es Ihnen offen sagen: die Leute, die so wenig Stolz und innere Kraft haben, daß sie nicht Herr über sich selber werden, die verachte ich; eine solche Liebe ist keines rechten Menschen würdig, und ich möchte nicht, daß mich – so – etwas – berühre.« –
Dann faltete die stolze Frau ihre Serviette zusammen, verließ das Zimmer und ließ mich unsagbar verwettert und keines Wortes mehr mächtig zurück. Wie betäubt starrte ich auf ihren leeren Stuhl und als ich mich endlich wieder gefaßt hatte, schlich ich mich leise hinaus und die Treppe hinunter, um meinen Jammer an den Fluß zu tragen. An einer Stelle, unweit des Wehres, wo ich oft mit Urschel gesessen hatte, und wo man weit über das Tal sah, setzte ich mich ans Ufer, zog meine Schuhe und Strümpfe aus und hängte die Füße ins Wasser, – und bedachte, daß es wohl das beste wäre, ich tue das, was meine Urschel nicht fertig gebracht hatte.
Es war ein schwüler, von einer seltsam bangen Unruhe erfüllter Abend; ein schweres Wetter stand am Himmel, im Westen schoben sich die Wolken über einem verhaltenen Leuchten, und in wunderbarer, bläulicher Klarheit und Nähe lagen Berge und Tal und Fluß in der fahlen, dünnen Gewitterluft. Dicht über dem Wasser aber strichen zahllose Schwalben, wie in angstvoller Hast mit sausendem Schwirren hin und her; dazu hörte man neben dem Rauschen des Wehres hie und da einen dumpfen Donner über das Gebirge her in die gespannte, lauernde Stille hinein.
Und wie ich nun in Elend und Trauer daran dachte, daß gerade ich, die das dürstende, begehrende Blut meines Vaters hatte, das mir schier die Adern sprengte vor drängender, sehnsüchtiger Gewalt, alle Menschen, die mir lieb waren, wieder verlieren müsse, – da ich Elsbeth und den Vikar, Urschel und die schöne Gunhild im Geiste vor mir sah und wie heiß und echt ich sie liebte und Schmerzen um sie litt und Leidenschaften verwürgte, und nun erkennen mußte, daß mir keines von ihnen mehr blieb, – da ich das Leben, das ich glaubte in Tanz und fröhlichen Nächten verstanden und besessen zu haben, so nackt und unverhüllt in seiner eigenen, nächtigen Unruhe und stummen Sehnsucht sah, da fiel es mir urplötzlich wie ein Schleier von den Augen; es erging mir wie Urschel, da sie sagte: ich bin so grausam gescheit; ich weiß jetzt alles!
Es kam eine Erkenntnis über mich, schmerzlich freilich, grausam schmerzlich, und doch wie ein göttliches Licht: ich wußte, daß ich das Leben nicht gekannt hatte bis zu dieser Nacht und daß es viel trauriger und viel schöner sei als ich je geglaubt hatte. Ich sah ein, daß man keinen Schmerz umsonst leide, ja, daß Schmerzen und Verluste sein müßten, um einen reif und weise und wahrhaft glücklich zu machen. Und ich gelobte, kein Leid und keine Sehnsucht mehr in so läppischer Ungebärdigkeit auszutoben wie die Liebe zu Frau Gunhild; was von jetzt an an Schmerzen über mich käme, wollte ich bewußt und still und eines tapferen Menschen würdig hinnehmen und tragen. Und ich war froh, daß mir das Leben stumm seine traurigen Hände bot, daß ich sie ergreife und mittue; jetzt, in Not und Einsamkeit, da ich nichts anderes mehr hatte, kam die gütige Mutter Natur selber, mich zu trösten, und ich sah in einer jähen Offenbarung ihre allmächtige Schönheit und Größe.
Es wurde dunkel um mich; die Nacht hing in vielen drängenden, unerlösten Gewittern; es fiel kein Tropfen, nur irre Lichter zuckten über den verwölkten Himmel, und der schwüle Wind fuhr durch die Uferbüsche. Und mit jedem Wetterleuchten wurde es klarer in mir und gewisser; und als ich die Füße aus dem Wasser zog, war ich ein anderer Mensch als vorher. Ich brachte es nicht über mich, meine Schuhe anzuziehen; ich mußte meine liebe Erde unter den bloßen Füßen spüren und meinte, sie damit zu liebkosen.
Und als ich nun, die Strümpfe über die Achsel gehängt, über die Brücke heimwärts lief, dichtete ich einen Lobgesang an das Leben: »O du liebes, wonniges Leben, wenn du nichts wärst als Frühling und Sommer und Winter, so wärst du dem, der dich mit offenen Augen sieht, nichts als Lust und Unerschöpflichkeit; und wärst du nichts als Lieben und Schmerzenhaben und Geliebtes wieder verlieren, so wärst du köstlich und wundersam!«
Und es fielen mir Lieder ein und Gedanken, und ich fing an zu dichten und dachte lachend, wie es schon einmal ein Fußbad gewesen sei, das mich derartig angeregt habe und beschloß, falls ich das Dichten einmal nötig hätte, mich wieder eines solchen zu bedienen. –
Am andern Morgen kündigte ich Frau Gunhild meine Stellung; sie sah mich ruhig und ein wenig mitleidig an; nun, da ich mich selbst nimmer bemitleidete, rührte es mich nimmer, und ich kam glatt über den gefürchteten Augenblick weg. Dann schrieb ich auf ein Kindermädchen-Gesuch in einer Zeitung, schickte Gunhilds Zeugnis hin und bekam die Stelle.
Am ersten Oktober reiste ich. In einer windigen Morgenfrühe fuhr ich noch einmal über den Fluß, lief über Brücke und Markt, und es war mir wehmütig und froh zugleich zu Mute. Als ich Frau Gunhild zum letztenmal die Hand gab, blickte ich sie mutig und zuversichtlich an und hatte die Freude, noch einmal jenes köstliche, liebe Lächeln an ihr zu sehen, das mir wie eine freundliche Verheißung für mein ferneres Schicksal dünkte.
Nur ganz am Schlusse, als ich schon im Eisenbahnwagen saß, übermannte mich noch einmal der Schmerz um alles, was ich hier zurückließ; der Zug fuhr langsam zum Städtlein hinaus, in der Platanenallee war es schon herbstlich kahl; ich konnte zwischen den Stämmen eine Reiterin erkennen, die in langsamem Trab daherkam und dem Zug nachschaute. Es war Gunhild; und als ich die stolze Frau noch einmal so fein und königlich auf ihrem Pferd sitzen sah, lief es mir heiß die Backen hinunter. Ich blickte nach ihr zurück, solang ich sie sah und weinte bitterlich.
Mir ist, als habe sich von jener Reise an in meinem Leben eine bedeutsame Wandlung vollzogen; war ich seither, durch Kindheit und frühe Jugend gleichsam wie von einem gemächlichen und eigentlich garnicht zu mir gehörigen Strom zumeist durch traurige oder doch sehnsüchtige und halberfüllte Zeiten weiter gespült worden, so wurde jetzt mein Fahrwasser zur Brandung, ich stand mitten drin in Wirbeln und Geschehnissen, und es wurde mir wohl bewußt, daß dies zu mir gehörte, denn ich mußte streiten und mich wehren und festhalten, daß ich nicht unterging.
Wiewohl mein Leben auch heute noch bewegt und bunt genug hinläuft, so hat es doch mit jenen Stürmen nichts mehr zu tun; das alles drängte sich damals in ein paar kurzen Jährlein zusammen. Mit jener Reise war das zarte und träumerische Vorspiel zu Ende; brausend und hinreißend brach nun die große und seltsame Musik meines Lebens über mich herein.
Zunächst ging es nun noch betrüblich und langweilig genug zu.
Ich kam in eine fremde große Stadt als Kindermädchen, und ich, die Kräfte gehabt hätte, sechs wilde Buben zu versorgen, mußte nun, ohne daß ich im Haushalt mitangreifen durfte, ein kleines, schläfriges und sanftes Mädelchen hüten. Des Abends um neun Uhr mußte ich im Bette liegen und während der Nacht sollten fein säuberlich Fenster und Läden geschlossen bleiben, da ich mit der Kleinen in einem Zimmer schlief.
Ich durchlebte Stunden voll namenloser, drängender Unruhe, in denen sich meine Jugend, Gesundheit und Schaffenslust empörten gegen dieses aufgezwungene Müßigsein, – Augenblicke, in denen alles an mir zitterte vor zurückgedrängter Kraft und Vollblütigkeit und deren unerlöste Qual mich bedrückte wie eine Krankheit. Manchmal befiel mich dieses Fieber am Tage, wenn ich Leute schwere Arbeit tun sah, manchmal abends, wenn ich im Vorübergehen aus festlichen Sälen Tanzmusik hörte, meistens aber in der Nacht, wenn ich ohne Schlaf und Müdigkeit auf meinem Bette lag und alle Sehnsüchte, aufzustehen und etwa ein Stück in die Nacht hinauszulaufen, in mir unterdrücken mußte, da ich das Kind nicht allein lassen durfte.
Und ich war es doch gewöhnt, die halben Nächte durchzuschwärmen! Nun lag ich trostlos allein im Dunkeln, durfte kaum ein Fensterriegelein offen haben, indeß doch von draußen mein liebes Leben in vielen lockenden Stimmen herein drang. Und meine wache, begehrende Seele lag wie ein gefangenes Raubtier und durfte nicht mittun, und jeder Katzenschrei in der Ferne konnte mich zum Stöhnen bringen vor Jammer.
Die langen Winterabende verbrachte ich so gut es ging mit Lesen; auch fing ich, halb aus Langeweile, halb aus wirklichem Interesse an, mein bißchen Französisch und Englisch aus der heimatlichen Realschule weiter zu treiben; doch fehlte mir hierzu die Konversation und zum ersten ein geistiges Gewecktwerden überhaupt. Wohl hatte ich mit Urschel zusammen geschichtliche Romane und Dramen mit Genuß und Verständnis gelesen, aber die moderne Literatur und vor allem Lyrik schienen mir lediglich Empfindung und Ausdrucksform einer gebildeten, mir unendlich fernstehenden Menschenklasse zu sein, davon ich mich bald im Innern unberührt abzog und deren Sinn mir unverständlich und unerschlossen war.
Im Frühsommer aber ging mir wieder ein Türlein zum Leben auf. Mein Pflegling bekam den Keuchhusten und wir verreisten zum Zwecke einer Luftveränderung in eine hochgelegene und waldreiche Gegend, um für einige Wochen in einem von allem Verkehr meilenfernen ländlichen Wirtshaus Wohnung zu nehmen. Das Anwesen lag einsam inmitten Wiesen und Wald; man ging bis zum nächsten Dorf wohl eine Stunde. Es war ein großer Bauernhof mit Knechten, Mägden und vielem Vieh; früher hatte das Wohnhaus, hart an der Landstraße gelegen, den vorbeiziehenden Fuhrleuten als Herberge gedient, nun war es zu einer Art Kurhaus umgewandelt, und man wußte nicht, machte es die köstliche Luft da droben oder die gedeihliche Sorge der alten Wirtin für das Leibliche, die es einem so wunderlich wohl werden ließ.
Mit brennendem Neide sah ich die Mägde auf dem Hof und in den Ställen ihre Arbeit tun, hörte am frühen Morgen, wenn sie aufs Feld fuhren, ihr Gelächter und ihre fröhlichen Stimmen, und an den Sonntagen stand ich mit zuckenden Füßen an meinem Fenster, wenn ich wußte, daß sie drüben in der Scheuer mit den Knechten tanzten und die dünne Drehorgelmusik mir in den Ohren war. Einmal, als man die ersten Heuwagen einführte und alles, was auf dem Hof war, mit äußerster Kraft das seine dazu tat, um vor einem heraufziehenden Wetter das Heu hereinzubringen, ließ ich das Kind allein im Zimmer oben sitzen, rannte verbotenerweise in den Hof hinunter und half diebisch vergnügt beim Abladen. Die Wirtin sah es im Vorbeigehen, nickte mir zu und lachte ein bißchen; auch sprach sie später am Abend, als wir uns im Haus oben begegneten, eine Weile mit mir, wie dies schon öfters geschehen war. Ich faßte zu der freundlichen und klugen Frau ein sonderbares Zutrauen, schüttete ihr mein Herz aus und sagte mit etlicher Verzweiflung, daß ich es in diesem faulen und untätigen Zustand nimmer lang aushielte. Sie sagte aber nichts darauf und bot mir bald Gute Nacht.
Am andern Morgen, als ich mit der Kleinen früh ein wenig spazieren lief, sah ich sie durch ihre Aecker gehen, um zu besehen, was das Wetter geschadet habe. Als wir näher kamen, rief sie uns zu sich her und sagte, sie wolle etwas mit mir besprechen. Ich sah sie erstaunt an.
»Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen,« begann sie. »Ich möchte Sie Ihrer Herrschaft nicht abspenstig machen; aber wenn Sie sich doch einmal eine andere Stelle suchen, – dann können Sie zu mir kommen. Ich bin eine alte Frau und komme mit manchem, was getan sein sollte, nimmer so recht zustande; z. B. mit dem Briefschreiben und der feinen Wäsche, Flicken und solchen Sachen. Eine Bauernmagd kann ich dazu nicht brauchen, und meine eigenen Kinder sind verheiratet und weit fort von hier. Sie sollen es gut haben bei mir, auch im Lohn; und Sie können das Kochen lernen und das Feldgeschäft, wenn Sie das doch so gern tun.«
Als sie aber meine freudige Rührung heraufsteigen sah, fügte sie schnell hinzu: »Sie dürfen sich die Sache aber nicht so leicht vorstellen; Sie müssen schaffen wie ein Ochs und was dran kommt, – man kann da bei uns keinen Unterschied machen. Auch sagt man hier nicht Fräulein zu Ihnen, wie Sie das wohl gewöhnt sind, und Sie müssen mit den andern Mägden und den Knechten in der Küche essen. Ueberlegen Sie sich's wohl; ich will jetzt noch gar keine Antwort.«
Mir schoß einen Augenblick durch den Kopf, daß, wenn Frau Griffländer damals nicht gestorben wäre, ich jetzt wohl Studentin sein könnte, auch, daß ich in der Schule einstens Englisch gelernt habe und daß mein Bruder ein gelehrter Herr sei; – und daß ich trotz alledem eben im Begriff war, als Bauernmagd auf einem weltfernen Hof zu landen, wo ich mit den Roßknechten und Säutreibern zusammen am Tisch essen mußte.
Aber es brachte mich bloß zum Lachen; ich streckte der alten Frau, rot vor Freude und Dankbarkeit, die Hand hin: »Ich kann es Ihnen jetzt schon sagen, Frau Finkenlohr; ich weiß es heut so gut wie in einem Vierteljahr: ich komme, sobald ich kann!«
Somit war der Bund geschlossen; wir lachten eins das andere an, und nach sechs Wochen hielt ich in einer stillen, niedlichen Stube des alten Wirtshauses meinen Einzug.
Drittes Buch
Das Haus hieß »Zum gottlosen Zinken«; und wenn dieses sich auch aus seiner ruhmreichen Vergangenheit, wo es allem fahrenden Volk und Gesindel zum Unterschlupf gedient hatte, schon einigermaßen erklären ließ, so kam mir der Name zu Anfang doch mächtig befremdlich und lächerlich vor. Hör ich ihn aber heute, nach all den vielen Jahren, einmal nennen oder ist er mir selber auf den Lippen, so kommt mir eine Innigkeit und quellende Wehmut zum Herzen, als ob man von einer vergangenen Liebschaft, einer seligen Kindheit oder etwas ähnlichem Schönen und Köstlichen spräche. Ich habe die glücklichste Zeit meines Lebens dort oben zugebracht; es war, als sei mir dort der Boden geschaffen, für den ich geboren sei und die Luft, in die ich gehöre und das Leben grad so, wie es für mich am herrlichsten war.
Das Land war eine Hochebene, von sanften Hügeln unterbrochen und an ihrem Ende gegen waldige Flußtäler steil abfallend. Der Winter war lang und rauh, von ungeheuerlichen Stürmen begleitet, die in rasender Wucht über das freie Land hinfuhren und deren ähnliche ich anderorts nirgends erlebte. Sie tobten Tage und Nächte lang ununterbrochen; als sie in meinem ersten Herbst droben einsetzten, schlief ich die Nächte nicht vor Zittern und jämmerlichem Elendsgefühl und lief bei Tag herum wie ein verwehtes Blättlein. Die Knechte hatten ihren Spott mit mir; ich gewöhnte mich aber bald daran; später hatte ich die Stürme gern und liebte besonders die föhnigen, warmen, feuchten im April und Mai.
Zwischen dem sich endlos hinziehenden, herben Winter lag, kaum, daß Frühling oder Herbst gewesen wäre, ein kurzer, glühender Sommer. Die Sonne hatte eine wunderliche Kraft dort oben, sie schien mir stärker zu brennen als in meiner Heimat und an allen Orten, die ich kannte; man meinte, ihr näher zu sein, als im Tal drunten. Das Köstlichste aber war die Luft droben, im Winter und Sommer gleich klar und rein und würzig vom Wald her. Auch in sturmfreien Zeiten war sie leise bewegt, sodaß selbst in die glühendsten Tage ein Hauch von Frische und Kühle kam.
Zu Anfang war ich auch bei der mäßigsten Arbeit sterbensmüde, matt und abgeschlagen in allen Gliedern; Frau Finkenlohr aber lachte dazu und meinte, es ginge allen Fremden so in der ersten Zeit; man müsse die gute Luft erst ertragen lernen. Und es war so; wie sich meine Seele mit den Stürmen vertraut machte, so gewöhnte sich mein Körper an Luft und Sonne und was es an Gutem droben noch gab. Ich ging in die Höhe und Breite und war am Ende des Sommers braun wie eine Haselnuß.
Die Leute dort oben paßten zu ihrem Land; sie waren rauh, derb, außen und innen und ihren Stürmen und Wettern gewachsen; aber es war, als sei von der Glut ihrer Sonne ein Teil in sie übergegangen; selten hab ich so ein lebenslustiges und leichtsinniges Völklein beieinander gefunden, wie im gottlosen Zinken droben. Mir war es recht. – Auch die Wirtin stammte von der Gegend; sie war eine Bauerntochter, hatte aber einen Geschäftsmann geheiratet und ihr Leben im Unterland zugebracht. Erst im Alter und als ihr Mann gestorben war und die Kinder versorgt und verheiratet, war sie wieder heraufgezogen und hatte den gottlosen Zinken gekauft, der damals in einem bösen, verlotterten Zustand war.
Diese Frau genoß ein Ansehen in der ganzen Gegend wie ein König. Es waren eine Menge Anekdötlein und absonderlicher Geschichten über sie im Umlauf, da sie schon als Kind ungemein klug und willensstark gewesen sein mußte. So habe einst ihr Vater mit einem Nachbarn in einem bösen Streit und Prozeß gelebt; kein Advokat und kein Richter der Umgegend habe zu ihrem Vater geholfen, obwohl das Recht auf seiner Seite gewesen sei; denn der Nachbar war der reichste und mächtigste Hofbauer weit und breit. Da sei sie kurzer Hand eines Morgens auf einen Gaul gestiegen und gerades Wegs zum Herzog in die Residenz geritten und habe ihm und seinen Räten die Geschichte vorgetragen. Worauf der Herzog, der an dem kühnen und wohlgestalteten Bauernmädchen, das kaum zwanzig Jahre alt war, seine Freude hatte, denn auch für eine glänzende Abhilfe sorgte.
In ihrem Alter nun machte sie keine solchen abenteuerlichen Sprünge mehr. Als ich sie kennen lernte, war sie schon über siebzig; sie war ein bißchen dick und ihr freundliches Gesicht von einer Menge winziger Fältchen bezogen; auch saß auf der linken Seite ihrer Nase eine komische, kleine, braune Warze gleich einem unverschämten Witzlein. Sie arbeitete von früh bis spät in einer geruhsamen und vergnügten Art, die es einem unendlich wohl machte, um sie zu sein. Im übrigen bestand ihr Wesen aus vielen wunderlichen, halb gütigen, halb heiteren und spassigen Eigenheiten. Wenn sie ins Dorf ging, führte sie in ihrer Rocktasche stets eine Schnupftabaksdose voll gestoßenen Zuckers mit sich; schon von weitem sprangen ihr dann die Kinder entgegen und zeigten ihre Hände her. Wer aber eine sauber gewaschene Hand hatte, durfte seinen Zeigefinger ablecken und damit in die Dose fahren, sodaß er um und um mit Zucker behangen war.
Von der ganzen Gegend kamen die Leute zu ihr, um sich Rat und Beistand zu holen. Sie wies nie einen ab und gab einem jeden freundlich und so gut sie konnte Bescheid; nach einer Weile aber streckte sie ihm vergnügt die Hand hin: »Ich will Sie jetzt nimmer aufhalten; Sie werden pressieren!« und geleitete ihn mit sanfter Entschiedenheit zur Tür.
Hängte sie Wäsche auf, so war, wie auf Kommando, fast stets der strahlendste Sonnenschein; darob war Frau Finkenlohr weit und breit berühmt. Im Heuet schickten die Bauern ihre Mägde, zu fragen, wann im gottlosen Zinken gewaschen werde, damit man sich mit dem Heuen darnach richten könne. – Hatte man einen bösen Buben, so schickte man ihn auf den Zinken als Knecht; Frau Finkenlohr brachte ihn zurecht. Hatte man ein Geldlein nötig, so lieh es Frau Finkenlohr; war eine Kuh krank, wußte jene mehr als der Tierarzt, und kam einer zum Sterben, so schickte man zur Zinkenwirtin vor dem Pfarrer.
Dazu trug sie Sommer und Winter Kleider von einer fröhlichen rötlichbraunen Farbe mit einem sanft abtönenden Geflimmer schwarzer Strichlein drin; zum Ausgehen einen kühnen und leise wippenden Kapotthut nach längst entschwundener Mode, zum Arbeiten aber eine blaue Schürze dazu, sodaß sie, wenn man noch das graue Haar und die roten Bäcklein ansah, allezeit einen vergnüglich farbigen und aufheiternden Eindruck machte.
Was es auf dem Hof an Gutem, Schönem, Wertvollem und Heiterem gab, sei es an Arbeit oder Genuß gewesen, das ging fast alles von dieser Frau aus; und je mehr ich mich diesem wonnigen Leben hingab, desto tiefer wurde in mir die Verehrung und Liebe zu ihr. Ich war noch gar nicht lang im gottlosen Zinken, als ich in einen verwunderlichen und komischen Zustand geriet: ich spürte mit einemmal, daß ich in die dicke alte Frau verliebt war – verliebt mit allen Finessen und zu diesem Zustand gehörigen Stimmungen und gelegentlichen Nöten, wie ich es etwa in einen schönen jungen Herrn hätte sein können. Nahm ich mir voller Ernst und Energie des Morgens vor, ihr nicht den ganzen Tag lang nachzulaufen wie ein Hündlein, so war ich, kaum sah ich die blaue Schürze hinter irgend einem Stall oder Wiesenhang auftauchen, unversehens an ihrer Seite, um zornentbrannt über mich selber und beschämt wie ein armer Sünder alsobald wieder wegzulaufen, wenn sie mich fragend und verwundert ansah. Ihr wachstuchenes Brillenfutteral auf der Fensterbank der Wohnstube, ihre grauwollenen Schlupfpantoffeln unter dem Ofen erfüllten mich mit sonderbar zärtlicher Wonne und Innigkeit, sobald ich sie erblickte; rief sie mir oder nannte meinen Namen, so lief es mir wie ein süßes Gestreichel über den Leib; und zeigte sie mir in der Küche etwa, wie man einen Hasen abzog und spickte und stand dabei so dicht hinter mir, zusehend, wie ich Speckstreifelein schnitt und durch das Fleisch zog, griff auch zuweilen über meine Schulter, indem sie mirs besser wies, so stieg mir das Blut zu Kopfe vor seliger Beklemmung, so nah und vertraulich bei ihr zu sein. Auch ergriff mich manchesmal ein kindischer Neid, wenn ich sie ein Bauernbüblein streicheln sah, das von ihrem Zucker bekam, und ich hätte selber noch klein sein mögen und aus ihrer Dose schlecken.
Je länger ich aber um sie war und ihr einfaches und gesundes Wesen auf mich wirkte, je öfter ich ihr in die lieben, vergnügten Augen guckte, um so mehr fielen meine hanswurstigen Gefühle von mir ab; ich begann sie ohne alle sentimentalen Abschweifungen und Verwirrungen allmählich gerade heraus und ohne viele Worte einfach von Herzen lieb zu haben; und das so unabänderlich und ohne jede Trübung wie außer meiner Mutter wohl keinen Menschen mehr.
– Im Sommer fuhr ich zumeist mit aufs Feld; man blieb die ganzen, langen, heißen Tage draußen und kam des Abends todmüde heim, wo man denn auch ohne viel Feierabend gleich nach dem Abladen in seine Kammer zum Schlafen ging; kaum, daß die Mägde beim Heimfahren ein Lied vor sich hinsangen oder die Knechte nach der Abendsuppe noch eine Pfeife rauchten. Aber selig, schön und wie lauter strahlende Feste standen jeweils zwischen den schweren Wochen die Sonntage. Frau Finkenlohr litt es nie, daß man am Sonntag aufs Feld ging oder etwas auf dem Hof schaffte, wie es die Bauern in den Dörfern auch meist am Sonntag taten; und mochte es noch so dringend sein. Nach dem Mittagessen ging man auf seine Kammern und hielt einen langen herrlichen Schlaf, darein einem kein Kurgast schellen durfte; die späten Nachmittage aber vertanzte man in einer leeren Scheuer hinter dem Haus. Es kamen noch junge Leute vom Dorf dazu; die Mädchen hatten helle und sonntägliche Kleider an, die Knechte und Bauernburschen aber tanzten in ihren weißen Hemdärmeln. Zumeist waren es große und kraftvolle Leute mit braunen, schönen Gesichtern; sie waren oft wie rasend vor ausgelassener Fröhlichkeit, rochen nach Heu und nach Sonne und man hing beim Tanze köstlich leicht und sicher in ihren starken Armen. Ein barfüßiger Bub saß auf einem Strohhaufen im Eck und spielte uns auf einer Ziehharmonika; je und je sah uns ein Kurgast zu, der draußen vorbeiging oder trat Frau Finkenlohr vergnüglich lachend unter die Tür, freute sich an uns und stellte uns ein paar Schüsseln mit Küchlein hin oder einen Korb voll Birnen und einen Krug mit einem kühlen Wein. Wurde es dunkel, so ging man auseinander; die Knechte besorgten das Vieh, die Mägde gingen zum Melken, taten die Hennen ein und kochten zu Nacht. Hatte man aber gegessen, so war man noch lang in die Nacht hinein beieinander. Es waren im Hof dicke, tannene Stämme zum Trocknen hingelegt, darauf saß es sich bequem und wer keinen Platz mehr bekam, hockte auf die Küchenstaffel oder auf den Brunnenrand. Die, die einander gut waren, küßten sich ohne Scheu und hielten sich umschlungen; und die Jungen unter den Mägden, die noch keinen Schatz hatten, taten kaum minder zärtlich miteinander, wisperten, schäkerten und lachten in die Nacht hinaus. Man trieb allerlei Spässe miteinander, sang Lieder mit vielen schwermütigen Versen und einer zog die Harmonika dazu; auch erzählte man Geschichten, war einmal fröhlich, einmal traurig und ging oft erst um Mitternacht in seine Kammern.
Im Winter war es nicht so schön; fiel auch die strenge Feldarbeit weg, so ließ doch die herbe Jahreszeit die ausgelassene Fröhlichkeit der warmen Tage nicht aufkommen. Doch war an den langen Abenden alles in der großen warmen Küche beieinander; die Knechte kamen vom Holzfällen im Wald heim, stellten die vereisten Rohrstiefel gegen den Herd, daß Wasserbäche davon liefen und zündeten sich die Pfeife an. An der niedrigen Decke liefen köstliche Gerüchlein hin vom Gansbraten und Butterkuchen der Kurgäste sowohl wie von der geschmälzten Abendsuppe und dem geräuchten Speck des Gesinds. Im Backofen lagen mit lieblichem Gebrutzel die roten Winteräpfel, von denen Frau Finkenlohr allabendlich eine Schürze voll für uns hineinschob. Die Kittel der Knechte tauten allmählich auf; man saß in einem warmen Dampf, untermischt mit dicken Pfeifenwolken, rings um einen herum war ein heiteres Gesumme und Gespräch, und hörte man noch dazu von draußen den Schneesturm ums Haus gehen, so wurde es einem ohne Grenzen wohl und geborgen zu Mut.
Zuweilen hatte ich freilich eine unbestimmte Sehnsucht nach etwas, das hier auf dem Gottlosen Zinken nicht Brauch und Sitte war. Ich wußte es selber nicht so recht; aber es war etwa danach, ein schönes Buch zu lesen, von alter Zeit oder von fremden Ländern, oder eine feine, kluge Freundin zu haben, oder – wenn ich mich sehr hoch verstieg, einmal mit einem zu tanzen, der kein Bauernknecht war. Besonders packten mich solche Gelüste, wenn ich je und je einen Brief von den Geschwistern bekam. Meinem großen Bruder hatte ich zu irgend einem bestandenen Examen ein Stück Speck und einen saftigen Bauernkäs geschickt; nun sandte er mir zum Dank dafür eine Photographie, darauf er mit ein paar Freunden zu sehen war. Das waren feine und vornehme Leute, und es packte mich ein leiser Neid, daß er mit solchen zusammen sein durfte, ich aber eine Bauernmagd war, – und wir waren doch einer Mutter Kinder.
Die Regine war auf einem Lehrerinnenseminar; die Margret aber seit ein paar Jahren verheiratet. Er sei Buchhändler, ein gebildeter und gescheiter Mensch und spiele wunderbar schön Klavier; die Schwestern schrieben, die beiden seien ein prächtiges Paar; Kinder hatten sie auch und wohnten in einer Stadt, wo es sehr schön sei und sie viel Verkehr hätten.
Wenn ich solche Briefe las, wußte ich traurig, wohin meine Sehnsucht ging. Warum war ich nicht auch ein Mensch, der in einem solchen Leben mittun durfte, das mir sonderlich höher, inhaltsvoller und erstrebenswerter dünkte als das Dasein auf dem Gottlosen Zinken?
Doch waren solche Stimmungen selten und verflogen wie Wolken an einem heißen Sommertag. Die Gegenwart war zu selig und zu heiter, als daß man hätte lang an etwas Trübes oder Trauriges denken mögen. Das Leben war ohne Sorgen und so voller Wonnen jeden Tag, – was konnte man Schöneres tun, als schaffen und seine Kräfte spielen lassen, genießen, mittun und darin untergehen! –
Um die Weihnachtszeit kam eine Menge reicher Kurgäste auf den Gottlosen Zinken zum Schneeschuhfahren, darunter war ein Mensch, der sich merklich von den andern fernhielt. Er war auf sein Alter hin schwer zu schätzen und mochte etwa fünfunddreißig Jahre alt sein, ebensogut aber älter oder jünger. Er hieß Herr Bürger und war von Beruf Kaufmann, wenigstens stand im Fremdenbuch so, und seinen Lebensäußerungen nach schien er reich oder doch sehr wohlhabend zu sein. Er ging stets tadellos gekleidet, trug außerordentlich langes, sorgfältig glattgescheiteltes Haar, worunter ein regelmäßiges und hübsches Gesicht hervorsah. Es hatte einen guten, kindlichen Ausdruck, und es lag stets eine leise Müdigkeit und Trauer darüber.
Dieser Herr hatte mancherlei ausgesprochene Eigenheiten; kam ich des Morgens mit einer Schürze voll Scheitholz in sein Zimmer, um Feuer zu machen, so saß er stets am Tisch und schrieb in ein großes, schwarzgebundenes Buch. Dazu trug er einen himmelblauen Schlafrock, und man hätte ihn mit seinen langen Haaren und dem mageren, bartlosen Gesicht akkurat für eine alte Jungfer halten können. Wenn ich so nach Mädchenart meine Augen durch das Zimmer gehen ließ, entdeckte ich auf dem Nachttisch neben des Herren Bettstatt ein gleiches schwarzes Buch und dabei einen langen, schön gespitzten Bleistift und eine Nachtlampe. Es sah aus, als sei der Herr ein Gelehrter oder Dichter, der auf alle Fälle gerüstet war, wenn ihn etwa meuchlings bei Nacht ein guter Gedanke überfalle; für Diebe und Mörder aber, die das Gleiche zu tun pflegen, lag dicht daneben ein fürchterlicher Revolver, von dem ich stets hoffte, daß er nicht geladen sei. Ich hatte noch bei keinem auf dem Zinken ein derartiges Instrument gesehen, und es kam mir überaus merkwürdig vor, daß man sich hier so bewaffnen müsse.
Noch merkwürdiger, um nicht zu sagen, etwas erheiternd erschien mir eine Art von Ausstellung, die allmorgendlich auf der Kommode Herrn Bürgers prangte. Das war in peinlich genauer, unverrückbarer Anordnung eine Reihe jener Gegenstände, die ein anderer Mensch gleichgültig des Abends, wenn er zu Bette geht, mit seinem übrigen Zeug ablegt und denen er weiter keine erhebliche Achtung schenkt. Hier aber lag Morgen für Morgen unverändert außen links das seidene Sacktüchlein aus der oberen Jakettasche, in das man nicht schneuzt, zweitens das größere Sacktuch aus der Hosentasche, sodann ein zweiter Revolver und ein zweites, etwas kleineres Notizbuch, aber immer noch größer als die, die andere Leute mit sich führen. Dann kam die goldene Uhr mit geometrisch gerade liegender Kette, darnach ein Geldbeutel, ein Füllfederhalter, ein Feuerzeug und eine Taschenapotheke, und zur äußersten Rechten machte ein Abonnement der städtischen Straßenbahnen der Stadt Karlsruhe den Beschluß, und ich sann vergeblich, was ihm dieses wohl auf dem Gottlosen Zinken nütze.
Jeden Morgen ergötzte ich mich an der seltsamen Parade; kam ich später wieder hinauf, um das Zimmer zu machen, so war alles verschwunden, kein einziges Notizbuch mehr zu sehen, und Herrn Bürgers Zimmer unterschied sich in nichts von den andern, außer einer tadellosen Ordnung. Der Herr selber saß dann im Gehrock unten an einem entrückten Tischlein des Speisezimmers und las die Zeitung oder schrieb in sein geheimnisvolles schwarzes Buch.
Tagsüber ging er nicht etwa mit den andern spazieren oder zum Skilaufen, sondern blieb zumeist auf seinem Zimmer; und wenn ich klopfte, um nach dem Feuer zu sehen, saß er am Tische und schrieb unverdrossen weiter. Nur zuweilen, wenn die andern in den Wald abgezogen waren, vernahm ich aus seinem Zimmer das Spiel einer Geige, das mir fein lieblich dünkte. Ich hörte es gerne, stand manchmal eine Weile still vor seiner Tür, um zu lauschen und gewann den seltsamen Menschen darum fast ein bißchen lieb.
Nun hatte er bei Tisch eine Nachbarin, ein junges, hübsches Fräulein namens Söderblüm. Es war ein quecksilberiges, ausgelassenes Frauenzimmer, lachte und sang und tollte durchs Haus und führte die Leute an der Nase herum. Es war wirklich ein Unglück für den stillen Herrn, daß diese Person neben ihm saß. Sie plagte ihn mit allen Boshaftigkeiten, über die sie verfügte, hatte ihn beständig zum Narren und machte ihn vor den andern lächerlich. Besonders liebte sie es, bei Tische etwas fallen zu lassen, etwa ihren Serviettenring oder ihr Taschentuch, worauf er sich stets überhöflich hinunter beugte und auf dem Boden herumsuchte, daß er ihrs wieder überreichen konnte. Dabei hing ihm der ganze, strähnige Schopf seiner langen Haare über Stirn und Nase hinunter; wenn er sich erhoben hatte, versuchte er ängstlich und verschämt, die Sache in Ordnung zu bringen, aber es ward dadurch nur um so fürchterlicher. Mit der Mähne eines Mordbrenners oder Rebellen schaute er dann aus seinem guten und kindlichen Gesichte zaghaft umher und erregte jedesmal eine ungemeine Heiterkeit.
Mir tat er leid; wenn das Fräulein etwas hinunter warf, sprang ich jedesmal schnell herzu, um den bösen Zustand zu verhüten. Denn es schien mir oft, als sei Herr Bürger wirklich ein Dichter, der nun einmal mit seinen Träumen und Eigenheiten und seiner weltfernen Innerlichkeit nicht zu dem lustigen und geräuschvollen Leben der andern paßte, und dann war es doch übel angebracht, ihn deshalb zu verhöhnen und zum Narren zu haben.
Fräulein Söderblüm war auch sonst hinter ihm her; besonders, wenn er irgendwo mit einem seiner schwarzen Bücher erschien, ja, sie zog sogar mich in ihren mutwilligen Handel hinein. Eines Tags berief sie mich in ihr Zimmer, hieß mich schwören, daß ich niemand verrate, was sie mir jetzt sage, – wartete aber meinen Schwur gar nicht ab, sondern fing an, eifrig auf mich einzusprechen. Ich sollte versuchen, eins von Herrn Bürgers schwarzen Heften zu erwischen, um es dann ihr zu bringen; etwa, wenn der Herr einen Augenblick nicht im Zimmer sei oder sonst wie. Sie wolle mir verbürgen, daß sie alles auf sich nehme, er auch sein Heft unversehrt wieder zurück bekäme, und ich solle nicht die geringsten Unannehmlichkeit damit haben; hingegen versprach sie mir ein überreichliches Trinkgeld. »Wissen Sie, Kindchen,« sagte sie am Schlusse, »bei großen Dichtern muß man das immer so machen; nachher, wenn sie das Lob und den Ruhm haben, ist es ihnen selber recht, wenn man ihrer Schüchternheit ein wenig zu Hilfe gekommen ist.«
Nachher, als ich draußen war, drehte ich ihr eine lange Nase; ich zweifelte sehr, ob sie Herrn Bürger für einen großen Dichter halte, und ich war keinesfalls gesonnen, ihr ein solches Heft auszuliefern, auch wenn ich Gelegenheit dazu gehabt hätte; eher wollte ich selber einen Blick hinein tun.
Als es ihr nicht so gelingen wollte, suchte sich das schöne Fräulein nun aufs herzlichste mit Herrn Bürger anzubiedern, und eines Tages lud sie sich selber mit ihrer Schwester und einer Freundin zu ihm aufs Zimmer ein, worauf der arme Mensch in der Küche erschien und mit todestraurigem Gesicht einen Kaffee für vier Personen bestellte. Frau Finkenlohr schickte mich, für die Bestellung zu sorgen; ich freute mich darüber und ging mit einem Brett voll Geschirr und guter Sachen vergnügt hinauf in Herrn Bürgers Zimmer. Da saßen die Fräulein bei ihm am Tisch, taten schön mit ihm, lachten ihn mit silbrigem Geklinge an, schwätzten in lustigem Lärm alle durcheinander auf ihn ein und trugen Lockenhaare und seidene Kleider. Und dieweil ich ein weißes Tuch auf den Tisch tat, die Tassen hinstellte und später leise hin und her ging, die Herrschaften zu bedienen, verging mir sachte meine Fröhlichkeit, und es wurde immer stiller und trauriger in mir. Ich spürte mit wunderlicher Klarheit, daß ich den armen, einsamen Menschen lieb habe, und es wallte heiß und hoch in mir auf, etwas für ihn tun zu dürfen und ihm zu helfen. Und ich dachte mit Bitterkeit, daß die feinen Damen ja nur ihren Schabernack mit ihm hatten und ihn im Grunde verspotteten und auslachten; die aber durften um ihn sein, weil sie von seinem Stande waren, und es war ihr gutes Recht, seine Gesellschaft aufzusuchen und sich mit ihm zu unterhalten. Ich aber mußte daneben stehen und meine demütige Hingabe in mir unterdrücken, und es war mir wohl für immer versagt, ihm etwas Liebes tun zu dürfen, weil ich eine Bauernmagd und arm und ungebildet war.
Zum erstenmal seit langer Zeit erfüllte mich eine große und tiefe Traurigkeit; sobald ich konnte, stieg ich in meine Kammer hinauf, und es liefen mir heiße Tropfen auf die weiße Schürze hinunter.
Nicht lange darauf reiste Herr Bürger ab, früher, als er beabsichtigt hatte, und ich vermute, daß dies wegen Fräulein Söderblüm geschah. Ich bekam in den nächsten Tagen einmal ein Bild geschenkt, darauf alle Kurgäste photographiert waren und entdeckte darunter mit Freuden auch Herrn Bürger. Ich hob es auf und schaute es zuweilen an; auch dachte ich in den stürmenden Winternächten, da ich lange schlaflose Stunden auf meinem Bette lag, manchmal mit leiser Betrübnis noch an ihn. Als aber das Frühjahr anbrach und auf dem Gottlosen Zinken das schöne Leben wieder anging, hatte ich ihn ob dem vielen andern, das mein Herz erfüllte, sänftlich vergessen.
In den ersten Junitagen widerfuhr mir ein kleines Unglück; ich brachte den rechten Zeigefinger in die Futterschneidmaschine, und es war ein ordentlicher Schrecken. Das Blut lief wie ein Brünnelein, und mir wurde, als ich das fetzige Glied besah, übel und schwindelig zu Mut. Doch wurde ich alsbald in Frau Finkenlohrs Schlafzimmer in einen tiefen und weichen Großväterstuhl gesetzt, bekam ein süßes Likörlein zur Stärkung und, da mir vor dem Doktor graute, verband mich die alte Frau sachte und kunstgerecht mit einer weißen Leinwand. Die nächsten Tage vergingen mir in höchlich angenehmer Faulenzerei; zumeist saß ich, den Arm in der Schlinge, auf dem breitästigen Holzbirnbaum im Garten, dessen niedriger Stamm bequem mit einer Hand zu erklettern war, sah neidlos und mit geheimer Vergnüglichkeit die andern ihrem schweren Geschäft nachgehen, wohl wissend, daß ich bald genug wieder mittun könne, und las einen alten Kalender oder in Frau Finkenlohrs Kochbuch, – oder feierte so ins Blaue hinein.
Doch dauerte dies nicht lange; es wurde mir bald jämmerlich langweilig und ich hätte herzlich gern wieder mitgeschafft. Auch stand es mit dem Finger nicht gut; er wollte nicht recht heilen, begann zu eitern und tat mir weh.
In diesen Tagen kam der reiche Herr Bürger wieder auf den Gottlosen Zinken gereist, um seine Sommerfrische da zu verbringen. Er bewohnte seine alte Stube wieder und lebte genau wie im Winter; ich sah ihn aber kaum, da ich wegen des Fingers keine Gäste bedienen durfte.
Nun geschah es eines Nachmittags, daß Herr Bürger ins Dorf gehen wollte, um in der Kirche Orgel zu spielen, und Frau Finkenlohr bat, ihm jemand vom Gesind mitzugeben zum Bälge treten. Es war aber alles draußen beim Heuen und alle Kräfte aufs höchste angespannt, sodaß keine Fußzehe übrig war zu Herrn Bürgers unnützem Geschäfte. Da kam Frau Finkenlohr zu mir: ob ich nicht eine Stunde Orgel treten wolle; ich täte ihr einen großen Gefallen damit, weil sie den höflichen und ordentlichen Herrn nur ungern abgewiesen hätte. Ohne Besinnen sagte ich zu und lief alsbald an Herrn Bürgers Seite fort. Er wollte es erst nicht zulassen, daß ich mitging, weil ich ja verwundet sei und am End auch noch Schmerzen habe; als ich ihm aber lachend versicherte, daß man ja nicht mit den Händen Orgel trete, ich an den Füßen aber gesund sei und mich auf die Musik freue, nahm er's an.
Alsdann waren wir in der stillen, kühlen Kirche; das Licht floß in ruhigen Strahlen durch die dunkelfarbenen Fenster in den hohen Raum. Der Herr spielte, die Musik schien mir selig schön und erfüllte mit feierlichem und mächtigem Gewoge die Stille. Ich stand zunächst der Orgel auf einem schmalen Brette, schwebte langsam und sänftiglich auf und nieder und die strömende Schönheit erfüllte mich mit beklommenem Jubel. Dieweil ich aber mit Innigkeit auf Herrn Bürger herunter sah und gewahrte, daß sein dünnes Kittelein, das er der Hitze wegen trug, am Aermel vorne ausgefranst und ein wenig zerrissen war, auch am Kragen etwas fleckig, was wohl daher kommen mochte, daß niemand sich liebend um ihn kümmerte, als ich so von der Seite her sein müdes, trauriges Gesicht und seinen schon leise grau werdenden Kopf anschaute, da erfaßte mich eine tiefe Bewegung, ich konnte nimmer Herr drüber werden, und mit einemmale war in mir wieder die ganze glühende, stöhnende, todestraurige Liebe zu dem feinen Herrn wie ehedem bei jener Kaffeevisite.
Nun brach eine böse Zeit über mich herein. Jeden Tag ging ich mit Herrn Bürger ins Dorf zum Orgeltreten, und die stille, kühle Kirche wurde mir zum Orte stürmendster Not und Bedrängnis; Musik, dunkel glühendes Licht und meine junge, sich schmerzvoll bäumende Liebe rissen mir am Herzen in stöhnender Lust und Qual. Da stand ich, betörend nahe dem geliebten Menschen, auf meinem schwankenden Brettlein, zitternd vor sehnlicher Begier, daß ich den armen, müden Kopf hätte an mein Herz nehmen mögen und ihm Liebes tun.
Sprach er irgendwann mit mir in seiner gewohnten, freundlichen Weise, so schoß mir eine strömende Röte ins Gesicht, es machte mich schwach und elend, und oft wandte ich mich ab und lief davon, damit er nicht sähe, wie mir das Wasser in die Augen kam.
Ach, jene Liebe spielte mir übel mit; dazu wurde der Finger immer schlimmer, sah bös und dick und geschwollen aus und tat mir Tag und Nacht weh. Frau Finkenlohr meinte, man könnte nun allerhöchstens noch einen oder zwei Tage zuwarten, dann aber müsse ich zum Doktor. Wenn ich des Morgens in ihrem weichen Sessel saß und sie mich unendlich zart und behutsam und geschickt verband, dann mußte ich allen Willen zusammennehmen, daß ich nicht aufheulte und mich an ihre Brust warf und ihr das erzählte, wozu ich ihre Liebe und Zartheit noch viel nötiger gehabt hätte. Aber das durfte man nicht; man mußte alles allein ausfressen.
Sobald es dunkel wurde, fing es in dem bösen Finger an, ohne Unterlaß quälend, peinigend zu klopfen und mit einem stechenden Schmerz gegen den Unterarm hinauf zu ziehen. So ging es bis zum andern Morgen immerfort; aufs letzte hin waren es schlimme, schlimme Nächte. Ebenso unaufhörlich aber, glühender und böser trieb die Liebe mit mir ihr stummes grausames Spiel. Es wäre mir Seligkeit gewesen, im Dunkeln an seine Stube zu gehen und gleich einem Hund, wie damals bei Frau Gunhild, vor seiner Türschwelle zu liegen, und ich hätte dann viel Schmerzen nimmer gespürt. Und doch, wenn ich nur an so etwas dachte, so schüttelte mich die Scham und ekelte mir vor mir selber. Schlaflos lag ich auf meinem Bette, warf mich gequält hin und her und sah Herrn Bürgers Gesicht mit hohnvoller Deutlichkeit vor mir schweben, spürte Gewalten in mir, die ihm hätten helfen mögen und ihm Ströme von Liebe schenken und durch tausend Feuer für ihn gehen. Und ich durfte es ihm mit keinem Blicke zeigen!
Dann sprang ich auf und rüttelte in blinder Wut an meinem Türpfosten und biß die Zähne in das harte Holz, daß ich nicht schrie vor Traurigkeit. Höhnisch erschien vor meinen Augen jener Abend am Flusse, da ich gemeint hatte, auf alles ein Sprüchlein zu finden und mein Herz gefeit zu haben gegen jegliche Not und Verzweiflung; und nun war die ganze Weisheit zerronnen wie Nebel, ich war trauriger und verzweifelter als je, suchte vergebens nach einem Sinn, nach einem Funken von Erhabenheit und Größe in diesem hündischen Elend. Die Natur, die mir damals voller Liebe ihr unverhülltes Gesicht gezeigt hatte, blieb mir heute stumm und fern; vor meinem Fenster hing die Nacht, schwarz, tot, reglos, ohne Stürme, ohne Sterne, und es war alles blind und blödsinnig.
So trieb ichs die langen, schweren Nächte hindurch, stöhnte, weinte und litt Schmerzen, und es kam kein Schlaf in meine Augen. Am Morgen lag ich erschöpft und zerschlagen auf meinem Bett, und in allem Elend und in aller Müdigkeit war mir gleichsam als bitterer Trost das eine bewußt, daß es so nicht lang mehr weiter gehen könne, weil ich am Ende meiner Kraft sei; auch war eine lauernde Spannung in mir, wie dies alles wohl ausgehe und sich lösen könne.
Als sich Frau Finkenlohr etwa am achten Tage, da Herr Bürger wieder im Hause war, in der Frühe beim Verbinden meinen Finger besah, meinte sie, es sei nun soweit und ich müsse anderntags zum Doktor in die Stadt, und als ich nach dem Mittagessen müde und verheult in der Küche hockte, schickte sie mich in meine Kammer; ich solle zu schlafen versuchen, Herr Bürger gehe heut nicht zum Orgeln.