Und es ergriff mich eine heftige Lust, immer mehr von jenem schönen, geheimnisvollen Leiden zu lesen und zu hören, und schließlich eine Sehnsucht, es selbst zu haben und seinen Reiz und seine Qual und Süße am eigenen Gemüt zu empfinden. Ich wußte, daß auch Gottfried diese Krankheit habe; ja, vielleicht hatte er sie mehr als irgend ein anderer, und gegenüber der unsäglichen Reizbarkeit seiner Seele, gegenüber seinem Auskosten aller Stimmungen und Launen und seinem überfeinen Empfinden kam ich mir selber in meiner unverweichlichten Kraft und Kindhaftigkeit stumpf und plump vor; – mein Wunsch, Gottfried seelisch nahe zu kommen und ihm nachempfinden zu können, vermischte sich nun mit dem, selber dieses verfeinerten, traumhaft schönen Lebens teilhaftig zu werden; ich fing an, den Regungen meiner Seele nachzugehen, spürte, daß in meinem Geschick und Wesen rätselhaft viel war, das mit dem der Dichter zusammen klang, es freute mich, und ich war damals wahrhaftig nahe daran, jenes müßige, in Schönheit träumende Leben der Romane für unendlich wertvoller zu halten als meine unmodern gesunde Jugend, meine Lust an körperlicher Arbeit und alles, was noch echt und brauchbar an mir war.
Nun fing ich auch an, meine eigenen Verse für mehr zu halten als früher; der Quell, daraus sie flossen, war reich und springend. Es ging ein großes Blühen und Plänemachen in mir an; ich wollte später einen Roman schreiben und ein Drama und noch viele, viele Gedichte. Am meisten Lust hatte ich vorerst zu einer kleinen, feinen, gut geformten Novelle; ich dachte daran als an etwas, das mir lieb und kostbar war wie ein Mensch, und ich fing auch an, sie zu schreiben.
Von alledem sagte ich niemand etwas; ich stand in der Küche und im Feld, tat am Leben der andern so vergnügt als es gehen wollte, mit und freute mich nur immerwährend des geheimen Lichts, das ich in mir trug und des unsichtbaren Reiches, zu dem ich nun gehörte.
– Da schrieb mir meine Mutter einen Brief, darin sie mich mit lieben Worten bat, den Gottlosen Zinken zu verlassen und zu sehen, ob ich nicht in jener Stadt, wo meine Schwester verheiratet war, eine Stellung bekäme. Es scheine ihr, als sei bei der Margret nicht alles, wie es sein solle, und als ob es gut wäre, wenn sie einen Menschen in der Nähe hätte, der manchmal nach ihr sähe.
Nun muß ich aber ehrlich sagen, daß, als ich in dem Brief der Mutter den Namen jener Stadt las, mein Herz nicht vor Sorge, was mit der Margret los sein könne, plötzlich zu klopfen anfing, sondern weil dort Gottfried wohnte und weil der Gedanke, ihm dann nahe zu sein, mich jäh mit stürmischer Freude erfüllte.
Ich trug den Brief zur Großmutter Finkenlohr; wir bedachten uns ein paar Tage; und als wir eine geeignete Stellung für mich in jener Stadt erfuhren, war mein Schicksal beschlossen.
Ach, es war nicht leicht, von dem guten, warmen, fröhlichen Zinken fortzugehen und in einer fremden Stadt ohne den Schutz der lieben, mütterlichen Frau Finkenlohr zu leben, die letzten Tage vergingen herb und voll Wehmut. Zum Abschied tat man mir noch alles Gute; Frau Finkenlohr begleitete mich selber zur Bahn, schob mir noch eine Schachtel voll Zimmetsterne in den Wagen und küßte mich warm auf beide Backen. Der Zug fuhr an, lange sah ich noch in der Ferne ihren Kapotthut mit den roten Röslein fröhlich wippen, und es war mir trübselig zu Mut, solange ich durchs Wagenfenster mein geliebtes Hochland sah. Doch wurde mir besser, als ich durchs Unterland fuhr und Flüsse erblickte und helle Dörfer in der Obstblüte, und als am Abend die Türme der Stadt in einem roten Sonnenschein vor mir lagen, schlug mein Herz vergnügt und verlangend der Zukunft entgegen.
Fünftes Buch
Ich war im Hause eines reichen Professors untergekommen und übernahm allda die Küche und die Führung und Leitung des Haushalts. Außer mir waren noch eine alte, abgedankte Haushälterin da, die früher das Regiment geführt hatte und der nun die persönliche Bedienung der Herrschaften oblag – und noch eine kleine Bauernmagd für die groben Geschäfte. Kinder waren keine im Haus, dafür aber Gäste, Gesellschaften und ein bewegtes Leben. Was mir mein Amt lieb machte, war, daß mich die Professorsleute schätzten und in Ehren hielten, mich frei und selbständig schaffen ließen und dann noch das, daß mir die Küche übertragen war. Schon auf dem Gottlosen Zinken hatte ich das Kochen mit Leidenschaft betrieben, nun, da ich's ohne Aufsicht durfte und merkte, daß man viel Wert drauf legte, tat ich's erst recht gern. Ich kann mir nun nicht helfen – es ist schon so, und ich kann's auch in keinerlei idealem oder geistigen Zusammenhang erklären, warum ich diese so äußerst materielle und vulgäre Neigung mit solcher Liebe hegte, ich habe wenig anderweitige Talente, kann weder Klavier spielen, noch malen oder gut singen; ich bin aber stolz darauf, gut kochen zu können, und wenn es mir gelingt, etwa ein Spanferkel rösch und knusperig zu braten, eine feine Sauce fertig zu bringen oder ein Sülzlein schön und ohne Tadel zu bereiten, so bin ich mit Hochgefühl und tiefer Befriedigung erfüllt und wer mich deshalb verachtet, soll es tun; anders macht mich keiner.
Auch traf es sich, daß des Professors Haus ganz nahe dem meines Schwagers stand, ein schmaler Hof lag dazwischen und die Gärtlein hinter dem Haus stießen zusammen. Die Gasse, darin die beiden Häuser waren, zog sich dicht am Schloßberg hin; von der Wohnung meiner Verwandten ging ein hölzerner Steg zum Berg hinüber, wo sie unterhalb der Schloßmauer ein sonniges Stücklein Land besaßen.
Zu Anfang litt ich an einem mächtigen Heimweh nach dem Gottlosen Zinken; es war mir ein kleines Zimmer zugewiesen, das gegen den Berg zu ging und in dem es ewig dunkel und kühl war. Ach, da war kein weiter, heller, hochgewölbter Himmel, kein freies, stilles, schönes Land, es gab keine tosenden Stürme, die in herber Herrlichkeit die Nächte durchfuhren, es gab keinen nahen Wald mit stöhnenden und windverwühlten Bäumen! Man mußte sich hübsch bescheiden lernen; hier war alles voller Berge, Gassen und Gelärm und bedrückte mich elend.
Allmählich aber gewöhnte ich mich dran; eine Menge neuer, farbiger Eindrücke stürmten auf mich ein, das vordem so leuchtende Bild des Gottlosen Zinkens verblaßte sacht in mir.
Da lebte vor allem im Hause selber ein Mensch von höchst wunderlichem Gebaren, das war die alte Haushälterin Genovev; da sie von Alters wegen fast keinen Dienst mehr tun konnte und das Zusehen hatte, wie eine Junge ihr das Regiment aus der Hand nahm, tat sie mir leid, und ich bemühte mich geflissentlich um ihre Gunst, was sie mit der Würde und Majestät einer gekränkten Kaiserin hinnahm. In seltenen guten Stunden fühlte sie sich bewogen, mir aus dem Schatze ihrer reichen Lebenserfahrung einen guten Rat zu geben; etwa, daß, wenn eine Sauce zu dunkel wäre, man Milch hineintue; werde sie aber zu hell, so nehme man Zichorie oder Kaffeesatz.
Von außen betrachtet, war sie ergötzlich anzusehen, – klein, fett, mit verschmitzten Sauäuglein, aus denen sie ganz nach Belieben dicke, runde Tränen kullern lassen konnte, soviel sie benötigte. Auf dem Haupt trug sie ein halbes Pfund Haarnadeln und ein winziges, graues Schwänzlein in wenig schöner Anordnung. Sodann hatte sie eine beträchtlich rote Nase mit sanften bläulich-violetten Schattierungen; diese aber, sowie täglich mehrmaliges, geheimnisvolles Verschwinden der Alten in der Richtung auf den Keller zu, auch manch mysteriöses Sich-zu-schaffen-machen an des Professors Likörschrank und ein affenartig schnelles Verschwinden, wenn in solchen Augenblicken jemand in die Stube trat, brachten mich auf finstere Verdächte, die sich leider immer tiefer begründeten. Ich bestrebte mich nun zwar, zu tun, als ob meine Augen nichts gesehen hätten und mein Herz von nichts wüßte; doch schwand meine tiefe Hochachtung und ich brachte es von da an nimmer fertig, sie zu behandeln, als ob sie aus Marzipan oder die Kaiserin von China sei. Sobald sie aber dies herausgefunden hatte, änderte auch sie sogleich ihr Benehmen gegen mich und bombardierte mich nun täglich mit einem Schwarm von äußerst schlauen, feinen Bosheiten.
Dessenungeachtet aber war sie ungeheuerlich fromm, Bibelsprüche und erbauliche Liederverse liefen ihr wie Wasser vom Mund; keine Predigt, keine Betstunde noch Beerdigung waren vor ihr sicher. Mit tiefer und wortereicher Verachtung sah sie auf die übrige Menschheit herab, die voller Gottlosigkeit und Unzucht dem Pfuhl der Hölle zustrebte; sie selber war eine Heilige, Märtyrerin und göttlich Begnadete; sie hatte bedeutsame Träume und Gesichte, darin der Herr selber mit ihr sprach und ihr Propheten und Apostel erschienen, ja, zeitweise war sie ganz in den Himmel entrückt, schwankte, lallte Unverständliches, schlief darnach wie ein Kartoffelsack und erzählte Tags darauf von der Herrlichkeit des himmlischen Jerusalems, die sie geschaut hatte.
Besonders des Abends, wenn zuvor Genovev und Kellerschlüssel dunkle, geheimnisvolle Viertelstunden lang »entrückt« gewesen waren, war jene göttliche Begnadigung groß. Das Hausmädchen und ich standen andächtig lauschend in der Küche bei ihr, sie aber saß mit mächtig tönendem Redeschwalle, nur von gelegentlichen grunzenden Lauten unterbrochen, auf ihrem breiten Küchenstuhl, die Aeuglein glänzend und verzückt gen Himmel geschlagen, und sie drückte daraus fleißig kugelnde Tränen über die fetten Backen hinab. Sie sprach von der Verderbnis der Welt und menschlichen Natur und mehr noch von dem Golde und den Harfen und Engelscharen der Oberen Stadt, darinnen sie schon im Geiste weilte, sie gestikulierte mit unsichtbaren Evangelisten, Heiligen, Prälaten und Generalsuperintendenten, mit denen sie auf du und du stand, schneuzte mit Ekstase in ihr kariertes Sacktuch, schluchzte dazwischenhinein, daß es ihr Herzstöße gab und hob die Arme schwärmend himmelan. Bis sie dann von all diesen Erscheinungen, Gesichten und vom Lobe Gottes müd war, immer mysteriösere Laute von sich gab, gefährlich auf ihrem Stuhl zu schwanken begann und schließlich vornüber auf den Küchentisch sank und alsbald ein kräftiges Schnarchen hören ließ.
Diese Stunden aber waren so ungeheuer närrisch und erheiternd, daß ich jedesmal darnach erfrischt und aufs lebhafteste ermuntert wie nach einem köstlichen Bade die Küche verließ, und daß mich oft in der Nacht noch das Lachen schüttelte, wenn ich dran dachte. Auch brachte ich es um deswillen fertig, ihr alle Boshaftigkeit, die sie mir antat, zu verzeihen, so daß unser Verhältnis vorerst bis auf ein paar kleine, spitzige, schlau und verhüllt geführte Feldzüge täglich das denkbar beste war.
– Bei meinen Verwandten war ich am ersten Abend noch geschwind gewesen; Margret schien es körperlich nicht gut zu gehen, auch wollte es mich bedünken, als stünde es mit des Schwagers Geldwesen nicht gut; man hätte im Haushalt einteilen und sparen sollen, dazu war aber die schöne, lustige Margret nicht geschaffen, auch wenn sie sich Mühe gab, brachte sie's nicht fertig. Eine Magd konnten sie sich nicht halten; es war nur eine Frau da, die des Morgens im Haushalt etliches half. Nun wurde es Margret zuviel, der Schwager wollte gut gekocht haben und ein geselliges Leben führen, und dazu waren die vier kleinen, lebhaften Kinder da.
Doch merkte man von diesem allem, so von außen betrachtet, außer etlicher Schlamperei in den Stuben und gelegentlich einem zerrissenen Hemmedlein der Kinder kaum etwas, die Eheleute hatten einander lieb wie in den Flitterwochen, führten ein eigenartiges, höchst vergnügtes Leben, ließen fünfe gerade sein und machten sich keine Sorgen. Mein Schwager war ein großer, imponierender Mann mit einer mächtigen Leibesfülle; so wenig mir sein dicker Bauch gefiel, so schön erschien mir sein Gesicht, – von fröhlichem, gewinnendem Ausdruck, wahrhaft edel im Schnitt und voller Gescheitheit, dazu von dichten, dunkeln und gelockten Haaren umstanden. Er war ruhig und sicher im Wesen und gefiel mir recht gut.
An meinem ersten freien Sonntag, über den ich schon von der Frühe an verfügen durfte, ging ich nun hinüber, um ihn mit meinen Verwandten zu verleben; es war morgens um acht Uhr, und die Sonne schien heiter auf das Schild am Haus: Adolf Fouqué, Antiquariat und Sortiment.
Die Wohnung lag über zwei Treppen hoch; da die Glastür unverschlossen war, trat ich ein und gelangte vor das Wohnzimmer, daraus mir eine schöne, feierliche Klaviermusik entgegenkam. Mein Klopfen wurde nicht gehört, so ging ich hinein, und es bot sich mir ein vergnüglicher und seltsamer Anblick. Mein Schwager saß im Hemd am Klavier und spielte; durch die weit offene Tür sah man in ein noch von der Nacht her mit einer genialen Schlamperei beseeltes Schlafzimmer, wo Margret mit rot geschlafenen Backen und strahlenden Augen im Bette lag, ihr Jüngstes im Arm, und die hellen Zöpfe hingen wirr und halb offen übers Kissen hinunter. Die Sonne füllte blendend beide Stuben, in ihrem Schein sah man alle Möbel mit einem gemütlichen Staube bedeckt; auf dem Klavier war mit dem Finger geschrieben ein griechischer Vers in dem grauen Pelzlein zu lesen. Auch hatten die meisten Dinge hier wie in der Schlafstube die Eigenart, just an dem Orte zu liegen, wo sie nicht hingehörten, von Margrets himmelblauem Sonntagskleid an bis zu dem Sandkistlein der Katzen, deren etliche mit fröhlichem Getümmel die Stube bevölkerten und in prächtiger Ungeniertheit über Tische, Betten und Klavier spazierten.
Der Schwager fuhr rücksichtsvoll in eine Hose, als er mich erblickte, ließ sich dann aber nicht weiter in seinem Spiele stören; Margret bedeutete mir stumm, mich zu ihr auf's Bett zu setzen. »Weißt du,« sagte sie leise, als ich bei ihr war, »das ist bei uns alle Sonntage so; ich darf mir meine Lieblingsstücke bestellen, Adolf spielt alles ohne Noten. Das ist unsere Morgenandacht. Ach, hör doch, das ist Bach – ist das nicht wunderbar schön? Du mußt nun ganz still sitzen bleiben, gelt, und zuhören!«
So saß ich denn, obgleich es mein Hausfrauenherz mächtig gelüstete, die Betten zu schütteln, das Kind anzuziehen und schließlich das Nötigste abzustauben, nun höchst unvernünftigerweise stille auf meiner Schwester Bett, und allmählich drang der Zauber dieser morgendlichen Stunde auch in mein verstocktes Gemüte. Margret lag in halber Verzückung da; war der Schwager mit einem Stück zu Ende und hielt einen Augenblick inne, so sagte sie unverweilt und mit Feierlichkeit, als liege ihr das Wort seit langem freudig bereit, den Namen eines nächsten, worauf er denn auch alsbald lächelnd weiter spielte.
So ging es schön und festlich in den sonnigen Morgen hinein; als Adolf endlich aufstand und mit der Begründung, er habe Hunger wie ein Loch, den Klavierdeckel herunterklappte, war es über zehn Uhr. Margret fuhr munter in einen Schlafrock, lief barfüßig aus und ein und trug, indes Adolf seinen Kaffee kochte, auf dem ungedeckten Tisch ein auserlesen leckeres Frühstück zusammen: die Sonntagsbrezeln und ein paar alte Pumpernickel, eine Büchse mit Oelsardinen, einen Rest Käse und einen Zipfel Wurst, sowie ein Stücklein Braten; die Butter ließ sich längere Zeit nicht finden, – schon hatte man den Kater im Verdacht, da brachte sie Margret im Triumph herein: höchst seltsamerweise war die Butter an ihrem richtigen Platz gewesen, wo man aber leider alten Erfahrungen gemäß zuletzt gesucht hatte.
Und mit dem gleichen schwelgerischen Genusse wie zuvor an Mozart und Beethoven labten sich die Eheleute nun an ihrem üppigen Frühstück; aus der Schlafstube der Kinder nebenan drang nun allmählich ein ohrenbetäubender Lärm, die Katzen waren hungrig und liefen mit steil erhobenem Schwanze auf dem Tisch zwischen Käs und Fischlein einher, steckten auch ab und zu den Kopf in das Milchkännchen; es ging nun gegen elf Uhr, – und doch saßen die beiden, ohne sich im mindesten stören zu lassen oder sich etwa zu beeilen, voll unbegrenzter Behaglichkeit vor ihrem Kaffee, waren herzlich vergnügt über meinen Besuch und unterhielten mich prächtig.
Später tat dann Adolf einen seltsamen, vogelartigen Pfiff, darauf kollerten mit Jubelgeheul die drei hemmetigen Sprößlinge herein, fielen über Eltern, Katzen, Brezeln und Käse her, und die Wonne stieg zusehends. Auch entwickelte man dann eine rührige Betriebsamkeit, wusch und kämmte sich allerseits, zog schöne Kleider an und besorgte das Mittagessen. Der Schwager erwies sich als äußerst geschickt in Haushaltungssachen, tat kunstgerecht den Braten ans Feuer, badete den Säugling und versuchte die Suppe. Des Nachmittags ging man insgesamt spazieren, auf einer frühlingswarmen Wiese legte sich der dicke Schwager ins Gras, die Kinder kletterten ihm auf dem Bauch herum; er wußte eine Unmenge kleiner Kunststücke und Spässe, sodaß selbst uns Großen vor Lachen die Tränen hinunter liefen. In einem Dorfwirtshaus ließ der Schwager dann ein fürstliches Abendessen auffahren; man trank auch Wein dazu, und es war spät in der Nacht, als wir mit den todmüden Kindern wieder nach Haus kamen.
War nun auch der Eindruck, den ich an jenem Sonntag von meinem Schwager erhielt, ein vorwiegend guter und heiterer, so erwies sich leider, als ich ihn in der nächsten Zeit von nahem kennen lernte, daß Fouqué ein äußerst bequemer, egoistischer, ja, sozusagen grundfauler Mensch sei, der für alles Lust, Talent und Liebe hatte, nur keinen Funken davon für sein Geschäft. Er hatte in seiner Jugend verschiedentliches studiert, wovon aus dunklen Gründen nichts zum Abschluß gekommen war, hatte dann zum Buchhändler umgesattelt und vom väterlichen Erbe sein jetziges Geschäft gekauft. Auch sei er schon einmal kurz verheiratet gewesen; seine Frau, eine Tochter aus guter Familie, sei ihm aber nach halbjähriger Ehe wieder davon gelaufen, weil er sie nicht habe verhalten können.
Nun war er an die Margret gekommen; die Grundsätze und Anschauungen der beiden, was ein fröhliches Leben und eine geniale Wursthaftigkeit gegenüber aller Pflicht und allem Ernste anbelangte, fügten sich so prächtig zusammen wie ihre schönen, heiteren Gesichter. Wenn sie nun nicht bedauerlicherweise jedes Jahr ein Kind bekommen hätten, für das gesorgt sein wollte, wenn nicht auch von diesen beiden Glücklichen jeden Tag eine tüchtige Portion Arbeit und Dazutun gefordert worden wäre, ja, dann wäre wohl alles gut und glatt gegangen.
Der Schwager war zu einem schönen Leben, zum Freuen und Genießen geschaffen wie selten einer; ob er aus seines Ladens Bedrängnis heraus eine Weile in seinem Mauergärtlein sich frische Luft und Sonne zuführte und an seinen Rosen roch, ob er mit seinen hübschen Kindern Narreteien trieb, ob er Mozart hörte oder ein Gansleberlein aß, – immer tat er es voller Andacht, bedachtsam alles Schöne, auch das Bescheidenste, tief und dankbar in sich aufnehmend und voll köstlich bewußter, genießerischer Lust und spitzfindigem Auskosten alles Gebotenen. Er verfügte über eine Masse Talente und Fertigkeiten, die das Dasein etwa schön und vergnüglich machen konnten, er dichtete, spielte Klavier, konnte kochen und war ein ausgezeichneter Gärtner; er hatte eine seltsame, sichere Art, viel Wein zu trinken und darnach heiter und voll prächtiger Laune zu werden, ohne jemals auch nur im geringsten betrunken zu sein. Er war sehr belesen und weit gereist, dazu klug und fabelhaft witzig, konnte zwanzig Leute auf einmal unterhalten, gewinnen, hinreißen und bestrickend leichtsinnig und übermütig lachen wie ein Knabe.
Und nun war es wiederum so: wäre Herr Fouqué ein Rentner oder Baron oder schließlich auch Kanzleirat mit sieben zu verschlafenden Bürostunden täglich und gesichertem Gehalte gewesen, – so hätte können alles in Ordnung sein und er wahrscheinlich hoch angesehen und wertgeschätzt von allen Seiten. So aber war er in der Stadt in einem üblen Gerüchlein und von etlichen Stimmen als Lump und Fauler verschrieen; denn es war wohl bekannt, daß er bis zehn Uhr morgens im Bette lag und nie vor elf im Geschäft erschien, daß er oft bis weit über Mitternacht sich mit ihm ebenbürtigen Kumpanen in der Weinstube zum Blauen Kater herum trieb, daß man die hübsche Frau Fouqué stets, wenn es die Miete oder einen Wechsel zu bezahlen gab, verweint und augenscheinlich in großen Nöten sah; fernerhin, daß, wenn einer etwas bei Fouqué bestellte, es ihm stets mit liebenswürdigster Bereitwilligkeit auf den übernächsten Tag versprochen wurde, aber meist nicht vor Ablauf etlicher Wochen besorgt, – wenn es Fouqué nicht etwa ganz vergaß. Ja, man erzählte sich sogar, daß die Weihnachtsnovitäten pünktlich vom vierundzwanzigsten Dezember ab bei Fouqué zu haben waren.
Dieses alles erkannte ich nun so nach und nach und wurde mit Betrübnis inne, in welches Loch voll wunderlichen Elends die Margret da geraten war; denn wenn's die beiden auch mit Vergnügtheit und zumeist mit Anstand trugen, so war es doch da und tat mir umso weher, je mehr sie mit Blindheit und leichtem Sinn drüber weg gingen, kein Fingerlein regten, es besser zu machen und immer tiefer hinein gerieten. Am meisten Sorge machte mir Margrets Gesundheit; ich hätte sie am liebsten eine Weile heim zur Mutter geschickt und inzwischen ihrem verlotterten Haushalt ein bißlein auf die Füße geholfen; doch ging es nicht, weil ich ja gebunden war; auch lachten mich Margret und der Schwager ob eines solchen Vorschlags schallend aus; so weit sei's nun doch noch nicht.
Da war es nun gut, daß ich in mir einen mächtigen, unsichtbaren Strom trug, der voller Glut und Unerschöpflichkeit darnach drängte, gebraucht zu werden: hier konnte ich ihn springen lassen, und er wurde allsogleich dürstend und dankbar aufgesogen. Fast jeden Abend war ich nun drüben bei Fouqués, um Margret zu helfen; jede freie Stunde, die ich erübrigen konnte, jeden Sonntag und tief in die Nächte hinein schaffte ich, – die Mutter sollte mir nicht umsonst geschrieben haben; ich räumte Margrets Stuben auf, kochte ihr Gesälz ein, flickte des Schwagers Socken und der Buben Hosenböden, und je länger ich drüben war, desto mehr und inniger wuchs mir die ganze fröhliche Bande ans Herz.
– Jeden Dienstag waren die Professorsleute bei Bekannten zum Abendessen eingeladen. Wir waren alsdann frühe mit der Hausarbeit fertig, kochten uns noch einen Brei, und nach dem Essen sagte man einander Gut Nacht.
Diese Abende nun hatte ich für Gottfried bestimmt; jeden Dienstag zur verabredeten Zeit wartete er vor meinem Haus auf mich, und ich ging mit ihm auf seine Stube.
Dann saßen wir beieinander, immer hatte er die Hefte weggeräumt und einen Strauß auf dem Tische stehen, der Hölderlin lag dabei, und vom Gottlosen Zinken war ein Korb voll rot und gelber Aepfel da. Ich saß auf dem alten, geschweiften Sofa in der Ecke, und Gottfried hatte seinen Kopf auf meinem Schoße liegen.
Ich glaube, daß kaum ein Mensch eines solch unsäglichen Glückes teilhaftig ward, wie ich es in jenen Stunden genossen habe, mein Leben stand in seinem höchsten Glanz, wurde erfüllt und gesättigt. Und was etwa noch darnach kommen mochte an Not und Schmerzen, mußte ich willig annehmen und tragen, denn was irgend an Herrlichkeit und göttlichem Glanze einem Menschen gegeben wurde, das hatte ich nun empfangen und ausgetrunken bis zum Grunde.
Es war Anfang Februar und bitter kalt, als Gottfried an einem Dienstag abend zur gewohnten Stunde nicht vor meinem Hause zu sehen war. Ich lief ungeduldig auf und ab und spähte nach ihm aus, wartete noch eine Weile und ging dann schließlich allein durch die schon beinahe dunkeln Gassen zu dem Haus, in dem er wohnte und die wohlbekannte Stiege hinauf.
Droben klopfte ich, und im nächsten Augenblick hing er an meinem Halse.
»O du, ich freue mich unsäglich, daß du da bist. Eben wollte ich Angst bekommen, du kämst am Ende nicht. – Weißt du, ich habe einen Husten, und es war mir schon den ganzen Nachmittag nicht so recht gut, – so ein blödsinniges Stechen den Rücken herauf und da, an der Seite. Aber nun bist du ja da! Gelt, du mußt verzeihen, daß ich dich nicht abgeholt habe –.«
Er küßte mich und nahm mir Mantel und Pelzmütze ab. Dann aber zog ich ihn auf's Sofa und nahm ihn strenge ins Gebet.
Seit wann er die Schmerzen habe? Was er dagegen tue? Warum er nicht im Bett liege und keinen Arzt habe holen lassen?
»Ich wußte ja, daß du kämst,« sagte er ruhig und sah mich mit glänzenden Augen an.
Ich wollte nun entschieden, daß er sich sofort ins Bett lege und stand auf, um wieder meinen Mantel anzuziehen und zu gehen. Doch hielt er mich mit aller Kraft fest und bat so flehentlich, ich möge doch noch eine Weile da bleiben, daß ich ihm den Willen tat.
»Ich habe den ganzen Nachmittag immer fort an dich gedacht und die Stunden gezählt, bis du da sein würdest, nun darfst du nicht so wieder gehen. Komm, du kannst mir nichts Lieberes tun, als wenn du mir etwas vorliest, und ich darf meinen Kopf in deinen Schoß legen; dann vergesse ich alles, was mir weh tut.«
Also blieb ich, legte eine Decke um ihn und setzte mich zu ihm; ich zog die Lampe zu mir her und las ihm aus Grimms Märchen vor.
Wir kamen jedoch nicht weit. Jählings wurde Gottfried von einem bösen und qualvollen Husten befallen, und währenddem ich ihn fest und tröstend in den Armen hielt, spürte ich wohl, wie heiß sein Kopf war und wie ihn die Schmerzen würgten und schüttelten, und ich hörte, wie er leise stöhnte.
»Das hat verzweifelt weh getan,« sagte er, als es vorbei war. »Wenn ich nun heute Nacht allein bin, und es kommt noch oft so?« – –
Wir sahen einander bekümmert und ratlos an.
Plötzlich richtete er sich auf und legte die Arme um meinen Hals. »Du Agnes, ich weiß etwas: Du bleibst heut Nacht bei mir. Du hast schon oft gesagt, daß man es bei euch nicht merkt, wenn du spät heimkommst. – Morgen früh gehst du beizeit, nimmst meinen Hausschlüssel mit, daß du hinaus kannst, und deine Schlüssel hast du ja bei dir; siehst du, es geht herrlich!«
Ich wehrte ernst und erschrocken ab, er brachte immer neue Einwände vor, schmeichelte und bat inständig. Dann wandte er sich auf einmal weg, sein Gesicht war dunkel überlaufen, und er sagte traurig und leise: »Ach, ich weiß schon. Ein Mädchen tut so etwas nicht gern. Nein, dann geh nur. Ich muß halt allein auskommen.«
In mir stürzten die Gedanken hin und her; ich war verlegen, traurig und verwirrt und wußte mir nicht zu helfen. Meine ganze sehnliche Liebe zog mich, da zu bleiben; schließlich tat ich alle Philisterei beiseite, mein junges und glühendes Menschentum stand gewaltig und zwingend in mir auf wie nie zuvor und ich konnte nicht anders, als mich zu ihm hinbeugen und sagen, daß ich bei ihm bleiben wolle.
Wir gingen dann noch vor seine Stube hinaus und sahen die Treppe hinunter, ob bei der Vermieterin, die einen Stock tiefer wohnte, das Licht aus sei; sie pflegte alsdann im Bette zu sein, was uns sehr lieb gewesen wäre, und richtig war alles still und dunkel drunten. Der Hausknecht vom Laden im Erdgeschoß hatte nebenan seine Kammer, er war vor einer Weile heraufgekommen, und wir hörten sein Geschnarche durch die Tür hindurch.
Als wir nun wieder in der Stube waren, und die Tür verschlossen hatten, brachte uns das Bewußtsein, daß wir nun eine ganze Nacht zusammen sein dürften, in einen tollen und freudigen Liebesrausch; wir standen minutenlang und hielten uns eng umschlungen, küßten uns und wurden erst daraus gerissen, als Gottfried von einem neuen Hustenanfall gepackt wurde.
Dann kam die Nacht; und von den Nächten meiner Jugend, da ich geliebt, gelitten, gefeiert hatte und selig war, ist mir jene vor allen schön und rein und leuchtend im Gedächtnis.
Ich verstand weiß Gott nichts von Krankenpflege; ich tat eben so, wie es mir Liebe und Einfalt eingaben. Wie ein Kind brachte ich Gottfried zu Bett, deckte ihn zu und legte ihm einen kalten Umschlag auf die Stirn. Still, wunschlos und in seliger Zufriedenheit lag er da, ließ alles mit sich geschehen und sah mir immerfort lächelnd nach, wie ich in der Stube ab und zu ging, das Feuer frisch schürte, ein Papier vor die Lampe hängte, damit ihm die Helle nimmer weh tue und ihm zu trinken brachte. Wir hatten ja nichts da als Wasser und ein paar Stücklein Zucker; schließlich fiel mir sein Aepfelkorb ein, und es kam mir darin eine schöne und saftige Winterbirne in die Hände. Ich schälte sie und schnitt sie in kleine Stückchen; damit fütterte ich ihn wie einen kleinen, kranken Vogel, und es war mir wonnig bewußt, wie köstlich es sei, so zu tun. Wenn ihn ein Husten ankam, war ich bei ihm, richtete ihn ein wenig auf und hielt ihn fest und zärtlich an meiner Brust, bis es vorbei war; alsdann deckte ich ihn wieder sorgfältig zu. Dazwischen saß ich still an seinem Bett und hielt seine Hand in der meinen. Auch kam mir der Gedanke, es möchte ihm vielleicht Erleichterung bringen, wenn er ein warmes Tuch auf der Brust hätte; ich holte aus seiner Schublade ein Hemd, machte es am Ofen heiß und legte es ihm zusammegefaltet um, was ihm wirklich ein wenig wohltat.
Und es war sonderbar, solches machte uns glücklicher und erfüllte uns mit größerer Seligkeit als alle Küsse und Umarmungen der guten Zeit.
Später meinte Gottfried, es werde ihm besser, und ich müsse nun schlafen. So richtete ich mir auf dem Sofa ein Lager her, löschte das Licht und legte mich nieder.
Schlafen konnte ich nicht; doch verfiel ich mit offenen Augen in eine absonderliche und beglückte Träumerei, darein mir als einzig Wirkliches und Irdisches Gottfrieds schnelles Atmen drang. Vor dem Fenster hing der nächtige Himmel rein und voll glänzender Sterne, ich dachte weder, daß Gottfrieds Krankheit gefährlich sein könne noch daran, daß es etwa nicht ehrbar und anständig für mich wäre, hier in der Nacht bei meinem Schatz in der Stube zu liegen, – alle meine Gedanken und Träume konnten in unbeschwerter Wonne nur das fassen, wie wunderbar diese Nacht sei.
Hörte ich von Gottfrieds Bett her das geringste Geräusch oder erkannte ich auch nur an seinem Atmen, daß er wach sei und ihn etwas plage, so war ich im nächsten Augenblick bei ihm drüben und tat, was gerade nötig war, gab ihm zu trinken, wechselte seinen Umschlag oder hielt ihn, wenn ihn ein Husten überkam.
Er streichelte dankbar meine Hand. »Wie machst du's denn, daß du es immer so genau weißt, wann ich dich nötig habe? Wenn ich nur denke, ich möchte etwas von dir haben, dann stehst du schon neben mir!«
Einmal sagte er mit leisem Lachen: »Du, wenn die Pfarrer und Schulmeister richtig wüßten, wie das ist, dann würden sie schleunigst dafür sorgen, daß alle Primaner und Konfirmanden eine Liebschaft anfingen. Die einen von den Herren drohen mit der Hölle, wenn man etwas Böses tue, und die andern mit dem Gefängnis; sei man aber brav, so werde man ein ehrbarer Mann und komme in den Himmel. Glaubst du, so etwas könne mich abschrecken oder anfeuern? An eine Hölle glaube ich nicht, und bloß so für mich selber oder weil ich einmal Geheimrat werden möchte, lohnt sich die Streberei wirklich nicht.
Und siehst du, seit ich dich kenne, ist es einfach selbstverständlich, daß ich nichts Gemeines tue und ein anständiger und tüchtiger Kerl werde. Und es ist immerfort ein Wille und Trieb in mir, etwas Großes und Ungeheuerliches zu leisten und heldenhafte Sachen zu vollbringen. Wenn ich jetzt etwa ganz arge Schmerzen aushalten müßte oder sterben würde, so wäre das nur etwas Kleines von dem, was ich um dich tun möchte. Weißt du, ich bin mit diesen Gedanken schon auf ganz blödsinniges Zeug gekommen; ich habe mir die Nase zugehalten und dabei auf die Uhr gesehen, wie lange ich's aushalten könne, ohne zu atmen, und wenn es recht lang war, war ich glücklich. Oder ich bin die Burgfelsen hinaufgestiegen und habe einen fürchterlichen Schwindel überwunden. Und es wäre doch wahrhaftig keine Heldentat gewesen, wenn ich heruntergefallen wäre! – Aber es war alles aus einem Willen zu etwas Großem und Gutem heraus und weil ich dich lieb habe. Es ist schade, daß das die Herren nicht so wissen oder vielleicht vergessen haben.«
– Später nahm er meine Hand und legte sie auf seine Brust. »Da, spür einmal, wie schnell mein Herz schlägt!« Und indem ich fühlte, wie heftig und unruhig das arme Ding sich gebärdete, fuhr er leise fort: »So hat es schon oft geschlagen, wenn ich an dich gedacht habe. Ich habe dich so lieb, wie es kein Mensch sagen und ausdrücken kann. Seit du hier bist und ich deine Nähe immerfort spüre und deine und meine Liebe, bin ich oft wie betrunken vor Seligkeit. Ich kann es manchmal kaum mehr ertragen. Wenn du abends bei mir warst und ich dich heimbegleitet habe, muß ich immer noch stundenlang in der Nacht herumlaufen und auf einen Berg hinauf, daß ich es ein bißchen verschaffe. Ich beiße mir oft in die Hände, oder ich renne mit dem Kopf gegen eine Mauer, und wenn es stark weh tut, dann wird mir's leichter.«
Um halb fünf Uhr rüstete ich mich zum Gehen; Gottfried war sehr müde und meinte, er wolle nachher zu schlafen versuchen, doch war sein Leintuch verstrampft und die Kissen so verwühlt, daß er mir leid tat.
»Nein, du, so geht das wirklich nicht. Weißt du was, – ich wickle dich warm ein und trage dich aufs Sofa hinüber, daß ich dein Bett ordentlich schütteln kann.«
»Ich bin dir doch viel zu schwer,« meinte er ungläubig; doch wickelte ich ihn in seine wollene Decke und nahm den mageren Jungen auf die Arme.
»Siehst du, daß ich es kann,« sagte ich vergnügt, und beim Hinübertragen sahen wir einander selig in die Augen.
Als er dann wohl gebettet und versorgt war und ich schon in Mantel und Mütze vor ihm stand, sah er mich groß und ernst an und meinte dann nachdenklich: »Weißt du, das Allerfeinste müßte sein, wenn man dein Kind wäre!« Und seufzte ein wenig dazu.
Wir verabredeten, daß er zum Arzt schicken solle und daß ich am Abend wieder kommen wolle; dann nahmen wir heißen, zärtlichen Abschied, und ich ging leise und eilig fort.
Auf dem ganzen Heimweg begegnete ich keinem Menschen; die Häuser ragten hoch und stumm, und mein Schritt hallte durch die Gassen; es war so kühl und feierlich und stille, als ging ich in einem Dom oder schweigend morgendlichen Walde, und darüber stand der Himmel mit den schon leise verblassenden Sternen dunkel und voll tiefer Klarheit. Ein Sturm von Jubel und glühender Lust war über mich hereingebrochen. Alle Zukunft und alles, was vordem war, war nicht; mein Leben bestand in dieser einzigen, göttlichen Stunde voll ungeheuerlicher Wonne. In den mächtigen Bränden des Liebhabens und Geliebtwerdens, die ich in mir trug, war diese unerschöpfliche Seligkeit geboren; doch dachte ich weder an Gottfried noch an meine Liebe und nicht an Quell und Ursache dieses Geschehens; Welt und Menschen waren versunken, kaum war mir noch meine eigene Körperhaftigkeit bewußt, so jauchzend war ich dem Unirdischen und Herrlichen zugetan, das mich erfaßt hatte. Mein Weg führte über eine kleine Brücke, zu deren Seiten schmale, steinerne Brüstungen hinliefen, und darunter strömte ein tiefes Wasser schwarz und gurgelnd. Jählings überkam es mich, daß ich auf diese Brüstung steigen und mit ausgebreiteten Armen schwingend und leise schwankend über die dunkle Tiefe zum andern Ende gehen mußte. Wäre ich gestürzt, so wäre es in süßer, schäumender Entrücktheit geschehen und ohne Angst und Reue gewesen. Tod und Leben waren eins geworden und einander gleich in berauschender Schönheit. Immerfort lagen mir Verse und Gesänge auf den Lippen, vergingen, und es kamen neue und schönere, und es war eine brausende Musik in mir, daß ich hätte laut singen mögen oder darnach tanzen.
Als ich vor meinem Hause ankam, war mein Gesicht naß von Tränen. Der stürmende Jubel meines Innern ließ langsam nach; doch war mir das Herz noch den ganzen Tag schmerzend schwer vor Glück.
Als ich am Abend zu Gottfried wollte, waren Bett und Stube leer; seine Hausfrau sagte mir, ein Arzt sei dagewesen, und vor einer Stunde habe man ihn ins Krankenhaus getan.
In einer wunderlichen und verwirrten Bestürzung ging ich eilig die Treppe hinunter und den Weg zum Krankenhaus, und richtig klar und angstvoll wurde mir erst, als ich in einer hell erleuchteten Vorhalle stand und mit dem kleinen, strammen Portier verhandelte.
»Die Besuchszeit ist vormittags von elf bis zwölf Uhr und nachmittags von zwei bis vier Uhr, Fräulein.«
»Ja, freilich; aber mein – Verwandter ist erst heute abend hierher gebracht worden, und ich muß ihn ganz notwendig noch geschwind sprechen, verstehen Sie doch!«
»Ganz unmöglich, Fräulein; durchaus gegen die Hausordnung!«
»Oder wenigstens fragen, wie es ihm geht!«
»Ich muß jetzt das Tor schließen, Fräulein; Sie können morgen anfragen – – –«
In meiner Verzweiflung zog ich den Geldbeutel heraus und gab dem Mann, was darin war; ich glaube, es war ein halber Monatslohn; darauf setzte er sich in Trab, und ich lief ihm nach über einen Hof und Gänge und Treppen, bis ich in einem kleinen, leeren Zimmer vor einer Schwester stand. Es gehe dem Herrn Finkenlohr nicht gut; Lungen- und Rippfellentzündung und noch etwas am Herzen; darauf sagte sie noch etwas Frommes, dann ging ich wieder.
Ziemlich blöde trieb ich mich alsdann in den Straßen herum, bis ich, dem Umsinken nahe vor Müdigkeit, Kälte und einem würgenden Bangen vor Gottfrieds Haus stand. Es stieg so etwas wie Freude in mir auf, als mir einfiel, daß ich den Hausschlüssel noch in der Tasche hatte. Leise wie eine Katze stieg ich zu Gottfrieds Stube hinauf, sie war offen, und ich schloß schnelle die Tür hinter mir zu. Ich zog Mantel und Schuhe aus und ging zum Bett hinüber, es war noch so unaufgeräumt und verwühlt, wie sie ihn draus weggebracht haben mochten. In meiner verzweifelten Müdigkeit legte ich mich drauf hin, und plötzlich spürte ich deutlich zwischen den Kissen und Decken noch eine leise Wärme, die von Gottfried herrühren mußte.
Ich kann nicht sagen, wie wunderlich und tröstend und lieb mir diese Wärme war und wie unendlich wohl sie mir tat. Ich deckte mich zu, wickelte mich fest darein und schlief schnelle ein.
Früh am Morgen war ich wieder im Krankenhaus; mein Portier schien eben aufgestanden zu sein und war außerordentlich höflich. Er bedauerte, daß man so früh noch nicht fragen könne; doch werde er mich über das Schlimmste beruhigen können, die Nachtwache habe eben das Totenbüchlein herunter gebracht; er wolle nachsehen. Er ließ sich den Namen des Patienten nennen und schlug sein Heftlein auf.
»O, bedauerlich, bedauerlich – – hier, wollen Sie vielleicht selbst sehen, Fräulein?«
Da stand es:
Gottfried Finkenlohr, 19 Jahre alt, ex. am 8. II., 3 h 25 a/m. Dann kamen in einer Klammer noch zwei schwere lateinische Wörter, die ich nicht behalten konnte. Ich fragte noch, ob es sicher wahr sei, wenn es in diesem Büchlein stehe, was der Mann mir beinahe übel nahm und mit Eifer bejahte; dann meinte auch dieser etwas Frommes, ich hielt mich ein wenig an seinem Tisch, sagte danke schön und ging schnell hinaus.
Von den nächsten Tagen weiß ich nichts mehr, als daß ich gegen alle Leute böse und bissig war, mein Beihilfmädchen bei jeder Gelegenheit zornig anschrie und eine von Fouqués Katzen, die mir etwas stehlen wollte, beinahe tot prügelte. Bis ich am Abend des zweiten Tages, als es läutete, die Glastür öffnete, – und die alte Frau Finkenlohr draußen stand.
»Grüß dich Gott, Agnes; Ich bin wegen Gottfried hierher gekommen; – weißt du es schon – – –?«
»Ja,« sagte ich und starrte finster auf den Boden.
»Vielleicht hast du ein bißchen Zeit für mich? Wenn es nur ein kleines Weilchen wäre,« sagte sie freundlich.
Ich ging ihr stumm voraus in mein Zimmerlein und stellte mich gleichgültig ans Fenster.
»Ich darf mich doch setzen? Ich bin ein wenig müde von der Reise; aber ich will dich nicht lang aufhalten.«
Höhnisch sah ich ihr zu, wie sie ihren Schirm in eine Ecke stellte und sich einen Stuhl holte, und ich rührte kein Glied.
Wir blieben eine Zeitlang still, und ich überlegte schon, wie ich sie wieder hinaus werfen könnte, da fing sie von Gottfried an. »Der liebe Bub! Man kann es schier nicht begreifen –«
Nun hielt ich es nicht mehr aus.
»Damit Sie es nur wissen, Frau Finkenlohr, wir haben eine Liebschaft zusammen gehabt; es hat schon auf dem Zinken angefangen. Schimpfen Sie nur; Sie können ja jetzt doch nichts mehr machen!« Und es kam so gereizt und ruppig heraus wie nur möglich.
Die alte Frau blieb gänzlich unbewegt und verriet mit keiner Miene, ob sie das überrasche oder ob sie davon gewußt habe.
»Ich bin recht froh, daß ich gleich zu dir herauf gekommen bin,« sagte sie. »Mir scheint, daß wir einander nötig haben. Willst du dich nicht zu mir hersetzen? Komm, du hast mir ja noch nicht einmal einen Patsch gegeben.«
Dabei lag ihr Blick hell und so recht liebreich und fest auf mir, daß ich ihm nicht mehr ausweichen konnte, und während ich nun die alte Frau so anschaute, fiel es mir erst auf, daß ich sie zum allererstenmal in einem schwarzen Kleide sah und daß auch das Röslein auf ihrem Hut fehlte. Alles Farbige und Vergnügliche schien von ihr abgewischt, und sie sah recht alt und müde und bekümmert aus. Und als ich mich darauf besann, wie auch sie ihn so lieb gehabt hatte und wie es auch ihr jetzt weh tun mochte, daß er gestorben war, fing ich an, mich mächtig zu schämen.
Dann lag ich vor ihr und hatte meinen Kopf in ihren Schoß vergraben und schluchzte.
Später brachte ich sie zu Fouqués hinüber, in deren Gaststube sie nächtigen konnte, und ich war diesen und den nächsten Abend mit ihr zusammen. Wir sprachen viel, viel von Gottfried und gaben uns gegenseitig Mühe, einander zu trösten und Liebes zu tun und damit war schon ein Teil des ärgsten Schmerzes von mir genommen.
– Zur Beerdigung war ich nicht gegangen, doch habe ich Gottfried am Morgen im Leichenhaus noch einmal gesehen. Er war aber gelb und entstellt und unkenntlich, und es tut mir deshalb leid; ich muß mich bemühen, jenen letzten, bösen Anblick zu vergessen und sein reines, helles Gesicht so in der Erinnerung zu behalten, wie es in guten Zeiten war. Es ist auch keine Photographie von ihm da; es bleibt mir nichts anderes, als treu und unablässig an ihn zu denken, und ich weiß, so lang ich das tue, bleibt mir sein geliebtes Bild so rein und unverwischbar im Herzen, wie es war als er noch lebte.
Sechstes Buch
In der Zeit, die nach Gottfrieds Tod kam, wurde es so recht offenbar, was ich trotz aller Schwärmerei und höheren Bedürfnissen, trotz meinem Dichten und eines gelegentlichen Schwunges im Grunde für ein ungenialer, gut bürgerlicher und lächerlich irdischer Mensch sei. Man hätte doch meinen sollen, daß nun, nachdem mein Leben in allen seinen Grundfesten erschüttert worden war, ich wurzellos und schwermütig darinnen stehe, es verabscheue, hasse und möglichst schnell auch daraus zu kommen wünsche; doch war dem keineswegs so. Als ein ordentlicher Mensch suchte ich mich so im allgemeinen mit dem Vergangenen abzufinden, streckte strebsam meine Fühler aus, auf was ich nun meine Zukunft aufbauen könne und fand auch alsbald ein Fach, in das ich mich einzureihen habe; nämlich das der nützlichen alten Jungfern.
Ich muß gestehen, daß ich dabei nicht unbeeinflußt war. Unserem Haus gegenüber wohnten im Oberstock zwei bejahrte, ledige Schwestern namens Heitenreiter. Sie hatten in häuslichen Berufen ihr Leben hingebracht und man erzählte sich, daß die beiden außerordentlich treu und tüchtig seien. Nun genossen sie in den zwei Stüblein ihr Erspartes und einen friedlichen Lebensabend. Ich sah sie oft, wie sie ihre Blumenstöcke begossen, ihr Staubtuch zum Fenster hinaus schüttelten oder auf ihrem winzigen Balkönchen saßen und Kinderkittel strickten; und ihr geruhiges und heiteres Hantieren erfüllte mich mit einer kleinen wohligen Sehnsucht. Auf der Straße sah man die beiden alten Fräulein stets zusammen, und ihnen zu begegnen und einen Blick in die guten, runzligen Gesichter tun zu dürfen, war mir jedesmal ein Genuß. Es lag so eine feine, seltene Friedlichkeit darüber und trotz aller Güte und Bescheidenheit etwas leise Ueberlegenes und fast Hoheitsvolles, das mir einen wirklichen Respekt abnötigte.
Ja, es lohnte sich schon, einmal Fräulein Heitenreiter zu werden und mit siebzig solche friedlichen und abgeklärten Runzeln zu haben. Fest schaffen wollte ich schon, und das so gewissermaßen als halbe Heilige zu tun und die Leute nicht merken zu lassen, daß man sonst noch etwas wisse oder etwa Goethe gelesen habe, dabei samt seinem abgehauenen Lebensglück vergnügt zu sein, das hatte seinen eigenen Reiz. Vielleicht machte dies den sonderbaren und heimlichen Adel der Heitenreitergesichter aus, daß sie so wacker allein und ohne Mann ihr rechtschaffenes Leben hinter sich gebracht hatten und dabei ohne jenes wunderliche Geschmäcklein, ohne Mops und ohne Bitterkeit gelandet waren. Es war freilich schwer, auf Liebesfreuden und Kinderhaben verzichten zu müssen, und es lag mir vorerst sehr wenig, solches nicht mehr als das Natürliche und Gute und Erstrebenswerte für mich anzusehen; ich mußte nun eben versuchen, den andern Köstlichkeiten des Lebens nachzusteigen und wenig mehr in die Tiefe zu gehen. Die Hauptsachen, um eine alte Jungfer zu werden, hatte ich ja; das Gedächtnis einer schönen und unglücklich ausgegangenen Liebschaft und ein Kommödlein mit Fächern und heimlich verwahrten Dingen darin. Das und mein geistiges Erbe aus jener Zeit müßten ausreichen, mir das habhafte Glück der andern zu vergüten, und es kam mir so vor, als sei meine Liebe schön genug dazu gewesen und unglücklich genug ausgegangen.
In diesen Zukunftstraum nun spann ich mich immer mehr ein und dachte schon im Voraus mit gerührter Freude, welch echte und gute Tante die Fouquéskinder an mir bekämen.
Andere, denen so etwas wie mir geschehen war, gingen ja wohl in ein Kloster oder wurden Barmherzige Schwestern, und auch ich hatte mich kurze Zeit mit solchen Plänen getragen. Das sich selber vergessen und für andere schaffen gefiel mir ja recht gut daran; doch hatte ich das Leben zu inbrünstig lieb, als daß ich es hätte auf diese Art in Sack und Asche tun mögen. Nein, es reiften vielmehr gerade in dieser Zeit die abenteuerlichsten Pläne in mir, etwa in die Kolonien zu gehen und Farmersmagd zu werden oder nach Amerika und meine Urschel zu suchen. Und als ich dieser Sehnsucht nach fremden Ländern, nach neuen Eindrücken und Erlebnissen und südlicher Schönheit ein wenig auf den Grund ging, entdeckte ich bald, daß sie zwar schon seit Urschels Zeiten in mir angeregt war und seither leise in mir fortbestanden, ihren richtigen Ursprung aber doch erst in der jüngsten Vergangenheit hatte und in engem Zusammenhang stand mit einer Sache, die mich gegenwärtig stark erfüllte und, wie ich hoffte, meinem Leben eine gute und nicht unwichtige Wendung geben sollte.
So viel ich sonst bei Fouqués drüben war, so unmöglich schien es mir, an den Dienstagsabenden unter Menschen zu gehen. Zu Anfang nach Gottfrieds Tode saß ich still und traurig in meinem kleinen Zimmer, las seine Briefe und weinte viel. Als nun eine Zeit vorüber war, fiel mir jene Erzählung in die Hände, die ich damals auf dem Zinken angefangen hatte, und ich bekam Lust, sie weiter zu schreiben; auch befand ich die Dienstagabende für würdig, damit ausgefüllt zu werden. Und indem ich nun zu schreiben anfing, wurde ich gewahr, daß die fremde, wonnig rieselnde Gewalt, die mich seit meiner Abreise vom Gottlosen Zinken fast unberührt gelassen hatte, wieder über mir war, und ich war erstaunt, wieviel stärker, buntglühender und schöner sie als damals war. Ich wußte nicht, machte dies das mächtige Erlebnis dieses Jahres und die vielen neuen Eindrücke, oder war ich überhaupt reifer und geistig kräftiger geworden; jedenfalls spürte ich es mit Freuden und Dankbarkeit und war fest entschlossen, es diesesmal auszunützen. Man muß mir glauben, daß ich dabei sicherlich nicht daran dachte, einmal berühmt und ein großer Dichter zu werden und mich im Geiste schon gefeiert und umschmeichelt sah; ich hatte keineswegs viel Glauben an mich und meine Verse, und es hätte mir genügt, einmal ein Buch, das ich geschrieben hätte, gedruckt zu sehen und mir dadurch bei meinen Geschwistern und dem Schwager ein bißchen Achtung zu verschaffen. Eher noch hoffte ich, daß die Schreiberei mir ein wenig Geld einbrächte; doch war ich auch darin bescheiden genug und hatte überdies keine Ahnung, was so ein Honorar etwa betragen möge; wenn ich für meine Novelle zwei Mark und fünfzig Pfennige bekommen hätte, wäre ich wahrscheinlich recht zufrieden gewesen. Am meisten freute mich das Dichten sozusagen für mich selber; es half mir auf eine feine und fast edle Art über die Trauer hinweg und das Tägliche und etwa Drückende und Kleinliche heiter und still beglückt zu tragen; auch erfüllte es mich mit einer tätigen Freude und wieder wie damals mit Genuß und leiser Leidenschaft.
Uebrigens paßte es zu dem Pläneschmieden dieser Zeit ausgezeichnet. Mußte ich mit meinen Zukunftsplänen doch noch einigermaßen auf festem Boden bleiben, so konnte ich mich hier ungehindert in schwindelnd phantastische Höhen versteigen. Auch fand ich, daß es sich in meinen Lebensplan trefflich füge; wenn man wie ich allein durchs Leben gehen wollte, hatte so etwas nicht unerhebliche Bedeutung, und es vertrug sich mit dem Reisen und fremde Länder sehen so prächtig wie später mit dem Altjungferntum im Dachstock.
Die Novelle war beinahe fertig, und an den schönen stillen Sommermorgen, wenn ich in der Küche stand und Gemüse putzte oder Beeren zum Einkochen richtete, dachte ich mir einen feinen, langen Roman aus.
– Leider hatte ich zum Schreiben noch weniger Zeit als damals auf dem Zinken; bei Fouqués war es nötiger als je, daß eine gute Seele sich um den Haushalt annahm. Zu eben jener Zeit kam ich einmal vom Markt heim und sah einen der Fouquésbuben vor seines Vaters Ladentür herum spazieren, nur mit einem Höschen bekleidet, das an einem Paar trübseliger und verschlissener Hosenträgerlein hing.
»Ja, Heiner, wo hast du denn dein Hemd?« fragte ich ihn.
»Ha, es ist doch in der Wäsche!« sagte er und sah mich erstaunt an, ob ich das nicht begreifen könne; mir aber fiel es bedrückend auf die Seele.
Margret war nun glücklich mit dem fünften Kind in gesegneten Umständen. Ihr Mann bedauerte es, da es mit ihrer Gesundheit nicht gut stand; sie aber freute sich, als ob's das erste wär'. »Es ist bloß halb gelebt, wenn man keine kleinen Kinder hat,« sagte sie oft.
Zu ihrem angeborenen Hang zum Müßigsein und einer genialen Faulenzerei kam nun die körperliche Entkräftung, und wenn sie Schmerzen oder Beschwerden hatte, eine grenzenlose Gleichgültigkeit gegenüber ihren Haushaltungsgeschäften. Sie konnte stundenlang im Garten sitzen und mit ihrem jüngsten Kinde spielen indes im Haushalt alles drunter und drüber ging, und das Sonderbare daran war nur, daß sie dies keineswegs bedrückte, sondern daß sie vergnügt dabei war und sich ihrer Muße und der guten Stunde freute. Ich kam einmal dazu, wie sie mit einer Lauffrau Putzerei hielt, wobei sie, die Laute im Arm, auf der obersten Leiterstufe saß: »Schäpperle, ach liebe Schäpperle, putzen Sie mir doch den Boden vollends naus! Wissen Sie, Sie könnens viel schöner! Gelt, Frau Schäpperle? Kommen Sie, ich will Ihnen auch was Schönes dazu vorspielen: