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Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen cover

Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen

Chapter 5: Rasumowsky
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About This Book

A sequence of five one-act dramas stages concentrated moral confrontations in period settings, each centering on a decisive dilemma of power, loyalty, love, or conscience. The plays favor economical scenes and sharp exchanges that reveal character under pressure, often juxtaposing private feeling with public obligation. Compact structure and focused staging produce tense psychological drama, ironic reversals, and unresolved ethical ambiguity rather than sprawling narrative development.

Rasumowsky

Personen:

  • Graf Alexei Grigorjewitsch Rasumowsky
  • Rodion, sein Diener
  • Michael Jefimowitsch Lassunsky, Kapitänleutnant der Leibgarden
  • Fedor Alexandrowitsch Chidrowo, Rittmeister der Garde-Kavallerie
  • Graf Grigorij Orlow

Spielt in Petersburg im Jahre 1763.

Ein altertümlich ausgestatteter großer Raum im Hause des Grafen Rasumowsky. An der Rückwand links ein großer Kamin, in welchem ein Holzfeuer brennt. Über dem Kamin das Porträt der Kaiserin Elisabeth Petrowna. Rechts ein erkerartiger Vorbau mit Fenstern gegen die Straße. In der rechten Seitenwand Türe in die übrigen Gemächer, in der linken der Ausgang zum Flur.

Rittmeister Fedor Chidrowo, ein junger Mann von 23 Jahren, geht aufgeregt umher. Nach kurzer Weile tritt Kapitänleutnant Michael Lassunsky ein, von Rodion geführt, einem alten Kleinrussen.

Lassunsky

(etwa im gleichen Alter wie Chidrowo)

Sag meinem Oheim, daß ich ihn dringend sprechen muß.

Rodion

Eure Erlaucht werden gebeten zu warten. Seine gräfliche Gnaden ist noch bei der Morgenandacht.

Lassunsky

Sag dem Grafen –

Rodion

Es ist der strenge Befehl Seiner gräflichen Gnaden, ihn nicht bei der Morgenandacht zu stören.

Lassunsky

Kerl, die Wichtigkeit –

Rodion

Hab strengen Befehl von Seiner gräflichen Gnaden –

Lassunsky

Scher dich zum Henker. (Rodion wirft Scheite in den Kamin, dann ab.) Du hier, Fedor Alexandrowitsch?

Chidrowo

Grüß dich, Michael Jefimowitsch. Mußt dich gedulden, warte ebenfalls schon lang.

Lassunsky

Orlow ist auf dem Weg hierher.

Chidrowo

(bestürzt)

Das kann nicht sein.

Lassunsky

Orlow ist auf dem Weg hierher.

Chidrowo

Ist das eine Vermutung?

Lassunsky

Eine Gewißheit; wenigstens beinahe.

Chidrowo

Beinahe ist keine Gewißheit. Aber du bist so erregt ...

Lassunsky

Hab Grund dazu. Der Großkanzler Woronzow ist an der Kasan-Kathedrale überfallen worden.

Chidrowo

Bei Gottes Güte, was sagst du da!

Lassunsky

Erwartet Alexei Grigorjewitsch nicht den Großkanzler?

Chidrowo

Ja, Graf Woronzow hat mich geschickt, damit ich seine Ankunft melde. Aber –

Lassunsky

Ich und Anenkow ritten als Eskorte hinter dem Wagen des Großkanzlers. Eine Horde betrunkener Soldaten drängt sich zwischen uns und die Karosse, und auf einmal sind wir abgeschnitten. Wir sehen nur noch, daß der Kanzler gezwungen wird, auszusteigen, dann haben sie ihn in ein Haus geschleppt.

Chidrowo

Und ihr habt nicht dreingehaut?

Lassunsky

Zwei gegen fünfzig?

Chidrowo

Das ist ja Aufruhr, Michael Jefimowitsch.

Lassunsky

Anenkow ist in den Palast zurückgeeilt, ich hierher.

Chidrowo

Und du glaubst –?

Lassunsky

Ich glaube, daß Orlow hier sein wird, eh dort die Uhrzeiger gestreckt stehen.

Chidrowo

Das sollte Orlow wagen?

Lassunsky

Orlow wagt alles. (Zur Türe, ruft hinaus.) Rodion!

Rodion

(kommt)

Erlaucht befehlen?

Lassunsky

Ihr seid nicht an Besuch gewöhnt, Alter?

Rodion

Nein, Erlaucht, wir leben sehr zurückgezogen.

Lassunsky

Nun wohl, ihr werdet binnen kurzem Besuch erhalten, noch dazu sehr unwillkommenen. Sperr die Tore zu.

Chidrowo

Sperr die Tore zu, Alter.

Lassunsky

Ja, sperr die beiden Tore zu, das nach der Gasse und das nach dem Garten.

Rodion

Ist Gefahr für Seine gräfliche Gnaden?

Chidrowo

Schwatz nicht, Alter, tu, was man dir befiehlt. (Rodion ab.)

Lassunsky

(wirft sich in einen Sessel)

Ich bin hin.

Chidrowo

(ungestüm auf und ab gehend)

Wie glaubst du, daß Alexei Grigorjewitsch die Nachricht aufnehmen wird?

Lassunsky

Kann mich nicht erinnern, ihn je sonderlich erstaunt gesehen zu haben.

Chidrowo

Das ist böse.

Lassunsky

Bah! wer viel staunt, handelt wenig.

Chidrowo

So viel sag ich dir: wenn die Kaiserin den Orlow heiratet, nehm ich meinen Abschied.

Lassunsky

Nach Sibirien.

Chidrowo

Einem Orlow huldigen? Eher nach Sibirien.

Lassunsky

Was können wir dagegen tun?

Chidrowo

Die Fürstin Chilkow hat geweint, als sie davon erfuhr.

Lassunsky

Die flennt, wenn man einem Huhn den Hals abdreht. Als Rakitin mit ihrem Wissen ihren Mann erschlug, hat sie keine Träne vergossen. (Man hört Waffenlärm von der Straße.) Horch –! (Beide lauschen.)

Chidrowo

(nähert sich dem Erker)

Nein – nichts. (Stellt sich vor Lassunsky; ungestüm.) Michael Jefimowitsch! Wir sollten hingehen und die Kaiserin bitten, es nicht zu tun. Haben wir ihr nicht auf den Thron geholfen? Wir alle? Wir sind bereit, für sie zu sterben, nur das, das eine, das nicht! Sie kann sich unsern Gründen nicht verschließen.

Lassunsky

Sie wird aus deinen Gründen einen Strick für den Henker drehen.

Chidrowo

Herrgott, Michael Jefimowitsch, sie ist doch eine kluge Frau!

Lassunsky

Sie ist verliebt.

Chidrowo

Was ist denn an einem Orlow zu lieben?

Lassunsky

Was wir an ihm hassen.

Chidrowo

Sein Ehrgeiz macht ihn verrückt.

Lassunsky

Er ist schön, und stark wie ein Bär.

Chidrowo

Er hat keine Erziehung.

Lassunsky

Umso weniger ist er gehemmt.

Chidrowo

(leise durch die Zähne)

Ich sage dir: er wird sie ermorden, so wie er den Zaren ermordet hat.

Lassunsky

Dummkopf! Er war nur die Hand. Katharina ist tausendmal schlauer als er. O, das ist ein Weib, mein Lieber, die steckt uns alle in den Sack.

Chidrowo

Wo ist da die Schlauheit? Die Mariage ist projektiert. Es muß ein Mittel gefunden werden, sie davon abzubringen.

Lassunsky

Du bist Soldat und mußt schweigen.

Chidrowo

Schweigen kostet Herzblut.

Lassunsky

Ich meinerseits will nicht Politik treiben, da hast du’s.

Chidrowo

Aber die Zähne knirschen? Das ist auch eine Art von Politik und eine schlechte. Wie stumpf du bist!

Lassunsky

Stumpf?

Chidrowo

Oder du weißt mehr als du sagen willst.

Lassunsky

Wohl möglich. Vielleicht wirst du heute noch alles erfahren.

Chidrowo

Wie ist’s? warum wollte der Großkanzler mit Rasumowsky verhandeln?

Lassunsky

Ist dir nicht bekannt, daß Alexei Grigorjewitsch heimlich vermählt war mit der verstorbenen Kaiserin Elisabeth Petrowna?

Chidrowo

Dies ist mir wohl bekannt, allein – wie hängt das zusammen?

Lassunsky

(sieht sich um)

Schweig, schweig.

Chidrowo

Im Hause Rasumowskys sind die Wände taub.

Lassunsky

Nicht um die Wände handelt sich’s. (Steht auf.) Aber er! Er! Dieser furchtlose Mann! Der furchtloseste, der in Rußland lebt. Wie ich ihn verehre, Fedor Alexandrowitsch! Wüßtest du wie ich ... In wunderbarer Verschwiegenheit ist er der Geliebte einer Kaiserin gewesen. Niemals hat ihn eine Miene, nie ein Lächeln verraten. Nie hat er Schacher getrieben mit seinem Glück. Nie war er ungerecht. Und jetzt (schmerzlich) jetzt soll er sich ausliefern. Weil ein Orlow mit der Vergangenheit dieses gerechten Mannes seine Zukunft gründen will!

Chidrowo

Ausliefern? Ich verstehe dich nicht, Michael Jefimowitsch. Kein Wort verstehe ich von allem was du sagst.

Lassunsky

(kummervoll)

Und er wird Grigorij Orlow empfangen. Er wird ihn einlassen, ich weiß es.

Chidrowo

Du meinst, weil er sich nicht getrauen wird, den ersten Günstling der Krone von seiner Türe zu weisen?

Lassunsky

Nicht deshalb, Fedor Alexandrowitsch, nicht deshalb. Sondern eben, weil er so gerecht ist. Und wenn Orlow vor ihm steht, dieser Sturmwind, dieser Leopard, kannst du ermessen, was dann geschieht? Mich jammert’s, Fedor Alexandrowitsch, und ich fühle mich machtlos. Die Dinge geschehen, und wir sind machtlos.

Chidrowo

Du schwaches russisches Herz! So will ich dir sagen: Rasumowsky wird Grigorij Orlow nicht empfangen.

Lassunsky

(aufmerksam)

Schon vorhin hast du angedeutet, daß Orlow es nicht wagen würde ... Da steckt was dahinter.

Chidrowo

Weißt du nicht, was sich am Ostertag auf der Morskaja zugetragen hat?

Lassunsky

Kein Sterbenswort.

Chidrowo

Wahrlich, in unserm Leben sind die Geschehnisse wie Träume ... (Faßt sich an die Stirn.) So kurz die Zeit, so weit entrückt. (Besinnt sich.) So war’s ...

Lassunsky

Erzähle, Fedor Alexandrowitsch ... mir ist jetzt selbst als hätten sie in der Wachtstube davon berichtet. Zuviel drängt sich in einen Tag.

Chidrowo

So war’s ... (Mit Gesten, als ob er auf einen Plan wiese.) Da ist die Morskaja. Da ist die Gasse von den Kasernen. Da ist eine enge Gasse zum Newski-Prospekt. Orlow hatte die Regimenter Astrachan und Ingermanland zum Gehorsam gezwungen. Mit seinen zwanzig oder dreißig Getreuesten stürmt er zum Winterpalast, um es der Kaiserin zu melden. Rast auf seinem Gaul an der Spitze der Schar mitten durch die Stadt. Die Funken spritzen, das Pflaster dröhnt. So gelangen sie auf die Morskaja. Da spielen zwei Kinder auf der Straße, schöne, blonde Kinderchen, ein Mädchen und ein Knabe, sitzen friedlich da und spielen. Denken offenbar, die Reiter werden ausweichen, denn die Straße ist ja breit, und so staunen sie dem Schauspiel entgegen und freuen sich. Orlow aber sprengt mittenwegs auf sie zu, als könnt er nicht, wollt er nicht aus der Bahn, zu spät rufen Leute aus den Fenstern, strecken die Arme, zu spät erkennen die Kleinen die Gefahr und starren, gütige Unschuld, wie wenn ihr Schutzpatron sie geblendet hätte. Orlow fletscht die Zähne, spornt noch das Roß, starrt gerade vor sich hin, als sähe er nichts, Weiber kreischen, Männer stürzen aus den Häusern ... alles umsonst, die beiden Mäuschen sind unter den Hufen verschwunden, eh’ man’s denkt, zerrissen, zertreten, und man schaut nur noch blutige Klumpen.

Lassunsky

O Menschheit!

Chidrowo

Im selben Augenblick kommt Alexei Rasumowsky aus der engen Gasse, wohin die Reiter wollen, und vor der sie sich stauen wie Wasser vor einem Wehr. Rasumowsky blickt hin über die Luft, blickt hin auf die blutige Erde und ruft: Graf Orlow! Orlow reißt den Zügel und hält. Die hinter ihm sind, vom tollen Ritt noch, mit ihren Gäulen dicht an ihn gedrängt. Ganz stille wird’s auf einmal. Graf Orlow! ruft Alexei Grigorjewitsch und hebt den Arm, die gemordeten Seelchen werden sich um deine Füße klammern, wenn du vor Gottes Thron gehst. Mit nichten wirst du schreiten können, mit nichten.

Lassunsky

Und Orlow? hat er geantwortet?

Chidrowo

Nun geschah das Sonderbare. Orlow zieht den Dolch, beugt sich vor, schließt wie im Krampf die Augen und stößt seinem Pferd von oben her den Stahl mitten in die Brust. Während das Tier zusammenbricht, springt er ab, geht an Rasumowsky vorüber, grüßt ihn schweigend und setzt schweigend und bleich seinen Weg zu Fuß fort.

Lassunsky

Rätselhaft.

Chidrowo

So hat mir’s der Hauptmann Woropanow erzählt, der an Orlows Seite ritt.

Lassunsky

Was war der Zweck solcher Tat?

Chidrowo

Sicherlich trägt er glühenden Haß gegen Alexei Grigorjewitsch.

Lassunsky

Das dünkt mich unwahrscheinlich.

Chidrowo

Wie ... unwahrscheinlich –?

Lassunsky

Es sieht wie Demut und Buße aus, was er getan.

Chidrowo

Hohn ist’s, sag ich dir, Hohn und Bosheit. Seine Blutgier wollte noch ein Opfer haben.

Lassunsky

Warum sollt es nicht Scham und Reue gewesen sein?

Chidrowo

Willst du Orlow verteidigen? Schönfärben den wüsten Mord?

Lassunsky

Fast könnt ich Mitleid haben mit ihm.

Chidrowo

So seid ihr alle, lammsherzig und matt.

Lassunsky

Acht’ auf deine Worte.

Chidrowo

Acht’ du auf deine Freiheit, auf deine Männlichkeit!

Lassunsky

Stünden wir nicht hier, Fedor Alexandrowitsch –

Chidrowo

(wild)

Hier oder anderswo. Wer gut von Orlow redet, spricht schlecht von mir.

(Graf Alexei Rasumowsky tritt langsam von rechts ein. Er ist mit einem langen, schwarzen Sammetgewand bekleidet und hat eine goldne Kette um den Hals. In der Hand trägt er die Kasansche Bibel. Er erscheint zunächst häßlich mit seinem eingefallenen, alten, mißtrauisch finstern Gesicht, an dem die Backenknochen stark hervortreten und die schneeweißen Brauen wie dicke Wülste hängen, indes der Kinnbart schütter und zottig ist. Aber sein Wesen hat eine bewundernswerte Würde, und wenn er, um zu schauen, die Lider hebt, was nicht häufig geschieht, ist sein Blick strahlend rein und von seltsamer, kindlicher Wehmut. Die beiden Offiziere wenden sich von einander und begrüßen ihn mit schweigender tiefer Verbeugung.)

Rasumowsky

Streit in meinem Hause? (Langes Schweigen.) Was ist geschehen, Rittmeister Chidrowo, daß Ihre Augen so funkeln?

Chidrowo

(finster)

Üble Neuigkeiten, Erlaucht.

Rasumowsky

Nichts Schlimmeres in der Welt als Neuigkeiten. Weshalb sind Sie hier, zu so früher Stunde?

Chidrowo

Ich sollte den Großkanzler Woronzow anmelden.

Lassunsky

Graf Woronzow ist auf der Fahrt hierher von Soldaten überfallen worden.

Rasumowsky

Hat Rußland keinen Zaren mehr?

Chidrowo

Es hat eine Zarin.

Rasumowsky

Gott schenke ihr Weisheit. (Kopfschüttelnd.) Woronzow auf dem Weg zu mir ... Was hat das zu bedeuten?

Lassunsky

Die Zarin hat den Kanzler wegen der neuen Mariage zu Euer Erlaucht geschickt.

Rasumowsky

Wegen der neuen Mariage? Bin ich ein Pope?

Lassunsky

Der Kanzler sollte eine geheime Erkundigung einziehen.

Rasumowsky

(läßt sich auf dem Armsessel vor dem Kamin nieder und legt die Bibel auf seinen Schoß)

Das gehört auch zu den Neuigkeiten der Welt, daß mit lauter Geheimnissen regiert wird.

Lassunsky

Die Sache verhält sich so, Erlaucht: Da ganz Petersburg gegen die projektierte Heirat der Zarin mit Orlow gestimmt ist, so hat man endlich ein Mittel gefunden, um die Geister zu beschwichtigen, man hat auf die Ehe Euer Erlaucht mit der verstorbenen Kaiserin Elisabeth Petrowna hingewiesen.

Rasumowsky

Wie? So weit hätte man sich vermessen? Und wem ist dieser schamlose Gedanke gekommen?

Lassunsky

Offenbar stammt er von den Brüdern Orlow. Was ihr für unmöglich haltet, sagten sie, ist ja schon einmal geschehen, ohne daß die Welt eingestürzt ist. Graf Rasumowsky ist ja da, gehen wir hin zu ihm.

Chidrowo

Die Narren!

Rasumowsky

Und was sagte die Kaiserin dazu?

Lassunsky

Die Kaiserin soll gesagt haben: von dieser Ehe weiß die Welt nichts, aber wenn ihr mir den schriftlichen Beweis erbringt, daß zwischen dem Grafen Rasumowsky und der hochseligen Zarin eine Heirat wirklich stattgefunden hat, will ich mich fügen.

Chidrowo

Das hat die Kaiserin gesagt?

Lassunsky

Doch als die Orlows sich anheischig machten, zu Euer Erlaucht zu gehen, wollte die Kaiserin plötzlich nichts davon wissen. Sie gebot, daß Graf Woronzow den Auftrag übernehmen sollte, vielleicht weil sie den Ungestüm der Brüder Orlow fürchtete, vielleicht, weil sie in Wirklichkeit gar nicht wünscht, was sie zu wünschen scheint. Heut um die achte Stunde befahl der Kanzler seinen Wagen, und vor der Kasan-Kathedrale geschah es dann –

Chidrowo

(am Fenster, mit ausgestreckter Hand)

Da sind Orlows Leute! (Stimmen und Waffenlärm vor dem Haus.)

Rasumowsky

(steht auf)

Und du vermutest, daß der Überfall vom Grafen Orlow angestiftet worden ist? (Schaut gegen den Erker.)

Lassunsky

Ja, Erlaucht.

Rasumowsky

So wäre es augenscheinlich, daß Orlow dem Befehl der Kaiserin zuwidergehandelt hat –? (Man hört heftiges Klopfen am Tor.)

Chidrowo

Sie begehren Einlaß.

Rasumowsky

(erstaunt)

Einlaß begehren sie? Das Tor ist offen. War’s denn nicht auch für euch geöffnet?

Lassunsky

(zögernd)

Ich habe die Tore schließen lassen.

Rasumowsky

Die Tore meines Hauses?

Chidrowo

Ich denke, Erlaucht, man kann nicht mehr daran zweifeln, daß Orlow den Kanzler überfallen ließ, um ihn dingfest zu machen.

Rasumowsky

Die Tore meines Hauses? (Lassunsky senkt schweigend den Kopf.) Soll Orlow glauben, daß ich vor ihm zittere?

Chidrowo

Wie, Erlaucht, Sie wollen Orlow empfangen? (Erneutes Pochen von unten.)

Rasumowsky

Geh, Michael Jefimowitsch, und sag, daß das Tor aufgesperrt werde.

Lassunsky

(flehend)

Erlaucht –

Rasumowsky

Klang es doppelzüngig, was ich gesagt?

Lassunsky

(geht schweigend ab –)

Chidrowo

(verschränkt die Arme; vor sich hin)

Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ...

Rasumowsky

Eure Großmäuligkeit, was ist sie nutze? Ist euer Nein Vernunft, euer Ja Überlegung? Ich will sehen. Sehen und hören will ich, dazu gab mir Gott Augen und Ohren. Und wenn ich gesehen und gehört habe, dann will ich wägen, dazu hat mir Gott die Erfahrung eines langen Lebens zuteil werden lassen.

Lassunsky

(kommt zurück)

Major Nischinski ist es, man hat ihn vorausgesandt, um Euer Erlaucht den Grafen Orlow zu melden.

Rasumowsky

Ich bin bereit.

Chidrowo

(noch leiser als oben)

Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ...

Lassunsky

Ich sagte ihm, daß ich die Meldung übernehmen will.

Rasumowsky

(wie mit sich selber redend)

In ein Antlitz zu schauen, das heißt, Entschlüsse vom Schicksal selbst empfangen. Läufst du hinauf die steile Bahn, Orlow, ohne daß dein Herz klopft, so will ich prüfen, was für ein Ruf dich ereilt, was dich zaudern macht, was dich feurig macht, was dich grausam macht, was dich weckt. (Ekstatisch bewegt.) Nicht richten will ich, nur Werkzeug eines Richters sein und handeln – wie ich muß. (Mit der früheren Stimme.) Michael Jefimowitsch!

Lassunsky

(der das Gesicht abgewandt und die eine Hand über die Augen gelegt hatte)

Erlaucht –?

Rasumowsky

Wie geht es meiner Nichte Sofia?

Lassunsky

Wir erwarten täglich ihre Niederkunft, Erlaucht.

Rasumowsky

Bete für einen Knaben. Gott schenk uns Helden. (Man hört Schritte, Stimmengesurr, Säbelklirren.)

Rodion

(reißt die Türe auf, feierlich)

Der General-Adjutant Kammerherr Graf Orlow.

Orlow

(tritt säbel- und sporenklirrend ein. Er trägt die Uniform der Preobraschenskyschen Leibwachen. Seine Gestalt ist äußerst schlank, sein Gesicht kalt, bleich, hochmütig und etwas verwüstet. Die Züge verraten eine kaum zu bändigende Leidenschaftlichkeit. Er weiß um seine Schönheit, ist eitel darauf und verachtet sie zugleich. Seine Hände sind fein und lang. Er verbeugt sich tief vor Rasumowsky, die beiden Offiziere scheint er zu übersehen.)

Ich komme hoffentlich nicht zu ungelegener Stunde, Graf Alexei?

Chidrowo

(kaum hörbar)

Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ...

Rasumowsky

Michael Jefimowitsch, du wirst die Güte haben, drüben im gelben Zimmer zu warten.

Lassunsky

Wir wollen keinesfalls stören.

Rasumowsky

Auch Sie, Fedor Alexandrowitsch, mögen warten, wenn es Ihnen gefällig ist.

Chidrowo

Wenn es erlaubt ist, will ich warten. (Ab mit Lassunsky nach rechts.)

Rasumowsky

Nehmen Sie Platz, Graf Orlow. (Er setzt sich, legt die Bibel aus der Hand.)

Orlow

(setzt sich gleichfalls)

Daß ich nicht mit einer langen Vorrede lästig falle, Erlaucht: Wie Ihnen bekannt sein dürfte, hat sich Ihre Majestät, die Kaiserin, entschlossen zu heiraten.

Rasumowsky

(bedächtig)

Wieder zu heiraten.

Orlow

Zar Peter ist tot.

Rasumowsky

Doch war er gekrönter und gesalbter Zar von Rußland.

Orlow

Ihm folgte von Gottes Gnaden Katharina.

Rasumowsky

Ich unterwerfe mich demütig ihrem mächtigen Willen.

Orlow

Ihre erhabene Majestät hat ihr Herz an einen Unwürdigen verschenkt, den sie aus dem Staub zu sich auf den Thron erheben will. Dieser Unwürdige befindet sich vor Ihnen, Erlaucht.

Rasumowsky

Und schaudert Ihnen nicht vor solcher Erhebung, Graf Orlow? Daß Sie mit Worten der Bescheidenheit davon sprechen, steht Ihnen wohl an. Ich hatte es nicht erwartet.

Orlow

Daß ich endlich einen Mann finde, dem ich mein volles und bedrücktes Gemüt eröffnen kann! (Emphatisch.) Warum hat uns das Geschick nicht früher einander näher kommen lassen!

Rasumowsky

Mein Los ist Einsamkeit seit langem, Graf Orlow. Fast kenne ich die Welt nicht mehr, und fremd ist mir geworden, was sich außerhalb dieser Schwelle begibt.

Orlow

So dacht ich mir’s, Erlaucht, und nur mit frommen Empfindungen bin ich genaht.

Rasumowsky

Unheilig war stets, was mir von draußen kam, das ist wahr. Doch liebe ich die Jugend, wenn schon vieles mir unbegreiflich an ihr ist.

Orlow

(geschmeidig und beredt)

Wie Sie leicht ermessen können, Erlaucht, begegnet die edle Absicht der Kaiserin dem Widerstand aller Großen des Reichs. Man beneidet mich, man legt mir Fallstricke, man zettelt Verschwörungen an, ja man schreckt nicht vor offenbaren Beleidigungen zurück, denen mein Gleichmut unmöglich gewachsen ist.

Rasumowsky

Ja, ja, ja. Es ist geblieben, wie es immer war.

Orlow

Ich habe mich beherrschen gelernt, Erlaucht. Mein Vater hat mich in Demut und Gehorsam erzogen. Niemals, in meinen verwegensten Träumen nicht, konnte ich ahnen, daß der Blick meiner gnädigen Herrscherin auf mich fallen würde. Wer kann es mir verargen, Erlaucht, daß mein ganzes Blut sich in Hingebung für diese Frau entflammte, daß ich bereit bin, meine Seligkeit für sie zu opfern, daß mir nichts mühevoll, nichts unerreichbar mehr erscheint, seitdem sie mich erwählt hat?

Rasumowsky

Wohl kann ich dies verstehen, Graf Orlow.

Orlow

(schwärmerisch)

O, ich wußte es, Erlaucht, ich wußte es. Dank, allen Dank meines armen Herzens.

Rasumowsky

Ein Herz wie das Ihre ist nicht arm, Graf Orlow.

Orlow

Doch scheint mir’s so in Ihrer Nähe. Aber hören Sie weiter, Erlaucht. Vor wenigen Tagen wurde die Zarin, deren Geist in quälender Unschlüssigkeit irgend einen Weg suchte, von einem ruchlosen Ratgeber auf Ihre Ehe –

Rasumowsky

(unterbricht hastig)

Ich weiß, ich weiß ...

Orlow

Sie wissen, Erlaucht? Ich atme auf. Dies mindert die Schwierigkeit meiner Sendung.

Rasumowsky

Ich bin erstaunt, daß Ihre Majestät ein solches Mittel nötig zu haben glaubt. Jede Handlung ist gerechtfertigt, die sie gutheißt.

Orlow

Ganz meine Meinung, Erlaucht. Aber Katharina ist gewissenhaft und dankbar, zwei Eigenschaften, die den Fürsten das Regieren erschweren.

Rasumowsky

Und Ihre Mission ist also –

Orlow

Der Plan war, den Großkanzler zu schicken –

Rasumowsky

(nickt)

Auch dies ist mir bekannt.

Orlow

Ich wollte es um jeden Preis verhindern, selbst auf die Gefahr, ungehorsam gegen meine Wohltäterin zu sein. Der Kanzler Woronzow ist ein vortrefflicher Diener, aber er ist nur ein Diener. Seine Rauheit, sein mürrisches Wesen, seine Unfähigkeit, zarte Dinge zart zu packen, hätte Sie unbedingt verletzt, Graf Alexei. Ich begriff das Ungeheuerliche des Auftrags wie die Delikatesse, mit der er behandelt werden mußte, vom ersten Augenblick an. Ich habe tief mit Ihnen gefühlt, Erlaucht, ich fürchtete die Dazwischenkunft des Kanzlers, und – ich habe ihn gefangen setzen lassen.

Rasumowsky

Was Sie getan haben, ist höchst tadelnswert, Graf Orlow, doch kann ich dem Edelmut, der Sie antrieb, meine Bewunderung und meinen Dank nicht versagen.

Orlow

Und so bin ich gekommen – (zaudert.)

Rasumowsky

Gekommen –?

Orlow

(leise, als schäme er sich)

Sie um die Dokumente Ihrer Ehe mit der Zarin Elisabeth Petrowna zu bitten.

Rasumowsky

Mein Erstaunen wächst, Graf Orlow. Wie kann man mit einer Tatsache rechnen, mit der die Öffentlichkeit niemals behelligt worden ist, die niemals zugegeben worden ist und die daher niemals Gegenstand weder einer politischen, noch einer privaten Aktion werden kann?

Orlow

Ich ehre diese Entrüstung, Erlaucht, und finde sie gerecht. Aber es gibt Dinge, die so lange verschwiegen werden bis jedes Kind um sie weiß.

Rasumowsky

Wahrlich, was Sie da sagen, betrübt mich aufs äußerste, Graf Orlow. Mir ist, als sei ich bestohlen worden. Mir ist, als hätte man meine Brust durchwühlt, um ihr das Teuerste zu rauben, und als riefe man mir zu: du bewahrst es umsonst, denn die Hunde beschnüffeln es schon wie ein Aas.

Orlow

Schwer wird es mir, Ihnen zu widersprechen, Erlaucht.

Rasumowsky

Und wenn ich nun antworten würde: eine Ehe zwischen mir und der hochseligen Herrin Elisabeth Petrowna hat niemals stattgefunden?

Orlow

(beißt sich auf die Lippen; dann gleißnerisch)

So würde ich Ihre Beweggründe zu erforschen suchen.

Rasumowsky

Wenn ich Ihnen versichern würde, daß ich keine Dokumente besitze –? Wie, Graf Orlow?

Orlow

(düster)

Sie würden damit mein Leben zerstören, Erlaucht.

Rasumowsky

Und wenn ich den Besitz der Dokumente zugebe, warum soll ich sie ausliefern? Was könnte mich veranlassen, ein Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt gehaltenes Übereinkommen schmählich zu verletzen? Nur weil ein Jüngling, den die Jugend begehrlich und begehrenswert macht, in meinen Frieden tritt und die Hand ausstreckt nach meinem Gut?

Orlow

Es ist nichts in Ihren Worten, Alexei Grigorjewitsch, was ich mir nicht auch selbst schon ins Gewissen gerufen hätte. Doch erwägen Sie, Erlaucht: mein Glück ist auch das Glück der Kaiserin.

Rasumowsky

Ich werfe mich in den Staub vor Ihrer Majestät, aber sie hat keine Macht über die Geheimnisse meiner Seele.

Orlow

So flehe ich, Erlaucht, um Ihr Vertrauen ...

Rasumowsky

Mein Vertrauen zu den Menschen ist so gering, Graf Orlow, daß jeder Appell daran verschwendet ist. Ich habe zu viele Worte gehört und zu viele Taten gesehen. Ich bin meiner selbst kaum gewiß, um wie viel weniger eines andern. Ein Ozean von Geschwätz ertränkt die edelste Handlung, und die niedrigste versteckt sich nicht mehr, wenn ihr ein Vorteil winkt.

Orlow

Bedenken Sie, Alexei Grigorjewitsch, ein Mann, für den so Ungeheueres sich entscheiden soll, muß ein Verworfener werden, wenn es mißlingt.

Rasumowsky

Also ist es nur der Erfolg, der tugendhaft macht?

Orlow

Ein Held jedoch, wenn er ans Ziel gelangt.

Rasumowsky

Ein Held? Könnt ich dies glauben, Graf Orlow, dann! ja dann! Aber ich kann es nicht glauben. (Feierlich.) Zwei unschuldig Zertretene wehren mir’s.

Orlow

Viel Blut liegt auf dem Weg der Helden, Erlaucht.

Rasumowsky

Blut von Kindern?

Orlow

Macht löscht den Makel aus.

Rasumowsky

(betroffen)

Furchtbares Wort!

Orlow

(erkennt seinen Fehler, einlenkend)

Als ich heranritt, Erlaucht, ich war betrunken von Freude; ich hatte die unheilvollste Meuterei erstickt, Rebellen hatte ich meiner Gebieterin in Anhänger auf Tod und Leben verwandelt, die Wirklichkeit zerrann mir vor den Augen, ich sah kein Hindernis mehr ... und als es geschehen war, hab ich nicht Buße getan vor allem Volk?

Rasumowsky

Doch haben Sie dem Volk eine unheilbare Wunde geschlagen.

Orlow

(mit dem letzten Aufwand seiner gleißnerischen Beredtsamkeit)

Als ich zwölf Jahre alt war, Erlaucht, trieb mich mein Vater mit der Peitsche vom Hof, weil ich für einen Leibeigenen, der die Todesstrafe erleiden sollte, um Gnade gebeten hatte. Ich liebe unser Volk. Ich weiß, wie sie leben, wie sie schmachten, wie sie Unrecht leiden, wie sie stumm sind, wie sie ihre Hoffnung unermüdlich von Jahr zu Jahr tragen, wie sie in ihrer Not die Herren preisen, die mit den Früchten ihrer Arbeit Feste feiern, und wie sie auf den warten, der sie erlösen wird. Ich weiß es und will ihrer nicht vergessen.

Rasumowsky

Ist mir doch, als ob ich Glocken hörte aus einem versunkenen Land, Graf Orlow. (Er steht versunken, von Orlow gespannt beobachtet; wie zu sich selbst) Ist es Rausch? oder Wahn? oder blinde Sucht der Jugend? Leidenschaft macht beredt den, der sie hegt, und stumm den, der sie begreift. (Laut) Sie führen eine ungewöhnliche Sprache, Graf Orlow, die mich irre werden läßt an meinem Vorsatz.

Orlow

Ich danke Ihnen, Erlaucht.

Rasumowsky

(geht zur Wand, wo er neben dem Kamin auf eine geheime Feder in der Täfelung drückt. Ein Türchen springt auf. Er entnimmt dem Schrein eine goldene Kassette, die er öffnet und einige in roten Atlas eingeschlagene vergilbte Papiere herauszieht)

Sieh da, wie viel Staub darauf liegt ... (Er stellt das Kästchen beiseite) Staub ... Staub. Pulver der Vergessenheit. Überreste von Träumen. (Er legt den Atlas in das Kästchen zurück und liest das oberste Papier aufmerksam durch.)

Orlow

(der sich am Ziel glaubt)

Väterchen Alexei Grigorjewitsch! (Er sinkt auf die Kniee.)

Rasumowsky

(ergriffen und ganz in die Vergangenheit verloren)

Frühling und Sommer meines Lebens! (Er küßt die Papiere und erhebt, sich bekreuzigend, die Blicke nach oben.)

Orlow

(packt in seiner Erregung mit beiden Händen die Papiere)

Geben Sie, Alexei Grigorjewitsch –!

Rasumowsky

(erschrocken)

Was für ein Ungestüm, Graf Orlow!

Orlow

(fast mit Wildheit, drohend)

Ich kniee vor Ihnen, Alexei Grigorjewitsch!

Rasumowsky

(beugt sich ein wenig vor und starrt in Orlows Gesicht)

Die Augen ... die Augen ...

Orlow

(springt empor)

Wollen Sie mich auf die Folter spannen, Graf Alexei? Ich ertrag’s nicht länger.

Rasumowsky

(kopfschüttelnd)

Ei, es ist eine ganz andere Stimme, die jetzt zu mir spricht.

Orlow

Genug gesäuselt.

Rasumowsky

Also nur Verstellung? Und so schlecht verstellt? So schnell überdrüssig der Verstellung?

Orlow

Wollen Sie mir den Köder nur vorsetzen, um mich zappeln zu lassen?

Rasumowsky

Ach, Sie zeigen zu früh Ihr wahres Gesicht, Graf Orlow.

Orlow

Ich habe viele Gesichter, warum soll dies gerade mein wahres sein. Wozu das Getändel? Zu Großes liegt vor mir. (Er zeigt seine weißen Zähne, während sich die Worte stürmisch ergießen.) Von unten heraufgestiegen, wo die Sklaven wohnen, begrüßt mich endlich das Licht, und Welt und Kreatur schreit: Herr! Herr! Gnade! Gnade! Ja, Herr will ich sein und Gnade soll von mir träufeln für alle, die sich bücken. Wollust, zu befehlen, und mit einem Atemzug die Mächtigsten zum Schweigen bringen! Alles unter mir sehen, was jetzt noch verführerisch lockt, aus der Enge heraus, wo man horchen muß, ehe man spricht, und rechnen, bevor man zahlt. Ohne Bedachtsamkeit leben, planen ohne Angst und Maß! Unten gehört alles auch dem Nachbarn, was mir gehört, oben bin ich allein und fürchte keine Grenze. Keine Grenze fürchten, das ist’s. Mit seinem Willen allein sein, frei mit jeder Tat und doch der Richtpunkt aller Aufmerksamen. Ein Reich übersehen, den Arm von Ozean zu Ozean strecken, die Willfährigen mit Provinzen lohnen, die Unzufriedenen hinschmettern, – und eine Kaiserin umschlingen, eine Kaiserin, in den Mienen einer Kaiserin Unterwerfung lesen, – das ist mein Spiel, Alexei Grigorjewitsch! Die Würfel liegen zwischen uns. Werfen Sie jetzt und zählen wir die Augen.

Rasumowsky

(kalt)

So spricht ein Spieler. Im Würfelspiel mögen Sie gewinnen, Graf Orlow, im Schicksalsspiel nicht.

Orlow

Auch das Schicksal kann man zwingen, alter Mann.

Rasumowsky

Wie den Teufel in der eigenen Brust.

Orlow

Wer würde anders handeln an meiner Stelle? Nur wenn ich zaudere, verliere ich.

Rasumowsky

Und Gott soll mit bei diesem ... Spiele sein?

Orlow

Gott ist auf meiner Seite, weil ich will. Ich fühle die Bestimmung.

Rasumowsky

Über Blutbestimmung und Gottes Wahl läßt sich nicht rechten.

Orlow

Lügendunst! Zar Peter war ein Narr, ein Verräter, Affe des Preußenkönigs, ein Schwächling. Herrliche Bestimmung!

Rasumowsky

Besser ein Schwächling als ein gewissenloser Emporkömmling.

Orlow

(hochmütig)

Die Brücke zwischen uns fängt an zu krachen, Erlaucht.

Rasumowsky

So mag sie bersten.

Orlow

Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren.

Rasumowsky

Doch die Zeit wird Sie auffressen.

Orlow

Jetzt, da Sie mich überzeugt haben, daß Sie die Dokumente besitzen und sie in Ihrer Hand halten, kann ich Sie zwingen, Alexei Grigorjewitsch.

Rasumowsky

Sie wollen damit sagen, daß Ihre Helfershelfer mein Haus umstellt halten?

Orlow

Leute, die mir blindlings ergeben sind, ja.

Rasumowsky

Und wozu ich mich freiwillig nicht mehr entschließen würde, das glauben Sie mit Gewalt durchsetzen zu können. Mit eigener Faust oder mit dem Beistand fremder Fäuste.

Orlow

Wenn Sie mich zu dieser Notwendigkeit drängen, – ja. Ich kann nicht zurück. Ich kann nur vorwärts.

Rasumowsky

Bis zum Abgrund. – Sie vergessen nur eines, Graf Orlow. Sobald Ihre Leute diese Schwelle übertreten, oder sobald Sie selbst, von dieser Sekunde ab, eine Bewegung machen, die auf Gewalttat zielt, fallen die Dokumente hier in das Feuer. Sie sehen, es brennt loh genug, um ein paar Papiere rasch verzehren zu können. (Pause. Beide blicken einander schweigend ins Gesicht.)

Orlow

(mit verschränkten Armen)

So also steht es.

Rasumowsky

Ja.

Orlow

(langsam und mit Nachdruck)

Eines noch, Alexei Grigorjewitsch: ich könnte Sie belohnen, wie nie ein Sterblicher belohnt worden ist.

Rasumowsky

Lohn? Für mich? Welchen Lohn? Reichtum? Paläste? Titel und Würden? Für mich?

Orlow

(wie oben)

Wenn auch nicht für Sie, Erlaucht, so doch für einen Knaben ...

Rasumowsky

Einen Knaben –?

Orlow

Für Iwan, den Sohn Rasumowskys und der Kaiserin Elisabeth.

Rasumowsky

(schwankt einen Augenblick, hält sich am Rand des Sessels, sinkt dann darauf nieder).

Orlow

Der Pope Maximow hat mich zu ihm geführt.

Rasumowsky

Möge Gott ihm verzeihen. Es gibt keine Treue mehr.

Orlow

Fürchten Sie nichts mehr von der verräterischen Geschwätzigkeit dieses Priesters, Erlaucht. Ich habe dafür gesorgt, daß seine Zunge keinen Schaden mehr stiftet. Sie und ich, wir sind die beiden einzigen Menschen auf Erden, die um Iwan wissen ...

Rasumowsky

(dumpf)

Einer zu viel, Graf Orlow.

Orlow

Ich habe den Knaben gesehn. Es war eine weite Fahrt auf das Gut Domnina im Epifanskischen Kreis. Ein schöner, blonder Knabe. Welche Einsamkeit für einen Vierzehnjährigen. Wie durstig er in die Ferne blickte! Er wußte nichts von Vater und Mutter, die Leute, bei denen er ist, halten ihn für den Sohn von Euer Erlaucht verstorbenem Bruder. Er ahnt nicht, welche Versprechungen das Leben ihm schenken könnte, und wer nur sein Gesicht sieht (deutet auf das Bild der Kaiserin Elisabeth), braucht keinen andern Beweis seiner Abkunft. Grausam schien es mir, die junge Blüte in der Steppenwüste verkommen zu lassen. Ich habe ihn über seine Geburt aufgeklärt.

Rasumowsky

(springt auf)

Das haben Sie getan?

Orlow

Ich habe es getan.

Rasumowsky

(sinkt wieder auf den Sessel, umklammert krampfhaft die Dokumente vor der Brust.)

Großer Himmel! Sie hatten kein Mitleid mit dem arglos spielenden Geschöpf? Frevlerisch das Gift des Ehrgeizes und der ungenügenden Begierde in die junge Brust versenkt! Fruchtlose Erwartungen geweckt, die ein gläubiges Gemüt zerfleischen müssen! So war meine Entbehrung vergeblich, vergeblich, daß ich mein Herz von ihm entwöhnt habe, vergeblich das Opfer, vergeblich der Gram der Mutter, alles vergeblich!

Orlow

(mit leisem Spott)

Ist es nicht besser, wenn der Wissende sich bescheidet, als wenn der Getäuschte verkommt?

Rasumowsky

(die Worte tief aus seiner Brust ringend)

Zweiunddreißig Jahre, Graf Orlow, war ich mit Elisabeth Petrowna verbunden. Sie war eine musterhafte Christin und eine zärtliche Mutter Millionen Volks. Auch mich liebte sie, doch schien es mir so überflüssig wie sündhaft, meinen Ehrgeiz über das Maß dessen zu erheben, was sie mir als Weib gewähren konnte. Niemals in zweiunddreißig Jahren ist die Versuchung über mich gekommen, den geheiligten Glanz der Majestät für mich zu erborgen. Sie war auserwählt zu herrschen. Von den Ahnen her war ihr die Gnade verliehen. Woran soll das Volk glauben, diese Zahllosen, von denen wir keine Namen wissen und die nur aufblicken in ihrer Verlassenheit, um nach dem gottbestimmten Führer zu suchen, woran sollen sie denn glauben, wenn nicht an das Mysterium, das um eine Krone webt? Das ist ja ihr Märchen, die Botschaft, das Gesetz! Gesalbtes Haupt weiht das Diadem, königliches Blut rauscht vom Vater zum Sohn, vom Gatten zur Gattin, von Geschlecht zu Geschlecht. Raubt ihnen diesen Glauben, und ihr stürzt sie in Gemeinheit und Verzweiflung, die Welt steht da, ohne Ordnung, ohne Herrn. (Er erhebt sich, bewegt.) Wenn es ein Verdienst in meinem Leben gibt, Graf Orlow, so ist es das eine, daß ich die Kaiserin zu überzeugen vermochte, unsere Ehe, für die sie den Segen der Kirche gewünscht hatte, müsse ein Geheimnis für das Volk bleiben. Und so wurde Iwan fern vom Hof und fern von den Menschen erzogen, denn es ziemt sich nicht für den Halbgebürtigen, von einem Thron auch nur zu träumen.

Orlow

Phantome, Erlaucht, Phantome! Die Zeit hat sich verändert. Es handelt sich nicht um die Gnade, es handelt sich um die Kraft.

Rasumowsky

Ich bin kein Starrkopf, Graf Orlow, nicht einer, der denkfaul an Vergangenem hängt. Ich kenne die Zeit. Vieles tragen die Eimer des Jahres herauf aus dem dunklen Schacht, und wer wirklich lebt, wandelt sich mit jedem Becher, den er an die Lippen führt. Das Blut wird auch in alten Körpern neu. War ich nicht bereit, Graf Orlow? Ich war bereit, mehr kann ich nicht sagen. Aber ich bin gewohnt, in Menschenaugen zu lesen, und mehr noch auf den Stirnen, Graf, auf den Stirnen. Sie sind so unbehütet, die Stirnen; man kann sie eine Walstatt der Dämonen nennen. (Den Arm mit ausgestrecktem Finger gegen Orlow, stark.) Ich sehe Schicksale auf dieser Stirn, die ungeboren bleiben sollten.

Orlow

Alexei Grigorjewitsch! Nicht auf meiner Stirn, – in Ihrer Hand liegt jetzt ein Schicksal. Iwan ist in meiner Gewalt.

Rasumowsky

(scheu)

Iwan ... ist ...

Orlow

In meiner Gewalt und nur mir erreichbar.

Rasumowsky

(mit weiten Augen)

Sie wollen damit sagen: um Iwan ist’s geschehen, wenn ich mich weigere ...

Orlow

Vielleicht ist es das, was ich sagen will.

Rasumowsky

(nähert sich Orlow mit gebeugtem Oberkörper und mit der Unterwürfigkeit eines Bauern, hält ihm mit beiden Händen die Dokumente hin)

Nehmen Sie, Graf Orlow ...

Orlow

(etwas überrascht von dem schnellen Erfolg, greift nach den Papieren).

Rasumowsky

(demütig)

Nicht weil ich für Iwan fürchte, Graf Orlow ... nicht weil ich mir sein Leben erkaufen will, ... nicht deshalb, Graf Orlow, nicht deshalb ...

Orlow

(hält die Papiere fest, mit finsterem Trotz)

Es wäre auch zu spät, Alexei Grigorjewitsch, Sie retten Iwan damit nicht. Er war zu gefährlich, als er seine Abstammung kannte. Er weilt nicht mehr unter den Lebenden.

Rasumowsky

(schmerzvoll)

Gott, dein Wille geschehe! Ich habe es geahnt!

Orlow

Und Sie geben mir trotzdem diese Papiere –?

Rasumowsky

(mit der Hoheit des Grames)

Ja, Graf Orlow! Ein Mann, der zu solchen Mitteln greift, den muß die eigene Tat vernichten. Und wenn es die Krone selbst wäre, sie hätte kein Gewicht mehr, wenn Sie sie halten. Nichts ... ein Schemen, ein Scheinbild. Nichts. Zeigen Sie die Dokumente der Kaiserin.

Orlow

(brütend)

Darum also ... Es ist zu viel ... (als wöge er die Papiere) es scheint mir zu viel Erniedrigung für das gewährte Almosen. Bin ich denn ein Bettler? Soll es einen Menschen geben, der mich so einschätzen darf? (Aufflammend.) Nein, nein, nein! Die Schmähung greift ans Herz. Wenn ich diesem erbettelten, erschlichenen Wisch alles verdanken müßte, was mir das Leben gewähren soll, es fräße mir das Mark der Tat aus den Knochen. Ein Orlow, der alles Heil auf den Inhalt einiger vergilbter Papiere gründet? Bin ich verloren ohne diese Fetzen, so wie ich jetzt besudelt bin, wenn ich sie als billige Trophäe vor die Augen Katharinas bringe? Nein, Alexei Grigorjewitsch, nein! Die Genugtuung, daß es von Ihrer Gnade abhängig war, Rußland einen Zaren zu geben, kann ich Ihnen nicht überlassen. Jede Gegenwart wäre mir vergällt, und um Ihnen den Beweis zu liefern, daß ich diese Gnade verschmähe, daß ich sie verachte, nur darum tu’ ich, was ich tue! (Er eilt zum Kamin und wirft die Dokumente ins Feuer.)

Rasumowsky

(mit seltsam entzückter, schreiender Stimme, die zugleich etwas wie physischen Schmerz enthält)

Ein Gottesurteil! Ein Gottesurteil!

(Durch Rasumowskys Schrei alarmiert, kommen Lassunsky und Chidrowo mit bestürzten Mienen.)

Lassunsky

(bleibt unter der aufgerissenen Türe stehen, hastig)

Was ist geschehen, Erlaucht?

Chidrowo

(tritt vor, zieht den Degen)

Wir werden Sie schützen, Erlaucht.

Rasumowsky

(ohne sie zu beachten)

So hat eine höhere Macht Ihren Arm gelenkt, Graf Orlow, und Sie haben nur den Beweis geliefert, daß es keinen Weg gibt aus Ihrer Menschentiefe zum Licht der Majestät. (Er bückt sich, als ob er bete.)

Lassunsky

(drängend)

Erlaucht ... die Blässe Ihres Gesichts ... Sie sind krank ...

Rasumowsky

(immer gebückt)

Ehrfurcht! Der Engel des Schicksals schwebt über uns!

Orlow

(reißt sich vom Anblick des Feuers los)

Verbrannt ... (Unheilvoll.) Und nun sei auch verbrannt alle Milde, vergessen alles Zögern feiger Rücksicht und wer mich aufhält, meinen Schritt oder den Schritt meines Pferdes, der möge zittern!

Rasumowsky

Verwirkt! Verwirkt! Wir wollen zittern, aber der Spruch ist gefallen.

Chidrowo

(fast jubelnd)

Gerettet, Mütterchen Rußland, gerettet!

Orlow

(im Abgehen)

Hütet euch!

Rasumowsky

(richtet sich wieder empor)

Ich bin in meiner Hut, denn ich fürchte die Menschen nicht mehr.

(Vorhang)