Der Turm von Frommetsfelden
- Der Ritter Karl Heinrich von Lang, ansbachischer Domänenrat
- Anna, seine Frau
- Frau von Hänlein, deren Mutter
- Leutnant Amandus Schlözer
- Rechnungsrat Birnkoch
- Kammerdirektor Mühlbach
- Kasteljack, Schreiber
- Fünf Bauern, darunter: Der Ringhofbauer, der Waldhofbauer, der Erlhofbauer
- Bärbel, Dienstmagd bei Langs
Spielt zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Ansbach.
Das geräumige Arbeitszimmer des Ritters von Lang, zugleich eine Art Wohngemach. Die Möbel im französischen Geschmack des achtzehnten Jahrhunderts. Rückwärts zwei Fenster mit Aussicht auf romantisch verwinkeltes Häuserwerk. Links Tür in die andern Zimmer, rechts in den Flur.
Frau von Hänlein ordnet die auf Tischen, Stühlen und Sofa herumliegenden Bücher und Hefte; Bärbel kehrt mit einem riesigen Besen aus.
Frau von Hänlein
(eine stattliche Dame in der Mitte der vierzig; sehr riegelsam, frisch, gesund, nur wenig angegraut)
In aller Frühe war er also schon da?
Bärbel
Heroben war er nit. Vorbeigangen ist er am Haus, wie ich zum Bäcker bin, und hat g’fragt, wie’s der jungen Frau geht.
Frau von Hänlein
Scheint viel Zeit zu haben, der junge Herr.
Bärbel
Die Herren Leutnants möchten halter gern, daß an Krieg gitt.
Frau von Hänlein
Wenn ich der Lang wäre, ich tät ihm das Haus verbieten. Die Männer sind zu schlampig in manchen Sachen. Du kannst jetzt in die Küche gehn, Bärbel. In einer halben Stunde muß die junge Frau ihre Milchsuppe bekommen. (Bärbel ab.) Sitzt da herum. Schwatzt. Wär die Anna nicht die Anna, er könnt sie am Ende um den Verstand schwatzen. Lang, Lang! So gescheit du bist, so dumm bist du.
Anna
(kommt von links. Blasse, schlanke, zarte, zierliche Frau von zwanzig Jahren. Sie trägt ein elegantes Morgengewand nach Pariser Schnitt; lächelnd)
Sprichst für dich alleine, Mutter, und räumst schon wieder?
Frau von Hänlein
Was zu räumen ist, räum’ ich. Guten Morgen, Kind. Bist schon aus dem Bett gehupft? ’s ist erst zehn Uhr und der Doktor hat gesagt, du sollst bis Mittag liegen.
Anna
(heiter)
Erklärt mich der Doktor für krank, dann fühl’ ich mich gleich gesund.
Frau von Hänlein
Bist ja auch nicht krank, sollt’ ich meinen.
Anna
Krank nicht, gesund auch nicht. Was soll man glauben!
Glaub an deine Natur.
Anna
Grad die Natur macht mich oft irre. Oft versuch ich froh zu sein, dann kommt unversehens die Traurigkeit.
Frau von Hänlein
Wie hast denn geschlafen heute?
Anna
Einen wunderlichen Traum hab ich gehabt, Mutter.
Frau von Hänlein
Laß hören. Vielleicht kann ich ihn deuten.
Anna
(setzt sich aufs Sofa, Frau von Hänlein bleibt vor ihr stehen)
Mir träumte, ich war in Frommetsfelden und alles war noch so, wie ich ein Kind gewesen. Der schöne Garten mit den vielen Obstbäumen, alle voller Äpfel und Birnen und die lieben alten niedlichen Häuschen, und ich geh so und freu mich über den blauen Himmel, und wie ich so gehe, wird’s auf einmal stockfinstre Nacht, und auf einmal seh ich Flammen, und das ganze Städtchen steht lichterloh in Brand. Mir wird Angst, und ich weiß nicht wohin, da packt mich Karl Heinrich am Arm, so fest, daß mir’s durch und durch weh tut. Laß mich wenigstens noch in meinen Garten, bitt ich ihn, aber er schüttelt den Kopf, macht ein böses Gesicht und hält mich nur immer fester. Da seh ich den Leutnant Schlözer kommen, er winkt mir so freundlich, daß mir ganz warm ums Herz wird, und plötzlich kann ich zu ihm hingehen, und wie ich bei ihm bin, da sind wir im Garten, und aus einem schönen blauen Krug gibt er mir Wasser zu trinken. Dabei ist mir immer wohler und wohler geworden, und so bin ich aufgewacht.
Frau von Hänlein
Das war das Vernünftigste, was du hast tun können, das Aufwachen.
Anna
Sollen die Träume auch noch vernünftig sein? Schau, Mutter, ich fühl’ mich so verlassen oft.
Frau von Hänlein
(setzt sich zu ihr, tadelnd)
Und du hast doch den besten Mann von der Welt.
Anna
(steht auf, geht zum Fenster)
’s ist wahr.
Frau von Hänlein
Ist’s wahr mit Seufzen, so ist’s Lüge.
Weiß wirklich nicht, wie mir zumut ist ...
Frau von Hänlein
Hör’ zu, Anna. Du solltest dich weniger mit dem Leutnant Schlözer abgeben. Ein paar Monate seid ihr erst verheiratet, und, – es schickt sich eben nicht. Lang muß sich auch kränken.
Anna
(bitter)
Karl Heinrich? Oh nein, Mutter. Oh nein. Der kränkt sich nicht. Darüber nicht.
Frau von Hänlein
Warum nicht darüber? Etwa weil er nicht darüber spricht?
Anna
Wüßt ich’s nur! Das ist’s ja, was mich quält. Er denkt nur an die Verwaltung. Nur seine Eingaben und Verbesserungen hat er im Kopf.
Frau von Hänlein
(lacht)
Bist eifersüchtig auf die Verwaltung? Damit mußt du dich abfinden. Ein Mann gehört seinem Beruf.
Anna
(mit niedergeschlagenen Augen)
So bin ich betrogen worden, Mutter. Man hat mir’s anders eingeredet.
Als dein Vater auf dem Totenbett lag, sagte er zu mir: Schau, Rieke, du hast ja graue Haare an den Schläfen. Da hab ich ihm antworten müssen: Dummer Mann, die grauen Haare hab ich schon seit sechs Jahren. Glaubst du, wir haben uns deshalb minder lieb gehabt?
Anna
Ach, – Liebe! Das ist viel, oder ’s ist wenig, je nachdem! Wie kann ich wissen, ob sie mir gilt, (mit beiden Händen an der Brust) ob’s meine Liebe ist, die erwidert wird, ganz genau meine?
Frau von Hänlein
Warum soll es denn, um Gottes willen, ganz genau die deine sein? Wir Menschen sind doch aus verschiedenem Teig.
Anna
Ist sie ihm mehr wert als das Amt? Was Größeres als die Geschäfte? Was anderes als eine Stunde zum Vergessen? Ich will wissen, ob sie mir gilt, mir ganz allein und ganz so wie ich bin.
Frau von Hänlein
Kind, spiel du nicht mit Worten, denn das heißt so viel wie zum Teufel beten. (Sie steht auf.)
Anna
Was sind mir seine Geschenke, wenn ich das nicht weiß? Er ist so verschlossen; so viel fremdes Leben bringt er mit. Seine Augen sind fremd. Sein Gesicht ist fremd. Mir ist als hätt ich sein wirkliches Gesicht noch kaum gesehen; als ob er gar nicht leiden könnte um was. Immer möcht ich grübeln, wenn er mit mir redet; indes sein Wort weiter geht, bin ich noch beim ersten und frag mich: wo bist du, Karl Heinrich? Ich find ihn nicht. Muß ich ihm nicht auch fremd sein? Wie wird er mich nehmen, wenn mein Fremdestes zu seinem Herzen will?
Frau von Hänlein
(bekümmert)
Das kommt mir alles wie Sünde vor. Auch versteh ich’s nicht. Ich bin schon froh, wenn mich die Sonne bescheint.
Bärbel
(von rechts)
A Herr is da un will unsern Herrn sprech’n.
Frau von Hänlein
Unser Herr ist ausgegangen.
Bärbel
Der Herr will auf unsern Herrn wart’n.
Frau von Hänlein
Was ist’s denn für ein Herr?
Bärbel
Birnkoch haaßt ’r.
(unter die Türe tretend; ein dicker, kleiner, geschniegelter junger Mann mit Glatzkopf und einem eiertanzähnlichen Gang)
Excusez, mes dames –
Frau von Hänlein
Der Herr Rechnungsrat! Bitte nur einzutreten, Herr Rechnungsrat.
Birnkoch
Ist nicht meine Absicht, die Damen zu troublieren. Bonjour, mesdames. Frau Domänenrätin, meine Reverenz. Wie befindet sich dero beneidenswerter Gatte?
Frau von Hänlein
(hastig, um Annas zerstreutes Schweigen zu verdecken)
Mein Schwiegersohn ist zur Inspektion des Waisenhauses, Herr Rechnungsrat. Müssen Sie ihn dringend sprechen, so schick ich hinüber.
Birnkoch
Inspektion in aller Frühe? Ein rühriger Beamter, der Domänenrat Lang, un caractère de fer. Wollen Sie hinüber schicken? Ich bitte, nein. Allerdings habe ich ein Anliegen, will sagen einen Auftrag von Seiner Exzellenz, dem Minister Haugwitz, der die Gnade hatte, mit mir in Berlin zu konferieren ...
Nun, wenn es von Wichtigkeit ist, Herr Rechnungsrat ... (Will zur Tür.)
Birnkoch
Bitte nein, Madame. Muß wohl von einiger importance sein, da man mich damit beauftragt hat. Aber, bitte nein. Das Vergnügen, Ihnen Gesellschaft leisten zu dürfen ... Es handelt sich um die fatale Affäre ... une chose ridicule, au fond ... mit dem Turm von ... von ... quel nom abominable ...
Frau von Hänlein
Mit dem eingestürzten Stadtturm vielleicht –?
Birnkoch
Ganz richtig, Madame; mit dem eingestürzten Stadtturm. In ... in ...
Frau von Hänlein
Frommetsfelden.
Birnkoch
Milles mercis, madame. Frommetsfelden. Mon Dieu, was für seltsame ... Bezeichnungen in Deutschland die Dörfer haben!
Anna
(die am Fenster gesessen ist, hat erstaunt aufgehorcht)
Wie, Mutter, – in Frommetsfelden ist der Turm eingestürzt?
Ganz wie Sie sagen, Frau Domänenrätin. Von oben bis unten eingestürzt.
Frau von Hänlein
(verschüchtert durch Annas erschrockene Miene)
War ja ein altes, baufälliges Gerümpel, der Turm.
Birnkoch
C’est ça. Uralt. Und baufällig, jawohl. Baufällig. Unbedingt baufällig. Deshalb ist er ja eben eingestürzt.
Anna
Wann ist denn das geschehen?
Birnkoch
Nun ... es mögen drei bis vier Wochen sein. Eher vier. Jawohl. Vier bis fünf Wochen, jawohl.
Anna
Davon hat mir Karl Heinrich kein Wort gesagt ...
Frau von Hänlein
Daß dich das sonderlich interessiert, hat er nicht denken können.
Birnkoch
So wissen Sie auch nicht, daß der Herr Domänenrat sich weigert, mit allen Gründen seiner Amtsgewalt sich weigert, den Turm wieder aufbauen zu lassen?
Anna
Er will ihn nicht wieder aufbauen lassen?
Birnkoch
Une marotte! une marotte inexplicable! Er weigert sich. Die Regierung selbst unterstützt das Verlangen der Bauern. Und er weigert sich. C’est son entêtement.
Anna
Aus welchem Grund will er denn den Turm nicht bauen lassen?
Birnkoch
Parole d’honneur, ich weiß ihn nicht, den Grund. Und wüßt ich ihn, so könnt ich ihn keinesfalls approuvieren. Aber ich bin erfreut, Madame, daß Sie an der Sache solchen Anteil nehmen. Da kann man ja auf Ihre Unterstützung rechnen ...
Frau von Hänlein
Meine Tochter nämlich, Herr Rechnungsrat, hat ihre ganze Jugend dort in Frommetsfelden zugebracht. Sie hat bei ihrem Oheim auf dem Gut gelebt, während ich mit meinem Mann in der Welt herumgezogen bin.
Verstehe ...
Frau von Hänlein
Da ist ihr natürlich jeder Baum und jeder Stein ans Herz gewachsen.
Birnkoch
Verstehe. Die Erinnerung. Le souvenir. Verstehe. (Zitiert mit preziösem Tonfall.)
Ins wunde Herz und übermalt den Gram.
Sie fleucht mit dir auf eine Zauberinsel,
Wenn das Geschick dir Mut und Freude nahm.
Verstehe.
Frau von Hänlein
Reizend, Herr Rechnungsrat. Haben Sie das selbst gedichtet?
Birnkoch
Nicht ganz. Nicht ganz. Hab’s mir aus einer anthologie kopieren lassen.
(Es klopft, ein kleines Mädchen tritt verschämt ein. Sie trägt einen Fliederstrauß in der Hand, blickt von einem zum andern, eilt jäh auf Anna zu und überreicht ihr den Strauß mit einem Knix.)
Birnkoch
Sieh da, sieh da! Flieder schon, im März?
(erhebt sich; tief errötend)
Von wem ist denn der Flieder, Kind? (Schnell, ehe das Mädchen antworten kann.) Ist schon gut. Ich laß mich recht sehr bedanken. Da hast was für den Zuckerbäcker. (Gibt ihr ein Geldstück; das Mädchen geht.)
Frau von Hänlein
(leise mahnend)
Anna!
Birnkoch
Befinde ich mich in einem erreur, wenn ich annehme, daß Sie den Spender kennen, Frau Domänenrätin?
Anna
(für sich)
Herrlich! Herrlich! (Steckt das ganze Gesicht in den Strauß und atmet mit Inbrunst; flüsternd.) Mein Traum!...
Frau von Hänlein
(am Fenster)
Da kommt der Domänenrat! (Sie winkt hinunter.)
Anna
(stellt die Blumen in eine Vase vor die Spiegelkonsole, betrachtet entzückt die Wirkung).
Weshalb stellst du denn den Strauß vor’n Spiegel, Anna?
Anna
(ohne sich umzuwenden, lächelnd)
Dann sieht es aus, als ob ich zwei Sträuße hätte.
Birnkoch
C’est drôle! c’est ravissant!
Ritter von Lang
(tritt ein. Er ist ein mittelgroßer, stämmiger Mann mit einer starken, energischen Stimme; sein Gesicht ist der Mode der Zeit gemäß bartlos, sein Wesen hat ein kühnes Selbstbewußtsein wie das eines Menschen, der seinen Wert genau kennt und sich außerdem mit Absicht von andern Beamten, ihrem Servilismus nach oben, ihrer Brutalität nach unten, unterscheiden will)
Guten Morgen, Herr Birnkoch; hab’ gestern schon gehört, daß Sie wieder in Ansbach sind. – Bist schon so frühzeitig munter, Anna? (Küßt sie auf die Stirn.) – Woher ist denn der frische Flieder da?
Anna
Daß du’s gleich gesehen hast! (Nimmt seine Hand und sieht ihn hell an.) Er hat’s gleich gesehen, Mutter.
Frau von Hänlein
Werden vom Hofgärtner aus dem Treibhaus sein ... (Raunt Lang in die Ohren.) Nennen Sie ihn doch nicht Birnkoch, lieber Lang! Wollen Sie ihn auf Lebenszeit zum Feind haben?
Lang
(lacht kurz, dann sehr höflich)
Warten Sie schon lang, Herr Rechnungsrat? Was gibt’s? Soll ich die Frauenzimmer fortschicken?
Birnkoch
Beileibe, Herr Domänenrat, beileibe nicht. Die Damen und ich, wir haben uns über den Gegenstand schon ausgesprochen und sind ganz d’accord. Denn Sie müssen nachgeben in der Affäre mit dem närrischen Turm.
Lang
Potz Knackwurst, lieber Birnkoch –
Birnkoch
(indigniert und weinerlich)
Aber hochgeschätzter Herr Domänenrat, warum wollen Sie mir nicht meinen sauer verdienten Titul zubilligen?
Lang
Schön, Herr Rechnungsrat. Ich sage nur, wenn Sie einen ganzen Harem von Weibspersonen um mich aufstellen, der Lang gibt nicht nach. In der Sache nicht.
Es ist der entschiedene Wunsch Seiner Exzellenz, des Ministers Haugwitz –
Lang
Vor allem steht es so, daß ich, in meinem Ressort, Befehle nur vom Fürsten Hardenberg empfange. Es ist mir ja bekannt geworden, daß der Fürst, der mir freundlich gesinnt ist, durch allerlei Kabalen aus seinem Amt gedrängt werden soll, aber eine offizielle Mitteilung habe ich darüber nicht erhalten.
Birnkoch
Seine Exzellenz, der Minister Haugwitz hat über den Fall eine Note abfertigen lassen – (zieht sein Portefeuille.)
Lang
Ihr könnt Noten schmieren, so viel ihr wollt. Das lebendige Bedürfnis spricht anders.
Birnkoch
(bestürzt)
Mon dieu! Sie anerkennen also keine höhere Instanz?
Lang
Instanz? Zu deutsch: Schleichweg. Der Minister Haugwitz ist von Kreaturen umgeben, die ihren Vorteil suchen.
Eine solche Verdächtigung muß ich mit aller zukömmlichen Entschiedenheit repoussieren.
Anna
(zwischen beide tretend, sehr sanft)
Warum soll denn der Turm nicht wieder aufgebaut werden, Karl Heinrich?
Lang
(barsch)
Misch du dich nicht in die Affären, Kind.
Frau von Hänlein
(nimmt sie am Arm, leise)
Er hat recht. Er muß wissen, was er tut.
Lang
Ist dem Minister auch wahrheitsgemäß angegeben worden, was der Wiederaufbau des Turmes kostet?
Birnkoch
(in seinen Papieren blätternd)
Der Baurat Österlein hat vierhundert Gulden in Voranschlag gebracht.
Lang
Dann ist der Baurat Österlein ein ganz gemeiner Schwindler, der einen Auftrag will und eine Versprechung leistet, die er nicht halten kann. Das sag ich ihm auf den Kopf zu.
Sie erschrecken mich, Herr Domänenrat –
Lang
Das Vierfache reicht nicht hin. Aus meinen genauen Berechnungen geht hervor, daß bei aller Sparsamkeit achtzehnhundert bis zweitausend Gulden nötig sind.
Birnkoch
Eh bien, wenn die Bauern dafür aufkommen wollen und die Regierung einen Beitrag gibt –?
Lang
Die Bauern, die sich ohnehin unterm Steuerdruck winden? Und die Regierung, die kann das teure Geld förderlicher verwenden.
Birnkoch
(spitz und kalt)
Inwiefern förderlicher, wenn ich bitten darf?
Lang
Herr, in Frommetsfelden ist keine Schule!
Birnkoch
(heuchlerisch bekümmert)
Ei, ei, ei ...
Lang
Bei Regen, bei Frost, im tiefsten Schnee müssen die Kinder zwei Stunden laufen, um in die nächste Schule zu gelangen. Die Folge? Weitaus die meisten Eltern behalten ihre Sprößlinge zu Haus und erziehen dem Staat Analphabeten. Ich will Ihnen eine Schule bauen für das Geld, das der Turm kosten würde.
Birnkoch
Unter uns, – finden Sie denn diese sogenannte Bildung wirklich so notwendig für das Volk? Durch jeden Bauern, der lesen und schreiben kann, wird uns das Regieren schwerer gemacht.
Lang
Meine Ambition ist nicht, den Herrschaften das Regieren zu erleichtern. Was ihr gern seht, das ist eine möglichst große Armee von Nullen. Und jede Null soll zugleich ein Geldsack sein, ein Ding jedenfalls ohne Kopf und ohne Füße, und wenn ihr diese ganze Nullenkarawane gemächlich vor euch hinrollt, das nennt ihr dann regieren.
Birnkoch
(entsetzt)
Mais, monsieur! Ce sont des idées revolutionaires!
Lang
Das ist meine Ansicht.
Birnkoch
(dem nicht mehr ganz geheuer ist)
Aber ... ich meine ... wenn wo ein Turm einstürzt ... wenn überhaupt wo was einstürzt, muß man’s doch wieder aufbauen.
Lang
Ich bin dafür, daß man Ruinen wegräumt und nicht neue schafft.
Birnkoch
(rafft sich auf; würdevoll)
Sohin ist meine Mission beendet. Ich werde nicht ermangeln, höheren Orts Bericht zu erstatten.
Lang
Das bleibt Ihnen unbenommen.
Birnkoch
Ich habe in der leidigen Angelegenheit um elf Uhr noch eine conférence mit dem Herrn Präsidenten von Schuckmann –
Lang
Weiß schon. Der Präsident hat mich dazu gebeten. Man zwickt und zwackt mich von allen Seiten. In einer halben Stunde komm’ ich hinüber. Habe vorher noch ein Referat zu erledigen. (Verbirgt mühsam seinen Ärger und begibt sich, nach einem kurzen Kompliment, unhöflicherweise sogleich an seinen Schreibtisch.)
Birnkoch
Mesdames, meine ehrerbietigste Empfehlung.
(macht bedauernde Gesten, um Lang zu entschuldigen, und begleitet Birnkoch. Ehe noch die Tür ganz geschlossen ist, hört man von draußen)
Birnkochs Stimme
Seien Sie versichert, Madame, daran ist der Bonaparte schuld. Der Bonaparte sitzt ihm im Nacken. Schade, jammerschade ...
Lang
(horcht auf, lacht vor sich hin, während er schreibt)
Der Bonaparte muß allen Faulenzern den Wauwau machen. (Schreibt.) Aber sein Französisch reden sie. (Schreibt.) Und miserabel noch dazu.
Anna
(hat sich vorsichtig genähert und schaut Lang über die Schulter. Sie schüttelt den Kopf, als ob sie sagen wollte: er spürt mich nicht. Endlich legt sie ihm die Hände auf die Schultern).
Lang
Was gibt’s denn, Anna? (Schreibt weiter.)
Anna
Hast du nicht ein Minütchen Zeit für mich?
Lang
(ein bißchen ungeduldig)
Sag nur, was du willst. Ich bin ja beschäftigt, wie du siehst.
(schweigt, entfernt sich seufzend).
Lang
(schreibt)
Na sag’s nur, aber geschwind.
Anna
Manche Dinge kann man nicht geschwind sagen.
Lang
Dann sind’s gewiß überflüssige Dinge.
Anna
(nähert sich von neuem, neigt sich über ihn; mit einem Versuch zur Koketterie)
Weißt, von wem ich den Flieder hab’?
Lang
(stockt; kleine Pause, scheinbar gleichgültig)
Von wem ... vom Leutnant Schlözer natürlich.
Anna
Falsch geraten. Nein, richtig geraten. Ist’s nicht nett von ihm? Er weiß, daß mich Blumen ganz toll machen vor Freude. (Naiv.) Aber das blaue Seidenkleid, das du mir vom Baron Imhoff aus Paris hast bringen lassen, ist wunderschön.
Lang
(schreibt wieder)
Sollst es tragen, wenn der Fürst kommt.
Das dauert bis zum Herbst.
Lang
Bis dahin wird’s nicht altmodisch.
Anna
Ob ich aber dann noch lebe ...
Lang
(kehrt sich rasch um)
Anna!
Anna
Flieder, der verwelkt von heut auf morgen. Der ist für den Augenblick. So ein Kleid, das soll täuschen über den Augenblick.
Lang
Du quälst dich mit Hirngespinsten und mich nicht minder.
Anna
Hirngespinste? Das Hirn spinnt, was das Herz bewegt.
Lang
(steht auf)
Du darfst mir nicht den Boden unter den Füßen wegziehen, Anneli. Gegen Menschen kann ich streiten, gegen Schatten nicht.
Anna
(verzagt, sieht ihn groß an)
Mir ist so bang.
Weshalb denn, Anna?
Anna
Um dich, um mich, um uns beide ist mir bang. Ich seh dich oft gar nicht. Du bist so fern, auch jetzt, wo du vor mir stehst. Und ich weiß, du siehst mich auch nicht. Mir ist, als ob wir zwei Blinde wären, die vergeblich mit den Händen nacheinander greifen. Du bist so tüchtig, so fest, so klug, aber es ist was in dir, was mich schreckt. Ganz, ganz nahe möcht ich oft zu dir und kann nicht, wie wenn einem das eigene Haus zugesperrt wär’.
Lang
(kopfschüttelnd, doch heimlich erleichtert)
Schau, schau, was für eine kleine Schwärmerin du bist!
Anna
(verletzt)
Nein, Karl Heinrich, wirf’s nicht mit einem Wort von dir. Bist doch sonst ein Feind von denen, die sich’s bequem machen. Mich sollst du dir auch nicht bequem machen.
Lang
(ablehnend)
Ich versteh dich nicht, Kind. Mir ist das alles Spiel, was du vorbringst. Zum Spielen ist mir der Tag zu wert. (Will sich wieder zur Arbeit setzen.)
Anna
(schmiegt sich an ihn, mit einem jähen Entschluß, bittend)
Schenk mir den Turm, Karl Heinrich!
Lang
(verwundert)
Den Turm? Was für einen Turm?
Anna
Den Turm in Frommetsfelden.
Lang
Was soll das heißen? – Der Turm ist ja eingestürzt.
Anna
(leidenschaftlich schmeichelnd)
So bau ihn wieder auf! Bau ihn! Für mich!
Lang
(ruhig)
Solchen Unsinn kannst du von mir im Ernst nicht verlangen.
Anna
(beteuernd)
Im tiefen, heiligen Ernst. Ist kein Unsinn, Karl Heinrich; ist ein Wunsch, nur ein Wunsch.
Lang
Den ich unmöglich erfüllen kann; oder ich würde mich zum Windbeutel machen. Denk doch nach –
Anna
Denk ich nach, kann ich den Wunsch nicht mehr so spüren.
Lang
Nun also!
Anna
Wünschen ist stärker als denken. Du nennst’s vielleicht eine Laune.
Lang
Eine üble noch dazu.
Anna
(ruhiger)
Schau, der Turm war mir immer was Ehrwürdiges, das zum Himmel lockt. So stolz und wacker ist er gestanden, so fest und alt ins Firmament hineingegossen, und so unvergänglich, weißt du, als stünd’ er von Anbeginn der Welt bis zum Ende. Wenn ich als Kind nachts vom Schlaf erwacht bin, hab ich die Glocke gehört; dumpf und schwer und mächtig langsam und so wohllautend wie des Herrgotts Stimme selber. Wie Zeit und Ewigkeit hat’s da zusammengeklungen, zwischen Schlag und Schlag war ein ganzes Leben, gute Träume, böse Träume, und die Nacht ist so groß geworden, und der Tag so fern ... Aber wär’s nur darum, so wär’s am Ende wirklich Laune. Darum ist’s aber nicht.
Lang
So erklär dich deutlicher.
Anna
Ach, daß du’s nicht begreifst, daß du’s nicht ahndest!
Lang
Und daß auch du mir’s noch schwer machst, Anna, auch du! Bin ich denn nicht wie der böse Feind dahier geachtet? Jede Handlung, die dem gemeinen Wesen zugute kommen soll, braucht zwanzig Schreibereien. Wohin du blickst, die ärgsten Mißbräuche, Zehrungen und Unterschleife. Was an Steuern dem armen Volk erpreßt wird, geht für die Zeche der Herren auf. Meinst du, ich könnte nicht gleichfalls so ein Diätenfresser sein? Und sparte mir die Galle dabei. Was für Zustände, Anna! Davon hast du ja keinen Begriff! Im Alumneninstitut des Gymnasiums lauter feuchte, ungeheizte Stuben, wo die schamlos vernachlässigten Schüler öffentlichen und heimlichen Sünden frönen. Dabei muß man alljährlich das Geld aufborgen, um nur den Kostwirt bezahlen zu können. Im Waisenhaus sind den Kindern vor lauter Krätze und englischer Krankheit Hände und Füße gebogen und die Köpfe aufgeschwollen. In der elenden Baracke, genannt Seelhaus und Lazarett, liegen scheußliche Gestalten halbnackt auf muffigem Stroh. Fragt man: wo ist das Geld? Es ist nicht da. Es ist aber doch dafür bestimmt worden –? Ja, es ist aber nicht da. Keiner hält stand, keinen kannst du beim Schlafittich packen; alle, die davon fett werden, daß nichts geschieht, spritzen dir ihr Gift ins Gesicht, bei jeder nützlichen Anordnung setzen sich die Magistrate selbst entgegen; hinter denen stecken wieder die Verwalter, die Advokaten, die Gutsbesitzer, die Latifundienräuber, die Bevollmächtigten der Regierung, und so geschieht’s, daß ich im ganzen Land als unbarmherziger Mann verschrien bin, und daß man mich durch Appelle und Eingaben und Rekurse und Beschwerden und Ränke und Quertreibereien ermüden und zurückhalten will. Und nun kommst du auch noch und nagst an mir.
Anna
Ich seh’s wohl ein; Grund und Recht sind auf deiner Seite, und als gute Frau dürft ich nicht zuwiderstimmen. Mein Grund ist unaussprechlich und liegt vielleicht nur in meinen Augen; nur in meinem Blick, wenn er deinem begegnet. Sieh mich an, Karl Heinrich! Ist’s Lüge, dann ist alles Lüge, was mich zu dir treibt. Denk, es ist ein Gebet. Oder denk, es ist eine Krankheit in dir, die du selber nicht kennst, und du mußt sie durch einen bittern Trunk heilen.
Lang
Ich kann dir nicht helfen, Anna. Der Frommetsfelder Turm darf mir nicht gebaut werden, so lang ich hier im Amt bin.
Anna
(wendet sich weg, läßt die Arme schlaff fallen und den Kopf tief sinken).
Lang
Ist mir leid um dich, Anneli, denn in deinem Begehren ist was, das mir wie freventlicher Übermut erscheint. Zart bist du beschaffen, aber es ist was Verwegenes in dir, und wollt ich mich dem fügen, so wär’ ich geliefert für alle Zeit. Ihr Weiber habt oft so eine spindeldürre Phantastik in euerm Kopf; wenn man sich davon einfangen läßt, geht’s einem wie Simson, dem Propheten.
Anna
(geht langsam gegen die Türe links, zögert noch vor der Schwelle, dann ab).
Lang
(wandert unruhig hin und her)
Ist ein feines Geschöpflein, und kann sich nicht abfinden mit ihrem begehrlichen Gemüt. Nährst du’s, frißt’s dich auf. Mußt es ziehen lassen, als ob’s ne Wolke wär’. Die eine Wolke könnt ich ja vertragen, wird nicht gleich Blitz und Donnerwetter geben. Eheweisheit ist ein ander Ding denn Amtsweisheit. (Schaut auf die Uhr.) Die Zeit ist mir schon wieder davongelaufen. (Wie er zur Tür will, klopft es.) Herein!
Leutnant Amandus Schlözer
(tritt von rechts an. Er ist einundzwanzig Jahre alt, sehr schlank, mit einem gut markierten, charaktervollen Gesicht und Augen, in denen sich der Romantiker verrät. Sein Betragen schwankt zwischen Schüchternheit und soldatischer Offenheit und Kürze. Er trägt die preußische Infanterieuniform)
Verzeihung, Herr Domänenrat, wenn ich Sie störe – (Verbeugt sich, grüßt militärisch.)
Lang
(flüchtig)
Guten Morgen, Herr Leutnant. Ich weiß nicht, ob meine Frau Sie empfangen kann ...
Schlözer
Ich möchte, Herr Domänenrat, wenn ich Sie nicht von dringenden Geschäften zurückhalte, ein paar Worte mit Ihnen allein –
Lang
(stirnrunzelnd)
Ich habe allerdings ... ich werde beim Präsidenten erwartet ... Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Leutnant? Wollen Sie Platz nehmen?
Schlözer
Merci. (Bleibt stehen.) Ich wollte Ihnen nur sagen, Herr Domänenrat ... es ist etwas in mir, was mich zwingt, Ihnen diese Mitteilung zu machen, ... daß ich abzureisen genötigt bin.
Lang
(leichthin, jedoch etwas aufmerksamer)
Wirklich, Herr Leutnant? Sind es Gründe privater Natur, die einen so raschen Entschluß hervorgerufen haben?
Schlözer
(gepreßt)
Ja. Gründe von der dringendsten Beschaffenheit. Mein Urlaubsgesuch ist bereits bewilligt. Die Postpferde sind bestellt.
Lang
(konventionell)
Es tut mir leid, Herr Leutnant. Wir hatten gehofft, Sie länger hier halten zu können. Freilich, – die Provinz.
Schlözer
(mit festem Blick)
Dies ist es nicht, Herr Domänenrat. Es ist schwer zu sagen ... doch kam ich deshalb her ... und so sei es gesagt: Herr Domänenrat, ich liebe Ihre Frau.
Lang
(sieht ihn schweigend an; dann mit starker Überwindung)
Das nennt man ohne Umstände deutlich sein. (Kalt.) Ich beklage diese Fatalität, Herr Leutnant, doch überschätzen Sie vielleicht ihre Tragweite für mich, – wenn Sie deswegen Postpferde bestellt haben.
Schlözer
(ohne sich zu regen)
Würden Sie mir eine solche Antwort auch geben, wenn Ihre Frau meine Abreise nicht ganz so teilnahmslos betrachten würde?
Lang
(brüsk)
Herr Leutnant, meine Frau ist über jede Insinuation erhaben.
Schlözer
(verbeugt sich)
Ich weiß es.
Lang
Warum gleich Postpferde bestellen, Herr Leutnant? Und wenn Postpferde bestellt sind, warum sie zur Parade tanzen lassen? Soll ich das Almosen einer Entsagung mit Dank quittieren? Soll ich bewundern, wo ich kaum bedauern kann? (Ernst und mit Bedeutung.) Der ehrt sich selbst und seine Freunde, der durch Schweigen unerfüllbare Wünsche beschwichtigt.
Schlözer
Ich glaubte Ihnen, in dessen Haus ich Gastfreundschaft genossen habe, eine Erklärung schuldig zu sein.
Lang
Sie verpflichtet mich zu keinem Dank. Wenn Sie für sich fürchten, Herr Leutnant, Sie für Ihre Person und Ihre Ehre sage ich, dann nehmen Sie Postpferde.
Schlözer
(mit zu Boden gekehrtem Blick)
Ich reise, Herr Domänenrat.
Lang
So wünsch ich glückliche Fahrt. – Vermutlich werden Sie sich von meiner Frau verabschieden wollen. (Auf eine Bewegung Schlözers.) Bitte, Herr Leutnant, meine Frau wäre gewiß verletzt, wenn Sie ohne Gruß von ihr scheiden würden. Ich werde draußen sagen lassen, daß Sie hier warten. Ich selbst muß Sie leider verlassen. (Mit stummem Gruß nach rechts ab.)
Schlözer
(blickt düster vor sich hin. Er gewahrt den Fliederstrauß, eilt hin, nimmt ihn in die Hand und drückt seine Lippen in die Blumen. Dann läßt er das Bukett fallen, wie von einem hoffnungslosen Gedanken erstarrt)
Er schickt sie zu mir! Kein Zweifel ist in ihm, kein Zweifel!
Anna
(von links)
Guten Morgen, Amandus. War nicht Lang eben hier?
Schlözer
(zu ihr, küßt ihr die Hand)
Teure Anna, wie blaß Sie heute aussehen ...
Anna
(abweisend)
Dies Betragen lieb ich nicht an Ihnen, Amandus. Sie wissen es. Mein Mann ist fortgegangen?
Schlözer
Er sagte, er wolle Ihnen Nachricht geben, daß ich warte.
Anna
(mit verlorenem Blick)
Und ist fortgegangen. (Rafft sich zusammen.) Ich habe Sie doch gebeten, Amandus, daß Sie am Vormittag nicht kommen möchten. (Sie setzt sich, Schlözer nimmt ihr gegenüber Platz.)
Schlözer
Es ist das letzte Mal, Anna. Ich kann den Gedanken, daß Sie in meiner Nähe weilen, nicht länger ertragen. Ich kann nicht länger in den Nächten liegen und mit lebendig-offenen Augen träumen, was mir das Herz verbrennt. Ich kann’s nicht länger, und ich komme nun, um Ihnen Lebewohl zu sagen.
Anna
(versonnen)
Ich hatt’ es erwartet. Sie reisen also. Und wohin reisen Sie?
Schlözer
Die Erde dreht sich, und ich fühle mich so schwunglos; heruntergestürzt und in den Boden gewühlt wie in ein Grab. – Wohin ich reise? Es gibt bald Krieg, Anna. Wenn mein König keine Verwendung für mich hat, wird Bonaparte wissen, wie ein Mann zu brauchen ist, dem das Leben nichts mehr gilt.
Anna
(aufschreckend)
Haben Sie mit Lang gesprochen?
Schlözer
War es mein Schmerz oder war es das Bedürfnis, daß es zwischen mir und ihm zum Ausgleich kommt; daß er es wissen möge, daß er Sie hüten möge, Anna, wie das kostbarste Kleinod der Welt, – ich weiß nicht mehr warum, nennen Sie es eine Verfinsterung meines Herzens, – ich habe ihm gesagt, wie es um mich beschaffen ist und weshalb ich gehe.
Anna
(grüblerisch)
Das haben Sie ihm gesagt? Wie seltsam! Und er?
Schlözer
Er! Er war kalt und überlegen.
Anna
(wie oben)
Und er sagte, er wolle mir Nachricht geben lassen, daß Sie warten. Wie seltsam ...
Schlözer
Als ob keine Faser in Ihnen wäre, die ohne seinen Willen sich regte.
Anna
(wie oben)
Vielleicht vertraut er mir so.
Schlözer
Und dies Vertrauen sollte Sie nicht ein wenig kränken, teure Anna? Ist denn Liebe etwas so Unzweifelbares, daß sie einmal beschworen, jedem Feuer stand hält? Ist denn das noch Liebe, die so ruhig, so stumm, so satt werden darf?
Wie würden Sie gehandelt haben, Amandus, wenn ein Mann Ihnen ein solches Geständnis gemacht hätte?
Schlözer
Wie ich gehandelt hätte, weiß ich nicht. Vielleicht hätte ich den Mann erdolcht. Vielleicht hätte ich ihn in die Arme geschlossen. Wer aber darf so übermenschlich sich gebärden, daß er nichts wissen will von den Gewalten, die seiner Sicherheit ein Ziel setzen könnten? Ach, Anna, wenn! – wenn! Ich würde hinschmelzen unter jedem Blick und jedem Lächeln.
Anna
(kopfschüttelnd)
Nein, Amandus, das Hinschmelzen, das ist das Wichtige nicht. Wichtig ist, daß man nie einander vergißt. Daß man immer geborgen ist im andern, daß er die Gedanken hält und kennt, daß er die Wünsche weiß und jeden recht versteht, denn es ist eine Qual, zu reden, wenn man wünscht. Daß man nicht ein Opfer wird von einer Stunde, wo aufs Ungefähr das Blut stürmt und man dann zur schalen Erinnerung wird in den Geschäften des Lebens. Da wird alles kalt in einem.
Alles ist fremd ohne Zärtlichkeit, fremd und zufällig.
Anna
Ja, Zärtlichkeit, das ist es. Ohne Zärtlichkeit wird Liebe sündhaft. Zärtlichkeit ist wie ein treuer Hund am Herd, der nie den Herrn verkennt.
Schlözer
Ich weiß es seit langem, Anna, daß Sie nicht glücklich sind.
Anna
Glücklich! Ich bin noch vor dem Glück vielleicht und hab Angst, daß es vorübergeht, ohne daß ich weiß, was es ist. Ich möcht’ es ausgraben wo und kenn’ den Ort nicht, wo es liegt. – Wenn Sie mein Mann wären, Amandus, und Lang käm’ ins Haus, so wie Sie kommen, und Sie würden dazu schweigen und ich wüßte nicht, schweigen Sie aus Großmut oder aus Nachlässigkeit, die Unruh’ würde mir das Herz abdrücken. Und schwiegen Sie aus Nachlässigkeit, und ich wüßt’ es, so wär alles vorbei. Aber auch wenn Sie eifersüchtig wären und es zeigten, wär alles vorbei, denn ist ein Mann eifersüchtig, so achtet er sich selbst nicht oder die Frau nicht. – Wir müssen uns jetzt trennen, Amandus. (Sie steht auf.)
(zu ihr)
So gilt’s denn. Es wird Nacht in meinem Leben.
Anna
(verloren und wie zu sich selbst; schmerzlich)
Der Turm, Amandus, wird nicht gebaut. Mein Turm wird nicht gebaut.
Schlözer
Der Turm –?
Anna
Ach, wundern Sie sich nicht. Ich schwatze wohl zu viel. – Zu welcher Stunde wollen Sie denn fort?
Schlözer
Zwischen zwölf und ein Uhr denk’ ich.
Anna
Und wohin?
Schlözer
Gen Würzburg geht die Fahrt.
Anna
(wie aus einem Traum)
Wenn ich mitginge ... wenn ich mitginge ...
Schlözer
(leidenschaftlich, packt ihre Hände)
Anna! –
(lächelnd und verstört)
Tu’ ich den Schleier ums Gesicht, erkennt mich niemand ...
Schlözer
(außer sich)
Ich lass’ den Wagen beim Mauthaus auf der Chaussee warten. Ich laß ihn bis zum Abend warten, wenn Sie wollen!
Anna
(leise)
Wie er’s tragen wird? Ob’s ihn wandeln wird ... (Schlözer mit der Linken von sich abhaltend.) Ja, warten Sie, Amandus. Beim Mauthaus zwischen zwölf und eins. Nur dies noch, – Sie sind mein Ritter. Nicht fragen werden Sie, mich nicht bedrängen ... (Hastig.) Nein, nein, nicht reden jetzt. Beim Mauthaus zwischen zwölf und eins ... Geh ich den Feldweg, sieht mich niemand. Gehen Sie, Amandus. Nichts reden! (Sie legt den Finger auf den Mund.)
Schlözer
(geht wie ein Schlafwandler mit zurückgekehrtem Gesicht zur Tür).
Anna
Nichts reden ...
(mit einer trunkenen Bewegung ab. Während die Tür offen ist, hört man vom Flur die Stimmen der Bauern).
Anna
(steht entgeistert mit geschlossenen Augen).
Frau von Hänlein
(kommt)
Da draußen sind die Frommetsfeldner Bauern. Wollen beim Domänenrat petitionieren wegen ihres Turmes ... Um Gott, Kind, – wie siehst du aus?
Anna
Nichts, Mutter, es ist nichts. (Ab nach links.)
Frau von Hänlein
(schaut ihr nach)
Da ist was nicht rund in der Welt, sollt’ mich dünken. Der Schlözer ist mir auch ganz rabiat vorgekommen ... Als ob einer vom Wein aufsteht und durch die Wand steigen will. Kind! Kind!...
Bärbel
(kommt)
Könna die Bauersleit’ da herinnet wart’n?
Frau von Hänlein
Ja, laß sie nur herein. Der Domänenrat muß gleich kommen. Die Leute sagen ja, sie hätten ihn unterwegs schon getroffen. Ich will mich nach der jungen Frau umschauen. (Links ab.)
(nach draußen)
No, spaziert nur da ’rein! (Es kommen der Ringhofbauer, der Erlhofbauer, der Waldhofbauer, und zwei andere Bauern. Alle tragen die urtümliche fränkische Bauerntracht: silberne Knöpfe an den blauen Westen, schwarze Jacken, schwarze Hosen in hohen Stiefeln, schwarze Zipfelmützen. Sie drücken sich scheu und ehrfürchtig herein, bleiben regungslos stehen.)
Bärbel
Derft euch au’ niedersetzen. (Ab, läßt die Tür offen.)
Der Ringhofbauer
Joo ... (Sie bleiben stehen.)
Der Erlhofbauer
Wer soll’n reden?
Der Ringhofbauer
I wer’ scho reden.
Der Waldhofbauer
Was werst’n sog’n?
Der Ringhofbauer
I wer scho was sog’n. (Es kommen Lang und der Kammerdirektor Mühlbach, ein älterer, würdiger Herr.)
Kammerdirektor
Ich hab’s Ihnen gleich gesagt: der Präsident ist in dieser Sache machtlos.
Niemand hat den Mut, für das Notwendige sich einzusetzen, wenn er gleich die Vernunft hat, es zu sehen. Es ist ein Höllenzirkel.
Kammerdirektor
Da haben Sie Ihre Bauern ...
Lang
Ja. Und morgen werden die Pfarrer kommen, und übermorgen die Küster.
Kammerdirektor
Der Präsident hat nicht so unrecht, wenn er meint, daß das Wegschaffen des Turms gleichsam eine capitis deminutio sein würde.
Lang
Das Corpus juris wird maulfeil, wo das gesunde Gefühl revoltiert. Bin ich schwächer hier als Stumpfsinn und böser Wille, dann kenn ich meinen Weg.
Kammerdirektor
Aber Lang! Lang!
Lang
(zu den Bauern)
Hört mich an, ihr Leute! Wenn ihr einen Webstuhl habt, und der zerbricht, dann werdet ihr euch einen neuen Webstuhl anschaffen. Nicht wahr?
Joo ... joo ...
Lang
Und wenn euch ein alter Hofhund krepiert, dann werdet ihr euch nach einem andern, einem jungen Hofhund umsehen. Ist’s so?
Die Bauern
Joo ... joo ...
Lang
Wenn euch aber ein Haus abbrennt, das auf einem vom Wasser unterhöhlten und durchweichten Grund gestanden ist, werdet ihr dann das Haus auf demselben Grund wieder aufbauen? Sagt mir eure Meinung. Frisch heraus!
Die Bauern
Naa ... naa ...
Ringhofbauer
Das wöll’n mer nit ton. Naa ... naa ... (Er nickt den andern verständnisinnig zu, als sollten sie seine Beredsamkeit bestaunen.)
Lang
Und wenn auf euerm Acker ein großer Baum steht, der dem Getreide Licht und Sonne nimmt, den ihr aber nicht umhauen wollt, weil er dort seit Menschengedenken wächst, und der Baum bricht nun eines Tages, weil er krank ist, oder der Blitz haut ihn zu Boden, werdet ihr da nicht froh sein, daß er weg ist?
Die Bauern
Joo ... joo ...
Lang
Oder werdet ihr ihn von neuem in die Erde stecken?
Die Bauern
Naa ... naa ...
Ringhofbauer
Des tenna mer nit, Herr Råt! (Wie oben.)
Lang
Nun also! (Der Schreiber Kasteljack, ein dürrer, langer, fusliger, schattenhafter Mensch, kommt schüchtern und eilig getrippelt, hat ein amtliches Dokument in der Hand.)
Lang
(unwirsch)
Was gibt’s, Kasteljack?
Kasteljack
(asthmatisch)
Herr Domänenrat ... (hüstelt) das Gesuch an die Regierung wegen Nichtwiederaufbaus des Frommetsfeldner Turms ... (Greift sich an die Brust, hüstelt.)
Lang
Hurtig, hurtig, Mensch! (Entreißt ihm den Bogen.)
Kasteljack
... ist leider diesen Morgen als unerledigbar ... unerledig ... lich ... zurückgekommen.
(mit verbissenem Grimm)
Und der Grund?
Kasteljack
Eine Formalität, Herr Domänenrat ...
Lang
Was für eine Formalität?
Kasteljack
Der Submissionsstrich fehlt.
Lang
Der – Submissionsstrich?
Kammerdirektor
Der Submissionsstrich?
Kasteljack
Ja. Es ist dies eine wichtige amtliche Formalität. (Hüstelt.) Die Vorschrift lautet, daß zwischen dem Text des Gesuches oder des Referats oder des Ausweises oder des Testimoniums ... daß zwischen dem Text und der Unterschrift des betreffenden Herrn Referenten oder Berichterstatters ein dicker, gerader, deutlicher Strich gezogen werde. Diesen Strich nennen wir den Submissionsstrich.
Kammerdirektor
Ja. ’s ist wahr, eine ganz zweifellose Institution, die Sie doch kennen müssen, Lang.
Ich kenne sie. Jetzt kenn ich sie. Mit einem Wort: diese Unterlassung bedeutet zwei bis drei Monate Aufschub. Der Submissionsstrich soll das Seil werden, auf dem man mich tanzen lassen will. Oder der Balken, mit dem man mir um die Füße schlägt. (Er eilt zum Schreibtisch und zieht in größter Hast mit Bleistift und Lineal Striche auf einem großen Bogen Papier.) So werden hierzuland die Männer traktiert und die wahren Interessen schachmatt gemacht. (Kehrt zu Kasteljack zurück.) Hier, Kasteljack. Da ist ein ganzer Schreibebogen, reichlich versehen mit Submissionsstrichen. Schicken Sie den Bogen an die betreffende Kanzlei der Regierung, ich lasse submissest ersuchen, in einschlägigen Fällen sich aus diesem Vorrat von Submissionsstrichen bedienen zu wollen.
Kasteljack
Aber ...
Lang
Kein Aber. Tun Sie, was ich Ihnen befehle. Es ist Ernst.
(Kasteljack unter Bücklingen rückwärtsgehend ab.)
Kammerdirektor
Sie werden sich’s mit der hohen Regierung gründlich verderben, lieber Lang.
Die und ich, wir können nicht in derselben Küche unser Fleisch kochen. Ihres schmeckt mir ranzig und meins ist ihnen zu zähe. Verderben! Ich mit ihnen verderben! Ich hab’ ihnen gedient, wie einer, der’s redlich meint. Sie haben mich bezahlt wie einen, der schon betrogen hat. Wer sein Schäfchen ins Trockene bringt, erregt ihnen keinen Argwohn, wer sich mausig macht und ihre verstaubten Litaneien überhört, den legen sie nackt in die Sonne und salben ihn mit dem Öl ihrer Schikanen, daß das Ungeziefer über ihn kommt.
Kammerdirektor
Lang! Lang! mäßigen Sie sich doch.
Lang
Ich bin am Ende meiner Fassung. Wenn man zusehen muß, daß alle Quellen hämisch verstopft werden und die Menschheit verdurstet. Daß die Früchte wachsen, um zu verfaulen. Große Männer Großes richten, um Popanze zu werden für die Phrasendrechsler. Verderb ich mir’s mit ihnen, steht’s desto besser zwischen mir und meinem Gewissen. (Zu den Bauern, die unterdessen heimlich gewispert haben.) Nun, ihr Leute! Der Baum, von dem ich euch da gesprochen habe, vergleichsweise, versteht mich wohl, der Baum ist euer alter, unnützer Turm. Was wollt ihr beginnen mit einem Turm? Könnt ihr ihn als Heuschober brauchen? Nein. Könnt ihr drinnen wohnen? Nein. Wollt ihr drinnen beten? Nein. War er besonders schön von Ansehen? Nein. Es war nichts in ihm oder an ihm, was euch hätte ergötzen oder fördern können. Und doch wollt ihr ihn wieder aufrichten. Warum?