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Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen cover

Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen

Chapter 8: Lord Hamiltons Bekehrung
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About This Book

A sequence of five one-act dramas stages concentrated moral confrontations in period settings, each centering on a decisive dilemma of power, loyalty, love, or conscience. The plays favor economical scenes and sharp exchanges that reveal character under pressure, often juxtaposing private feeling with public obligation. Compact structure and focused staging produce tense psychological drama, ironic reversals, and unresolved ethical ambiguity rather than sprawling narrative development.

Erlhofbauer

Mer war’s halt so g’wöhnt, Gnaden Herr Råt.

Waldhofbauer

’s wär a Schand, Gnaden Herr Råt.

Lang

Die Schande will ich euch auswetzen. Ich bau euch ein Schulhaus, das wird ein wahrer Staat sein. Seht, das ist eine Aussaat, von der ihr eine gute Ernte einheimsen könnt. Profitiert ihr nicht mehr davon, so profitieren eure Kinder, die Söhne und die Töchter. ’s ist, wie wenn man Kälber auf eine fette Weide treibt. Da wächst euch kein habergasiges Vieh heran, das sich seiner Haut schämen muß, sondern ein edler Schlag. Der Bauer hat nicht nötig, sein Licht unter den Scheffel zu stellen. Mit dem Wissen ist’s eine eigene Sache und, glaubt mir’s oder glaubt mir’s nicht, wenn ihr eure Kinder was lernen laßt, werden eure Mühlen besseres Korn zu mahlen haben.

Ringhofbauer

Da hab’n mer alles nichts dageg’n, Herr Råt; aber um unsern Turm woll’n mer halt fleißig gebeten hab’n.

Lang

Holzköpfe! (Verzweifelt zum Kammerdirektor.) Das ganze Ding gleicht einem Gänsespiel, wo man sich schon nah am Ziel glaubt, und durch einen mißglückten Wurf von einem umgekehrten Schnabel zum andern wieder zum ersten Anfang zurückgewiesen wird.

Kammerdirektor

Ich wußt es vorher.

Frau von Hänlein

(kommt mit einem Brief, von rechts).

Lang

Doch laß’ ich nicht nach, und wenn’s ein Jahr meines Lebens kostet.

Frau von Hänlein

Da ist ein Brief an Sie gekommen, Lang.

Lang

Das Siegel sollt ich kennen. ’s ist vom Fürsten Hardenberg. (Er bricht den Brief auf und liest; seine Miene verzerrt sich sichtlich, er wirft das Schreiben mit einem Laut des Schmerzes und der Wut zur Erde und schlägt die Fäuste vor die Augen.)

Frau von Hänlein

(erschrocken)

Lang!

Lang

Geht mir aus den Augen! Geht! Fort ihr alle! – Auch er! auch er! – Nichts richten können! nichts vollenden können!

Frau von Hänlein

Aber Lang, sein Sie doch vernünftig! (Sie hebt den Brief auf.)

Lang

(entreißt ihn ihr)

Sehen Sie, Mühlbach, – hören Sie! (Liest im Tiefsten erregt, mit zusammengebissenen Zähnen.) »Die gegnerischen Umtriebe sind so mächtig geworden, lieber Lang, daß ich Sie in Ihrem wie in meinem Interesse bitten muß, die fragliche Affäre mit dem unglückseligen Turm fallen zu lassen. Sie wissen, welchen Anteil ich an Ihren Bestrebungen nehme, ich kenne die edle Selbstlosigkeit, mit der Sie allem hingegeben sind, was Sie für recht und förderlich erkannt haben, aber das Tüchtige läßt sich auf vielen Wegen durchsetzen,« – so spricht Er! Er! So haben sie ihn zu Brei gemacht! Das Tüchtige auf vielen Wegen! – (Liest.) »Stehen Sie ab vom Unerreichbaren und wirken Sie im Möglichen« – nichts da, von Gnadenbrot will der Lang nichts wissen, – (Liest.) »Ich war gezwungen, die einschlägigen Akten einem anderen Referenten zu übertragen« – (Wirft wie von Ekel erfaßt das Papier von sich.)

Kammerdirektor

Ich finde das Schreiben Seiner Exzellenz äußerst würdig und schmeichelhaft, lieber Lang ...

Lang

(scheinbar gefaßt)

Ja. Das ist es. Ohne Zweifel. Einem andern Referenten. Einem, der biegsam ist und Ja und Amen sagt. Gönnen Sie mir jetzt eine Stunde der Ruhe und Überlegung, lieber Mühlbach. Ich habe heute noch mancherlei zu tun, denn morgen mit dem Frühesten werde ich meine Bestallung per Extrapost an die Regierung zurücksenden.

Frau von Hänlein

Lang!

Kammerdirektor

(macht beschwörende Gesten).

Lang

Lassen Sie nur, Mühlbach. Ich weiß, Sie haben die beste Meinung von mir. Aber das kann jetzt nichts nützen. Gott befohlen, ihr Leute. Gehn Sie nur, Mutter. Adieu, lieber Mühlbach. (Die Bauern, der Kammerdirektor und Frau von Hänlein ab. Lang prüft, ob die Türe zu ist, geht dann zum Schreibtisch, läßt sich nieder und stützt den Kopf in die Hand. Sein Gesicht hat einen tief verbitterten und tief erschöpften Ausdruck.)

Anna

(kommt von links. Sie ist zum Ausgehen gekleidet, doch hat sie statt des Hutes einen schwarzen Schal über dem Kopf. Sie tritt leise auf, schaut vorsichtig durch das Zimmer. Als sie Lang so augenscheinlich gebrochen sieht, erschrickt sie und faltet unwillkürlich die Hände).

Lang

(blickt empor, mit innerlicher Wildheit)

Ja, Anna. Da bin ich nun. Kannst mich verpflegen, wenn du willst. Als Tagedieb im Haus, als Siebenschläfer im Bett. Bin zu nichts mehr nutze. Sie haben mir die Hände aus den Gelenken gedreht.

Anna

(macht zwei Schritte, bleibt wieder stehen).

Lang

(erhebt sich; mit verzweifelter Klage und Anklage)

Es kränkt mich wahrlich um meinen Stolz. Es kränkt mich um die Ader, die mir schwillt. Möcht alle getanen Schritte bereuen und alle gesprochenen Worte wieder einschlucken. Warum bin ich nicht auch so ein Jasager und Sonnenblumen-Männlein, dann stünd’ ich nicht so da, Schmach und Spott mir selber. Der elende Mückentanz! Wohin man greift, nur Luft; wohin man schlägt, trifft’s den eigenen Leib. (Ausbrechend in heller Bitterkeit.) Schau’ mich nicht an, Frau, ich schäm mich vor dir. Was kannst du anders glauben, als daß ein Mannsbild nur dazu da ist, um zu flunkern und sich wichtig zu machen? Und wenn er sich ganz in floribus hat zeigen wollen und einer Sache sich verdungen hat, bei der von Recht und Wohlfahrt zu schwadronieren war, so sitzt er nun um so erbärmlicher da, mit Fußtritten heimgeschickt.

Anna

(in deren Zügen sich eine innige Besorgnis malt, leise)

Karl Heinrich!

Lang

Und keinen Menschen! Keinen, der ’s redlich meint! So ohnmächtig sein! Geh von mir fort. Du hast nichts an mir. Geh aus meinem Hause. Ich bin kein Mann für dich. Bin deiner nicht wert. Geh zu einem, der ’s mit ehrlichen Feinden zu tun hat und ein Schwert in die Faust nehmen kann, wenn ihn die Horde bedrängt. (Er setzt sich mutlos und matt wieder in den Sessel.)

Anna

(wie oben)

Nicht so, Karl Heinrich!...

Lang

Oder willst du nur darum bei mir bleiben, weil mein Schicksal deiner Torheit zu Hilfe gekommen ist? Trotzt ihr doch in eurer blinden Sucht, ihr Weiber, dem Himmel selber unvernünftige Taten ab. Ja, er wird gebaut, dein Turm. Er wird gebaut.

Anna

(leise)

Das wußte ich gleich, Karl Heinrich, als ich dich so sah.

Lang

Kannst du mich darum höher estimieren, was soll ich dann von meinem Wert noch halten und was von deinem Stolz?

Anna

(mit kaum merkbarer, schmerzlicher Schalkhaftigkeit)

Soll ich aber von dir fort, nur um zu beweisen, daß mir an dem Turm jetzt nichts mehr liegt?

Lang

(bitter)

Wenn man den Kindern das Spielzeug gibt, nach dem sie verlangt haben, dann werfen sie’s beiseite.

Anna

Ich habe ja den Turm von dir begehrt und nicht von denen, die dir ein Leids damit getan. So komm’ ich mir ja vor, als stünd ich mit ihnen im Bund. Und wenn noch dazu dein Herz gegen mich gestimmt ist, so flüstert’s dir vielleicht ein, ich hätte dich verraten, irgendwie geheimnisvoll verraten. Ach, Karl Heinrich! Plötzlich bin ich schuldig und weiß kaum wieso. Schuldig vor dir, schuldig vor mir und weiß kaum wieso.

Lang

(schaut sie an)

Was stehst du denn da mit deinem Kopftüchlein und wohin willst du denn gehen? Willst nach Frommetsfelden hinaus und zugucken, wie sie bauen?

Anna

Ich will’s dir sagen, Karl Heinrich. Zum Mauthaus wollt ich gehn auf der Chaussee.

Lang

Und was willst du denn dorten beim Mauthaus auf der Chaussee?

Anna

Dort kommt der Leutnant Schlözer vorbei und will auf mich warten.

Lang

(den Oberkörper nach vorn gebeugt, stützt den Kopf mit beiden Händen. Schweigt.)

Anna

Es war beschlossen, Karl Heinrich, – fast wie man den Tod beschließt.

Lang

(dumpf)

Beschlossen! Dies beschlossen! So muß es Laster in mir geben, die ärger sind, als ich sie ahnte, und was dich zu mir geführt, war nur ein Gaukelspiel betrügerischer Tage. Alle Wege: abwärts. Jeder Tag nur eine kurze Dämmerung zwischen zwei Nächten. Es ist ein unheimlicher Geisterspuk, der einen so lang schaudern macht, bis die Gedanken still stehn, und was die Brust bewegt, ist Scham, Scham, Scham!

Anna

(tief erregt)

Hör mich an, Karl Heinrich –

Lang

Hör ich dich, so bin ich schon getäuscht. Was gabst du mir freundliche Mienen und Blicke? Nur damit es jetzt offenbar wird, daß du einen brauchst, der süße Worte machen kann und immer beteuern kann und schwärmen kann und zeigen kann, was ihr mit euren kurzen Sinnen sehen müßt. Geh nur, Anna. Denk nicht, daß du einen Verzweifelten zurückläßt. Ich bin’s nicht ungewohnt, abzurechnen mit mir und meinem Leben. Was ich nie besessen habe, kann ich nicht verlieren. Freilich der Irrtum, der frißt am Mark und macht alt und krank und müde.

Anna

Es ist hart für mich, was du sprichst, aber ich verdien’s. Doch laß es genug sein, Karl Heinrich, und vergiß, was du gesagt, damit ich vergessen kann, was ich nur halb getan.

Lang

(steht auf)

Du sollst nicht vergessen und ich kann nicht vergessen. Es sei denn, wir wollen nicht für unsere Handlungen einstehen und uns aufführen wie Knaben, die einander schön tun, nachdem sie sich geprügelt haben. Es ist von Übel, jegliches Wort von Übel. Mit Schwatzen und Auseinandersetzungen erreichen die Menschen nichts weiter, als daß sie sich so nahe rücken, daß sie keinen Platz mehr zum Atmen haben. Und um mein Glück und um meinen Frieden kann ich nicht feilschen. Was man einander gewährt und einander erläßt, kann nicht durch Abmachungen geregelt werden. Alles wahre Zusammenleben beruht auf Schweigen, Frau! Je tiefer der Bund, je tiefer das Schweigen. Bliebst du aus Mitleid bei mir, so wünscht’ ich lieber, ich hätte dich nie gesehen.

Anna

(hat die Hand an die Stirn gedrückt, läßt sie fallen, tritt näher, frei und entflammt)

Wie kommt’s nur, daß ich dich jetzt so spüre, Karl Heinrich! Schon als es mich da draußen über die Schwelle zog, war mir, als ließ ich alle Zweifel zurück. Nicht Mitleid ist’s, nein, nein! – Höchstens könnte ich dein Mitleid fordern für mich, denn ich war so klein und ich glaubte, du würfest mich hin gegen die Welt und die Welt sei dir alles und ich zu wenig, ich zu allein gegen dich und die Welt. Jetzt aber sehe ich dich auch allein und das – das! Karl Heinrich –! (Sie ergreift seine Hand und drückt ihre Stirn darauf.)

Lang

(sinnend)

Ach, du wunderliches Geschöpf von einem Weib.

Anna

(wieder aufgerichtet)

Du hast recht, Karl Heinrich. Es sollen nicht so viele Worte zwischen den Menschen hin und her geworfen werden. Es soll vielleicht bestehen bleiben, dies Fremde und dies Ferne, das mich so oft gequält hat. Vielleicht ist es gut so, daß wir nicht zu allen Zeiten alles von einander wissen, und gut ist es auch, daß ich dich suchte. Ja, es ist gut, daß ich dich suche, wenn du mich hältst! – Behalte mich!

Lang

Ich will dich halten.

Anna

(ohne Emphase ganz hingegeben)

Was soll’s noch um den dumpfigen, stockigten Turm, Karl Heinrich? Habe ihn gewünscht, wie man ein Zeichen wünscht, ein Zeichen für etwas, das nun da ist.

Lang

(zu ihr gebeugt)

Und doch mußt du vieles dafür tragen, Kind. Mich vor allem, der eine Weile zusehn muß, untätig beiseite. Wir wollen aus der Stadt ziehen. Vom Amt will ich weg –

Anna

(bestimmt und mit freier Heiterkeit)

Nein, Karl Heinrich. Dieses wirst und kannst du nicht tun. Du bist der Mann nicht fürs Ausgeding. Mit den Wurzeln sich selber ausgraben und verdorren lassen? Du überzeugst sie ja schon von deinem Wert, indem du da bist. Könnte das Wasser schäumen ohne Damm? Hätt es solche Kraft? Kommt’s darauf an, bezahlt zu werden, Karl Heinrich, heute oder morgen bezahlt? Bezahlt dich nicht dein eigenes Blut und deine innere Flamme?

Lang

(betroffen)

Frau, – wie du das sagst! Woher kommen dir solche Worte? Also bedeutet dir mein Treiben wirklich was? Willst nimmer so scheu und zweifelhaft neben mir wandeln?

Anna

Es hat mir nichts bedeutet, so lang ich nicht fühlen konnte, wie du mich damit umschlingst und wie ich dazu gehöre.

Lang

So hätte mir der Aberwitz und blöde Widerstand der Welt zum Köstlichsten verholfen?

Anna

Spürst du’s so, dann ist es mehr, als ich gesehnt.

Lang

(packt ihre Hände, leidenschaftlich)

Und doch hat dich das trübe Wesen zum Scheideweg geführt ...

Anna

Wer am Scheideweg war, weiß besser ums Ziel. (Man hört Räder rollen auf der Straße.) Komm, Karl Heinrich – (Sie zieht ihn zum Fenster.)

Lang

Es ist ein Wagen, der vom Posthaus abfährt ...

Anna

Zum Mauthaus auf der Chaussee. – Gib mir die Hand, Karl Heinrich! Drück sie fest, fest ... so. Hörst du, wie mein Herz klopft? Ich glaube, es klopft vor Glück.

Lang

Unsere Herzen sind wie zwei Schalen in der Hand eines Engels. Ist ein Auf- und Niederschwanken sondergleichen. Jeder Pulsschlag zieht’s hier hinunter, dort hinauf. Wir wägen nicht, es wird uns zugewogen. Wir müssen still halten, das ist alles.

Anna

Ich halte still, Karl Heinrich. (Das Posthorn tönt.) Gute Fahrt, Schwager Postillon!

Vorhang.

Lord Hamiltons Bekehrung

Personen:

  • Lord William Hamilton (von der Seitenlinie der Herzoge)
  • Sir Francis Hamilton, sein Sohn
  • Emma Lyon
  • Mr. Dashwood, Notar
  • Mr. Fletcher, Uhrmacher
  • Der Majordom
  • Mrs. Adams, Wirtschafterin
  • Doktor Middlewater
  • James, ein alter Diener
  • Drei andere Diener

Spielt am Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Easton Park in der Grafschaft Suffolk.

Das Frühstückzimmer in Easton Park. Nach hinten führt eine offene Flügeltür in die Halle, durch die man wiederum in den Park blickt. Rechts eine geschlossene Flügeltüre, links zwei hohe Fenster. Ein schmaler Tisch, mehr links, ist für zwei Personen gedeckt. Ein anderer, schwerer Eichentisch steht mehr rechts. In der linken Ecke eine Wanduhr in einem massiven Gehäuse, das bis zur Decke reicht. An den Wänden hängen alte Gobelins und ein paar niederländische Stilleben.

Auf einer kleinen Leiter vor der Wanduhr steht Mr. Fletcher; er hat den mächtigen Pendel abgenommen und horcht ins Räderwerk. Der Majordom hat den gedeckten Tisch inspiziert und beobachtet dann ernsthaft, mit verschränkten Armen, die Hantierung des Uhrmachers. Währenddem tritt Doktor Middlewater vom Park her in die Halle, stellt seinen Medikamentenkasten auf die Bank und kramt darin, wobei er der Szene den Rücken zukehrt. Gleichzeitig kommt Lord Hamilton von draußen rechts in die Halle. Er beachtet den Arzt nicht, der sich rasch umwendet und, obwohl er schon gebückt steht, eine noch tiefere Verbeugung macht. Der Lord hat einen Brief in der Hand und geht unruhig auf und ab.

Lord Hamilton

(draußen)

Mister Wardle!

Der Majordom

Mylord! (Eilt hinaus.)

Lord Hamilton

Für welche Stunde ist Mister Dashwood bestellt?

Der Majordom

Für elf Uhr, Mylord.

Lord Hamilton

(die Taschenuhr ziehend)

Dann muß er in sechsunddreißig Minuten hier sein.

Der Majordom

Gewiß, Mylord.

Lord Hamilton

Doktor Middlewater, ich bin bereit. (Mit Doktor Middlewater in der Halle rechts ab.)

Mr. Fletcher

(hat neugierig gelauscht. Er ist trotz seiner vorgerückten Jahre ungemein eitel. Während der Lord geht und der Majordom zurückkommt, holt er einen Handspiegel aus seiner Tasche und betrachtet sich wohlgefällig).

Der Majordom

Sie hören, Mister Fletcher, – es ist sechsunddreißig Minuten vor elf.

Mr. Fletcher

Ich habe bemerkt, daß die Pünktlichkeit in diesem Hause etwas willkürlich gehandhabt wird. Seine Lordschaft ist imstande, der Sonne zu befehlen, welche Zeit es ist. Das erscheint mir etwas waghalsig. Es widerspricht der göttlichen Weltordnung. – Wie finden Sie mich heute aussehend, Mister Wardle?

Der Majordom

Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß die Uhr gestern um neun Minuten zu spät gegangen ist.

Mr. Fletcher

(hängt den Pendel ein)

Genau das Gegenteil von dem, was ich tue. Ich bin immer zu früh daran; immer zu früh. Aber in der Liebe ist das der einzige Weg zum Erfolg. Meinen Sie nicht, Mister Wardle, daß ich noch eine ganz repräsentable Erscheinung bin? Das schöne Geschlecht ist nicht unzufrieden mit mir.

Der Majordom

(amtlich)

Sind Sie bald fertig, Mister Fletcher?

Mrs. Adams

(kommt in Eile; sie ist eine muntere und beleibte Dame)

Denken Sie nur, Mister Wardle, James ist betrunken!

Der Majordom

James? betrunken –? Wie ist das möglich?

Mrs. Adams

Sie müssen uns helfen, Mister Wardle. Wenn ihn Seine Lordschaft in der Verfassung sieht, geht’s dem armen alten Kerl schlecht. Erinnern Sie sich noch, wie er vor drei Jahren den unglücklichen Jimmy mit der Hundspeitsche auf die Landstraße jagen ließ, weil er benebelt war –?

Der Majordom

Aber wie konnte das geschehen, Missis Adams? wie konnte sich James so vergessen?

Mrs. Adams

Der Kummer, Mister Wardle. Der Kummer um den jungen Herrn. Sie wissen doch, wie er an Sir Francis hängt. Nun hat Seine Lordschaft wahrscheinlich etwas durchblicken lassen, von Enterbung oder so ... James ist ja der einzige, mit dem er hie und da ein vertrautes Wort spricht ... der Kummer, Mister Wardle. Ich gehe zu den Ställen hinüber, um Milch zu holen, da sehe ich ihn taumeln und mit den Händen fuchteln und höre, wie er wild vor sich hinmurmelt, – kurz, er ist im Zustand eines Schweines.

Mr. Fletcher

(hat vergebens mit Missis Adams zu liebäugeln versucht)

Was für ein angenehmes Wesen! welche verlockende Stimme! (Seufzt, holt den Spiegel hervor.)

Der Majordom

(ringt die Hände, schnell durch die Halle in den Park ab)

Mr. Fletcher

(zu Mrs. Adams, die sich anschickt, dem Majordom zu folgen)

Haben Sie indessen meinen Antrag überschlafen, Missis Adams?

Mrs. Adams

(unruhig nach der Tür schauend, hastig und verschämt).

Es kann nicht sein, Mister Fletcher. Mylord ist ein so verschworener Feind von allem Heiraten, daß ich mir’s zeitlebens mit ihm verderben würde.

Mr. Fletcher

(bekümmert)

Sehr unrecht von Seiner Herrlichkeit.

Mrs. Adams

(vertraulich flüsternd)

Sie wissen ja, er hat Malheur gehabt. Mylady ist ihm nach der Geburt von Sir Francis mit einem Schmugglerkapitän durchgebrannt und in der irischen See ertrunken.

Mr. Fletcher

Wie Sie mich hier sehen, Missis Adams, bin ich ein Mann mit einem geregelten Einkommen von zweihundertvierzig Pfund.

Mrs. Adams

Sie brechen mir das Herz, Mister Fletcher. Ich bin so attachiert an Easton Park.

Mr. Fletcher

Und sonst, Missis Adams, wenn ich auch den Kahlkopf nicht ableugnen kann, wer will meine Stattlichkeit bezweifeln?

Mr. Dashwood

(tritt mit allen Zeichen eines überstandenen Schreckens in die Halle, schaut sich ängstlich um, kommt dann auf die Szene. Unterm Arm trägt er die Aktentasche. Tracht der Zeit. Quäkerhut)

Guten Morgen! (Legt den Hut ab, wischt den Schweiß von der Stirn.)

Mrs. Adams

Ist Ihnen etwas Schlimmes widerfahren, Mister Dashwood?

Mr. Dashwood

Es muß der leibhaftige Satan gewesen sein, – Gott sei mir gnädig.

Mrs. Adams

Was denn? wo denn?

Mr. Dashwood

(Atem schöpfend)

Während ich durch den Hohlweg reite ... Sie kennen ja diesen Hohlweg, Ma’am ... er ist so schmal, daß zwei Fußgänger einander nicht ausweichen können ... ach, das Entsetzen ist mir in alle Glieder gefahren.

Der Majordom

(kommt nervös wie ein Mann, der nicht weiß, wo er zuerst Hand anlegen soll)

Es steht wirklich verzweifelt mit dem alten Esel. Mister Fletcher, die Uhr in den Dienerwohnungen muß noch reguliert werden. Mylord erwartet Sie um elf Uhr, Mister Dashwood.

Mr. Fletcher

(der an Mister Dashwoods Erregung keinen Anteil nimmt)

In unserer zarten Angelegenheit werde ich zu passenderer Stunde wieder anfragen, Missis Adams. (Da sie ihn schmachtend anschaut.) Ach, dieser Blick! – (Wirft ihr eine Kußhand zu. Ab.)

Mrs. Adams

(zum Majordom)

Mister Dashwood hat etwas Gräßliches erlebt – – –

Mr. Dashwood

Ich reite also durch den Hohlweg, und hinter mir her, auf einem kohlschwarzen Roß, ein Bursche mit flatternden schwarzen Haaren. Immer mir nach ... immer auf meinen Fersen, im vollen Galopp! Ich treibe mein Tier zur Eile an ... er, mit höhnischem Geschrei, tut dasselbe. Ich glaube nicht fehl zu gehen, wenn ich vermute, daß es ein Räuber war.

Der Majordom

Am hellen, lichten Tag?

Mr. Dashwood

Ein blut- und mordgieriger Geselle.

Mrs. Adams

Da möchte ich nicht an Ihrem Platz gewesen sein, Mister Dashwood.

Mr. Dashwood

Ich pflege sonst nie ohne Pistole auszugehen. Weiß man doch nicht, was einem zustoßen wird. Mein Freund, Mister Sparre, – Sie kennen doch Mister Sparre, Ma’am? – ist neulich in Pall Mall von einem wütenden Hund gebissen worden. Es ist nichts Seltenes, daß jemand inmitten der Ausübung seiner Amtsgeschäfte von einem jähen Tod ereilt wurde. Solche Katastrophen treten gewöhnlich dann ein, wenn sich der kurzsichtige Mensch auf dem Gipfel seines Glücks befindet und geneigt ist, sich der wohlverdienten Ruhe hinzugeben. (Er erblickt Emma Lyon, die, mit der Reitpeitsche in der Hand, in die Halle tritt; sehr erregt.) Da ist er, Ma’am! Da ist er, Mister Wardle! Schützen Sie mich! Er verfolgt mich bis hieher! Rufen Sie die Diener zusammen!

Emma Lyon

(hat sich in der Halle verwundert umgeschaut und kommt nun auf die Szene. Sie ist als junger Mann im Reitkostüm gekleidet. Ihre brünetten Haare quellen unter dem Hut über das schöne, von schnellem Ritt erglühte Gesicht).

Der Majordom

(auf sie zutretend)

Womit kann ich dienen, Sir?

Emma Lyon

(gebieterisch)

Lassen Sie mein Pferd versorgen. Ich weiß nicht, ob der Mensch, dem ich es übergeben habe, sich damit auskennt. Was ist denn das für ein Betrunkener draußen, um den sie alle herumstehen?

Mr. Dashwood

Der Herr beschütze uns vor dem Übel ... Erst neulich habe ich in der Zeitung gelesen, daß der berüchtigte Thomas Field frecherweise in den Palast des Herzogs von York gedrungen ist.

Der Majordom

Wen darf ich melden, Sir?

Emma Lyon

Mister Rippledale aus London. Benachrichtigen Sie zuerst Sir Francis.

Der Majordom

(argwöhnisch)

Mister Rippledale –?

Mr. Dashwood

Ein falscher Name. Ohne Zweifel ein falscher Name.

Emma Lyon

Was murmelt der Dicke dort? Ei, sind Sie es, Sir, der auf einem Ding, mehr Ochse als Gaul, beständig vor mir hergetrabt ist? Ein andermal machen Sie Platz, wenn einer hinter Ihnen ist, der Eile hat.

Mr. Dashwood

(demütig stotternd)

Es ... ich ... der Weg war so schmal ... (Abgewendet.) Die Sprache! Er muß eine ganze Bande im Rücken haben.

Mrs. Adams

(leise zum Majordom)

Ich lasse mich hängen, wenn das kein Frauenzimmer ist.

Der Majordom

Sir Francis kommt erst von der Jagd zurück, Sir.

Emma Lyon

Dann führen Sie mich einstweilen in seine Zimmer.

Mr. Dashwood

Schau, schau, wie schlau! Und doch, wie wenig schlau. Wie tollkühn vielmehr.

Sir Francis

(kommt eilig. Ein junger Mann von zwei- bis dreiundzwanzig Jahren mit hübscher Gestalt und hübschem Gesicht. Er trägt einen roten Jagdreitrock, manchesterne Reithosen und lange Stiefel mit weiten Schäften. Mit allen Zeichen der Bestürzung.) Um Gottes willen, du hier, E – –

Emma Lyon

(ist schnell auf ihn zugegangen, drückt die Hand auf seinen Mund)

Ja, ich bin’s. Bist du nicht froh, deinen alten Rippledale hier zu sehen?

Sir Francis

Ich sah dein Pferd draußen. Ich erkannte es gleich. Aber – –

Emma Lyon

Wundre dich nicht länger. Jede Frage ist überflüssig.

Sir Francis

Mein Vater – –

Emma Lyon

Mit ihm zu reden bin ich gekommen. Ich bin von Suffolk herübergeritten, wo ich übernachtet habe und wo meine Freunde geblieben sind.

Sir Francis

(noch immer fassungslos)

Du kannst ihm doch nicht in diesem Aufzug unter die Augen treten – –

Emma Lyon

Auch dafür ist gesorgt. Ich habe Mary mit den Kleidern vorausgeschickt.

Ein Diener

(kommt)

Es ist ein Frauenzimmer da mit einer Schachtel für Mister Rippledale.

Emma Lyon

Also rasch, mein Lieber, bring mich in ein Zimmer, wo ich mich herrichten kann. (Sie wendet sich gegen die Halle, in der jetzt der betrunkene James erscheint, von einigen männlichen und weiblichen Dienstboten umgeben, die ihn zu verhindern suchen, ins Zimmer zu dringen.)

Sir Francis

(Emma folgend und in sie hineinredend)

Es ist sinnlos, sage ich dir. Bei ihm erreichst du nichts damit.

Emma Lyon

Wir werden sehen, jedenfalls ist deine Angst vor ihm lustiger als du meinst. Ich liebe nicht, daß man hinter meinem Rücken über mich verfügt, und ich bin neugierig, wie er es macht, wenn ich dabei bin. (Sie geht ab.)

Mr. Dashwood

Das Geheimnis wird immer undurchdringlicher.

Sir Francis

(bleibt auf der Schwelle stehen, zum Majordom gewandt und auf die Gruppe um James deutend)

Was ist das, Mister Wardle?

Der Majordom

Ich weiß nicht mehr, was ich anfangen soll, Sir Francis.

Sir Francis

Schaffen Sie ihn hinaus. – Wenn mein Vater nach mir fragt, sagen Sie ihm, ich sei noch nicht zurück. (Ratlos vor sich hin.) Mein Gott! (Ab.)

James

(in der Halle)

Die Welt ist kugelrund ... drum will ich mich vergnügen ... sauft nur in vollen Zügen ... dann bleibt ihr auch gesund ... (Erblickt Sir Francis.) Sir Francis! oh, Sir Francis! Armer Sir Francis!

Sir Francis

(bleibt einen Moment draußen stehen, winkt dem Betrunkenen verwirrt zu, dann weiter und nach rechts ab).

Mrs. Adams

(stürzt gegen die Schwelle, da James trotz der Diener, die ihn zurückhalten, sich dem Zimmer nähert)

Nicht hier herein!

Der Majordom

Nehmen Sie doch Vernunft an, James! Sie kommen ja von Dienst und Brot, wenn Mylord –

James

Und wär die Welt nicht kugelrund ... (Er kämpft mit denen, die ihn halten, dringt aber dabei immer weiter vor.)

Mr. Dashwood

Die Überwucherung der tierischen Natur kann Übeltaten im Gefolge haben, deren Tragweite sich gar nicht ermessen läßt. Für den Zuschauer ist dabei das Gedächtnis ein quälender Faktor. Ich erinnere mich eines Tuchwebers, der in der Trunkenheit seine eigene Großmutter erdrosselte. (Er verbeugt sich tief, da von rechts der Lord und Doktor Middlewater eintreten.)

Lord Hamilton ist eine Erscheinung von imposanter Magerkeit. Sein Gesicht hat den Ausdruck dürren Ernstes. Ihm zu widersprechen, scheint wahnsinnig. Doktor Middlewater, ein Landarzt, hat seinen Vorteil darin zu finden gelernt, dem Lord nach dem Mund zu reden.

Doktor Middlewater

Man kann mit einem solchen Leiden neunzig Jahre alt werden, Mylord.

Lord Hamilton

Ich hoffe es. Im Übrigen ist mein Körper dazu da, um mir zu dienen, so lange ich ihn brauche.

James

Und wär die Welt nicht kugelrund ... so müßt ich mich erhängen ... (Er stockt, da der Lord erstaunt auf die Gruppe zugeht.)

Lord Hamilton

Was bedeutet das, Mister Wardle?

Der Majordom

Wir haben alles mögliche versucht, den Mann zur Besinnung zu bringen, Mylord.

James

Eure Herrlichkeit mögen verzeihen ... ich bin ein sterblicher Mensch ... ich ... (Er zuckt unter dem Blick seines Herrn zusammen, schweigt, bemüht sich, fest zu stehen.)

Lord Hamilton

(überlegt eine Weile; plötzlich nimmt sein Gesicht die Miene der Besorgnis an)

Doktor Middlewater, der Mann ist krank.

Doktor Middlewater

(kichert, nach einem Blick des Lords faßt er sich)

Es scheint mir selber so, Mylord.

Lord Hamilton

(strafend)

Fühlen Sie ihm den Puls, Doktor Middlewater.

Doktor Middlewater

(tut es; James fügt sich wie gebannt).

Lord Hamilton

Der Mann hat Fieber, Doktor Middlewater. Der Mann hat hohes Fieber.

Doktor Middlewater

(eifrig)

Ohne Zweifel, Mylord. Der Mann hat beträchtliches Fieber.

Lord Hamilton

Mister Wardle, Sie werden veranlassen, daß der Mann zu Bett gebracht werde.

Der Majordom

Du hörst es, James –!

Lord Hamilton

Vorher übergieße man ihn mit zwei Eimern kalten Wassers. Gegen das Fieber.

Der Majordom

Soll geschehen, Mylord.

Lord Hamilton

Hierauf werden Sie ihm zur Ader lassen, Doktor Middlewater. Zwei Unzen des kranken Bluts können Sie ihm gut und gern entziehen, nicht wahr, Doktor Middlewater?

Doktor Middlewater

Ich bewundere die Sachkenntnis Eurer Herrlichkeit.

Lord Hamilton

Sodann belegen Sie ihm Brust und Rücken mit Senfpflastern, und Sie, Missis Adams, sorgen dafür, daß ein stark purgierender Tee für ihn gekocht werde. (Missis Adams ab.)

Doktor Middlewater

Es fragt sich allerdings, ob bei diesen Jahren eine so vehemente Kur – –

Lord Hamilton

(ohne den Einwurf zu beachten; streng)

Daß du dich widerspruchslos diesen Verordnungen fügst, James! Du bist todkrank, hörst du? Und das eine merk dir für die Zukunft: Kein solches – Fieber mehr! Hinaus mit ihm! Doktor Middlewater, tun Sie Ihre Pflicht. (Die Diener führen den schon halb ernüchterten und widerstandslosen James ab. Der Doktor folgt ihnen.) Nun zu unserem Geschäft, Mister Dashwood. (Zum Majordom.) Sir Francis soll kommen.

Der Majordom

Sir Francis ist von der Jagd noch nicht zurück.

Lord Hamilton

Wie viel Uhr ist es?

Der Majordom

(mit Blick auf die Wanduhr)

Elf Uhr, neun Minuten.

Lord Hamilton

Unmöglich.

Der Majordom

(ängstlich)

Mister Fletcher hat soeben die Uhr reguliert, Mylord.

Lord Hamilton

(ruhig)

Da Sir Francis für elf Uhr bestellt ist, kann es jetzt unmöglich elf Uhr neun sein, Mister Wardle.

Der Marjordom

(blöde; weiß nichts zu antworten).

Lord Hamilton

(mit der Taschenuhr in der Hand)

Es ist zehn Uhr fünfzig Minuten. Stellen Sie den Zeiger dort gefälligst zurück, Mister Wardle.

Der Majordom

(rückt einen Stuhl vor die Uhr, steigt hinauf, vollzieht den Befehl, dann kopfschüttelnd ab).

Mr. Dashwood

(schüchtern)

Ich glaube Sir Francis schon hier gesehen zu haben, Mylord.

Lord Hamilton

Sprechen wir nicht von Ihren privaten Wahrnehmungen, Mister Dashwood. Es ist für mich kein Anlaß vorhanden, über Ihre Sinnestäuschungen zu diskutieren. »Ich glaube« heißt so viel, als »ich schwätze«.

Mr. Dashwood

(verletzt)

Ohne daß ich dieser großartigen Auffassung zu nahe treten will, lassen sich doch Fälle denken, wo die Bestimmtheit der Angaben einer notgedrungenen Philosophie zuwiderläuft. Die Kleinen müssen politisch sein, wo die Großen ihrem Impulse gehorchen. Lord Gordon durfte eine Revolution anzetteln und behielt seinen Kopf, aber der arme Snatch kam an den Galgen. Was würde Eure Lordschaft sagen, wenn ich mich unterstehen wollte, im Schlafrock vor Ihnen zu erscheinen? Ich bitte um Entschuldigung, es ist dies nur vergleichsweise gesprochen: ich meine im Schlafrock der Rede.

Lord Hamilton

(auf und ab gehend; ungeduldig)

Schwätzer waren immer meine Feinde. Ich wünsche nicht, daß man in Gleichnissen zu mir spricht. Das sind Vertraulichkeiten, die ich nicht liebe. Sie wissen, weshalb ich Sie rufen ließ, Mister Dashwood. Das ungeheuerliche Heiratsprojekt meines Sohnes zwingt mich zu einem solchen schweren Schritt.

Mr. Dashwood

Das Gesetz legt Ihnen nur geringe Hindernisse in den Weg, Mylord. Es ist ein erhebendes Gefühl für den Staatsbürger, daß die Wagschale der Justitia sich stets auf die Seite der Autorität neigt.

Lord Hamilton

Ich habe inzwischen durch meinen Londoner Mittelsmann genaue Nachrichten über die fragwürdige Person dieser Emma Lyon einziehen lassen. Die Nachrichten bestätigen meine schlimmsten Ahnungen, und wenn Sir Francis, was sich in dieser Stunde noch entscheiden wird, auf seinem Vorsatz beharrt, werde ich keinen Sohn mehr haben.

Mr. Dashwood

Es wird nicht an mir liegen, wenn die Inkraftsetzung der vermögensrechtlichen Maßregel einen langsameren Gang nimmt, als der Heroismus wünschbar macht, den ich an Eurer Herrlichkeit ehrfürchtig erkenne.

Lord Hamilton

(nimmt den Brief aus der Tasche)

Es wird sich zeigen.

Ein Diener

(meldet)

Sir Francis. (Ab.)

Sir Francis

(schuldbewußt)

Ich bitte Sie um Verzeihung, Vater, daß ich mich verspätet habe.

Lord Hamilton

Nicht daß ich wüßte. Wie du siehst, ist es elf Uhr. Punkt elf Uhr.

Sir Francis

Wirklich? – Dann muß meine Uhr falsch gehen.

Lord Hamilton

Das leidet keinen Zweifel. Die Unterredung, zu der ich dich gebeten habe, könnte auch nicht wie ein Rendez-vous zwischen Kartenspielern behandelt werden.

Sir Francis

(unruhig, mit Blick auf den Notar)

Ich darf doch hoffen, daß eine solche Zwiesprache unter vier Augen ...

Lord Hamilton

Mister Dashwood ist Amtsperson und hat als solche weder zu hören noch zu sehen. Betrachte ihn als abwesend.

Sir Francis

(resigniert)

Wie Sie befehlen.

Lord Hamilton

Du hast mir gestern eine Art von Entschluß brieflich kundgegeben. Abgesehen davon, daß ich die Zulässigkeit eines schriftlichen Verkehrs zwischen uns niemals in Erwägung gezogen habe, kann ich mir auch den ... nun, sagen wir, den Mut deiner Ausdrucksweise nur durch den Gebrauch von Tinte und Feder erklären. Ein Hamilton spricht höchstens, aber er schreibt nicht.

Mr. Dashwood

(schnupft; vor sich hin)

Ein Diktum von antiker Größe.

Sir Francis

Wenn Sie Emma kennten, Vater – –

Lord Hamilton

Emma? Was ist das, – Emma –? Du unterstehst dich, mit sonderbarer Intimität einen Namen zu nennen, der für mich nicht mehr bedeutet als der Straßenschmutz.

Sir Francis

(aufwallend)

Durch eine solche Sprache empören Sie alle meine Gefühle!

Lord Hamilton

(kalt)

Ich statuiere deine Gefühle nicht, mein Sohn. Gefühle sind der Luxus der Unbotmäßigen.

Mr. Dashwood

Herrlich! Unvergleichlich! Wie sagt Hamlet: Schreibtafel her.

Sir Francis

(wütend)

Könnte jener Mann nicht schweigen, da er doch – abwesend ist?

Lord Hamilton

Wir wollen zunächst den Tatbestand ordnungsmäßig darlegen. (Setzt sich in richterliche Pose.) Mister Dashwood, seien Sie so freundlich, den Bericht über die Vergangenheit der in Rede stehenden Personage vorzulesen. Meine Zunge sträubt sich dagegen. (Reicht das Schriftstück hinüber.)

Mr. Dashwood

(liest)

Besagte Emma Lyon ist von der niedrigsten Herkunft. Man weiß weder die Zeit noch den Ort ihrer Geburt anzugeben. Zuerst war sie Gouvernante, dann ergab sie sich einem schändlichen Gewerbe. Sie durchlief die Straßen von London; auf den Trottoirs der unermeßlichen Hauptstadt irrte sie obdachlos umher und sank zur tiefsten Erniedrigung ihres Geschlechtes herab.

Sir Francis

Dies ist eine Verleumdung!

Lord Hamilton

Es würde wenig Konsequenz, selbst in der Verranntheit, beweisen, wenn dich meine Ermittlungen sogleich überzeugen würden. Ein Umstand, der freilich ihrer Triftigkeit nichts anhaben kann. Fahren Sie fort, Mister Dashwood.

Mr. Dashwood

(in weinerlichem Ton)

– Geschlechtes herab. Da traf sie einen schottischen Scharlatan, der sich Doktor Graham nennen ließ und der einen sogenannten Tempel der Gesundheit mit einem sogenannten himmlischen Bett eingerichtet hatte. Wer für die Nacht fünfzig Pfund bezahlte, durfte sich in das mit Gold und Seide geschmückte Bett legen und erhielt angeblich die verlorenen Kräfte der Liebe und der Männlichkeit zurück.

Sir Francis

So viel ist richtig, daß Doktor Graham Emmas Wohltäter war. Es ist richtig, daß sie Not litt und an dem Schotten einen väterlichen Beschützer fand.

Lord Hamilton

Ich gebe zu, daß du ein guter Schütze und ein ausgezeichneter Schwimmer bist, aber dein Verhältnis zur Welt ist ein wahrhaft kindliches.

Sir Francis

Übrigens ist sogar der Lord Schatzkanzler in dem himmlischen Bett gelegen.

Mr. Dashwood

(für sich)

Bejammernswerte Verirrung des Menschengeistes!

Lord Hamilton

Fahren Sie fort, Mister Dashwood. Sie würden mich verbinden, wenn Sie die persönlichen Äußerungen Ihrer sittlichen Entrüstung einstellen könnten.

Mr. Dashwood

– der Liebe und der Männlichkeit zurück. Doktor Graham verfiel auf den Gedanken – (stockt, zieht das Taschentuch, wischt die Stirne.) Mylord, es fällt mir schwer ...

Lord Hamilton

Überwinden Sie sich, Mister Dashwood.

Mr. Dashwood

– verfiel auf den Gedanken, Emma Lyon völlig ... völlig unbekleidet ...

Lord Hamilton

(scharf)

Steht da »unbekleidet«, Mister Dashwood?

Mr. Dashwood

(trostlos)

Nackt. Völlig nackt!

Lord Hamilton

(erhebt sich)

So ist es. Völlig nackt. Das ist der Gipfelpunkt.

Mr. Dashwood

– oder kaum bedeckt mit einem Schleier ...

Sir Francis

(seine Position mit ungenügenden Mitteln stützend)

Also doch mit einem Schleier bedeckt –

Lord Hamilton

(stark)

Kaum! – kaum!

Mr. Dashwood

Der Herr bewahre mich in seiner Huld und Gnade vor diesem Sodom!

Lord Hamilton

Er verfiel also auf den Gedanken, besagte Emma Lyon völlig nackt, oder –

Mr. Dashwood

(mit erbarmenswürdiger Stimme)

– kaum bedeckt mit einem Schleier unter dem Namen der Göttin Hygäa in das Vorzimmer zu dem himmlischen Bett zu postieren und sie für Geld sehen zu lassen ... Neugierige strömten nun in Massen herbei, um vor dem Altar der Göttin ihren Tribut niederzulegen und bald sah man überall unanständige Kupferstiche der neuen mythologischen Person, Bilder, worauf sie als Venus, als Phryne, als Olympia, als Kleopatra abkonterfeiet war.

Lord Hamilton

Ich danke; damit ist es genug. Wir brauchen uns keine Mühe mehr zu geben, den Pfuhl weiter auszumalen. Ob du von alledem unterrichtet warst, lasse ich dahingestellt. Ich frage mich nur, wie es möglich war, daß du eine Verbindung mit diesem Auswurf des Lasters auch nur in Betracht ziehen konntest ...

Sir Francis

(verzagt)

Ich liebe sie.

Lord Hamilton

Einfältiges Zeug!

Sir Francis

Wenn Sie auch nicht Rechte der Leidenschaft anerkennen, Vater –

Lord Hamilton

Lüderliche Phantasien! Ich hörte einmal einen Münzensammler sagen, daß er seine Münzen liebe. Das hatte wohl eher einen Sinn. Man habe keine Leidenschaften unter der Würde des eigenen Standes. Und wenn man sie hat, so verberge man sie wie ein unappetitliches Geschwür. Wo in aller Welt ist es erhört, daß man aus einer »Leidenschaft« die Folgerung zu heiraten ableitet?

Sir Francis

Erfüllen Sie mir eine einzige Bitte, mein Vater, ehe Sie sich endgültig entschließen ...

Lord Hamilton

Nun?

Sir Francis

Sprechen Sie mit Emma Lyon!

Lord Hamilton

(voll Verachtung)

Du bist ebenso verrückt als vermessen.

Sir Francis

(mit stoischer Gleichgültigkeit, da er keine Hoffnung mehr hat)

Sie ist hier im Hause und will nicht eher fort als bis sie mit Ihnen gesprochen hat.

Lord Hamilton

(starr und steif)

Wie –?

Mr. Dashwood

Jesus Christus steh mir bei!

Emma Lyon

(tritt, in weiblicher Kleidung, draußen in die Halle).

Der Majordom

(geht auf sie zu, sie spricht mit ihm, er kommt und meldet mit dummem Gesicht)

Mister Theseus Rippledale bittet vorgelassen zu werden.

Lord Hamilton

Ich kenne keinen Mister Theseus Rippledale. Bedaure. (Majordom ab.)

Emma Lyon

(am Majordom vorüber, tritt frech ein. Ihr Kostüm ist im Stil des Direktoire gehalten; es ist äußerst geschmackvoll und bringt die Formen des Körpers verführerisch zur Geltung)

Guten Morgen, Mylord. Mister Rippledale und Emma Lyon sind nämlich ein und dieselbe Person.

Mr. Dashwood

(mit gefalteten Händen vor sich hin)

Lockbild der Hölle!

Emma Lyon

Ich konnte doch den armen Schelm nicht ganz ohne Beistand dem Sturm des väterlichen Unwillens preisgeben. Im Wortgefecht ist er leider nicht sehr gewandt. Auch muß man ihn bisweilen an der Leine halten wie einen unbesonnenen jungen Hund.

Lord Hamilton

(schweigt angeekelt).

Emma Lyon

(unbekümmert weiterplaudernd)

Sie als Vater können freilich nicht so viel Possierliches an ihm finden wie ich. Er hat sich in letzter Zeit zu seinem Vorteil entwickelt, aber als ich ihn kennen lernte, konnte er durch die Art, wie er ein Kompliment machte, eine Methodistenversammlung zum Lachen bringen und seine Konversation hätte einen Holzhacker in Verlegenheit gebracht. Es hat Mühe gekostet, ihm eine passable Figur zu geben. Sie haben seine Erziehung entschieden vernachlässigt, Mylord.

Mr. Dashwood

(entsetzt flüsternd)

Ein Dämon!

Sir Francis

(zerknirscht und vorwurfsvoll)

Emma –!

Lord Hamilton

(schweigt, schaut gegen die Zimmerdecke).

Emma Lyon

(wie oben)

Was Wunder, daß ich mit dem Vorurteil herkam, ein unwirtliches Waldhaus und in ihm einen bissigen Menschenfeind zu finden? Francis hat nur mit Zähneklappern von seinem väterlichen Heim gesprochen, und da endlich sagte ich mir: den Minotaurus will ich sehen. Vielleicht ist er gar nicht so fürchterlich. In der Tat er ist nicht fürchterlich. Auch mutet mich alles hier ganz behaglich an, und die Theseus-Rolle kommt mir fast schon komisch vor. (Zu Sir Francis.) Was meinst du, liebe Ariadne?

Mr. Dashwood

Diese Vertrautheit mit der Mythologie ist nicht groß erstaunlich.

Lord Hamilton

(ergreift die Handglocke, läutet energisch. Ein Diener kommt)

Mister Rippledale wünscht seinen Wagen. Lassen Sie vorfahren!

Emma Lyon

Mister Rippledale ist zu Pferde gekommen, Mylord. (Sie ist durchaus nicht aus der Fassung gebracht, spricht, als ob ein unsichtbarer Rippledale vor ihr stände.) Sie wollen schon gehen, Mister Rippledale? Schade. Aber ich sehe ein, daß Sie sich nicht zweimal mit dem Zaunpfahl winken lassen wollen. Ich wünsche Ihnen gute Reise. (Schüttelt dem Unsichtbaren die Hand.) Sei so freundlich, Francis, und begleite Mister Rippledale hinaus. (Da Sir Francis sie zögernd anschaut, mit einem befehlenden und vielsagenden Blick.) Hurtig, mein Lieber! Mister Rippledale ist nicht gewöhnt, unhöflich behandelt zu werden. (Zu Mr. Dashwood.) Und Sie, mein dicker Reitersmann, Sie würden gut daran tun, wenn Sie draußen die Identität meines Freundes Rippledale feststellen würden. Nehmen Sie ihn in ein Kreuzverhör und lassen Sie sich eine kleine Magenstärkung reichen. (Zum Diener, der mit aufgerissenen Augen wartet.) Ein Glas Sherry für den Herrn! Er bedarf der Kräftigung.

Mr. Dashwood

(erhebt sich, starrt den Lord ratlos an, weicht vor der Berührung Emma Lyons zurück, die ihn unterm Arm fassen will, und da der Lord wie versteinert ist und keine Miene macht zu sprechen, geht er in weitem Bogen ängstlich um sie herum nach der Tür, wo ihm Sir Francis durch eine mürrische Geste bedeutet, daß er gehen solle. Er schlägt die Hände zusammen, als sei der Untergang der Welt angebrochen, und verläßt das Zimmer. Der Diener folgt ihm, dann, nach kurzem Zaudern und unter allerlei Versuchen, stumm mit Emma Lyon zu korrespondieren, auch Sir Francis).

Emma Lyon

(schließt die Türe zur Halle hinter ihnen)

Auf Wiedersehen, lieber Rippledale! (Öffnet noch einmal die Tür und winkt.) Addio! (Kehrt zurück.) Darf ich jetzt von Ihrer Einladung, Platz zu nehmen, Gebrauch machen, Mylord? (Sie setzt sich, lächelt gewinnend.)

Lord Hamilton

(ist vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben vollkommen konsterniert. Er greift sich wie träumend an den Kopf. Seine Stimme klingt heiser, während er stotternd beginnt)

Wer sind Sie? Wer gibt Ihnen das Recht, vermittelst einer schamlosen Komödie in mein Haus zu dringen?

Emma Lyon

(blickt ihn mit unschuldiger Miene lächelnd an, winkt, als ob sie ihn ermuntern wolle).

Lord Hamilton

(immer noch mühsam nach Worten ringend, wobei er sich bestrebt, das junge, schöne Geschöpf nicht zu sehen)

Sie erteilen Befehle an meine Dienerschaft. Ich erkläre diese Befehle für ungültig.

Emma Lyon

(harmlos)

Das dacht ich mir gleich.

Lord Hamilton

Sie haben mich überfallen, aber ich weigere mich, mit Ihnen zu sprechen. Ich fordere Sie auf, Sir Francis und Mister Dashwood wieder hereinzurufen.

Emma Lyon

Daß ich eine Närrin wäre! Es hat Arbeit genug gekostet, sie hinauszubringen.

Lord Hamilton

Ich kenne Sie nicht, ich – –

Emma Lyon

Tut nichts, Mylord. Es ist ja der Zweck meiner Anwesenheit, daß Sie mich kennen lernen.

Lord Hamilton

Ihre Gegenwart ist mir unerwünscht, und wenn Sie nicht gehen wollen, so werde ich einem meiner Diener befehlen müssen, Sie hinauszubegleiten.

Emma Lyon

Ah? wirklich? würden Sie das wirklich tun?

Lord Hamilton

(nimmt die Handglocke, läutet).

Emma Lyon

(fast fröhlich)

Ich bin gespannt, ob Sie dazu den Mut finden werden.

Ein Diener

(kommt)

Mylord befehlen?

Lord Hamilton

(heftet plötzlich einen etwas verzagten Blick auf Emma Lyon; er zaudert).

Der Majordom

(kommt)

Mylord befehlen?

Emma Lyon