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Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen cover

Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen

Chapter 9: Hockenjos
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About This Book

A sequence of five one-act dramas stages concentrated moral confrontations in period settings, each centering on a decisive dilemma of power, loyalty, love, or conscience. The plays favor economical scenes and sharp exchanges that reveal character under pressure, often juxtaposing private feeling with public obligation. Compact structure and focused staging produce tense psychological drama, ironic reversals, and unresolved ethical ambiguity rather than sprawling narrative development.

(lächelnd)

Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Gentleman sich auf diese Weise einer Dame entledigt.

Lord Hamilton

(zum Majordom, gepreßt)

Sagen Sie Mister Dashwood, er möge warten. (Winkt den beiden, das Zimmer zu verlassen.)

Der Majordom

Sehr wohl. (Ab mit dem Diener.)

Emma Lyon

Jetzt bleibt Ihnen nichts übrig, als daß Sie selbst die Flucht ergreifen, Mylord.

Lord Hamilton

(bleibt unwillkürlich stehen)

Ich fliehe nicht, ich ignoriere bloß.

Emma Lyon

Aber Sie haben mich doch nicht ignoriert, als Sie Spione auf meine Spur geschickt haben, die meine Vergangenheit durchschnüffeln mußten, – wie kommt das?

Lord Hamilton

Es geschah für die Ehre der Familie.

Emma Lyon

Und sind Sie überzeugt davon, daß man Ihnen die Wahrheit berichtet hat?

Lord Hamilton

Man hatte keinen Grund zu Entstellungen.

Emma Lyon

So war es nicht gemeint. Ich bezweifle nur, daß man imstande gewesen ist, Ihnen die ganze Wahrheit zu enthüllen. Vielleicht hätten Sie dann eine Kompagnie Soldaten aufgeboten, um Sir Francis’ Unschuld vor mir zu schützen.

Lord Hamilton

Dieser Zynismus entwaffnet mich nicht. (Finster.) Sagen Sie in aller Kürze, was Sie noch zu sagen haben. Ich will versuchen, Sie anzuhören, um mich nicht dem Vorwurf auszusetzen, als ob ich ungehört verdammte.

Emma Lyon

Warum sollten Sie mich denn verdammen, Mylord? Ist es etwa nicht erlaubt, daß einer von dem Kapital lebt, das er besitzt? Ziehen Sie nicht mit Hilfe Ihrer Pächter aus Ihren Ländereien so viel Gewinn, wie Sie daraus ziehen können? Sie würden lachen, obwohl Sie vermutlich ungern lachen, wenn ich Sie bitten würde, mir eine Wiese oder ein Stück Wald zu schenken. Warum also sollte ich mich verschenken? Ich habe nur mich selbst. Ich beleidige Ihr keusches Ohr, ich weiß es. Es gibt keinen Kiebitz, der nicht die Tugend preist. O ja, die Tugend ist eine ganz schöne Sache, wenn das Lebensspiel sie nicht als Einsatz fordert. Wenn mir das Schicksal die Versprechungen erfüllt, die ich ihm abgerungen habe, will ich so tugendhaft sein wie ein zahnloses altes Weib. Bis dahin kann mich nicht einmal Ihre Verachtung hindern, meine – Wälder und Ländereien zinstragend zu verwerten.

Lord Hamilton

(begegnet endlich ihrem Blick, wendet jedoch sofort wieder die Augen ab. Die schlaue Emma Lyon bemerkt, daß er nicht mehr daran denkt, sie durch Hinausgehen zu brüskieren. Diese Sicherheit gibt ihr noch mehr Impertinenz. Der Lord zieht die Brauen zusammen und versetzt widerwillig)

Das alles interessiert mich nicht. Auch sehe ich keinen plausiblen Grund darin, weshalb Sie Ihre Netze gerade nach meinem Sohn werfen mußten.

Emma Lyon

Na, einer muß es doch sein.

Lord Hamilton

Die vernünftige Erwägung muß Ihnen sagen, daß diese Spekulation verfehlt ist.

Emma Lyon

Keineswegs. Weshalb denn? Was können Sie ihm anhaben? Sie werden ihn aufs Trockene setzen. Gut. Sie werden ihn des baren Geldes berauben, mehr ist Ihnen nach den Gesetzen unseres Landes nicht verstattet. Grund und Boden muß er erben. Sie sehen, auch ich habe mich unterrichtet.

Lord Hamilton

Francis ist nicht der Mann, um einer Torheit willen zwanzig Jahre lang zu hungern. Denn so lange gedenke ich mindestens noch auf Easton Park zu wohnen.

Emma Lyon

Das glaub ich. Aus lauter Trotz werden Sie am Ende hundert Jahre alt. Aber auf die Dauer können Sie nicht so verblendet sein, der friedlichen Fortpflanzung Ihres Geschlechts unnötige Hindernisse zu bereiten.

Lord Hamilton

Sie irren.

Emma Lyon

Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Lady Hamilton sein werde, – so oder so.

Lord Hamilton

(kalt)

Dann werde ich Ihnen beweisen müssen, daß es noch Mittel in England gibt gegen Abenteuerinnen Ihres Schlags.

Emma Lyon

Nein, Mylord, die gibt es nicht. Und wissen Sie, warum nicht? Weil in England Männer regieren.

Lord Hamilton

Ja, glauben Sie denn im Ernst, daß Ihnen kein Mann im Königreich gewachsen ist?

Emma Lyon

Ach, Mylord, Sie tun mir leid! Sie ahnen nicht, wie sie alle schmelzen, wie die stolzesten Hähne klein werden und sich die Federn putzen und wie gefällig sie mit den Füßen scharren und wie einladend sie krähen, wenn ich bloß am Horizont auftauche. Neulich hatte ich in Kings bench zu tun; na, da war ein Richter, – ich kann Ihnen sagen, sein Gesicht war saurer als Essig, und er hatte eine Art dreinzublicken, als läge es in seiner Macht, die ganze Christenheit um einen Kopf kürzer zu machen. Ich war angeklagt, weil der Sohn des Lord Hervey idiotisch genug war, hunderttausend Pfund in meiner Gesellschaft zu verspielen, als ob es meines Amtes wäre, erst nachzufragen, wie lang ein Grünspecht vom Wickeltisch zum Pharaotisch sich Zeit lassen muß. Kaum hatte ich angefangen, mich zu verteidigen, kaum hatte ich mein seidenes Tuch gezogen, um meinen Tränen ein anständiges Quartier zu verschaffen, da zerging der Gestrenge schon wie Butter, er machte Zeichen mit den Händen, grinste wie ein Hökerweib am Feierabend und hatte Augen so lang wie ein Hummer, wenn man ihn ins heiße Wasser tut. Ich konnte nicht widerstehen, ich mußte ihn durch ein paar freundliche Worte aufmuntern.

Lord Hamilton

(dem plötzlich unbehaglich wird)

Ich bin nicht fähig, Ihrer Suada zu begegnen, Madame. Ich bekenne offen, daß ich ein schlechter Redner bin. Selbst das Zuhören ermüdet mich, und meine Gedanken schweifen haltlos umher. Haben Sie doch die Güte, mich jetzt allein zu lassen. Vielleicht erteilen Sie Mister Wardle Auftrag, daß er Ihnen den Lunch serviere, bevor Sie Easton Park den Rücken kehren.

Emma Lyon

Wenn ich in Easton Park den Lunch nehme, Mylord, werde ich es entweder in Ihrer Gesellschaft oder gar nicht tun.

Lord Hamilton

(setzt sich mit versorgtem Gesicht)

Also wie soll das enden?

Emma Lyon

(mit versteckter Schelmerei)

Ist Ihnen nicht wohl, Mylord? Sicherlich ist Ihnen nicht wohl. Es wäre grausam, wenn ich Sie jetzt allein ließe.

Lord Hamilton

Es scheint, Sie treiben ein Spiel mit mir ...

Emma Lyon

Gott bewahre. Dazu ist mein Respekt viel zu groß. Ich habe ein bißchen Revolution auszuführen versucht, das ist alles, aber Ihre Unerschütterlichkeit flößt mir Bewunderung ein. Mit Ihnen kann man nicht paktieren. Trotzdem schlage ich Ihnen ein Kompromiß vor. Überzeugen Sie mich davon, daß Ihr Geschlecht zu keiner Zeit und unter keiner Bedingung ein plebejisches Reis auf seinen erlauchten Stammbaum gepfropft hat, und ich will mich bescheiden. Ich gebe Sir Francis den Laufpaß, wenn Sie mir beweisen können, daß Ihre adeligen Vorfahren keinen andern Ehrgeiz gehabt haben, als eine fehlerlose Genealogie zu fabrizieren.

Lord Hamilton

(in die Enge getrieben, vornehm)

Wenn ich eine Erörterung hierüber für möglich hielte, würde ich die Fundamente untergraben, auf denen ich stehe.

Emma Lyon

Und damit soll ich mich zufrieden geben? Die Klatschbase, die man Geschichte nennt, behauptet ganz frech, daß hin und wieder eine ziemlich zweifelhafte Lady ins Ehebett eines leichtsinnigen Lords geschlüpft ist. Oder ist es Schwindel, daß Lord James eine arme irische Schauspielerin geheiratet hat? Sie soll freilich so schön gewesen sein, daß während ihrer Vorstellung bei Hof der Scharlach der Aristokratie auf Tische und Stühle stieg, um sie zu sehen. Douglas Hamilton vergaß sich so weit, die Tochter eines Akziskommissärs mit seiner Hand zu beglücken. Von einigen Ladies habe ich mir gar sagen lassen, daß sie mit Kutschern, Schreibern, Schmugglerkapitänen ...

Lord Hamilton

(nervös)

Nicht weiter, Madame! Genug der Indiskretionen.

Emma Lyon

Die Wahrheit wird immer beschimpft, wenn sie unbequem ist. Sehen Sie mich doch einmal an, Mylord! Kommt es Ihnen nicht so vor, als ob ein Frauenzimmer meiner Kategorie geeigneter wäre, die verdickten Ahnensäfte wieder zum Moussieren zu bringen, als irgend eine hochgeborene Kuh aus einem sublimen Stall –?

Lord Hamilton

Stall –? Kuh –? Um Himmels willen, was für Worte!

Emma Lyon

Ich habe jetzt nicht Lust, auf meine Worte zu achten. Sehen Sie mich an, sage ich.

Lord Hamilton

(irritiert)

Nun ja ... ja ... ich sehe.

Emma Lyon

Was finden Sie an meinem Wuchs zu tadeln?

Lord Hamilton

(noch mehr irritiert)

Ich habe ... offengestanden ... darüber kein Urteil.

Emma Lyon

Wer verstände nicht zu tadeln, auch wenn er kein Urteil hat! So schauen Sie wenigstens. Was haben Sie an diesen Schultern auszusetzen? was an der Büste? Diese Linien (mit den Fingerspitzen an den Hüften entlang streifend) sind edler als jeder Name. Der Fuß, Mylord, (hebt ihr Kleid ein wenig) zeigen Sie mir einen aristokratischen Fuß, vor dem er sich verstecken müßte. Und der Nacken, – (wendet sich) mißfällt er Ihnen? Die Haare, – braucht man sich ihrer zu schämen? Die Hand, – läßt sie auf eine schlechte Rasse schließen? Ohr, Nase, Stirn, Zähne, Lippen, – vertragen sie nicht jede Kritik? Romney hat mich vierzehnmal porträtiert, Mylord.

Lord Hamilton

(bestürzt und im Anfangsstadium einer verhängnisvollen Narkose)

Romney ... jawohl. Mister Romney ist ein Meister seines Handwerks. Er hat auch die Königin gemalt, wenn ich nicht irre ... Aber würden Sie nicht die Freundlichkeit haben, Miß Lyon, sich in größerer Entfernung von mir aufzuhalten? Ihr Parfüm ist es, glaube ich, das mich schwindlig macht.

Emma Lyon

(diebisch)

Soll ich das Fenster öffnen, Mylord?

Lord Hamilton

Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie mir ein Glas Wasser reichen wollten.

Emma Lyon

(tritt beflissen zum Tisch, schenkt aus einer Karaffe Wasser in ein Glas, bringt es ihm).

Lord Hamilton

Ich danke Ihnen.

Emma Lyon

(nachsichtig)

Sie sind an die Nähe von Frauen nicht mehr gewöhnt, Mylord.

Lord Hamilton

Durchaus nicht. – Durchaus nicht.

Emma Lyon

Schade. Dabei vertrocknet das Temperament. Ist Ihnen besser? (Sie faßt seine Hand.) Die arme kalte Hand!

Lord Hamilton

(scheu)

Die Ihre freilich, Miß Lyon, die Ihre ist hinlänglich warm.

Emma Lyon

Wie pedantisch! Hinlänglich warm! O Gott!

Lord Hamilton

Es ist außerdem eine begehrliche Hand; sie ist allzu begehrlich.

Emma Lyon

Wer nicht zehnmal so viel begehrt als ihm gewährt wird, der soll nicht zu leben anfangen. Weiter, Herr Chiromant? Was sehen Sie noch? Daß ich neugierig bin? Stimmt. Eitel? Stimmt. Treulos? Stimmt. Aber treulos machen uns nur die, die kraftlos sind.

Lord Hamilton

Was ist das für eine Narbe hier neben dem Daumen?

Emma Lyon

Sie stammt von den Zähnen des Prinzen von Wales.

Lord Hamilton

Wieso? Ist er bissig?

Emma Lyon

Er beißt aus Enthusiasmus. Aber er steht in meiner Schuld dadurch. Die Narbe ist unter Brüdern eine Einladung nach St. James wert.

Lord Hamilton

Was doch alles geschieht! Sonderbar. Ich muß gestehen, ich fasse nicht die Existenz, die Sie führen. Da reiht sich wohl Fest an Fest und Genuß an Genuß, und für Genauigkeit und Regelmäßigkeit bleibt nichts mehr übrig. Und dabei kann man leben ... es macht wohl gar Spaß? Sonderbar. Eine sonderbare Welt!

Emma Lyon

Die zu beklagen ist, weil Sie sich von ihr fern halten, Mylord.

Lord Hamilton

Keine Flatterien, Miß Lyon! Ich liebe nicht die Exaltationen des Vergnügens.

Emma Lyon

(heuchlerisch)

Eigentlich haben Sie recht, Mylord. Es gibt nichts, was so anstrengend ist wie das Laster.

Lord Hamilton

Sehen Sie! Sehen Sie!

Emma Lyon

(versonnen)

Oder vielleicht doch ... Ich glaube, daß die Tugend noch anstrengender ist.

Lord Hamilton

Versuchen Sie es doch einmal ...

Emma Lyon

Meinen Sie?

Lord Hamilton

Fangen Sie damit an, daß Sie Ihre auf Sir Francis zielenden Absichten fallen lassen.

Emma Lyon

Aha, Sie wollen schon ein Geschäft mit meiner Tugend machen. Das ist ja eben das Verdächtige an der Sache.

Lord Hamilton

(steht auf)

Im Ernst, Miß Lyon: – Was kann Sie an dem Jüngling locken? Seine Geistesgaben, Sie müssen es selbst zugeben, sind keineswegs blendend. Er würde Sie langweilen, Sie würden ihn betrügen, und was wäre die Folge? Der Skandal in gesteigerter Häßlichkeit. Sie brauchen eine starke Hand. Einen reifen Mann brauchen Sie, der durch Erfahrung und Charakter befähigt ist, Ihrem ungebundenen Wesen Schranken zu setzen.

Emma Lyon

(zerknirscht)

Es ist wahr. Wenn Sie wüßten, Mylord, wie ich dieser jungen Leute satt bin, die ihre Leidenschaften mit so viel Lärm und Prätension zur Schau tragen! Ich sehne mich nach einem verschwiegenen und klugen Mann, so an der Grenze der Fünfzig, nach einem Mann, der nicht immer nur etwas haben will, sondern auch etwas gibt.

Lord Hamilton

(erfreut)

Nun also ...

Emma Lyon

Würden Sie mir helfen?

Lord Hamilton

Ich ... ja, gewiß ... Ich würde sehen, was sich tun läßt.

Emma Lyon

Aber Sie haben doch hoffentlich nicht vergessen, daß ich vor zehn Minuten geschworen habe, Lady Hamilton zu werden? Ich gedenke, das Gelübde unter allen Umständen zu erfüllen.

Lord Hamilton

Das versteh ich nicht ...

Emma Lyon

Verständlicher kann nichts auf der Welt sein.

Lord Hamilton

(vor Schrecken gelähmt)

Sie meinen –?

Emma Lyon

Ja!

Lord Hamilton

Ich? – Ich –? Ich sollte –? Sie träumen wohl, Miß Lyon? (Er fällt in den Stuhl zurück.)

Emma Lyon

(läßt sich in einer reizenden Magdalenen-Stellung vor ihm auf die Kniee nieder. Da er nicht zurückweichen kann, preßt er den Rücken gegen die Lehne und drückt den Kopf in den Nacken)

Sie wären schwerlich, trotz meines ununterbrochenen Geschwätzes, bis zu diesem Augenblick im Zimmer geblieben, wenn ich Ihnen nicht gefallen hätte, Mylord. Und jetzt ist es leider zu spät. Fängt dieses Gift einmal zu wirken an, dann ist man verloren.

Lord Hamilton

(klagend)

Zweifellos. Ich habe es an der nötigen Festigkeit fehlen lassen.

Emma Lyon

Und mir sprechen Sie jedes Verdienst ab?

Lord Hamilton

Ich kann nicht leugnen, daß Ihnen eine ... wie soll ich mich nur ausdrücken? – eine seltsame Gewalttätigkeit eigen ist.

Emma Lyon

Gut. Ich akzeptiere das Kompliment.

Lord Hamilton

Nichtsdestoweniger befinden Sie sich mit Ihrer Vermutung, was meinen Seelenzustand betrifft, auf dem Holzweg. Ich will es wenigstens hoffen.

Emma Lyon

Sie kennen die menschliche Natur nicht so gut wie ich, Mylord. Ich will Ihnen sagen, was Ihnen bevorsteht, wenn Sie jetzt eigensinnig sind. Ich reise ab. Ihre Gedanken verursachen Ihnen ein unangenehmes Kribbeln, Sie sind unzufrieden mit sich, Sie haben keinen Appetit mehr, des Nachts flieht Sie der Schlaf, und plötzlich, Sie wissen selbst nicht wie, fassen Sie den Entschluß, mich aufzusuchen. Da erscheint eines Tages Lord Hamilton im Salon von Emma Lyon. Aber Emma Lyon wird durchaus nicht auf die Kniee fallen, so wie jetzt. Emma Lyon wird spöttisch lächeln; sie wird Seiner Herrlichkeit einen Stuhl bieten, sie wird mit Mister Jennings plaudern und wird die Albernheiten von Mister Davis entzückt anhören und wird Sir Roberts empfangen, und Mylord wird gehen, verdrießlich, aufgebracht, wütend gegen sich und mich, aber er wird wiederkommen, er wird Blumen bringen, er wird Geschenke bringen, all die Laffen und Schmeichler und Dandies werden ihm lästig sein, aber Emma Lyon wird sagen: Platz genug im Hause! Dort unter der Treppe ist für die Mißgelaunten Platz, und unterm Dachboden für die Hochmütigen, und im Keller für die Moralisten. Und mein kleiner Schoßhund wird kläffen, wenn Sie nahen, und diese weiße begehrliche Hand wird ihre Finger spreizen, – so, denn ich, Mylord, (sie erhebt sich) ich würde Sie zappeln lassen. Und davor möge Gott Sie bewahren.

Lord Hamilton

(murmelnd)

Niemals würde ich mich so tief erniedrigen.

Emma Lyon

(kategorisch)

Sie werden es tun! Ihre Augen versichern es mir. Ich erspare Ihnen demnach eine unabsehbare Reihe von Qualen und Kränkungen durch ein freimütiges Anerbieten.

Lord Hamilton

(schüttelt den Kopf)

Ich vermute, Miß Lyon, Sie ahnen nicht, was ich durchzusetzen vermag, selbst gegen meine heftigsten Wünsche und Triebe. Insofern bleibt also Ihr Schreckbild ohne Wirkung. Aber Sie verfechten Ihre Sache mit Bravour und nicht ohne Geist. Ich liebe das. In diesem hübschen kleinen Kopf rumort ein Teufel, den zu zähmen der Mühe vielleicht verlohnen könnte. Wie Sie richtig bemerkten, bin ich des Elements entwöhnt, das, in Ihnen personifiziert, meinen Frieden so geräuschvoll unterbrochen hat. Ich habe jedoch gerade dadurch erkannt, daß zwischen mir und der Welt eine gewisse Entfremdung besteht, und ich könnte Ihren Vorschlag in Betracht ziehen, wenn nicht Hindernisse vorlägen, die für mich beinahe unüberwindlich sind. Der Doktor Graham ... das himmlische Bett ... die Mystifikation als Göttin Hygäa ... (Schüttelt wieder den Kopf.) Das sind üble Dinge ... üble Dinge.

Emma Lyon

Die mich vor dem Verhungern geschützt haben, Mylord.

Lord Hamilton

Sie hätten eine minder exponierende Abhilfe wählen sollen.

Emma Lyon

Ich hatte keine Wahl. Ich bin auch nicht schlechter geworden dadurch. Es war eine Hülle, die ich angelegt habe.

Lord Hamilton

Verzeihen Sie, die Hülle, – die haben Sie abgeworfen.

Emma Lyon

Man kann alle Hüllen abwerfen und doch undurchdringlicher sein als in Panzern.

Lord Hamilton

Das ist Rabulismus.

Emma Lyon

Sie haben wenigstens die Sicherheit, daß ich gegen jede künftige Verführung und Verlockung gefeit bin. Alles was andere lüstern macht, davon habe ich genug und übergenug.

Lord Hamilton

Das ist ein Argument.

Emma Lyon

Die Welt ist vergeßlich. Ein Name, wie der Ihre Mylord, deckt jugendliche Torheiten zu.

Lord Hamilton

(mit einem Rest von Bedenklichkeit)

Ich bin fünfundfünfzig Jahre alt ...

Emma Lyon

Man hat mir erzählt, und ich habe mich darüber amüsiert, daß Sie es bisweilen nicht verschmähen, der Zeit Gewalt anzutun. Ich, sehen Sie, ich kann das auch. (Sie steigt auf einen Stuhl, öffnet das Uhrgehäuse und dreht den großen Zeiger sehr schnell und mehrere Male über das Zifferblatt zurück.)

Lord Hamilton

Was tun Sie da, junge Hexe! (Das Uhrwerk knackt, der Pendel hört auf zu schwingen.)

Emma Lyon

Ich drehe die Jahre zurück, Mylord, und wenn ich will, – sehn Sie! – bleibt die Zeit stehen! (Sie springt herab.) Wir gehen nach Italien, Mylord! (mit ausgebreiteten Armen, bacchantisch.) Illuminationen! Barken auf dem Meer! Mondschein und Liebeslieder! Fackeltanz und Tarantella!

Lord Hamilton

(vor sich hin)

Es bliebe noch zu erwägen, ob hier ein freier Entschluß oder die Macht einer Bezauberung vorliegt. – Gönnen Sie mir, Miß Lyon, gönnen Sie mir Frist bis morgen.

Emma Lyon

So lang Sie wollen. Nur bedenken Sie, daß auch ich Dispositionen zu treffen habe –

Lord Hamilton

Ich könnte es versuchen ...

Emma Lyon

Schön, versuchen wir es.

Lord Hamilton

Begleiten Sie mich für zwei Monate nach dem Süden.

Emma Lyon

Zwei Monate? Das ist etwas wenig.

Lord Hamilton

Sagen wir vier Monate.

Emma Lyon

Wenn ich so durchtrieben wäre wie man mich Ihnen geschildert hat, wäre ich mit drei Tagen zufrieden. Aber ich bin eine ehrliche Person und sage Ihnen ohne Umschweife: drei Tage Probezeit oder drei Jahre oder dreißig Jahre, das ist für mich im Grunde gleichgültig, denn nach dem ersten Tag werden Sie vom letzten nichts mehr wissen wollen.

Lord Hamilton

Ihre Prophezeiung ist sehr kühn. Immerhin bleiben wir vorläufig bei den vier Monaten.

Emma Lyon

Vergessen Sie nicht, daß Sie Ihren Sohn vor eine unwiderrufliche Tatsache stellen müssen, sonst komme ich ihm gegenüber in eine schiefe Position.

Lord Hamilton

Eine bedeutende Schwierigkeit. Wie soll ich ihm eröffnen –?

Emma Lyon

Sie überschätzen ihn doch. Die Schwierigkeit ist mit zwei Worten aus der Welt geschafft. (Sie nimmt die Handglocke, läutet.)

Lord Hamilton

(verwundert)

Oh! Sie ergreifen die Initiative mit großem Feuer.

Der Majordom

(tritt ein)

Mylord befehlen?

Emma Lyon

Sir Francis soll kommen.

Der Majordom

(erstaunt über den diktatorischen Ton von dieser Seite)

Mylord wünschen Sir Francis?

Lord Hamilton

(kalt)

Sie haben gehört.

Der Majordom

Mister Dashwood läßt gehorsamst fragen, ob er sich entfernen kann. Er hat dringende Geschäfte.

Emma Lyon

Er soll warten. – Ist nicht Frühstückszeit?

Lord Hamilton

Es dürfte Frühstückszeit sein.

Der Majordom

(schaut auf die Wanduhr)

Jawohl; es ... (Stockt verblüfft.) Die Uhr steht.

Lord Hamilton

Ja. Die Uhr steht.

Emma Lyon

Es soll serviert werden.

Der Majordom

(bekümmert und fast vorwurfsvoll)

Soll serviert werden, Mylord?

Lord Hamilton

Sie hören.

Emma Lyon

Auch fehlt noch ein Gedeck.

Der Majordom

Noch ein Gedeck, Mylord?

Lord Hamilton

Noch ein Gedeck.

Der Majordom

Sehr wohl. (Ab.)

Emma Lyon

Der Mann scheint auf dem rechten Ohr taub zu sein.

Lord Hamilton

(in ziemlicher Unruhe)

In welche Form soll ich also Francis gegenüber die Mitteilung kleiden?

Emma Lyon

Sie sagen ihm, daß Sie seine Schulden bezahlen und mich dafür in Ihre Obhut nehmen.

Lord Hamilton

(zieht die Stirn in Falten)

Das wäre ja ein regelrechter Handel!

Emma Lyon

Ich habe noch nie gehört, daß ein Engländer in Ohnmacht fällt, wenn von einem Handel die Rede ist.

Lord Hamilton

Wie viel betragen seine Schulden?

Emma Lyon

Eine Lappalie. Vierzigtausend Pfund.

Lord Hamilton

Wie? Und das nennen Sie eine Lappalie?

Emma Lyon

(lacht)

Also fange ich schon an, Ihnen teuer zu werden?

Lord Hamilton

Wenigstens geben Sie mir einen starken Begriff von Ihrer – Weitherzigkeit.

Emma Lyon

Wo geknausert wird, kann ich nicht froh sein.

Lord Hamilton

Ich werde trachten, Sie bei guter Laune zu erhalten.

Emma Lyon

(streckt den Arm aus)

So küssen Sie mir die Hand.

Lord Hamilton

(beugt sich mit steifer Galanterie; während er ihr die Hand küßt, kommt)

Sir Francis

(bleibt bei diesem Schauspiel wie angewurzelt stehen. Gleich hinter ihm kommen: der Majordom, dem ein Diener mit dem fehlenden Gedeck folgt; hinter diesem ein zweiter Diener mit dem Tablett, auf dem sich die Speisen befinden. Gleich darauf erscheint auch Mister Dashwood auf der Schwelle. Die Tür zur Halle bleibt offen).

Lord Hamilton

(geht zum Tisch, gibt dem Majordom Anweisung über die Sitzordnung, dann tritt er zu Mister Dashwood und spricht mit ihm. Dieser lauscht aufmerksam und verbeugt sich oft zum Zeichen seines Eifers. Indessen ist Sir Francis zu Emma Lyon getreten).

Sir Francis

(bewundernd; leise)

Das war ein Meisterstück, Emma. Wie hast du ihn denn herumgekriegt?

Emma Lyon

Still, lieber Freund. Keine Elogen. Du wirst alles hören. Jetzt hab ich Hunger wie ein Matrose.

Sir Francis

Und zahlt er die fünfundzwanzigtausend Pfund –? Du weißt, meine Gläubiger drängen ...

Emma Lyon

Fünfundzwanzig und noch fünfzehntausend dazu.

Sir Francis

(entzückt)

Du bist umsichtig wie ein Kaufmann!

Lord Hamilton

(zu Mister Dashwood)

Die Informationen waren falsch. Es ist dies eine Gewissenlosigkeit, die ich ahnden muß, und Sie tun gut daran, Mister Dashwood, wenn Sie den Londoner Herrn darauf aufmerksam machen, daß ich ihn wegen böswilliger Verleumdung bestrafen lassen werde.

Mr. Dashwood

Gewiß, Mylord, gewiß. Die Zunge der Menschen ist ein giftiges Instrument und unheilvoll in ihren Wirkungen –

Lord Hamilton

(unterbricht den drohenden Redeschwall und wendet sich auch an Sir Francis)

Miß Emma Lyon hat mich davon überzeugt, daß alles, was wir von ihrem früheren Leben gehört haben, nichtswürdige Lügen sind.

Sir Francis

Das hab ich ja gleich gesagt –

Lord Hamilton

Es gibt keinen Doktor Graham ... Es gibt kein himmlisches Bett, und sie hat niemals eine Göttin Hygäa dargestellt. Genug davon. Es sei von solchen Dingen nicht mehr die Rede. Sie können gehen, Mister Dashwood.

Mr. Dashwood

(mit tiefer Verbeugung ab).

Lord Hamilton

(mit der Taschenuhr in der Hand)

Darf ich zu Tisch bitten? Es ist zwölf Uhr, fünf Minuten. (Mister Dashwood hat sich entfernt.)

Emma Lyon

Ihre Präzision, Mylord, verspricht meinem Magen ein Dasein von angenehmer Sorglosigkeit.

Lord Hamilton

Zuerst den Bordeaux, John. (Emma Lyon und Sir Francis haben Platz genommen, der Lord bleibt stehen.) Mein lieber Sohn, erlaube mir, dich von einem freudigen Ereignis zu unterrichten. Miß Emma Lyon ist von heute ab keine Fremde mehr für dich. Verehre in ihr (stockt; Pause, dann mit ruhiger Sicherheit) deine zukünftige Mutter, Lady Hamilton.

Sir Francis

(springt auf, läßt sich aber unter dem hoheitsvollen und bannenden Blick seines Vaters wieder aus den Sessel nieder).

Lord Hamilton

Den Fisch, Mister Wardle!

Vorhang.

Hockenjos

Personen:

  • Karinkel, Bürgermeister
  • Bienemann, Redakteur
  • Mettenschleicher, Bildhauer
  • Hockenjos
  • Hannewickel, Stadtrat
  • Abendrot, Amtsschreiber
  • Binder, Kommissär
  • Ein Amtsdiener, ein Kellnerbursche

Spielt in einer kleinen süddeutschen Stadt.

Kanzlei des Bürgermeisters. Rechts und links Türen. Hinten zwei Fenster mit Aussicht auf einen von altertümlichen Häusern umgebenen Platz, in dessen Mitte das noch umhüllte Denkmal steht.

Abendrot

(schlägt mit einem Aktenheft Fliegen tot)

Hin muscht werde! Pardon gibt’s net ... hätt’scht es vorher überlegt, mei Schätzle ... hin muscht werde, sag’ ich ...

Karinkel

(ein untersetzter, glattrasierter, eiliger Mann, kommt; er ist im Frack)

Was treiben Sie denn da, Abendrot?

Abendrot

Die Fliege schlag’ i tot, Herr Bürgermeischter.

Karinkel

Die Fliegen schlagen Sie tot? Sind Sie verrückt, Mensch? Wo wir bis an den Hals in Arbeit stecken!

Abendrot

Ich hab’ ja bei der Denkmalsenthüllung nix zu tun, Herr Bürgermeischter.

Karinkel

Scheren Sie sich an die Arbeit. Und wenn Sie nichts zu tun haben, dann tun Sie wenigstens so, als ob Sie was zu tun hätten. Das fordert die Würde des Amtes. Der Professor Mettenschleicher muß jeden Moment kommen, – was soll er sich denken, wenn Sie Allotria treiben.

Abendrot

Isch scho guet, Herr Bürgermeischter ...

Karinkel

Keine Widerrede! Diese Biederkeit, diese ewige Treuherzigkeit! wie sie mir auf die Nerven geht! Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht, und der Mensch schlägt Fliegen tot. (Es klopft.) Herein!

Mettenschleicher

(tritt ein; ein großer, würdevoll aussehender, schwarzbärtiger, seriöser Mann, ebenfalls im Frack)

Guten Morgen.

Karinkel

Guten Morgen, lieber Professor. Wie geht’s? wie steht’s? Gut geschlafen? gut geträumt? Hat unser bescheidenes Hotel Ihren Ansprüchen genügt? Oder haben Sie irgend welche Rekriminationen? Ich lege großen Wert darauf, daß es Ihnen bei uns gefällt.

Mettenschleicher

Danke, ich bin zufrieden. In so einem Städtchen wird mir immer behaglich zumut.

Karinkel

Na, na, Professor ... Städtchen ...

Mettenschleicher

Nun ja, es ist doch eine sehr kleine Stadt ...

Karinkel

Eine sehr kleine Stadt? – Eine kleine Stadt, das eher. Aber es ist gut, daß Sie sich wohl fühlen. Man hat nicht oft die Freude, einen so berühmten Meister bewirten zu dürfen. Noch dazu bei so feierlichem Anlaß ...

Mettenschleicher

(steif)

Zu viel Ehre.

Karinkel

Sagen Sie mal, verehrter Professor, um unser gestriges Gespräch fortzusetzen ... (Zögert, da er sich der Gegenwart Abendrots erinnert.) Gehen Sie hinüber in den Schwan, Abendrot, und bestellen Sie mir ein Gabelfrühstück. Fragen Sie, – aber fragen Sie Herrn Gumpelmaier selber – was man haben kann. Etwas Warmes natürlich. Am liebsten etwas vom Kalb.

Abendrot

Oder vielleicht Schweinsrippche?

Karinkel

(tiefsinnig)

Schweinsrippchen ... nicht übel. Schweinsrippchen oder Kalbsherz. Auch saure Nieren wäre eine Idee. Beraten Sie sich nur mit Herrn Gumpelmaier, der kennt meinen Geschmack. Der Kellner soll laufen, damit die Sache unterwegs nicht kalt wird. Dann gehn Sie in die Redaktion des Tagesboten und fragen Sie Herrn Bienemann, ob er meine Rede schon fertig hat. Er soll sich sputen, um zwölf Uhr kommt der Prinz, da muß alles auf dem qui vive sein.

Abendrot

Isch guet, Herr Bürgermeischter. (Ab.)

Karinkel

(seufzend)

Du lieber Gott, bis man so der schwerfälligen Welt Beine macht, Professor –! (Knipst, eilig zur Tür, ruft.) Hallo! – Abendrot! – Abgebratene Kartoffel soll er mitschicken! Wie? Sie Esel! Der Schwanenwirt natürlich. (Kehrt zurück, abermals seufzend.) Ein Mann, der nur für sich selber verantwortlich ist, ist ein glücklicher Mann.

Mettenschleicher

Wir dienen alle dem öffentlichen Wohl, Verehrtester. Jeder auf seine Weise.

Karinkel

Aber nicht auf jeden sind beständig die Augen des Publikums gerichtet, teurer Freund. So wie auf Sie und auf mich. Wenn ich noch einmal auf die Welt käme, – wissen Sie, wonach es mich gelüsten würde? (Ausdrucksvoll.) Es würde mich darnach gelüsten, das Leben eines einsamen, unverheirateten Privatgelehrten zu führen. Was brauchte ich da Belobungen? Anerkennung von unten oder von oben? – Da hätte man sein Genügen in sich selber, da hätte man keinen Orden nötig. In meiner Position freilich muß ich dergleichen haben, um meinen Mitbürgern den Beweis zu liefern, daß ich ihres Vertrauens würdig bin.

Mettenschleicher

Zweifellos. Sie sind ja auf dem besten Weg –

Karinkel

(erregt)

Es besteht also Aussicht –?

Mettenschleicher

Gewiß. Man muß es nur delikat behandeln ...

Karinkel

Wissen Sie, was ich mir überlegt habe, Professor? Ich könnte ja, falls man mir den Michaelsorden verweigert, auch mit dem Friedrichsorden vorlieb nehmen.

Mettenschleicher

(vornehm belustigt von solcher Unwissenheit)

Der Friedrichsorden steht keineswegs niedriger im Rang als der Michaelsorden, mein lieber Bürgermeister. Der eine wie der andere wird nur dann verliehen, wenn sich der Betreffende in hervorragender Weise verdient gemacht hat.

Karinkel

(in wachsender Erregung)

Seit zwanzig Jahren mache ich mich verdient, Professor. Ich tue ja überhaupt nichts anderes. Ich habe eine elektrische Beleuchtung, eine Wasserleitung, ein Findelhaus, einen Veteranenverein geschaffen; ich habe die Fortschritte der Sozialdemokratie nach Kräften aufgehalten, ich habe niemals und nach keiner Seite hin Anstoß erregt, weder bei der Geistlichkeit, noch bei der Regierung, – aber man kann sich doch nicht ausbieten! – Man hat doch seinen Stolz! Man wirkt in der Stille – und hofft, daß es bemerkt wird.

Mettenschleicher

Alterieren Sie sich nicht, lieber Freund.

Karinkel

Ich würde mich nicht beklagen, wenn es mir an loyaler Gesinnung gefehlt hätte. Denn ich begreife, daß die höchsten Kulturtaten nicht ins Gewicht fallen, wenn die loyale Gesinnung mangelt –

Mettenschleicher

Freilich. Die loyale Gesinnung, die wird vorausgesetzt. Wohin kämen wir denn sonst!

Karinkel

Das sagt sich leicht –: vorausgesetzt. Aber bis man sie erwirbt, bis man sie sozusagen einkeltert, damit sie süß und schmackhaft bleibt in all den Jahren, das ist nicht so einfach. Und nun habe ich noch dieses Denkmal gebaut –

Mettenschleicher

Eben. Das war dringend nötig. Es gibt kaum mehr eine deutsche Stadt, die nicht ihre marmorne Attraktion hätte, wenn ich mich so ausdrücken darf. Man ist höhern Orts sehr geneigt, solche Bestrebungen, soweit sie sich auf die Kunst beziehen, zu unterstützen. Sie sänftigen die Sitten, sie lenken die Instinkte des Volkes nach ungefährlichen Regionen.

Karinkel

Ehrlich gesagt, es ist ein Sorgenkind, dieses Denkmal –

Mettenschleicher

Warum denn? Lassen Sie sich nur nicht irre machen ...

Karinkel

Sie haben mich ja so weit gebracht, Professor ... Ihrer Energie haben wir es ja zu danken, daß ...

Mettenschleicher

Nun ja, ich fand es dringend geboten, daß auch Sie in diesem stillen Winkel Ihr Scherflein beitragen zur Vermehrung der nationalen Ideale.

Karinkel

Das klingt sehr hübsch –

Mettenschleicher

Erlauben Sie, das sind tiefste Lebensüberzeugungen!

Karinkel

Allerdings –

Mettenschleicher

Heraus mit der Farbe! Weshalb sind Sie so kleinlaut, heute, an Ihrem großen Tag?

Karinkel

Es wird von gegnerischer Seite behauptet, – haben Sie nicht den Ochsenfurter Anzeiger gelesen? Da steht es drin –

Mettenschleicher

Ich lese solche Käsblätter nicht. Was steht drin?

Karinkel

Daß wir dem Hockenjos das Denkmal nur aus Wichtigtuerei errichtet haben ...

Mettenschleicher

Das ist der Neid.

Karinkel

Und daß es eine Blamage sei.

Mettenschleicher

Die Wühler muß man wühlen lassen.

Karinkel

Und daß der Hockenjos gar nicht in Neuguinea gewesen ist und daß er gar nicht bei der Expedition des Doktor Rittersteig war und daß er infolgedessen auch nicht von den wilden Papuanern erschlagen worden ist. Im Gegenteil, so behaupten diese Schurken, er sei in einer australischen Matrosenkneipe bei einem Raufhandel umgekommen.

Mettenschleicher

Leeres Geschwätz.

Karinkel

Na ja, ein Säufer war ja der Kerl. Der Wahrheit die Ehre.

Mettenschleicher

Es ist vollkommen gleichgültig, was der Hockenjos war. Die Hauptsache bleibt, daß er tot ist. – Was sagt denn Bienemann zu diesen Sudeleien? Er hat doch damals die Nachricht von dem Ende des Hockenjos zuerst gebracht ...

Karinkel

Ach, mit dem Bienemann weiß man nie, wie man dran ist. Ich fürchte, er glaubt gar nicht an das Genie von dem Hockenjos.

Mettenschleicher

Es ist das Kennzeichen eines guten Journalisten, daß er in einem solchen Fall eine Sache umso überzeugender vertritt.

Karinkel

Und ich selbst habe auch meine Zweifel ...

Mettenschleicher

Glauben Sie denn, lieber Freund, daß der Ruhm anders fabriziert wird als auf diese Art? Neun Zehntel unserer Berühmtheiten verdanken ihren Glanz dem Notizenmangel einer Zeitung oder dem Hang nach Redensarten, der in den Leuten von der Feder steckt. Es ist nicht meines Amtes, das wirkliche Verdienst vom erlogenen zu trennen. Ich denke, es liegt eine viel höhere Sendung darin, die häßliche Realität in einen angenehmen Schein zu verwandeln. Je verworfener, unwürdiger und unfähiger dieser Hockenjos in Wirklichkeit war, desto mehr Grund für uns, der Welt ein so trauriges Faktum vorzuenthalten und sein Bild zu veredeln. Wenn man einem Menschen wie Hockenjos ein Denkmal setzt, geschieht es nur, um seine wirkliche Gestalt zu verschleiern. Dadurch eben bereichert man den Bestand an nationalen Idealen.

Karinkel

Na ja, seine Gestalt mögen Sie am Ende verschleiern, aber die Bilder, die der Kerl gemalt hat, die können Sie nicht verschleiern. Wir haben ja eine Ausstellung veranstaltet, und was ich da von den hiesigen Damen zu hören bekommen habe, – wahrhaftig, der ganze Appetit auf die Kunst ist mir vergangen. Schamlose nackte Weiber hat er gemalt. Die können Sie doch nicht verschleiern.

Mettenschleicher

Wenn ein Künstler tot ist, verlieren seine Arbeiten den moralischen Charakter, wenn ich mich so ausdrücken darf. Schamlos waren die Weiber eigentlich nicht, nur nackt waren sie. Aber wer wird schließlich darnach fragen, was für Bilder der Hockenjos gemalt hat, wenn er vor seinem Denkmal steht? Keine Katze wird darnach krähen.

Karinkel

Kein Hahn, meinen Sie ...

Mettenschleicher

Kein Hahn, natürlich. Sie können sich in diesem Punkt getrost meiner Erfahrung überlassen, lieber Bürgermeister. Der Umstand, daß Hockenjos tot ist, verschafft ihm einen unbeschränkten Kredit an guter Meinung. Ich kannte eine ganze Reihe von Idioten, die bloß dem Zufall, daß sie gestorben waren, Bewunderer und Anhänger zu verdanken hatten. Dem Publikum sind nämlich die Künstler so ungeheuer gleichgültig, daß man ihm, wenn einer stirbt, weismachen kann, was man will.

Karinkel

Ich verstehe nicht viel von der Kunst, aber das eine muß man doch von ihr fordern: daß sie den Menschen bessert und erhebt.

Mettenschleicher

Das ist richtig, hat aber mit unserer Angelegenheit momentan nichts zu schaffen. Sie müssen stark sein, lieber Freund. Sie dürfen sich in Ihrer Überzeugung nicht erschüttern lassen.

Karinkel

In welcher Überzeugung meinen Sie?

Mettenschleicher

In Ihrer Überzeugung. Ein Mann hat doch nur eine.

Karinkel

(etwas stupid)

So. – Im allgemeinen bin ich ja stark. Aber einen Menschen muß man doch haben, dem man sein Herz eröffnen kann. (Es klopft.) Herein!

Bienemann

(kommt; schmaler gelbgesichtiger Mann von etwa dreißig Jahren. Tartarenbart, Zwicker. Er hat das Phlegma intelligenter Leute, die viele überflüssige und langweilige Dinge reden müssen. Hinter diesem Phlegma verbergen sich Neugier, Bosheit, Resignation und Menschenverachtung).

Karinkel

Guten Morgen, Bienemann! Sind Sie schon fertig?

Bienemann

Guten Tag, meine Herren. – Ja, ich wollte noch einige Punkte mit Ihnen besprechen ...

Karinkel

Darf ich die Herren miteinander bekannt machen, Redakteur Bienemann, Professor Mettenschleicher von der königlichen Akademie der bildenden Künste.

Bienemann

Freut mich, freut mich.

Mettenschleicher

Ich bin Ihnen für den schmeichelhaften Artikel im Tagesboten sehr zu Danke verpflichtet, Herr Doktor.

Bienemann

Noch nicht, Herr Professor, noch nicht.

Mettenschleicher

(verdutzt)

Was –? was, – noch nicht?

Karinkel

(ebenso)

Ja ... was – noch nicht?

Bienemann

Noch nicht Doktor, meine ich. Die Honoris causa ist noch nicht gegeben. Bienemann, ganz schmucklos Bienemann.

Karinkel und Mettenschleicher

(sehen einander an).

Karinkel

(mit dem Daumen über die Schulter weisend)

Stolz? wie? Demokrat! Ganz schmucklos Bienemann! (Lacht.) Ausgezeichnet!

Mettenschleicher

(geniert)

Na, na! (Klopft Karinkel mit fürstlicher Leutseligkeit auf die Schulter.)

(Klapperlärm. Ein Kellner kommt mit einer Platte, auf der das Frühstück in zwei Tellern dampft. Ein Amtsdiener eilt geschäftig voraus und säubert den Tisch. Beide entfernen sich wieder. Karinkel setzt sich mit strahlendem Gesicht, bindet die Serviette um den Hals und vergißt alle Sorgen.)

Bienemann

Mein Artikel hat Ihnen also gefallen, Herr Professor?

Karinkel

(kauend; taktlos)

Na, hören Sie, Bienemann, wenn mir so viele Elogen gemacht würden, wäre ich auch nicht unzufrieden. Es war famos. Und sehr aktuell.

Bienemann

Das schon; einige giftgeschwollene Schlangen können sich nämlich nicht darüber beruhigen, daß das Denkmal so rasch fertiggestellt worden ist. Vor sechs Wochen hatten wir die Todesnachricht in der Zeitung, und heute thront bereits der Marmor da draußen. Es ist ja wirklich die reine Hexerei.

Karinkel

(kauend)

Was geht die Leute das an? – Diese geschmorten Stückchen da sind köstlich. Wollen Sie nicht zugreifen, Professor? Nein? Schade.

Bienemann

(tut verlegen)

Freilich, das sag ich auch. Aber ein Mensch wie ich besteht aus lauter Ohren. Und so hör ich denn unter anderm das blödsinnige Gerücht, daß das Denkmal schon vorher fertig gewesen ist.

Karinkel

Wieso? Vor dem Tod des Hockenjos? Mit solchen Dummheiten sollten Sie uns nicht kommen, Bienemann. Ich verstehe ja nichts von der Bildhauerei, aber unser verehrter Meister hier konnte doch nicht die Unsterblichkeit des Hockenjos voraussehen.

Bienemann

Das sag ich auch; es sei denn, man macht Denkmäler auf Lager. Was meinen Sie, Herr Professor?

Mettenschleicher

(windet sich)

Ich will nicht hinterm Berg halten ... es hat mit dieser Sache eine eigene Bewandtnis. Ich hatte doch, wie Ihnen vielleicht erinnerlich ist, den Auftrag, ein Monument für den verstorbenen Sanitätsrat Ulfinger zu schaffen –

Bienemann

(roh)

Der die Schweinereien gemacht hat ...

Mettenschleicher

Schweinereien ist eine etwas starke Bezeichnung. Er war ein bedeutender Gelehrter, lebte aber leider Gottes über seine Verhältnisse, und ein halbes Jahr nach seinem Tod kamen die gefälschten Wechsel zum Vorschein. Es geschah alles, um den Skandal zu vermeiden, schließlich drang die Geschichte doch an die Öffentlichkeit, und das Denkmal konnte nicht aufgestellt werden. Meine ganze Arbeit war umsonst, der Marmor lag da –

Bienemann

Außerordentlich interessant!

Mettenschleicher

Und da traf ich gerade unsern Freund Karinkel, der den noch unbestimmten Plan hegte, etwas zur Verschönerung des hiesigen Stadtbildes zu tun.

Bienemann

Aha! und weil der Hockenjos eben das Zeitliche gesegnet hatte –

Mettenschleicher

Ja, so kamen wir überein –

Karinkel

(dankbar)

Sie waren es, teurer Meister, der mir die Idee gab!

Bienemann

Wirklich, eine Fügung des Himmels, dieses Zusammentreffen der Umstände! Da hat also der gute Hockenjos quasi ein von Herrschaften abgelegtes Denkmal bekommen.

Karinkel

(zornig)

Witzeln Sie nicht, Bienemann.

Bienemann

Aber Sie mußten doch Ihrem marmornen Sanitätsrat einen andern Kopf aufsetzen –?

Mettenschleicher

War merkwürdigerweise überflüssig. Die beiden Leute hatten eine gewisse Ähnlichkeit. Beide groß, ziemlich fett, langbärtig ... Außerdem, ein Denkmal ist doch ein Symbol.

Bienemann

Toll! einfach toll! Man lernt nie aus.

Mettenschleicher

Ich rechne selbstverständlich auf Ihre Diskretion. Außer Ihnen beiden weiß nur noch mein erlauchter Freund, der Prinz Albert, davon, ohne dessen Rat und Zustimmung ich etwas Derartiges überhaupt nicht unternehmen würde.

Bienemann

Das ist derselbe, der heute zur Enthüllung kommt?

Mettenschleicher

Derselbe. Er liebt die schönen Künste. Sie können sicher sein, daß er auch auf Sie ein Auge haben wird.

Bienemann

(verbeugt sich)

Oh! Danke sehr. – Müssen Sie nicht auf den Bahnhof, Herr Bürgermeister?

Mettenschleicher

Seine königliche Hoheit trifft ja erst um zwölf Uhr ein.

Karinkel

Ja, aber um viertelzwölf kommt der Regierungspräsident. Weiß der Stadtrat Hannewickel, daß er sich mit den Ehrenjungfrauen aufzustellen hat?

Bienemann

Die Ehrenjungfrauen und der Veteranenverein sind schon in vollem Wichs.

Mettenschleicher

Noch einen Vorschlag, meine Herren. Wie wäre es, wenn man heute noch ein Extrablatt drucken ließe, durch dessen Inhalt das Volk einige Aufklärung über die künstlerischen Verdienste des Malers Hockenjos erhielte?

Karinkel

Nicht schlecht ...

Mettenschleicher

Es ist in dieser Beziehung vieles versäumt worden –

Karinkel

Und man könnte die Verleumder damit zum Schweigen bringen. Nicht schlecht. Was meinen Sie, Bienemann?

Bienemann

Ein ziemlich teurer Spaß. Es fragt sich, ob die Interessen, die dabei im Spiele sind, eine solche Ausgabe fordern.

Karinkel

Es sind ideale Interessen, mein Lieber. Dafür ist nichts zu teuer.

Bienemann

Ideale Interessen? Entschuldigen Sie, meine Herren, aber an ideale Interessen glaub ich nicht. Sie auch nicht. Das Publikum auch nicht. Das ist eben das Heikle mit den idealen Interessen, daß niemand daran glaubt, weil zu viele ihren Vorteil daraus ziehen.

Karinkel

Pfui, Bienemann! Beständig gießen Sie Ihr nüchternes Öl in die Wogen unserer Begeisterung.

Bienemann

Das ist mein Beruf.

Mettenschleicher

Ein trauriger Beruf.

Bienemann

Sie dürften damit den Nagel auf meinen Kopf getroffen haben, Herr Bürgermeister. Wer mit Papier gefüttert wird, dem wachsen keine Blumen auf der Zunge.

Karinkel

Wenn Ihnen an meinem ferneren Vertrauen gelegen ist, so unterstützen Sie uns jetzt mit allen Ihren Kräften, Bienemann.

Bienemann

Ich soll also gewissermaßen die öffentliche Meinung beruhigen ...

Mettenschleicher

Ja ... wenn Sie es so betrachten ... obwohl, – öffentliche Meinung gibt es nicht.

Karinkel

(bürstet seine Kleider)

Die öffentliche Meinung sind wir.

Mettenschleicher

Öffentliche Meinung ist die Konspiration der Dummköpfe.

Bienemann

Die Herren sind entschlossen, wie ich sehe. Allen Respekt. Nun, was an mir liegt, soll geschehen. Die Druckerpresse hat schon ganz andere Dinge gerechtfertigt als Denkmäler. Die Ingredienzen, aus denen man den Brei der Zeitungsunsterblichkeit kocht, sind billig zu haben. Die Hauptsache ist der Superlativ. Das ist das Universalrezept. Der Superlativ ist für den Leser, was neunzigprozentiger Fusel für einen Gewohnheitstrinker ist. Leider nützen sich die Superlative jetzt so stark ab, daß eine neue Steigerung, ein Über-Superlativ eine wahre Wohltat für die Menschheit wäre.

Karinkel

Das ist mir zu hoch, davon versteh ich nichts.

Bienemann

Na, schön. Ich will Ihnen einen Hockenjos hinstellen, der sich gewaschen hat. Ich werde Ihnen mit einer Verklärung aufwarten, daß der Mann in seinem Grab noch Lust zu einer Himmelfahrt bekommt. Ich tue einfach, als ob Tizian ein Zimmermaler und Feuerbach der kleine Moritz gegen ihn wäre.