4
Ärgerlich blätterte der Untersuchungsrichter in den Akten, schlug die Mappe zu.
Der Dichter hatte den Mord zwar sofort eingestanden, aber der Untersuchungsrichter kam doch seit Tagen nicht vorwärts, denn der Dichter redete immer wieder von einem Glas Milch, das mit schuld daran sei, daß er den Lehrer umgebracht habe.
Des Untersuchungsrichters blondbehaarter Zeigefinger drückte auf den Taster. „Man soll mir den Anton Seiler bringen“, sagte er zum eintretenden Diener. Und zu sich selbst: „Zum letzten Mal!“
Resolut schlug er die Aktenmappe wieder auf und begann, mit dem Taschenmesser die Kruste an seiner Schreibfeder abzuschaben.
Die Hände vor den Leib gefesselt, wurde der Dichter hereingeführt. Sein Gesicht war blaß und faltenlos. Die Oberpartie seines Kopfes — Augen, Stirn — hatte sich stark vergrößert. Über den Brauen waren modelliert hervortretende Höcker entstanden, wie manche Menschen sie haben, die jahrelang angestrengt denken.
Nur das Schaben des Untersuchungsrichters war hörbar.
Und als er sich mit dem Schreibsessel Seiler zudrehte und nervös sagte: „Geben Sie doch schon zu, daß Sie den Lehrer umbrachten, um zu dem Hundertmarkschein zu kommen“, antwortete der Dichter gedankenabwesend erst nach einer Pause:
„Nein, das war es nicht.“
Des Untersuchungsrichters Hand fuhr zur linken Brustseite; er war herzkrank. „Einigermaßen handgreiflich müssen doch auch Sie . . . Ihrerseits motivieren können, weshalb Sie Ihren alten Lehrer erwürgt haben. Man geht doch nicht einfach hin und erwürgt ohne Grund einen Menschen. Sie sahen den Schein liegen . . . und da geschah die Sache, glauben Sie mirs . . . So etwas ist schon manchem vor Ihnen passiert.“
„Ich habe Ihnen schon gesagt, daß die Ursachen meines Verbrechens weit zurückliegen.“
„Bleiben Sie mir um Himmels willen nur mit Ihrem Glas Milch vom Leibe!“ Er nahm die Hände weg von den Schläfen. „Gut, nicht des Geldes wegen! Also gut, nehmen wir an, es war Ihnen nicht nur um den Geldschein zu tun.“ Sein Stimme wurde klein und schnell: „Aber doch in der Hauptsache! Nicht wahr?“
Der Dichter war wieder weit weg mit seinen Gedanken, so daß er eine Weile nicht antwortete und nur den Schluß seiner Gedankenreihe aussprach: „Nein, denn die Hauptsache bei jedem Verbrechen sind immer die Ursachen.“
„Schließlich — wir sind doch Männer —, was solls denn sonst gewesen sein? Was hat er Ihnen denn getan?“ Der Richter stieß die Hände beteuernd vor.
„Getan? . . . hat er mir nichts . . . anderes, als was die meisten Menschen, die meisten Erwachsenen den Kindern antun.“
„Na also! Nichts hat er Ihnen getan. Jetzt sind Sie wenigstens vernünftig.“
„Er hat mich ruiniert.“
Des Richters Kopf zuckte in die Höhe. „Ja aber wodurch denn!“
„Das habe ich Ihnen schon gesagt.“
„Na?“
„Weil er mich damals nicht mit in die Wirtschaft gehen ließ.“
„Glauben Sie, ich sitze hier, um mich von Ihnen zum Narren machen zu lassen!“ brach die Empörung aus dem Richter hervor. Seine Hand fuhr zum Herzen. „Acht Jahre waren Sie damals alt! wie? . . . Und als einunddreißigjähriger Mann gehen Sie hin und ermorden Ihren Lehrer, weil er Ihnen, als Sie ein Kind waren, eine kleine Strafe auferlegt hat . . . Unsinn, was?“
„Weil er mir das Mal ins Gehirn gebrannt hat.“
„Was für ein Mal?“
„Das mich ruiniert hat . . . weil ichs seitdem im Gehirn habe . . . Und solange ich lebe.“
„Die Milch, wie?“ sagte der Richter beißend.
Der Wärter konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.
„Es war vielleicht nicht nur das allein schuld daran. Vieles Ähnliche zusammen . . . Ich erwarte ja nicht, daß Sie mich verstehen, und ich möchte auch nichts mehr sagen.“
„So.“ Der Richter brauchte eine Weile, ehe er sich wieder beherrschte. „Weshalb haben Sie nun eigentlich den Schein genommen . . . nach Ihrer Meinung?“
„. . . Ich glaube, um fliehen zu können . . . Ich hätte ja das Geld gar nicht genommen, wenn ich nicht diese Erscheinung gehabt hätte . . . Das Gummiseil.“
„Ein Gummiseil hatten Sie?“ fragte der Richter gleichgültig und lauerte.
„Aus einem fremden Land ging ein auseinandergezogenes Seil aus Gummi bis zu mir . . . Ich knüpfte mich daran, und das Seil schnellte mit mir übers Meer . . . durch die Luft ins fremde Land.“
Auch der Schreiber riß die Augen auf.
Und der Richter brachte erst nach einer langen Pause hervor: „Teufel auch! . . . Eine fixe Flucht . . . Und die Ankunft? Haben Sie sich auch Ihre Ankunft überlegt mit dem Gummiseil, dort in dem Land? Teufel nochmal!“
„Deshalb nahm ich das Geld.“
„Während Ihrer ersten Anwesenheit in der Heimatstadt standen Sie doch auch schon vor des Lehrers Haustür; weshalb sind Sie da nicht hinaufgegangen?“
„Weil ich Angst vor meinem Lehrer hatte.“
„Als Dreißigjähriger! . . . Angst vor Ihrem Lehrer? . . . Na, hören Sie!“ Der Richter zündete sich eine schwarze Zigarre an.
„An dieser Angst ist ja eben auch das Mal schuld . . . An allem.“
„Seien Sie so freundlich! Sehen Sie, ich kann mit Ihrem Mal wirklich nichts anfangen . . . Und nach Berlin zurückgekehrt, dachten Sie sich den ganzen Plan aus.“
„Nein, ich wollte mich aussöhnen mit dem Lehrer.“
„So, aussöhnen“, sagte der Richter ruhig. „Und anstatt dessen ermorden Sie ihn . . . Ihr gesunder Menschenverstand muß Ihnen doch sagen, daß das Unsinn ist.“
Des Dichters Augen sahen in der Ferne die Kammer.
„Aussöhnen — und anstatt dessen ermorden? Das müssen Sie mir erklären.“
„Das zu erklären . . . ist kompliziert. Dazu fehlen die Voraussetzungen.“
„Mir, wie?“
Der Dichter zuckte bedauernd die Schultern und schwieg.
Und der Richter tauchte die Feder wütend ins Tintenfaß. Dabei lächelte er.
„Zu allem kam auch noch das Entsetzliche mit dem Schulknaben“, begann der Dichter von selbst. „Ich mußte mit ansehen, wie die gleiche Ursache meines Elends dem Knaben ins Gehirn geschleudert wurde. Da empfand ich, daß der Lehrer ein Repräsentant der Seelenzerstörer war . . . und mein Haß erwürgte ihn.“
„Erwürgte ihn“, schrieb der Richter auf. „Und dann, dann nahmen Sie den Hundertmarkschein.“
„Dann, ja, dann nahm ich den Schein.“
„Na, sehen Sie.“ ‚Nach der Tat nahm ich den Schein‘, schrieb er auf. „Nicht wahr? . . . Also, um das Geld zu bekommen, geschah die Sache . . . Reue und Aufrichtigkeit kann Ihnen nur nützen. Was Sie mir sagen, ist ja auch noch nicht absolut verbindlich für Sie . . . Und dann wollten Sie natürlich so schnell wie möglich fliehen.“
„Auch wegen meiner Mutter.“
„Aber durch einen hübschen Zufall waren sämtliche fünfzehn Polizisten auf dem Bahnhof“, sagte der Richter zu sich selbst.
Und der Dichter sagte traumhaft: „Ich wollte gar nicht zum Bahnhof. Auf den Berg wollte ich steigen und noch einmal auf die Stadt hinuntersehen . . . Und dann immer weiter wandern.“
Das notierte der Richter und ließ den Dichter abführen. „Aber auch ein Glück, daß er zum Bahnhof zu diesen fünfzehn Kamelen gelaufen ist“, sagte er zum Schreiber und begann, das Protokoll für die Reinschrift zu diktieren, „denn sonst könnten wir diesen kaltblütigen Erzhalunken jetzt auf der ganzen Welt suchen . . . Solche Gummiseile fehlten uns gerade noch! Was meinen Sie?“
In der Zelle stand der Dichter reglos an der Mauer. Seine Gedanken und Gefühle umkreisten die Mutter; seit der Verhaftung litt er nur unter der Qual seiner Mutter.
Der Wärter horchte neugierig am Beobachtungsfenster der Zellentür, als der Dichter vor sich hin sagte: „Welch hartes Herz . . . hartes Herz muß Christus gehabt haben, da er rufen konnte: Was geht mich dieses Weib an, ich kenne es nicht.“
Vergebens versuchte der Dichter, sich zu dieser Selbstlosigkeit um aller Menschen willen emporzuzwingen. Schweifte er auch nur eine Sekunde lang von diesem Gedankengang ab, sank er sofort wieder in die Einzelbeziehung — in die mächtige, dunkle Blutliebe zur Mutter zurück.
„Blutketten sind grausam schwer zerreißbar, Blutketten“, flüsterte er. Und sehnte sich mit der ganzen Kraft seines Wesens nach Befreiung von diesen Gefühlsfesseln, um ganz allein und bereit sein zu können.
Seine dumpfe Liebe ließ es nicht zu. Aus ihr heraus sagte er: „Wenn die Mutter stürbe . . . vorher, das wäre wunderbar.“
Diesem Gedanken hing er nach, dachte ihn zu Ende. Sein Gesicht wurde alt und klar.
Da trat der Gerichtspsychiater ein.
Und fühlte dem Dichter den Puls, fragte ihn noch einmal dasselbe wie bei der ersten Untersuchung, um eventuelle Widersprüche feststellen zu können.
„Nein, meine ganze Familie ist gesund.“
„Ich? . . . Höchstens Schwächezustände wegen Unterernährung.“
Der Wärter stand bei der Tür.
„Geschwister, alle gesund? Keines gestorben?“
„Gestorben? Nein. Meine Schwester hat Selbstmord begangen.“
„Das haben Sie mir das letzte Mal verschwiegen . . . Weshalb tat sie denn das, bitte?“
„Man nimmt an, sie sei verunglückt — beim Baden ertrunken . . . Ich glaube, sie tat es aus Scham, weil der Lehrer ihr die Röcke hinten hochgehoben und sie auf den nackten Körper geschlagen hat, mit seiner Hand . . . vor der ganzen Klasse.“
„Und deshalb? . . . Im allgemeinen ist das für ein Kind kein Grund, sich das Leben zu nehmen . . . Eine Krankheit lag nicht bei ihr vor?“
„Nein . . . Ein bißchen empfindsam sind wir Geschwister.“
„Ein Lehrer tat das?“
„Ja, Herr Lehrer Mager.“
„. . . Derselbe?“ Er strich sich vom Nacken weg über den Kopf, bis zum Mund. Dann glitt die Hand am glänzenden, schwarzen Vollbart entlang, und der Mund öffnete sich nachdenklich.
„Da war sie dreizehn Jahre alt. Sie lief vom Schulhaus weg und sprang in den Fluß. Seit einiger Zeit denke ich mir, daß sie wegen dieser Demütigung in den Fluß gesprungen ist.“
„So mir nichts, dir nichts sollten Sie das aber doch nicht annehmen. Das erste Mal redeten Sie kein Wort von dieser ganzen Sache . . . Vielleicht ist ihr die Puppe hineingefallen oder die Mütze . . . Wie Kinder sind — sie springt nach, will sie herausholen und ertrinkt . . . Das andere wäre nicht normal.“
„Furchtbar normal, Herr Doktor, furchtbar normal! . . . Ein Jahr später kam . . . ich zum Herrn Mager in die Klasse.“
„Und bei sich haben Sie keine besonderen Erscheinungen beobachtet?“
„Ich weiß nichts . . . Meine Mutter sagt, daß ich als Junge mit offenen Augen geschlafen habe.“
„Das können ja . . . Sie selbst nicht wissen. Und sonst?“ „Ich bin ganz normal, Herr Doktor. Will sagen, ich bin nicht irrsinniger als zum Beispiel Sie . . . und Millionen andere.“
„Wie meinen?“
„Daß neunundneunzig Prozent aller Menschen irrsinnig sind. Und der übrige ganz kleine Prozentsatz Menschen, von denen man im Leben sagt, sie seien verrückt, unzurechnungsfähig, weltfremd, sich am schärfsten dem Normalzustand des Menschen genähert haben.“
„Aber pardon!“
„Es ist auch nur eine Ansicht von mir.“
„Das heißt, Sie wollen sagen, daß Sie so ein Normaler sind.“
Der Dichter errötete.
„Können Sie mir als Arzt sagen, ob es möglich ist, daß meine Mutter wegen meines Unglücks schnell stirbt?“
Der Arzt strich sich den Bart. „Alte Leute sterben nicht so schnell wegen eines . . . seelischen Unglücks. Darüber können Sie beruhigt sein.“
„Stirbt nicht?“ rief der Dichter entsetzt.
„Wünschen Sie, daß Ihre Mutter stirbt?“
„Das wäre wunderbar“, sagte der Dichter und streckte dem Arzt die Hände betend hin.
„Wenn Ihre Mutter stürbe?“
„Ja . . . Ich bin nicht Christus.“
Wegen seines plötzlichen Simulationsverdachtes kniff der Arzt die Augen zu. „Nehmen Sie sich halt ein bißchen zusammen“, sagte er, leise ironisch.
„Ich kann nicht. Ich kann ja nicht! Ich bin nicht Christus! Ich kann nicht so vollkommen selbstlos sein; ich muß die Mutter lieben.“
Er bemerkte den gesteigerten Verdacht auf dem Gesicht des Arztes nicht. „Ich bin nicht Christus!“
„Na, darüber sprechen wir später“, sagte der Arzt skeptisch. „Zeigen Sie mal . . . Lunge, Herz.“
Dann kontrollierte er noch die Sehnen- und Hautreflexe und verließ die Zelle.
„Dem Burschen fehlt nichts!“ rief er dem Untersuchungsrichter entgegen. „Zäh wie eine Katze in ihren besten Jahren.“
„Was sagte ich Ihnen!“
„Nur daß er selbst behauptet, ganz normal zu sein — die typische Meinung aller Irrsinnigen —, spricht etwas fürs Gegenteil.“
„Hallo! Wissen Sie, was das bei dem sein wird? Ein . . . sozusagen ein Dreh. Dieser Kerl ist nämlich ein ganz abgebrüht intelligenter Halunke.“
„Er hat sich sogar ein sehr hübsches Simulationsmoment zurechtgedacht.“
Der Richter hob die Augenbrauen.
„Er versichert mir nämlich konstant, er sei nicht Christus.“
„Na, ein ziemlich durchsichtiger Kohl . . . Der weiß ganz gut, daß Irrsinnige behaupten: König, Christus, Kaiser zu sein, Mutter Gottes. Und da dreht er den Spieß einmal um. Eine neue Nuance.“
Der Arzt lachte. „Neue Nuancen sind aber auch nötig; denn es ist heute doch nicht mehr so ganz einfach, einen Psychiater hinters Licht zu führen.“
„Und das Glas Milch? Hat er Ihnen das nicht auch zu trinken gegeben?“
„Diesmal nicht; bei der ersten Untersuchung. Aber als ich ihn hübsch in die Realität des Lebens zurückführte, da wurde er arrogant . . . Heute wieder hat er mir verklausuliert erklärt — ich sei irrsinnig und er normal.“
„Großartig . . . Wirklich.“
„Wer verteidigt ihn denn?“
Der Richter winkte lächelnd ab: „Der kleine Schallmann.“
„O weh, Offizialverteidiger?“
„Und was für welcher . . . Der arme Kerl.“
„Wer?“
„Wenn Sie wollen . . . alle beide. Der kleine Schallmann und sein Klient auch, schließlich . . .“
„Ja, es ist ein Elend.“
Beide zuckten bedauernd die Schultern. Sie reichten sich die Hand.
5
Schon vor zwei Stunden hatte Doktor Wiener vom Zeugenzimmer aus beobachtet, wie der gefesselte Dichter aus dem Untersuchungsgefängnis über den Hof geführt worden war zur Verhandlung.
Ein Gang trennte Schwurgerichtssaal und das mit einer gepolsterten Tür versehene Zeugenzimmer. Kein Laut klang herüber.
„Da steht man auf einmal mitten im Brennpunkt einer Tragödie.“
Die dicke Wirtin sah ihren Zimmerherrn verständnislos an, machte aber eine zustimmende Handbewegung.
Und während drüben weiter verhandelt wurde, fuhr der Doktor fort: „Schlingt das Leben knapp neben mir . . . in dunkler Nacht einen Knoten, und der soll nun mit unserer Hilfe entwirrt, ich möchte sagen, durchhauen werden.“ Dabei spähte er unauffällig in die Ecke zum eleganten, schwarzen Seidenkleid, von dem sich das bleiche Gesicht des Straßenmädchens vorteilhaft abhob.
Die Wirtin machte ihre zustimmende Handbewegung. Das Mädchen rührte sich nicht. Ihre gleichmäßig atmende Brust ließ den Reiher auf ihrem Hute erzittern.
In geteiltem Interesse blickte der Doktor auch manchmal vom Mädchen weg, aus dem Fenster, zum Gesicht eines Untersuchungsgefangenen hinüber, das von den Gitterstäben durchkreuzt blieb, und immer wieder las er in der Zeitung nach, daß die Verhandlung des wegen Raubmordes angeklagten Dichters heute beginne und Doktor Wiener als Zeuge geladen sei. Sein Herz klopfte so unruhig, daß er sich endlich doch, Blick zur Decke gerichtet, den Puls fühlte. Vergebens versuchte er, sich seines Gespräches mit dem Dichter zu entsinnen, und sagte lächelnd: „Wie meinte er denn das vom Planeten“, sah das Straßenmädchen an, zuckte die Schultern: „Planet?“
Die Wirtin beugte sich vor, die Hand überzeugend zum Doktor gestreckt, sah ihn eine Weile schweigend an und flüsterte: „Mir war er immer unheimlich“, worauf die Hand sofort wieder mit der anderen gefaltet über dem Leibe lag.
Die beiden Schüler standen beim Ofen; der kleine machte ein Gesicht, als sähe er sich von tausend Hämmern bedroht.
Dasselbe Gefühl hatte der Dichter im großen Schwurgerichtssaal. Die Blicke aller Zuschauer und der Geschworenen waren auf ihn gerichtet; er war die Antwort schuldig geblieben.
Auch der Offizialverteidiger sah zu ihm auf, wollte ihm helfen und schloß den Mund wieder. Der Gerichtsstenograph spitzte einen Bleistift lang an und legte ihn zu den fünf andern.
„Sie wollen uns also nicht sagen, weshalb Sie es getan haben?“
„Doch, alles! Es ist nur sehr schwer.“ Er wandte sich um zum überfüllten Zuschauerraum, wieder den Richtern zu. Da verließ alle Kraft sein Gesicht: die Augen sahen die Mordszene. „Wenn das meine Hände nicht getan hätten!“ Seine Lippen waren weiß geworden. Den Oberkörper zurückgebogen, blickte er auf seine Hände hinunter.
Er macht Theater, dachte der Staatsanwalt.
Winzig und verloren stand der Dichter, erdrückt von der machtvollen Feierlichkeit.
Ganz unvermittelt veränderte sich seine Erscheinung vollkommen: er sah aus, als stehe er allein in seiner Kammer, grübelnd über eine Idee. Sein Gesicht belebte sich. „Ich leide unter diesem entsetzlichen . . . Unglücksfall ungefähr so, wie ich als Kind gelitten habe unter den qualvollen Sonntagsspaziergängen mit der Familie.“
„Wie denn! Einen Spaziergang kann man doch kaum mit einem Mord vergleichen.“ Der Vorsitzende blickte erstaunt von einem Beisitzer zum andern.
Der Dichter erwiderte, mit einem eigensinnigen, verbohrten Gesichtsausdruck: „Man muß das miteinander vergleichen. Nicht nur diese Spaziergänge . . . mein ganzes Leben. Es gipfelt ja in diesem Unglücksfall.“
Der Vorsitzende lehnte sich zurück. „Einen Unglücksfall nennen Sie Ihre Tat?“
„Man könnte ihn mit dem Bergrutsch vergleichen, den ich zufällig einmal mit angesehen habe.“ Der Dichter sprach langsam und schien die Worte erst vom Boden abzulesen. „Das Erdinnere hat eine notwendige Bewegung gemacht . . . Bewegung gemacht, wie aus Schlaf erwachend, und vom niederstürzenden Geröll sind einige Menschen erschlagen worden . . . Bei mir verursachte die Summe aller qualvollen Erlebnisse, von denen das eine zweiundzwanzig Jahre lang in mir geschlafen hat, einen plötzlichen, unabwendbaren Haßausbruch . . . und dabei ist der Lehrer umgekommen. Wie bei einem Erdbeben, das die Stadt einreißt und die Bewohner begräbt.“
„Der Lehrer ist also nur verunglückt, nach Ihrer Ansicht? . . . mit der wir hier nichts anzufangen wissen . . .“
„Ja. Meine Hände wurden nur als Mordwerkzeuge gebraucht.“
„. . . nichts anzufangen wissen; denn erstens sind Sie keine Erdkugel, Ihr Mord kein Beben . . . und zweitens überhaupt.“
„Für mich deckt sich das vollkommen.“ Er sah den Vorsitzenden klar an und sagte laut: „Deshalb geht mich mein Mord, den ich vor mir selbst nie verantworten kann . . ., diesem Gericht gegenüber nicht mehr an als euch und jeden anderen Menschen.“
Der verblüffte Vorsitzende geriet in Unruhe, die sich auf die Geschworenen fortpflanzte und einer vagen Unsicherheit wich, hervorgerufen durch schnell und bestimmt gegebene Antworten des Dichters, der von seiner Ansicht nicht abzubringen war.
Der Staatsanwalt hatte scharf hingehorcht und nahm sich vor, diese Wendung des Angeklagten nicht aufkommen zu lassen. Er hatte eine hohe, reine Stirn und kluge Augen.
„Auf diese Weise können viele, scheinbar unbegreifliche, Verbrechen verstanden werden“, bemerkte der Dichter in sachlichem Tonfall.
Der Vorsitzende raffte sich auf und erinnerte, unter Assistenz des Staatsanwaltes, den Dichter daran, daß seine Mittellosigkeit dem Gericht bekannt sei und er wegen eines offenbaren Raubmordes hier stehe. „Ihre phantastischen Abschweifungen werden Ihnen also nichts nützen. Sie sind arm, der Lehrer ist tot . . . und das geraubte Geld fand man bei Ihnen . . . Stimmt das?“
Herzbeklemmung zwang den Dichter, die Augen zu schließen.
Da schienen ihm Richter und Geschworene eine lange Reihe steil auf den Schwänzen sitzender Riesenraben zu sein. ‚Ich stehe der starr gefügten Macht des Gesetzes klein und rettungslos gegenüber,‘ Und während er automatisch „Ja“ und „Nein“ und auch einige Male „Ich weiß nicht“ antwortete, dachte er: denen kann ich niemals erklären, wie es kam; denn sie erdrücken mich mit ihrer Logik, die nur an der Oberfläche des Geschehens ihre Schlüsse findet . . . und dadurch recht behält.
„Sie geben also zu, daß Sie den Lehrer getötet haben, um Ihre Lage zu verbessern.“
„Nein, das gebe ich nicht zu.“
„Aber ja doch! Sie haben doch eben Ja gesagt.“
„Ich habe Ja gesagt? Ich dachte an etwas ganz anderes.“
„Sie müssen aber auf meine Fragen achten“, sagte der Vorsitzende ruhig. Gleichzeitig mit ihm hatte der Staatsanwalt etwas gerufen; und aus der Rekonstruktion der vorhergegangenen Fragen und Antworten mußte der Dichter erkennen, daß er tatsächlich Ja gesagt hatte.
„Gewiß hat er nicht Ja gesagt!“ rief der Verteidiger plötzlich. Und wurde zornig, weil alle ihm ansahen, daß er log.
„Ich möchte festgestellt haben, daß er nicht Ja gesagt hat.“
„Haben Sie Ja gesagt?“
„Ja“, antwortete der Dichter gereizt dem Vorsitzenden.
Der Staatsanwalt fragte: „Was verhinderte Sie, während der ersten Anwesenheit in der Heimatstadt Ihr Vorhaben auszuführen?“
‚Alles hoffnungslos. Sie gehen gar nicht auf mich ein.‘ Langsam sagte er: „Es ist nicht Gleichgültigkeit, daß ich Ihnen darauf nicht antworte.“ Und empfand den Wunsch, überhaupt nicht mehr zu reden. Oder etwas herauszubrüllen.
Da sah er zum ersten Male das klare Auge eines Geschworenen, das interessiert und klug auf ihn gerichtet blieb. Die andere Augenhöhle war leer. Des Dichters Beklemmung wich sofort. Das ist das wahrhaftige Auge, dachte er. Die Hoffnung auf Rettung zog mächtig in ihn ein.
Er wandte sich an den Einäugigen, in dessen schmales Gelehrtengesicht der Geist viele Falten gezeichnet hatte, sprach heiß und dringend: „Verstehen Sie mich — erst nachdem ich schon da war, bei meiner Mutter im Zimmer war, erinnerte ich mich an das Schulerlebnis. Ganz plötzlich. Es hat also volle zweiundzwanzig Jahre lang . . . heimlich in mir gesteckt und mich, wie ich jetzt ganz bestimmt weiß, aus seinem dunklen Versteck heraus gezwungen, in die Heimatstadt zu fahren.“
Mit einem einfachen Lächeln: „Daran können Sie ja doch genau erkennen, daß ich mir nicht sagte: jetzt fahre ich heim, bringe den Lehrer um und nehme ihm sein Geld . . . Denn, Sie verstehen? in Berlin wußte ich ja gar nicht, weshalb ich eigentlich zum Bahnhof lief und in den Zug stieg . . . steigen mußte!“
„Nur zur Aufklärung!“ Der Vorsitzende sprach geschäftsmäßig. „Wollen Sie damit sagen, daß dieses Erlebnis, das, nehmen wir einmal probeweise an, Sie gezwungen hat, zu reisen, Sie auch veranlaßte, den Lehrer umzubringen?“
„Nein“, sagte der Dichter fest.
Und der Vorsitzende: „Gut.“
„. . . Denn ein demütigendes oder sonst qualvolles Jugenderlebnis kann nicht mehr so gefährlich sein, nachdem man sich daran erinnert hat. Zuerst war ich sehr erregt, sehr erregt. Dann wurde ich nur recht traurig und wollte mich mit dem Lehrer aussöhnen. Er sollte sich ein bißchen entschuldigen bei mir, und alles wäre gut gewesen.“
„Und brachten Sie ihn um, weil er das nicht tat?“
„Auch deshalb nicht . . . Und auch nicht gerade, weil er den Kleinen in meiner Gegenwart geprügelt hat.“
„Sondern? . . . Weil Sie sahen, wie die Haushälterin dem Lehrer einen Hundertmarkschein reichte.“
„Nein, nein, das ist nebensächlich . . .“
Wie ein Mensch, der im Alptraum verfolgt wird, sich aber nicht vom Platze bewegen kann, empfand der Dichter der Fesseln wegen drückende Hilflosigkeit, wollte fortwährend die Hände gebrauchen, die von den Ketten wieder zusammengerissen wurden. Aus Angst, sich nicht klar genug auszudrücken, wurde er sehr erregt.
„Jetzt wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mir ein wenig folgen würden.“ Er wandte sich an den Einäugigen: „Schon ein einziges vergessenes Jugenderlebnis hat also die Macht, mich eines Morgens von Berlin in die Heimatstadt zu schicken. Ich muß gehorchen. Weiß absolut nicht, weshalb. Hab vierzehn Jahre lang, bis zu diesem Morgen, gar nicht daran gedacht, zu reisen. Hatte keine Lust. Kostet Geld . . . Wenn nun schon das Eine so eigenmächtig mit mir umspringen kann, dann muß ich mir sagen — und das ist der glühende, tragische Punkt —, daß die ohne Zweifel zahllosen schändlichen Kindheitserlebnisse zusammen, die vergessen und verdeckt in einem Menschen sitzen, ihn gegebenenfalls zu ihrem Werkzeug für jede Tat, welche es auch sei, machen können.“
Da legte der Dichter die Hände auf die Brust. „Ich saß beim Lehrer, der mich jahrelang gequält hatte und jetzt vor meinen Augen den Kleinen schändete, da wirkten plötzlich alle diese vergessenen Erlebnisse eigenmächtig zusammen und erwürgten ihn.“
Er ließ die Hände sinken, sagte noch: „Plötzlich begeht man das Schrecklichste; denn der eigene Wille ist fortgezogen.“
„Gut,“ begann der Vorsitzende, „daß ein Mensch, wenn er zerstreut ist, manchmal etwas tut, irgendeine Dummheit begeht, ohne zu wissen, wie und was, ist uns bekannt . . .“
„Aber“, unterbrach ihn ein großer, vollblütiger Geschworener gereizt, „daß er in der Zerstreuung einen Menschen umbringt, na, das ist ja . . . das ist Unsinn.“
„. . . aber, daß Sie wegen dieses, weiß Gott vor wieviel Jahren vergessenen Schulausfluges in die Heimatstadt gereist sind . . . wo steht das geschrieben? Und wo steht geschrieben, daß Sie sozusagen . . . mit Hilfe! noch anderer Erlebnisse gar jemand ermordet haben? Das glaubt Ihnen kein Mensch auf dieser Welt, auch wenn Sie nicht das Geld geraubt hätten . . . Ebensowenig, wie man glauben wird, daß Sie mit Hilfe anderer, ausgezeichneter, herrlicher Erlebnisse den Ermordeten wieder lebendig machen können.“
Der Vorsitzende stützte beide Hände auf das Pult, die Ellbogen seitwärts gespreizt. „Jetzt äußern Sie sich einmal, wollen Sie sich denn mit diesen . . . diesen Geschichten verteidigen? Oder was wollen Sie? . . . Verteidigen?“
Verlegen scharrte der Dichter mit dem Fuße, sah in die Ecke, die Geschworenen an. „Ja, ich . . . versuche, Ihnen das Ereignis zu erklären.“
Unvermittelt kam wieder Entschlossenheit in sein Gesicht. „Glauben Sie mir,“ sagte er zum Einäugigen, „wirklich, es kann vorkommen, daß ein dreißigjähriger Mann in seinem Zimmer sitzt, ganz ruhig bei der Arbeit, da hört er im Nebenzimmer einen Mann schimpfen und die geschlagene Frau ängstlich kreischen. Plötzlich packt ihn eine rätselhafte, besinnungslose Wut: er hat den unbegreiflichen Drang, hinüberzustürzen und den Mann zu erwürgen. Hinterher kann er seinen Richtern nur sagen, daß der Zank — das Weinen der Frau im Nebenzimmer — ihm diese Wut verursacht hat, und weiß nicht, daß er sich wegen eines ähnlichen Zankes, der aus dem Schlafzimmer seiner Eltern kam, vor fünfundzwanzig Jahren im Kinderbettchen voller Grauen aufrichtete, in Haß gegen seinen Vater, der die geliebte Mutter schlug. Seine Richter glauben ihm dann nicht, weil er, wenn er zur Besinnung kommt, vielleicht einen Mantel mitnimmt, einen Apfel einsteckt oder einen Hundertmarkschein, um fliehen zu können . . . Bei mir liegt die Sache ganz ähnlich. Sie verstehen mich doch?“
Der Einäugige notierte sich etwas und sah ruhig wieder den Dichter an, der das für eine bejahende Antwort nahm und freudig und hingerissen dem Vorsitzenden zurief: „Ich will mich damit ja nicht entschuldigen! Ich bin so furchtbar schuldig geworden! Aber doch nicht wegen des Geldes, nicht wegen . . . dieses Geldes! Glauben Sie das nicht! Mein Mord wurde von solchen Erlebnissen verursacht . . . Einmal ließ mich der Vater — weil ich meine Schiefertafel zerbrochen hatte und er, der Arbeiter, der abgerackerte Arbeiter, verstehen Sie doch! eine neue kaufen sollte — das eichene Lineal holen; ich mußte die Hose ausziehen. Dann schnallte er mich auf den Stuhl fest und . . . vor der ganzen Familie. Das tat er . . . Am andern Tag stürzte ich heulend zu Boden, nur weil ein Kamerad von mir ganz zufällig das Wort ‚Lineal‘ gebrauchte. Ich heulte wie tobsüchtig, rannte aus der Stadt hinaus, stundenlang auf den Feldern umher, und zündete vor Qual und Hoffnungslosigkeit eine Scheune an. Sie brannte ab . . . Viele Jahre wußte ich nicht, weshalb ich die Scheune angezündet habe . . . Wenn man gerecht ist, ganz gerecht, muß man sagen, daß nicht ich . . . sondern mein Vater der Brandstifter war.“
„Man könnte ja auch sagen, der Urgroßvater, der schon längst verwest ist!“ Das Gesicht des vollblütigen Geschworenen blähte sich auf, daß die Augen verschwanden.
Sofort wandte der Dichter sich wieder an den Einäugigen, sah ihn eindringlich an. „Weil mir das alles so klar geworden war, fuhr ich dann noch einmal in meine Heimatstadt, in der Hoffnung, mich an vieles zu erinnern — an die furchtbaren Demütigungen, die mich ruiniert haben. Ich hoffte, ihnen mit meinen Erfahrungen, mit dem Verstand meiner dreißig Jahre, ihre böse Macht über mich endlich nehmen zu können . . . Alle Menschen sollten wieder einmal in ihre Heimatstadt zurückkehren. Das habe ich sogar geträumt.“ Er bewegte die Hände in großem Bogen von links nach rechts: „Einen ganzen Zug Menschen!“
„Nun, und sind Ihnen solche Erlebnisse eingefallen?“ fragte der Vorsitzende.
„Mir? Nein . . . nein, es sind mir keine eingefallen.“
„Wie denn! . . . Dann sollten Sie uns doch aber das alles nicht erzählen. Weshalb nur?“
Der Dichter schickte einen hilfesuchenden Blick zum Einäugigen hin, zum Vorsitzenden. „Weil das so wichtig ist. So wichtig!“
„Aber nein doch! Es sind Ihnen ja keine eingefallen.“
Des Dichters Mund blieb offen stehen.
„Die ganze Stadt ist mir eingefallen . . . Und da ist auch ein unheimlicher Hohlweg, ein Mensch verschwindet . . . In dem Hohlweg muß mir etwas Furchtbares geschehen sein. Aber ich weiß nicht, was. Weiß nicht, was. Glauben Sie mir doch. Um Gottes willen!“
Fieberhaft suchte er nach noch einem Beispiel, während der Vorsitzende sich nicht um ihn kümmern konnte, weil er die Vernehmung der Zeugen vorbereitete.
Da sah er das Auge des Geschworenen verlangend auf sich gerichtet, machte verzweifelt einen Schritt zu ihm hin: „Es kann doch auch vorkommen, daß ein Mann immer wieder träumt: er ist ein Kind und muß sich verkriechen in die Zimmerecke, aus Angst vor seinem Vater, der ihn gräßlich und verächtlich ansieht. Und es hilft ihm nichts, daß er seinem Vater zuruft: ich habe doch seither die große Brücke aus Eisenkonstruktion gebaut . . . Solange er lebt, fürchtet sich der berühmte Brückenbauer im Traume vor seinem Vater . . . Mich hat der Vater einmal die ganze Nacht auf den langen, dunklen Gang hinausgesperrt . . . Ich kam zu spät nach Hause, weil ich zugesehen hatte, wie ein Ertrunkener aus dem Wasser gezogen wurde. Das war eine arge, lange Nacht. Seitdem fürchte ich mich im Dunkeln wie ein Kind . . . Erst vorgestern, am Dienstag, träumte ich wieder: in unbeschreiblicher Angst stehe ich auf dem dunklen Gang — der Ertrunkene kommt die Treppe herauf und langsam auf mich zu, entsetzlich lautlos . . . Ich kann nicht in die Wohnung flüchten. Selbst jetzt träume ich das, in einer Zeit, da ich mich in so großer Not befinde. Man sieht daran, daß ein solch gräßliches Kindheitserlebnis stärker ist als alles.“
„Sonnig scheint Ihre Kindheit ja nicht gewesen zu sein, aber mit Ihren Träumen können wir uns wirklich nicht abgeben,“ sagte der mit den Zeugenakten beschäftigte Vorsitzende, „die sind nun einmal Schäume.“
Der Angeklagte versuchte immer wieder, den eindeutigen Tatbestand mit vagen Geschichten zu verschleiern, notierte sich der Staatsanwalt für seine Schlußrede.
„Es sind ihm ja nun doch welche eingefallen“, sagte der Verteidiger. „Ich mache Sie darauf aufmerksam . . . Auf den Ertrunkenen.“
Und der Dichter blickte in plötzlicher Hoffnungslosigkeit so verloren im Saale herum, daß er von der Vereidigung der ersten Zeugin nichts bemerkte.
„Sie stehen unter Kontrolle?“
Im Zuschauerraum wurde es ganz still.
Das Straßenmädchen senkte den Kopf.
Da senkte auch der Dichter den Blick.
Sie wurde nicht vereidigt.
Am weitesten vom Dichter entfernt stand der Kleine; seine Stirn war wieder schneeweiß geworden. Die Zuschauer begannen sich zurechtzusetzen. Der Offizialverteidiger handhabte, nachdem er eine Weile streng zum immer noch notierenden Staatsanwalt hingesehen hatte, ebenfalls seinen Bleistift. Er trug ein Monokel. Auch die Geschworenen bewegten die Oberkörper, bis sie richtig saßen. Es war sehr warm im Saal.
„Bei Ihnen wohnte der Angeklagte?“
„Mir war er immer unheimlich“, sagte die Wirtin sofort.
„So? . . . Weshalb denn?“
„. . . Bezahlt hat er mich auch nicht.“
Der Staatsanwalt schriebs auf und machte den Geschworenen noch einmal deutlich, daß der Grund der Reise und die Ermordung des Lehrers in des Dichters ständiger Geldlosigkeit zu finden sei.
Der Vorsitzende fragte die Wirtin, ob der Dichter schon vorher irgendwelche Äußerungen mit Bezug auf den Mord getan habe, da er ihr unheimlich erschienen sei. Sie geriet, zur Belustigung der Zuschauer, ins ungehemmte Erzählen hinein, aufgebracht und endlos, bis der Vorsitzende „Halt!“ rief, weil die Richter das tägliche Leben des Dichters nunmehr genau kannten.
„Früh, wenn ich aufstand, ging er zu Bett. Zugetraut hab ich ihm alles . . . Denn man wußte ja nie, was er eigentlich macht“, sagte sie noch nachträglich, mit einem ärgerlichen Blick auf den Dichter, wobei ihre Unterlippe befriedigt vorschoß.
„Doch, ich habe gearbeitet“, antwortete der Dichter gereizt.
„Wir hörten aber eben, daß Sie den ganzen Tag geschlafen haben.“
Er schwieg.
Der Vorsitzende sagte schulterzuckend: „Arbeiten müssen alle Menschen.“
Und die Wirtin rief: „Das hab ich ihm auch gesagt.“
„Sie dürfen nur reden, wenn Sie gefragt werden.“
Ihr sich empört öffnender, sprechbereiter Mund klappte lautlos wieder zu, weil der Richter vorgriff: „Wie denn! Nur wenn Sie gefragt werden.“
Da sagte der Einäugige: „Der Angeklagte ist doch der Autor jener bekannten Artikelserie . . . Das war doch eine schwere, langwierige Arbeit für Sie, nicht wahr?“ Der Verteidiger öffnete ruckartig den Mund.
Der Staatsanwalt rief schnell: „Ich bin bereit, diese . . . Arbeiten hier verlesen zu lassen, wenn die Verteidigung glaubt, daß diese volksverhetzenden Schriften den Angeklagten entlasten können.“
Der Vorsitzende sah fragend den Verteidiger an, der den Blick senkte. Und plötzlich auf einen Papierstoß schlug: „Ich habe hier noch andere Arbeiten von ihm . . . Grandiose Dichtungen!“
Es wurde gelacht. Der Dichter errötete.
Und der Verteidiger sagte, er wolle keineswegs die Verhandlung hinausziehen durch Verlesen. „Aber ich muß darauf bestehen, daß er gearbeitet hat. Jawohl!“
Der Vorsitzende lächelte ein wenig.
„Sie hatten am Abend vor der Tat ein längeres Gespräch mit dem Angeklagten? Sagen Sie uns möglichst genau, was er gesprochen hat.“
Doktor Wiener schwieg: er hatte damals den Dichter nicht ganz verstanden.
Vorsitzender und Staatsanwalt fragten abwechselnd und wären zu keinem Resultat gelangt, wenn nicht der Dichter selbst in unmittelbarer Aufwallung dazu geholfen hätte, so daß plötzlich der Satz durch den Saal klang: „Seit Jahrtausenden verlangt der Mensch brüllend, stinkend demütig, stöhnend, irrsinnig, daß er atmen dürfe, ohne unnötige Qualen.“
Sie sahen ihn erschrocken an. Und der erleichterte Doktor Wiener konnte ergänzen: „Ich hasse die Repräsentanten all derer, die das verhindern.“
Der Verteidiger las einen ähnlichen Satz aus einem Manuskript des Dichters vor, bezweckte nichts damit, denn das vom Staatsanwalt klug und schlagfertig durchgeführte Geplänkel endete mit dessen nachsichtigem Lächeln und sichtbarer Verwirrung des Offizialverteidigers.
Der Vorsitzende fragte: „Sind Sie etwa der Meinung, Lehrer Mager sei so ein Repräsentant gewesen?“
Kein Mensch im Saal konnte sich erklären, auf welche Weise der Kleine an diese Stelle gelangt war. Erschrocken sahen alle zu, wie der Dichter die Hände auf des Kleinen Kopf legte, daß die Ketten vor dessen Gesicht hingen.
Der Dichter sagte: „Ich habe da einen Zeugen, daß der Lehrer ein Repräsentant der Seelenzerstörer war. Dieses Kind wird ein Elender bleiben, sein Leben lang . . . Betrachten Sie mich als sein älteres Abbild.“
Der Kleine, mit den Ketten vor dem schneeweißen Gesicht, rührte sich nicht, bis ihn der Gerichtsdiener auf den Befehl des Vorsitzenden hin am Arme vom Dichter wegführte wie einen Gefangenen.
Im Zuschauerraum wurde es wieder ruhig, als der Vorsitzende den Dichter sachlich zurechtwies und der Staatsanwalt des Ermordeten Leben ausführlich schilderte, ihn zum Schluß einen sich aufopfernden, pflichttreuen Mann nannte.
Noch während dieser Rede hatte der Dichter die gefesselten Hände nach dem seitwärts stehenden Tischchen ausgestreckt. Und als der Staatsanwalt geendet hatte und der Dichter immer noch schwieg, mit deutenden Händen, folgte der Vorsitzende der Richtung, nahm den schon ganz verrunzelten Himbeerapfel, der beim Verhafteten gefunden worden war, vom Tisch und fragte, was damit sei.
„Der wird eine furchtbare Wirkung haben, dieser nicht geschenkte Apfel. Das ganze Erlebnis trägt das Kind im Gehirn. Und noch nach zwanzig Jahren wird es seine Handlungen mitbestimmen.“
„Sehen Sie, das können wir doch heute noch nicht kontrollieren.“ Der Vorsitzende machte eine Handbewegung, als habe er dem Dichter ganz überflüssigerweise ein Geschenk gemacht. „Das hier ist nur ein Apfel . . . Weshalb haben Sie den eigentlich eingesteckt?“ Seine fünf Fingerspitzen hielten den Apfel.
„Oh, den wollte ich haben!“ sagte der Dichter rasch, mit sonderbar funkelnden Augen.
Im Zuschauerraum wurde gelacht.
„Als ich ihn einsteckte, dachte ich — jetzt hat ihn der Kleine doch bekommen. Ich dachte — jetzt habe ich das Glas Milch doch bekommen.“
Auch die Geschworenen blickten ihn fragend an.
„Das ist doch furchtbar einfach! Wenn ich zwanzig Jahre früher die Milch bekommen hätte, hätte ich mir den Apfel ja nicht zu nehmen brauchen . . . und stünde heute vielleicht nicht hier.“
„Wie denn! Wenn Sie in Ihrem Leben ein Glas Milch mehr getrunken hätten?“ Der Vorsitzende lächelte den rechts von ihm sitzenden Geschworenen zu. Deren Antwortlächeln sprang auf die links Sitzenden über, bis zum Staatsanwalt. Der Einäugige sah zornig vor sich hin.
„Freilich! Dann wäre der Lehrer ein besserer Mensch gewesen und ich sicher ein besserer geworden . . . Er hat mir doch, während ich zu ihm in die Schule ging, in anderer Form viele tausend Gläser Milch verweigert. Und nicht nur er — viele andere haben mich gedemütigt, gepeinigt und dadurch schwach und böse gemacht. Deshalb stehe ich hier. Aber ich glaube, daß vor allem der Lehrer mich für spätere Demütigungen so sehr empfänglich gemacht hat . . . Denken Sie an, wenn ich damals nicht vor dem Wirtshaus hätte stehen müssen, hätte ich vielleicht eine Woche später, als die Soldaten, anstatt mir Brot zu geben, Spülwasser über mich geschüttet haben, noch geflucht und geschimpft. So aber habe ich geschwiegen, glaubte schon, mit mir dürfe man alles machen . . . Das ist ja das Furchtbare, daß ich nicht geschimpft habe, sondern ganz still weggegangen bin.“
Wie auf Kommando bewegten alle Geschworenen gleichzeitig die Oberkörper, um sich wieder zurechtzusetzen.
Und der Vorsitzende sprach die Prügelszene in der Lehrerstube jetzt doch ausführlich durch. Unter allgemeiner Heiterkeit. Denn der größere Schüler erzählte, da aus dem zerdrückten Kleinen auch mit Güte und Väterlichkeit nicht ein Wort herauszubringen war, daß dieser Regen mit „ch“ und anstatt Amen — Ammen geschrieben habe.
Die Geschworenen lächelten und dachten an ihre Jugendzeit zurück. Gerichtshof und Zuschauer sympathisierten miteinander. Eine Weile ließ der Vorsitzende die Heiterkeit durchgehen, dann spitzte er lächelnd den Mund unterm Schnurrbart, als wolle er sagen — wie Sie sehen, verstehe ich einen Spaß, aber dazu sind wir nicht hier; und da im Zuschauerraum auch dann noch gelacht wurde, rief er erstaunt: „Wie denn!“
Niemand verstand recht, weshalb der Einäugige sich vom Dichter noch einmal auf das genaueste die Reihenfolge der Vorgänge in der Lehrerstube darstellen ließ. Wiederholt fragte er eindringlich, ob die Tat — sofort, nachdem die Knaben die Stube verlassen hatten, geschehen sei, oder ob der Dichter vorher noch über den Schulausflug gesprochen — und den Lehrer dann erst umgebracht habe.
Und als der Dichter das bei immer stärker werdender Herzbeklemmung bejahte, auf die nochmalige Bitte hin, sich genau zu erinnern, wieder leise und bestimmt Ja sagte, blickte ihn der Einäugige so furchtbar ernst an, daß der Dichter während der folgenden stummen Zwiesprache mit dem Einäugigen am ganzen Körper kalt wurde.
Der Staatsanwalt notierte sich die Worte „Vorsicht! Affektmord“.
Dann betonte er kurz und klar die Harmlosigkeit der Prügelszene.
Und der Vorsitzende fragte den größeren Schüler: „Jetzt sage du uns einmal . . . hast du Angst gehabt, zu deinem Lehrer in die Schule zu gehen?“
„Ich hab gar keine gehabt.“
„Gabs viel Keile, wie?“
„Hiebe?“
Der Vorsitzende lachte. „Ja ja, Hiebe . . . Aber das macht doch einem strammen Jungen nichts aus, was?“
„Nein. No, und ich hab ja keine bekommen . . Im Kopfrechnen Eins, Rechtschreiben Eins bis Zwei, Deutscher Aufsatz . . .“
„Hast also gute Noten gehabt?“
„Deshalb hab ich ja auch immer die Hefte tragen dürfen . . . Ich hab die Notenbücher alle noch.“
„Nun, und du?“
Der Kleine wurde kreideweiß.
„Du hast doch auch keine Angst gehabt, wie?“
„Sags uns nur . . . Angst gehabt?“
Die Tränen schossen ihm in die Augen. Er schüttelte verneinend den Kopf.
„Wird schon alles noch besser werden“, sagte der Vorsitzende und lächelte den Kleinen freundlich an. „Aber ja doch!“
Er sah in die Untersuchungsakten, dem Dichter groß ins Gesicht. „Sie gaben an, Ihre Schwester habe sich ertränkt, weil Herr Lehrer Mager sie . . . nennen wir es: gequält hat. Es liegt mir daran, jetzt auch diese Sache voll und ganz aufzuklären . . . Glauben Sie, daß der Lehrer auf Ihre Familie besonders schlecht zu sprechen war?“
„Besonders? Nein. Er hat vermutlich alle Schüler, die zu ruinieren waren, ruiniert . . . Das heißt, drei oder vier ausgesprochene Prügelknaben hatte er doch, aber zu denen gehörte ich nicht einmal . . . Einen davon — er war der Sohn eines Optikers, dick und winzig klein — den malträtierte er so, daß Sie mir einfach nicht glauben werden, wenn ich es Ihnen beschreibe . . . Täglich, bei jeder Gelegenheit, mit dem Rohrstock auf den kurzgeschorenen, weißblonden Kugelkopf, ins rosige Gesicht, wahllos ins Gesicht! . . . Einen Bauern, der ein kleines Ferkelchen so verhaut, würde man einsperren wegen Tierquälerei.“
„Ja aber! In so einem Fall geht ein Junge doch nach Hause und sagt: Du, hör mal, Vater . . . so und so.“
Der Dichter lächelte schwach. „Gewöhnlich wagt ein Junge nicht, sich beim Vater über den Lehrer zu beklagen.“
„Und . . . was wurde aus dem Jungen?“
„Den habe ich kürzlich aufgesucht, extra aufgesucht . . . Er hat jetzt einen Schnurrbart. Das Geschäft seines verstorbenen Vaters führt er weiter, erhält seine jüngeren Geschwister. Sehr geachteter Mann . . . Ich frage ihn: Denkst du noch manchmal daran, wie dich der Lehrer behandelt hat?
‚Der Lehrer Mager? Dem begegne ich öfters. Wir unterhalten uns hie und da miteinander‘, sagte er und bediente dabei seine Kundschaft — zwei Gymnasiasten, die einen Photographenapparat kaufen wollten. ‚Das war ein tüchtiger Lehrer. Man hat etwas bei ihm gelernt . . . Ja, ja, jetzt sind wir keine Kinder mehr. Sorgen haben wir jetzt. Nun, das Geschäft geht ja.‘“
„Dem hats also nicht geschadet.“
„Nein“, sagte der Dichter lächelnd und sah dabei den blinkenden Optikerladen.
„Und Ihre Schwester . . . Glauben Sie nicht auch, daß die Sache in die Öffentlichkeit gekommen wäre, wenn die Schwester sich wegen des Lehrers ertränkt hätte? Doch sicher!“
„Ach, daß der Lehrer die Schuld haben könnte, daran dachte kein einziger Mensch in der Stadt. In einer kleinen Stadt wagt man gar nicht, an so etwas zu denken. Da ist ein Lehrer etwas so unangreifbar Hohes . . . wie er sein sollte . . . Ich selbst bin ja erst seit kurzer Zeit der Meinung, daß meine Schwester durch das Verhalten des Lehrers in den Fluß geschickt worden ist.“
„Nach allem, was wir von dieser Sache hier gehört haben, vom Angeklagten selbst gehört haben, ist er durch nichts zu dieser Meinung berechtigt“, sagte der Staatsanwalt ruhig.
Und der Vorsitzende: „Je nun, mir scheint auch, daß Sie da etwas vorschnell urteilen . . . Herr Doktor Wiener, versuchte der Angeklagte an jenem Abend auch von Ihnen Geld zu leihen?“
„Das nicht . . . Wärme.“
Der Vorsitzende sah verständnislos drein.
„Ich wollte sagen — er ließ die Zwischentür absichtlich offen, damit aus meinem Salon Wärme in seine Kammer strömen konnte.“
Ein unterdrücktes, glucksendes Lachen ertönte.
Den Dichter streifte der Wunsch, erklären zu können, weshalb die hinterlistige Art, wie er vom Doktor Wärme genommen hatte, auch eine Folge seiner gedemütigten Jugend sei.
Und die Wirtin rief: „Die Kammer ist so klein, daß sie ganz warm wurde, wenn er nur seine Kerze brennen ließ.“
Die Zuschauer lachten offen heraus.
„Liebe Frau, nur wenn Sie gefragt werden!“
Das Lachen steigerte sich.
Und der Vorsitzende ließ noch einmal den Saal nicht räumen.
Doktor Wiener antwortete zögernd: „Doch, er gebrauchte auch das Wort ‚Anpumpen‘.“
Der Vorsitzende fragte den Dichter: „Sie hatten also an jenem Abend gar kein Geld?“
Der Staatsanwalt stellte das ausdrücklich fest.
„Und da gingen Sie zu diesem . . . Mädchen.“
Da der Vorsitzende während der Vernehmung des Straßenmädchens die Zuschauer draußen haben wollte, erklärte der Verteidiger, daß volle Öffentlichkeit im Interesse des Dichters liege.
Der Staatsanwalt dachte, da hat er wo etwas aufgeschnappt.
Die Zuschauer mußten hinaus.
Das Straßenmädchen erwiderte: „Ich hatte gerade selbst kein Geld.“
„Bedrohte er Sie, als Sie ihm nichts gaben?“
„Und wieso gaben Sie ihm dann doch?“
„Ich bat ihn, im Nebenzimmer zu warten.“
Unter steigender Erregung der Geschworenen mußte das Mädchen den Hergang mit allen Einzelheiten erzählen, wobei der Dichter einem Blick seines Verteidigers begegnete und dachte: er verachtet mich, wie kann er mich da verteidigen.
Und als das Mädchen unvermittelt gefragt wurde, wie lange der Dichter ihr schon Zuhälterdienste leiste, glaubte er, zum ersten Male ganz hoffnungslos, es werde ihm unmöglich sein, den Ring, den Vorsitzender und Staatsanwalt um ihn zogen, zu sprengen.
Auch einige Geschworene fragten das Mädchen.
Bis sie endlich verwirrt sagte: „Er ist doch kein Zuhälter“, und an der ganzen Geschworenenreihe staunend entlang blickte.
Der Vorsitzende erklärte ihr: „Sie müssen die Wahrheit sagen, obgleich Sie nicht vereidigt sind. Aber ja doch!“ Und brachte nach langem, eindringlichem Fragen aus ihr heraus, daß sie den Dichter schon seit einem Jahre kenne und daß er damals zu ihr gesagt hatte, er wolle sie heiraten.
Sehr ernst geworden, sahen die Geschworenen in den leeren Zuschauerraum.
Und der Vorsitzende sagte sofort: „Es ist doch auffallend, daß ein Mädchen wie Sie einem Menschen nur so Geld gibt, ihn sogar warten läßt im Nebenzimmer, bis sie das Geld sozusagen . . . verdient hat.“
Da sah sie ihn verächtlich an. Doch ganz schnell veränderte sich ihr Gesicht; die ganze Körperhaltung drückte schroffe Gleichgültigkeit aus. „Ist mir einerlei.“
„Was ist Ihnen gleich?“
„Alles natürlich!“
„Ich frage Sie, was Sie momentan dachten, das Ihnen gleich sei.“
Mit einem ganz kleinen, starken Lächeln: „Alles, meine Herren!“ Sie setzte sich.
Der Staatsanwalt betonte die Unglaubwürdigkeit der nicht vereidigten Zeugin. Und der Dichter sah zu, wie eine Schar Tauben vom gegenüberliegenden Dachfirst aufflog, ihn umkreiste und sich wieder in die Frühlingssonne niederließ. Ein Tauber blähte sich und stolzierte wippend einer Taube nach, die immer wieder davonrannte.
„Von was haben Sie denn nun eigentlich in Berlin gelebt, all die Jahre?“ fragte der Vorsitzende, als die wiedereintretenden Zuschauer stillsaßen.
Der Dichter sagte: „Das ist schwer zu erklären . . . Ich weiß es selbst nicht.“
Und antwortete nachdenklich noch einmal: „Ich kanns wirklich selbst nicht sagen.“
Der Vorsitzende ließ Augen und Hand verwundert fragen.
Und der Staatsanwalt formulierte kurz seine Ansicht dahin, daß die Geldquelle bei diesem oder bei irgendwelchen anderen Straßenmädchen zu suchen sei. „Der Heiratsantrag ist der schlagendste Beweis dafür.“
„Kurzum . . . es ging Ihnen offenbar sehr schlecht?“
„Also. Da fahren Sie in Ihre Heimatstadt . . .“
„Weil mir so furchtbar zumute war.“
„Besuchen unvorsichtigerweise Ihre Eltern, ein Kaffeehaus und, wie sich vorhin herausstellte, den Optiker, nicht wahr?“
„Ja.“
„Dieser unliebsamen Zeugen wegen reisen Sie, obwohl Sie schon vor des Lehrers Tür standen, mit dem nächsten Zug wieder zurück nach Berlin.“
„Sie wußten nicht, daß der Angeklagte verreist war?“
Keine Ahnung habe sie gehabt, antwortete die Wirtin aufgebracht, sah den Dichter an, den Vorsitzenden: „Und mein Herr Doktor hatte ja auch die Kammer mitgemietet.“
„Nachdem Sie Ihrer Wirtin beigebracht hatten, gar nicht verreist gewesen zu sein, gehen Sie zu dem Mädchen, lassen sich zwanzig Mark für die Reise geben und fahren in derselben Nacht wieder in Ihre Heimatstadt, schleichen — diesmal ohne Zeugen — ungesehen durch die noch dunklen Gassen direkt in die Lehrerswohnung. Eine Stunde später wird der Lehrer vor seiner durchwühlten Schreibtischlade gefunden. Das geraubte Geld bei Ihnen . . . Was können Sie dazu sagen?“
Während der ganzen Rede hatte der Dichter den Vorsitzenden in kaltem Entsetzen angeblickt; nur stockend konnte er hervorbringen: „Es ist alles so weit entfernt vom Tatsächlichen, was Sie und der Herr Staatsanwalt von mir sagen, daß ich kein Wort mehr mitreden kann.“
„Sie hatten offenbar weitaus mehr vorzufinden erwartet, bei Ihrem Lehrer, der als sparsamer, vermögender Mann bekannt war.“
Da stemmte der Dichter die Handballen unter die Achselhöhlen, daß die Kette über seiner Brust spannte, brüllte: „Ihr lügt!“ und stieß dabei die Hände nach vorn, wandte sich um zu den vielen Hunderten, wie auf einem Riesenpräsentierteller liegenden Gesichtern: „Alle Menschen, die im Saale sind, müssen bemerken, daß das Gericht nur eine Seite sehen will und alles dahin zusammenträgt.“ Und zum Gerichtshof: „Man will mich viel schlechter machen, als man selbst glaubt, daß ich bin. Man lügt! Und mein Verteidiger verachtet mich.“
Der Vorsitzende hatte die Hand erhoben. Der Dichter sah an ihm vorbei, lodernd zum klarblickenden Auge des Geschworenen:
„Gelogen wird in den Gerichtssälen! Am tatsächlichen Geschehen vorbeigesehen! Die Ursachen liegen tief. Man will sie nicht sehen. Man will nicht! . . . Weil man sonst erkennen müßte, daß man mitschuldig ist.“
Die zwei Gerichtsdiener an seinen Seiten drehten die Köpfe auf ihn zu, scharf ins Profil; ihre Augäpfel lagen in der Nasenecke. So blieben sie griffbereit stehen.
Auffallend ruhig sagte der Einäugige: „Ich sehe keinen Beweis dafür, daß dieser Mann den Lehrer wegen des Hundertmarkscheins getötet hat. Die Gründe, die er dafür angibt, erscheinen mir viel glaubhafter . . . Sie erscheinen mir jetzt glaubhaft.“
Der Vorsitzende unterbrach: „So etwas können Sie . . . nur im Geschworenenzimmer äußern.“
Scheinbar zu allen sprechend, sagte der Staatsanwalt zum Einäugigen — und Überzeugung pulste kräftig in seinen Worten: „Da könnte ja jeder Mensch mit Recht seinen Lehrer ermorden . . . jeder Sohn seinen Vater!“
Noch eine Sekunde lang hielt die neue Ansicht, die sich der Einäugige erst im Laufe der Verhandlung erkämpft hatte, der des Staatsanwaltes stand. Dann wurde sie von dessen schlagkräftigem Ausruf wieder zertrümmert.
Er senkte ratlos den Blick.
Der Vorsitzende sagte, plötzlich nachdenklich und ernst: „Können Sie selbst denn daran glauben, daß Sie Ihren Lehrer deshalb umgebracht haben, weil er Sie vor zweiundzwanzig Jahren . . . sagen wir: falsch behandelt hat? . . . Wirklich, wir können damit nichts anfangen.“
„Er allein ist ja nicht an meinem Unglück schuld“, sagte der Dichter unwillig.
„Und trotzdem haben Sie ihn umgebracht.“
Da reckte der Dichter plötzlich die gefesselten Hände senkrecht empor. „Der Dunst der Schulen, der falschen Erziehung, der Eltern, Frömmelei, der Lüge, des ganzen stinkenden europäischen Moralgeschwürs bildet furchtbar drohend das Wort ‚Ursache‘ weithin sichtbar am Himmel. Der europäische Mensch ist zum kranken, tückischen, reißenden Tier geworden. Gott, die Menschenliebe, die Güte, die Wahrheit zogen sich entsetzt zurück vor dem vom Wahnsinn gezeichneten europäischen Gesicht!“
Ein Geschworener beugte sich zu seinem Nebenmann. „Bei mir hat er sich oft Zigaretten gekauft . . . In meinem Eckladen.“
Der Vorsitzende betrachtete den Dichter sinnend.
Der ließ die Hände sinken, fiel zusammen und begann mit noch bebender Stimme: „Auf allen Wegen starren dem Menschen offen und versteckt Messerspitzen entgegen, denen er nicht ausweichen kann . . . Trotz aller Anstrengung konnte ich mich nie erinnern, was mir in dem Hohlweg widerfahren ist . . . Ich träumte öfters von einer Leiche, die in dem Hohlweg lag. Sie war schon ganz verwest. Ameisen krabbelten ihr in Augen und Ohren hinein, aus Mund und Nase heraus. Die Leiche lachte fürchterlich, weil die Ameisen sie kitzelten . . . Aber ich weiß bestimmt, daß keine Leiche im Hohlweg lag . . . Etwas Grauenhaftes muß mir da geschehen sein.“
Der Vorsitzende hatte den Dichter fortwährend grübelnd angesehen. Jetzt richtete er sich auf. Auch die Geschworenen bewegten sich.
„Mittagspause“, sagte der Vorsitzende unerwartet, stand auf. „Wir unterbrechen bis drei Uhr“, sagte er, mit der Uhr in der Hand.