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Die Ursache: Erzählung

Chapter 8: 7
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About This Book

A penniless poet returns to his hometown and, prompted by sudden urges and fragmented dreams, recovers a childhood school outing and a humiliating incident involving a teacher and a glass of milk. The narrative follows his obsessive recollections, mounting shame, and the gradual reconstruction of repressed memories that culminate in the murder of the former teacher and his subsequent confession. A judicial inquiry tries to weigh psychological causation against legal responsibility while the account explores how buried trauma, social humiliation, and small-town moral authority can deform memory and drive a person toward a desperate, violent act.

6

Die Zuschauer gebrauchten List und Ellenbogen, um schneller durch die Flügeltür hinaus auf den Gang zu kommen, den der Dichter passieren mußte.

Ein scharfes Witzwort fiel. Man lachte flüchtig, drängte energisch weiter. Und mauerte sich an den beiden Wänden entlang, vollkommen still geworden. Denn des Staatsanwaltes schwarze Robe erschien ganz unerwartet und bewegte sich feierlich durch die Menge.

Auf ihn zu kam, vom Treppenabsatz herunter, ein kleiner Referendar, mit einem Klemmer und Leberflecken im zerhauenen Gesicht. „Es hat sich noch ein Belastungszeuge gemeldet.“

„Ah! Wer? Wo ist er?“

„Eine Zeugin. Sie hat angegeben, daß der Schreinermeister, der seinem Sohne die Augen zuleimte, ihn in diesem Zustand auch bloßfüßig auf die heiße Herdplatte gestellt hat . . . Dann heizte der Meister tüchtig nach.“

„Also nichts Neues zum Fall Seiler.“

„Nein. Da kann man dir ja gratulieren. Sichere Sache!“

„Ein komplizierter Fall.“

Der kurzsichtige Kleine kroch in die Staatsanwaltsrobe hinein.

„Wieso? Ist es nicht ganz klar erwiesen, daß er es wegen dieses Hundertmarkscheins getan hat?“

Sie verschwanden, von allen Blicken verfolgt, in dem kalkweißen, menschenleeren Seitengang. Der Staatsanwalt sah auf den Kleinen hinunter, zum Fenster hinaus. „Das eben scheint mir jetzt sehr, sehr fraglich zu sein, nach allem . . . Eigentlich schon nicht mehr fraglich.“ „Nein, nein, verzeihe! Wirklich, so in der Eile kann ich dir das nicht erklären. Das Ganze ist zu . . . weißt du, zu . . . eigenartig.“

„Nämlich die eigene Frau des Schreinermeisters will gegen ihn zeugen. Interessant, wie?“

„Platz machen!“ rief der Polizist.

„Platz da! Platz!“ der auf der andern Seite.

Der Dichter wurde durchgeführt. Der Offizialverteidiger lief mit winzigen Schrittchen über ihn vor, wieder zurück und geriet so in Verwirrung, daß er beim Weitergehen die ungewohnte, lange Robe hob wie eine Frau den Rock.

Niemand lachte. Des Dichters Gesicht und Augen sahen erloschen aus.

Der Staatsanwalt trat vor ihm in die Fensternische zurück, sah ihm nach. „Gefährlicher Geist . . . Kompliziert die Sache.“

„Wirklich? Nicht wegen des Hundertmarkscheins getan?“

Der Staatsanwalt schüttelte energisch den Kopf.

„Ja . . . ja, aber wieso.“

„Schwer zu sagen.“ Er zog die Uhr, wollte sich verabschieden.

„Kann man ihn dann überhaupt nicht zum Tode verurteilen?“

„Kann ich dir nicht sagen, weil ich es selbst nicht weiß.“

„Das ist ja, das ist mir ja ganz neu . . . Und für morgen? Für diesen Schreinermeister hast du also alles beisammen?“

„Hab ich. Bis auf die neue Zeugin . . . Ich muß schnell heim. Hab Hunger. Guten Appetit.“

Die Menge flutete ausweichend um die beiden herum, machte den gekalkten Seitengang schwarz.

Der Verteidiger hatte keinen Appetit.

Er war in der Zelle beim Dichter, dessen Suppe aus verkochtem Brot, mit einer matten Haut überzogen, kalt geworden auf dem Klapptisch stand.

Der Dichter dachte darüber nach, weshalb er nicht das leiseste Verhältnis mehr zu seiner Mutter empfand. Auch sich selbst war er so gleichgültig geworden, daß er nur noch ein gedankliches Interesse daran hatte, sich diesen Zustand unkörperlicher Ruhe zu erklären. Es war ihm, als trenne ihn ein ungeheurer Luftzwischenraum von seinen bisherigen Gefühlen und der Mutter. Er lehnte reglos an der Fensterwand.

Der Verteidiger hatte die ganze Zelle für sich, lief schnell auf und ab. „Mein Rat ist . . . reden Sie nicht mehr von diesen Dingen da, von Kindern und so weiter. Das ärgert uns alle nur. Wahrhaftig, mich auch. Sie sagen: irgendwo auf der Welt liegt eine verweste Leiche in einem Hohlweg und Ameisen . . . Nun, und wenn schon?“ Er blieb stehen. „Nützt Ihnen das was? Nein . . . Weil kein Mensch mit einer lachenden Leiche was anfangen kann.“ Und lief weiter.

Der Dichter redete nichts, hob ein Notizzettelchen auf, das dem Verteidiger aus der Tasche gefallen war, und reichte es ihm.

„Danke.“ Er stopfte es in die Tasche zu den andern, holte noch einmal eine Faust voll Notizen hervor und stieß sie nervös wieder in die Tasche. „. . . Europäisches Geschwür! Wahnsinn! und was noch alles! Kranke, tückische Europäer, die sich zerfleischen . . . Nun und die Chinesen?“

Den Kopf schulterwärts geneigt, lauschte er bei der Tür, trat zum Dichter. „Wenn Sie eingestehen, daß Sie Ihrer Armut . . . dieses dummen Hundertmarkscheins wegen den Lehrer getötet haben . . . vielleicht, vielleicht kann Sie das retten, ich meine, vor dem Äußersten . . . Armut, Not, Elend und so weiter, arbeitslos. Lassen Sie mich nur machen!“

„Wegen des Hundertmarkscheins habe ich es aber nicht getan. Das weiß jetzt sogar der Staatsanwalt.“ Er ärgerte sich, weil er geredet hatte.

Der Verteidiger lauschte. „Also, denen im Gerichtssaal können Sie das ja weiszumachen versuchen, ist Ihr gutes Recht, obschon es nicht klug war . . . aber mir gegenüber ist das glatter Unsinn. Sie sagten sich — Geld ist Geld. Ich brauche welches . . . Glauben Sie denn, ich könnte das nicht verstehen?“

Schritte näherten sich. Der Verteidiger steckte schnell die Daumen in die Westentaschen und ging auf und ab, mit gleichgültigem Gesicht.

Der Schließer trat ein, nahm die Hand zur Mütze und meldete, daß er den Dichter in den Verhandlungssaal zurückbringen müsse.

„Ich weiß doch, was ich weiß“, sagte der Verteidiger noch.

 

Der Dichter stand wieder an seinem alten Platze vor der Anklagebank und hatte den Eindruck, außer ihm sei kein Mensch fortgewesen.

Frisches Interesse kam in die Augen der Geschworenen und Zuschauer, nachdem der Vorsitzende den Gerichtspsychiater gebeten hatte, seine Meinung zu äußern.

„Wesentliches“, begann er, in bescheidener, korrekter Haltung, „habe ich meinem schriftlichen Gutachten nicht hinzuzufügen.“

Nur der Einäugige bemerkte, daß bei diesen Worten die Angstspannung das Gesicht des Staatsanwaltes verließ.

„Daß der Angeklagte versuchen werde, den Prozeß auf . . . auf phantastisch-intellektuelles Gebiet hinüberzuleiten, war vorauszusehen, insofern das, wie ich bei mehrfacher Untersuchung und während längerer Beobachtung erkennen konnte, seinen psychischen Anlagen und vor allem dem Drange entspricht, durch kümmerlich motivierte Behauptungen vom Kernpunkte der Tat abzulenken . . . So versicherte er mir zum Beispiel, daß neunundneunzig Prozent aller Menschen irrsinnig und nur die sogenannten weltfremden oder verrückten normal seien . . . Die moderne psychiatrische Wissenschaft steckt jedoch beileibe nicht mehr derart in den Kinderschuhen, daß es dem zu Beobachtenden durch x-beliebige wirre Aussprüche gelingen könnte, den untersuchenden Arzt zu täuschen. Es gibt im Gegenteil heute schon nahezu mathematisch genaue Stützpunkte, von denen aus der Arzt mit relativ großer Sicherheit das wahre Seelenbild des Kranken nachzuzeichnen vermag.“

Der stumme Kampf zwischen dem Vorsitzenden, der den Doktor die momentane Entwicklungsstufe der modernen psychiatrischen Wissenschaft nicht darstellen lassen wollte, und dem Staatsanwalt, der durch Unterbrechung etwas zu verlieren fürchtete, wurde von dem darauf aufmerksam gewordenen Psychiater bereitwillig beendet.

„Der Großvater des Angeklagten war ein Müllerbursche, der eine sonderbare Leidenschaft für Musik hatte, nämlich viele Jahre lang regelmäßig seinen Wochenlohn mit Zigeunern verjubelte, die ihm aufspielen mußten. Er wurde deshalb der wilde Beethoven genannt. Soll ihm auch zum Verwechseln ähnlich gesehen haben. Er, sowie auch des Angeklagten Schwester, haben Selbstmord begangen, aus Motiven, die nicht klar festgestellt werden konnten . . . Wenn auch des Angeklagten Eltern soweit gesund sind, muß somit doch angenommen werden, daß er etwas erblich belastet ist.“

„Während der Herr Psychiater sein Gutachten abgibt, darf er, wenn irgend möglich, nicht unterbrochen werden“, sagte der Vorsitzende ruhig zum Staatsanwalt, der sprechbereit aufgestanden war.

„Jahrelange Unterernährung und seine lebenslangen Anstrengungen, sich bei nur Volksschulbildung geistigen Besitz zu erwerben, haben des Angeklagten Nervenkraft ruiniert und damitdie so nötigen staatsbürgerlichen moralischen und sittlichen Hemmungen beseitigt.“

Der Dichter sah den Psychiater groß und still an, als der fortfuhr: „So daß gewisse Anzeichen einer geistigen Erkrankung — der dementia praecox — ins Bild passen.“

„Was ist das?“ fragte der Zigarettenhändler den neben ihm sitzenden Geschworenen.

Der wußte es auch nicht.

Der Psychiater kam ihnen zu Hilfe: „Es handelt sich um eine beginnende leichte Verblödung . . . Das Ganze spricht aber höchstens für eine moralische Minderwertigkeit, die Verantwortung nicht ausschließt.“

Der Staatsanwalt rückte seine Mappe gerade, sah auf. „Nach Ihrer Anschauung ist der Angeklagte also voll und ganz für seine Tat verantwortlich zu machen.“

Und der Dichter sagte, plötzlich gereizt: „Nach meiner Anschauung ist Ihre moderne Psychiatrie eine seelische Hochstapelei, die mit exakter Wissenschaft ganz und gar nichts gemein hat.“

Der Vorsitzende wies ihn streng zurecht.

Und der Arzt antwortete dem Staatsanwalt: „Da es sich beim Angeklagten um einen ausgesprochenen Grenzfall handelt, kann ich mich nicht entscheiden, ob infolge seiner vererbten und erworbenen Anlagen mildernde Umstände in Frage kommen dürften. Doch würde ich, gesetzt, ich müßte mich entscheiden, eher Nein sagen als Ja.“ Er verbeugte sich.

Und der Verteidiger rief in das durch Stellungwechseln der Zuschauer verursachte Geräusch hinein mit verzweifelt dünner Stimme: „Zuerst sagen Sie, Sie können sich nicht entscheiden, und dann entscheiden Sie sich doch! Das kann jeder! Ich auch.“

Worauf der Psychiater ein Gesicht machte wie ein Mensch, der ans Verfolgtwerden gewöhnt ist.

 

Kurz und scharf ließ der Staatsanwalt in seiner Schlußrede den Gang der Verhandlung noch einmal aufhellen, streifte öfters mit einem Blick seine Frau, die ein helles Frühlingskleid von unbestimmter Farbe trug, eine große, weinrote Schleife seitwärts am Halse, und die Atmosphäre von Jugend und Gepflegtsein um sich verbreitete.

Beim Erwähnen der Not und der ständigen Geldlosigkeit wurde seine Stimme milder, wieder laut und bestimmt bei der Arbeitsscheu und den Beziehungen zum Straßenmädchen, und als er das Auffinden des erwürgten Lehrers vor der durchwühlten Schreibtischlade und des geraubten Geldes beim Dichter in einem gut gebauten, effektvoll gesteigerten Satz zusammengefaßt hatte, wirkte die ruhige Selbstverständlichkeit seines Tonfalls sehr überzeugend bei der Schlußbitte, die Schuldfrage nach vorsätzlichem, überlegtem Raubmord zu bejahen.

Während der Worte des Staatsanwalts, der Dichter habe moralisch zwei Menschenleben auf dem Gewissen — denn die treue Haushälterin des Lehrers sei vor Schreck erkrankt und gestorben —, hatte der Offizialverteidiger das Monokel abgenommen.

An diesem Ausspruch klammerte er sich an bei seinem Verteidigungsversuch, behauptete, man könne nicht ohne weiteres annehmen, daß dem Dichter auch noch die Schuld am Tode der Haushälterin beizumessen sei, wurde sehr erregt und fand das Monokel nicht. Nervös setzte er seinen Zwicker auf und durchblätterte eine Zeitung:

„Ich muß erklären, daß er gearbeitet hat. In der heutigen Nummer ist sogar etwas von ihm abgedruckt. Ist denn Dichten keine Arbeit? . . . Hier!“

In seiner Ratlosigkeit las er vor:

„Wenn ich gestorben bin,

Wird mein Kind an einem sonnigen

Gartenzaun entlang streifen, sich niedersetzen,

Gefühlvoll und klug

Die Welt betrachten:

Die Ritzen zwischen den Steinen,

Käfer, die auf den Dolden sitzen.

Große Last wartet auf dich,

Mein Kind,

Und Weinen.

Du mußt es tragen

Wie alle.

Möge die gute Besitzerin des Gartens

Meinem Kind

Durch die Stäbe

Eine Hand voll Pflaumen reichen!“

Noch eine Weile blieb es still im Saal. Der Verteidiger sah erstaunt auf, öffnete den Mund, schloß ihn wieder. „Aber ist denn das nicht schön?“

Der Staatsanwalt ging bei seiner Entgegnung auf ihn nicht ein, hob noch einmal hervor, daß der Dichter der unliebsamen Zeugen wegen nach Berlin zurückgefahren sei, gleich in der folgenden Nacht wieder in die Heimatstadt. „Ungesehen schlich er diesmal durch die noch dunklen Gassen zum Lehrerhaus . . . Bei der ausgezeichneten Intelligenz des Angeklagten, der sogar durch seine phantastisch-theoretischen Abschweifungen einen dünnen Faden Logik ziehen konnte, kann dieses Vorgehen nur als planvolle Überlegung gedeutet werden. Darüber, daß der Angeklagte seinen Lehrer, dessen ganzes Leben wirklich nichts als Mühe und Arbeit war, deshalb ermordete, weil dieser ihm vor zweiundzwanzig Jahren ein Glas Milch verweigert hat, will ich wirklich nicht sprechen.“ Er sah mit einem ruhigen Blick an der nickenden Geschworenenreihe entlang und schloß:

„Mit ausschlaggebend für Ihren gerechten Wahrspruch muß das scharf hervortretende Motiv sein, daß der Angeklagte seinen alten Lehrer, der ihn fürs Leben vorbereitete, wegen einer Geldsumme, wegen eines Hundertmarkscheines ermordet hat.“

Er glaubt es nicht und sagt es doch, dachte der Dichter.

„Ich sage es aus meiner tiefsten Überzeugung heraus . . . er hat es nicht wegen dieses dummen Hundertmarkscheins getan!“ rief der Verteidiger heftig.

‚Und der glaubt das nicht und sagt es doch.‘

Der Vorsitzende wippte sich nach vorn, schlug die Aktenmappe zu, sah den Dichter an. „Wollen Sie noch etwas sagen . . .? Wenn Sie noch etwas sagen wollen . . .“

An Stelle des Dichters schien ein fremder Mann zu sprechen. Sein Gesicht war alt und klar. „Wenn ich noch von mir und im Sinne des Staatsanwaltes sprechen wollte, würde ich sagen: er schiebt mir ein falsches Motiv unter. Ich weiß aber, daß es ein Motiv in diesem Sinne gar nicht gibt. Denn für den Menschen besteht ein Motiv nicht so wie für den Hund, der eine Wurst stiehlt, weil er Hunger hat; sondern für ihn ist das Motiv — der Impuls — ein Glied der eisernen Ursachenkette seines ganzen Lebens . . . Deshalb ist nur allein derjenige gerecht, der nicht nach den an der Oberfläche liegenden Motiven urteilt, sondern die Ursachen zu den Motiven sucht und dann verurteilt . . . wenn er es dann noch kann.“

Der Vorsitzende sagte gütig: „Sehen Sie, es liegt nicht in Ihrem Interesse, jetzt noch so ins Allgemeine abzuschweifen . . . Sie sollten nur an sich denken.“

„Für mich habe ich kein Interesse mehr“, sagte der Dichter, mit aus weiter Ferne kommender, vom Wind gereinigter Stimme. „Für mich halte ich meine Verteidigungsrede nicht.“

Die Sätze folgten einander pausenlos und immer schneller.

„Wie denn! Andere zu verteidigen, haben Sie keinen Grund.“

„Dieser Meinung bin ich nicht.“

„Das bleibt Ihnen überlassen. Aber Abschweifungen möchte ich Ihnen nicht erlauben.“

„Was Sie so nennen, ist kein Abschweifen. Ich habe noch etwas zu sagen.“

„Nun?“

„Ich sage, daß allen Menschen die Ursachen des Verbrechens ins Gehirn geschleudert werden, in einem Alter, in dem sie sich noch nicht dagegen wehren können, solange sie Kinder und einer eigenen gedanklichen Kritik noch nicht fähig sind . . . So werden die Menschen schuldig, ohne schuldig zu sein.“

„Alle Menschen sind sich doch aber darüber einig, daß die Kindheit die schönste Zeit ihres Lebens war“, sagte der vollblütige Geschworene.

Der Vorsitzende: „Ich kann Sie wirklich nicht mehr in dieser Weise weitersprechen lassen.“

Und leidenschaftlich der Dichter: „Wo soll ich denn die mit meinem Leben erkaufte Einsicht noch äußern, wenn nicht hier in diesem Saale?“ Seine Ruhe war Erregung gewichen.

Ein von Mann zu Mann weitergegebener Blick halben Zugestehens ließ den Vorsitzenden sich noch einmal zurücklehnen.

Und während hinten die Zeitungsberichterstatter stenographierten für die wartenden Schnellpressen, sprach der Dichter:

„Die Erlebnisse — die ersten Ursachen zu späteren Verbrechen — erscheinen nur den Erwachsenen klein. Das Kind empfindet sie riesenhaft groß, wird furchtbar getroffen und erschüttert. Denn sein ihm angeborener, unbedingter Glaube an das Leben . . ., seine Naivität bekommt die erste Wunde. Das macht das Kind unsicher und empfänglich für neue Verbrechensursachen, an denen es, noch unverwundet, vielleicht vorbeigegangen wäre . . . Ich habe das an mir erfahren.“

Immer noch freundlich, bemerkte der Vorsitzende, hier sei doch nicht von Kindern die Rede.

„Natürlich von Kindern!“

„Aber nein doch! Von Ihnen.“

Der Dichter sagte hartnäckig: „Von Kindern!“

Der Vorsitzende sah die Geschworenen an, als wolle er sagen: hören wir diesem wunderlichen, armen Menschen halt noch eine Weile zu, und lehnte sich zurück. „Bitte!“

„Die falsch und böse behandelten Kinder erleben große Qualen, plötzliche Schrecken . . . und werden doch nicht irrsinnig, wie mancher erwachsene Mensch, wenn ihn ein Unglück unvermittelt trifft . . . Die Natur pariert hier den Stoß . . . sie läßt das Kind vergessen. Sonst gäbe es mehr irrsinnige Kinder als irrsinnige Erwachsene. In allen Städten würden ganze Straßenzüge Kinderirrenhäuser sein.“

„Was wollen Sie eigentlich! . . . Kinderirrenhäuser?“ „Das sage ich . . . Aber nichts bleibt ohne Wirkung. Furchtbar ist das Vergessen. Denn alle bösen Erlebnisse leben, ohne daß es das Kind weiß, in ihm weiter, werden mit ihm groß, bestimmen alle seine Handlungen . . . Wenn ich nicht vergessen hätte, was mir in dem Hohlweg geschehen ist, würde ich vielleicht ein ganz anderer Mensch geworden sein.“

Der Verteidiger schüttelte mißbilligend den Kopf.

„Also, Sie wissen doch, daß es bei mir steht, Ihnen das Wort zu geben und zu nehmen . . . Sie müssen zusehen und nicht mehr von diesen Dingen sprechen.“

In versteinerter Hartnäckigkeit tastete er seinem Gedankengange nach, zog suchend das Gesicht in Falten, daß sich die Augen fast ganz schlossen, sprach sehr langsam: „Diese den Menschen klein scheinenden Ursachen wachsen mit den Menschen, werden eigenmächtig . . . werden eigenmächtig, und zu der Zeit, da das von ihnen . . . besessene Kind anfängt, kritisch zu erleben, ist es schon vollkommen den Ursachen zum Bösen ausgeliefert . . . Das gilt für jeden. Daher kommt es auch, daß fast alle Menschen im Traume die schwersten Verbrechen begehen. Was jeder einzelne — Christus, das junge, unschuldige Mädchen, die großen Dichter, meine Richter und Sie, Herr Staatsanwalt, — schon an sich erfahren haben. Diese Menschen begehen Verbrechen deshalb nur im Traume, weil günstige Erlebnisse, welche die Kraft der Reinigung besaßen, sich ihnen zufällig in den Weg gestellt haben oder weil sie selbst die große Kraft der Güte, die innere Kraft zur Reinigung in sich tragen, oder aber wie Sie, meine Herren Richter und Ankläger, durch machtverleihende Klassenprivilegien vor den zahllosen Ungeheuern, die den Armen treffen, geschützt sind. Ihr eigenes Verdienst ist es nicht, daß — Sie die Richter sind und ich der Mörder . . . Es könnte schrecklich leicht umgekehrt sein.“

Der Staatsanwalt machte eine unwillige Kopfbewegung, seine Frau sah ihn erschrocken an, und der Vorsitzende rief aufgebracht: „Haben Sie noch etwas zur Sache vorzubringen?“

Ohne daß er es rügte, verstärkte sich das Geräusch der unaufmerksam gewordenen Zuschauer. Ein rotbäckiger junger Mann, der neben der Frau des Staatsanwaltes in der ersten Bankreihe saß, antwortete seinem Nachbar: „Nein, in die Kreissäge bin ich gekommen. Drei Finger hats mir weggerissen . . . mitsamt dem Daumen“, und zeigte seine verbundene Hand. Sie roch stark nach Karbol.

„Ein schönes Unglück!“

„Im Gegenteil, ich bin froh . . . Jetzt bekomme ich, solange ich lebe, drei Mark monatlich Unfallversicherung.“

„Und die Hand?“

„. . . Aber alle die Unglücklichen, welche infolge größerer Empfindsamkeit, Empfänglichkeit und übergroßer Armut tiefer infiziert sind und vom Schicksal keine heilenden Erlebnisse geschenkt bekommen haben, werden als willenlose Werkzeuge der eigenwilligen Ursachen zum Bösen . . . dem Leben ausgeliefert. Da müssen sie nun für Handlungen einstehen, die sie gar nicht selbst tun. Denn der Mensch ist nur der Hammer, die Ursache aber die Faust, die den Hammer schwingt . . . und ihn manchmal auf den Schädel eines Nebenmenschen niedersausen läßt.“

Gellend rief er: „Fast alle Verbrechen werden von der falschen Erziehung, der verlogenen Moral, den unsittlichen sozialen Verhältnissen verursacht. Alle Seelen sind verwundet. Die ganze Welt riecht nach Karbol! . . . Man muß daran arbeiten, daß die Ursachen der Verbrechen beseitigt werden; denn sonst wird weiter eingesperrt, geköpft, noch in hunderttausend Jahren.“ Der Satz blieb in der Luft stehen. Alle lasen ihn.

Und der Dichter fragte in maßlosem Staunen: „Sind denn die Menschen dazu da?“

Geschworene schüttelten begriffsstutzig den Kopf. Der Vorsitzende legte seine Uhr entschlossen vor sich hin.

Der Dichter sagte: „Ich kenne einen Irrsinnigen, der reist seit Jahren in der ganzen Welt umher — nach Odessa, Rom — und sucht sich selbst. Den haben die Ursachen so in der Gewalt, daß er sich — sein wirkliches Wesen — ganz verloren hat . . . Jetzt sucht er sich selbst, sein Leben lang. Das gilt für uns alle. Keiner ist, wie er ist . . . Einem verderbenbringenden Wasserwirbel, trichterförmig, riesengroß, gleichen die sozialen Verhältnisse. Oben fahren die Repräsentanten, die Stützen der Gesellschaft im großen Kreise geschützt und gleichmütig langsam die Bahn ihres Lebens ab.“

„In Klubsesseln“, ertönte es von ganz hinten aus dem Zuschauerraum.

Das Gelächter brach jäh ab, als der Vorsitzende„Ruhe!“ brüllte, und zum Dichter: „Jetzt ists genug!“

Es war vollkommen still geworden. „Man sieht sie Importen rauchen“, sagte noch jemand nachträglich.

Der Kontakt war hergestellt zwischen dem Publikum und seinem Sprecher.

Der sah nicht mehr gefesselt aus, stand groß und kalt im Saal, sprach hart. „Aber unten wird der Trichter eng, immer enger, und das Wasser rast im Kreis! Unten werden die Menschen herumgewirbelt, gegeneinander geschleudert. Eine ungeheure Reibung findet statt — der furchtbare Kampf ums nackte, nackte Leben! . . . Die falsche Moral, einem unaufhörlich quellenden, giftigen Nebel gleich, erfüllt den Trichter, verwirrt die Seelen, verdeckt die natürlichen Wege. Millionen zwingt man, die Armut da unten zu ertragen, im Elend zu verblöden und unterzugehen! Andere Millionen Unglückliche drängen hinauf, wo die Kreise groß sind, wo das Leben ist. Aber die Oberen und der Rhythmus des furchtbaren Wirbels drücken nach unten. Und dieser Wunden schlagende Rhythmus der sozialen Verhältnisse ist nur durch Verbrechen zu unterbrechen . . . Dann wird verurteilt und geköpft.“

„Aber das ist ja krasseste Phantasie. Das anzuhören, haben wir nicht die Zeit.“

Da rief der Dichter, plötzlich wieder flammend: „Mein Leben ist verloren, diese fünf Minuten sollen mein sein.“

Die Köpfe der zwei Gerichtsdiener zuckten scharf ins Profil, auf ihn zu.

Ein dunkler Tumult hatte sich im Zuschauerraum erhoben; die scharfe Stimme des Vorsitzenden ging darin unter. Er wollte schon den Befehl geben, den Saal zu räumen.

„Eines Tages“, sagte der Dichter, und es wurde ganz still, „. . . stoßen die in diesem Wirbel empfangenen Ursachen einen Strahl Gift ab . . . und dies, nur dies ist des Menschen Motiv zum Verbrechen, zum Mord. Denn ich sage Ihnen: das Motiv ist nur das vorletzte und die Tat nur das letzte Glied der Ursachenkette.“ Seine Stimme wurde tonlos:

„Schuld? . . . So ist der Mensch geworden, weil sein Vater so war, seine ganze Umgebung: verwirrt, arm, gedemütigt, verwundet und deshalb böse. Schuld ist das ganze Menschengeschlecht. Am Einzelnen bricht die Schuld aller nur aus!“

„Deshalb rufe ich euch an, ich rufe euch alle an, ich schreibe euch mitten ins Herz hinein: verachtet fernerhin nicht die, so in Zuchthäusern ihr Leben verbringen müssen oder unterm Richtbeil sterben. Sie leiden und sterben für euch, durch euer aller Schuld.“

„Und Sie, Herr Staatsanwalt, Ankläger und deshalb Schuldigster dieser Welt! selbst Sie sind so unschuldig wie jene, denn auch Sie wurden den Ursachen ausgeliefert, die Sie zum Staatsanwalt, die Sie schuldig machten.“

„Ja, ich bin fertig.“ Runde Flecken brannten auf seinen Backenknochen.

 

Im Geschworenenzimmer hing ein Christus und sah schmerzlich auf die zwölf hinunter.

Der vollblütige Obmann war ein Färbereibesitzer, ein schwerer Herr, fast ohne Hals; entsprechend klang seine Stimme: „Dem kann wohl kein Gott mehr helfen.“ Vorsichtig näherte er seiner Nase eine blaue Emaildose und mußte die Augen schließen vor dem starken Duft. Dann atmete er auf. Es roch nach Staub im Zimmer.

Der Einäugige hatte seine Ruhe vollkommen verloren. Alle saßen. Nur er lief im Zimmer schnell auf und ab.

„Da ist nichts wegzudeuteln“, antwortete der Nachbar dem Obmann, der wieder die Dose seiner Nase näherte. Feierliche Verlegenheit der neuartigen Situation gegenüber ließ das Schweigen fortbestehen.

Da fielen ein paar Stichworte. Und die Geschworenen begannen angeregt die Hauptpunkte noch einmal durchzusprechen.

Mitten hinein sagte der Zigarettenhändler plötzlich:

„So ein ruhiger, bescheidener Mensch. Bei mir hat er sich oft seine billigen Zigaretten gekauft. Ist auch manchmal schuldig geblieben. Ganz schüchtern . . . Und jetzt so was.“

„Ja“, sagten nacheinander einige sinnend. Dann schwiegen wieder alle.

Ein Alter stand auf, öffnete das Fenster der Sonne, setzte sich sofort wieder auf den steifen Stuhl, und hinter seinem kahlen Kopfe breitete der unbewegliche Adler an der Lehne wieder die hölzernen Flügel aus. „Einen Menschen ermorden,“ sagte der Kahle, „hundert Mark rauben und einen Teil davon nach der Tat an jemand senden — auch dieses Moment spricht . . . psychologisch betrachtet, glatt dafür, daß die ganze Sache lange vorher überlegt war . . . Sofort nach der Tat, nota bene!“

Man nickte. Der Zigarrenhändler sagte etwas. Und auf Befragen des Obmanns hin wiederholte er: „So ein schüchterner Mensch!“

Der Einäugige sagte: „Die Sache stimmt nicht“, und lief gleich wieder weiter umher, unruhig wie ein Mann, der sich großer Verantwortung bewußt ist, aus der Berufstätigkeit herausgerissen und plötzlich vor eine Sache gestellt wurde, die er nicht übersieht. „Man brauchte Zeit . . . viel Zeit.“

Alle blickten interessiert, der kahle Psychologieprofessor erstaunt auf ihn.

Der Einäugige sagte noch einmal: „Vorher überlegt? Lange vorher? . . . Nein.“

Da fügten die anderen den Beweis dafür, daß es kein Affektmord sei, schnell und eindeutig zusammen.

„Davon ist nichts wegzudeuteln“, schloß der Kahle bestimmt, zuckte bedauernd die Schultern, sah den Einäugigen fest an.

Der rief: „Das ist es ja. Weiß der Teufel! Aber noch keine fünf Minuten lagen zwischen Affekt und Tat.“

„Ja, will ich schon erklären. Man muß diesem . . . Dichter doch glauben, daß er gegen seinen Lehrer etwas hatte. Pardon, ihn hat dieses Jugenderlebnis eben angegriffen. So etwas gibts. Einen anderen hätte es vielleicht kalt gelassen. Auf jeden Fall kann man das ebenso annehmen wie das Geldmotiv . . . glaube ich. Sitzt er bei seinem Lehrer in der Stube . . . kommen die zwei Schüler — die Geschichte kennen Sie ja —, er muß die Prügelei mit ansehen.“ Der Einäugige lief beim Sprechen fortwährend umher; die Blicke der Geschworenen folgten ihm von Ecke zu Ecke. „Und diese Szene, kann man schon glauben, erregte seinen Haß. Wenn . . . jetzt die Sache vor sich gegangen wäre . . . sofort, dann hätten wir einen Affektmord.“

Erstaunt sahen die Geschworenen den Einäugigen an, weil er sich an die Stirn schlug.

„Aber dieser Mensch, ich möchte sagen . . . sammelt seinen Zorn, hält dem Lehrer erst noch den bewußten Schulausflug vor und bringt ihn dann erst um. Also überlegt. Überlegt! . . . Daran ist vielleicht nur seine verfluchte Blutarmut schuld.“

„Bitte, gewiß. Ich, als Arzt, weiß das. Ein vollblütiger Mensch greift gewöhnlich zu im Affekt. Zu viel Kopf, Gedanken. Weiß der Teufel . . . zu viel Überlegung!“

Der Obmann sagte: „Also auch in diesem Falle wäre es kein Affektmord. Das meinen Sie doch, wie?“ Alle stimmten ihm bei.

Widerstrebend auch der Einäugige. „Wenn er es auch nicht wegen des Geldes getan hat . . . Mord bleibt Mord. Irrsinnig ist er nicht.“

Der kahle Psychologieprofessor wandte sich von jetzt ab achtungsvoll fast nur an den Einäugigen.

Der lief umher, die Hände auf dem Rücken. „Hätte er nur ein viertel Pfund Blut mehr in seinem ausgemergelten Körper gehabt, dann bekäme er ein paar Jahre und hätte Zeit, sich über seine Ursachentheorie klar zu werden.“ Er sah den Obmann an: „Jetzt — Kopf. Ich sehe keine andere . . . gesetzliche Möglichkeit. Ich sehe keine. Sehe keine!“ und lief weiter.

Niemand wußte etwas zu sagen.

„Wissen Sie denn auch, mit wem Sie gefahren sind?“ unterbrach ein gedankenabwesender Geschworener das Schweigen. Er war viel jünger als alle anderen. Sie sahen ihn verständnislos an.

Er errötete, lächelte ein wenig und erzählte eine Geschichte. Damals sei er noch Reisender gewesen in seiner Branche. „Da mußte ich meine Touren meistens zu Fuß machen.“

Unwillkürlich hörten sie ihm zu. Der Einäugige lief mit gesenktem Kopf umher.

„Da holte mich ein sonderbarer, ein ganz sonderbarer Wagen — schon mehr ein Karren — auf der Landstraße ein. Ich war müde, dunkel wurde es auch schon. Kurz und gut, der Fuhrmann ließ mich aufsitzen. Der pfiff manchmal, leise und unheimlich, und kitzelte dabei sein schwarzes Pferdchen mit dem Peitschenstiel beim Nacken. Nun, vor der Stadt stieg ich ab . . . ‚Wissen Sie denn auch, mit wem Sie gefahren sind?‘ fragt er mich.

‚Ich bin der Scharfrichter.‘

Ich sage Ihnen, meine Herren . . .“

„Hätte er es gleich getan, im ersten Zorn . . . Zu wenig Blut“, unterbrach der Einäugige.

Der junge Geschworene war beleidigt. „. . . Da brauchte er ja nur ein ganz anderer Mensch zu sein, dann würde er jetzt vielleicht in einem . . . in einem Postbureau sitzen und gar nicht daran denken, einen Menschen umzubringen.“

Einige lächelten. Der kahle Psychologieprofessor nicht. Auch die anderen wurden gleich wieder ernst und fühlten momentan einen schwereren Druck in der Brust. Der junge Geschworene saß vorgebeugt, sagte langsam: „Es ist wirklich nicht leicht.“ Und als er sich seufzend aufrichtete, setzten sich auch die anderen gerader.

„Dann säße er vielleicht in einem Bureau . . . wenn er ein anderer Mensch wäre, wenn er . . . in anderen Verhältnissen aufgewachsen wäre, wie zum Beispiel . . . wir.“ Der Einäugige blieb zum ersten Male stehen, an der Stirnseite des Tisches, gegenüber dem Obmann. „Der . . . der Dichter meint, er sei so geworden, wie er ist, wegen dieser Ursachen. Sei ihnen gegenüber ganz machtlos . . . also schuldlos.“

Der Obmann sagte: „Auf dieses Thema sollten wir . . . sollen wir uns denn darauf einlassen? Verzeihung, was meinen die Herren?“ schloß er ängstlich.

„Kaum! Unmöglich!“ wurde gerufen. Die meisten machten empörte Gesichter. Einer rief wütend: „Das Ganze ist ja Unsinn“, und sah sich erschrocken um, weil er wütend geworden war.

Der Psychologieprofessor blickte, die Hand am Kinn, nachdenklich über den Christus weg zur Decke. „Da könnte ja wirklich jeder Mensch jeden Menschen umbringen . . ., der Herr Staatsanwalt hat recht.“

„Natürlich, das ist Unsinn . . . diese Ursachen“, sagte der Zigarettenhändler, ließ aber seine Unterlippe unzufrieden hängen. „Er war so ein einfacher Mensch, nett eigentlich.“

Der junge Geschworene wiederholte: „Unmöglich, die haben mit dem praktischen Leben nichts zu schaffen. Nicht wahr?“

Aber der Einäugige sprach schon. „Diese Ursachen bestehen ja . . . im Groben. Nur hat seine Theorie einen Riß: ein Vater hat zwei Söhne, beide haben eine vollkommen gleiche Erziehung. Und doch wird der eine ein brauchbarer Mensch — Landpfarrer etwa —, der andere ein bösartiger Verbrecher.“

Die Stimme des Einäugigen wurde eindringlich, hartnäckig; es schien, als wolle er sich selbst von etwas überzeugen, gegen seine innere Stimme: „Der Urquell des Bösen ist nicht in Erlebnissen zu suchen, sondern in der Natur. Die Natur selbst ist bös und gut. Und die Quelle, die Urquelle des Bösen und Guten — des Moralischen — liegt hinter dem Kreise des vom Menschen Erkennbaren . . . Kain und Abel.“

Das hatte er wie im Selbstgespräch gesagt. Durch ein Stuhlrücken wurde er erschreckt, sah verstört die Geschworenen an. Da kehrte die Hartnäckigkeit in sein Gesicht zurück. „Weshalb die Quelle des Bösen — dieses unerforschbar Mystischen im Leben — gerade diesen und diesen und jenen Menschen schuldig werden läßt, werden wir nie wissen. Aber verantworten muß sich der Schuldige den Mitmenschen gegenüber, die sich schützen müssen, so gut sie können. Die Welt ist unvollkommen . . . Wer die Ursachen des Bösen in der bestehenden Ordnung sucht und sieht, kann nicht anklagen, nicht verurteilen.“ Etwas Ungelöstes blieb in seinem Gesicht zurück.

Der Psychologieprofessor sagte zu ihm: „Die Theorie des Angeklagten bedeutet offenbar nichts anderes als Revolution. Der Himmel behüte uns vor Verantwortungslosigkeit.“ Er wartete darauf, was der Einäugige dazu sagen würde, und sah ihm erstaunt ins weiß gewordene Gesicht, sah, wie die Röte zurückkehrte und es im Gesicht zu arbeiten begann.

„Sich Geld geben lassen . . . von einer Prostituierten! Da hört doch eigentlich alles auf“, sagte der junge Geschworene. „Sie heiraten wollen!“

Alle schwiegen, beobachteten jede Bewegung des Einäugigen und unausgesetzt forschend sein Gesicht.

Der Akt der einstimmigen Verurteilung des Dichters zum Tode ging fast ohne Worte vor sich.

Auch der Zigarettenhändler sah den Einäugigen dabei an, die Unterlippe mürrisch nach außen gerollt, und nachdem der mit hastigem Entschlusse für Mord gestimmt hatte, tat er es ebenfalls, worauf sein Mund sich zufrieden schloß.

Als die Männer sich schon erhoben hatten, sagte der Kahle noch zum Einäugigen: „Diese Theorie der vergessenen Kindheitserlebnisse ist eine erst vor wenigen Jahren aufgekommene neue Richtung. Modernste Seelenanalyse. Ungreifbar wie Luft, verstehen Sie, nach allen Seiten hin zu drehen. Wir Psychologen der alten Schule wissen wenigstens das eine, daß wir nicht viel wissen; aber diese Neuen glauben auf einmal, alles zu wissen. Und das ist die große Gefahr. Große Gefahr. Wo diese Theorie mit der Praxis zusammentrifft . . ., gibts immer ein Unglück.“ Seine Hand zuckte zurück in die Hüfte.

Schnell faßte er den verstörten Einäugigen beim Ärmel. „Ganz privat, als Psychologe, möchte ich Ihnen eine Frage vorlegen . . . Glauben Sie nicht, daß der Angeklagte mit der ganzen Intensität seines Wesens sich vielleicht diese neue Theorie nur deshalb zu eigen gemacht hat . . . nachträglich, weil nach seiner Meinung nur sie noch die einzige entfernte Möglichkeit barg, für das Verbrechen nicht verantwortlich gemacht zu werden?“

Die Geschworenen waren schon durch die Flügeltür gegangen.

Der Kahle bekam keine Antwort und lief den anderen schnell nach.

Zögernd betrat der Einäugige als Letzter den Saal.

7

Der Dichter wartete auf die Revision.

Muskellos hatte er nach der Verhandlung den Saal verlassen, sich in der Zelle auf die Pritsche gesetzt, langsam, gestorben. Die Schritte des Wärters verhallten.

Da glimmte im Dunkel einer ungeheuren Ferne ein Lichtchen auf, zog als immer riesenhafter werdende Flamme auf ihn zu. Und der Dichter wurde wieder lebendig, brach los von der Pritsche, stand. „Da wird alles anders kommen, bei der Revision“, rief er, sprach weiter, erregt und begeistert mit den Händen mit, dachte alles herbei und schritt dazu schnell vom Fenster zur Tür, hin, her.

Oft stand er mit einem Ruck. Die Augen halb geschlossen, umfaßte er einen Punkt des kommenden Revisionsprozesses, lief weiter, unaufhörlich. Tagelang.

Nur in seinen Träumen wurde das Urteil entsetzlich an ihm vollstreckt. In den folgenden Nächten wieder. In einer Nacht siebzehnmal; dabei sah er auf dem Dache des Justizgebäudes als Lichttransparent das Wort „Training“ verlöschen — aufleuchten.

Sofort nach dem Erwachen fuhr er in die Sträflingskleider. Und rannte beschäftigt und ausgefüllt auf und ab.

Kam ihm, wenn er eben fensterwärts schritt, von der Tür her der Gedanke in den Rücken, in Wirklichkeit hingerichtet zu werden, befand er sich augenblicklich mitten im Revisionsprozeß. Und verteidigte sich glänzend, siegte, und der Vorsitzende rief erstaunt: Weshalb haben Sie das denn nicht schon das erste Mal gesagt? Wenn die Sache so liegt, ja dann — — —. Der Dichter war nachsichtig zu den Richtern, erklärte ihnen alles.

Aber als der Verteidiger eintrat, wagte der Dichter nicht, ihn zu fragen.

Er fragte ihn noch immer nicht.

„Wie zu erwarten war, wurde die Revision verworfen.“ Der Verteidiger sagte auch noch: „Es tut mir leid.“

„So?“ sagte der Dichter.

„So?“ sagte er, nachdem der Verteidiger schon gegangen war, und zuckte dabei mit dem Kopf nach vorne.

Entkräftet saß er auf der Pritsche. „Das glaube ich nicht“, sagte er und zog den langen Speichelfaden wieder in den Mund zurück. Dann zog er ihn nicht mehr zurück.

Ein Tag wurde so lang wie ein Menschenleben. Der Dichter blieb hocken. Die Zeit stand. Das Herz tat dumpf weh, als wäre jeder Herzschlag ein drückendes Berühren von einem Hammer aus Gummi.

Und in der Nacht schlief er nicht.

Langsam kroch die Morgendämmerung in die Zelle. Er konnte nicht durch sie hindurch atmen. Im Halbschlaf schien sie ihm ein riesengroßes, sich schwer bewegendes, graues Tier zu sein.

Zugleich mit ihr kam der Geschworene lautlos durch die verschlossene Tür, stellte sich in die Ecke und blickte mit seinem einen Auge unverwandt den Dichter an.

„Gut, daß Sie kommen, sonst hätte ich Sie heute noch besucht“, sagte der Dichter. „Denn meinen Traum von heute nacht muß ich Ihnen erzählen.“

„Deshalb bin ich ja zu Ihnen gekommen. Meine Frau hat mir den Traum ganz falsch erzählt. Sie sagte, es sei eine Eiche gewesen.“

„Nein, nein, der Lehrer sagte ja selbst, daß es eine Buche ist. Sonst hätte der ganze Schulausflug keinen Sinn für Achtjährige. Eher für Achtzigjährige. Alle standen im Wald beim Hünengrab. Ich stieg auf die Buche, bis in die oberste Spitze. Aber die dünnsten Zweige trugen mich noch. Ich sah direkt in die Sonne, und sie blendete mich nicht. Ich war wild-glücklich, lachte und sang. Da nahm die gewaltige, dunkle Hand mein Herz, stopfte es mir ins Gehirn und schloß meinen Kopf wieder. Von jetzt an fühlte ich das Netz in meinem Gehirn. Die schwarze Kreuzspinne saß in der Mitte. Kam ein Gedanke ins Netz, dann stürzte die Spinne auf ihn los und saugte seinen Sinn aus. Diese zahllosen, ausgesaugten Gedankenleichen verursachten mir einen unaufhörlichen Druck hinter der Stirn, mit dem ich viele Jahre lang durch eine ungeheuerliche Einsamkeit schwankte. Sie wurde immerzu zerrissen von Kampf- und Notschreien. Und plötzlich geschah das Schrecklichste — mein Wille ging von mir weg, ohne mich zu grüßen. Ich hatte kein Empfinden und gar kein Fleischgefühl mehr; es war mir, als hätte ich Nebel im Gehirn — da packte mich so eine besinnungslose Kinderwut, und ich erwürgte im Traum meinen Lehrer . . . Was sagen Sie dazu?“

„Ihr Wille mochte wahrscheinlich nichts mehr mit Ihnen zu schaffen haben, weil Sie ihm zu böse sind“, sagte der Einäugige. „So habe ich es auch meinem Dienstmädchen erklärt.“

„Ihrem Dienstmädchen hätten Sie das nicht sagen sollen . . . Die erzählt es dem Vorsitzenden für die Revision.“

„In meinem Hause verkehren viele Willen, auch der Ihre. Deshalb mußte ich es doch dem Mädchen erzählen für den Revisionsprozeß.“

„Dann bin ich verloren.“

„Ja, da Sie im Traum den Lehrer . . . noch einmal umbrachten, sind Sie natürlich verloren; denn daran bemerkt auch der Vorsitzende, daß das Böse in Ihnen ist . . . Gegen das Böse können Sie gar nichts tun. Ihr wirklicher Wille hat sich neben meinem Hause eine Villa gebaut. Und Sie grüßt er nicht einmal mehr. Seine Frau hat ein weißes Gesicht und dunkle Augen. Das Schlafzimmer . . . schön beleuchtet.“

„Und ich werde hingerichtet?“ schrie der Dichter und fuhr aus dem Schlafe, denn die Zellentür öffnete sich.

Der Wärter ließ den Einäugigen eintreten und blieb an der Tür stehen.

Der Dichter sprang auf von der Pritsche. Traumschnell war er in die Wirklichkeit zurückgekehrt, sah den Einäugigen an und dachte ganz langsam: Judas Ischariot kommt zu mir? . . . Verstanden und doch verraten! „Sind Sie schon länger da?“ fragte er mißtrauisch.

Und der Einäugige senkte den Blick. „Nein, ich bin eben erst gekommen“, sagte er und dachte — er vergleicht mich mit Judas Ischariot.

Tagelang hatte er sich eingeschlossen, um darüber klar werden zu können, weshalb er den Drang nicht zu überwinden vermochte, den mit seiner Hilfe zum Tode verurteilten Menschen in der Zelle zu besuchen.

Auch jetzt, da er bedrückt vor dem Dichter stand, hätte er noch nicht sagen können, weshalb er gekommen war.

„Habe ich Ihnen meinen Traum nicht erzählt? . . . Ich habe eben im Traum den Lehrer noch einmal umgebracht . . . Was ist das? In Wirklichkeit würde ich es doch nicht tun. Auch damals habe nicht ich es getan. Der Dämon führte die Hände. Ich bin unschuldig . . . Ihr ermordet mich!“

Der hat sich diese Theorie nicht angeeignet, um sich durch sie zu retten, dachte der Einäugige. Der Psychologieprofessor hat unrecht.

Da stieg zum ersten Male klar die Frage in ihm auf, ob er vielleicht unrecht damit getan habe, einen Menschen dem Tode zu überliefern.

„Bin ich deshalb gekommen?“ hatte er gefragt, ohne es zu wollen. Erschrocken blickte er den Dichter an, auf dessen verwüstetem Gesicht diese Frage höhnisch beantwortet stand.

„Ich habe umsonst gelebt, denn einstimmig wurde ich verurteilt. Ihre Stimme hat mein Leben nutzlos gemacht . . . Verstanden und doch verraten! Ein furchtbares Verbrechen.“

Der Kampf zwischen den beiden ging nur um diesen einen Punkt. Noch einmal stieg Kraft im Dichter auf, für diesen Kampf.

Da trat ein Mann ein. Das ging alles ohne Worte vor sich. Bei den Schläfen begann er. Dann scherte er von der Stirn weg mit seiner Maschine einige Bahnen bis zum Wirbel. Zuletzt scherte er den Nacken. Ganz kahl. Und ging.

Es fühlte sich kühl an, als der Dichter seinen Nacken berührte. Die Möglichkeit, mit dem Einäugigen zu kämpfen, war weg. Sein Herz wurde groß vor Angst, füllte die ganze Brust aus.

Da verzog langsam Hohn sein Gesicht. Die Hand im Nacken, den Blick auf den Einäugigen gerichtet, fragte er böse lächelnd: „Wieviel wiegt denn so ein abgeschlagener Menschenkopf? Mit allem Fleisch daran? Mit den Lippen? Wenn er noch warm ist . . . Vier Kilo? Fünf Kilo vielleicht?“

Der Wärter drehte sich zur Wand, stauchte aus einem Fläschchen Schnupftabak auf seinen Daumen, und während er ihn geräuschvoll in die Nase schaffte, sagte der Dichter bewußt grausam: „Die Kopfkugel stürzt . . . in den Kasten, schlägt auf . . . Dann kollert sie und bleibt liegen. Macht noch eine Viertelsdrehung und liegt still . . . im Profil. Im Profil.“ Er nahm die Hand weg vom Nacken und betrachtete seine Finger, sah den Einäugigen an. „Ob dann die Augen zu sind? Oder sind sie offen? Blind? Oder sehen Sie noch eine Sekunde lang? . . . Lang! Sie müssen das doch wissen, Sie haben mich ja verurteilt . . . zum Tode.“

Der Einäugige machte eine Bewegung zur Tür hin.

„Bleiben Sie noch!“ rief der Dichter, so flehend, in Angst vor dem Alleinsein, daß der Einäugige stehen blieb. Und die Verwandlung des Hohnes zum furchtbarsten Entsetzen beobachten konnte.

„Man sagt, daß das Gehirn so eines Kopfes noch eine Weile . . . funktioniert. Denkt? Der abgeschlagene Kopf lebt noch eine Weile? Denkt seinen letzten Gedanken zu Ende? Oder kann man einen Gedanken . . . mit dem Beil entzwei schneiden? Ein Beil kann das nicht! . . . Sie sind zu mir gekommen, um mir zu helfen. Und können es nicht.“

Der Einäugige sah wie ertappt auf.

Und der Dichter schrie: „Können nicht helfen! Nicht helfen! . . . Zu spät!“

Beide Hände an den Hinterkopf gepreßt, schrie er: „Mit ungeheurer Kraftanstrengung denkt der abgeschlagene Kopf seinen angefangenen letzten Gedanken zu Ende und brüllt allen Menschen lautlos ihre Schande ins Gesicht . . . Auch Ihnen! Rache! brüllt er. Rache! brüllt der Mund. Und die Gerechten, die herumstehen, hören es nicht.“

Auch der Wärter nahm seinen Schritt zum gefährlich und wild aussehenden Dichter wieder zurück und stand mit dem Einäugigen still, als der Dichter mit ganz veränderter Stimme vibrierend ruhig sagte: „Ich aber weiß — was ein gesetzlich abgeschlagener Menschenkopf spricht, wird nie verhallen, wird furchtbar gehört. Seine Worte treiben Roheit und Rache in die Herzen der Menschen hinein. Ins Sägemehl geflossenes Menschenblut spricht zum noch pulsierenden Blut. Denn alles Menschenblut ist göttlich miteinander verwandt. Und deshalb wird der Mord, den die Gesetzesmänner an mir begingen, sich tausendfältig rächen. Wird tausend Morde erzeugen.“

„Weißt du das? Der abgeschlagene Menschenkopf ist ein furchtbar mächtiger, gefährlicher Kopf. Denn er wird den Menschen ewig sichtbar bleiben, wie er im Profil im Kasten liegt. Die Bestie im Menschen wird mit den gesetzlich abgeschlagenen Menschenköpfen gefüttert . . . Das ist die Rache des Hingerichteten.“

Sein Gesicht war vom Fleisch abgefallen und spitzig geworden.

Der Einäugige brach sich los von seinem Bann, dachte müde: die Hose ist ihm ja viel zu lang, und erstarrte wieder, als der Dichter sagte: „Die Gerechten, die herumstehen, glauben, ein abgeschlagener Menschenkopf sei ein abschreckendes Beispiel.“

„Glauben Sie das auch?“ fragte er, näherte sich dem Einäugigen und blickte ihn an wie die Katze den Vogel, der sich nicht zu rühren wagt. „Ich sage dir, mein Blut, wenn es das Sägemehl rot macht, wird das Blut aller Menschen zur Rache zwingen. Zwingen! Denn es ist nur ein Blut.“

Da warf er die Arme in die Höhe, daß sie in einem Bogen wie über die ganze Welt hin verharrten. Prophetisch hell rief er: „Und als der erste Menschenkopf gesetzlich abgeschlagen war, wurde es vor Rache dunkel auf der Erde, denn allen Menschen trat das Blut in die Augen, da es sich wieder vereinigen wollte mit dem gesetzlich vergossenen Blut.“

Plötzlich tat er einen wilden Schritt zur Tür hin.

Der Wärter sprang auf ihn zu. Und ließ die Hände wieder sinken, als der Dichter haßerfüllt sagte: „Gehen Sie noch nicht? . . . Verräterchen“, sagte er leise und verächtlich.

Da verließ der Einäugige wortlos die Zelle.

Der Dichter wandte sich langsam, gezogen, zum Fenster, sah auf den ruhigen Sonnenflecken am Boden und dachte, plötzlich ganz abwesend: Die Sonne ist mir ein wunderbarer Vogel, der gestorben daliegt.

Der Wärter fragte: „Also, wollen Sie sie sehen?“

„Hier liegt sie und ist gestorben.“

„Ich meinte, Ihre Mutter ist draußen.“

Da machte er eine Bewegung, als versuche er, einer Kanonenkugel auszuweichen.

Und rief in Entsetzen: „Ich kann doch meine Mutter nicht sehen!“

„Sie steht draußen.“

„. . . Ich muß doch meine Mutter noch einmal sehen.“

„Ein kleines Frauchen.“

„Meine Mutter kann ich doch jetzt nicht ansehen!“

„Jetzt ist sie einmal da . . . Hat die weite Reise gemacht.“ Des Wärters Hände sanken wieder langsam zu den Schenkeln.

„Wann . . . sterbe ich denn?“

„Ja . . . das weiß ich noch nicht.“

„. . . Einmal noch muß ich doch meine Mutter sehen.“

Mit langgezogenem „O“ schrie er dem Wärter nach: „Halt! Unmöglich!“

Da stand sie unter der Tür, mit ihrer schwarzen Mantille, einem Kapotthut, der mit Bändern unterm Kinn festgebunden war. Wie ihre vergrößerte Photographie, die der Dichter schon als Kind gekannt hatte. Nur das gestickte Reisesäckchen war nicht mit auf dem Bilde.

Das kann doch auch der Teufel nicht wollen, dachte er und wollte zurückweichen, ging auf sie zu, da sie sich ihm näherte.

„Ja, was soll ich sagen“, sagte sie, hielt ihm die kleine, abgestumpfte Hand hin, und er sah die neuen, ganz besonderen Falten an, die sich in diesen Wochen in ihrem Gesichte gebildet hatten. Auch ihre Kopfhaltung und ihr klagender Blick drückten aus, daß die Hoffnung, ihm helfen zu können, in Machtlosigkeit und Qualen gestorben war.

„Bist müde?“ — Das ist nicht das Richtige, dachte er sofort.

„Ja, ich setz mich ein bißchen daher.“ Sie drückte erst vorsichtig auf die Pritsche und setzte sich dann auf die Ecke.

„Wie gehts dem Vater?“

Da sah sie wieder auf die Hände in ihrem Schoß. „Och, wenn der nur seine Zeitung hat . . . Grüßen läßt er dich.“ Die Tränen tropften nacheinander auf die braunen Handrücken hinunter.

„Grü . . . grüß ihn auch!“ Er konnte nicht weinen.

„Er hat g’sagt: hundert Mark hätten wir auch noch für dich aufbringen können.“

„So“, sagten seine Lippen.

„Gelt, deswegen hast du’s nicht getan,“ sagte sie tonlos. „Er war ja nie sehr g’scheit, solang ich ihn auch kenn . . . Ich glaub, es ist halt dein Schicksal. Es konnt halt nicht anders sein. Denn ich weiß doch, daß du nicht schlecht warst . . . Aber an Gott glaub ich nimmer. Hab gebetet. Umsonst.“ Auf die Handrücken tropften ununterbrochen langsam Tränen, die sie manchmal mit der Handfläche abwischte, ohne hinzusehen.

„Die Leute sagen, oft täts was helfen, wenn man sich vor den Wagen des Kaisers wirft.“

Er beobachtete ihr Weinen und wartete darauf, daß sich wieder der Tropfen von den Wimpern löse und falle, wunderte sich, daß ihre Stimme nicht gebrochen klang, und dachte, sie hat sich schon daran gewöhnt, während des Weinens zu sprechen.

„Aber der Kaiser ist verreist. Ganz weit in Dänemark . . . Das ist im Norden.“

Allmählich hatte sich im Dichter der das Weinen verhindernde Druck verteilt.

„Einen Brief hab ihm ich geschrieben . . . Aber ob ihn der Kaiser kriegt hat?“

Da fiel sein Gesicht in ihren Schoß. Die angesammelten Tränen vieler Jahre kamen in Fluß, getrieben und gestoßen von brüllendem Heulen.

Einige Male strich sie schnell über seinen Hinterkopf und hielt sofort wieder den zuckenden Körper fest.

Den beiden gegenüber lehnte der Wärter an der Wand, die Hände auf dem Rücken, und sah zu Boden.

„Ganz kahl geschoren hast du dich?“ sagte sie und streichelte im Kreis.

Mit einem Ruck hob er das verheulte Gesicht: „Geh jetzt, Mutter, geh jetzt!“ Und stand auf.

„Dann geh ich halt“, sagte sie erschrocken und sah ihn an.

„Geh!“ klagte er.

„Jesus, ich geh.“ Sie lief gleich zum Reisesäckchen, sah ihren Sohn an und sagte ängstlich: „Aber die Pritschen sollen ja so hart sein“, öffnete das Säckchen und zog ein kleines, weißes Kissen heraus. „Legst dein Kopf da drauf . . . Es ist ganz frisch überzogen . . . Ich geh schon.“

Mit letzter Gewalt zwang er sich, ruhig das Kissen zu nehmen.

„Dann halt adjö . . . Jetzt sterb ich halt auch.“ Da lächelte sie wunderbar.

Der Wärter wippte sich los von der Wand.

„O du gute Mutter, o du gute Mutter“, konnte der Dichter sagen und auch lächeln.

„Och, du lieber Gott“, sagte sie unter der Tür, „du lieber Gott“, und trippelte hinaus.

Er sah auf die verschlossene Tür, setzte sich auf den Boden. „Da, da, da.“ Bei jedem „da“ sank sein Kopf tiefer zwischen die Kniee. „Tatataratata.“

So blieb er hocken.

 

Der Einäugige lief in den Gängen des Zuchthauses umher und kämpfte mit sich, um seinen Entschluß zu fassen, bevor er hinaus in die Helle trat. Manchmal blieb er stehen mit seinen Gedanken und sagte immer wieder dieselben Worte: „O ja, natürlich, ich muß mich entscheiden — ein Lump mit leichtem Gewissen werden oder die Konsequenz ziehen . . . Die Konsequenz“, wiederholte er langgezogen.

Seitdem er die Zelle verlassen hatte, deckte sich sein scharf zu denken fähiges Gehirn glatt mit einem neuen, tiefen Verantwortungsgefühl, das der Dichter angesprochen und herausgefordert hatte. Er schob die Tatsache, daß er dem Gesetze nach dem Dichter gegenüber im Recht blieb, als vollkommen nebensächlich zur Seite und war bemüht, sich klar sein Problem zu stellen.

„Die andern Elf sind überzeugt, im Recht zu sein. Dann sind sie ja für sich im Recht . . . Gut für sie. Aber ich, ich habe da etwas erkannt . . . nur ein bißchen zu spät, ein bißchen zu spät. Würde jetzt nicht mehr dazu helfen, daß im Namen des Rechtes von einem Menschen . . . einem Menschen der Kopf heruntergeschnitten wird . . . im Namen des Rechtes. Hab aber dazu geholfen. Was ist da zu tun? He?“

Automatisch blieb er vor des Oberstaatsanwaltes Tür stehen. „Umsonst. Es wird zu spät sein.“ Und trat ein.

„Ja, das vom Herrn Verteidiger eingereichte Begnadigungsgesuch ist abgelehnt. Bitte.“

„So?“

„Nein! Da ist nichts mehr zu machen.“

„Und wenn . . . wenn aber . . .“

Schon mit der höflichen Abschiedsverbeugung: „Und wenn die ganze Welt einstürzt.“

„Dann ist . . . meine eingestürzt.“ Die geölte Tür schloß sich sanft hinter dem Einäugigen. „Keine Hilfe mehr?“

Die Mutter trat aus der Zelle. „Wo ist denn der Nausgang, Herr?“

Er blickte sie abwesend an, nickte langsam: „Gibt keinen.“ — Ich, für mein Persönchen, fühle mich ein bißchen schuldig, daß der hingerichtet wird . . . Daß der hingerichtet wird —.

„Gehts da naus?“

„Ja, da hinaus. Sie sind die Mutter? Wie?“

„Och, du lieber Gott.“ Ihr jetzt schlaffes Reisesäckchen streifte am Boden, als sie den dämmerigen Gang entlang trippelte.

„Nur nicht ausweichen, das ist die Mutter.“ Er fühlte, wie die Last sich vergrößerte, und ging neben der Mutter her.

Auch noch auf der Straße, wo die Automobile sausten.

Wenn sie stehen blieb, um einen Übergang zu gewinnen, blieb auch er stehen. „Und der bleibt zurück in der Zelle . . . bis ihm der Kopf abgeschnitten wird. Das soll abschrecken. Zweck. Hauptzweck.“ Da empfand er tief, daß Roheit nie das Gegenteil, sondern wieder Roheit erzeugt und deshalb nicht abschrecken kann. „Wird tausend Morde erzeugen, hat er gesagt. Und tausend ungerechte Richter . . . Ungerechte Richter. Das ist mein Fall, sieh mal.“

„Soll ichs Ihnen tragen?“

Sie gab ihr Reisesäckchen nicht her; nahms zur Brust hoch.

Und wie stehts da mit dem andern Hauptzweck, nämlich, daß die Gesellschaft sich schützen muß? . . . So gut sie kann, habe ich gesagt, dachte er und sah in die Luft. „Da Roheit — Roheit, und Hinrichtungsmorde — Hinrichtungsmorde erzeugen?“

Jemand grüßte ihn tief; er bemerkte es nicht. „Die Ursachen des Bösen, der Roheit, der Morde wegräumen, hat er gesagt, denn sonst wird weitergeköpft, noch in hunderttausend Jahren . . . Und jetzt wird er geköpft. Und ich? . . . Ich bin sein Judas Ischariot.“ Er fühlte eine schmerzliche Heiterkeit in sich entstehen, wie Menschen sie empfinden, die endlich entschlossen sind, etwas Unabwendbares, Schweres auszuführen.

So sah er auf die Mutter hinunter.

Die humpelte eilig quer über den Asphalt. Das Auto kam in voller Fahrt auf sie zu. Der Chauffeur wich nach rechts aus, sie gleichfalls. Die Gummi schleiften und rauchten, als er den Wagen scharf nach links riß — während sie gleichfalls nach links sprang und er zugleich mit ihr wieder die rechte Seite zu gewinnen suchte. Hin. Her. Zuletzt konnte sie nur noch den Oberkörper nach links und nach rechts schwenken, immer in der Richtung des zickzackfahrenden Autos — da setzte der Einäugige auf sie zu, und sie schwebte am Leibe des Einäugigen knapp vor dem Auto in Sicherheit.

Jetzt erst schrieen die Passanten erschrocken auf. Und der Wagen war schon um drei Häuser weiter, ehe ihn der Chauffeur zum Stehen bringen konnte.

„No, jetzt so was“, sagte sie. Sofort kehrten ihre Gedanken zum Sohn zurück. Sie murmelte: „Och, du lieber Gott“, und wollte weitergehen, da wurden ihre Kniee weich.

Der Einäugige rief nach dem Auto. Der Chauffeur entschuldigte sich.

„Ja, mit so was fahr ich nicht.“

Er mußte eine Droschke nehmen.

„Jetzt wär ich tot“, sagte sie im Wagen. „Wärs vorbei.“

Hab ich zum Ersatz seine Mutter gerettet . . . Nein, nein, das ist ganz ohne Belang. „Ganz ohne Belang“, sagte er und machte eine Handbewegung.

„Wär ich tot . . . Mir wärs lieber.“

Er dachte — schon allein deshalb.

„Sind Sie einer vom Gericht, Herr?“

„Da haben Sie ihm Unrecht getan. Großes Unrecht“, wiederholte sie, als sie, vom Einäugigen halb getragen, die Treppe zu seinem Arbeitszimmer hinaufstieg.

„Das weiß ich besser.“ Sie saß im Lehnstuhl, das Reisesäckchen vor den Füßen. „Ich hab ihn doch aufgezogen, Herr.“ Sie besann sich, während er auf der Spiritusflamme zwei Eier für sie kochte, und sagte: „Wissen Sie, wie er ist? . . . Ritterlich ist er, ritterlich.“

Ich auch, dachte er und lächelte wie ein Knabe von hundert Jahren.

Das Arbeitszimmer stand voll Reagenzgläser, Meßzylinder, Kolben, Apparate, Bakterienbrutöfen, unter denen die blauen Gasflämmchen gleichmäßig brannten. Hinter einer spanischen Wand stand ein großer Röntgenapparat. Der Gelehrte beschäftigte sich hauptsächlich mit bakteriologischen Experimenten und führte nur nebenher seine Arztpraxis weiter. Es war warm wie in einem Bad und roch nach Medizin.

Der Einäugige sah in den Kochtopf, sah den Dichter. Das Wasser warf schon Bläschen.

„Wenn Sie die Eier mit kaltem Wasser zugesetzt haben, dann sind sie wachsweich, wenns Wasser kocht, ja . . . Och Gott.“

„Mit diesem Bewußtsein weiter Menschen behandeln, essen, spazieren gehen?“ Ein Gefühl lief ihm durch den ganzen Körper. Er machte eine bejahende Verbeugung vor der Konsequenz. „Seine Stimme geben, ist leicht, geht schnell, ist Leichtsinn . . . aber mit dem Beil einem angeschnallten, wehrlosen Menschen auf den Nacken schlagen — — —. Zum mindesten müßte jeder, der einen Menschen zum Tode verurteilt, bereit sein, den Kopf auch selbst abzuhauen mit dem Beil . . . Aber da wäre er kein Mensch, und es wäre genau so richtig, wenn der Hinzurichtende . . . ihm den Kopf abschlüge . . . Und dann, das wird ja ganz zur Nebensache — ob der Dichter mit seiner Auffassung recht hat oder der Staat mit seiner. Auf keinen Fall darf einem Menschen gesetzlich der Kopf . . . der Kopf abgeschlagen werden . . . gesetzlich.“

„Jetzt sterb ich halt auch . . . Ich hab ihn doch geboren. Hätt ihn nicht in die Welt setzen dürfen, Herr.“

„Sieh mal an,“ sagte er glanzvoll, „wie wunderbar sie das Problem der Verantwortung löst.“ Wieder lief ihm ein Gefühl durch den Körper, das den letzten Widerstand auflöste. Dann wurde er ruhig.

Während sie die Eier aß, schrieb er auf einen Zettel, kein Mensch habe das Recht, einem Menschen den Kopf herunterschlagen zu lassen. Das sei ihm furchtbar klar geworden. Er wolle mit dem Bewußtsein, einem Menschen den Kopf heruntergeschlagen zu haben, nicht weiterleben.

Sie war aufgestanden. Und hatte ihr Säckchen in die Hand genommen. „Was mach ich denn? Was mach ich denn?“ fragte sie vor sich hin.

Er beauftragte seinen Diener, die Mutter zur Bahn zu bringen.

Unter der Tür sagte sie: „Och, du lieber Gott. Was mach ich denn . . . krieg ich denn den Zug noch?“

„Sie wirds vielleicht weiterschleppen“, sagte er, als sie gegangen war, „noch ein paar Jahre“, und ging zum Giftschrank, nahm die Morphiumschachtel heraus.

Gedankenabwesend öffnete er den Brutofen, in dem er Thyphusbazillen züchtete, und schraubte, als er auf dem im Ofen hängenden Thermometer bemerkte, daß die Temperatur zu hoch war, noch die Gasflämmchen kleiner.

Er fand keinen zweiten Löffel, säuberte den, mit dem die Mutter Eier gegessen hatte, ließ Wasser in das Glas laufen. Automatisch kontrollierte er noch einmal die Temperatur im Brutofen, nahm eine Zuchtplatte heraus und betrachtete das gefärbte Bakterienbild, schraubte die Gasflämmchen wieder um eine Kleinigkeit höher.

Als er dann, mit der Schachtel in der Hand, vor sich hin sah, empfand er nicht das leiseste Körpergefühl, gab mit dem Löffel das Morphium ins Wasser, trank es aus und setzte sich in den Lehnstuhl.

Das Herz begann stark zu klopfen. Er legte beruhigend die Hand darauf, schloß langsam die Augen; die Atemnot ging schnell vorüber. Eine wunderbare Freude zog in ihn ein, verband ihn mit dem Dichter, der ihn in freudigem Staunen ansah.

Ihre Unterhaltung war, jenseits aller Logik, blitzend und neu. Sie allein standen leuchtend hell, von schwerem Dunkel umgeben. Ihre hellen Hände sprachen mit. Da sahen sie einander noch einmal herzlich an, mit einem jenseitigen Lächeln der ungeheuersten Liebe. Dann empfand der Einäugige sanften, wiegenden Frieden und schlief ein.

 

Zur selben Zeit, da der Wärter das Essen in die Zelle brachte, wurde der Einäugige tot in seinem Lehnstuhl gefunden.

„Er weiß vielleicht gar nichts davon,“ flüsterte der Dichter im Rücken des Wärters, „aber ich sehe es seinem Gesicht an, daß er denkt: zu was denn dem noch Essen geben.“

Auch an der Art, wie er das Geschirr auf den Tisch stellte und auf die Tür zuging, glaubte der Dichter zu bemerken, daß der Wärter es für überflüssig halte, ihm noch Essen zu geben.

Der Wärter war schon sehr alt und sprach selten ein Wort.

„Wann . . . ist es denn?“

„Was?“

„. . . Wann?“

„Morgen früh.“

„Morgen . . . früh?“

„Essen Sie, das ist Blumenkohlsuppe. Meine Frau hat sie gekocht.“

„Blumenkohlsuppe.“

„Essen Sie! Die ist gut.“ Der Wärter ging.