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Die Ursache: Erzählung cover

Die Ursache: Erzählung

Chapter 9: 8
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About This Book

A penniless poet returns to his hometown and, prompted by sudden urges and fragmented dreams, recovers a childhood school outing and a humiliating incident involving a teacher and a glass of milk. The narrative follows his obsessive recollections, mounting shame, and the gradual reconstruction of repressed memories that culminate in the murder of the former teacher and his subsequent confession. A judicial inquiry tries to weigh psychological causation against legal responsibility while the account explores how buried trauma, social humiliation, and small-town moral authority can deform memory and drive a person toward a desperate, violent act.

Der Dichter sah auf die Suppe hinunter, zum Fenster, auf die Suppe hinunter. „Die esse ich morgen früh“, sagte er und lachte schallend. Entsetzt schnellte er herum: „Was! War da jemand?“ Da zog er den Kopf ein, stand eine Weile so, ohne zu atmen, und brüllte mit der Luft, die endlich aus seinem Munde fuhr: „Ich werde nicht irrsinnig!“ stellte sich mit dem Gesicht gegen die Wand und sagte zu sich und zur Wand: „Ich werde nicht irrsinnig. Ich werde nicht irrsinnig.“ Seine Kinnbacken mahlten.

Mit all seiner Kraft, mit angespannten Muskeln zwang er sich, die Blumenkohlsuppe zu essen.

8

Es war drei Uhr früh. Für sechs Uhr war die Hinrichtung angesetzt.

Die Zelle war schmal wie ein Gang. Die Machtlosigkeit hatte den Dichter an die Mauer gestellt. Bauch, hochgestreckte Arme und die gespreizten Hände gegen die Mauer gepreßt, den Kopf tief im Nacken, sah er empor, riß die Arme herunter, schnellte herum, sank in Kniebeuge und begann zu schreien.

Den Körper allmählich aus der Kniebeuge in die Höhe drückend, schrie er immer lauter, ging zum Brüllen über, brüllte einen Ton, solang ein Atemzug reicht, wild, jammervoll, und brach jäh ab, gereckt auf den Fußspitzen stehend, die Finger fast bei der Decke.

Der Priester trat ein.

Der Dichter stürzte auf ihn zu, in die Kniee. Die gefalteten Hände vor der Brust verkrampft, sagte er: „Helfen.“

Der Priester sagte: „Der liebe Gott. Er hilft“, und kniete auch nieder.

Schweigend und unbeweglich knieten sie einander gegenüber, daß ihre gefalteten Hände sich berührten.

„Was denn?“ fragte der Dichter irr.

„Der liebe Gott.“

„Gott? . . . weg!“ brüllte er. „Keine Zeit! Keine Zeit! . . . Helfen! . . . Hn?“ Und sprang auf. Regungslos sah er zur Wand, ohne etwas zu sehen, hatte die Empfindung, als überzogen sich seine Augen mit einem milchigen Häutchen. Und blickte nach innen. Sah eine hügelige Flußlandschaft: es ist Sommer, früheste Morgendämmerung. Dämpfe steigen vom Wasser auf, von den Wiesen. Ein Floß gleitet langsam flußabwärts. Der Flößer, nur in Hose und Hemd, mit breiter, vorgewölbter Brust, läßt den Fahrbaum ins Wasser gleiten und geht, Brust gegen ihn gestemmt, ein paar Schritte mit. Bis er hochgehoben wird und, mit der Brust auf der Fahrbaumkrücke liegend, frei in der Luft schwebt. Dabei singt er laut in den erwachenden Morgen hinein.

Der Dichter blickte auf das Bild aus seiner Jugend. Plötzlich sang er schallend das Flößerlied:

„Der Fluß ist meine Eisenbahn,

Die Stämme das Kupee.

Ich lege bei den Wiesen an,

Wo ich ein Mädchen seh.

Schwarz muß sie sein!

Braun kann sie sein!

Und wenn eine Blonde am Ufer steht

Und wenn sie auch nicht mit dem Sacktuch weht

— — — Ich falle ein.“

„Heilige Maria, Mutter Gottes, du bist die Gebenedeite unter den Weibern“, betete der erschrockene Priester lauter und flehend.

„He?“ lachte der Dichter wild. „Denn verflucht ist die Frucht aller Weiber!“

Da lag er vor dem Priester auf dem Bauche wie ein Knabe, der Verstecken spielt, und fragte kindlich, ob der Priester die Kleider mit ihm wechseln wolle.

Unvermittelt wurden seine Sinne wieder klar. Und als er aufgestanden war, glänzten seine Augen mild, wie wenn ein Lichtschein auf Öl fällt. „Jetzt ist es drei Uhr,“ sagte er unendlich traurig, „vier Uhr vielleicht? Vier Uhr? . . . Ich sehe alles. Ich kann Häuser denken, einen grüßenden Mann, einen Käfer, ein Kind, das Butterbrot ißt . . . Und um sechs Uhr? Was ist dann? Sag, was ist dann? Ruhe? . . . Ruhe ist! etwas. Wird gar nichts sein? Gar nichts? . . . Ich werde um sechs Uhr ermordet! Da bin ich doch schon tot. Jetzt schon tot! Lebe . . . und bin schon tot. Unverhoffter Mord ist wunderbarste, himmlische Güte . . . Ich werde um sechs Uhr ermordet!“

Er sah durchs Fenster zum schon leise dämmernden Himmel und sagte: „Die Jesus Christus ermordet haben, waren gütig. Gütig verhöhnten sie ihn: wenn du Gottes Sohn bist, so steige herab vom Kreuz, und wir wollen dir glauben . . . Eine Hoffnung höhnten sie ihm hinauf zum Kreuz. Er hat hoffen dürfen bis zum letzten Augenblick. Ich sehne mich nach seinen Qualen . . . Ich werde um sechs Uhr ermordet!“

Plötzliche Wut riß ihn herum. Zum betenden Priester, der entsetzt zurückwich: „Gehen Sie!“ sagte er verhalten drohend.

Der Priester streichelte dem Dichter vorsichtig, milde den Arm.

„Gehen Sie!“ brüllte er einige Mal schnell hintereinander, die Fäuste an die Schläfen gepreßt. „Keine Zeit! Zeit!“

Der Priester erhob sich unschlüssig, suchte nach einem Gruße, fand keinen. Und ging ohne Gruß. Vor der Tür sagte er verwirrt: „Guten Morgen.“

Der Dichter stand einen Augenblick in fassungslosem Staunen, das jäh ein Grauenschauer verdrängte, als die Tür ins Schloß gefallen war. Ratlos sah er an der Wand aufwärts zur Decke, an der Längswand entlang zum Fenster, ohne den Körper mitzudrehen, bis er das Gleichgewicht verlor und fast gestürzt wäre. Dann setzte er sich, legte die Arme verschränkt auf den Tisch und ließ langsam den Kopf darauf nieder.

Es war noch kein Ton zu hören im ganzen Gebäude. Keine Uhr schlug. Der Nachthimmel war schon grauer geworden.

Die Todesfurcht hielt des Sitzenden Rücken krumm gebogen. Die Luft hinter ihm, der Gefängnishof, die ganze Erde hob das Beil und hielt es erhoben.

Die Augen stier offen, legte er ganz langsam den Kopf mit der Wange auf die Tischplatte, um die Stellung zu probieren. Der Gedanke, die Wange müsse furchtbar geprellt werden, ließ ihn den Kopf schnell auf die andere Seite legen und so den Hieb erwarten. Der Hieb kam nicht. Da brach erleichternder Schweiß aus, weil der Hieb nicht kam. Und der Dichter war überzeugt, daß der Hieb überhaupt niemals kommen werde, daß einem Menschen der Kopf nicht abgeschlagen werden würde.

„Den ganzen Kopf abhacken? Da es doch . . . Goethe gibt und Straßenbahnen. Das kann nicht sein. Kein Mensch gibt sich dazu her, mit dem Beil einen Menschenkopf herunterzuschlagen. Da würde ja niemand dabei zusehen wollen. Was würden die Mütter und Frauen von den Menschen sagen, die dabei zusehen. Was würden die zuschauenden Zeugen für Väter sein zu ihren Kindern . . . Es wird ganz anders vor sich gehen. Auf einmal werde ich tot sein.“

Als er aufstand und sich das in den Kopf gestiegene Blut verteilte, packte ihn wieder die Gewißheit.

Es war ganz still. Der Dichter wußte nicht, ob es noch eine Stunde, zwei Stunden, einige Minuten bis dahin waren. „Was denn?“ fragte er. Es blieb still. Da sah er zum Fenster. Der Ausschnitt des Fensters, von den Gitterstäben durchkreuzt, war rosenrot. Unbeweglich blickte er auf das unbewegliche Rosenrot.

Ganz von fern, noch kaum hörbar, erklang ein Räderknirschen, wurde deutlicher, zum eintönigen Klappern eines Wagens auf dem Pflaster; er konnte den Hufschlag der schweren Pferde unterscheiden. Fast unter seinem Fenster hielt der Wagen, in dem die Hinrichtungsgegenstände waren. Er hörte die Pferde einige Mal stampfen. Dann war es still. Eine Männerstimme sagte etwas. Er hörte ein Brummen als Antwort, das Abladen, und flüsterte: „Die unschuldigen Pferde — die unschuldigen Menschen.“ Mit einem furchtbaren, wortlosen Schrei schnellte er herum:

Der Wärter trat ein. Und brachte dem Dichter etwas Stärkendes zu trinken. Eine Auswahl auf einem Tablett: Tee, Schokolade und eine halbe Flasche Wein. Unterm Arm trug er ein frisches, noch warmes Weißbrot. „Trinken Sie lieber Rotwein? . . . Das brauchen Sie nur zu sagen.“

„So?“ sagte der Dichter und bewegte sich, rückwärts gehend, bis zur Fensterwand, preßte sich dagegen an wie ein Kind, das nicht essen will. „Ich soll das trinken?“ sagte er, ohne die Hände von der Wand zu lösen. Jetzt nahm er eine weg und deutete: „Da hinein? Zum Mund? . . . Und später? Was wird damit?“

Der Wärter goß das Glas voll Wein, hielt es gegen das Licht und stellte es auf das Tablett.

Plötzlich wurde dem Dichter die Schädeldecke kalt. Er griff sich an den Hals. Mit beiden Händen befühlte er das Fleisch. „Den Hals durchschneiden? Den ganzen Hals? . . . Diese dicke Stange Fleisch durchhacken?“

Der Wärter legte das Brot gerade. „Es ist noch warm“, sagte er.

„Den Kopf . . . wegschneiden? Den ganzen Kopf! . . . Mit den Augen . . . Die ganzen, lieben Augen? Das . . . kann . . . nicht . . . sein. Nein nein nein nein nein!“ Da lag er auf den Knieen und umklammerte die des Schließers.

Der machte sich los und sagte, das sei bald vorüber. Er solle sich halt zusammennehmen, da helfe alles nichts.

Schnell schob er das Tablett in die Tischmitte, weil der schwankend aufstehende Dichter es sonst mit seiner Achsel heruntergeworfen hätte.

„So? Hilft nichts?“ Etwas zog seinen Blick zum Fenster. Die Sonne griff um die Eisenstäbe herum, legte sich aufs Fenstersims und platzte auf das Nickeltablett; ein dünner Strahl blitzte an der Wand herunter, schräg über den Zellenboden und verfing sich in der Ecke.

„Wie . . . viel . . . Uhr . . . ist es denn . . . jetzt?“

„Dreiviertel sechs . . . Trinken Sie vielleicht doch lieber Rotwein?“

„Sechs!“ Da verwirrte sich in seinem plötzlich heiß werdenden Gehirn der Begriff von Uhr und Ur, von Ursache und Zeit. Er sagte in entsetztem Staunen: „Ursache ist . . . Uhrsache.“ Langegezogen, immer wilder anschwellend, brüllte er: „I . . . . . . . . . i!“

Seine Wangen wurden sichtbar schmal, denn seine Augen öffneten sich weit. Er sagte nachdenklich: „Zeit . . . Uhr . . . Ursache“, dachte angestrengt nach, und sein Gesicht begann zu strahlen, als habe er nach vielen Jahren endlich eine Lösung gefunden. Verklärt sah er den Schließer an: „Das ist ja wunderbar. So wunderlich einfach — Zeit und Uhr gibt Ursache“, rief er. „Ah! . . . Zeitursache!“

Er trat zur Wand, streichelte schmeichelnd den Sonnenstreifen, bewegte den Zeigefinger hin und her und sagte: „Zeitursache . . . Schwarzwälderuhr . . . Perpendikel dikel dikel tom.“

„Glauben Sie, daß gegürtete Schmerzen fett sind?“ Er hob das kleine, weiße Kissen vom Boden auf und hielt es dem Schließer hin: „Legen Sie dann dem seinen Kopf da drauf und schicken Sie ihn meiner Mutter als Paket. Die Pritschen sollen ja so hart sein . . . Zeitursache.“

Der Schließer sah auf die Uhr und ging zur Tür, blieb stehen, und ein schon einmal entsendeter Blick schien wieder in seine Augen zurückzufahren, als er den Dichter ansah. „In dreißig Jahren mein Siebzehnter . . . Irrsinnig wurden sie doch alle in der letzten Nacht . . . bevor sie hingerichtet wurden.“ Er ging noch einmal zur Pritsche zurück, klappte sie in die Höhe. „Der eine frißt eine ganze Gans auf aus Irrsinn, der andere beichtet — aus Irrsinn, der dritte tobt, einer ist still wie ein Kind — auch nur aus Irrsinn. Und der hier findet sich ein Wort und glaubt, das hilft ihm . . . Vielleicht hilfts ihm.“ Er verließ die Zelle.

„Gegürtete Schmerzen sind fett. Aber was ist das: eine nackte Negerin reitet auf einem schneeweißen Pferd, und neben ihr reitet ein nacktes weißes Mädchen auf einem schwarzen Pferd. — Das kann man sich gar nicht gleichzeitig vorstellen.“

„Geht nicht? Negerin auf Schimmel“, deutete er und kniff die Augen zusammen, „nacktes weißes Mädchen auf Rappen. Ja, natürlich, das ist Zeit . . . ursache.“ Erleichtert atmete er auf.

Da sahen seine Augen die allen bösen Ursachen entstiegene einfache Stadt. Wunderbar breite Straßen, rosa Marmorhäuser, von ziselierten Säulen flankiert, mit flachen Dächern. Weite Plätze von ungeheurer Flachheit und herrlicher Säulenarchitektur. Viele Statuen nackter Mädchen stehen auf hohen Postamenten. Eine Schar vierzehnjähriger Mädchen mit nackten, sonnenbraunen Oberkörpern, Knieröckchen und Sandalen radeln die glatte Straße hinunter, mit lachenden Backen, und verschwinden. Die Straße ist leer. Leises silbernes Singen ertönt.

Er lächelte selig. „I streun jetz e bißle am Wasser rum.“

Der Schließer trat wieder ein. Mit ihm ein zweiter Schließer, der Priester, der Staatsanwalt, noch eine Anzahl Menschen, so daß die schmale Zelle plötzlich voller schwarzgekleideter Männer war. An der Tür stand der junge Offizialverteidiger mit frischem Gesicht, den glänzenden Zylinder in der Hand.

Der Dichter stand auf, machte den Eingetretenen eine höfliche Verbeugung, lächelte, ging auf sie zu und streckte ihnen beide Hände herzlich zum Empfang hin.

Die Schließer drehten sie nach hinten und legten Handschellen daran.

Der Dichter ließ es lächelnd geschehen, sprach unterdessen seitwärts zum Staatsanwalt gewandt: „Bitte, entschuldigen Sie nur, das damals . . .“

Der Staatsanwalt verbeugte sich und sagte errötend: „Bitte?“

„Nein nein! Entschuldigen Sie . . . Sie sind natürlich vollkommen unschuldig. Das Ganze ist ja nichts weiter als Zeitursache.“

Er wies mit schiefgeneigtem Kopf fragend zur Tür und ging voran.

Durch die Gänge, die von roten Gasflammen schwach erleuchtet waren. Niemand sprach ein Wort. Nur das vielfüßige Getrampel war hörbar.

Der Dichter mußte die Augen schließen; niemand sah, daß er über die Frühlingssonne heiter lächelte, die den ganzen Gefängnishof erhellte.

Der kahle Psychologieprofessor strich sich über den Kopf, als er aus der Tür in den Hof trat, und setzte seinen Zylinder auf; denn es war trotz des Sonnenscheins morgenkühl. Er war der einzige von den Geschworenen, der sich als Zeuge für die Hinrichtung gemeldet hatte.

Während der Urteilsverlesung blickte der Dichter interessiert das Beil auf dem in der Sonne stehenden Block an, der einen blauen Schlagschatten warf. Wo das fünfzig Pfund schwere Beil am Ende des langen, weiß gescheuerten Buchenstiels begann, war es schmal, dann lud es in edlem Schwunge halbmeterbreit aus.

Der Priester kniete in der Nähe des Blockes und betete leise, tief zur Erde gebeugt.

Der Scharfrichter, im Frack und weiß behandschuht, nahm das Beil vom Block, hing es in sein Ellbogengelenk und stellte sich wieder gegenüber den reglos und schwarz im Halbkreis stehenden zwölf Zeugen auf.

Da sah der Dichter, daß der Block eine Höhlung hatte für das Gesicht, damit nur der Hals des Hinzurichtenden aufliege, und sagte nachdenklich: „Die Nase muß ihm trotzdem zerquetscht werden.“

Über seine Stirne wetterleuchteten ferne Gedanken.

Mit einem Ruck wandte sich der Psychologieprofessor gerade noch zeitig genug um und verließ eilig die Richtstätte.

Für ihn stellte sich ein Gefangener als Ersatzzeuge ein — dumpfes Gepolter ertönte aus einer Zelle des zweiten Stockes, wo ein wegen Doppelmordes angeklagter Sträfling mit einem Riesensatz versuchte, das Fenstergitter zu haschen, und immer wieder zurückfiel. Bis es ihm endlich gelang. Sein bärtiges Gesicht zitterte vor Anstrengung, da er sich ständig in ausgeführtem Klimmzug halten mußte, um die Hinrichtung mit ansehen zu können.

Frauen können verlangen, daß sie auf dem Rücken liegend hingerichtet werden . . . und Männer auf dem Bauch, dachte der Dichter.

Alle hatten die Zylinder abgenommen.

„Jetzt?“ fragte der Dichter neugierig, als die Gehilfen auf ihn zurraten.

Tiefes Nachdenken verschönte seine Augen. „Ich möchte wissen, ob die Herren auch heute mittag den Suppenteller gewohnheitsmäßig mit der zusammengerollten Serviette auswischen werden.“

Die Gehilfen packten den Dichter an den Schultern. Er sah sie erstaunt lächelnd an, weil sie ihm weh taten. Dann preßten sie sein Gesicht in die Höhlung.

Er roch etwas Süßsäuerliches, bekam keine Luft mehr. Plötzlich wurde er noch einmal klar, wußte, was mit ihm geschehen sollte. Da sammelte sich alle Kraft seines Lebens in den Schultern. Die Helfer wurden hin und her geschleudert. Sein Gebrüll zischte aus der Höhlung heraus. Ein Helfer glitschte aufs Knie; seine Lippen verschwanden vor Kraftanstrengung.

Alle Zeugen sahen zu, rührten sich nicht.

Der Scharfrichter nahm das hocherhobene Beil wieder zur Brust. Es war dem Dichter gelungen, das Gesicht aus der Höhlung herauszubringen — sein wortloser Brüllton prallte gegen die Gefängnismauern. Die Helfer knallten sein Gesicht wieder in die Höhlung zurück, daß der Nacken krachte. Das Gehirn des Dichters begann im Kopfe zu kreisen, schnellte einen letzten Gedanken ab. Er wollte noch überlegen, ob der Mensch vielleicht nur aus Gewohnheit böse sei. „Ist alles nur Gewohnheit?“

Da stürzte das Blut schon vom Halsstumpf weg, in großem Bogen sich selbst nach, entsetzt, als wolle es sich wieder in den Körper zurückholen. Das Sägemehl wurde rot.

Der Kopf fiel in den Kasten, kollerte und blieb liegen, machte noch eine Viertelsdrehung und lag still, im Profil.

Erschrocken hoben die Zeugen die Gesichter, horchten auf den gurgelnden Ton, den das Stimmband des Dichters noch abgab. Der Ton klang wie ein Wort.

Da zuckten alle Köpfe nach der Seite herum und in die Höhe, wo das Gesicht des immer noch im Klimmzug hängenden Doppelmörders zitterte. Der rief noch einmal: „Bravo!“ Dann verschwand das Gesicht.

Die Zeugen blickten den Rumpf des Dichters an, der am Block kniete. Der Halsstumpf spie in der Mitte Blut aus, stoßweise, wie ein verkümmerndes Springbrünnchen, trieb große rosa Blasen.

Der Kopf lag einen Meter weit entfernt schmal und blaß in der Mitte des Kastens. Die Augen glänzten noch blau.

Der Helfer griff mit beiden Händen nach dem Kopf, zog eine langsam wieder zurück, faßte so spitz wie möglich nur das Ohr und hob den schweren Kopf daran hoch, legte ihn an die Stirnwand des Kastens. Der andere Helfer schleppte den Rumpf herbei. Zusammen paßten sie Schnittfläche an Schnittfläche, daß ein blutiger Schaumkranz hervorquoll und der Dichter wieder ganz war.

Der Staatsanwalt setzte zuerst den Zylinder auf. Dann zogen alle schweigend die Zylinder voreinander, verbeugten sich tief.

Sie verließen einzeln die Richtstätte.

Gedruckt
in der Roßberg’schen Buchdruckerei
in Leipzig

Leonhard Frank

Die Räuberbande
Roman
25. Tausend. In Leinen M. 6.—

„Mit Recht hat dies Buch den Ruhm des Verfassers begründet. Die Sachlichkeit der Darstellung steht in feinem Gegensatz zur Romantik des Geschilderten; die viel verzweigten Empfindungen der heranwachsenden Seelen, die Ärmlichkeit der Umgebung und die Bewegtheit des Stadtbildes sind in wunderbaren Zusammenklang gebracht. Am plastischsten wirkt die Gestalt des Oldshatterhand, fast wie ein Brückenheiliger weist sie bedeutungsvoll in höhere Sphären hinüber.“

Der Deutsche Buch-Club

Das Ochsenfurter Männerquartett
Roman
20. Tausend. In Leinen M. 6.—

„Von allen meinen Büchern wurde am ungerechtesten behandelt ‚Das Ochsenfurter Männerquartett‘. Es ist mein schönstes Buch. Es ist das am wenigsten gekaufte meiner Bücher. Die Schuld liegt wahrscheinlich an mir selber: die Buchhändler erklären, der Titel sei schlecht und schrecke die Frauen ab. Sie wissen nicht, daß Kenner von diesem heiteren Buch sagen, es enthalte die schönste Liebesgeschichte der modernen Literatur.“

Leonhard Frank

Die Ursache
Drama in vier Akten
Geheftet M. 2.50, gebunden M. 3.—

Karl und Anna
Schauspiel in vier Akten
Geheftet M. 2.50, gebunden M. 3.50

Im Insel-Verlag zu Leipzig