1
Zwei Wochen später wurden bei der Regierung in Jalapa von der Condor Oil Company die Verkaufsakten der Rosa Blanca zur Bestätigung eingereicht. Der Besitzwechsel wurde in die Register eingetragen. Die Aktien bestanden aus einem Verkaufskontrakt in Höhe von vierhunderttausend Dollar, für welchen Betrag die Company die Stempelmarken, die Steuern und die Registrierung bezahlte. Der Kontrakt war unterzeichnet von Hacinto Yanyez, dem ersten Vizepräsidenten der Condor Oil Company, zwei Zeugen und einem Syndikus. Dem Kontrakt lag ein Affidavit, eine eidesstattliche Urkunde, eines amtlich vereideten amerikanischen Notars bei, der den Verkauf und die Zeichnung der Unterschriften bestätigte. Alle Dokumente waren ordnungsmäßig von dem mexikanischen Konsul in San Francisco beglaubigt, gleichfalls waren die Übersetzungen in das Spanische von ihm beglaubigt worden. Er hatte ja nichts weiter zu beglaubigen als die Unterschriften und die amtliche Befugnis jenes Notars.
Streng nach dem Gesetz hätte freilich der Verkauf in der Office des mexikanischen Konsuls und im Beisein von mexikanischen Konsularbeamten stattfinden müssen, um unantastbare Gültigkeit zu haben. Aber das Affidavit des Notars kann wohl unoffiziell bezweifelt werden, kann jedoch amtlich und offiziell nie bestritten oder gar angegriffen werden, ohne zu diplomatischen Auseinandersetzungen zu führen, die man bei einem solchen Objekt gern vermeidet, um so mehr als der Vizepräsident der Company, seine zwei Zeugen, der Syndikus und der Notar in jeder Hinsicht ehrenhafte und achtbare Bürger sind, die in vorzüglichem Rufe stehen und – eine wichtige Sache – politischen Einfluß haben. Ein ganz leiser Zweifel nur an ihrer Rechtschaffenheit kann zu sehr unangenehmen und peinlichen Folgerungen führen.
Also sind die Dokumente gut und werden ohne Bedenken als vollwertige Dokumente registriert.
2
Nach der Registrierung verging ein Monat.
Dann trafen auf der Rosa Blanca die Ingenieure der Company ein, um zu vermessen.
Es kam sofort zu Streitigkeiten auf der Hazienda.
Der älteste Sohn des Hacinto und Senjora Yanyez, die Frau des Hacinto, widersetzten sich dem Herumwühlen der Ingenieure. Die Männer, die auf der Hazienda wohnten, kamen alle herbei, und wären die Ingenieure nicht schnell wieder abgezogen, so wäre es zu bösen Gefechten gekommen.
Die Ingenieure behaupteten, die Company habe die Hazienda gekauft. Das bestritten der Sohn, die Frau, Margarito und alle Männer. Denn jeder wußte, daß Hacinto die Hazienda niemals zu verkaufen gedachte. Die Ingenieure hatten keine Abschriften der Dokumente bei sich, und so konnten sie freilich nichts anderes tun, als wieder abreisen.
3
Die Company telegraphierte an die Regierung nach Jalapa und ersuchte um militärischen Schutz bei der Übernahme der Hazienda.
Jetzt erfuhr der Gouverneur von der Angelegenheit zum ersten Male; denn mit der Registrierung der Dokumente hatte er ja nichts zu tun. „Da ist etwas nicht in Ordnung“, sagte er als erstes Wort zu seinem Sekretär. Er ließ sich sofort die Akten bringen, sah sie aufmerksam durch und sagte dann: „Die Dokumente sind richtig, haben Siegel und Zeichnung unseres Konsuls. Aber ich verstehe nicht den Yanyez. Er dachte gar nicht daran, zu verkaufen. Freilich ist der Betrag nun in vierhunderttausend Dollar bezahlt, während früher Don Hacinto nur vierhunderttausend Peso geboten waren. Das ist immerhin ein so gewaltiger Unterschied im Preise, daß dieser Unterschied wohl für Don Hacinto entscheidend gewesen sein mag. Was kann man wissen, was die Burschen ihm sonst noch versprochen haben.“
Er sandte die Akten wieder zurück in das Registeramt.
Einige andere Dinge kamen dazwischen. Als er damit durch war, stand er auf, zündete sich eine Zigarette an, ging zum Tische des Sekretärs im Nebenraum und redete zu ihm in einer Weise, als wollte er durch das Reden seine Gedanken ordnen und in eine bestimmte Richtung leiten.
„Dennoch verstehe ich nicht“, der Sekretär wußte noch nicht, daß der Gouverneur unausgesetzt an den Fall der Rosa Blanca gedacht hatte, während er andere Dinge erledigte, „dennoch verstehe ich nicht“, wiederholte der Gouverneur, „warum da militärischer Schutz nötig ist. Wenn er die Hazienda verkauft hat und für eine so hohe Summe, warum übergeben die Leute denn die Hazienda nicht? Ist er selbst denn nicht da, noch nicht zurückgekehrt?“
Ihm fegte ein Gedanke so heftig das Hirn, daß er erschrak.
In nervöser Hast kommandierte er dem Sekretär: „Sofort amtliches Telegramm zur Telegraphen- oder Telephonstation nächst zur Rosa Blanca, daß ich ältesten Sohn und wennmöglich Senjora Yanyez ebenfalls sofort mit raschester Gelegenheit hier zu sehen wünsche mit Briefen oder Telegramm versehen, die sie etwa von Don Hacinto empfangen haben sollten, während er in San Francisco war. Don Hacinto soll mitkommen, falls er inzwischen eingetroffen ist. Ich bin überzeugt“, sagte der Gouverneur in einem andern Ton, um anzudeuten, daß dies nicht für das Telegramm bestimmt sei, „Don Hacinto ist nicht auf der Hazienda, sonst könnten da keine Auseinandersetzungen sein. Aber wo ist er denn dann?“
„Vielleicht macht er sich gute Tage in San Francisco mit dem vielen Geld“, sagte der Sekretär lachend.
„Das ist möglich. Aber ich glaube es nicht. Ein paar Tage ja, vielleicht. Man kennt ja einen Menschen nicht wieder, wenn er plötzlich viel Geld in die Hand bekommt.“
Darauf sagte der Sekretär: „Kann sein, daß er sich einen guten Ranch ansieht, um sich dort anzukaufen, in California.“
„Kann auch sein“, gab der Gouverneur zur Antwort. „Aber es scheint, seine Leute hier haben von ihm gar keine Nachricht, nicht einmal eine Nachricht von dem Verkauf. Merkwürdig ist es auf alle Fälle.“
Abermals kamen andere Dinge zur Office, die der Gouverneur zu bearbeiten hatte.
Es schien, daß er den Fall nicht los wurde aus seinen Gedanken. Denn als er um vier Uhr des Nachmittags zurückkam zur Office, sagte er zu seinem Sekretär: „Da ist doch das Affidavit in den Akten. Wozu in aller Welt ist denn da ein Affidavit nötig? Ist doch gar nicht nötig.“
„Das scheint mir aber doch nötig zu sein“, warf der Sekretär ein. „Da der Verkaufskontrakt nicht auf dem mexikanischen Konsulat abgeschlossen wurde, wie es hätte eigentlich geschehen müssen, so haben die Kontrahenten als Ersatz hierfür das Affidavit eines amtlichen Notars eingesetzt. Vielleicht war der Konsul nicht anwesend.“
„Dann ist doch eine Vertretung auf dem Konsulat“, sagte der Gouverneur.
„Schon“, meinte der Sekretär, „aber vielleicht hatte die Vertretung nicht so weitgehende Vollmachten.“
Der Gouverneur schüttelte den Kopf: „Bei Abschließung eines so wichtigen Kontraktes, der sich auf Besitzwechsel in einem fremden Lande bezieht, insbesondere wo ein Besitzwechsel aus den Händen eines Staatsbürgers in die Hände eines Fremden in Frage kommt, kann man auch einige Tage warten, bis der Konsul zurückkommt, oder sie konnten nach Los Angeles reisen, um dort auf dem Konsulat den Verkauf abzuschließen.“
„Aber die Company ist in San Francisco ansässig“, wandte der Sekretär ein. „Für die Company ist das mexikanische Konsulat in San Francisco zuständig.“
„Die Company wollte ganz sicher gehen, darum das Affidavit des Notars“, sagte der Gouverneur. „Aber wenn sie so sicher gehen wollte, war das Sicherste, zu unserm Konsul zu gehen und dort den Kontrakt in seinem Beisein abzuschließen. Warum die Vertragsschließenden das vermieden haben, unsern Konsul aufzusuchen, ist ja eben gerade das, was mir so merkwürdig erscheint.“
„Aber, Senjor Gouverneur“, sagte der Sekretär, „erlauben Sie, bitte, unser Konsul hat die Dokumente bestätigt.“
„Was hat er denn bestätigt? Was denn? Er hat die Richtigkeit der Unterschriften der Personen bestätigt, die ihm persönlich bekannt zu sein scheinen, nach dem, was in seiner Bestätigung gesagt ist. Er hat ferner bestätigt, daß der Notar, der das Affidavit ausgestellt hat, ein Public Notary, ein amtlich vereideter öffentlicher Notar ist, dessen Amt und Befugnis zu Recht bestehen. Weiter nichts. Aber es bleibt mir nichts anderes übrig. Also dann, weiteres Telegramm an die Condor Oil, daß militärischer Schutz vorbereitet werde und, wenn notwendig, in wenigen Tagen zur Verfügung stehe. Solange der Kontrakt nicht bezweifelt werden kann, hat die Company alle Rechte auf ihrer Seite.“
4
Einige Tage später kamen der Sohn und die Frau des Hacinto nach Jalapa. Sie wurden sofort vom Gouverneur gerufen.
Er kannte beide Leute persönlich von seinem Besuch auf der Rosa Blanca her.
Sie sahen beide sehr verhärmt aus. Trugen ihre Sorgen und ihre schlaflosen Nächte offen auf dem Gesicht.
Der Gouverneur war herzlich zu ihnen. Er ließ sie fühlen, daß sie Vertrauen zu ihm haben durften.
Bot dem Sohne Zigaretten an und der Frau Schokolade aus einem Karton, den er aus einem Schubfache seines Schreibtisches zog.
Als er ihr den Karton reichte, damit sie sich einige Stücke herausnehmen sollte, begann er zu lächeln und sagte: „Entschuldigen Sie, Donja Concepcion, Sie rauchen lieber auch Zigaretten. Hier, bitte, versuchen Sie diese.“ Er reichte ihr sein ledernes Zigarettentäschchen, und die Frau nahm eine Zigarette heraus, lächelnd unter Tränen, die ihr dick in den Augen standen.
„Wo ist Don Hacinto?“ fragte der Gouverneur.
„Das wissen wir nicht“, sagte die Frau. „Wir machen uns so viel Sorge, was mit ihm geschehen sein kann. Seit er mit dem Amerikaner fortgereist ist, haben wir nichts mehr von ihm gehört.“
„Er hat die Rosa Blanca an die Company verkauft.“
„Das ist eine Lüge“, schrien beide, die Frau und der junge Mann. „Das hat er nicht getan. Er verkauft die Rosa Blanca nicht für hunderttausend Millionen Peso“, setzte die Frau allein hinzu.
Der Gouverneur nahm die Dokumente zur Hand, die er sich hatte bringen lassen, und reichte sie der Frau: „Hier sind die Verkaufsakten, Donja Concepcion.“
Die Frau überflog den Inhalt, ohne eigentlich zu lesen. Sie kam zu den Unterschriften und schrie: „Das hat Hacinto nicht geschrieben, diesen Namen.“
Der Gouverneur fragte rasch: „Warum glauben Sie, Don Hacinto hätte das nicht geschrieben?“
„Einfach, einfach“, schrie die Frau erregt, „er kann ja gar nicht schreiben. Nicht einen einzigen Buchstaben kann er schreiben.“
Der Gouverneur sprang auf, und der Sekretär schrie: „Gouverneur.“
Für einen Augenblick sagte niemand etwas.
Der Gouverneur sah Senjora Yanyez an in einer Weise, als sähe er sie nicht.
Dann sprach die Frau erregt: „Er kann ja gar nicht schreiben, der Hacinto. Hat es nie gelernt. Kann auch nicht lesen. Alles, was zu schreiben ist auf der Hazienda, das schreibe ich. Ich habe es in der Schule gelernt. Bin sieben Jahre in die Escuela Mixta, in die gemischte Schule in Tuxpam gegangen. Jetzt schreibt alles der Domingo hier, den wir auch in die Schule geschickt haben. Aber Hacinto kann nicht schreiben.“
„Also Hacinto kann nicht schreiben“, sagte der Gouverneur und setzte sich wieder.
Die Frau, die noch immer die Dokumente in der Hand hielt, blickte wie verloren noch einmal über die Unterschriften, sah auch die Unterschrift der Quittung, verglich beide Unterschriften und sagte dann: „Außerdem, Senjor Gouverneur, ist der Name falsch geschrieben. Wir schreiben unseren Familiennamen nicht mit einem Y in der Mitte, sondern mit einem N und mit einer Tilde darüber. Nur am Anfang schreiben wir den Namen mit einem Y, in der Mitte nicht.“
Der Gouverneur nahm die Dokumente der Frau aus den Händen, sah gleichfalls auf die Unterschriften und sagte: „Das ist richtig. Ist mir zuerst gar nicht aufgefallen. Die Amerikaner schreiben Yanyez in der Mitte mit einem Y, weil sie kein N mit Tilde haben. Aber Mexikaner schreiben den Namen nie in der Weise. Wunder, daß dies dem Konsul nicht aufgefallen ist.“
„Kein Wunder“, mischte sich der Sekretär ein, „daß es dem Konsul nicht aufgefallen ist. Es kann jedermann seinen Namen schreiben, wie es von seinem Vater übernommen wurde. Auf die Schreibung von Namen finden die Regeln der Orthographie keine Anwendung. Und ob der Name so oder so geschrieben wird, er bleibt in der Aussprache ja immer der gleiche.“
„Hören Sie nun gut zu, Donja Concepcion“, sagte der Gouverneur freundlich zu Senjora Yanyez. „Wir werden sofort eine Untersuchung darüber einleiten, was hier an der Sache richtig und was unrichtig ist. Ich darf Ihnen hier amtlich nicht sagen, was ich denke; denn die Dokumente sind gesetzlich einwandfrei, ganz gleich, was dahinter an Unrichtigkeit verborgen sein mag. Ich bin verpflichtet als Gouverneur, die Dokumente als zu recht bestehend anzuerkennen, und ich bin verpflichtet, dem, der auf Grund dieser Dokumente das Recht hat, sich Besitzer zu nennen, zu seinen Rechten zu verhelfen. Wenn nicht anders, dann mit militärischer Gewalt.“
„Das heißt also“, sagte Senjora Yanyez erschreckt, „daß wir die Hazienda nicht mehr besitzen, daß wir und alle Leute herunter müssen von unserm Land.“
„Das ist richtig, Donja Concepcion. Die Company ist augenblicklich im Vorteil. Da können wir nichts tun. Die Company kann auf Grund der Dokumente hier die amerikanische Regierung anrufen, und die amerikanische Regierung wird dann auf diplomatischem Wege unsere Regierung zwingen, die Hazienda an den neuen Besitzer zu übergeben und ihn in jeder Weise in seinen Rechten zu unterstützen, selbst gegen ihre eigenen Bürger. Wenn Sie, Donja Concepcion, ähnliche Dokumente vorweisen können auf eine Hazienda, die in den Staaten ist, dann müßte Ihnen die amerikanische Regierung dort oben genau so gut helfen wie unsere Regierung den amerikanischen Bürgern hier in Mexiko helfen muß, wenn einwandfreie Dokumente die Besitzrechte klarstellen. Das sind internationale Rechte, die hier walten. Und nur dann, wenn wir in der Lage sind, zu beweisen, daß die Dokumente auf ungesetzliche oder gar verbrecherische Weise erlangt wurden, daß also die Dokumente den wirklichen Tatbestand unrichtig wiedergeben, können wir eingreifen und die Besitzübernahme vertagen, bis eindeutig und unzweifelhaft der wirkliche Besitzer festgestellt ist. In einem solchen Falle würde derjenige im Besitz und in der Nutznießung der Hazienda bleiben, der sie augenblicklich im Besitz hat. Das wären also Sie und Ihr Sohn. Aber wir können Sie nicht in dem Besitz lassen, weil bis jetzt die Dokumente als echt angesehen werden müssen. Klar gesagt, die Dokumente an sich sind echt. Wir, aber nur wir hier, bezweifeln die Echtheit der Unterschrift des Don Hacinto. Daß diese Unterschrift unecht ist, müssen wir erst beweisen.“
„Aber Hacinto kann doch nicht schreiben“, wiederholte die Frau eigensinnig.
„Das weiß ich, Senjora. Aber wir müssen es beweisen. Und das ist schwer.“
„Schwer?“ rief die Frau erstaunt aus. „Schwer, wenn ich alles schreiben mußte, weil er nicht schreiben konnte?“
„Es kann ihm ja jemand die Hand geführt haben, Donja Concepcion. Wir wissen das jetzt noch nicht.“
Daran hatte Senjora Yanyez nicht gedacht. Sie sah alle Hoffnungen, die aufgekeimt waren, schwinden.
„Sie müssen bedenken, Senjora“, sagte der Gouverneur, „daß die Unterschrift und der Verkaufsabschluß von mehreren Zeugen bestätigt worden sind. Alles Leute, die in angesehenen Stellungen sind.“
„Diese Leute sind Betrüger“, schrie Senjora Yanyez.
„Sie dürfen das sagen, ich nicht. Der Kontrakt und die Unterschriften sind außerdem amtlich bestätigt von einem vereideten Notar.“
„Alle Notare und Licenciados sind Betrüger“, sagte die Frau.
„Mag sein“, lachte der Gouverneur. „Aber wenn ich oder unser Konsul in San Francisco sagen, der amerikanische Notar ist ein Schwindler, so kann das sehr wohl zu einem Kriege zwischen unserm Lande und den Staaten führen. So schlicht läßt sich die Angelegenheit nicht zu Ihren Gunsten lösen. Leider nicht. Ich glaube nicht, daß Hacinto die Rosa Blanca verkauft hat. Das ist sicher. Aber was ich glaube, das gilt amtlich nicht. Ich komme also zu dem, was ich Ihnen nun sagen muß, Donja Concepcion. Es tut mir wehe, es Ihnen sagen zu müssen, aber es ist meine Pflicht als Gouverneur. Die Company ist im nominellen Besitz der Hazienda. Sie müssen ihr weichen, und alle Leute müssen hinaus. Da ist nichts dagegen zu tun. Wenn ein Betrug vorliegt und wenn wir den Betrug beweisen können, dann erhalten Sie die Rosa Blanca zurück mit allem Schaden ersetzt, den Sie materiell erlitten haben. Aber augenblicklich sind Sie im Nachteil. Ich werde mich sofort mit der Company in Verbindung setzen, und ich werde versuchen, die Company zu bewegen, daß Sie und so viele Familien wie möglich auf der Hazienda bleiben dürfen, bis sie alle die Ernte herein haben. Die Company beginnt wohl nicht gleich an allen Stellen zur selben Zeit zu bohren, so daß genügend Raum offen bleibt für Sie und für zahlreiche andere Familien.
„Aus allen den Gründen, die ich Ihnen sagte, möchte ich Sie bitten, den Ingenieuren keine Schwierigkeiten dort zu bereiten. Die Ingenieure sind ganz und gar schuldlos. Die sind Arbeiter, die von der Company bezahlt werden und darum tun müssen, was die Company ihnen befiehlt. Wollen Sie mir versprechen, Donja Concepcion, und auch Sie“ – er wandte sich an den Sohn –, „meiner Bitte zu folgen und den Besitzwechsel vorläufig anzuerkennen?“
„Den Besitzwechsel erkennen wir nicht an, nie, niemals“, rief die Frau erregt. „Wir haben auch nicht einmal das Geld. Nur wenn mir Hacinto selbst sagt, daß er die Hazienda verkauft hat, dann will ich es gern glauben, auch wenn man ihm alles Geld gestohlen hat. Aber so lange mir das Hacinto nicht selbst gesagt hat, erkenne ich nichts an und glaube ich nichts und behaupte, das ist ein infamer Betrug der Gringos, die unsere Hazienda haben wollen.“ Sie schwieg.
Der Gouverneur sah sie ruhig an, ohne ein Wort zu sagen.
Und unter dem Blick des Mannes, der so freundlich und so klar zu ihr gesprochen hatte, der ihr Gast gewesen war und dort in ihrem Hause so fröhlich gewesen war, begann sie sich zu beruhigen, als säße sie ihrem Vater gegenüber, der ihr nur Gutes wollte.
Sie schluckte einige Male, als ob sie aufkommende Tränen unterdrücken müßte oder Worte, die sie nicht sagen wollte.
Dann, noch immer unter dem ruhigen Blick des Gouverneurs stille haltend, sagte sie endlich ganz leise: „Gut, Senjor Gobernador, die Ingenieros mögen kommen und arbeiten, so viel sie wollen. Ich werde allen Leuten sagen, daß man sie in Ruhe läßt.“
Der Gouverneur stand auf, ging um seinen Tisch herum, kam zu der Frau, ergriff langsam ihre Hände wie einem Kinde, schüttelte die Hände, und endlich küßte er sie. Dann sagte er ebenso leise, wie die Frau gesprochen hatte: „Ich danke Ihnen, Conchita“ – Conchita ist der Kosename für Concepcion –, „ich danke Ihnen, daß Sie mir mein Amt erleichtern. Vergessen Sie nicht, daß Sie einen Freund in mir haben. Nicht nur als Gouverneur, sondern mehr als Ihr Freund und als der Freund Hacintos, verspreche ich Ihnen, daß ich mit allen Kräften arbeiten werde, die Wahrheit herauszufinden. Und ich verspreche Ihnen, daß, wenn ich die Wahrheit gefunden habe, daß dann die Weiße Rose nicht umsonst gebrochen wurde. Wenn sie auch vielleicht nicht mehr blühen kann in ihrer Schönheit, so soll sie doch nicht verwelken, nimmer verwelken. Sie soll eine Frucht tragen, die reifen wird. Und der Beginn der Reife soll der Anfang sein der Befreiung des Landes und seiner Bürger, damit wir ein Land besitzen, in dem eine jede Rose, ob weiß, oder rot, die Freiheit haben soll, zu blühen so schön sie will und so lange sie mag.“
Die Frau verstand seine Worte nicht. Aber sie fühlte ihren Sinn, und sie trug ihn in ihrem Herzen gleich dem ewigen Glauben der Menschen an eine endliche Erlösung aus aller Pein.