WeRead Powered by ReaderPub
Die Weiße Rose cover

Die Weiße Rose

Chapter 116: 2
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The narrative explores the dynamics of the Condor Oil Company, a prominent yet not the most powerful American oil corporation operating in Mexico. It examines the company's insatiable appetite for growth and influence, likening its operations to those of a state in terms of organization and strategy. The text delves into the competitive landscape of the oil industry, highlighting the methods and motivations that drive such corporations to seek dominance in the international market. Through this lens, it reflects on the broader implications of capitalism and the relentless pursuit of power.

14

1

uf der Hazienda Rosa Blanca arbeiteten die Ingenieure nun mit voller Kraft.

Die Maisfelder, Zuckerstauden, Orangen- und Zitronenbäume wurden niedergemacht, um Platz zu schaffen für die Bohrtürme. Eine Straße wurde geschlagen und geebnet, um auf den schweren Lastautozügen das Material, die Dampfkessel und Maschinen heranzufördern. Jede Familie, die so kurzerhand von ihrem Feld herunter und aus ihrer Hütte heraus mußte, erhielt von den Ingenieuren je zweihundertfünfzig Peso ausbezahlt, um ihren Abzug zu beschleunigen. Das Abstandsgeld, das gleichzeitig als das Abstandsgeld für den Verlust der reifenden Ernten galt, wurde in silbernen Ein-Peso-Stücken ausbezahlt, damit es recht viel aussehen sollte und damit mit diesem Silberhaufen der Schmerz um die sterbende Heimat gelindert und kuriert werden sollte. Es dauerte nur wenige Tage, dann mußte auch die Familie des Don Hacinto die Hazienda verlassen.

Die Ingenieure waren gutmütig. Sie sahen das Weh der Menschen, die von ihren Urwurzeln gerissen wurden. Und um ihnen gefällig zu sein und ihnen zu zeigen, daß sie keine Schuld an diesem Zerbrechen einer Heimat trugen, fuhren sie mit den leer zurückgehenden Autos die Habe der Familien dort hin, wohin die Leute zu wandern gedachten.

Die Compadres brachten ihre Familien in kleine Orte, die nahe ihrer verlorenen Heimat lagen, weil die Männer alle in dem neu aufgelegten Kamp gutbezahlte Arbeit erhielten. Sie bekamen vier Peso und vier Peso fünfzig den Tag.

Der Mestize Frigillo hatte die Kommission für die Anwerbung dieser Leute bekommen. Nie vorher hatte er eine so leichte und angenehme Kommission in seinem Leben gehabt. Er brauchte nicht zu reisen, um Leute zu suchen, brauchte deren Reisegeld nicht zu bezahlen, und er hatte überhaupt keine Mühe. Denn alle Leute waren gleich zur Hand, weil sie ja nicht wußten wohin und weil sie noch froh waren, so schnell ein anderes Einkommen zu finden, nachdem ihnen die Ernten, gegenwärtige und zukünftige, genommen waren.

Die Familie des Don Hacinto siedelte sich in Tuxpam an. Sie hatte für Haus und Ernte eine Abstandssumme von zweitausend Peso bekommen. Die Frau wollte das Geld nicht annehmen. Aus Stolz. Sie wollte kein Geld von Räubern und Mördern in Händen haben, wie sie sagte. Aber der Sohn war vernünftiger. Er wußte, daß die Mutter, die ja nicht mehr jung war, und auch die jüngeren Geschwister das Geld gut gebrauchen konnten. Und so nahm er das Geld in Empfang und gab es seiner Mutter, als sie in Tuxpam eine kleine Tienda, einen kleinen Kramladen, kauften, damit die Mutter eine Beschäftigung und ein kleines sicheres Einkommen haben möge.

Er selbst, der Sohn, arbeitete eine Zeitlang als Kolonnenführer in dem neuen Kamp. Die Ingenieure, immer darauf bedacht, zu lindern und zu heilen, wo sie nur konnten, lernten ihn nach einigen Wochen als Chauffeur an, und Domingo fuhr die Material-Autos von Tuxpam zum Kamp. Er bekam nun zehn Peso den Tag. Da er sehr anstellig und willig war, lernten ihn die Ingenieure zum Tooldresser an, wobei er fünfzehn Peso den Tag verdiente. Er ist später noch höher hinaufgerückt und wurde endlich ein geschickter Driller, als der er fünfhundert Dollar Americano den Monat verdiente und gute Prämien erhielt für jeden einkommenden Brunnen, den er gebohrt hatte.

2

Der Erzähler dieser Geschichte hat nicht die Absicht, falsche Sentimentalitäten zu erzeugen und stimmungsvolle Wirkungen zu erzielen, damit der Zuhörer von einer schönen und rührenden Geschichte sprechen kann, die von dem Knicken eines zarten Rösleins handelt. Darum sei der Wahrheit gemäß mitgeteilt, daß nicht nur die Ingenieure, sondern auch das Direktorium der Condor Oil Company gut halfen, die ehemaligen Bewohner der Hazienda wenigstens in materieller Weise den Verlust ihrer Heimat weniger hart fühlen zu lassen. Und es sei ferner, der Wahrheit folgend, hier gesagt, daß viele der Männer, wenn nicht vielleicht alle, sich nach wenigen Wochen so gut in die neuen Verhältnisse hineinfanden, daß sie wohl bald kaum noch bereit gewesen wären, ihr neues Leben gegen das frühere zu vertauschen. Sie alle trugen jetzt gute Kleider, alle trugen jetzt Schuhe und Stiefel, auch die Frauen, alle Kinder besuchten die Schule, und die Frauen arbeiteten weniger hart als vorher. Und alle Leute ohne Ausnahme, insbesondere die Kinder, lebten jeden Tag mehr und mehr modernen hygienischen Grundsätzen gehorchend.

Materiell betrachtet waren alle Betroffenen jetzt besser für das Leben im allgemeinen gerüstet als vorher. Sie waren nicht mehr nur die Bewohner eines kleinen Fleckchens Erde, wo sie nichts weiter von der Welt und anderen Menschen wußten, als soweit ihr Auge den Horizont sah. Sie wurden mehr und mehr Menschen, die bewußt in einer großen Welt lebten, in einer größeren Heimat, in der mexikanischen Republik. Sie fühlten die Größe der Welt und den Umfang menschlichen Zusammenarbeitens über die ganze Erde hinweg. Ihre Feinde waren früher die Nachbarn auf der zweitnächsten Hazienda gewesen. Aber diese Feindschaft verschwand mit dem Wachsen in eine größere Welt hinein. Sie fühlten ganz leise das erste Keimen jenes Gedankens, daß alle Menschen auf der Erde eine Einheit sind, alle eine große Bruderschaft bilden. Sie sahen in den Filmen, die eifrige geschäftstüchtige Unternehmer in den Kamp-Orten vorführten, was andere Menschen, weit entfernt von hier, taten, wie sie handelten, wie sie dachten, wie sie arbeiteten, wie sie liebten, wie sie ihre Kinder behandelten, wie sie betrogen und schwindelten. So sahen sie, daß andere Menschen nicht so sehr verschieden von ihnen selbst waren. Und das verstärkte das brüderliche Band zu anderen Menschen und anderen Völkern. Sie hörten dem Radio zu, das von den amerikanischen Ingenieuren und Ölleuten in die Kamps gebracht wurde. Sie hörten Musik und Worte aus anderen Ländern, hörten die Reden des Präsidenten der Republik, hörten die Reden von Ärzten, Lehrern, Instruktoren, Künstlern, Gesundheitsinspektoren, die im Auftrage der mexikanischen Regierung die Mission zu erfüllen hatten, Kenntnisse und Wissen und guten Rat in die fernsten Gegenden der Republik zu tragen. Sie trafen mit anderen Arbeitern zusammen, die aus anderen Staaten der Republik kamen, die viel gesehen und viel erlebt hatten. So eröffnete sich vor den körperlichen und vor den geistigen Augen dieser Leute eine ganz neue Welt, von deren Existenz sie nie etwas vorher gewußt hatten. Eine Welt, die ihnen einst fern geschienen hatte wie ein Planet im Weltall. Und jetzt sahen sie jene ferne Welt, lebten in ihr, lebten mit ihr, verstanden sie mehr und mehr und fühlten sich bald als Glieder jener neuen größeren Welt, nicht als geduldete, sondern als berechtigte und notwendige Mitbewohner jener neuen Welt. Denn sobald sie sich erst einmal hier in dieser großen Welt ein wenig mehr zurechtgefunden hatten, lernten sie, daß man sie in jener großen Welt gebrauchte, daß sie notwendig waren, auch wenn sie nur eiserne Rohre heranschleppten und dabei halfen, diese Rohre einzuheben in die Bohrlöcher. Diese Arbeit war wichtig, denn wenn niemand die Rohre ablud und heranschleppte, so konnten die Automobile kein Gasolin bekommen und sie konnten nicht fahren. So fühlten sie auch bald heraus, aus gutem echtem Naturinstinkt, daß sie ebenso wichtig in dieser großen Welt waren wie die Ingenieure und Bohrer. Sie hatten eine schöne Heimat verloren, eine liebe Heimat, von der sie einst glaubten, daß sie ihren Verlust nicht überleben könnten. Aber als sie zu sehen lernten und als sie begannen aufzuwachen aus ihrer Benommenheit, aus ihren kleinen uralten Gewohnheiten, erkannten sie, daß sie an Stelle der kleinen, engen Heimat eine größere gewonnen hatten, die auch ihre Schönheiten hatte. Und während die alte kleine Heimat immer zu bleiben schien, was sie war, so war die neue größere Heimat von anderer Art. Die neue Heimat stand nicht still am Horizont. Sie wuchs und wuchs, wuchs mit jedem Tage neuer Erkenntnis zu einer immer größeren Heimat, die keine Grenze zu haben schien, die alle Menschen, alle Länder, alle Gedanken, die gedacht wurden, umfaßte. An Seele freilich war viel mit dem Untergang der ehemaligen kleinen Heimat verlorengegangen. Vieles sah nun häßlich aus. Vieles fehlte ihnen, was sie einst reich machte in ihren Empfindungen, in ihrer stillen natürlichen Freude.

Früher, in ihrer kleinen Heimat, hatten sie reiche seelische Empfindungen gehabt, aber es fehlte ihnen die Gabe, jene Empfindungen richtig und klar auszudrücken und im Austausch mit anderen Leuten die eigenen schönen Empfindungen zu vertiefen und zu erweitern.

Jetzt waren die seelischen Empfindungen oft weniger reich, aber sie lernten mehr und mehr, diese Empfindungen in Worten anderen Menschen klarzumachen und aus den Worten ihrer Mitmenschen, die wieder über deren eigene Empfindungen und Erfahrungen sprechen konnten, neue Schätze gewinnen, wodurch der Verlust früherer schöner Empfindungen durchaus wettgemacht wurde. Es kam natürlich auch hier, im Verkehr mit anderen Menschen, rohen, empfindungslosen, gedankenfaulen Menschen, oft manches Häßliche und Böse in ihr Leben. Aber wer es abzuschütteln verstand, wer genügend Robustheit aufbrachte, die harten Ellbogenstöße mancher rohen Mitmenschen nicht zu beachten, den traf das Häßliche weniger, und er nahm nur teil an dem, was gut und schön war.

Als Ganzes gesehen und vorurteilslos betrachtet, jede törichte Sentimentalität ausschaltend, darf mit Gewißheit gesagt werden: Die Menschen hatten viel verloren und bei dem Verlust viel gewonnen. Und es kam ein Tag, Monate später oder Jahre später, aber der Tag kam, an dem alle mit Recht sagen konnten: Wir sind reicher geworden als wir waren; wir sind größer geworden als unsere Väter waren, denn wir sind heute Bürger der Erde, und was mehr ist, wir sind heute bewußt Bürger der Erde; wir sind bewußte Bürger der Erde, weil wir die Erde und die übrigen Menschen begreifen und mehr und mehr verstehen. Und weil wir mehr Menschen verstehen, darum ist unsere Liebe größer geworden. Was Größeres kann der Mensch auf Erden gewinnen, als daß seine Liebe größer wird!