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Die Weiße Rose

Chapter 125: 1
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About This Book

The narrative explores the dynamics of the Condor Oil Company, a prominent yet not the most powerful American oil corporation operating in Mexico. It examines the company's insatiable appetite for growth and influence, likening its operations to those of a state in terms of organization and strategy. The text delves into the competitive landscape of the oil industry, highlighting the methods and motivations that drive such corporations to seek dominance in the international market. Through this lens, it reflects on the broader implications of capitalism and the relentless pursuit of power.

16

1

ie Rosa Blanca war nun geworden Lote Nr. 119 bis Lote Nr. 176. Hier wurde gearbeitet. Hier wurde produziert. Hier wurden Milliarden gemacht, während das mexikanische Volk zu vertrotteln schien und sich die Köpfe zerschlug und die Leiber zerfleischte, damit hier in aller Ruhe und ohne die unbequeme Aufsicht der Regierung das reiche, schwarze bebende Blut der mexikanischen Erde, das Öl, in unerhörten Massen fortgeschafft werden mochte.

Was kümmerte sich der Mexikaner darum, daß die großen Companien in dieser Zeit des Bruderkampfes tun durften und taten, was sie nur immer wollten! Keine Konzessionen wurden geachtet, keine Verträge eingehalten, Recht und Unrecht verwischten sich. Was man nicht freiwillig bekam, wurde erzwungen durch Mord, durch Raub, durch Verschleppung. Der Mexikaner war den Companien wieder einmal gefällig, tat, was sie wollten. Er schlug sich mit seinen Brüdern herum, während die fremden Magnaten ihm ruhig und lachend und höhnend den letzten Fetzen Hemd vom Leibe zogen. Sein Land und die Wohlfahrt seines Volkes war dem Mexikaner nicht wichtig. Viel wichtiger war ihm, daß nicht Senjor X. Gouverneur war, und nicht Senjor Y. Präsident und nicht Senjor Z. Oberbürgermeister. Wer Gouverneur oder Präsident oder Oberbürgermeister werden sollte, das war ihnen auch gleichgültig. Wenn es nur der nicht war, der es augenblicklich gerade war. Sie waren noch nicht so reif geworden, um zu erkennen, daß sie mit ihrem Zerfleischen des eigenen Volkes nur die Werkzeuge der Magnaten waren. Sie glaubten große Patrioten zu sein, glaubten ihr Land zu befreien, und sie waren doch nur die Sklaven der fremden Kapitalisten. Denn wenn es zum Ende kam, bezahlten nicht die fremden Kapitalisten die Zeche, sondern wieder das mexikanische Volk.

2

So konnte es geschehen, daß die Rosa Blanca vergessen wurde und daß Lote Nr. 119 bis Lote Nr. 176 der Condor Oil Company Weltruf bekam. Rosa Blanca war jetzt verschmiert, verölt, verräuchert, verqualmt, verdreckt. Sie war erfüllt von dem Stöhnen, Ächzen, Dröhnen, Rattern und Fauchen der Maschinen, der Pumpen, der schweren Lastautomobile. In ihrem eintönigen ermüdenden Rhythmus rasselten die Bohrer auf und nieder, Tag und Nacht und Nacht und Tag. Die Driller wurden von ausschwenkenden Rohren erschlagen, die Tooldresser von fallenden Hebern zermalmt, die Hilfsleute wurden eingeholt von dem schweren Stahlkabel und stückweise aufgerädert auf das Seilrad. Aber die Bohrer rasselten auf und nieder, auf und nieder, Tag und Nacht und Nacht und Tag. Wer zerfleischt wurde, zählte nicht mehr mit und war sofort vergessen. Sofort war ein anderer da, der den Bohrer Gott bediente. Denn man zahlte dreißig Dollar den Tag dem Manne, der den Bohrer leitete, dem Driller. Und für dreißig Dollar den Tag muß man etwas wagen.

Es wurde mit einer Raserei gearbeitet, die bis dahin unerhört gewesen war. Die gute Zeit, daß sich die Mexikaner gegenseitig zersäbelten und zerschossen, mußte ausgenutzt werden. Niemand sah während dieser Zeit auf die Rechtsgültigkeit der Konzessionen und Kontrakte. Darum heraus mit allem Öl, das nur herausgeholt werden kann! Denn wenn sich die Mexikaner wieder vertragen, dann ist die schöne Zeit der Gesetzlosigkeit vorüber; dann können sogar die Kontrakte der Rosa Blanca nachgeprüft werden.

Darum heraus mit dem Öl!

Und die Compadres alle schleppten Rohre, und sie sahen aus wie in Ketten laufende Sklaven. Alles, alles sah so aus, wie Hacinto es einst in seiner Vision gesehen hatte.

3

Dann endlich kam der erste Brunnen auf der Rosa Blanca ein.

Hundertzwanzigtausend Hektoliter tägliche Produktion. Es wurde in die ganze Welt hinaustelegraphiert. Alle Welt hörte davon. Nur nicht die Mexikaner. Die kämpften darum, wer nicht Präsident sein sollte. Die hatten keine Zeit, Telegramme zu lesen und nachzusehen, was man mit ihrer Erde tat.

Vier Tage darauf kam der zweite Brunnen ein mit neunzigtausend Hektoliter täglicher Produktion. Und jeder Hektoliter, jedes Barrel, ein schöner grüner amerikanischer Dollar in die Taschen der Aktionäre der Condor Oil Company.

In derselben Woche der dritte Brunnen mit hundertzehntausend Hektoliter Tagesproduktion. Und so ging das nun jeden Tag. Hunderttausend Barrels, sechzigtausend, hundertzwanzigtausend, vierzigtausend.

4

Mr. Collins saß in seiner Office und las die Telegramme der einkommenden Brunnen. Die Brunnen schienen unter sich einen Wettlauf veranstaltet zu haben, wer von ihnen die höchste Zahl an Barrels produzieren könnte.

„Die Jacht des Königs von England für Betty?“ sagte Mr. Collins. „Nicht für mich. Nicht für Betty. Gegen die Jacht, die Betty jetzt bekommt, soll die Jacht des Königs von England aussehen wie ein ausgedientes Fischerboot.“

Er nahm das Telephon und sprach mit Betty. Redete sie an mit „My empress“. Fürstin genügte ihm nicht mehr. Darum erhob er sie zur Kaiserin. Ihm fehlte nur noch der Dom, in dem er sich zu krönen gedachte, sie zur Seite. Aber da fiel ihm ein, daß er den Baptisten eine Kirche versprochen hatte. Und es war schade, daß man sich in den Staaten nicht zum Kaiser krönen lassen kann. Nicht um seiner selbst willen, wohl aber Bettys wegen würde man ihm den Kaiser geglaubt haben.

Als er das Telephon absetzte, brachte seine erste Sekretärin, die Ida, eine Zeitung herein.

Sie hielt die Zeitung aufgeregt in der Hand und sagte: „News, Mr. Collins, große Neuigkeiten.“

Er fing sofort die fettgedruckten Lettern der Headlines

American Killed in Singapore Gambling House Accused of Having Cheated While Gambling

Mr. Collins sah Ida an. Was kümmerte ihn ein Amerikaner, der in Singapore wegen Falschspielens in einer Spielhölle von seinen Mitspielern erschossen worden war! Kam auch in Chicago vor und in New York und in San Francisco. Wenn er sich um solche Dinge kümmern sollte, dann könnte er zwanzig Stunden den Tag Zeitungen lesen. Er verstand Ida nicht. Seit wann interessierte sie sich denn für Sensationen der Reporter?

Als aber Ida sagte: „Lesen Sie nur den Text, Mr. Collins“, da nahm er die Zeitung wieder auf und flog über den Inhalt. Ah, well: Nach einer Schiffsgepäckkarte, die man in den Taschen des Erschossenen fand, ist der Amerikaner ein Mr. Abner aus San Francisco.

„Schade um diesen Mann!“ sagte Mr. Collins zu Ida in bedauerndem Tone. „Eigentlich schade um ihn. Für Öl war er ja nicht zu gebrauchen. Machte Dummheiten. Aber er hätte einen ganz vorzüglichen Präsidenten einer Stahl-Korporation machen können. Er hatte die Nerven dazu. Es fehlte ihm nur die Ruhe und etwas mehr Geschlossenheit des Charakters. Beweist sein Falschspielen.“

Dann hatte er ihn auch schon vergessen. Und für dauernd. Denn er fragte sofort: „Neue Cables da von Mexiko, Lote Nr. 119 und folgende?“

„Acht“, sagte Ida kurz und gab ihm die geöffneten Telegramme.

„Wieviel Tote?“ fragte er, während er die Telegramme rasch durchblätterte.

„Keiner“, sagte die Sekretärin.

5

Mit dieser kurzen Antwort offenbarte die Sekretärin, daß sie nicht mehr nur gerade eine übliche Sekretärin war. Sie war inzwischen mehr geworden. Sie war Öl geworden, dachte nur in Öl und verstand die Sprache des Öls in ihrer vollen Klarheit.

In dem Kamp Lote Nr. 119 bis Nr. 176 war die hetzende Arbeit immer rasender geworden. Die Prämien für den leitenden Driller, der einen laufenden Brunnen einbrachte, waren noch höher gesetzt worden, um die Leute zur wildesten Raserei anzuspornen. Der Driller gab von seiner Prämie allen übrigen Leuten, die an seinem Brunnen arbeiteten, Teile der Prämie ab. Er ließ leben. Aber nur die, die mit ihm rasten. Zeige dem Proletarier eine Zwanzigdollarnote, und er wird sofort Kapitalist. Du glaubst es nicht? Versuche es. Prämien wirken heute besser, als früher Peitschen halfen.

Wenn vier oder fünf Brunnen am gleichen Tage zu bohren begonnen wurden, dann erhielt derjenige Driller, der unter diesen gleichzeitig begonnenen Brunnen seinen Brunnen zuerst einbrachte, außer seiner üblichen Prämie noch eine Extraprämie von dreitausend Dollar. Auch die Company ließ leben. Leben und leben lassen. Aber bei dieser wahnwitzigen Raserei verging nun kein Tag mehr, ohne daß ein Peon oder zwei oder drei und vielleicht gar ein Tooldresser oder ein Driller obendrein auf dem Schlachtfelde des Öls blieben, die zahlreichen Verwundeten und Verkrüppelten nicht gerechnet. Und wenn wieder ein Mann zermalmt war oder ein anderer in eine sich twistende Schleife des Stahltaues geriet und ihm der ganze Körper zerbrochen wurde, als wäre er von einer Riesenschlange umzingelt worden, dann hagelte es nur so von teuflischen Flüchen, des Aufenthalts wegen, der die Prämie vermanschen konnte. Denn der Leichnam mußte ausgeschält werden, damit man weiter arbeiten konnte.

Und darum: Als Mr. Collins fragte: „Wieviel Tote?“, da dachte Ida, seine intelligente Sekretärin, auch nicht eine Sekunde lang daran, daß Mr. Collins gefragt haben könnte nach der Zahl der toten Männer, die jene acht Brunnen wieder gekostet hatten.

Sie verstand sofort, daß er nur wissen wollte, wieviel tote, also wieviel nicht produzierende Brunnen, sogenannte Dry Holes – trockene Löcher – unter jenen acht neu eingebrachten Brunnen seien. Sie kannte die Sprache des Öls.

Die toten Männer kamen nicht in die Cables. Denn die Cables kosteten jedes Wort achtunddreißig Centavos. Die toten Männer kamen in den Monatsbericht. Beim Monatsbericht konnte man mehrere Listen in einen Brief stecken, der nur zehn Centavos kostete.

Konnten ja besser aufpassen die Leute. Ein Ölkamp ist doch kein Kindergarten. Für Tote und für Leute, die nicht besser aufpassen, ist in dieser Welt kein Platz.

Was kümmert uns der Mensch? Wichtig ist nur das Öl.