1
Mr. Collins mußte jetzt häufig an die Affäre des Mr. Ayres denken. Mr. Ayres war sein intimer Freund. Sie hatten beide dasselbe College besucht und gehörten beide denselben Klubs an. Deshalb war Mr. Collins eingeweiht in alle Einzelheiten jener Affäre. Die genaue Kenntnis jener Geschichte war ihm nützlich. Sie half ihm, auf der Hut zu sein.
Aber wie kann man auf seiner Hut sein, wenn die untere Hälfte des Körpers größere Ansprüche stellt als im Alter von zwanzig Jahren. Mit zwanzig Jahren hat man romantische Ideen, in denen manche rein natürlichen Wünsche des Körpers einem als schmutzig erscheinen und man an Keuschheit und an die Reinheit in der Liebe glaubt. Nicht weil der Mensch in jenem Alter edler ist, sondern weil er furchtsamer ist den Mädchen gegenüber und Mysterien wittert, die er nicht lösen zu können glaubt, ohne sich in schwere Gefahr zu begeben.
Im Alter von fünfzig Jahren, nachdem man fünfundzwanzig Jahre Ehe und fünfzig Gelegenheitsbigamien mit allen Stürmen, Orkanen, Typhoonen, Klippen, Sandbänken, Sonnenschein und Regenschauern, die man auf seiner Fahrstraße vorfindet, mehr oder weniger mutig und erfolgreich überwunden hat, ist die Gewohnheit des reifen Mannes an die Stelle romantischer Eseleien getreten. Alle Dinge des Lebens ohne Ausnahme werden nun rein sachlich und nüchtern betrachtet. Daß eine Frau oder etwa gar die Liebe irgendwelche Mysterien bergen könnten, dieser Glaube ist endgültig gewichen. Die Frau mag ja zuweilen noch Mysterien verbreiten, weil man die Frau nie auskennen lernt und sie immer auf dem Sprunge hockt, etwas zu tun, was man auf keinen Fall von ihr erwartet hätte. Diese Mysterie allein macht die Frau, besonders wenn es die ist, mit der man verheiratet ist, allein noch erträglich. Erträglich in jenem Grade, den man von dem Durchschnittsmenschen nach längerer Ehe zu sehen erhofft. Alle jene stillen und beschaulichen Vergnügungen, an denen man sich als Sechzehnjähriger – oder als Sechzehnjährige – ergötzte, haben ihren Reiz und damit ihre Anziehungskraft völlig verloren. Nichts ist übriggeblieben als reine Sachlichkeit und kalte Nüchternheit. Der Gewohnheit muß man nun folgen. Alles das so beim Manne, so bei der Frau.
Liebe um seiner schönen Augen willen oder seines jugendlichen Feuers wegen zu erwarten, diese Hoffnung ist dauernd geschwunden, und wenn einem eine Frau oder ein Mädchen das erzählen will, so fühlt man sich geschmeichelt, aber man glaubt es nicht mehr. Die Weisheit des Lebensphilosophen, der man jetzt geworden ist, läßt solche Glaubensstärke nicht mehr zu. Das Verstehen und Begreifen weiblicher Schönheit hat sich geläutert. Man fällt nicht mehr auf jede glatte Fratze hinein. Man ist wählerisch geworden, und man würde jetzt in der Wahl seines Ehegenossen sehr vorsichtig sein.
Ob man nun alles das findet, worauf der Philosoph Anspruch erheben muß, also Schönheit der Frau, Geist – oder an Stelle des Geistes Unterhaltungsgabe –, Geschmack in der Kleidung und im Benehmen und nicht zu vergessen einen willensfreudigen gut gepflegten Körper, ob man das haben kann oder nicht, hängt nun nur noch von der Zahlungsfähigkeit ab, die man inzwischen erworben hat.
Es ist ja nun sehr selten, nein, um die Wahrheit zu gestehen, es trifft sich nie auf Erden, daß man alles, also Schönheit, Geist, Unterhaltungsgabe, Nichtlangweiligkeit, guten Geschmack, willensfreudigen und gut gepflegten Körper in einer und derselben Frau vereinigt vorfindet. Das gibt es nicht. Weil es gegen die Naturgesetze geht. Daß es so etwas gibt, glaubt man nur zwischen sechzehn und fünfundzwanzig, und das ist die Zeit, wo man seine größte Dummheit macht, das ist, die Unrechte zu heiraten.
Weil man nun nicht alle jene Vorzüge in einer Frau vorfindet – diese Weisheit hat man jetzt erworben –, so muß der kluge Mann, jener, dessen untere Körperhälfte an Stärke und Verlangen und dessen obere Körperhälfte an Weisheit zugenommen hat, auch in seinem Erholungsdasein jene Spezialisierung vornehmen, die er in seinem Geschäft und in seinem Beruf inzwischen vorgenommen hat. Nur wenn er inzwischen Spezialist in seinem Beruf geworden ist, kann er die Mittel heranschaffen, die er benötigt, um auch Spezialist in seinem Privatleben zu sein. Er hilft sich damit, daß er eine Dame bevatert ihrer Schönheit wegen, der aber der Geist fehlt, für den er sich eine erwirbt, die den Geist hat, aber im Körper weniger Lust und Willen zeigt. Dafür ist wieder eine andere da.
Darum unterlasse man den billigen Vorwurf der Frommen und die hitzige Angeiferung der Kommunisten, daß Mr. Collins ein Wüstling genannt werden müßte, weil er neben seiner Frau noch hatte: Eine Flossy, eine Betty und zwei Chormädchen, die vorläufig noch warteten, dort eingereiht zu werden, wo sie ihrer speziellen Befähigung entsprechend hingehörten. Mr. Collins war durchaus kein Wüstling. Er war ein Produkt seiner Zeit. Ein Körnchen, das in der großen Maschine „Unser hetzendes Zeitalter“ hin und her gewirbelt wurde, ohne sich wehren zu können, ohne etwas dazu tun zu können. Unter Menschen, wo es keine Ewigkeitsehen gab, wo niemand gezwungen wurde, seinem Stande, seiner sozialen Stellung und seines Vermögens entsprechend zu heiraten, wo die Aufzucht der jungen Generation der Gesellschaft als Ganzes übertragen wurde, wo ein Mensch, der die Gabe hatte, in der Organisation der Ölproduktion wahrhaft geniale Fähigkeiten zu entwickeln, nicht gezwungen war, elegante Villen zu besitzen, elegante Autos, luxuriöse Kleidung für seine Familie und für sich, kostspielige Gewohnheiten für seine eigene Person, nur um eine solche Stellung, wo er seine genialen Fähigkeiten zeigen konnte, zu bekommen und zu behalten, unter solchen Menschen wäre Mr. Collins weder ein Wüstling und Bigamist gewesen, noch ein Mörder Tausender von Existenzen. Unter solchen Menschen wäre der Präsident der Condor Oil Co. ein Mensch gewesen, gut wie ich, wahrscheinlich viel besser und nobler als ich. Denn er besaß etwas, was nur wenige Menschen besitzen: Größe. In unserer Zeit konnte er diese Größe nur zeigen durch Brutalität, durch Rücksichtslosigkeit, durch Skrupellosigkeit. Seine Schuld war es nicht.
2
Betty hatte ihm telephoniert, daß sie ihn dringend zu sprechen habe. Er hatte ihr geantwortet, er könne sie jetzt nicht sprechen, weil er in wichtiger Conference mit hohen Persönlichkeiten seiner Company sei. Daraus machte sich Betty nichts. Sie sauste sofort in das Gebäude der Condor Oil Co. Die zweite Sekretärin sagte ihr, daß Betty Mr. Collins auf keinen Fall sprechen könnte, er sei in Conference.
So etwas konnte niemand ihr antun. Betty nicht. Conference oder nicht Conference. Wenn sie, Betty, Mr. Collins zu sehen hatte, dann sah sie ihn, und wenn er bereits begraben gewesen wäre. Dieses Temperament und dieses wilde Draufgängerwesen war ja gerade eine ihrer Hauptspezialitäten, warum sie von Mr. Collins in die Gruppe aufgenommen worden war, die jene Einheit der vollkommenen Frau bildete, die Mr. Collins nötig hatte, um dem aufregenden Leben gegenüber widerstandsfähig und munter zu bleiben.
Wenn seine eigene Frau gewagt haben würde, was jetzt Betty tat, so würde er sie erschossen haben, und das Gericht hätte ihn freigesprochen. Denn der ungerufene Eintritt in das Allerheiligste wird immer mit dem Tode bestraft. Eine wichtige Conference von Aufsichtsratsmitgliedern einer amerikanischen Milliarden-Company ist um ein Vielfaches heiliger als das Allerheiligste in Tibet.
Wer die Räderwerke kennt, muß zugeben, daß eine solche Conference in der Tat heiliger ist als irgend etwas, das mit Religion zu tun hat. Und das ist hier gesagt ohne Ironie. Nicht aus dem White House in Washington, sondern aus einer solchen Conference kann hervorkommen – und ist hervorgekommen – Ablehnung angebotener Gesandten fremder Mächte, Wechsel eigener Gesandten, Krankheit und Rücktritt von Staatssekretären, bewaffnete Einmischung in das bolschewistische Rußland, Aufhebung der Redefreiheit für Kommunisten, Anzettelung einer neuen Revolution in Mexiko, Unterstützung der Türken gegen England, Mindest-Zuchthausstrafe für Wobblies zwanzig Jahre, Freihandel für Whiskyschmuggler, Absendung von Panzerschiffen und Marinetruppen nach Columbia, Einmarsch von amerikanischen Truppen in Peking, Sättigung von angeblich verhungernden Kindern in Armenien und Griechenland mit den minderwertigen Konserven, die infolge übereilten Friedensschlusses nicht mehr an die eigenen Soldaten verkauft und verfüttert werden konnten, unbeschränkte Land- und Wasserrechte für die Staaten in der unabhängig-abhängigen Republik Nicaragua, belebte Hoffnung für den ehemaligen deutschen Kaiser, wieder das Zepter in die Hand nehmen zu dürfen, Absetzung von zweitausend Bürgermeistern und ihre Ersetzung durch andere, Schweigsamkeit des amerikanischen Präsidenten, Entlassung des politischen Redakteurs der New York Times, des wirtschaftlichen Redakteurs der New York World, erzwungener Verkauf der Chicago Tribune, eine Flut von antisemitischen Artikeln in den Zeitungen, eine Flut von prosemitischen Artikeln in den Zeitungen, Wechsel der Professoren für Volkswirtschaft und der für Internationales Recht an den Universitäten Columbia, Chicago und California, Herabsetzung des Preises für Bibeln, Gewährung hoher langfristiger Kredite an die deutsche Industrie, Gewährung von Krediten an das bolschewistische Rußland, Deportierung von Pazifisten und ähnlichen Friedensschalmeienbläsern, Bau von achtzehn neuen Panzerschiffen, Kontrakt für alle Völker, keinen Krieg mehr zu führen, ohne vorher in Washington um Erlaubnis zu bitten, Liga der Nationen gegen die Menschheit und für den Profit, Glückwunschtelegramm an Deutschland für Ablieferung eines Kriegszeppelins, Propaganda zur Belebung der Sittlichkeit unter der arbeitenden Klasse, Verbot der Prostitution für zwei Dollar und darunter, Ermunterung der Prostitution für ein Auto zur Auffrischung der um ihre Existenz kämpfenden amerikanischen Autoindustrie, Unterstützung der Abzahlungsidee und ähnlicher Absichten zur Versklavung der weniger kaufkräftigen proletarischen Bevölkerung, Verweigerung von Krediten an kooperative Gesellschaften und an Vereinigungen, die Häuser bauen, um Wohnungen zum Selbstkostenpreise vermieten zu können, und noch einiges mehr.
Überdenkt man alle die Konsequenzen, die aus den Beratungen und Beschlüssen der Conferencen großer Companien hervorgehen können, so wird man begreifen, daß es hier um heilige Dinge ging. Kein Gott war je so mächtig, daß er verwickeltere Kombinationen hätte schaffen können als hier geschaffen wurden. Es ging um Menschen und Völker, es ging um christliche, mohammedanische und buddhistische Religionen, es ging um Götter und Dämonen, um Versetzung von Gebirgen und Durchstechung von Erdteilen, man brachte Ozeane zusammen, die nicht zusammen gehörten, und man trennte Länder und Völker, die miteinander verwachsen waren seit urewigen Zeiten. So etwas konnte Gott nur in Jahrmillionen tun, was hier durch einen Beschluß getan wurde. Und wo ein solcher Beschluß gefaßt wird, sei es im Himmel oder sei es im Olymp oder sei es im Conference-Raum einer amerikanischen Milliarden-Company, da ist das Allerheiligste, da und nirgendwo sonst muß das Allerheiligste der Menschheit sein.
3
An der Tür zu dem Raum hing ein kleines Plakat, worauf gedruckt stand
DON’T DISTURB KEEP OUT
Bitte, nicht stören, bleiben Sie draußen.
Das galt für Büroschreiber, für Magnaten, für den amerikanischen Präsidenten, für den König von England und für Jehova. Aber es galt nicht für Betty, die ihre Garage und das dazu gehörige Haus haben wollte. Haben mußte, und zwar sofort, weil sie ihren Freundinnen erzählt hatte, daß sie Garage und Haus bereits habe und Montag abend ihre House-Warming-Party, ihre Einzugsfestlichkeit geben wollte, in einer Aufmachung, daß die Filmkönige und Filmköniginnen in Hollywood vor Neid zerbersten würden. Ein kleiner Schwimmteich aus Marmor sollte da sein. Der würde mit warmem Wasser gefüllt. Nachts um ein Uhr würde sie dann den Vorschlag machen, daß sich alle ausziehen sollten, um zu baden in jenem Teich. Sie würde elegante dünnseidene Badegewänder zur Hand haben. Wenn dann Männchen und Weibchen im Bade wären, würde sie alle Kleider zusammenraffen lassen, alles vertauschen und verstecken. Für den Rest der Nacht würde nur in Badekostümen getanzt.
„Ich sehe nicht, wo da der Spaß ist“, sagte Majory, eine ihrer Freundinnen. „So etwas machen die Filmer in Hollywood jeden Tag.“
„Warte nur ab, May“, sagte Betty, „was dann hinterher kommt.“
Sie hatte alles – bisher nur in ihrem Plan, weil das Haus ja noch fehlte – bereits fertig. Sobald in Badekostümen getanzt würde, dann würde sie und noch einige Eingeweihte mit Brieföffnern zwischen die Tanzenden schleichen und alle diese dünnen Seidendinger, die ja durch das Wasser überhaupt schon nichts mehr verbargen, aufschlitzen, so daß jedes Kostüm in zwei Hälften geteilt würde und herunterfiele.
Diesen Plan verriet sie nicht, weil das eine der Überraschungen war. Sie hatte noch andere Überraschungen ausgedacht, die jener in nichts nachstanden, sondern das Vergnügen vergrößerten.
Es muß zugegeben werden, daß Betty einen künstlerischen Geschmack besaß und auch eine reiche Phantasie. Das war ihre zweite Spezialität als Teil der vollkommenen Frau, nach der sich Mr. Collins sehnte.
Sie hatte guten Geschmack. In ihrer Kleidung und in ihrem Benehmen im Hotel oder im eleganten Restaurant. Solange sie nicht schwer betrunken war. Auch dann behielt sie ihren guten Geschmack bei, nur begann sie dann höllisch frivol zu werden zum Ergötzen aller Anwesenden. Sie sagte die unerhörtesten Dinge, und sie tat es mit der Gebärde und dem Ausdruck eines unwissenden Kindes.
Wenn sie mit Mr. Collins den Saal eines Café-Kabaretts oder eines Luxus-Restaurants betrat, so glaubte selbst der Verwöhnteste, eine Fürstin käme hereingeschritten. Eine Fürstin, nicht wie eine Fürstin in Wahrheit ist, unmodern, linkisch und mit einem Bauerngesicht, sondern eine Fürstin, wie sie sich ein Romanleser vorstellt und wie sie gelegentlich im Film erscheinen.
Dieses fürstliche Benehmen und diese fürstliche Haltung übertrug sich natürlich auf das Ansehen des Mr. Collins. Er, der nicht gerade sehr fürstlich, ja kaum bedeutend aussah, der seine Unsicherheit, die ihm zuweilen in eleganter Umgebung überkam, nur durch ein burschikoses, lautes, kollegiales, handfestes Gebaren übertünchte, wuchs vor den Augen seiner Freunde, seiner Bekannten und seiner geschäftlichen Gegner gewaltig in der Gegenwart der Fürstin Betty. Er gewann an materiellem Wert, mehr als an persönlichem. Ein Mann, der einen so vortrefflichen Geschmack besaß, eine Dame von so hervorragender Erscheinung zur Geliebten zu haben, ein solcher Mann war in geschäftlichen Dingen zu fürchten. Man mußte ihn als Freund gewinnen. Denn ein solcher Mann ist zu allem fähig. Was muß der Mann für Geld machen, um sich eine solche Fürstin halten zu können. Denn daß Betty nicht seine Frau war, wußte jeder. Mit seiner Frau geht man nicht in diese Restaurants, wo der Abend nicht unter fünfhundert Dollar kostet. Niemand kleidet seine Frau in dieser verschwenderischen Weise. Und kein Geldmann hat eine Frau, die wie eine Fürstin aussieht. So sieht immer nur eine Geliebte aus.
Ein Mann, der soviel Geld macht, daß er neben seiner Familie und sicher noch einigen Kleinen vom Theater diese Fürstin unterhalten kann, ein solcher Mann ist mächtig. Er ist nicht nur mächtig. Er ist eine Macht. Eine Macht, mit der man nicht spielt, die man zum Freunde macht, und wenn das nicht gelingt, die man respektiert. Denn wehe dem, der diese Macht zu erschüttern oder ihr Unbequemlichkeiten zu bereiten sucht. Dieser Mann mordet rücksichtslos, um seine geschäftlichen Pläne durchzusetzen. Nicht aus Mordlust. Sondern, um diese Fürstin behalten zu können, um dieser Fürstin würdig zu sein. Darum wird es niemand wagen, mit Mr. Collins zu spielen, wenn es sich um Geschäft handelt.
Den Herren der Company, den Aktionären, die Einfluß haben und kommandieren, ohne daß die Öffentlichkeit ihre Namen kennt, ist die Fürstin Betty teils gleich einer Geschäftsteilhaberin, teils gute Reklame. Die Fürstin hebt das Ansehen und die Macht Mr. Collins. Und eine Company, die einen angesehenen und mächtigen Präsidenten hat, der respektiert und zugleich gefürchtet ist, gewinnt ihr Spiel mit größerer Sicherheit als eine Company, die ein knauseriges, verdörrtes, pessimistisches, scheues und furchtsames Männchen als Präsidenten hat. Die Klugheit, die das scheue Männchen vielleicht hat, ist viel wert. Aber Mr. Collins mit seiner Lebensrobustheit, mit der Notwendigkeit auf seinen Schultern, mehrere Millionen im Jahr verdienen zu müssen, um seine Fürstinnen und Hofdamen unterhalten zu können, besiegt den Knauser mit einer Handbewegung. Der Knauser ist vorsichtig in seinem Wagen, weil er nicht viel für sich braucht und das Sichere nicht verlieren will. Mr. Collins ist brutal und rücksichtslos im Wagen. Weil er immer nur verlieren kann, darum muß er gewinnen, ganz gleich, was es kostet, ganz gleich, wer und was darüber zugrunde geht. Sein Wille ist keineswegs frei. Er ist ein Produkt, das er nicht selbst geschaffen hat. Er wurde geschaffen. Er ist nicht anzuklagen. Nur seine Eltern vielleicht sind zu verurteilen. Aber seine Eltern sind: die Zeit. Man verurteile die Zeit, wenn man glaubt, verurteilen zu müssen.
4
Die Art und Weise wie der Reverend Oberbonze der Ersten Allerheiligsten und Alleingerechten Amerikanischen Baptisten-Kirche Einlaß in das Himmelsheiligtum fordert und von dem erschreckten himmlischen Aufsichtsrat, der um seine olympische Ruhe und Würde besorgt ist, bewilligt bekommt, wurde um ein Vielfaches überboten von Betty, die vor der Tür des Allerheiligsten der amerikanischen Nation stand und vor sich das Plakat erblickte: Bitte, nicht stören, bleiben Sie draußen! Mit dem schwer goldenen Griff ihres kurzen Schirmes stieß sie zweimal hart und wuchtig, jegliche Ehrfurcht versagend, gegen die Tür, als wollte sie ein Loch hindurchstoßen.
Die zweite Sekretärin, als sie solches sah, erbleichte, weil sie wußte, daß sie nun ihre Stellung verloren hatte. Ihre Stellung behalten konnte sie jetzt nur noch dadurch, daß sie Betty beim Herauskommen abfing und sie mit verweinten Augen anflehte, Mr. Collins zu bitten, sie nicht zu entlassen, sondern nur mit fünfundzwanzig Dollar zu bestrafen. Die Sekretärin konnte durch eine dicke, blauanlaufende Beule unter ihrem linken Auge vorweisen, daß sie den Eingang zum Allerheiligsten unter Aufopferung ihres Lebens zu verteidigen versucht hatte, daß sie aber höherer und brutalerer Gewalt habe weichen müssen. Die blaue Beule würde ihr vielleicht angerechnet werden und ihr helfen, auch noch jene fünfundzwanzig Dollar Strafe zu sparen.
Ohne auch nur zwei Anstandssekunden zu warten, ob man von drinnen vielleicht rufen würde: „Come in!“, riß Betty die Tür mit einem weiten Schwung auf.
Sie überfiel alle Anwesenden, die so würdig und feierlich beisammen saßen wie Kardinäle bei einer Papstwahl, mit einem Blick, als ob sie sagen wollte: „Ihr alle seid entlassen.“
Einen Schritt kam sie weiter, warf die Tür hinter sich zu mit einem Krachen und rief zu dem Gottvater jener Conference: „What’s th’ bloomin’ idea, you little shrimp! Was denkst du dir denn eigentlich, du kleines, armseliges, mickerndes, winselndes Jammerwürmchen, das du bist!“
5
Betty sprach sehr sorgfältig und sehr gewählt, ohne daß es je geziert und unnatürlich gelautet hätte. Und meist sprach sie sehr ruhig und überlegend. Für eine junge Frau hatte sie eine tiefe Stimme. Aber die Stimme war weich und voll; und sie hatte jene warme runde Fülle der Stimme großer Tragödinnen, deren Macht allein in der Sprache ruht. Aber wenn Betty in großer Erregung war oder wenn sie ihren Worten bestimmten starken Nachdruck geben wollte, dann sprach sie Slang. Nicht, weil sie sich gehen ließ oder weil sie sich vergaß, sondern sie sprach Slang mit voller Absicht, um größere Wirkung zu erzielen. Wie auch ein tüchtiger Businessman, obgleich er College und Universität besucht hat, Slang zu sprechen beginnt, wenn er einem hartnäckigen Kunden seine Ware zu verkaufen sucht. Auf Slang fallen wir alle herein und verlieren unsere Vorsicht.
Betty stammte aus Seattle. Ihre Eltern lebten noch und glaubten, daß Betty Privatsekretärin bei dem Herausgeber einer Zeitung in San Francisco sei. Würden ihre Eltern das nicht geglaubt haben, so hätte sich Betty auch nichts daraus gemacht. Ihr Vater hatte ein Geschäft für Schiffsartikel, und die Familie lebte in guten und geordneten Verhältnissen. Betty hatte das College besucht und ihr Examen in Literatur und Geschichte gemacht. Sie sprach Französisch, Deutsch und ein wenig Spanisch. Sie war eine Zeit Lehrerin in einer kleinen Stadt in California gewesen, wurde aber wegen schlechten Betragens vom Schulvorstande gefeuert. Das schlechte Betragen war darin erblickt worden, daß sie einmal den Kindern erzählt hatte, man brauche die Schöpfungsgeschichte in der Bibel nicht wörtlich nehmen, sondern der Mensch habe sich in vielen Milliarden von Jahren aus einer mehr tierischen Kreatur zu seiner heutigen Gestalt langsam entwickelt. Mit diesem Entlassungszeugnis in der Hand konnte sie natürlich in den Städten des Westens keine neue Stellung als Lehrerin finden. Und in den großen Städten des Ostens und des Nordens waren alle Stellen auf Jahre hinaus vorgemerkt. Sie wurde dann Redaktionssekretärin in einer Tageszeitung in San Francisco. Einer der jüngeren Redakteure hatte sie zum Abendessen in einem Kabarett eingeladen und durch einen Freund des Mr. Collins, der gleichzeitig Freund jenes jungen Redakteurs war, lernte sie an jenem Abend Mr. Collins kennen. Sie verlor ihre Stellung in der Zeitung, weil sie es zweimal abgelehnt hatte, sich von dem leitenden Redakteur zum Abendessen einladen zu lassen. Am Morgen nach der zweiten Ablehnung wurde ihr gesagt, daß ihre Arbeit nicht genügend sei, weil sie nicht rasch genug die Diktate aufnehmen könne, und daß man ihr empfehle, sich um eine andere Stellung umzusehen. Bei diesem Umsehen nach einer andern Stellung traf sie auf der Straße Mr. Collins, der sie unter Erinnerung an ihr Bekanntwerden im Kabarett ansprach und sie zum Lunch einlud. Sie wollte die Ausgabe für Lunch sparen und nahm die Einladung an.
Bis dahin war sie ein Mädchen gewesen, wie jedes andere amerikanische Mädchen, das eine gute Bildung bekommen hat, aber dann sein Leben selbst verdienen muß. Unter dem Einfluß des Mr. Collins und im Umgang mit diesem Manne, der Hunderttausende von Dollar zu verdienen schien für keinen andern Zweck, als sie in großzügiger Weise wieder ausgeben zu können, entwickelte sie sich innerhalb von vier Monaten zu einer der elegantesten Damen von San Francisco, ohne je eingereiht werden zu können in die Klasse der Halbweltdamen. Mr. Collins war ihr einziger Mann, obgleich sie ihn ewig in der Erwartung hielt, daß er morgen nicht mehr ihr einziger sein möchte. Daß sie ihn beherrschte, konnte man nicht sagen. Sie vermied es sogar, ihn glauben zu lassen, daß sie ihn beherrsche. Aber sie setzte alles durch, was sie wollte. Sie war bei weitem gebildeter und klüger als er, und sie besaß auch mehr Intelligenz. Und sie war in ihrem inneren Wesen vornehmer und taktvoller als er. Sie war für ihn die Inspiration, die ein mächtiger Mann in der Industrie so gut gebraucht wie ein Künstler. Denn Großzügigkeit und Genialität in der Kunst wurzeln im selben Boden wie Großzügigkeit und Genialität im Geldmachen. Als die wahre Herzensgeliebte eines Künstlers hätte sie gelebt entsprechend dem Einkommen jenes Künstlers, und sie wäre ebenso glücklich gewesen wie jetzt, in jener luxuriösen Lebensweise, die dem Einkommen des Präsidenten einer der mächtigsten Öl-Companien entsprach. Sie liebte Mr. Collins aufrichtig. Und nur, weil sie ihn wirklich liebte, kam ihr nie der Gedanke, daß ihre Stellung von den Menschen anders betrachtet werden könnte, als sie selbst ihre Stellung betrachtete. Sie war überzeugt, daß sie zu Mr. Collins auch dann stehen würde, wenn er von seiner Höhe herabstürzen sollte. Vor seiner Großzügigkeit hatte sie Achtung, und sie bewunderte ihn darum. Vor seiner Stellung dahingegen hatte sie gar keinen Respekt. Und darum war es ihr auch ganz gleich, ob sie ihn durch ihr temperamentvolles Eindringen in seine geschäftlichen Heiligtümer zum Erschüttern brachte oder nicht. Sie glaubte an seine unüberwindliche Stärke. Sie glaubte, daß, selbst wenn er fallen sollte, daß er immer wieder auf die Beine käme und daß, wenn es ihm zu schwer würde, es allein zu tun, daß sie fähig wäre, ihn so anzuspornen, daß er hoch müßte, selbst gegen seinen Willen. Jedoch – und das wußte sie auch – sie würde diesen Mann nie geheiratet haben, und sie würde ihn wohl kaum heiraten, auch wenn sie Gelegenheit dazu hätte.
Heirat hatte für sie nur einen Sinn: Kinder haben zu können. Andernfalls war Heirat Unsinn und Liebe besser. Wenn sie auch sonst alles von ihm annahm, alles von ihm wünschte, eines wünschte sie auf keinen Fall von ihm, und das war: ein Kind von ihm. Den Vater ihres Kindes dachte sie sich anders. Der Vater ihres Kindes sollte haben: Seele. Und wenn es sehr hoch kam: Die Seele eines Künstlers. Das aber war es, was Mr. Collins vor allem fehlte: Seele. Jenes Ding, das sich eben nicht anders bezeichnen läßt als: Seele.
Betty war aber dennoch nicht so vollkommen, daß sie nur Licht ausstrahlte. Sie war weder eine Heilige noch ein Engel. Sie hatte ihre heftigen Schatten. Einige dieser Schatten waren schon in ihr vorhanden gewesen, als sie noch Kind war. Als sie größer wurde, hatte sie diese Schatten ein wenig aufleuchten müssen, um unbestoßen durchs Leben zu schlüpfen. Jedoch unter dem Einfluß des Mr. Collins hatten sich jene leichten Schatten, die vielleicht endlich zu dünnen Nebeln geworden wären, zu schweren Schlagschatten verdichtet.
6
Mr. Collins war ein bedeutender Mann, wie immer man auch seine Handlungen beurteilen mag. Er war in seinem Berufe ein Genie. Ein Genie kann überall ein Genie sein. Nicht nur in der Kunst, nicht nur als Feldherr, sondern auch als Schuhfabrikant, als Bankier, als Öl-Magnat. Es sind auch oft genug Verbrecher Genies, weil ihre Genialität innerhalb gesetzlicher Grenzen kein Wirkungsfeld findet. Im Grunde ist jedes Genie ein Verbrecher, weil jedes Genie bestehende und ausgeprobte Gesetze übertritt und zu Fall bringt. Darum sind Genies immer gefürchtet von dem guten Bürger, dessen Existenz, die allein in Beharrlichkeit beruht, von den Genies gefährdet wird.
Eine Frau nun, die Geliebte eines bedeutenden Mannes sein und bleiben will, muß wohl in vielen ihrer Eigenschaften das unüberbrückbare Gegenteil jenes Mannes sein, und zugleich muß sie ihm in vielen Eigenheiten so ähnlich sein, als wäre sie ein Teil seines Selbst. Liebende dürfen sich in vielen Dingen nicht verstehen, um immer wieder Neues, Unerwartetes und Fremdes im andern zu finden. Das verhindert die Monotonie, die sich in jeder gutgeschlossenen Ehe einstellt, wo jeder des andern sicher ist. Und Liebende müssen sich in vielen Dingen so gleich sein, daß sie sich mit einem Wink, im Tonfall der Stimme, sofort verstehen.
In ihrer Bildung, in ihrem guten Geschmack, in ihrem künstlerischen Empfinden, in ihren philosophischen Anschauungen war Betty das scharfe Gegenstück des Mr. Collins. Dieser Eigenschaften wegen bewunderte er sie, achtete er sie, kam er sich ihr gegenüber armselig vor, fürchtete sie und vergaß sich nie als Gentleman. Sie dagegen bewunderte ihn seiner geschäftlichen Brutalität wegen, seines robusten Wagens und seiner Sicherheit wegen, mit der er geschäftliche Dinge beurteilte, wirtschaftliche Vorgänge übersah und Ereignisse auf dem Markt voraus verkündete, klarer und bestimmter als die alten Orakel.
Das waren ihre Gegensätze.
Ihre Ähnlichkeiten lagen mehr im Materiellen. Beide liebten Luxus, beide liebten es, aufzufallen und zu strahlen. Er hatte gesagt: „Land, das ich haben will und nicht kriegen kann, das gibt es im ganzen Universum nicht. Wenn ich Land auf dem Jupiter haben will, dann bekomme ich es.“ Er meinte es wörtlich so. Er hatte auch Deutschland nach dem Kriege kaufen wollen, als er aber hörte, daß dort ein Streichholz fünf Milliarden Mark kostete, ließ er seine Kaufabsichten wieder fallen, weil mit solchen geschäftsuntüchtigen Leuten, wie die Deutschen seien, nichts unternommen werden könne.
Ähnlich, nein ebenso, war es mit Betty. Wenn sie etwas wollte, und nachdem sie sich überzeugt hatte, daß das, was sie wollte, auf Erden zu haben sei, dann mußte sie es bekommen. In diesem Wollen war sie unerbittlich und rücksichtslos. Und ähnlich war sie ihm im Temperament. Er war kühler in seinem Temperament, weil er wußte, daß, wenn er sich vom Temperament fortreißen ließe, er Dummheiten machen könnte. In geschäftlichen Manövern aber darf man keine Dummheiten machen. Jedoch das Temperament war vorhanden, und es loderte über im letzten Rennen um einen Erfolg, den er schon so weit zu seinen Gunsten entschieden hatte, daß Dummheiten nun nicht mehr gemacht werden konnten. Er konnte jetzt so weit in seinem Temperament gelangen, daß er seinen Gegner mit der Faust ins Gesicht hieb, um ihn zum Nachgeben zu zwingen.
Diesen Eigensinn, ihren Willen durchzusetzen, und dieses Temperament, die Betty seit ihrer Kindheit gehabt hatte und die sie beim Heranwachsen, in der Schule, als Lehrerin, als Sekretärin, mehr und mehr hatte unterdrücken müssen, waren unter dem Einfluß des Mr. Collins gewachsen, bis sie sich endlich zu ihrer ganzen Pracht entfaltet hatten.
7
Mr. Collins hatte das gewünschte Auto gekauft. Das eleganteste Automobil, das auf dem Markte war. Hinsichtlich der Garage hatte er gesagt, er wolle sehen. Er wiederholte es zu oft, das „Wir werden sehen“. So begann es ihr langweilig zu werden. Und der ebensooft wiederholten Ausrede „Ich habe noch nichts Passendes soweit finden können“ wurde sie so überdrüssig, daß es zu dieser Katastrophe kommen mußte, in das Allerheiligste der Nation mit Gewalt und Donnergetöse einzubrechen.
In sein Privathaus wäre sie nie eingedrungen. Denn seiner Frau ging sie aus dem Wege. Nicht weil sie etwa Angst vor ihr hatte, sondern weil das zu Komplikationen hätte führen können. Vielleicht gar zu einer Scheidung. Das wollte sie vermeiden. Ein frischgeschiedener Mann nach langer Ehe, die zur Gewohnheit wurde, benimmt sich meist recht hilflos. Wie ein Kind, das die Mutter verloren hat. In dieser Hilflosigkeit hätte sie sich gar verleiten lassen, ihn zu heiraten. Das wollte sie auf keinen Fall. Darum war es aus reinen Klugheitsgründen, daß sie sich nie in sein Eheleben mischte. Mit keinem Worte. Sie drängte ihn sogar, sein Eheleben und seine Frau nicht zu sehr zu vernachlässigen. Ob Mrs. Collins von der Existenz der Betty wußte, war nicht sicher. Aber es darf angenommen werden, daß sie unterrichtet war und daß auch sie es vermied, es zu einem Skandal kommen zu lassen. Bei einer Scheidung in ihrem Alter kam nicht viel heraus für sie. Sie konnte eine hohe Rente herausklagen. Gewiß. Aber ihre gesellschaftliche Stellung war höher an der Seite des Mr. Collins als ohne ihn. So tat sie, als ob sie nichts wisse. Und wenn ihr eine Freundin es direkt zu melden wagte, so sagte sie: „Geschwätz, nichts als Geschwätz. Ich kenne ihn besser. Er hat sein Vergnügen und ein wenig Zerstreuung mit ihr, das ist alles. Ich gönne es ihm. Er hat schwer zu arbeiten. Haben Sie die neuen Modelle gesehen bei Boiret & Martin? Ich kaufe morgen vier davon.“
8
Betty stand noch dicht bei der Tür. Sie wartete oder schien zu warten auf das erste schüchterne Zeichen des Erwachens aller Anwesenden, die von ihrem Donnerschlag betäubt worden waren.
Mr. Collins hatte heute nicht den Vorsitz in der Conference. Er hatte den Vorsitz dem zweiten Vizepräsidenten übertragen, um für sich selbst freier zu sein in der Behandlung der zu beratenden Gegenstände. Er stand gerade, hatte ein Blatt in der Hand, von dem er soeben etwas vorgelesen zu haben schien, in dem Augenblick, als der Donnerschlag erfolgte. Die Herren alle standen auf in der Gegenwart der Dame. Sie rückten an ihren Stühlen, sei es, um besser stehen zu können, oder sei es, weil sie willens zu sein schienen, Betty einen Stuhl anzubieten, obgleich genügend leere Stühle im Raum waren.
Die erste Privatsekretärin des Mr. Collins, die der Conference beiwohnte, um Diktate aufzunehmen, sah auf zu Mr. Collins. Er bewegte die Augenlider ein wenig, und die Sekretärin stand auf. Sie stand nicht eigentlich auf, sondern sie schlich wie eine Schlange von ihrem Stuhle herunter und wurmte sich still, unauffällig und völlig geräuschlos aus dem Raume, als hätte sie etwas verbrochen. Ihr Hinausgehen wurde von niemand bemerkt.
Einige der Herren kannten Betty, oder richtiger Miß Betty Cuttens, recht gut. Jene Herren, begleitet von ihren Freundinnen, hatten sich zufällig einmal im gleichen Kabarett mit Mr. Collins getroffen, als er mit Betty dort war, um einen vergnügten Abend zu verbringen. So geschah es, daß jene Herren gemeinschaftlichen Tisch mit Mr. Collins machten; und es ergab sich dann ganz von selbst, daß jeder einzelne jener Herren einmal oder zweimal an jenem Abend mit Betty tanzte, während Mr. Collins, in höflicher Wiedervergeltung, der Reihe nach mit den Freundinnen jener Herren in dem kleinen, aber sehr eleganten Saal herumfegte. Mr. Collins war ein guter Tänzer, wohlgeübt und ausdauernd. Und er machte von seiner Fähigkeit, gut und ausdauernd tanzen zu können, reichlich Gebrauch, weil er meinte – und wohl mit gutem Recht so meinte –, daß Tanzen den Körper geschmeidig und damit jung erhält. Auf dem amerikanischen Kontinent sind die Männer viel weniger als in Europa darum besorgt, daß sie ihre Würde verlieren möchten, wenn sie tanzen, wo immer sich eine Gelegenheit dazu bietet. Hier können die Männer gar nicht so leicht ihre Würde verlieren, wie das in Europa geschehen kann; denn ihre Würde wurzelt nicht in einem Autoritätsglauben jener, die durch die Würde eines Präsidenten einer gigantischen Schiffahrts-Gesellschaft klein und demütig gemacht werden sollen, sondern die Würde wurzelt vielmehr in dem wirklichen, rein praktischen Können des Mannes. Es ist eine Würde, die theoretisch und dem Glauben nach, von jedem beliebigen anderen Manne auch erworben werden kann, falls er die Möglichkeiten, die sich ihm bieten, zu seinen Gunsten ausnutzt. Und weil die Würde, selbst die Würde des Präsidenten der Republik, in demokratischen Gefühlen wurzelt, kann jene Würde nicht verlorengehen dadurch, daß sich ein Mann in seinem Privatleben und in seinen Vergnügungen durchaus demokratisch benimmt. Wenn er Gefallen daran findet, fährt er auf der Rutschbahn in Coney Island genau so würdelos, genau so kreischend und johlend wie der Maurer oder der Kesselschmied, der mit ihm im gleichen Wagen der Rutschbahn sitzt. Daß er Generalpostmeister oder Staatssekretär des Krieges oder Präsident der Missouri Railroad Company ist, kommt für ihn nur dann in Frage, wenn er in seinem Allerheiligsten, in seinem Büro, sitzt. Wenn einer wirklich den Würdefanatiker zu schauspielern versucht, so darf man ganz sicher sein, daß er entweder ein schwaches Herz hat oder chronische Verdauungsbeschwerden oder eine verrostete Leber. Mr. Collins jedenfalls war gesund genug, seine Präsidentschaft in ein Schubfach seines Schreibtisches einzukapseln, wenn er sich demokratisch vergnügen wollte.
Betty wurde von den Freunden und Geschäftsbekannten des Mr. Collins durchaus so respektiert als wäre sie seine Frau. Die Herren wußten stets, ob sie sich mit der Dame, die einer ihrer Freunde bei sich hatte, vertraulich zeigen und sie gelegentlich umarmen oder küssen durften oder nicht. Weder mit Flossy noch mit Betty durften sie sich irgendwelche Vertraulichkeiten herausnehmen, so wenig wie sie es je mit Mrs. Collins gewagt haben würden. Dagegen durfte man wohl in Gegenwart von Betty – oder Flossy – Witze erzählen, die man in Anwesenheit von Mrs. Collins nicht einmal hätte andeuten dürfen. Womit freilich nicht gesagt sein soll, daß nicht Mrs. Collins kräftige Witze ebenso gern hörte wie irgendeine andere Frau, die, um ihre Anständigkeit zu beweisen, die Verpflichtung hat, an der passenden Stelle des Witzes zu erröten; jedoch keine Verpflichtung hat, zu erröten, wenn sie den Witz an ihre Freundinnen weiter gibt.
In Gegenwart von Betty durfte man sich aber, um doch einen Unterschied machen zu können, viel freier, lustiger und vergnügter betragen als in Gegenwart der Ehefrau. Man durfte die Champagnerflaschen, die der Prohibition wegen und um den äußeren Anschein zu wahren, unter dem Tisch zu stehen hatten, unbekümmert hervornehmen und offen zugeben, daß es wirklicher Champagner sei und kein Canadian Ginger Ale, jenes harmlos sein sollende Giftprodukt als Ersatz für die allein wirkliche und echte Ware. Die Champagnerflaschen und die Whiskyflaschen und Benediktinerkrüge standen der Vorsicht wegen unter dem Tisch. Denn wenn ein Raid von den Agenten der Prohibition gemacht werden sollte, so konnte jeder einzelne den Besitz jener Champagnerflaschen abschwören; denn niemand ist verantwortlich für das, was ohne sein Wissen unter den Tischen steht und dort sicher schon stand, ehe er den Saal betrat, und was offenbar frühere Gäste, die ohne Moral, ohne Religion und ohne Achtung vor dem Gesetze waren, dort unter dem Tisch zurückgelassen hatten. Der Champagner wurde in Kristallgläsern serviert, weil ja offiziell angenommen wurde, daß es Canadian Ginger Ale sei. Der Whisky jedoch und der Martini Dry wurden in Mokkatassen serviert, mit Zuckerdose und Creamkännchen, als wäre es wirklich Mokka. Wer in den Saal trat und die Tische übersah, gewann den Eindruck, daß er sich bei dem unschuldigen Tanzvergnügen eines Temperenzler-Stiftungsfestes befände. Sollte wirklich von Agenten der Prohibition geraidet werden, weil sie vom Wirt nicht genügend hoch mit Dollars besänftigt worden waren, oder weil das Department einen neuen eifrigen Chef bekommen hatte, der nach Lorbeer haschte, dessen Preis in Dollars noch nicht entschieden war, oder weil die Agenten doch gelegentlich wieder einmal eine „Nasse Hölle“ ausheben mußten, um dem guten Bürger zu zeigen, wie ernst man die Gesetze der Prohibition behandele und wie nötig es sei, das Budget für die Überwachung der Prohibition zu erhöhen – und damit das Einkommen des Departments-Chefs –, sollte also wirklich ein unerwarteter Raid erfolgen, dann wurden alle Mokkatassen mit einem Ruck leer getrunken und schwarzer Kaffee, der für diesen Zweck auf den Tischen bereit stand, in die Tassen gefüllt, um den Geruch des Whiskys zu vernichten. Kein neugeborenes Lämmchen konnte unschuldiger sein als die Leutchen, die hier versammelt waren, um sich nach der aufreibenden Tagesarbeit harmlos und innerhalb der gesetzlichen Grenzen zu vergnügen. Wer betrunken gefunden wurde, hatte sich irgendwo anders betrunken und war bereits betrunken, ehe er das Haus betrat, und der Wirt hatte sich vergeblich bemüht, wie wohl bezeugt werden konnte, den Mann oder das Paar in Ruhe abzuschieben. Ohne großen Skandal heraufzubeschwören, wäre das aber nicht gelungen, und darum hatte der Wirt endlich dem Manne oder dem Pärchen gestattet, hierzubleiben, falls sie sich anständig benahmen. Man konnte ja nicht den Wirt dafür verantwortlich machen, was jenes Paar in einem andern Lokal getrunken und sonst verübt hatte. Betty war good sport, das will sagen, sie machte alles mit und sie verdarb niemand sein Vergnügen oder seine gute Laune. In ihrem Beisein durften die Herren unbekümmert ihre Freundinnen am Tisch küssen, und sorglos durfte man zugeben, daß man schon ein wenig tipsy-topsy sei, daß man also bereits einen kleinen Spencer weg habe. Jeder einzelne der Herren wußte aber auch, wie weit man in Gegenwart Bettys gehen durfte.
Jedoch, wenn Mr. Collins mit einem der neuaufgenommenen Chormädchen erschien, ging es bei weitem wilder zu. Und es kam oft genug sehr nahe bis zu jenem Punkte, wo man nicht mehr genau unterscheiden konnte, wer die Freundin wessen ist. Es konnte natürlich mit der Zeit recht wohl der Fall eintreten, daß auch eins der Chormädchen respektiert werden mußte, beinahe wie die Frau. Vorläufig aber hatte sich noch keine der beiden Chordamen des Mr. Collins so weit hinaufschwingen können. Sie standen beide noch im Wartesaal, und es war noch nicht zu erraten, welche von den beiden im Luxuszug weiterreisen würde. Vielleicht kam keine der beiden je so weit.
9
Alle Herren des Aufsichtsrates, die hier jetzt im Allerheiligsten versammelt waren, hatten von Betty gehört. Und als sie hereingedonnert kam, wußte jeder, auch wer sie persönlich nicht kannte, daß diese Dame Betty sei. Denn die Frau des Präsidenten würde das nicht gewagt haben, was Betty getan hatte. Die Frau würde draußen in einem besonderen Zimmer gewartet haben, bis ihr Gatte eine Minute Zeit für sie gehabt haben würde. Und alle Herren, ohne Ausnahme, die jetzt zum ersten Male die viel besprochene Fürstin persönlich sahen, waren erschreckt.
Unter einer Fürstin hatten sie sich immer sehr viel vorgestellt. Wenn von der Freundin eines Magnaten gesprochen wurde, daß sie fürstlich aussehe, so hatte man sofort seine bestimmten Ideen. Ideen und Vorstellungen, die durch den Film gebildet wurden. Durch den Film, wo eine ehemalige Verkäuferin in einem Krawattenladen so lange aufgezaubert, aufgepinselt, aufgediademt, aufgeglittert, aufgeglasperlt, aufgeatlast und aufgeseidet wird, bis sie das Fürstinnenbedürfnis der Stenotypistinnen und der Lohnlistenschreiber befriedigt.
Aber was die Herren hier jetzt sahen, war keine Florence-Vidor-Film-Puppe und keine entthronte Schafhirten-Königin aus dem mythischen Balkanstaate Limonia-Silvania nach dem snickernden Stile einer Gloria Swanson. Denn was die Herren hier vor sich sahen, war hundertmal mehr, als sie je gedacht hatten, zu sehen. Sie sahen keine Fürstin; sie sahen eine – ja, was denn nun –, nein, eine Kaiserin war das nicht. Denn auch Kaiserinnen sind altmodisch und bäuerisch. Das war auch keine Filmkönigin im Straßenanzug. Den Filmköniginnen haftete immer unausbleiblich und unverwischbar der Geruch des Büros an oder der Kartonfabrik oder des Warenhauses, aus denen sie hervorgegangen waren. Betty haftete kein Geruch an aus ihrer Versuchszeit als Lehrerin und als Zeitungssekretärin. Vielleicht weil sie niemals wirklich in ihrem Gefühl Lehrerin oder Sekretärin gewesen war.
Betty war zur Fürstin geboren, und sie war nie etwas anderes gewesen als Fürstin. Daß sie jetzt einen Satz in Slang hinausgefeuert hatte, erniedrigte sie nicht, sondern bestätigte sie nur in ihrem Range als Fürstin. So hat eine Fürstin mit ihren Untertanen umzuspringen. Mit den Untertanen, die den Zorn und den Unwillen ihrer Fürstin heraufbeschworen haben. So und nicht anders. Und die Untertanen haben alle stille zu sein und dürfen nicht mucksen, sonst werden sie alle gehenkt.
Das Gefühl, daß sie von dieser Fürstin zum Tode verurteilt werden könnten, hatten alle die Herren, die jetzt Betty zum ersten Male sahen. Und selbst jene Herren, die mit ihr am gleichen Tische gesessen und sogar mit ihr getanzt hatten, fühlten sich merkwürdig klein werden.
Nun darf ja in den Vereinigten Staaten eine Frau immer viel mehr tun und viel mehr wagen, als ein Mann auch nur zu denken sich erlauben dürfte. Die Staaten sind das Paradies der Frau. Die Frau kommandiert. Sie herrscht in der Schule schon, weil es keine männlichen Lehrer gibt. Sie herrscht natürlich erst recht im Haus. Sie herrscht in der Politik. Sie darf sich überall vordrängen, überall mit dem Ellbogen die Männer beiseitestoßen; und wehe dem armen Manne, der sie daran hindern oder zur Rede stellen wollte. Sie ist die freieste der Frauen in der freiesten Republik des Universums. Sie ist die freieste, solange sie gut gekleidet ist, solange sie nicht in einer Arbeiterprozession die rote Fahne trägt, solange sie nicht streikende Textilarbeiterin ist, solange sie nicht keift und geifert, weil ihr Mann als streikender Minenarbeiter von den Maschinengewehren der Miliz erschossen wurde, solange sie nicht pazifistische Propaganda macht. Sobald sie das tut, wird sie mit dem Knüttel des Polizisten genau so gut auf den Schädel geschlagen wie der Mann. So weit kann die Freiheit selbst in der freiesten Republik nicht gehen. Eine Grenze muß doch schließlich auch Freiheit haben, sonst wüßte man ja nicht, wo die Freiheit anfängt und was Freiheit überhaupt ist.
Wäre sie nur eine Arbeiterin gewesen, die hier einmal beim Aufsichtsrat hätte persönlich anfragen wollen, warum sie denn mit einem Wochenlohn von vierzehn Dollar zu leben habe, während die Company Millionen Dollar Überschüsse im Jahre habe, so hätte sie auch nicht so hier hereindonnern dürfen wie Betty. Hätte sie das nur gewagt als Arbeiterin, so würde sie sechzig Tage Arbeitshaus oder Korrektionshaus bekommen haben wegen ungehörigen Benehmens und wegen Trunkenheit, auch wenn sie ebensowenig betrunken war wie Betty, sondern überhaupt nie etwas trank, weil sie keine zehn Dollar für eine Flasche Whisky ausgeben konnte.
Betty durfte aber tun, was sie wollte. Denn sie war eine Frau in der freiesten Republik, wo die Frauen nicht gleich Sklaven behandelt werden, wie das noch in Europa vorkommt und in Asien. Denn Betty war hier im Recht. Sie mußte ihre Garage haben und das dazugehörige Wohnhaus, den dazugehörigen Gärtner, der auch das Automobil zu waschen hatte und alle vorkommenden Handwerkerarbeiten im Hause verrichten mußte. Und wenn das Haus schon zur Garage gehörte und der Gärtner zum Haus und zum eleganten Automobil, so gehörte auch ein chinesisches oder ein französisches Kammermädchen dazu, um Betty in persönlichen Dingen behilflich zu sein, damit sie nicht ihr Bett selbst ordnen, ihr Bad selbst anlassen und ihre seidenen Strümpfe selbst auswaschen muß. Mr. Collins wollte doch auch gelegentlich bei ihr essen, und so gehörte auch eine schwarze oder eine irische oder eine schwedische Köchin zu der gut ausgestatteten Küche, wo nichts fehlen durfte und wo das Geschirr mit elektrisch betriebener Maschine gewaschen wurde und wo nur elektrisch gekocht werden sollte, um Arbeit zu sparen und keinen Staub zu haben.
10
Als die Herren der Conference hörten, um was es sich handelte, verstanden sie Betty durchaus, warum sie hier dröhnend einbrechen mußte. Sie war sicher nicht schuld, daß die heilige Conference mit so profanen Dingen gestört wurde. Der Schuldige war Mr. Collins. Wie durfte er es wagen, der Fürstin Betty etwas zu verweigern. Er bewies damit nur, daß er von sehr weit unten heraufgekommen sein mußte und daß er den Geruch von Corned Beef and Cabbage noch nicht völlig abgebadet hatte.
So war Betty in jeder Hinsicht gerechtfertigt.
Die Herren, die sich inzwischen von dem Donnerschlage so weit erholt hatten, daß sie Betty nicht nur verstanden, ihr wildes Eindringen nicht nur vollkommen entschuldigten, ihr sogar zubilligten, daß es ihre Pflicht war, hier dem Collins mit Fäusten auf die Schultern und auf die Brust zu trommeln, waren von ihren Stühlen mehr und mehr fortgegangen, um Betty aus größter Nähe zu betrachten und sie in Gedanken auszukleiden.
Dabei wuchs Mr. Collins in der Achtung der Mitglieder des Aufsichtsrates mehr und mehr; und in den Augen der Herren, die Betty jetzt zum ersten Male sahen, nahm Mr. Collins eine überirdische Größe an. War er bisher schon sehr mächtig in der Company gewesen, so wurde er jetzt nach diesem Vorgange übermächtig, und seine Stellung wurde unerschütterlich.