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Die Weiße Rose

Chapter 39: 5
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About This Book

The narrative explores the dynamics of the Condor Oil Company, a prominent yet not the most powerful American oil corporation operating in Mexico. It examines the company's insatiable appetite for growth and influence, likening its operations to those of a state in terms of organization and strategy. The text delves into the competitive landscape of the oil industry, highlighting the methods and motivations that drive such corporations to seek dominance in the international market. Through this lens, it reflects on the broader implications of capitalism and the relentless pursuit of power.

4

1

r. Chaney Collins war ja nun in keinem Sinne ein Angestellter der Condor Oil Co. So war das nicht. Er war Präsident der Company, aber nicht ein Präsident in der Form eines Beamten. Er war Präsident, weil er die Company gegründet hatte und weil er einer der Hauptaktionäre war. Dennoch konnte er seine Stellung als Präsident verlieren. Wenn er in einen Skandal verwickelt wurde, so sehr, daß er im Mittelpunkt des Skandals stand, dann mußte er zurücktreten, weil ein Skandal ihres Präsidenten das Ansehen einer Company erschüttern kann und ihre Geschäfte leiden. Der Öffentlichkeit gegenüber muß der Präsident makellos dastehen. Er muß ein Muster an Ehrbarkeit und Sittenreinheit sein, sowohl der guten Bürger wegen, die ihr Geld in den Geschäften der Company anlegen sollen, als auch und ganz besonders der Kommunisten und ähnlicher Nörgler und Staatsumstürzler wegen. Die billigen Agitatoren, denen die Fähigkeit fehlt, den Kapitalismus und das kapitalistische System in ihren Grundproblemen zu begreifen und von den Grundproblemen aus anzugreifen, verfallen immer zu leicht in die Torheit, das Privatleben kapitalistischer Giganten zu untersuchen und am Privatleben der Großen des Kapitals zu beweisen, wie verrottet und wie zusammenbrechend das kapitalistische System sei.

Die Proletarier erfreuen sich an Klatsch und an Bettgeschichten anderer ebensosehr wie die Mittelschicht des Volkes, wie die guten Bürger, die, weil sie selbst zu ängstlich und zu knickerig sind, einen guten saftigen Skandal zu inszenieren, ihre Neigung für Sauerei ausleben in der Sauerei anderer, ob die anderen Großkapitalisten, Bischöfe oder Monarchen sind. Und der Agitator ist, wenn er Skandalgeschichten auftischen kann, des Beifallklatschens seiner Zuhörer sicherer, als wenn er von Problemen spricht und Systeme zergliedert.

Um aber den Proletarier nicht zur Genußsucht zu verleiten und ihn dadurch aufzustacheln, immer wieder höhere und noch höhere Löhne zu verlangen und Mitrechte an dem zu fordern, was er produziert, muß der Glaube in der Öffentlichkeit aufrechterhalten werden, daß der Großkapitalist, der sich nach Meinung der Agitatoren vom Schweiße der Proletarier sättigt, ein Muster an Sittenstrenge, an Sparsamkeit und an Achtung vor dem Gesetz ist.

So kann ein peinlicher Skandal einen großen Mann zu Falle bringen, weil die übrigen Großen, um sich zu decken und ihre Macht zu erhalten und zu vermehren, den Mann fallen lassen müssen, um öffentlich kund zu tun, daß sie keine Gemeinschaft mit ihm haben und daß sie nicht sind, wie jener ist.

Wäre Mr. Collins in einen Skandal verwickelt worden, so konnte er nicht mehr Präsident sein. Aber er wäre dennoch ein mächtiger Mann in der Company geblieben, und er hätte, im Hintergrunde arbeitend, vielleicht mehr tun können für die Company als vorher. Aber die Company hätte dennoch gelitten. Denn einen so mächtigen und befähigten Mann wie Mr. Collins als Präsidenten zu verlieren, überwindet eine Company nicht leicht.

Durch seine Persönlichkeit und durch die majestätische Hoheit, die ihm Betty als seine Geliebte verlieh, konnte er Erfolge für die Company erzielen, die für jeden andern Präsidenten unerreichbar waren. Er konnte den Bau von Straßen durchsetzen, die für die Geschäfte der Company nützlich waren, weil sie eine rasche Verbindung zu ihren Ölfeldern schufen, Straßen, die nur der Company dienten und die deshalb die Company hätte bauen lassen müssen, die aber nun der Staat baute. Denn Staatsgouverneure, Kongreßmitglieder, Bürgermeister, Stadtväter mußten tun, was er bestimmte. Taten sie es nicht, so konnten sie nicht mehr sein, was sie augenblicklich waren. Er machte die Politik, ohne daß er sich je um Politik bekümmerte. Die Politiker, die berufsmäßig sich mit Politik beschäftigten, wußten nie, daß sie genau das taten, was Mr. Collins wollte, das sie tun sollten. Die Mehrzahl dieser Politiker bildete sich ein, freie und unabhängige Politiker zu sein, die dem Interesse des Gemeinwohls dienten. Viele von ihnen waren, vor ihrem eigenen Gewissen, durchaus anständige und durchaus ehrenhafte Männer.

Wie man Politik macht, ohne daß die Politiker fühlen, daß sie nicht frei handeln, sondern daß sie von einer irdischen Gottheit in ihrem Willen, ihren Gedanken, ihren Reden und ihren Handlungen geleitet werden, das hatte Mr. Collins frühzeitig in seinem Leben gelernt. Er war der Schöpfer dieser Idee gewesen. Und er war auf die Idee verfallen, als er mit seiner genialen Auffassungsgabe und Beobachtungsfähigkeit die wahre Geschichte eines großen Bauarbeiterstreiks in Chicago erfaßt hatte.

2

Mr. Collins stammte aus Harrisburg, Pa. Sein Vater hatte dort einen Grocery Store, einen Laden für Kolonialwaren, Konserven und Delikatessen. Nicht sehr bedeutend. Jahreseinkommen dreitausend Dollar. Mr. Chaney Collins mußte sich durch das College durcharbeiten und durchhungern. Sein Vater gab ihm nur einen Scheck von vierzig Dollar im Monat, und es kam vor, daß der Scheck mehrere Male auf dreißig Dollar herabgesetzt wurde.

Nachdem Mr. Collins das College verlassen hatte, ohne sich ausgezeichnet und ohne ein besonderes Examen gemacht zu haben, bekam er eine Anstellung in einer Bank durch die Vermittlung eines Konservenfabrikanten, der dem alten Collins Waren verkaufte und sich die Freundschaft und damit das Geschäft des alten Collins erhalten wollte. Mr. Collins begann in der Bank mit sechzehn Dollar in der Woche. Nach einem Jahr hatte er es auf achtzehn Dollar gebracht. Er wechselte über zu einer Versicherungsgesellschaft, wo er mit zweiundzwanzig Dollar die Woche begann und nach drei Jahren Arbeit vierzig Dollar erhielt.

Nun gelangte er in ein Inseratengeschäft. Er begann mit vierzig Dollar die Woche und brachte es nach vier Jahren auf hundert Dollar wöchentlich. Ein ganz unerhört hoher Lohn, den er sich erwarb, weil er einige gute Ideen und Vorschläge für die Propaganda einer Zahnbürste, eines Gesichtscreams, eines elektrischen Brotrösters, einer neuen Zigarette, einer Messingputzpomade, eines zusammenlegbaren Tragstuhles für kleine Kinder und einer neu erfundenen Bedachung, die aus einer Mischung von Zement und Teer bestand, ausarbeitete. Seine Firma erzielte aus seinen Ideen einen Reingewinn von vierzigtausend Dollar. Als er das eines Tages aus den Büchern erfuhr, brach endlich der Weisheitszahn bei ihm durch. Er erkannte, daß er bisher ein Esel gewesen sei.

So beschloß er, nun mit dem Weisheitszahn versehen, für sich selbst anzufangen. Als er erklärte, daß er die Firma verlassen wollte, bot man ihm hundertfünfzig Dollar die Woche an, endlich hundertachtzig und zuletzt zweihundert Dollar und fünf Prozent Gewinnanteil von dem Verkauf seiner Pläne, die er in Zukunft haben würde.

Er lehnte das alles ab, weil er sich von nun an nicht mehr um Kleinigkeiten bekümmern wollte.

3

Seine Beschäftigung mit dem Ausarbeiten von Inseratenplänen für die neue Hausbedachung hatte ihn in Verbindung mit dem Hausbau gebracht, und sie brachte ihn in Verkehr mit Hausbauspekulanten.

Er dachte selbst daran, sich mit Grundstücken und Häuserbau zu befassen. Aber da kam der große Bauarbeiterstreik in Chicago. Rein zufällig erfuhr er von einem der Spekulanten, der angetrunken war und prahlte, wie smart er sei und wie er allen Hammeln Ringe durch die Nase gezogen habe, die wahre Geschichte jenes Streikes.

Es waren da zwei Magnaten in Real Estate, in Grundstück- und Häuserspekulation, die beide um die Vorherrschaft kämpften. Denn wer die Vorherrschaft hatte, der machte die Politik in Chicago. Und wer die Politik machte, der ordnete an, wo Straßenbahnen angelegt werden sollten und wo nicht, wo Eisenbahnhöfe erbaut werden dürften und wo es verboten wurde im Interesse der Einwohnerschaft, wo die Stadt ein Hospital zu errichten hatte und wo die Gegend der Genesung von Kranken ungünstig war. Wer die Macht hatte, wußte Jahre hindurch im voraus, wo eine Straßenbahn hinkam. So konnte er Land billig aufkaufen von denen, die nicht wußten, daß eine Straßenbahn beabsichtigt war, und konnte es mit fünftausend Prozent Gewinn verkaufen, sobald die Bahn gelegt wurde. So mit Bahnhöfen, so mit Hospitälern, so mit Schlachthäusern, so mit Schulhäusern, so mit Mietkasernen, so mit allem, das von Bauland abhing.

Beide Magnaten hatten zu gleicher Zeit mehrere Blocks an Häusern, Wohnhäusern, Bürohäusern, Läden, unter Konstruktion. Ein Objekt, das in die vielen Millionen von Dollar ging.

Wer mit seinem Bauprogramm am ersten fertig war, hatte gewonnen. Er konnte alle Mietverträge, die bereits gezeichnet waren, auf den Tag einhalten, während der, der nicht zu dem gesetzten Termin fertig war, an die Hauskäufer und Mieter hohe Konventionalstrafen zu zahlen hatte. Wer zuerst fertig war, bekam alle Mieter, die auf Häuser warteten, und wer zuletzt fertig war, konnte seine Häuser vielleicht monatelang leer stehen haben. Niemand kaufte sie, weil der Bedarf an leeren Wohnungen, Läden und Büros gedeckt war für die nächsten Monate.

So ging der Magnat, der am meisten Geld dafür ausgeben wollte und zuerst die Idee hatte, zur Bauarbeiterunion und kaufte den Sekretär für zehntausend Dollar. Unter dem erlauchten Einfluß des großen unvergeßlichen Arbeiterführers Samuel Gompers, der einst die Ehre hatte, unter den arbeitsamen und anständigen Proletariern des Gettos in Amsterdam geboren zu werden, war das Führen einer Arbeiterunion genau so gut ein Geschäft wie die Massenanfertigung von fertig gelöteten Herrenanzügen oder schlecht abgesäumten Frauenhemden. Ein Unionführer dieser Art, der bei seinem Tode nicht ein Bankguthaben von einigen hunderttausend Dollar seinen verschiedenen weinenden Witwen und Waisen hinterlassen konnte, hatte seinen Beruf nicht verstanden, sondern war ein Dummkopf gewesen, der aus dem Gefängnis nur herauskam, um am nächsten Tage wieder hineinzukommen, weil er glaubte, eine Arbeiterunion habe etwas mit Sozialismus zu tun.

Der gekaufte Sekretär fand nun heraus, daß eine Arbeitszeit von zehn Stunden zu lang und ein Tagelohn von sieben Dollar zu niedrig sei und daß nun, inmitten dieser regen Bautätigkeit, endlich die Stunde gekommen sei, das durchzusetzen, wofür einige Jahre vorher die Anarchisten in Chicago gehenkt worden waren. Um das mit Erfolg durchzusetzen, dürfe man aber nicht, wie der Sekretär den einberufenen Versammlungen von Bauarbeitern erzählte, überall zugleich streiken, sondern man müsse erst den einen Magnaten zu Tode streiken und dann den andern. Dann habe man beide überwunden, und die Bauarbeiter seien dann endlich die Herren von Chicago. Er wußte das alles gut und schön klarzumachen, und die Bauarbeiter glaubten ihm alles, denn er war ja ihr Sekretär.

Der Magnat, der zuerst bestreikt werden sollte, war der Gegner jenes Magnaten, der die zehntausend Dollar an den Sekretär bezahlt hatte. Der Streik brach aus. Er wurde mit aller Wut und allem Haß geführt, der nur aufgebracht werden kann von Arbeitern, die statt ihre sieben Dollar Tagelohn jetzt nur die magere Streikunterstützung bekommen. Es gab viel Schlägereien mit Streikbrechern, es wurden Streikende und Streikbrecher erstochen, es wurde von Polizei in erregte Massen geschossen, und es gab viel Gefängnis.

Endlich war der Magnat, der den Sekretär gekauft hatte, mit seinem Bauprogramm fertig, und der Magnat, der nicht fertig war infolge des Streiks, verlor sein Vermögen und war ausgeschaltet aus dem Wettrennen um die Vorherrschaft im Real Estate in Chicago.

Die Arbeiter redeten sich halb zu Tode in ihren Versammlungen über die Stärke des Unternehmertums und die unüberwindliche Macht des Kapitalismus und rackerten mit vereinten Kräften, ihre Organisation zu stärken und auch den letzten unorganisierten Mann heranzuschaffen, denn nur eine starke Organisation war vonnöten, um den Kapitalismus zu zerschmettern oder wenigstens einen auskömmlichen Tagelohn zu erhalten, wenn man die sozialistische Weltordnung denn doch nicht so bald erblicken sollte.

Die Kenntnis der wahren Geschichte dieses Streiks schuf die Grundlage der Macht des Mr. Collins.

4

Mr. Collins erinnerte sich eines Mitschülers aus seiner Collegezeit, dessen Vater Vizepräsident einer der größten Anthracite Companien in Pennsylvania war. Durch diesen Schulfreund gelang es ihm, eine Unterredung mit dem Vizepräsidenten bewilligt zu erhalten.

Nachdem der Vizepräsident den Plan, den ihm Mr. Collins unterbreitete, erfaßt hatte, wurde Collins eingeladen, einer besonderen Conference des Direktoriums der Company beizuwohnen und dort seinen Plan ausführlich noch einmal vorzubringen.

Der Plan des Mr. Collins war so geschickt, daß Collins, obgleich er nur ein Niemand war, um seine Idee nicht betrogen werden konnte. Denn versuchte die Company, den Plan auszuführen, ohne sich mit Mr. Collins vorher über den Preis verständigt zu haben, so brauchte Mr. Collins nur zu einer Zeitung gehen, und der Plan war vereitelt. Es gab immer eine Zeitung, die, um eine große Sensation für sich allein zu haben, das bevorstehende Manöver der großen Kohlen-Company veröffentlicht und Mr. Collins sogar dafür bezahlt hätte.

Das erkannte das Direktorium sofort, und darum begann man, mit Mr. Collins in ernsthafte Unterhandlungen einzutreten.

Mr. Collins forderte acht Prozent vom Reinertrag des Manövers. Man einigte sich endlich auf fünf Prozent, die zu einem Zehntel in bar und zu neun Zehnteln in Aktien der Company bezahlt werden sollten. Ferner wurde Mr. Collins als Mitglied in den Aufsichtsrat aufgenommen und für die Dauer des Manövers zum Privatsekretär des Präsidenten ernannt mit einem Monatsgehalt von dreitausend Dollar. Praktisch hatte er wenig zu tun; denn für die laufenden Geschäfte blieb die erste Privatsekretärin im Dienst. Er hatte nur immer zur Hand zu sein, um seinen Rat bei allen Truppenverschiebungen, die nötig sein sollten, abzugeben.

Er war damals noch nicht dreißig Jahre alt.

5

Das Manöver begann. Es zeigte sich, daß das Manöver sich genau so abwickelte, wie Mr. Collins geplant und wie er vorausgesehen hatte.

Der Haupttrick bestand darin, daß kein Wort vorzeitig laut wurde.

Die Company ließ in allen ihren Minen mit Überdruck arbeiten. Überstunden und Überstunden. Es gab reichliche Prämien an die Minenarbeiter für Hochleistungen. Tausende von neuen Arbeitern wurden aus Europa herangeschleppt.

Alle Lager wurden mit Anthrazitkohle aufgefüllt bis zur Grenze. Große Plätze wurden gemietet, um die geförderte Kohle aufzunehmen und aufzuspeichern.

Neue Kunden wurden nicht angenommen. Es wurden nur die laufenden Verträge mit den Eisenbahnen und Schiffsgesellschaften und Großkohlenhändlern eingehalten, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Die Aktion wurde nach den Ratschlägen des Mr. Collins so geschickt geleitet, ging so ruhig und unauffällig vor sich, daß keine andere Company auch nur auf den Gedanken kam, daß hier einer der gewaltigsten Schläge vorbereitet wurde, die in den Staaten je erlebt worden waren. Denn das Manöver vollzog sich in jener ruhigen und satten Periode, die schweren Wirtschaftskrisen voranzugehen pflegt. Jener satten Periode, in der man nicht zu unsinnig wagt, weil der normale Verlauf der Geschäfte genügend Gewinn einträgt und ein zu übermütiges Spekulieren nur zu einer Unsicherheit führt, die einem augenblicklich unwillkommen ist. Man hält sich an die fetten Aufträge, die man selbst hat, und man kümmert sich nicht so viel darum, was andere tun, weil man nun, wo man genug Aufträge hat, auch einmal vornehm tun darf und sich erlauben kann, auch andern etwas zu gönnen.

Und eines Tages, nachdem mehrere Monate lang alles vorbereitet worden war, wurde der große Schlag geführt.

Der Schlag begann nicht als Schlag, sondern er begann ganz ruhig als ein Vortasten, als ein leises Streicheln.

Die Anthracite-Company verkündete allen ihren Arbeitern, daß von Freitag nächster Woche ab alle Kontraktlöhne um fünfundzwanzig Prozent und alle Tagelöhne um fünfzehn Prozent gekürzt würden.

Die Company arbeitete nach einem neuen System. Sie kaufte nicht Unionssekretäre. Das brauchte sie gar nicht. Der Erfolg war viel größer ohne die Mitwirkung von Unionssekretären, die vielleicht das Manöver vermanscht hätten. Außerdem sind die Sekretäre der Minenarbeiter unzuverlässig. Sie halten meist zu den Arbeitern, und sie sind ehrliche Kameraden. Sie stehen auf ihrer Soap Box, ihrer Seifenkiste, und lassen sich nicht eher zum Schweigen bringen, als bis sie von den Agenten der Kohlenmagnaten mit Steinen so blutig geworfen sind, daß sie bewußtlos von ihren Kameraden fortgetragen werden müssen. Die Zehntausende von Arbeitern der Anthracite beriefen sofort Versammlungen ein, aber es kam nichts heraus. Sie glaubten immer noch genug zu verdienen, auch nach dem Abzug, mit dem Prämiensystem und wenn sie noch mehr rackerten und noch mehr Überstunden machten als bisher. Einige Herren des Direktoriums begannen schon unsicher zu werden. Mr. Collins jedoch blieb ganz ruhig. Er zeigte in dieser Lage zum ersten Male seine Begabung als ein Großer unter den Magnaten.

„Wir beginnen ja erst, Gentlemen“, sagte er. „Nur jetzt nicht unruhig werden. Ich gebe Ihnen das Recht, mich zum Tode zu verurteilen, wenn es nicht glückt. Und ich will das Urteil selbst an mir vollstrecken und werde mich erschießen, wenn das Urteil gefällt ist. Aber stehen Sie.“ Man ließ ihn völlig frei handeln.

6

Eine Woche darauf wurde das Prämiensystem aufgehoben.

Die zweite Woche darauf wurden alle Überstunden abgesagt, und die Arbeiter, die auf die Prämien, auf die Überstunden, auf die hohen Löhne inzwischen eingestellt waren, in Abzahlungsverpflichtungen eingegangen waren, kleine Grundstücke gekauft und Hausbauten begonnen hatten, ihre Kinder zum College geschickt hatten und so vieles mehr getan hatten, das sie jetzt zu erwürgen drohte, begannen verwirrt zu werden.

Ein neues scharfes System wurde in den Minen eingeführt. Wer eine Minute zu spät an der Förderstelle eintraf, durfte den ganzen Tag nicht arbeiten, mußte aber im Schacht bleiben, weil für ihn kein Förderkorb da war. Er mußte warten, bis seine Schicht ausfuhr. Außerdem wurde ihm für die Minute, die er zu spät kam, ein halber Tagelohn abgezogen vom nächsten Tage, den er wieder arbeitete.

Es geschah mehr. Die geförderte Kohle wurde schärfer untersucht. Wurden mehr als vier Steine gefunden, mehr als eine halbe Schaufel Staub oder Geriesel und fehlten mehr als fünf Pfund am Gewicht, dann wurde der ganze Wagen geförderter Kohle als Null gebucht. Die Miners bekamen ihn nicht bezahlt, aber die Company nahm ihn dennoch. Nun wurde die Gewerkschaft von den Arbeitern angerufen, um einzugreifen. Sie war schon beim Lohnabzug angerufen worden; aber nach langer Beratung beschlossen die Vertrauensleute, daß man erst einmal abwarten wolle, ob nicht nur ein Manöver der Company vorläge; denn nach den Berichten, die der Sekretär studiert hatte, war das Geschäft in Anthrazit glänzend.

Die Vertreter der Gewerkschaft ersuchten um eine Conference mit dem Direktorium. Das Direktorium erklärte, daß es mit fremden Leuten, die in keiner der Minen der Company arbeiten, nicht verhandeln könne. Drei Tage später, als das System der Vernullung geförderter Kohle immer rücksichtsloser gehandhabt wurde, ersuchten die hierfür gewählten Vertrauensleute, die bei der Company arbeiteten, um eine Conference nach.

Ihnen wurde die Conference bewilligt. Und gleich nach den ersten Worten wurde den Leuten gesagt, daß sie für den Verlust der Zeit, den sie durch die Conference hätten, voll entschädigt werden sollten. Das sei ganz natürlich.

Das stimmte die Leute, die gekommen waren, um zu zeigen, wie erregt sie waren, friedlich, und sie, die sich vorgenommen hatten, sich wie hungrige Tiger in der Conference zu benehmen, wurden durch gute Zigarren, die man ihnen anbot, und durch höfliches Bitten, sich doch in die tiefen weichen Sessel zu setzen, so zahm, daß der Präsident seinen Kopf in die Rachen der Tiger stecken konnte, ohne befürchten zu müssen, daß er einen Zahn fühlen würde.

Es wurde den Leuten klargemacht, es sei so viel Überschuß an Kohle vorhanden, daß man die Absicht habe, die Minen für eine gute Weile stillzulegen, und daß man nur die Pumpen und die Zimmerleute arbeiten lassen wolle. Man ging so weit, daß man den Leuten die Bücher der vorhandenen Lagerbestände vorlegte.

Die Leute verstanden nicht, solche Bücher zu lesen, weil das mit Kredit und Debit, mit Soll und Haben ging und die Leute nicht wußten, auf welcher Seite der Bestand war und auf welcher Seite der Abgang. Aber sie blätterten in den Büchern herum und taten, als ob sie alles verstünden. Sie mußten endlich zugeben, daß Riesenbestände von unverkaufter Kohle vorhanden seien.

Die Leute wurden während der Conference, in der sie selbst wenig redeten, immer mit Gentlemen angesprochen. Ohne daß sie es zugeben wollten, ohne daß sie es zugegeben hätten, würde man sie gefragt haben, so wurden sie dennoch durch diese höfliche Anrede beduselt. Sie hatten ein heimliches Gefühl, daß sie hier gleichfalls Aufsichtsratsmitglieder seien, die mitzubestimmen haben, über das, was nun mit den Minen geschehen soll.

Als sie endlich wieder draußen waren, erkannten sie, daß sie um nichts klüger waren als vorher. Es wurde ihnen verteufelt schwer, am Nachmittag in der Versammlung einen Bericht zu geben, von dem, was sie geleistet hatten und was alles geredet worden war. Diejenigen unter den Zuhörern, die ganz genau das Gleiche geleistet haben würden, hätte man sie für die Conference gewählt, schrien erbost zu den Vertrauensleuten hinauf: „Ihr Hosenschieter, ihr lumpigen, ihr habt euch da wieder einmal gründlich verseifen und verzuckern lassen; da haben wir die richtigen schleichenden Katzenfüßer gewählt. Laßt euch in Teig einbacken und in den Backofen schieben.“ Einer schrie gellend hinauf: „Wieviel hat euch denn der lausige Hund bezahlt? Jetzt kannst du ja deinen Phonographen bezahlen, he, Billy, he?“ Darauf folgte Lachen im Saal.

Am Mittwoch der folgenden Woche gab die Company bekannt, daß alle Angehörigen der Gewerkschaft mit Ende der Woche entlassen seien, daß nur die weiter arbeiten dürften, die ihre Unionsausweise auf dem Büro der Company abgeben würden und daß alle übrigen, die keine Ausweise abgeben, durch Unterschrift erklären sollen, daß sie nicht Mitglieder irgendeiner Gewerkschaft seien. Käme heraus, daß jemand seine Unterschrift gegeben habe und trotzdem Mitglied einer Gewerkschaft geblieben sei, so würde er sofort entlassen, ohne daß ihm sein stehender Lohn ausbezahlt würde und daß er mit seiner Familie innerhalb von achtundvierzig Stunden die Häuser und das Gelände der Company verlassen haben müsse. Wenn nicht, würde er wegen unberechtigten Betretens des Geländes der Company der Polizei übergeben. Samstag morgen brach der Streik aus auf allen Minen der Anthracite-Company. Es brach aus der Streik, den die Company brauchte, um den Gewinn des Manövers einzukassieren. Wie hier, so immer: Arbeiter streiken vielleicht selten, wenn es den Arbeitern günstig ist, sondern sie streiken meist, wenn es dem Kapitalismus günstig ist. Nicht aus Dummheit, sondern ehernen Gesetzen folgend. Was immer auch Arbeiter tun mögen, innerhalb des kapitalistischen Wirtschaftssystems werden sie das tun, was dem Kapitalismus dienlich ist, weil sie ein Teil des Kapitalismus sind, weil sie mit ihm, während der Herrschaft dieses Systems, verbunden sind auf Tod und Verderben, auf Leben und Untergang. Der Aktive leistet, der Inaktive leidet. Innerhalb dieses Systems ist der Kapitalist der Aktive. Er weiß, was er will. Er will Geld verdienen. Der Arbeiter will nur etwas abhaben. Er will es genau so machen wie der Kapitalist, er will mehr haben als sein Mitprolet. Wenn der Bäcker streikt und gewinnt, dann wird für den Schuster das Brot teurer, und dann muß der Bäcker mehr für die Stiefelsohlen bezahlen. Innerhalb dieses Systems dient alles dem Kapitalismus. Nicht weil die einen brutale Ausbeuter, die andern Hungernde und die übrigen Arbeiterverräter sind, sondern weil sie sich alle in derselben Maschine befinden.

Mr. Chaney Collins kannte dieses Gesetz, und er nützte es zu seinen Gunsten. Das war seine ganze Weisheit.

7

Nun begann die Anthracite zu kassieren. Sie war die erste Company, die moderne Ideen von proletarischen Rechten und proletarischer Freiheitsbewegung zu Millionen von Dollar an Gewinn ausmünzte. Es ist seitdem so oft getan worden, daß es inzwischen zur Gewohnheit und zu einem anständigen Geschäftsgebaren geworden ist. Der Staat hat sich dieses Tricks bedient, als er eine Lousitania notzüchtigte, um zu offenbaren, daß seine Ehre zertrampelt worden sei und er nun nicht mehr anders könne, als Wall Street das Nerven-Allheilmittel zu bewilligen. Aber zur Zeit, als Mr. Collins dreißig Jahre alt war, da war dieses Geschäft noch unabgegriffen, und es hatte keine Konkurrenten. Darum hat auch seitdem nie wieder eine einzelne Company so viele Millionen einkassiert für diesen Trick als damals die Anthracite-Company.

Der Streik bei der Anthracite hatte begonnen. Es waren ungefähr zwanzigtausend Minenarbeiter beteiligt. Die großen Zeitungen sandten Spezialreporter zu der Company, um dort alles das über den Streik und seine Geschichte zu erfahren, was die Zeitungsleser hätte interessieren können und was zur Sensation und damit zu fetten Zeitungsüberschriften sich aufzaubern ließ.

Das Direktorium der Anthracite Co. bestimmte Mr. Collins auf seinen eigenen Wunsch, im Namen des Direktoriums den Hunger der Reporter nach aufregenden Geschichten zu befriedigen. Die Zeitungen erfolgreich zu behandeln, ohne daß die Zeitungen fühlten, daß sie für die Pläne der Anthracite gebraucht wurden, gehörte mit zu den Truppenbewegungen, die Mr. Collins sorgfältig, lange vorher, ausgedacht hatte.

Den Reportern wurde erzählt, daß die Company übermäßig overstocked sei, daß also alle ihre Lager überfüllt seien. Der Verkauf von Kohle habe immer mehr und mehr nachgelassen. Die Company wüßte nicht, wohin mit der vielen überschüssigen Kohle, weil der Bedarf weit unter der Produktion stehe. Das wurde an Lagerbüchern und an Verkaufskontrakten, die man den Reportern vorlegte, alles bewiesen.

Mr. Collins sagte, daß ein unerhörter Preissturz für Kohle bevorstünde. Aus diesem Grunde hatte man, als einzigen Ausweg, beschlossen, die Löhne zu kürzen, um den bevorstehenden Preissturz aushalten zu können. Die Arbeiter hätten jedoch die Notwendigkeit dieser Lohnkürzung nicht eingesehen, was man ja auch begreifen könnte, weil Arbeiter eben nicht in der Volkswirtschaft genügend geschult seien. Er erklärte, die Company könne von der Lohnkürzung nicht absehen, weil Beibehaltung der früheren Löhne den Ruin der Company, ja den Ruin der gesamten amerikanischen Kohlenindustrie nach sich ziehen müßte. Soweit die Company in Frage käme, würde nicht nachgegeben, weil man nicht nachgeben könne, ohne wirtschaftlichen Selbstmord zu begehen. Auf die Frage, warum die Company ihren Arbeitern verboten hätte, einer Gewerkschaft anzugehören, erklärte Mr. Collins, daß die Arbeiter gern für die gekürzten Löhne arbeiten wollten, aber daß die Union es ihnen nicht erlaubte. Man könne eine Einmischung von außen in die wirtschaftliche Politik der Company nicht gestatten, ohne damit alle Rechte und Freiheiten, die dem Handel und der Arbeit auf Grund der Konstitution gewährleistet seien, preiszugeben. Die Company würde ihren willigen Arbeitern empfehlen, eine Gewerkschaft zu gründen, der nur Arbeiter, die in den Minen der Company beschäftigt sind, angehören sollen. Diese Gewerkschaft allein wolle man als berechtigte Vertreterin der Arbeiter der Company ansehen. Es scheint aber, fügte Mr. Collins hinzu, daß die Arbeiter nicht willens seien, den durchaus berechtigten und notwendigen Wünschen der Company Rechnung zu tragen. Deshalb könne er mit Sicherheit voraussagen, daß der Streik sehr lange dauern würde, sechs Monate wenigstens, vielleicht auch acht oder gar vierzehn Monate.

Die Reporter bedankten sich für die ausreichende Darlegung der Gründe des Streikes, soweit die Company in Frage kam.

8

Reporter dienen nur der Wahrheit; und sie betrachten es als ihre heiligste Pflicht, die Wahrheit zu suchen, selbst wenn die Wahrheit in den Kloaken des Volkes und in den Bettlaken von Individuen gesucht werden muß. Denn nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit ihren Lesern zu berichten, ist die einzige hehre Aufgabe einer amerikanischen Zeitung. Darum ist sie das irdische Instrument Gottes und die Zuchtrute für alle Verlogenen und alle Volksvergifter, Aufwiegler, Juden, Fremde und europäische Emigranten, die mit anarchistischen und ähnlichen sozialistischen Ideen vollgefüllt an den Ufern unserer glorreichen Republik landen, um unser schönes Land zu besudeln und zu zerstören. Darum gingen die Reporter auch zur Union, um die Meinung der andern Partei zu hören. Hier fanden sie jedoch, wie sie später ihren Lesern mitteilten, nicht die Ruhe und Sicherheit in den Zielen, die sie bei dem Direktorium der Company gefunden hatten. Hier fanden sie Unruhe, Nervosität, inhaltlose Reden, anarchistische Schreier, unklare Begriffe und verwirrte Vorstellungen über Profit, gemeinsames Zusammenwirken der ganzen Nation, Rechte der Arbeiter, sich zu organisieren, angebliche Pflichten gegen die eigenen Familien, verrückte Ansichten über Regierung im allgemeinen und Bösartigkeit und Verworfenheit der Kapitalisten im besonderen. Aber als klarer eindeutiger Wille trat hervor die feste unerschütterliche Absicht, nicht eher nachzugeben, als bis die Organisation anerkannt sei und die früheren Löhne, wenn auch mit einigen kleinen Änderungen, wiederhergestellt seien; denn, so sagte man in der Union, die früheren scheinbar so hohen Löhne seien schon niedrig genug gewesen, um den zahlreichen und täglich zahlreicher und höher werdenden Forderungen des täglichen Lebens gerecht werden zu können. Und auch hier wurde den Reportern bestätigt, daß man auf einen langen, auf einen sehr langen Streik vorbereitet sei und einen sehr langen Streik erwarte, weil es nicht mehr nur um Löhne ginge, sondern um Prinzipien, die nun endgültig entschieden werden müßten.

So wurde in fetten Überschriften auf der ersten Seite der Zeitungen erklärt, der Wahrheit gemäß, daß ein Kohlenstreik von unabsehbarer Dauer begonnen habe, der die gesamte amerikanische Industrie, ja das gesamte amerikanische Wirtschaftsleben lahmzulegen drohe.

Hätte Mr. Collins den Bericht selbst geschrieben und hätte er die Zeitungen bezahlt, daß sie seinen eigenen Bericht drucken sollten, der Bericht hätte nicht besser in seine Pläne passen können.

9

Die Anthracite hatte – denn auch das gehörte zu dem Plane des Mr. Collins – die übrigen Anthracite- und Kohlen-Companien vor Ausbruch des Streiks davon unterrichtet, daß ihr Verkauf stocke, daß sie ihre Lager überfüllen müsse und daß sie sich genötigt sehe, erhebliche Veränderungen in Löhnen vorzunehmen.

Jene übrigen Companien waren überreich beschäftigt, weil die Anthracite sich vorsichtig aus dem Markte zog. Deshalb verstanden jene Companien nicht, aus welchem Grunde die Anthracite so kurz laufe im Verkauf. Wenn aber eine der größten Companien keinen Verkauf habe, Lager füllen müsse und Lohnkürzungen vornehme, dann geht etwas vor auf dem Markte. Das wurde sofort von allen Companien begriffen.

Sie begannen vorsichtig zu werden und beauftragten ihre Lohningenieure, neue Lohnskalen auszuarbeiten mit gekürzten Löhnen. Aber die neuen Lohnskalen wurden noch nicht in Wirkung gesetzt, weil man vorläufig noch genügend reiche Aufträge hatte und keine Unruhe unter den eigenen Arbeitern hervorrufen durfte.

Als der Streik bei der Anthracite Co. ausgebrochen war und die Berichte in den Zeitungen ihre Schuldigkeit taten, antwortete die Börse in New York mit einem Nachlassen der Kohlenaktien, mit einem Unsicherwerden der Aktien der Eisenbahnen und der Schiffahrts-Gesellschaften und mit einem deutlichen Flauwerden von Stahlaktien. Es begann eine Stille in Wall Street einzusetzen. Eine Stille, die nach wenigen Tagen ängstlich wurde und sich jener Stille näherte, die gefürchteten Orkanen in Wall Street vorauszugehen pflegt.

Aber es kam noch nicht zu einer Katastrophe, noch nicht zu jenem wilden Hin- und Herkaufen von Papieren und unsinnigen Verschleudern von Werten, die dem Zyklonzentrum am nächsten lagen. Es schien, als ob man sich gewaltsam zur Ruhe zwänge. Denn niemand wußte, was da vor sich ging. Jeder wollte erst einmal warten, bis er den richtigen Tip von jemand bekomme oder den richtigen Tip vielleicht träumen oder von einem Wahrsager erhalten könnte. Aber das ganze Geschäft an der Börse wurde flau. Zwei Tage darauf antwortete Chicago mit einer Flauheit, die man seit vielen Monaten nicht erlebt hatte.

Als Ganzes jedoch genommen, war der Markt fest, weil die Werte, die wenig mit Kohle zu tun hatten, tätig blieben und sich in der üblichen Weile bewegten mit zwei Punkten herunter, mit fünf Punkten hinauf, und morgen umgekehrt. Elektrizitätswerte begannen sogar auffällig anzuziehen. Aber das stete Anziehen der Elektrizitätswerte schien zu beweisen, daß man der Kohle immer weniger zu trauen anfange. Auf dieses Anziehen der Elektrizität mußte, für jeden Eingeweihten klar, sehr bald ein weiteres Nachlassen der Kohle folgen. Und dann natürlich begann der Sturm zu fegen.

10

Noch in derselben Woche zogen die Elektrizitätswerte, die von Kohle unabhängig waren und ihre Kraft vom Wasser erhielten, plötzlich heftig an und stürmten in einem Tage achtzehn Punkte hinauf.

Das war das erste Heulen des kommenden Orkans.

Die Schiffahrtsgesellschaften, die Eisenbahngesellschaften, die Stahlwerke und die großen Kohlenhändler zeichneten keine neuen Verträge und begannen nur zu kaufen für den Wochenbedarf. Ein Preissturz von Kohle stand bevor, und ehe man nicht den neuen Preis kannte und ehe sich der neue niedrige Preis nicht festgesetzt hatte, konnte man keine neuen Verträge abschließen.

Nun begannen die übrigen Kohlen-Companien den schwer werdenden Markt zu fühlen. Auf große Lager waren sie nicht vorbereitet. Denn große Lagervorräte machen hohe Bankkredite nötig. Diese Bankkredite können nicht über Nacht herangeschafft werden; sie erfordern Beratungen und Verträge und Abberufung anderer Kredite. Die Banken wurden, infolge des mehr und mehr unsicher werdenden Marktes, sehr vorsichtig im Kreditieren von Kohlenvorräten, weil der Wert unsicher war. Wenn sie überhaupt kreditierten, so kreditierten sie kaum mehr als den nackten Förderlohn für die Kohle. So geschah es, daß die übrigen Companien keine erheblichen Lager schaffen konnten.

Sie mußten die Kohle billiger fördern. Und nach dem üblichen System konnte die Kohle nur dann billiger gefördert werden, wenn man die Löhne der Arbeiter erheblich kürzte. Um sicher zu gehen, nahm man gleich die Lohnskala der Anthracite-Company an.

Was blieb den Arbeitern übrig? Sie taten, was Mr. Collins wünschte, und sie traten auch bei den übrigen großen Companien in den Streik, weil sie sich den Lohnabzug nicht gefallen lassen konnten. Denn erstens hatten sie Ehre und zweitens Familien.

Die kleineren Companien, die ja von dem Schwanken der Börse nicht so sehr in Mitleidenschaft gezogen werden, weil sie meist eine kleine, aber sichere Kundschaft haben, wußten nun überhaupt nicht, was zu tun. Die einen kürzten Löhne und verboten die Mitgliedschaft zur Union, während die andern gar kein Risiko übernehmen wollten und einfach die Arbeiter aussperrten und die Minen stillegten, um abzuwarten, was die Großen nun erst einmal tun würden.

Alles das vollzog sich ohne ein geplantes und organisiertes Zusammen- und Ineinanderarbeiten der verschiedenen Companien. Ein Zusammenarbeiten mit den andern Companien hätte den Plan des Mr. Collins gestört. Aber es war so geschickt von Mr. Collins gearbeitet worden, daß keine einzige Company fühlte, daß sie absichtlich aus dem großen Raub ausgeschaltet worden war. Mr. Collins hatte ja allen vorher mitgeteilt, daß die Anthracite gefüllte Lager habe und Löhne kürzen müsse. Dadurch hatte er den Schein bewahrt, daß er in Gemeinschaft mit allen Companien arbeite. Niemand konnte ihm einen Vorwurf machen. Aber mit jener Mitteilung hatte er gleichzeitig seine Pläne vollkommener gemacht und den Schleier über seine Absichten gebreitet, den er nötig hatte, um ungestört arbeiten zu können.

11

Zweihundertvierzigtausend Minenarbeiter standen im Streik. Zweihundertvierzigtausend Männer mit ihren Familien mußten von der mageren Streikunterstützung leben, die ihnen die Unionen zahlten. Eine Unterstützung, die geringer werden mußte mit jeder Woche, die der Streik anhielt. Weil zweihundertvierzigtausend Familien weniger Geld hatten, so konnten sie weniger kaufen. Und das riß Tausende von Geschäftsleuten und kleinen Handwerkern mit sich, die gleichfalls weniger verdienten und darum weniger ausgeben konnten, wodurch weitere Kreise wirtschaftlich in Mitleidenschaft gezogen wurden. Jede Woche kamen mehr tausend Leute zur Bank, um von ihren Sparguthaben abzuheben, weil sie leben mußten und Verpflichtungen zu erfüllen hatten. So wurde das Geld in den Banken knapp. Kredite zu bekommen, wurde immer schwerer mit jeder neuen Woche. Der Zinsfuß wurde erhöht. Alles, was verpfändet werden mußte, bekam weniger und weniger Wert. Die Leute mußten ihre teuer erworbenen Möbelstücke für ein Zwanzigstel ihres Wertes verkaufen, um dafür Geld für notwendige Lebensmittel zu bekommen. Darunter litten Möbelhändler und Möbelfabrikanten sowie alle Leute, die Dinge verkauften oder Dinge anfertigten, die jetzt weit unter ihrem Wert verschleudert wurden.

Die Arbeiter schlugen sich mit Polizisten herum und holten sich blutige Köpfe. Sie stritten sich mit Fäusten in den Versammlungen, was Streikbrecher sei und was unbedingt notwendiger Arbeiter sei, damit die Mine nicht ersöffe. Sie schlugen und hetzten sich herum mit ihren Frauen, die Geld haben wollten. Sie klagten die Sekretäre der Union an, daß sie bestochene Agenten der Kapitalisten seien. Sie zerrissen ihre Mitgliedsausweise der Union und spuckten darauf. Sie winselten bei den Kolonnenführern um die Gnade, sie wieder aufzunehmen und sie nicht zu vergessen, wenn der Streik zu Ende sei. Sie schworen, nie wieder zu streiken, und wenn man die Löhne um sechzig Prozent kürze. Und sie gingen zu den Hallelujasängern der Methodisten, der Baptisten und der Episcopalians und warfen sich vor ihnen in den Staub der Kirchendiele und wimmerten, daß ihre Seele nun geläutert und gerettet sei und daß sie endlich in dieser schweren Prüfung heimgefunden hätten zu unserm Heiland Jesus Christus. Und da waren die ewig Optimisten, die ewig Pessimisten, die ewig Heulenden, die ewig Schimpfenden und endlich die Kraftstrotzenden, die die Zähne aufeinanderbissen und halblaut in sich hineinfraßen: „Zehntausendmal lieber verrecken, als diesen Räubern einen Cent nachgeben!“ Da waren alle, alle, alle vertreten, die man auch in einer Revolution findet. In jeder Revolution. Menschen, die essen wollen und nichts zu essen haben. Menschen, die für ihr geregeltes Essen ihre Seele verkaufen. Menschen, die sich lieber in die Faust beißen, als daß sie „Zu Ihren Diensten, mein Herr!“ sagen. Menschen und Menschen und Menschen. Und unter ihnen die Allgerechten, die Pharisäer der proletarischen Bewegung.

12

Der Orkan war da.

Es rasselte in der Börse von New York, daß man seine strahlende Freude daran haben konnte, wenn man keine Papiere besaß und nur neutraler Zuschauer war.

Das flog nur so wie Fetzen.

Die Fetzen des stolzen und bewunderten Wirtschaftssystems.

Es hagelte und dröhnte. Die Wände des Gebäudes dieses ehernen Systems erzitterten.

Die Telephonzellen der Broker, der Börsenagenten, krachten.

Dreißig Punkte rauf. Schnell verkauft. Aber ehe zugesagt ist, zwanzig runter, und niemand kauft sie für dreißig runter. Vierzig Punkte runter. Vier Punkte rauf. Hoffnung. Einen Punkt rauf. Cable über den Erdglobus. Markt beginnt sich zu festigen. Vierzehn Punkte runter. Markt erneut flattrig.

Drei Schüsse in drei verschiedenen kleinen Zellen in der Wall Street. Jede Zelle kostet viertausend Dollar Miete im Monat. Eine Mönchszelle ist ein Rittersaal dagegen.

Zwölf Punkte rauf. Drei runter. Sieben runter. Vier runter. Zwei rauf. Telephonmädchen bekommen Krämpfe. Telegraphisten werden irrsinnig. In den Büros der Banken und in den winzigen Stübchen der Agenten rasen die schmalen weißen Streifen mit den Todesurteilen und mit den Hoffnungsbelebungen aus den Mäulern der Privattelegraphen heraus mit unerfaßbarer Schnelligkeit.

Vier Mann stehen herum und lesen. Und lesen. Und lesen. Lesen die herausschießenden Ziffern, die unaufhörlich und gespensterhaft sich verändern. Lesen und erfassen mit einem dünnen Nervenfädchen ihres Unterbewußtseins den Sinn und die Bedeutung und den ganzen wirtschaftlichen Zusammenhang jener wenigen Buchstaben, die den Ziffern voranticken und die den Namen der Company, deren Werte hin und her fliegen, denen klar geben, die zu den Eingeweihten gehören. Für den Uneingeweihten sind jene Buchstaben ebenso schwer zu lösen wie alt-ägyptische Hieroglyphen. Und die Männer, die herumstehen um den Ticker, lesen und lesen. Lesen, mit der rechten Hand den weißen Streifen zerrend, um ihn noch schneller herauszuholen aus dem unermüdlich spuckenden Maule, mit der linken Hand den Telephonbecher vor den bebenden Mund gepreßt, um Orders zu geben. Orders zu geben so schnell, wie das splitternde Hirn Ziffern, Situationen und Aktien, die man an der Hand hat, zusammenreimen kann. Hirne, Mäuler, Ohren, Münde, Buchstaben und zerrende Hände sind gejagt von Mächten, die hier nicht gesehen, nicht gefühlt, sondern nur empfunden werden.

Und der unendlich lange weiße schmale Streifen schießt heraus, springt heran und flattert herum.

Der schmale weiße Streifen sprudelt und zischt heran, entscheidet in einer Sekunde die Schicksale von Zehntausenden von fleißigen und willigen Arbeitern, deren menschliche Persönlichkeit, deren Individualität hier ausgelöscht ist und die nur noch den Wert von einigen Punkten rauf oder runter in Aktien haben. Und der Streifen entscheidet die Schicksale von Hunderten von molligen Bürgern, die Studienpläne ihrer Söhne, die Heiratspläne ihrer Töchter, die Behäbigkeit ihres Alters. Und der lange, schmale weiße Streifen rennt und rennt und rennt über die Spulen. Getrieben, gejagt, gehetzt, gezerrt.

Nachdem er seine Sprache geredet hat, ballt er sich auf unter dem kleinen Tischchen, auf dem der Apparat tickt und tickt und tickt. Die tickende Uhr des Weltgerichts für Tausende und Tausende. Der Streifen ballt sich auf in einen immer größer werdenden Knäuel. Papierkorb.

Die erregten Männer stehen in dem Knäuel, der sich mehr und mehr um ihre Füße schlingt, wie eine lange dünne Schlange.

Nachdem Giganten und Pygmäen versucht haben, so rasch zu entscheiden, wie die Ziffern heranstürmen, bäumt sich der Streifen tot und vergessen über den Papierkorb hinweg, zu einem wirren Haufen aufknüllend. Niemand hat auch nur so viel Zeit, den Streifen einmal abzureißen. Er knüllt und bauscht und bäumt sich rastlos weiter auf.

Und endlich sieht der Knäuel aus wie ein Skelett mit tausend verschlungenen und vertwisteten langen dünnen Knöchelchen.

Der Leichnam finanzieller Gedanken.

Erdbeben in der Wall Street. Erdbeben des Wirtschaftssystems.

Jeden Tag Selbstmorde von Männern, die gestern groß, mächtig, unangreifbar, unerschütterlich schienen und waren. Säulen einer Wirtschaft, die so gesund und kraftstrotzend in die Welt blickte, als müßte das Universum sich vor ihr verbeugen.

Niemand mehr vermag die Katastrophe zu beherrschen. Sie wird größer und größer.

Was so mächtig und ehern erschien, dieses so wohlorganisierte, scheinbar so klug durchdachte, so gefestigt sein sollende Wirtschaftssystem kracht in allen seinen Fundamenten, weil ein Zweig unsicher geworden ist: Die Kohle, die Nahrung der Industrie.

Niemand kann das Rad still halten. Es rennt, es rast schneller und schneller und reißt tiefer und tiefer in den Körper der Wirtschaft hinein.

13

Bankstürme beginnen. Die Sparer sind von Panik erfaßt worden. Sie fürchten, nein schlimmer, sie sind sicher, daß ihr Geld, für das sie gespart und gedarbt haben, verloren ist. In unendlich langen Reihen stehen sie schon vor Mitternacht vor den Banken, um die ersten zu sein, wenn die Kassen öffnen. Je früher man da ist, je größer die Möglichkeit, noch etwas zu retten. Das geordnete Leben der Banken wird zerrissen. Alle Kräfte müssen heran, um auszuzahlen. Niemand zahlt etwas ein. Alle Kredite werden aufgekündigt. Banken in andern Ländern werden bittend angekabelt, auszuhelfen mit flüssigem Geld und mit Schecks. Alle Reserven der nationalen Bankvereinigung werden aufgerufen. Aber die Reihen vor den Banken verlängern sich.

Und dann beginnen die Banken zu krachen, weil sie nicht zahlen können. Das Geld ist ausgeliehen; denn wenn die Bank kein Geld ausleihen kann, dann kann sie ihren kleinen Sparern keine Zinsen zahlen. Erst krachen die kleinen Banken. Die großen helfen sich noch damit, daß sie die Kassenstunden auf zwei, endlich auf eine beschränken.

Dann beginnen auch größere zu krachen.

Und hinter all diesem Wirrwarr sitzt kein plötzliches Verschwinden eines Erdteils, sitzt keine gigantische Naturkatastrophe, die unwiederbringliche Werte vernichtete. Hinter all diesem Zusammenbrechen wirtschaftlicher Ordnung und wirtschaftlicher Sicherheit, die ständig bedroht wird von Aufwieglern, sitzt nichts anderes als die gestörte Einbildung derer, die etwas haben, die unsicher gewordene Hoffnung derer, die viel besitzen, und derer, die wenig besitzen. Alles das, was nun in der Wall Street geschieht, beruht in nichts anderem, als daß die Gedanken plötzlich, zu plötzlich, eine andere Richtung eingenommen haben als die gewohnte. Massenhypnose. Massensuggestion. Die Suggestion, die Einbildung: „Ich kann verlieren!“ reißt dieses schöne, von Gott gewollte, von Gott begnadete, von Gott beschützte Wirtschaftssystem in Fetzen. Und dennoch sind alle Werte gleichgeblieben. Die Werte haben sich nicht geändert. Es ist ebensoviel Kohle auf Erden wie vorher. Alles Geld ist noch da, und es ist kein Cent vom Erdball heruntergefallen in das Weltall, aus dem er nicht mehr gefischt werden kann. Alle Häuser stehen noch da. Alle Wälder. Alle Wasserfälle. Alle Ozeane. Die Eisenbahnen und Schiffe sind alle noch unversehrt. Und Hunderttausende gesunder und kräftiger Menschen sind willig, zu arbeiten und zu produzieren und den vorhandenen Reichtum der Erde zu vermehren. Kein Ingenieur hat die Fähigkeit verloren, neue Maschinen zu konstruieren. Kein Kohlenschacht ist von einer Naturgewalt verschüttet worden. Die Sonne steht leuchtend und warm am Himmel wie immer. Es regnet wie immer. Das Getreide steht auf den Feldern und reift wie immer. Die Baumwollfelder stehen in Pracht. Nichts hat sich am vorhandenen Wert irdischen Reichtums geändert. Die Menschen, als Einheit gesehen, sind ebenso reich wie gestern. Und nur darum, und allein nur darum, weil sich der Besitz einzelner zu verändern und zu verschieben droht, darum bricht eine Katastrophe für die gesamte Menschheit herein. Eine Katastrophe gleich den Katastrophen vergangener Zeiten, wenn Hungersnöte in einem Erdstrich ausbrachen und man keinen Ausgleich mit jenen Erdstrichen schaffen konnte, die im Überfluß erstickten, weil Transportmittel und Telegraphen fehlten.

Ein Wirtschaftssystem, eine Wirtschaftsordnung, geschaffen von Menschen, die von sich selbst behaupten, Intelligenz zu besitzen. Menschen jedoch, die trotz aller ihrer so hochentwickelten Technik, die sie schufen, noch immer nicht die Primitivität völlig unzivilisierter Menschen überwunden haben, soweit ein durchdachtes und wohl geregeltes Wirtschaftssystem in Frage kommt.

14

Die Wirtschaftskrise, gefürchtet gleich einem Strafgericht des Himmels, und monatelang vorher, oder eigentlich ständig, in prophetischer Weise mit drohendem Zeigefinger angekündigt von Kommunisten und Sozialisten, die behaupten, so etwas immer voraus zu wissen, begann nun kräftig einzusetzen.

Wirtschaftskrisen haben für neunundneunzig Prozent der Menschen etwas Unheimliches an sich, etwas Mystisches. Denn neunundneunzig Prozent der Menschen, ob religiös oder irreligiös, sehen in einer Wirtschaftskrise die Zuchtrute einer übernatürlichen Gewalt, die mit dem kapitalistischen System unlöslich verbunden erscheint und die sich offenbar von Menschen nicht abwenden oder vermeiden läßt. Neunundneunzig Prozent der Menschen leiden unter einer Krise. Die einen mehr, die andern weniger. Darum wird sie angesehen, wie man in vergangenen Jahrhunderten Pestilenzen, Hungersnöte und Mongolenüberfälle betrachtete.

Dennoch werden diese Wirtschaftskrisen keineswegs durch übernatürliche und mystische Mächte hervorgerufen, sondern immer nur dadurch, daß eine Einzelperson oder eine Gruppe von Einzelpersonen in das geregelte Wirtschaftsleben gewalttätig eingreift, um es zu einem großen privaten Vorteil auszunützen. Geht das Wirtschaftsleben seinen ruhigen Gang weiter, ohne daß Paniken künstlich erzeugt werden, so können wohl Schwankungen innerhalb der Wirtschaft vor sich gehen, aber es kann niemals eine schwere Krise ausbrechen. Denn ganz so chaotisch, wie es häufig erscheint, ist das kapitalistische Wirtschaftssystem ja nun keineswegs. Die Kapitalisten machen zuweilen Dummheiten, aber sie sind keine Narren. Und nur Narren werden sinnlos darauflos produzieren, ohne stets beide Augen auf den Markt und dessen Aufnahmefähigkeit gerichtet zu halten. Selbst Erfindungen und selbst Neukonstruktionen besserer Maschinen können wohl den einen oder den anderen aus dem Sattel werfen, aber selbst sie können keine Krisen hervorrufen. Etwas hat man immerhin auf unserm Kontinent schon gelernt: Je höher die Löhne und je kürzer die Arbeitszeit und je größer die Bildung der Arbeiter ist, desto gesicherter ist der ruhige Ablauf des Wirtschaftslebens, und desto schwieriger ist es selbst für einen Mächtigen, eine schwere Krise heraufzubeschwören.

Wenn Hunderte und aber Hunderte von Millionen Tonnen bester Kohle unauffällig und geschickt ihrer Bestimmung entzogen werden, ohne daß die Menschheit sich darauf vorbereiten konnte, so muß das Resultat genau das gleiche sein, als ob ein Erdbeben oder eine gewaltige Wasserflut die Werte eines großen Teiles der Erde zerstörte. Aber eine Naturkatastrophe kann das Wirtschaftsleben nicht so in Unordnung bringen wie eine große Spekulation. Bei einer Naturkatastrophe weiß man, was geschehen ist, man weiß, wo es fehlt und wo man und wie man anzusetzen hat, um den Schaden wieder zurechtzurücken. Aber bei einer Spekulation weiß niemand, was eigentlich geschehen ist. Niemand weiß, ob Kohle die Ursache ist oder Geld oder Mangel an Eisen oder Erz oder Spekulation in Getreide oder in Baumwolle oder in Öl. Darum kann niemand an die Quelle des Unheils heran, weil die Quelle nur einem einzigen bekannt ist, der seine Wissenschaft nicht verrät, um seine Vorteile in dem Wirrwarr zu finden.