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Die Weiße Rose

Chapter 58: 2
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About This Book

The narrative explores the dynamics of the Condor Oil Company, a prominent yet not the most powerful American oil corporation operating in Mexico. It examines the company's insatiable appetite for growth and influence, likening its operations to those of a state in terms of organization and strategy. The text delves into the competitive landscape of the oil industry, highlighting the methods and motivations that drive such corporations to seek dominance in the international market. Through this lens, it reflects on the broader implications of capitalism and the relentless pursuit of power.

6

1

r. Collins war jetzt oben. War vollberechtigtes Mitglied im Generalstab des Wirtschaftslebens der Nation.

Aber alle die Männer, die bisher mit ihm gearbeitet hatten, also das Direktorium der Anthracite Company, begannen sich vor ihm zu fürchten. Sie alle hatten keine Sentimentalität. Aber sie besaßen noch genug Zimperlichkeit, nicht bis zur letzten Grenze zu gehen.

Was die Anthracite getan hatte, war alles innerhalb der Grenzen des Gesetzes geblieben. In allen ihren Handlungen war die Company vom Gesetz geschützt. Jeder hatte das Recht, Lager aufzuhäufen, wann und wo und wieviel er wollte. Und jeder hatte das Recht, seine Lager zu öffnen, wann es ihm am günstigsten erschien. Die Anthracite hatte niemals in diesem großen Raubzug mit Lügen gearbeitet. Sie hatte offen verkündet, daß sie Lager auffülle. Und sie hatte das ganze Manöver durchgeführt, ohne das Trustgesetz irgendwo zu verletzen. Sie hatte mit keiner anderen Company ein trustähnliches Abkommen getroffen, um den Markt zu beherrschen. Das Geschäft war so sauber, so ehrenhaft, so anständig wie nur immer ein Geschäft innerhalb des kapitalistischen Systems sein kann. Daß die Menschen sich in eine Panik jagen lassen, kann man nicht der Anthracite zum Vorwurf machen. Dafür ist der liebe Gott verantwortlich, der alles geschaffen hat und keine Maus verrecken läßt, wenn es nicht in seinem Willen liegt. Ließen sich Menschen nicht erschrecken, könnte nie jemand Millionen verdienen. Nie könnte jemand Menschen für seine Privatzwecke gebrauchen, wenn die Menschen mehr Selbstvertrauen und mehr Mut hätten und sich nicht fürchteten vor einigen Tagen Hunger und vor dem Alter.

Wenngleich das Geschäft durchaus in gesetzlichen Grenzen geblieben war, so scheuten dennoch die Herren des Direktoriums vor einem neuen ähnlichen Geschäft zurück. Es waren da immer Zeitungen von Sozialisten und anderen Leuten, die aus Neid nörgeln, die irgendwie Weisheit bekommen und ein derartiges Manöver aufdecken können. Und alle die Menschen, die unter diesem Raubzug leiden, werden zu Anklägern. Wo Ankläger sind, da finden sich auch sofort Richter ein. Ein Mensch gilt nur so lange als ehrenhaft, solange man seine Geschäfte nicht zu durchschauen vermag. Keiner der Männer des Direktoriums konnte in das Zuchthaus geschickt werden, aber alle konnten in der Öffentlichkeit beschimpft werden als Zerstörer des Staates und als Förderer sozialistischer Ideen. Ein Kapitalist, der durch gar zu rigorose kapitalistische Manöver der Propaganda der Sozialisten und Anarchisten Material liefert, ist einem Verbrecher gleich, und er ist schlimmer als ein Anarchist.

Das erkannten die Herren des Direktoriums rechtzeitig. So blieben sie auch verschont von den Stürmen, die einige Jahre später den amerikanischen Kapitalismus durchschüttelten und die Sozialisten mit Dynamit versorgten, von jenen Stürmen, die der große Ölskandal, der sogenannte Tea-Pot-Dome-Skandal, verursachte. Stürme, die sogar den Präsidenten der Republik, Mr. Harding, so durcheinanderschüttelten, daß er krank wurde, sich hinlegte und sofort starb. So rechtzeitig starb, daß man ihm – Ehre vor einem Toten, der sich nicht verteidigen kann – nicht mehr genau nachrechnen konnte, wieviel Millionen er mit Mr. Sinclair verdient hatte auf Kosten der Nation, während sein Kronprinz, Mr. Coolidge, darüber die Sprache verlor und seitdem der größte Schweiger unter den Präsidenten der amerikanischen Nation genannt wird.

So kamen die Herren des Direktoriums zu der Überzeugung, es sei das beste, Mr. Collins, diesen Allzumächtigen, aus der Anthracite hinauszukaufen.

Mr. Collins bekam seinen Anteil am Gewinn in Aktien der Anthracite, die jetzt sehr hoch standen, weil der Bedarf an Kohle groß war und wieder tüchtig gefördert wurde. Durch diesen Besitz der Aktien bekam Mr. Collins eine hohe Stimmenzahl in der Company; und er hätte jetzt, lediglich durch seine Stimmenmacht, die Company abermals in ein Manöver verlocken können, was das Direktorium vermeiden wollte. Es hatte genug an dem einen Manöver für lange Zeit; denn das Risiko an Skandal war denn doch zu hoch für jene Herren. Mr. Collins wurde als Abenteurer angesehen, der sich um Skandale nicht kümmerte. Damals noch nicht, weil er noch im Aufstieg war. Später änderte es sich auch bei ihm in dieser Hinsicht. Mit zunehmendem Alter gibt man mehr auf gesellschaftliche Ehre und soziale Stellung als in der Jugend, wo man vorgibt, Bohemien zu sein. Auch wenn man sonst keinerlei Berührung mit Kunst hat.

Die Herren boten Mr. Collins einen sehr guten Preis für seine Aktien. So wurden sie ihn los und dankten Gott und gaben der Kirche.

2

Ein Mann in den States mit einem Bank Account von einer und einer halben Million Dollar, gewesenes einflußreiches Mitglied des Direktoriums der mächtigen Anthracite Company, bekannt bei und gekannt von allen großen Zeitungen als starker und smarter Knabe, ein solcher Mann muß zu einer kapitalistischen Macht werden, auch wenn er gar nicht will. Er wird dazu gezwungen. Er wird hineinverwickelt in alle großen Geschäfte und alle großen Manöver. Das System duldet ihn nicht als Außenstehenden und nicht als Zurücktretenden. Das System benötigt seine ein und eine halbe Million Dollar, und das System benötigt seine Erfahrung, seine Kenntnisse, seine Kraft und seinen Willen. Große Companien schenken ihm Aktien, nur damit er drin ist, nur damit er an der Company interessiert wird, nur damit er mit zu Rate gezogen werden kann. Die Banken lassen ihn nicht in Ruhe. Er muß sich beteiligen hier und dort, weil man ihn nicht für so schäbig hält, daß er sich mit vier Prozent begnügen könnte. Und einem Manne mit dem Rufe, den Mr. Collins nun hat, kommt niemand mit seichten Dingen. Man kommt ihm nur mit sicheren Sachen. Und nur mit solchen Geschäften, wo achtzehn Prozent sicher sind wie der Tod. Nur die kleinen Höker werden zu Dummheiten verlockt. Ein Mr. Collins nie. Wer Kartoffeln fünfkiloweise verkauft und Petersilie für zwei Cent das Sträußchen, der kann zu einem kleinen behäbigen Wohlstand gelangen, aber er wird nie Millionen machen. Genau so wenig wie jemals ein Proletarier, der immer in der Fabrik arbeitet und es nie wagt, sich einmal auf die eigenen Füße zu stellen, fünfzigtausend Dollar für sich zusammenbringen wird. Er würde dazu zehn Leben nötig haben, weil er ja stets nur einen kleinen Teil dessen bekommt, was er produziert. Die wahrhaft großen Vermögen werden nur gemacht von denen, die an den Nervensträngen der Nation, an den Lebensnerven der Menschen zupacken. Und skrupellos zupacken.

3

Die Lebensnerven der zivilisierten Menschen sind: Getreide, Baumwolle, Kohle und Eisen. Wer eines dieser vier Dinge beherrscht, ist allmächtiger als der liebe Gott; denn er kann Kirchen bauen und Kirchen verweigern, kann Pfaffen ernähren und Pfaffen verhungern lassen. Und wenn der liebe Gott keine Pfaffen mehr hat, wird er schnell vergessen. Fleisch, Leder, Häuser und Grundstücke sind auch wichtig. Aber der Mensch kann sich mit Fleisch sehr einschränken, kann seine Schuhe bis zum letzten Fetzen auftragen, kann sich sehr zusammenpferchen, daß er jahrelang ohne neue Häuser auskommt. Aber Brot braucht er, seine Hemden und Kleider aus Baumwolle sind nicht so dauerhaft wie Leder. Kohle braucht er, um nicht zu erfrieren, um Licht zu haben und Hilfskraft für seine Arbeit. Eisen braucht er für Werkzeuge, Maschinen und gelegentlich für seine Schießprügel und Kanonen.

Alles das hatte Mr. Collins rechtzeitig im Leben begriffen. Darum hatte er sich der Kohle bedient, um in den Sattel zu kommen.

Als man ihn aus der Kohle hinausdrängte, weil er zu gefährlich war, mußte er nach einem anderen Lebensnerv der Menschen suchen, um mit Macht spielen zu können. Besaß er Macht, so konnte er sich alle Genüsse verschaffen, die das moderne Leben bietet. Spielte er mit Macht, so konnte er alle Werte auskosten, die einem Menschen das Leben interessant und lebenswert machen. Zu spekulieren und mit Macht zu spielen ist erregender und köstlicher als am Roulett zu sitzen. Auf das Roulett kann man keinen Einfluß ausüben. Am Roulett zu spielen, erfordert keine Intelligenz. Jeder Trottel kann es, darum findet man in der Nähe eines Roulettes auch nichts anderes als Trottel, Spitzbuben und Frauen, die auf den Gewinn der Trottel warten.

Mr. Collins war kein Trottel. Er hatte Intelligenz. Und er war ewig aus seinem Innern heraus gedrängt, seine Intelligenz zu gebrauchen.

4

Es war die Zeit, als das Automobil aus seinen ersten schüchternen Gehversuchen heraus war. Aber nur wenige erkannten die große Zukunft, die das Automobil hatte. Der Glaube an die Unüberwindlichkeit der Eisenbahn war noch unerschüttert. Die ersten Versuche mit Flugmaschinen waren vorüber. Sie hatten vielen Männern das Leben gekostet, aber sie waren geglückt. Man konnte bereits einige Kilometer weit fliegen und eine halbe Stunde über dem Erdboden bleiben, bis man abstürzte und sich das Genick brach, wenn man nicht vorher schon verbrannt war. Die Vorarbeiten für den Dieselmotor waren auch geglückt und zeigten denen, die Intelligenz besaßen und die nicht das Bestehende für die letzte Weisheit menschlicher Fähigkeiten ansahen, bereits den Weg, den die Technik gehen würde. Gehen mußte.

Mr. Collins erkannte mit seinem guten Instinkt, daß die Kohle als Lebensnerv der Menschen zu verkalken begann und daß der Tag kommen würde, an dem die Kohle unwichtig war, vielleicht gar entbehrt werden konnte. Denn schon damals dachte niemand, der nur ein wenig Vernunft besaß, daran, daß man Automobile und Flugmaschinen mit Kohlen heizen und bewegen werde.

So kam es, daß Mr. Collins den jungen, frischen, unverbrauchten neuen Lebensnerv der Menschen packte: das Öl.

Er tippte auch gleich die richtigen Stellen an, die damals noch ganz neu waren. Er kaufte Felder in Kalifornien und in Oklahoma. Er kaufte in Gegenden, wo kein Geologe Öl vermutet hatte. Und er gewann.

Er gründete die Condor Oil Co. Sie war sehr klein. Beinahe die kleinste aller Companien an Kapital.

Aber sobald sie erst einmal geboren war, den ersten Schrei ausgestoßen und den ersten vollen Atemzug getan hatte, da begann sie auch gleich zu fressen. Und sie fraß und fraß. Fraß alle anderen kleinen und mittleren Companien auf und verschlang alle Privatunternehmer. Und sie fraß und fraß, bis sie so dick und voll war, daß sie gewichtig neben den allergrößten Öl- und Petroleum-Companien stand, angesehen und gefürchtet. Mr. Collins war so geschickt, daß er Manöver vermied, die einen Sinclair, den mächtigsten Ölmagnaten, in einen der größten und stinkigsten kapitalistischen Skandale verwickelten, die das amerikanische Volk, das ja so unermeßlich reich ist an kapitalistischen Skandalen, in den letzten Jahren gesehen hat. Ein Skandal, der so sehr an den Fundamenten des kapitalistischen Systems rüttelte, wie das nie eine kommunistische Propaganda fertigbringen wird. Daß ein System einen solchen Skandal überleben kann, daß das Volk darüber sogar lachen und satirische Chansons in den Vaudeville-Theatern anhören kann, ohne das System auch nur anzuklagen, beweist, wie fest gefügt und sicher dieses System noch steht. Beweist, daß dieses System mit den Mitteln, die Sozialisten und Bolschewisten empfehlen, wohl schwerlich, wenn überhaupt, gestürzt werden kann. In den Staaten einmal sicher nicht. Noch nicht. Und jedenfalls nicht mit den angepriesenen Rezepten. Mr. Sinclair wird nicht verflucht, sondern er wird bewundert, wie smart er war, daß es ihm sogar gelang, die militärische Bereitschaft der Nation zu kaufen und in Öl und Dollars zu verwandeln. Und seit Jahren arbeiten sich die Rechtsgelehrten das Hirn in den Köpfen blutig, um herauszufinden, nach welchem Paragraphen des amerikanischen Gesetzbuches Mr. Sinclair und seine Spießgesellen auf Präsidentensesseln und im Kabinett denn nun eigentlich verfolgt werden können. Ein Verbrechen liegt vor. Ein Verbrechen, nach dem jeder Bürger, der nicht Multimillionär ist, wegen schweren Hochverrats und Landesverrats mit dem Tode bestraft werden muß. Es ist zwar kein Feind da, an den das Land verraten werden könnte, denn Mexiko hat seine eigenen Sorgen. Aber es könnte doch ein Feind da sein. Und daß ein Feind da sein könnte, dieser Glaube muß dem Volke erhalten werden, und dieser Glaube muß genährt und gezüchtet werden, damit die Stahlfabrikanten nicht verhungern und die Erbauer von Panzerschiffen genügend Geld verdienen, um es mit ihren Chormädchen der Follies in Paris und Berlin ausgeben zu können. Denn in den Staaten ist die Unsittlichkeit mit Chormädchen und ähnlichen Lebenshungrigen verboten. Darum ist sie so teuer. Und darum ist Mr. Collins trotz seiner Millionengewinne immer in Geldnöten.