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Die Weiße Rose

Chapter 65: 4
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About This Book

The narrative explores the dynamics of the Condor Oil Company, a prominent yet not the most powerful American oil corporation operating in Mexico. It examines the company's insatiable appetite for growth and influence, likening its operations to those of a state in terms of organization and strategy. The text delves into the competitive landscape of the oil industry, highlighting the methods and motivations that drive such corporations to seek dominance in the international market. Through this lens, it reflects on the broader implications of capitalism and the relentless pursuit of power.

7

1

eine ewige Geldnot wurzelte in seiner Not, die er mit den Frauen hatte. Teils mit den Frauen überhaupt und im allgemeinen, und teils mit den bestimmten Frauen, die um ihn waren.

Wie er eigentlich zu seiner angetrauten Frau gekommen war, das hätte er so genau jetzt nicht mehr sagen können. Er konnte sich jedoch recht wohl erinnern, daß nicht er sie geheiratet hatte, sondern sie ihn. Sie hatte weder Geld mitgebracht, noch hatte sie ihn in eine gesellschaftliche Schicht gehoben, wo er einflußreiche Freunde hätte finden können. Die Heirat hatte sich begeben, als er Clerk in einer Versicherungsgesellschaft war und fünfunddreißig Dollar die Woche verdiente. Mit fünfunddreißig Dollar Wochenlohn kann man ja auch kaum erwarten, eine reiche Heirat zu machen oder in die bessere und darum wertvolle Gesellschaftsschicht durch Heirat zu gelangen.

Der Heirat war nichts, aber auch gar nichts voraufgegangen, was man heiße Liebe oder etwa gar romantische Liebe hätte nennen können. Der ganze Vorgang hatte sich so trocken und nüchtern abgespielt wie ein Abschluß der Einbruchsversicherung eines Möbelhändlers. Beide, Mann und Frau, waren dann eines Tages ziemlich erstaunt gewesen, als eine Tochter plötzlich geboren wurde. Denn beide hatten sich keine besondere Mühe dazu gegeben, und beide hatten nichts besonders Auffallendes empfunden in jenem Drei-Minuten-Funkspruch, der die Möglichkeit einer nicht unwahrscheinlichen Geburt in Aussicht stellte.

Ob er eigentlich glücklich oder unglücklich verheiratet sei, dieser Gedanke kam Mr. Collins nie. Er stand seiner Ehe neutral gegenüber. Er erfüllte seine Pflichten als ewig geldgebender Unterhalter der Familie, und er erfüllte seine übrigen Pflichten so sparsam wie zulässig und begründete diese Sparsamkeit durchaus glaubhaft mit der Entschuldigung, daß er überarbeitet und übernervös sei.

Da seine legitime Ehegesponstin seinen Hunger nach der Frau nicht befriedigen konnte und nie befriedigt hatte und er eines Tages die Augen öffnete und fand, daß es Frauen gibt, die wirklich fähig zu sein scheinen, etwas Ähnliches wie Liebe empfinden zu können, begann er die Frau zu suchen. Er suchte die Frau und fand eine und fand auch eine andere.

Als er dann in die Höhe stieg und genügend Mittel hatte, das Beste zu wählen, was zu haben war, läuterte sich sein Geschmack. Der geläuterte Geschmack wurde natürlich recht teuer. Und er wurde um so teurer, je mehr er sich läuterte; und er läuterte sich um so mehr, je höher Mr. Collins stieg und je mehr Geld er ausgeben konnte. Alles das ergab sich wie von selbst.

Daß sein Geschmack einen hohen Grad von Läuterung erreicht hatte, vielleicht den höchsten Grad, den ein Mann von der Art des Mr. Collins überhaupt je erlangen kann, bewies zur Genüge, daß er es vermocht hatte, Betty zu gewinnen und Betty zu erhalten. Mit Geld allein hätte er Betty nicht halten können; wenngleich natürlich sein Geld eine wichtige Rolle in diesem Unternehmen zu erfüllen hatte. Betty verlangte mehr als nur gerade Geld. Sie verlangte alles das von ihm, was er sich im Laufe der Jahre, in denen er auf der ständigen Suche nach der vollkommenen Frau gewesen war, im Umgang mit zahlreichen Frauen, angefangen bei bescheidenen und weiterentwickelt bei den Künstlerinnen ihres Faches, erworben hatte. Wäre er frisch und unentwickelt von seiner Ehefrau zu Betty gekommen, so hätte er sich keine Hoffnung auf irgendwelchen Erfolg ihr gegenüber machen können, auch wenn er doppelt soviel an Einkommen gehabt hätte, als er zu dieser Zeit hatte. Trotz seines Geldes würde ihn Betty verstoßen haben, auch wenn sie keine heilen Schuhe an den Füßen gehabt hätte. Denn Betty verkaufte ihre Neigung nicht. Sie gab und empfing wie eine Ehefrau.

Das Geld, was Mr. Collins an Betty verwandte, war in keiner Weise verschwendet oder verloren, wie das Geld, das er auf Chormädchen auslieh. Das Geld, das er für Betty ausgab, gleich wieviel, gleich in welcher Weise, war eine seiner besten Kapitalsanlagen. Das wußte er wohl, und das wußte auch Betty recht gut. Dennoch, und das muß hier auch gesagt werden, um Mr. Collins gerecht zu werden, war er doch weit davon entfernt, seine Beziehungen zu Betty als Kapitalsanlage zu betrachten. In Betty und durch Betty hatte er, der reife Mann, wohl zum ersten Male in seinem aufregenden und unromantischen Leben die Erkenntnis und das Verständnis für das gewonnen, was zwei Menschen mit ihren Herzen zueinander führt und zueinander hält.

Diese Erkenntnis hatte Mr. Collins als Mensch hart getroffen. Und wäre er nicht von Natur aus sehr robust und durchaus unsentimental veranlagt gewesen, so hätte ihn eine solche Erkenntnis aus den Angeln werfen können. Aber damit hätte er Betty wieder verloren; denn seine Unsentimentalität, sein völliger Mangel an Romantik machte ihn für Betty erträglich. Sentimentale Säuseleien konnten ihr seelisches und körperliches Erbrechen erzeugen.

Betty war von Hause aus reichlich mit angeborener Sentimentalität versorgt. Das tat gewiß der Schuß schwedischen Blutes, der in ihr war. Den größten Teil ihrer Sentimentalität verlor sie, als, aus rein ökonomischen Gründen, ihre erste große und tiefe Liebe in die acht Winde ging. Das war ein verteufelt harter Hieb gegen ihr Leben gewesen. Aber der Hieb befreite sie von allen Schlacken bürgerlicher Primitivität, die ihr bis zu jener entscheidenden Stunde noch angehaftet hatten.

Sie ging endlich als eine Persönlichkeit, die bewußt im Leben steht, aus jener Katastrophe hervor. Und sie hatte eine große und leidenschaftliche Freundschaft mit dem ersten Manne ihres Herzens gerettet, eine Freundschaft, die haltbarer und größer an wahren Werten war, als je eine noch so heiße Liebe werden kann.

Sentimentalität ist nirgends mehr hinderlich als im Leben. Und Sentimentalität ist am meisten hinderlich in den Staaten, wo sie ein Verbrechen ist und in vielen Fällen auch sehr schwer bestraft wird.

Den letzten schwachen Rest ihrer Sentimentalität verlor Betty dann als Redaktionssekretärin, wo sie es lernte, Backpfeifen an aufdringliche Redakteure und Reporter mit solcher nachdrücklichen Schärfe und mit einer so überraschenden Häufigkeit auszuteilen, daß sie den Nicknamen Beaty bekam, die Dreschende.

2

Betty wuchs unter dem Einfluß des Allerheiligsten, in dem sie sich jetzt befand, über die Fürstin hinaus. Sie wuchs hinan zu einer Göttin. Im gegenwärtigen Augenblick zu einer Göttin der Rache, deren Blick und deren Gebärde den Menschlein, die ihr nicht zu Willen waren, Unheil ohne Gnade ankündigten. So hatte sie Mr. Collins noch nie gesehen.

Aber so hatte er auch noch nie mit ihr zu spielen und zu handeln gewagt, wie er es in den letzten Tagen getan hatte, in denen er sie hinhielt mit dem Versprechen, daß er die Garage und das Haus besorgen würde, und dann gar nicht mehr daran dachte, sobald er sie nicht mehr hörte oder sah.

So konnte er seine Chormädchen behandeln. Aber nicht Betty. Hier hatte ihn seine Weisheit, die er als Führer im Wirtschaftsleben der Nation so sicher offenbarte, völlig im Stich gelassen. Er schwor sich jetzt zu, daß er das nie wieder versuchen würde.

Ohne daß sie ein Wort weiter sagte, wußte er, daß die Geschichte nun sehr teuer werden würde. Zehnmal teurer, als sie gewesen wäre, wenn er gleich am ersten Tage, an dem sie den Wunsch aussprach, Garage und Haus gemietet hätte.

Jetzt verlangte sie mehr. Sie sagte kurz: „Wann kaufst du das Haus?“ Von einem Mieten des Hauses wurde schon gar nicht mehr geredet.

„Ja; also, wann kaufst du das Haus?“ wiederholte sie sachlich: „Montag ist die Party. Dann muß möbliert sein. Alles, bis auf den letzten Ring an den Vorhängen. Und Telephon und Licht. Ich will alles baden in Licht, überfluten und überschwemmen mit Licht. Gentlemen“ – sie wandte sich direkt an die Herren – „Gentlemen, Sie alle werden Mr. Collins und mir gewiß die Ehre erweisen, bei der Party anwesend zu sein. Bringen Sie alles mit, was Sie wünschen, alles Weibliche, was Sie an Freunden haben. Es geht durchaus ungezwungen zu. Paris in Frisco. Verstehen Sie, meine Herren. Ungezwungen. Importierter Prediger ist auch da, um Ehen zu schließen und später, wenn die Paare finden, die Charaktere stimmen nicht zueinander, sie wieder zu lösen. Und wenn Sie dann am Morgen gehen, sind Sie frei wie vorher. Die Kosten für Eheschließung und Ehescheidung müssen Sie selbst tragen. Das sind Privatkosten. Er macht es billig. Imitation ist immer billig, und wenn Sie zwei oder mehr Ehen schließen und scheiden während der Nacht, gibt er Ihnen Rabatt. Ist Schwede. Versteht aber, was Sie wollen. War in Schweden wirklich Prediger. In Stockholm. Sie haben ihm das Fahrgeld nach Amerika gegeben, weil er über Kirchengelder, die fehlten, nicht Auskunft geben konnte, wo sie geblieben waren. Collins, mein Liebling, du erinnerst die Herren, bitte, an die Party.“

Sie ging auf ihn zu, umarmte ihn, küßte ihn und war wieder hinaus.

3

Die Herren waren nicht aus dem Lachen gekommen, während sie im Telegrammstil ihre Party empfahl. Sie alle sagten zu, daß sie kommen würden. Sie sagten es im Ernst und mit Inbrunst. Und sie hatten nur einen unangenehmen Gedanken, daß etwas dazwischenkommen könnte, was sie verhindern möchte, bei der Party anwesend zu sein. Daß sie nicht ihre Frauen mitbringen mußten, sondern ihre Freundinnen, die weniger langweilig waren und auf jeden Scherz sprangen, ihn verstanden, geschickt erweiterten und meist sofort praktisch anwandten, versprach den Eingeladenen alle irdischen Genüsse, die die Großen der Nation nötig haben, um ihre Spannkraft nicht zu verlieren und nicht durch Nervosität, Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit zur Arbeitsunfähigkeit verurteilt zu werden. Wer arbeitet, soll auch genießen. Und wer tüchtig arbeitet, der soll auch nach dem Maßstabe des Wertes und des Gewinnes seiner Arbeit genießen.

Es sei schon jetzt gesagt, daß alle Herren des Aufsichtsrates zur Party kamen; daß alle mit ihren Freundinnen, oder was es sein mochte, kamen, und daß alle am nächsten Morgen, lange nach vier Uhr, heimkehrten mit dem Bewußtsein, daß sie alles genossen hatten, was sie erwartet hatten, zu genießen. Jeder war wenigstens einmal verheiratet und einmal geschieden worden. Und wenn er sich noch kräftig genug in den Lenden fühlte, so war auch ein zweites Mal und ein drittes Mal geheiratet und geschieden worden. Zehn Dollar kostete die Eheschließung und zehn Dollar die Scheidung. Brautgemächer waren auch da. Die Kammermädchen, die für die Bereithaltung der Brautgemächer zu sorgen hatten, bekamen für jede Öffnung eines der Brautgemächer zehn Dollar von dem glücklichen Bräutigam.

So ging am Ende ein jeder reich beschenkt nach Hause.

Es wurde nur darauf gesehen, daß jeder, der nach Hause ging, auch wieder richtig geschieden war; denn es war wiederholt versichert worden, daß der Prediger echt sei und daß die Heirat infolgedessen vor dem Gesetz ihre Gültigkeit habe. Was die jungen Bräute bei der Scheidung von ihren scheidenden und sich lösenden ehemaligen Ehemännern an Ablösegeld empfingen, hatten die Paare unter sich selbst auszumachen, weil man die Kosten für eine gerichtliche Entscheidung vermeiden wollte. Die Bräute sagten auch alle vor der Eheschließung schon, wieviel sie erwarteten, falls die Ehe noch in derselben Nacht, häufig in derselben Stunde, wieder geschieden würde. Darum ging auch alles viel schöner, viel reibungsloser – aber nein, reibungslos will ich nicht sagen –, viel glatter, viel ordentlicher und mit viel weniger Zank und Gestank zu, als das sonst im Leben geschieht, wo man Sachen ernst nimmt, die der Mensch niemals ernst nehmen sollte. Aber nein, es muß immer gleich alles ewig sein. Nun wohl, wenn ihr an ewigen Genuß, an ewige Liebe, an ewige Treue glaubt, dann müßt ihr für euren törichten Glauben eben auch bezahlen, so wie ihr der Kirche bezahlen müßt, wenn ihr daran glaubt.

4

Als Betty gegangen war, wurde die Konferenz wieder aufgenommen. Aber niemand wußte etwas zu sagen. Jeder hatte andere Gedanken. Gedanken an die Fürstin, Gedanken an die eigene Geliebte, Gedanken an das bevorstehende Fest, Gedanken an den Schimmer der Göttlichkeit, der für einige Minuten im Raume geweilt hatte, wo alles ungöttlich war, wenn auch sehr reich. Und es war keiner da, der nicht Mr. Collins in jenen Augenblicken angesehen hätte, als wäre er nicht von dieser Welt. Wie kann einem Manne wie Mr. Collins, einem Geldmanne, wenn auch einem mächtigen Geldmanne, so etwas in den Schoß fallen!

Und diese Herren, die so geübt sind, sich zu jeder Minute auf jede beliebige Sache mit aller ihrer Schärfe konzentrieren zu können, gaben es auf und beschlossen, die Konferenz zu vertagen. Millionen von Dollars blieben infolge dieser Vertagung, die Betty verursacht hatte, für einige Tage länger in den Händen, in denen sie heute waren.

Die Tatsache, daß alle Herren zugesagt hatten, zur Party der Miß Betty zu erscheinen, gab Mr. Collins nur noch vermehrte Macht in der Company. Denn es war ja nicht nur Bettys Party, es war ja auch seine. Er bezahlte ja die ganze Party. Und er bekam alle Herren nahe und zu einer Intimität, die allen seinen Plänen nur günstig war. Um bei einem so übertollen Feste zu einem reinen und vollen Genuß zu kommen, müssen alle Gesetze gebrochen werden, die Bigamie, Nackttänze und Alkoholkonsum unter schwere Strafe stellen und die abgestempelte bürgerliche Ehre und Anständigkeit der Großen des Volkes bedrecken, wenn es bekannt wird. Darum werden Verschwörer und Verbündete eines solchen Festes sich auch immer willig zeigen, Verschwörer und Verbündete zu sein in Geschäften, mit deren Hilfe man die Unkosten für jenes Fest zu bestreiten und die Kosten für ein anderes noch tolleres Fest heranzuschaffen gedenkt.

Mr. Collins konnte bei diesem Fest seine Spießgesellen besser studieren als in den Konferenzen. Hier lernte er ihre schwachen Seiten kennen, wo er sie anpacken und niederzwingen konnte, wenn sie ihm nicht folgen wollten bei der Ausarbeitung eines neuen großen Raubzuges.

So war es wieder Betty gewesen, die ihn zu größerer Macht erhob. Seine Frau hätte das nie vermocht. Ihr fehlte die Gabe, Dinge so zu schieben und zu lenken, daß niemand sah, wie und von wem gelenkt wurde.

5

Es war ein kühner Schachzug von Betty gewesen, daß sie im rechten Augenblick die Herren mit der Einladung überrumpelte. Sie tat es aus zwei Gründen. Und sie tat es keineswegs so spontan wie es schien. Sie hatte in zwei Sekunden die Situation übersehen und sofort zugeschlagen. Sie erfaßte sofort den Kern. Sie wußte, daß, wenn sie die Herren einlud und die Herren zusagten, daß Mr. Collins nun keine Ausrede mehr gebrauchen konnte. Er mußte das schönste und teuerste Haus kaufen, das zu haben war, er mußte das Haus verschwenderisch ausmöblieren, und er mußte das Fest so reich halten, daß einflußreiche Millionäre, die verwöhnt sind, sich nicht langweilten und das Fest etwa als eine „rotten affair full of boredom“, eine ludermäßig langweilige Geschichte bezeichneten.

Das war der eine Grund für ihre Einladung. Der andere Grund war rein sachlich und geschäftlich. Sie verhalf Mr. Collins, ohne daß er es ahnte, zu einer intimen Freundschaft mit jenen mächtigen Männern, was seinem Geschäft nützlich war und dadurch ihrem eigenen Einkommen; denn je mehr er verdiente, um so mehr konnte sie aus ihm herauswirtschaften.

6

Nachdem die Herren eingeladen waren und zugesagt hatten, mußte Mr. Collins in der Tat nach dem teuersten Hause suchen und es kaufen. Es war ein Palast. Reich möbliert. Das frühere Eigentum einer Filmkönigin, die mehr als Tempelhüterin der Venus verdient hatte als im Film, obgleich sie auch im Film dreitausend Dollar wöchentlich machte. Aber das war nur eine schlichte Nebeneinnahme, die gerade für die Unterwäsche reichte. Die Filmkönigin hatte sich kürzlich einen neuen Palast bauen lassen, und so war dieser Palast hier frei geworden.

Der Palast war in spanischem Kolonialstil erbaut. Der Innenhof war überdacht mit Glas, das mosaikartig und reich in Farben gefaßt war. Es war eine Bequemlichkeit besonderer Art, daß das Marmorbad, das bei dem Fest eine so große Rolle spielen sollte, schon da war, im Innenhof, und daß die Monturen des Bades reich versilbert waren. Es konnte geheizt werden, und der ganze Innenhof konnte rasch auf tropisches Klima gebracht werden. Das Bad selbst war an ähnliche Überraschungen, wie die bevorstehenden, gewöhnt und fand sich freudig bereit, alles zu tun, was man von ihm wünschte. Die Plätze für die drei Orchester waren so gut verdeckt, daß man weder die Musiker sah, noch daß die Musiker – was wichtiger war – unter keinen Umständen sehen konnten, was die taten, denen sie aufspielten. Bei jedem Orchester war außerdem eine Vertrauensperson, ein zuverlässiger Neger, der die Verantwortung für das gute Verhalten der Musiker übernahm, um spätere Erpressungen mit Hilfe von geglückten Blitzlichtaufnahmen zu vermeiden. Die Musiker wußten, was geschah. Aber sie kümmerten sich um nichts. Sie hatten alle Familien, wurden sehr gut bezahlt, und sie wußten, daß bei gutem Verhalten sie auch bei ferneren Festen anderer Gastgeber zur Mitwirkung herangezogen werden würden. Was auch immer man dem Luxus und dem Genuß nachsagen mag an bösen Dingen, sie haben meist das Gute an sich: sie lassen andere verdienen. So wird ein Ausgleich geschaffen, der die Achse der sich drehenden Erde in ihrer Ruhe hält.

Betty trank nur drei Glas Champagner. Nur aus Höflichkeit. Sie verheiratete sich nicht ein einziges Mal auf diesem Fest. Nicht einmal mit Mr. Collins. Als er etwas andeutete, holte sie eine der freien Bräute herbei, nahm beide unter den Arm und führte sie dem schwedischen Prediger zu. Mr. Collins ließ sich vermählen, und Betty gratulierte dem jungen Paar und übergab es einem Kammermädchen der Brautgemächer. Betty hatte gelernt, Welt und Männer zu regieren. Die ganze volle Woche nach dem Fest seufzte Mr. Collins in ihrer Gegenwart, wollte sich von seiner Frau scheiden lassen, um Betty zu heiraten, gab ihr in seiner Tollheit schriftliche Gelöbnisse – ein gefährliches Ding in den Staaten – und erwürgte sie beinahe in seinem Hunger nach ihr. Sie zerriß die Gelöbnisse vor seinen Augen und warf ihm die Stücke ins Gesicht.

Von diesem Tage an konnte er für sie morden.

7

Er verfiel in eine Raserei des Machthungers. Er gab sich auf. Das will sagen: Er gab sich auf als einer, der für sich selbst Macht erobern möchte. Er wollte Macht zu keinem andern Zwecke mehr, als vor Betty und in ihren Augen als der Mächtigste, der Klügste und der Kühnste dazustehen. In alten Zeiten wäre er jetzt ausgezogen und hätte Kontinente erobert.

Aber Kontinente werden heute nicht mehr mit Soldaten aus Fleisch und Blut erobert. Und Generale und Generalfeldmarschälle haben ihren Nymbus verloren. Als General Pershing sogenannt siegreich von den Feldern in Frankreich heimkehrte, jubelte man ihm zu. Am Tage des Einzugs. Am nächsten Tage war er vergessen. Die erste Seite der Zeitungen, die gestern voll war von seinem Ruhm, ihn Alexander, Cäsar, Washington und Grant gleichstellte, war heute überdröhnt von dem Fallen der Stahlaktien und von der nahenden Sintflut des Bolschewismus. Niemand dachte auch nur für einen Augenblick daran, ihn auf die Liste der Präsidentschafts-Kandidaten zu setzen. Er war nur gerade ein angestellter Metzgergeselle der Nation gewesen. Wer hat heute Zeit, sich um arbeitslose Metzger zu bekümmern!

Die Armee eines Mr. Collins, die er ausschickt, um Kontinente zu beherrschen – erobern will er sie gar nicht –, ist anderer Art. Seine Armee besteht aus Agenten, die Prämien bekommen. Seine Soldaten sind Schecks. Seine Kriegspläne bauen sich auf aus Renntips, aus den Tips für das Rennen um Öl.

Es beherrscht nicht länger mehr der die Welt und die Menschen, der die größte Armee, die besten Kanonen und die meisten Flugzeuge hat, sondern der beherrscht die Welt, der das Öl beherrscht. Was kann der größte Feldherr heute tun, wenn ihm Mr. Collins das Öl verweigert? Dann schwirrt kein Bomben tragendes, kein Giftgas spritzendes Flugzeug durch die Lüfte. Dann kriecht kein Kriegstank über das Schlachtfeld. Dann schleppen keine Lastautos Armeen von einer Front, wo sie im Augenblick nicht gebraucht werden, zu einer anderen Front, wo sie den Krieg entscheiden sollen. Dann fährt kein Unterseeboot in den Meeren. Dann bewegt sich keines der Riesengeschütze.

Wenn Mr. Collins sagt: „Ich habe kein Öl!“, so muß man es ihm glauben, und niemand kann ihn des Landesverrats anschuldigen, denn niemand kann Beweise bringen. Er hat die Pläne von den Rohrleitungen, von den Zufahrtsstraßen, von den Brunnen, von den Pumpstationen. Mit wenigen Kommandos kann er die Dinge alle so verwirren, daß keine hunderttausend Hektoliter Öl herangeschafft werden können, ohne hunderttausend Hektoliter Öl an Kraft unnötig zu vergeuden.

Man kann es wagen, die Gesetze der Rechte des Privateigentums zu erschüttern dadurch, daß man allen seinen Ölbesitz konfisziert. Aber wenn man nicht seine Kenntnisse, sein so kompliziertes System der Förderung, der Verteilung und des Transportes gleichzeitig mit konfiszieren kann, so ist der, der konfisziert, ebenso hilflos wie der Franzose, der das Transportsystem des Ruhrgebietes in Deutschland konfiszierte. Es bewegt sich. Freilich. Aber es bewegt sich so schwerfällig, daß der Nutzen aufgefressen wird von der Bewegung.