1
Wer Mr. Chaney Collins nicht näher kannte, der mochte glauben, daß er die Rosa Blanca aufgegeben und vergessen habe. Denn er regte sich nicht auf, als die Telegramme und Briefe von Senjor Perez kamen. Die ganze Erregung, die er der Rosa Blanca je zu widmen gedacht hatte, war zum Ausdruck gekommen an jenem Tage, als der Bescheid von Senjor Perez einlief, daß Don Hacinto nicht verkaufen wolle, selbst nicht für den Phantasiepreis, der ihm angeboten worden war. In jener erregten Stunde, als die eine und eine halbe Million Dollar Verpflichtung auf ihm lasteten, versprach er sich, daß er die Rosa Blanca haben müsse. Mit diesem Versprechen, das er sich selbst gab, war die Angelegenheit für ihn dauernd entschieden. Die Rosa Blanca nun zu bekommen, war nur noch eine Frage der Zeit und der darauf verwendeten Kleinarbeit.
Mr. Collins war gleich einem großzügigen Mörder. Die höchste Erregung äußerte sich nur in jener Stunde, in der ein Mord beschlossen wurde. War der Mord, also die Tat, erst einmal beschlossen, dann wurde er kalt und nüchtern, konnte ruhig und klar darüber nachdenken wie über die Lösung einer mathematischen Aufgabe. Nicht eine Spur von Erregung konnte jetzt mehr seine Pläne beeinflussen. Das war eine andere Ursache seiner Größe und seiner Erfolge, daß er die Erregung des Spielers nur in der Stunde der Entscheidung hatte, in der Stunde, in der ein Plan oder richtiger ein Ziel bestimmt wurde, und daß er, nachdem das Ziel gesetzt war, sich in dieser Sache nie wieder erregte, sondern nüchtern blieb. Seine Gedanken arbeiteten rein mechanisch, wenn es galt, die einzelnen Schachzüge zu tun. Hatte er das Ziel gesetzt, so gab es für die Betroffenen kein Entrinnen mehr. Sie waren wie eingeschlossen in einen großen Raum. Sie glaubten sich noch frei, weil sie Türen sahen; aber sie wußten nicht, daß die Türen geschlossen waren.
Aber die Wände des Raumes schoben sich immer enger und enger zusammen, schlossen den Gefangenen immer dichter ein, bis endlich der Tag kam, an dem die Wände den Gefangenen erdrückt hatten und er herausgenommen wurde, zerbrochen und tot, um auf den Kehrichthaufen der früheren Opfer geworfen zu werden.
2
Mr. Collins hatte die eine und eine halbe Million Dollar auf Kredit von seiner Bank nehmen müssen. Er war die Verpflichtung eingegangen, diesen Kredit innerhalb einer bestimmten Frist abzulösen. Und da er es unternommen hatte, nicht nur jene eine und eine halbe Million zu decken, sondern noch drei und eine halbe Million hinzuzuschaffen, um Betty die eleganteste Jacht der Erde zu kaufen und noch einiges andere mehr, so war er im Grunde vorläufig genau so gut ein Gefangener wie die Opfer, die er sich ausgesucht hatte. Nur war er ein Gefangener, der Willen, Aktivität und Bewegungsfreiheit hatte, Ziel und Wege kannte, um sich aus der Gefangenschaft zu befreien, während seine Opfer in der Verteidigung waren und statt Aktivität nur Passivität besaßen. Sie konnten nicht angreifen, und sie mußten sich verteidigen nach seinem Willen, mit dem er den Angriff leitete. Sie waren auch schon darum im Nachteil, weil sie nicht sahen, wo der Feind war, wer der Feind war, mit welchen Waffen er kämpfte, welche Verbündete er hatte und wo er angriff. So war für sie die Niederlage schon entschieden im selben Augenblick, in dem er den Angriff eröffnete.
Aus den laufenden Geschäften der Company hätte er das Geld, das er herbeischaffen wollte, auch herausholen können; aber es hätte mehr Zeit gekostet, als er darauf verwenden konnte.
Statt gleichzeitig zwanzig neue Brunnen anzubohren, konnte er den Befehl erteilen, daß gleichzeitig fünfzig neue Brunnen gebohrt wurden. Er durfte damit rechnen, daß von fünfzig Brunnen etwa zehn bis fünfzehn Brunnen mit Öl einkamen. Aber nach den Erfahrungen in den Feldern, in denen gebohrt wurde, war kaum zu erwarten, daß die einzelnen Brunnen mehr brachten als zwischen zweitausend und achttausend Hektoliter täglich. Ob ein Brunnen tot wird, also kein Öl zutage fördert, oder ob ein Brunnen tausend Hektoliter Öl täglich produziert oder hunderttausend Hektoliter täglich, das ist gleich, so weit die Bohrungskosten in Frage kommen. Jeder Brunnen zu bohren kostet so ziemlich das gleiche, ob er tot wird oder ob er produziert.
Wenn also Mr. Collins in einer verhältnismäßig kurz beschränkten Zeit fünf Millionen Dollar mehr verdienen wollte als sein übliches Einkommen war, so mußte die Condor Oil Co., die C. O. C., wie sie im Ölgeschäft kurz genannt wurde, um keine Zeit mit langen Worten zu verlieren, innerhalb kurzer Zeit zweihundert Millionen Dollar durch eine besonders hoch getriebene Produktion mehr verdienen als bisher, damit auf die Aktien, die Prämien und die Tantiemen des Mr. Collins jener Betrag extra kommen konnte.
Wird die Produktion durch geglückte Bohrungen und durch geschickte Spekulationen und Manipulationen auf dem Markte derart hoch getrieben, so verdiente nicht nur Mr. Collins in wenigen Wochen mehr als bisher, sondern ebenso auch alle übrigen Aktionäre und Aufsichtsratsmitglieder. Darum hat Mr. Collins alle jene Leute als Verbündete, weil auch sie alle ihre besonderen Mehrausgaben für ihre Betties, Jachten und ähnliche notwendige und unentbehrliche Zerstreuungen haben. Manche von ihnen begrüßen eine erhöhte Dividende aus ihren Aktien mit noch größerer Freude als vielleicht Mr. Collins; denn alle sitzen trotz ihrer Riesenvermögen irgendwo fest, sind irgendwo verwickelt in Spekulationen, müssen Erpresser und Erpresserinnen befriedigen, sind Käufe und Verpflichtungen eingegangen und haben jeder einzelne ein Heer von Faulenzern, die in Luxus leben wollen, an den Rockzipfeln hängen, ein Heer von Verwandten und Nichtverwandten, die sich nicht abschütteln lassen. Da zahlreiche ihrer Geschäfte, wohl die meisten ihrer Geschäfte, immer gerade noch so haardicht an den Maschen des Gesetzes entlanggleiten und zuweilen, in unbedachten Momenten, in die Maschen hineinschlüpfen, so müssen Polizeigewaltige, Richter und politische Athleten bezahlt und immer aufs neue bezahlt werden, Hunderttausende von Dollar müssen an die politische Partei, die am Ruder ist, sagen wir, die Republikanische Partei, bezahlt werden, und ist eine Sache gar zu heiß geworden, dann muß eine Kirche gebaut werden oder ein Hospital oder eine Bibliothek, um sich wieder aus den Maschen zu befreien. Heere von Agenten und Spitzeln sind im ständigen Gehalt. Zeitungen müssen aufgekauft oder gut ausbezahlt werden.
Die Verbündeten also, die Mr. Collins hat, sind die besten Verbündeten, die man haben kann. Sie brauchen eine unerwartet hohe Nebeneinnahme so dringend wie er. Und sie sind auch darum gute und die besten Verbündeten, weil alle ihre Beziehungen haben. Der Schwager des einen ist Polizeipräsident, der Bruder des andern Oberstaatsanwalt, der Vetter eines andern Kongreßmitglied und die Schwester wieder eines andern hat zu ihrem zweiten Bettgenossen ein Mitglied des Kabinetts.
Mit solchen Verbündeten läßt sich natürlich gut und leicht kämpfen.
Der Indianer Hacinto Yanyez hat solche gute Verbündete nicht. Darum ist er auch hier wieder im Nachteil.
Was immer Mr. Collins auch tun mag, um seine Ziele zu erreichen und seine Pläne durchzusetzen, solange jene Pläne den Erfolg haben, den man von ihnen erwartet, also höhere Dividenden herauszuholen, wird es sanktioniert von allen, die an der großen Schüssel sitzen. Und alle tun ihre Bestes dazu, daß die Pläne sich verwirklichen. Denn in den langen und verzweigten Kanälen fließen einige zehn Dollar gelegentlich selbst bis zu jenem Polizisten, der von seinem ordentlichen Gehalt auf keinen Fall seine große Familie ernähren und seine Söhne und Töchter auf das College zum Studieren schicken kann, damit sie nicht wie er Polizisten zu werden brauchen oder Stenotypisten, sondern Bankbeamte, und sie dadurch dem Schüsselrande näher kommen als der Vater war.
3
Die sozialistischen und die kommunistischen Zeitungen haben zuweilen sogenannte Brumm-Redakteure, die alle Strafen, die auf die Zeitung fallen, in irgendeiner Form abzubrummen haben, damit die wertvolleren Arbeitskräfte der Zeitung erhalten bleiben.
Einen solchen Brummer hatte auch die Condor Oil Co. Dieser Brummer war gegenwärtig ein Mr. Abner. Ursprünglich deutscher Herkunft. Sein Vater hatte noch Ebner geheißen. Mr. Abner hatte College und Universität besucht. Hätte er das nicht getan, so wäre er vielleicht ein ehrenwerter Chauffeur oder Mechaniker geworden und hätte sich recht und wacker durchs Leben geschunden, hätte gute amerikanische Bürger gezeugt, wäre endlich eines Tages mit Anstand gestorben und eine Woche lang von seiner zurückgelassenen Witwe und jenen neuerzeugten amerikanischen Bürgern, nach Einkassierung seiner Lebensversicherung, geziemend beweint und sachgemäß betrauert worden.
Aber Mr. Abner wollte im weißen Kragen gehen, auch des Werktags. Und darum kam er nach Beendigung seiner Studien als Junior in ein Anwaltsbüro, wo er alle die kleinen Schundsachen machen mußte, die ein Anwalt mit aufnimmt, um sein Büropersonal beschäftigen zu können, damit es nicht an den Bleistiften saugt und zum Fenster hinaussieht.
Mr. Abner war auch schon in jenem Anwaltsbüro ein Brummer gewesen. Jede dreckige und jede windige Sache, die bei dem Anwalt unterlief, hatte Mr. Abner, der Juniorteilhaber der Firma, zu verantworten. Er war der stinkende Anwalt, während der Senior immer reine Hände behielt und alles Geld einkassierte, ob es aus dem Gestank einer schmierigen Ehescheidung kam oder aus dem Mistpfuhl einer Erpressung oder aus den Schadenersatzklagen eines Gauners, der sich mit einem Stein das Schienbein zerschlug, sich dann vor ein elegantes Automobil warf, von dem er nicht überfahren, sondern nur gestreift wurde, und endlich aus der Versicherung des Autobesitzers dreitausend Dollar herausschindete, von welchem Betrag der Seniorteilhaber des Mr. Abner die Hälfte abbekam. Auf allerlei verzwickten und gewundenen Pfaden und mit Hilfe eines Ladenfräuleins, durch die er Bettschwager eines Aufsichtsratsmitgliedes der Condor Oil wurde, gelang es Mr. Abner endlich, in der Condor Oil Company zu landen. Er erhielt fünfundsiebzig Dollar die Woche, einen jährlichen Weihnachtsbonus von dreihundert Dollar und wurde sechster Syndikus der Condor Oil Company.
Mr. Collins, der ein gutes Auge für die Talente seines großen Personals hatte, erkannte bald die weiten Fähigkeiten des Mr. Abner als Brummer. Um ihn vorteilhafter gebrauchen zu können, machte ihn Mr. Collins zum dritten Junior-Vizepräsidenten mit hundertfünfundzwanzig Dollar die Woche, gab ihm zwei Aktien und Anrecht auf Prämien für Dinge, die Mr. Abner geknobelt hatte. Mr. Collins hatte ihm bei der Rangerhöhung und Lohnerhöhung gesagt, daß er, Mr. Abner, für alle Dinge, die er schiebe, die volle Verantwortung zu übernehmen habe, daß er jetzt ablehnen könne, wenn er wolle, daß er aber, wenn er akzeptiere, gebunden sei.
Mr. Collins war ehrlich. Er hatte gefunden, daß es sich besser arbeiten läßt, wenn man jemand offen sagt, wozu er gut ist und wozu nicht. Und er sagte Mr. Abner auch gleich, daß, falls er annehme und daß, wenn Dinge rauchig werden, er etwa gar das Maul verdrehe, daß man ihn so blasen würde, daß er sich glücklich schätzen würde, wenn er dann noch irgendwo in den Staaten die Stiefel putzen dürfte.
Mr. Abner war ja kein Grünhorn und wußte sofort, was Mr. Collins damit meinte. Abends, in einem Winkel, gab es Senge. Und was für welche! Und wenn die Senge abgeheilt war, so konnte Mr. Abner nach Osten oder nach Westen ziehen, nach Süden, Norden oder Zentral, er war keine zwei Wochen in Stellung und das Haus bekam einen Brief mit dem Inhalt, daß sich Mr. Abner eines unerhörten Vertrauensbruches schuldig gemacht habe, daß er unzuverlässig sei, weil er ein wackliges Maul habe. Selbst wenn das Haus Mr. Abner hätte behalten wollen, weil vielleicht hier ein verwackeltes Zungenwerk keinen Schaden stiften konnte, so wollte es doch kein Haus, sei es klein oder groß, mit dem mächtigen Mr. Collins verderben, und Mr. Abner mußte weiterziehen, und wenn er großes Glück hatte, konnte er als Reporter arbeiten auf Provision. Und das ist ein stachliges Bettchen, Gnade Gott dem Schächer.
Aber Mr. Abner war nicht verwöhnt. Skrupel kannte er nicht. Schlimmere Dinge als in seinem ersten Anwaltsbüro konnten nicht vorkommen. Außerdem, eine Condor Oil Company läßt niemand, der ihren Dreck gefressen hat, im Gefängnis verrosten. Eine Condor Oil Company kennt den Wert einer Arbeit und bezahlt den vollen Wert. So nahm Mr. Abner den Brummerposten an mit allen Bedingungen, die damit verknüpft waren und noch verknüpft werden konnten, ohne daß sie jetzt erwähnt wurden.
4
Dieser Mr. Abner war es, der nun in die Privatoffice des Mr. Collins gerufen wurde.
Nachdem sich Mr. Abner gesetzt hatte, nachdem ihm eine der besten Zigarren angeboten worden war, setzte sich Mr. Collins ihm gegenüber. „Abner, ich habe eine Spezialsache für Sie“, begann Mr. Collins. „Eine Sache, die ich nur Ihnen anvertrauen möchte, weil ich unter allen Herren keinen weiß, der diese Sache geschickter und klüger handeln könnte als Sie.“
So war noch nie in seinem Leben mit Mr. Abner geredet worden. Mr. Collins hätte jetzt von ihm verlangen dürfen, daß er allein nach Tibet reisen, dort die Buddha-Figur aus dem Tempel stehlen und nach Amerika bringen müßte. Mr. Abner hätte es getan oder wenigstens versucht.
„Die Sache liegt so, Abner. Wir haben da unten in Mexiko, im Staate Veracruz, große Ölländereien unter Kontrolle. Mitten drin, und sehr unbequem für uns, ist eine Farm, oder wie man da unten wohl sagt, eine Hazienda. Heißt La Rosa Blanca. Blöder Name für eine Farm. Aber die Leute sind einmal so. Können wir nicht ändern, ehe wir da nicht einmal fest zugreifen.
Na also, die Hazienda müssen wir haben, weil sie uns in unserer Bewegungsfreiheit hindert. Hat schwer Öl. Wir rechnen mit Brunnen von fünfzigtausend und vielleicht von achtzigtausend Barrels in jenem Gelände. Der Besitzer ist ein verlauster Indianer. Halb verblödet, wie diese Indianer alle sind. Weiß nicht, was er will. Ein Faß Branntwein täte es. Und ein paar tausend blanke Dollar dem Bürgermeister der Gemeinde, zu der die Hazienda gehört, in die Hände geschoben. Aber seit der Revolution haben die Leute da unten ja alle den Größenwahn bekommen. Reden sich die Mäuler aus dem Gelenk und denken, sie müßten alles Öl für sich allein haben oder für die Nation, wie sie sagen. Wir haben dem verrückten Nigger, der die Hazienda besitzt, tausend Dollar für den Hektar angeboten, rund vierhundert Dollar für den Acre. Denken Sie, dieser Feuerfresser will dafür verkaufen? Er will nicht. Und der Hektar da unten ist wert zwei Dollar im Durchschnitt. Wir haben unter dem Regime des alten Ruprecht Porfirco Diatsch, oder wie der alte Fuchs geheißen hat, Tausende von Hektar Land für fünfundzwanzig Cent den Hektar gekauft. Natürlich mit einem Tausender für den Bonzen, der da amtlich was zu sagen hat. Aber wie erwähnt, seit der Revolution sind diese Schmierkadetten bockbeinig geworden wie alte Mules. Die Anwälte, die wir da unten haben, sind keine Haselnuß wert. Kosten uns eine Unmasse Geld und tun nichts. Sitzen den ganzen Tag und die ganze Nacht in ihrem Harem. Wissen Sie doch, daß da unten in Mexiko noch die Vielweiberei herrscht?“
„Weiß ich“, bestätigte Mr. Abner. „Hab’s erst gestern wieder gelesen in einer Novelle in der Zeitschrift Action Stories.“
„Ja, na dann kennen Sie ja das Land und die Leute, die da hausen. Wissen Sie, wieviel Generale die da unten haben? Das wissen Sie nicht. Aber ich habe es von Mr. Halburn, der im letzten Sommer unten war. Die haben so viel Generale, daß jeder einzelne Soldat seinen eigenen General hat. Und wenn ein Soldat stirbt, dann duellieren sich zwei Generale, und der General, der überlebt, bekommt dann wieder einen Soldaten, den er kommandieren darf, damit er General bleiben kann. Die Agenten, die wir da unten haben, taugen auch nichts. Telegraphieren nur immerfort um Diäten und Bestechungsgelder, die sie zu zahlen haben, aber wenn wir was haben wollen von ihnen, dann schreiben sie, es sei gegenwärtig nichts zu machen, ehe wir nicht Waffen schicken, um den Banditen und Rebellen zu helfen, die Regierung zu stürzen.
Sie sehen also, Abner, daß man da direkt und auf geradem Wege nichts erreichen kann. Die Leute sehen nicht, wo ihr Glück ist. Ich habe nun die Überzeugung gewonnen, daß weder die Anwälte noch die Agenten ernsthaft etwas getan haben, um den Kauf der Hazienda durchzubringen. Die Leute verstehen nicht die Psychologie des Kaufens. Darum kommen sie auch zu nichts und betteln uns ewig an. Wenn wir direkt mit dem Indianer – er läuft nackt herum, wie mir gesagt wurde – verhandeln könnten, dann könnten wir ihm klarmachen, welche Vorteile es für ihn hat, seine Hazienda für gutes Geld zu verkaufen und sich irgendwo anders in Mexiko oder in Arizona eine größere und schönere Farm dafür zu kaufen, mit allen Maschinen und guten Straßen und einem guten Absatzmarkt für seine Produkte.“
Mr. Abner unterbrach hastig und sagte: „Jetzt verstehe ich, Mr. Collins, was zu tun ist. Wir müssen den Indianer hierherbringen in die Office. Dann können wir ihn unter Feuer nehmen.“
5
Mr. Collins hatte eigentlich nicht daran gedacht, den Indianer Hacinto nach San Francisco zu bringen. Er hatte mehr daran gedacht, daß man versuchen sollte, eine Zusammenkunft mit Hacinto in seinem Lande zu ermöglichen, vielleicht in Mexiko City oder in San Luis Potosi, daß man dann tüchtige Leute mit ihm verhandeln ließe und daß man ihn in der Stadt zerstreue, betrunken mache, mit ihm in die Lichtspiele ginge, daß man ihn mit Geschenken für ihn und seine Frau übertölpele und seine Abreise verzögere mit allen Mitteln, bis er zugestimmt habe. Mehr in dieser Weise hatte sich das Mr. Collins gedacht, als er sagte, daß man direkt mit ihm verhandeln müßte.
Aber der Einwurf des Mr. Abner brachte ihn auf die bessere Idee. Wenn es gelingt, Hacinto nach den Staaten, vielleicht gar nach San Francisco zu locken, dann ist der Ankauf der Rosa Blanca gesichert.
Und nachdem Mr. Abner den Vorschlag selbst gemacht hatte, änderte Mr. Collins sofort seinen Plan und sagte: „Das ist das beste, das einzige, was wir tun müssen. Wir müssen den Mann hierherbekommen, hier nach San Francisco, in unsere Office. Hier können wir mit ihm den endgültigen Preis festsetzen und ihm in Ruhe die Vorteile klarmachen, die er durch den Verkauf erzielen kann. Wir können ihm hier schöne Farmen zeigen und sie ihm zum Tausch anbieten. Die werden ihn schon verlocken. Kann er doch dann selbst sehen, was sich mit Geld alles machen läßt. Er wird gar nicht mehr zurück wollen auf seine alte verluderte und verdreckte Hazienda. Die Leute sind da noch so weit zurück. Sie werden es nicht glauben, Abner, aber es ist wahr, die reiben den Mais noch auf einem Stein wie die Höhlenmenschen.“
Mr. Collins war oft in Mexiko gewesen. Manches Jahr zweimal, um die Felder zu inspizieren und sich Informationen an der Quelle zu holen. Aber wie alle seinesgleichen, wußte er von dem Lande und von den Menschen, die es bewohnen, gar nichts. Wo sollte er es auch herwissen? Er wohnte im Hotel Imperial in Tampico, aß nur in amerikanischen Restaurants und raste im Auto von Ölfeld zu Ölfeld. In den Feldern sah er sich die mexikanischen Arbeiter überhaupt nicht an. Kaum daß er mit den amerikanischen Drillern und Timekeepern einige Worte redete über die Art des Geländes, in dem sie bohrten. Und wenn er mit seinem Auto übers Land sauste, dann flog er an den Hütten der indianischen Landleute vorüber, ohne auch nur einen Blick in das Leben jener Menschen zu tun. Er sah nur die Schilfhütten, die Palmdächer, die Lehmhäuser, die nackten Kinder, die barfüßigen Männer und Frauen, die herumlaufenden Schweine und Hühner, die seinem Automobil immer im Wege waren. Aber vom Lande wußte er nur das, was er in den amerikanischen Zeitungen und in den Romanen und Novellen der Zeitschriften las, die Thriller, den Leser aufregende Sensationsgeschichten, brachten. Wenn er von Mexiko hörte, dann hörte er nur immer von Banditen, von Rebellionen, von Revolutionen, von Revolverschießereien im Parlament, von Dreck, von Unwissenheit, von abergläubischem Katholizismus. Das war das Mexiko, das er kannte.
Es war jedoch ein Gleichgewicht in der Welt vorhanden: Wenn der Mexikaner von Amerika, von den Estados Unidos, hörte, so waren es immer nur Millionäre und Milliardäre, die dort wohnten, denn Amerikaner, die nicht wenigstens Millionäre waren, gab es nicht. Nicht für den Mexikaner. Jeder Amerikaner ist Millionär, und wenn er nicht Millionär ist, so ist er nicht Amerikaner. Nach der Meinung der Mexikaner leben alle Amerikaner nur in Wolkenkratzern, weil es andere Häuser in Amerika nicht gibt. Und es gibt nur einen einzigen Amerikaner, der etwas anderes tut, als Geld zu machen und die armen Mexikaner auszurauben, und das ist Mr. Limber, un hombre muy simpatico, ein sehr sympathischer Mensch, dessen Name sich aber sehr schwer aussprechen läßt, weshalb der Mexikaner statt Mr. Lindbergh einfach Mr. Limber sagt, und jeder weiß, wer gemeint ist.
Diese eingehende Kenntnis eines Volkes gegenüber dem Nachbarvolke ist der Aufklärungsarbeit der Zeitungen zu verdanken. Denn jeder weiß, daß die Zeitung nur eine große Aufgabe zu erfüllen hat, die Menschen aufzuklären und ihnen nichts als die reine Wahrheit zu verkünden.
Und was Mr. Collins nicht aus den Zeitungen und Zeitschriften über Mexiko und über die Mexikaner lernte, das erfuhr er aus den Anekdoten, die man sich im Hotel erzählte, um sich die Langeweile zu vertreiben, Anekdoten, die nicht in Mexiko erfunden waren, sondern die dem Life, dem Judge und anderen amerikanischen Witzblättern entnommen waren.
6
So war es durchaus erklärlich, daß Mr. Collins die Mexikaner, und nun insbesondere den widerspenstigen Indianer Hacinto Yanyez, so einschätzte, daß sie sich geräuschlos einfügten in seine Kenntnis von Mexiko und von den Mexikanern. Daß es auf Erden Menschen geben konnte, die den Wert des Geldes nicht begriffen, die nicht wußten, was für eine wundervolle, was für eine heilige Sache tausend schöne blanke Dollar sind, das war etwas, das Mr. Collins nicht verstehen konnte. Er glaubte es auch nicht, daß es so etwas gäbe. Er glaubte nur, daß die Höhe einer Summe einen Menschen bewegen könnte, etwas zu tun oder etwas nicht zu tun. Daß es aber Menschen geben könnte, denen Geld gleichgültig war und die andere Dinge viel höher schätzten als Geld, das glaubte er nicht. Und wenn jemand behauptete, daß ihm irgendein Ding, ein materielles oder ein seelisches Ding mehr wert sei als money, als selbst die höchste Summe von money, so war das nach seiner Meinung nur ein Trick, um eine höhere Summe herauszuarbeiten.
„So ist Ihnen nun Ihre Aufgabe klar, Mr. Abner“, fuhr Mr. Collins in seiner Rede fort. „Sie haben den Mann, diesen Don Hacinto, hierherzubringen. Ich überlasse es ganz Ihrer Klugheit, in welcher Weise Sie das erzielen. Die Beträge, die für diesen Zweck notwendig sind, stehen zu Ihrer Verfügung. Freilich warne ich vor einem: Kein Verbrechen, Abner. Das decke ich nicht. Vor allen Dingen dürfen Sie den Mann nicht kidnappen, nicht hinterrücks stehlen und entführen und hierherbringen. Etwa gar narkotisiert. Das gibt eine Schweinerei, für die Sie selbst zu bezahlen haben. Das sage ich Ihnen hiermit ausdrücklich. Das würde uns auch nicht helfen. Die mexikanische Regierung könnte den Vertrag dann anfechten, und wir sausen böse ab. Der Mann muß freiwillig kommen. Wie Sie das zuwege bringen, ist nun Ihre Sache. Ich halte Sie für klug und für intelligent genug, das geschickt zu tun. Darum haben wir auch Sie, Mr. Abner, für diese schwierige Aufgabe gewählt. Wenn der Mann hier in San Francisco ist, dann erhalten Sie eine Sonderprämie von zehntausend Dollar. Vorausgesetzt natürlich, wie ich bereits sagte, daß Sie keine Gewalt und kein Verbrechen ausgeübt haben, ihn hierherzuschaffen. Ich habe mich doch klar ausgedrückt, Mr. Abner? Nicht wahr? Gut. Wenn der Mann dann hier ist, wäre Ihre Aufgabe in der Hauptsache erschöpft. Das übrige, was dann zu tun ist, wird die Aufgabe anderer Herren sein, deren Spezialität es ist, Käufe abzuschließen. Sie reisen vielleicht noch in dieser Woche hinunter nach Mexiko, um den Fall an seiner Quelle zu studieren und die richtigen Maßnahmen zu treffen. That’s all. Damit wären wir zu Ende. Sie kennen Ihre Aufgabe. In den Einzelheiten verlasse ich mich ganz auf Ihre Geschicklichkeit.“
7
So notwendig und so dringend wie Mr. Collins seine fünf Millionen Dollar benötigte, so notwendig und dringend benötigte Mr. Abner eine Prämie von zehntausend Dollar und eine besondere Anerkennung der Company für gute Leistung.