WeRead Powered by ReaderPub
Die Weiße Rose cover

Die Weiße Rose

Chapter 90: 3
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The narrative explores the dynamics of the Condor Oil Company, a prominent yet not the most powerful American oil corporation operating in Mexico. It examines the company's insatiable appetite for growth and influence, likening its operations to those of a state in terms of organization and strategy. The text delves into the competitive landscape of the oil industry, highlighting the methods and motivations that drive such corporations to seek dominance in the international market. Through this lens, it reflects on the broader implications of capitalism and the relentless pursuit of power.

10

1

ie wilde Gier des Mr. Collins nach dem Besitz der Rosa Blanca war keineswegs eine reine Profitgier, wenngleich er nicht einen Moment lang seine Absicht aus den Augen verlor, fünf Millionen Dollar außerordentlichen Gewinn heranzuschaffen.

Seine Erklärung für sein brutales Vorgehen war nicht ganz so skrupellos kapitalistisch, wie es dem Fernstehenden erscheinen mag. Er war durchaus kein Unmensch. Als Mensch war er weder Mörder noch Spitzbube. Als Mensch war er liebenswert. Andernfalls hätte Betty ihn nicht einen Tag lang als ihren Freund und Geliebten geduldet. Hätte er die Rosa Blanca besucht, hätte er die Fähigkeit gehabt, das Wesen der Weißen Rose, das ihres Besitzers und ihrer Bewohner zu verstehen und zu begreifen, hätte er sie mit Liebe sehen können, statt mit einem bloßen geschäftlichen Interesse, dann wäre er gewiß der Mensch gewesen, der mit aller seiner Macht die Weiße Rose vor dem Brechen und dem Verwelken geschützt haben würde. Aber, fern von ihr, fern von ihrer Seele, sah er in ihr nur ein Objekt. Er sah in ihr nur eine amerikanische Farm.

Keine einzige amerikanische Farm, die er kannte, war eine Heimat. Keiner von den Farmern, die er kannte, dachte nur eine Minute lang daran, die Farm, auf der er lebte, zu einer Heimat zu machen. Wer eine Farm kaufte, rackerte sich halb zu Tode, um die Farm hochzubringen. Aber nicht hochzubringen mit der Absicht, sie zu einem dauernden Heim zu gestalten, sondern sie hochzubringen mit der Absicht, sie um fünfzig oder hundertfünfzig Prozent teurer zu verkaufen, als er sie gekauft hatte. Die Farm war ein Geschäftsobjekt, wie ein Kaufladen oder wie ein Holzplatz. Keinen Farmer verknüpfte mit seiner Farm irgendein seelisches Band. Die Farm wurde nur angesehen nach ihrem Werte als geldmachendes totes Objekt. So auch das Vieh, das darauf war, und so auch die Fruchtbäume, die dort standen. Wenn ein Farmer neue Bäumchen anpflanzte, so tat er es nicht in dem heiligen Gedanken, daß auch die nachkommenden Geschlechter Apfel, Birnen, Nüsse, Apfelsinen haben wollten und daß wir ihnen diese Früchte hinterlassen müssen, so wie unsere Vorfahren für uns Bäumchen pflanzten. Der Farmer baute die Bäumchen nur darum an, weil er eine Farm mit vielen angepflanzten Fruchtbäumchen teurer verkaufen konnte als ohne Bäume, denn die Farm versprach dem neuen Besitzer einen höheren Gewinn. Wenn ein Farmer eine billige Farm hochgebracht hatte durch seine Arbeit, so beeilte er sich rasch, einen Käufer zu finden, der ihm einen guten Preis zahlte, damit der jetzige Besitzer wieder irgendwo anders eine billige Farm kaufen konnte, mit der Absicht, sie hochzubringen und dann teurer zu verkaufen.

2

In solcher Umgebung lebend, nur solche Farmer kennend, wie konnte man erwarten, daß Mr. Collins die Weiße Rose verstand. Er wußte ja nicht einmal, daß Rosa Blanca bedeutete The White Rose, die Weiße Rose. Mr. Collins sah in der Rosa Blanca nur eine Farm, nichts weiter, und in ihrem Besitzer sah er nichts anderes, als einen eigensinnigen Mexikaner, der von den Millionengewinnen gehört hat, die aus den Ölfeldern herausgeholt werden und der nun versucht, den denkbar höchsten Preis aus seiner Farm herauszuquetschen.

Wer nimmt sich das Recht heraus, einen Mr. Collins anzuklagen, einen Mann, der das Produkt seiner Umgebung ist, wie ich ein Produkt meiner Umgebung und meiner Erfahrung bin. Mr. Collins handelt durchaus folgerichtig, entsprechend der Einflüsse, denen er unterliegt. Er kann nicht anders handeln. Und würde er anders handeln, dann wäre er kein Ölmagnat. Und folgen wir den Dingen bis zu ihrer letzten Konsequenz, so kann es in der Tat dahin kommen, daß die Menschheit kein Öl hat, das Öl, das sie so dringend gebraucht in dem Stande der gegenwärtigen Zivilisation. Das Öl, das so wichtig, so unentbehrlich geworden ist, daß der nächste große Krieg in seinem Grundziel nur um den Besitz des Öls und seines kleinen Hilfsknechtes, den Kautschuk, geschlagen werden wird. Jedes Stück Land, das Öl hat, kann schließlich eine Rosa Blanca sein für die, die darauf leben. Und wenn jedes Stück eine Rosa Blanca wäre und sentimental als Rosa Blanca gewertet werden wollte, so wäre eben kein Öl da. Was dann geschehen müßte, um das notwendige Öl zu erhalten, wäre genau dasselbe, vielleicht mit einigen Abänderungen, was jetzt Mr. Collins tut, um die Weiße Rose zu brechen.

3

Für alle seine Handlungen hatte Mr. Collins eine Rechtfertigung, die es ihm in jedem einzelnen Falle erleichterte, sein Gewissen zu beruhigen, wenn ein Vergehen gar zu brüsk erschien und zuweilen gar Konsequenzen hatte, die er weder gewollt noch vorausgesehen hatte. Eine nackte Profitgier kann auf die Dauer selbst den hartgesottensten Geldmacher nicht vor Selbstanklagen und unruhigen Gedanken schützen. Es ruht in allen Menschen eine mehr oder weniger starke Furcht vor Vergeltung für das, was er tut oder bereits getan hat. Diese Vergeltung hat nicht immer etwas mit der Vergeltung nach dem Tode zu tun, an die manche Menschen glauben. Noch hat diese Vergeltung etwas mit einer Vergeltung zu tun, die auf strafrechtlichem Wege erzielt wird, daß also der Mensch mit dem Gesetz in Konflikt kommt und vor einem Richter Rede und Antwort stehen muß für seine Handlungen.

Nein, die Vergeltung, die hier gemeint ist und die alle Menschen in ihrem Instinkt fühlen und fürchten, ist anderer Art. Die Menschen fürchten, daß eine schäbige Tat, die sie begangen haben, sich an ihnen oder an denen rächen könnte, die sie lieben. Manche Leute fürchten, daß alles Gut, was sie auf unrechte und niederträchtige Art gewinnen, wieder verlorengeht. Andere fürchten, daß sie nach einer bösen Tat von Unglück in ihrem ferneren Leben verfolgt werden, daß sie krank werden oder siech, und daß, wenn sie selbst nicht getroffen werden, ihre Kinder oder Frauen oder besten Freunde dafür leiden müssen. Viele gehen so weit in diesem Glauben, daß sie erwarten, daß ganz genau dasselbe, was sie jemand antaten, ihnen selbst eines Tages angetan werden wird.

Das ist einer der psychologischen Gründe, die beinahe alle Menschen eine Grenze ziehen läßt, über die sie nicht hinauszugehen wagen. Jeder Mensch weiß, daß er nicht der Allmächtige, nicht der Allstarke ist. Jeder weiß, daß er irgendwie in die Hände eines Stärkeren fallen kann, der ihn genau so behandelt, wie er andere behandelt hat. Dieser Instinkt ist es, der das soziale Zusammenleben und Zusammenwirken der Menschen allein ermöglicht. Dieser Instinkt ist es, der einen bösartigen Menschen daran hindert, nachts Eisenbahngleise zu zerstören. Einmal kann in dem Zuge jemand sitzen, den der Mann auf keinen Fall vernichten möchte. Zum andern kann eines Tages auch ein anderer das nachmachen und die Schienen zerstören, wenn er selbst im Zuge sitzt und umkommen kann. Aus demselben Grunde foltert und quält auch kein normaler Mensch einen anderen Menschen, der in seiner Macht ist, und auch nur selten ein Tier, aus reiner Freude am Foltern.

Jeder Mensch sucht nach einer Rechtfertigung, um das Niederträchtige und Unsoziale, das er tut, vor sich zu begründen, um es dadurch weniger niederträchtig und weniger unsozial erscheinen zu lassen.

Kein König, kein Präsident, keine Gruppe von Kapitalisten werden einen Krieg anzetteln, ohne den Krieg zu rechtfertigen, daß er dem Gemeinwohl diene, daß er aus diesen oder jenen Gründen nicht vermieden werden könne, daß die Achtung vor anderen Völkern, also die Ehre, den Krieg gebiete. Ohne eine moralische Rechtfertigung wird kein Krieg begonnen. Und eine gute Rechtfertigung zu finden, ist die erste Aufgabe derer, die glauben, einen Krieg zu benötigen. Je besser die Rechtfertigung ist, um so sicherer ist der Erfolg in allen Handlungen, die eine Mitwirkung oder die wohlmeinende Duldung anderer Menschen verlangen. Das verhindert natürlich nicht, daß zahlreiche Handlungen begangen und viele Taten verübt werden, wo nach einer Rechtfertigung gar nicht gesucht wird, weil es zu schwer ist, eine gute Rechtfertigung zu finden und weil die Ausführung der Tat aus irgendwelchen Gründen nicht aufgeschoben werden kann. Dies war der Fall bei dem großen Raubzug des Mr. Collins in der Kohlenverwirrung, die er heraufbeschworen hatte.

4

Die Rechtfertigung, die Mr. Collins für seine gegenwärtigen Handlungen hatte, war keine erkünstelte, keine, die er sich in raffinierter Weise ausgedacht und zurechtgelegt hatte, um vor sich und seinen Mitmenschen unbefangen dastehen zu können.

Er sagte sich: Die Menschen brauchen Öl. Sie werden morgen noch viel mehr Öl nötig haben als heute. Und nächsten Monat werden sie noch hundertmal mehr Öl nötig haben. Und im nächsten Jahr werden die Menschen fünftausendmal mehr Öl nötig haben als heute, wenn man erst einmal eine Flugmaschine für fünfhundert Dollar kaufen kann und sie so einfach in ihrer Handhabung ist, daß sie jeder ohne Gefahr für sich oder andere fahren kann. Immer mehr Dieselmotoren verdrängen die Dampfmaschine, immer mehr Eisenbahnen werden mit Öl gefeuert. Immer mehr andere wichtige Produkte werden aus Öl heraus produziert. Also die Menschen brauchen mehr und mehr Öl, wenngleich sie nur dieselben Mengen an Weizen, Baumwolle und Leder gebrauchen.

Die Condor Oil Company ist eine der stärksten Companien der Erde. Die Condor Oil Company hält einen gewaltigen Teil ölhaltiger Ländereien in ihren Händen, in California, in Oklahoma, in Mexiko, in Venezuela, in Columbia. Und weil das so ist, darum hat die Condor Oil Co. die Verantwortung übernommen, den Menschen das erforderliche Öl zu verschaffen. Mit der Verantwortung hat sie gleichzeitig die Verpflichtung übernommen, das Öl heranzuschaffen, damit die Menschheit nicht darbt an Öl. Da ich der Präsident der Condor Oil Co. bin, so habe ich mit allen meinen Fähigkeiten darauf zu sehen, daß immer mehr Öl vorhanden ist, als heute und morgen gebraucht wird. Denn übermorgen wird mehr gebraucht, und wenn ich nicht vorsorge, wenn ich nicht erwäge, daß alle Brunnen nach einer mehr oder weniger langen Frist leer laufen und daß zahlreiche Brunnen, die gebohrt werden, nicht produzieren, so kann es geschehen, daß die Menschen eines Tages nicht genügend Öl zur Verfügung haben, ihre Maschinen nicht laufen, ihre Motoren verhungern, die Eisenbahnen nicht fahren, die Schiffe keine notwendigen Rohmaterialien aus fremden Ländern bringen und Zehntausende, ja Hunderttausende von Arbeitern ohne Verdienst sind. Und wenn so etwas geschehen sollte, dann macht man mir den Vorwurf, mir, dem Präsidenten der mächtigen Condor Oil Company, ich bin dann verantwortlich für alles Unheil, das aus dem Mangel an Öl entsteht. Was kann ich tun dagegen? Ich muß das Öl heranschaffen und bereit halten für die Menschheit, damit sie nicht Not leidet. Wenn ich dabei verdiene, sagen wir, sehr gut dabei verdiene, so ist das nur eine Bezahlung, die die Menschheit mir schuldet für meine Mühe, für meine Vorsorge, für meine schlaflosen Nächte, für meine Geschicklichkeit, mit der ich das Öl herbeizuschaffen verstehe.

Was kann ich denn dafür, wenn Farmer von ihrem Lande vertrieben werden, das ihnen Heimat geworden ist. Ich bin nicht verantwortlich dafür, wenn sie vielleicht gar Selbstmord begehen, weil sie den Verlust ihrer Heimat nicht verwinden können. Es haben sich ja auch ein paar alte Postillione aufgehängt, weil die Leute nicht mehr ihr lustiges Peitschenknallen und ihre Lieder auf dem Posthorn hören wollten, sondern vorzogen, mit der Eisenbahn zu fahren, weil es billiger war, bequemer und rascher.

Daß dieser hundsgemeine Schurke, der Abner, ein Bursche, den ich nicht riechen kann seiner Schäbigkeit wegen, jetzt da runtergeht, um der Rosa Blanca das Genick zu brechen, ist ja fürwahr recht traurig. Verflucht und gottverdammt noch mal. Aber tausendmal trauriger ist es, wenn die Menschen eines Tages kein Öl haben. Ich habe diese Welt nicht geschaffen. Das weiß der liebe Gott im Himmel droben. Darum bin ich auch nicht verantwortlich für diese verrückte Welt. Ich habe auch das Öl nicht erfunden und mich eigentlich nie ernsthaft darum gekümmert, wozu die Menschen es überhaupt haben wollen. Aber die Menschen wollen es nun einmal haben, weil sie es brauchen, und ich bin verpflichtet, es ihnen zu geben, weil ich weiß, wo es ist. Warum hat denn der liebe Gott, der so allweise und so allmächtig ist, nicht das alles anders und besser gemacht? In vielen Dingen hätte ich mehr geleistet. Mr. Collins ist vielleicht kein sehr hervorragender Mensch. Aber in seiner Rechtfertigung findet sich kaum ein Fehler.