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Die Weiße Rose

Chapter 94: 2
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About This Book

The narrative explores the dynamics of the Condor Oil Company, a prominent yet not the most powerful American oil corporation operating in Mexico. It examines the company's insatiable appetite for growth and influence, likening its operations to those of a state in terms of organization and strategy. The text delves into the competitive landscape of the oil industry, highlighting the methods and motivations that drive such corporations to seek dominance in the international market. Through this lens, it reflects on the broader implications of capitalism and the relentless pursuit of power.

11

1

r. Abner hatte auf dem College Spanisch gelernt. Aber wie das immer so geht mit einer fremden Sprache, die man in der Schule lernt: Als er nach Mexiko kam, fand er, daß die Mexikaner – nach seiner Meinung – ihre eigene Muttersprache nicht verstanden.

Er klaubte sich jedoch durch und war eines Tages in Tuxpam angelangt, jenem kleinen Städtchen, von dem aus er seinen Angriff zu leiten gedachte. Er machte sich nicht sofort auf den Weg zur Rosa Blanca, weil er in Tuxpam erst einmal das Gelände, auf dem er zu fechten hatte, studieren wollte.

Seine ersten Tage verbrachte er damit, sich in den Cantinas und in den Pool-rooms, den Billardsälen, herumzudrücken. Er hoffte, daß er vielleicht mancherlei hören könnte, das ihm nützlich sei.

Hier machte er die Bekanntschaft eines Mestizen, dessen Vater ein Amerikaner gewesen war, der sich in diesem Lande des leichten Lebens mehr und mehr hatte gehen lassen, völlig heruntergekommen war, sich ganz dem Trunke ergab und mit einer Indianerin, mit der er lebte, ein Kind fertiggebracht hatte, jenen Mestizen, dessen Name Frigillo war.

Frigillo war als Junge nach den Staaten gegangen, hatte hier in allen nur denkbaren Erwerbszweigen gearbeitet, war mehrfach wegen Diebstahls im Gefängnis gewesen, schließlich von den amerikanischen Behörden wieder nach seiner Heimat Mexiko deportiert worden. Er sprach genügend Englisch. Das half ihm ein gut Teil, wohlbezahlte Arbeit als Kolonnenführer mexikanischer Peons in den Ölfeldern zu finden.

Diese geregelte Arbeit in den Feldern sagte ihm nicht zu. Er stellte sich auf eigene Füße und wurde Anwerbungsagent für die Öl-Companien, er warb für die Companien Peons an, die in den Feldern zu arbeiten hatten. Für jeden angeworbenen Mann bekam er eine bestimmte Provision, die je nach den Verhältnissen von drei Pesos bis zwölf Pesos für den Mann betrug. Er verdiente damit ganz schönes Geld; denn die Leute wechselten häufig. Und wenn sie nicht häufig genug wechselten, so verstand er es, die Leute unter irgendeinem Vorwande fortzuschieben, damit die Company wieder neue Leute bei ihm bestellen mußte.

Augenblicklich lag er müßig, weil alle Felder mit Leuten versorgt waren und die Löhne so gut standen, daß die Leute es für besser hielten, nicht so oft zu wechseln.

Frigillo hatte natürlich ein persönliches Interesse daran, daß neue Felder zur Produktion aufgelegt wurden, weil das erneuten Bedarf an Arbeitern gab und somit leichten Verdienst für ihn.

Nicht gleich am ersten Tage ihrer Bekanntschaft, aber noch in derselben Woche begann Mr. Abner, der sich vom Glück begünstigt sah, diesen Mestizen gefunden zu haben, von der Rosa Blanca zu sprechen. Er sagte kein Wort davon, daß er der Rosa Blanca wegen in Mexiko sei. Er erzählte Frigillo, daß er hier sei, um gutes Ölland zu kaufen.

La Rosa Blanca war bekannt dafür, reiches Ölland zu sein. Und noch besser bekannt im ganzen Staate war die Tatsache, daß eine große amerikanische Öl-Company die Rosa Blanca kaufen wollte, daß aber Don Hacinto einem Verkaufe nicht zugestimmt habe. Es wurde von fünf Millionen Dollar geredet, die jene Company Don Hacinto geboten hätte.

2

„Dieser Mann ist ja nicht richtig im Kopf“, sagte Frigillo zu Mr. Abner, als sie den Fall besprachen. „Was könnte der Mann für ein herrliches Leben führen. Und wieviel hundert Arbeiter, die heute nach den Staaten auswandern müssen, könnten dort gute Arbeit finden. Sie sind dran, Mister.“

Mr. Abner und Senjor Frigillo spielten Billard, und Mr. Abner ließ den Mestizen gewinnen, um ihn freundlich und redselig zu stimmen.

„Aus. Sie haben’s wieder gemacht“, sagte Mr. Abner, während er dem letzten Stoß des Frigillos zusah und sein Queue frisch ankreidete, um damit anzudeuten, daß er einem neuen Spiel mit Erwartung entgegensähe.

Das neue Spiel begann, und beide Männer redeten, wie nebenbei, immer von der Rosa Blanca und von Don Hacinto, zwischendurch einige Worte über das Spiel einschiebend.

„Da kann es jenem Manne und den armen Burschen, die da auf der Hazienda für ein paar Centavos sich zu Tode arbeiten müssen, doch nur von Segen sein, wenn das Land gut verkauft werden kann. Diese armen Leute haben doch rein gar nichts vom Leben. Können sich kaum Stiefel kaufen, und in ein Kino sind sie nie gekommen.“

„Aber, Mister“, sagte Frigillo, „das ist es ja gerade, was ich eben sagen wollte. Was könnten die Leute verdienen und wie gut könnte es ihnen gehen. Die können mit Lachen ihre vier und fünf Peso den Tag einschieben, und das in acht Stunden. Was haben sie denn jetzt? Siebzig Centavo den Tag. Wenn sie soviel überhaupt kriegen. Das glaube ich noch nicht einmal, daß sie siebzig Centavo den Tag haben. Und dann geht das vom ersten Hahnenkrähen bis in die tiefe schwarze Nacht hinein. Na, wissen Sie, Mister, den Stoß, den Sie da eben gemacht haben, den macht meine kleine linke Zehe besser. Wo haben Sie denn eigentlich Billardspielen gelernt? Geben Sie jetzt mal fein acht, wie wir in Mexiko einen solchen Ball nehmen. Nehme ich wie Ham and Eggs.“

„Na, so ist das nicht, Senjor, wir können auch Poolen. Warten Sie nur, wenn ich Ihnen mal mit einem Bällchen komme. Da können Sie dann vielleicht von New York bis Los Angeles reisen, und Sie werden einen so eleganten Stoß nicht wieder zu sehen kriegen. Haben Sie das gesehen, Hombre. So spielen wir mit Mexikanern. Und das kann ich gleich noch einmal machen und viel pfeifender. Donner und Spucke, der ist abgeglitscht. Was für eine dreckige Sorte von Kreide habt ihr denn hier. Das ist überhaupt keine Kreide, das ist Lippenpomade. Warum verkauft denn der Don Cazimpo –“

„Hacinto heißt er, H–atsche, a–a, c–ce, i–i, n–enne–t–te–o–o. Hacinto, Hacinto Yanyez. Ja, warum er nicht verkauft? Quien sabe, was weiß ich. Vielleicht nicht genug, was er geboten kriegt. Wird seinen Preis haben.“

Mr. Abner stieß das Queue auf den Boden und kreidete wieder. Dabei sagte er: „Vielleicht verstehen die Licenciados, die mit ihm verhandeln, den Mann nicht zu nehmen. Wissen nicht, wie man einen Mann von seinem Vorteil überzeugt.“

Frigillo legte sich über das Billard, um einen schwierigen Ball zu holen. Als es ihm geglückt war, meinte er: „Das wird es sein. Diese Licenciados haben kein Interesse daran, ob er verkauft oder nicht. Sie kriegen ihr Geld, und um das übrige kümmern sie sich nicht.“

„Ich habe wirklich eine gute Absicht, das Land zu kaufen“, sagte Mr. Abner, während er dem Spielen des Frigillo zusah. „Ich habe dicke Geldleute im Rücken, die jede Summe bezahlen.“

„Na, aber hören Sie“, warf Frigillo ein, „wenn Sie so dickes Geld hinter sich haben, dann – dann – wissen Sie, Mister, warum laden Sie Don Hacinto nicht ein, nach den Staaten zu kommen. Bezahlen ihm schön die Reise, und wenn Sie ihn drüben haben, können doch die Leute, die das Geld dranwagen wollen, in aller Ruhe mit ihm den Preis durchsprechen.“

„Das wäre eine Idee, Senjor. Aber denken Sie denn, daß er so eine Reise macht?“

„Nein, das denke ich nicht“, sagte Frigillo. „Das denke ich sicher nicht, daß Hacinto so eine Reise macht. Nicht so ohne weiteres, so ohne Grund. Aber wenn Sie einen guten Grund finden. Warum nicht? Jeder Mensch macht ja gern einmal eine Reise. Aber Hacinto – nein, das glaube ich nicht, daß er so weit reist. Ohne Grund nicht. Freilich, er weiß ja nicht, was weit ist. Ich glaube nicht, daß er je weiter gekommen ist in seinem ganzen Leben als bis Jalapa.“

„Könnten Sie denn nicht einen Grund herausfinden, Senjor, der gut ist, daß er in eine Reise einwilligt. Die Reise hin und auch wieder zurück zahle ich ganz gern. Zahle auch dann, wenn er endlich nicht verkauft. Aber wir haben doch dann wenigstens alles versucht.“

Frigillo sah über den Tisch, und während er einen Ball überlegte, wie er ihn am besten fassen könnte, sagte er gedankenlos: „Grund. Einen Grund. Ja, ich weiß nicht – na, ich nehme den Ball einmal von links und setze ihn drüben auf die Kante, nahe der Ecke. Vorbei. Ich glaube wahrhaftig, die Kreide taugt wirklich nichts. Aber, Mister, nein, wenn Sie sich nun nicht besser hineinquetschen, dann kommen Sie heute nicht auf ein einziges Spiel.“

„Der Tisch scheint nicht gut ausgekegelt zu sein. Der ist ganz bestimmt nicht in der Waage. Der hängt schief. Verwette fünf Dollar, daß der Tisch da in der linken Ecke überhängt.“ Mr. Abner ging um den Billardtisch herum und blickte von allen Seiten waagerecht über ihn hinweg mit einer Wichtigkeit, als ob die Geschicke der Welt davon abhängig wären, daß der Tisch genau in der Waage steht. Nachdem er an den Platz gekommen war, von wo aus er seinen Ball ansetzen wollte, kreidete er wieder das Queue und sagte: „Sie kennen doch den Mann Hacinto gut, Senjor?“

„Freilich kenne ich ihn“, antwortete Frigillo. „Kenne ihn so gut, als ob er mein eigener Bruder wäre.“

„Dann sollte es Ihnen doch nicht schwerfallen, Senjor.“

„Was schwerfallen?“ fragte Frigillo.

„Einen Grund herauszufinden, daß Don Hacinto nach den Staaten reist. Hören Sie, Senjor, mein Wort, ein Wort: Wenn es Ihnen glückt, einen guten Grund zu finden, daß Don Hacinto mit mir reist, sollen Sie auch daran verdienen.“

„Wieviel?“ fragte Frigillo, während er seinen Ball faßte.

„Sagen wir hundert Peso Gold“, sagte Mr. Abner.

„Hundert Dollar Americano.“ Dabei schob Frigillo seinen Ball, als ob sich die hundert Dollar auf den Ball bezögen.

„Einverstanden, Senjor Frigillo, hundert Dollar Americano, wenn Don Hacinto mit mir im Zuge sitzt.“

„Natürlich nicht schon morgen. So rasch geht das nicht“, sagte Frigillo. „Ich rechne aber ganz klar auch damit, Mister, wenn Sie das Land kaufen und auflegen für Produktion, dann bekomme ich die Kommission für die Arbeiter, die hier gebraucht werden.“

„Da ist doch keine lange Rede darüber. Freilich bekommen Sie die Kommission“, sagte Mr. Abner.

Frigillo sah Mr. Abner an, legte den Kopf einmal auf die rechte Schulter, dann auf die linke, und meinte endlich: „Wir müßten das ja vielleicht etwas schriftlich machen. Aber ich bin ja kein Säugling und weiß, daß Schriftliches auch seinen Haken hat. Aber zu meiner Sicherheit will ich Ihnen doch hier gleich sagen, daß, wenn Sie die Abmachungen, die wir hier getroffen haben, nicht einhalten, ich Ihnen eine solche Dreckerei machen kann, daß Sie und alle Ihre dicken Leute nicht mehr Hiss sagen können. Verstehen Sie? Gut, dann sind wir uns ja über alles klar.“

„Es besteht nicht die kleinste Absicht“, sagte Mr. Abner, „die Bedingungen zu umgehen. Wer hilft, dem wird wieder geholfen. Und einen Agenten für die Anwerbung von Arbeitern brauchen wir. Also warum streiten? Ob Sie die Kommission bekommen oder ein Senjor Z und X, das ist für uns gleich. Aber Sie kennen wir, und darum werden Sie vorgezogen. Ist doch klar und logisch.“

„Das ist Ihr Ball, Mister“, sagte darauf Frigillo. „Nehmen Sie ihn vielleicht ganz scharf von rechts unten und halten Sie hier auf den Punkt der Bande hier. Hier wo ich zeige. So würde ich ihn holen. Na, ich dachte es ja vorher, den haben Sie schön verkracht. Der Teufel mag wissen, wo Sie das gelernt haben, was Sie Billardspielen nennen. Ich nenne das, was Sie da spielen, Eierwürfeln. Aber Leute haben ja manchmal recht merkwürdige Auffassungen über Billardspielen. Es gibt auch hier Gerechte und Sünder wie überall.“

3

Frigillo nahm sich Zeit in der Sache. Er mußte das alles gut ausdenken, wie er zu Mr. Abner sagte. Er hatte auch nicht viel Interesse daran, daß es schnell ging. Denn solange der Gringo hier war, konnte er ihm täglich fünfzehn bis zwanzig Peso im Billard abnehmen. Man verdient das Geld nicht immer so leicht, und wenn man eine einträgliche Beschäftigung gefunden hat, muß man eine Weile bei ihr aushalten.

Aber dann eines Tages, etwa eine Woche später, schien Senjor Frigillo mit seinem Plan fertig zu sein. Mr. Abner hatte inzwischen auch gelernt, worauf die Verzögerung zurückzuführen sei. Er gab sich mehr Mühe, und Frigillo verdiente nicht mehr so viel beim Billard. So verlor der Mestizo das Interesse daran, den Gringo länger hierzubehalten. Der Plan, den sich Senjor Frigillo ausgedacht hatte, wurde beraten, und Mr. Abner fand ihn brauchbar.

Sie mieteten sich Pferde und ritten eines Morgens los, um Don Hacinto und die Rosa Blanca zu sehen.

4

Sie kamen zur Hazienda. Der Mestize stellte Mr. Abner vor und sagte zu Hacinto: „Don Hacinto, hier ist ein Americano, der gute und kräftige Reitpferde kaufen möchte, die hier in dieser Gegend geboren und groß geworden sind, weil er sie in den Ölfeldern gebrauchen möchte, für Inspektionsritte.“

Der Indianer sah sich Mr. Abner an, und weil Mr. Abner ihn offen ins Gesicht sah und anlachte, gefiel ihm der Fremde.

Er sagte endlich: „Ich habe Pferde, gute kräftige Pferde, die hier auf der Hazienda geboren wurden. Es sind kleine, struppig aussehende Caballitos, aber sie sind kräftig und zäh wie Mules. Gut in der Fütterung. Nicht lastimado, keine einzige wunde Stelle auf dem Rücken. Eingeritten. Kann Ihnen vier, fünf, vielleicht auch sechs verkaufen. Wollen Sie die Caballos sehen? Dann werde ich Margarito rufen, und er kann die Pferde auf der Pastura einfangen und herbringen.“

Mr. Abner hatte sich gegen einen Pfosten des Portico gelehnt und sagte müde: „Es ist nun heute schon recht spät, Don Hacinto. Wir sind auch herzlich müde von dem langen Ritt. Vielleicht bleibe ich ein oder zwei Tage hier, und wir können das Geschäft in Ruhe durchsprechen. Ich möchte auch die Pferde, die ich kaufe, hier ein wenig umherreiten, um zu sehen, wie sie unter dem Sattel sind.“

Er verstand gar nichts von Pferden.

Der Indianer sagte: „Es su casa, Senjor, das Haus gehört Ihnen. Ich stehe zu Ihren geschätzten Diensten, Senjor, a sus apreciables ordenes.“ Dann rief er über den weiten Hof: „Miguelito, nimm die Pferde der Caballeros, reite sie zum Fluß hinunter zum Trinken und bringe sie dann auf die eingezäunte Weide. Gib acht, daß der Hengst sie nicht beißt. Schmiere ihnen da auf die aufgeriebenen Satteldrücke Bickmorin zum Abheilen und hier vorn am Hals des Prieto pinsele Kreolin ein, daß die Maden herauskommen.“

Er klopfte die Pferde auf die Schinken und faßte sie mit Daumen und Zeigefinger in die Nasenlöcher. Die Pferde schnüffelten und wieherten, als sie Kameraden auf der Weide rochen.

„Muy bien, Patron, werde ich alles tun“, sagte Miguel, und er begann sich mit den Pferden zu befassen.

5

Die Männer traten ins Haus.

Ein Indianerjunge brachte eine Schüssel mit Wasser, Seife und einem Handtuch und bot das den Männern an. Sie wuschen sich die Hände. Dann brachte der Junge auf einem Tablett zwei große Gläser Wasser, und die beiden Angekommenen spülten sich den Mund aus und gurgelten die Kehle sauber von dem Staub des Weges.

Don Hacinto hatte inzwischen die Habaneroflasche herbeigeholt, drei Gläser eingeschenkt, und mit einem „Salud!“ tranken sie sich Willkommen.

„Guter Habanero“, sagte Frigillo und besah sich die Flasche und das Etikett.

„Ist gut“, erwiderte Don Hacinto. „Ist von San Juan Bautista, Tabasco. Ist aus Weintrauben.“

Mr. Abner, um auch etwas zu sagen, warf ein: „Ja, ihr Mexikaner seid gut dran. Ihr seid ein freies Volk. Wir haben es nicht so gut wie ihr. Wenn wir einen trinken, wissen wir nie, ob wir hinterher blind sein werden. Die können auf die Flaschen Etikette kleben, die ganz grau sind vom Alter, mit Scotch Whisky draufgedruckt in altfranzösischen Lettern. Das ist gar kein Beweis, daß dann auch in der Flasche wirklich Whisky drin ist. Es kann auch eine Zyankalilösung sein, und man muß froh sein, daß man es merkt, ehe man einen zu großen Schluck genommen hat. Dieser Habanero ist wirklich gut. Das wußte ich auch gar nicht, daß ihr in Mexiko einen so guten Brandy machen könnt.“

„Wollen Sie noch einen zum Nachspülen, Senjor?“ fragte Hacinto lachend und gutgelaunt.

„Gut, well then, noch einen. Aber halt, nur halb voll, Senjor. Wir – ich fürchte – wir, ja wir haben die Gewohnheit verloren und fallen lang um nach einem Fingerhut voll.“

Sie alle tranken noch einen dreiviertel voll zum Nachspülen, und damit der erste sich im Magen nicht allein langweilen sollte, wurde endlich noch ein ganzer nachgeschüttet.

Darauf fühlten sich alle wohl und zufrieden.

Es wurden drei grobgearbeitete Schaukelstühle in den Portico gebracht, und die Männer begannen zu reden über alles mögliche.

Der Mestize brachte zuerst das Gespräch auf die Staaten. Wie reich die Leute dort seien, wie hoch die Häuser wären, was man in den Theatern alles sehen könnte, daß in New York die Eisenbahn unter der Erde liefe und an anderen Stellen hoch über den Häusern hinweg, daß die Eisenbahn sogar unter dem Fluß entlang liefe, daß man, in seiner Wohnstube sitzend, mit dem Radio die Musik hören könnte, die zwanzigtausend Meilen weit entfernt in Rußland oder in China gespielt würde, daß die Doktoren einen Menschen ganz der Länge nach aufschneiden, alles aus dem Körper herausnehmen und auswaschen und dann wieder hineinstecken und den ganzen Körper wieder zunähen, und am nächsten Tage kann der Mann schon wieder spazierengehen. Don Hacinto wußte ja, daß so etwas alles nicht wahr sei, daß man es hier nur erzählte, um sich zu unterhalten. Freilich wußte er doch, daß manches wohl wahr sei; denn er hatte ja ein Flugzeug eines Tages gesehen, das über die Hazienda dahinschwirrte.

Aber Mr. Abner zeigte Bilder vor aus den Staaten, und da konnte Don Hacinto sehen, daß wirklich die Häuser so groß seien und daß man wirklich tief unter die Erde kriechen mußte, um in den Zug einsteigen zu können, der unter der Erde dahinraste. So war vielleicht alles wahr, was hier erzählt wurde, auch das, daß die Doktoren einem Menschen den Kopf abschneiden, reparieren und wieder annähen konnten. Wenn die Leute wie Vögel durch die Luft fliegen und mit Apparaten hören konnten, was in China geredet wurde, dann war überhaupt alles möglich. Dem Mr. Abner würde er ja nicht alles so leicht geglaubt haben, denn der war ein Fremder, von dem man nicht wußte, ob er die Wahrheit sprach, weil er ja auch nicht richtig sprechen konnte und man immer zur Hälfte raten mußte, was er eigentlich sagen wollte. Mit Frigillo, das war schon etwas anderes. Frigillo blieb ja auch nicht immer ganz bei der Wahrheit. Das war schon richtig, das wußte Hacinto auch. Kein Wunder, denn der Vater Frigillos war ja ein Fremder gewesen. Aber immerhin, Frigillo war zur Hälfte Indianer. Hacinto kannte ihn, seit er ein Junge gewesen war, und darum konnte man Frigillo schon eher etwas glauben als dem Fremden. Frigillo war ja auch lange in den Staaten gewesen und sprach ebenso gut die fremde Sprache wie der Gringo.

Wenn nun der Gringo etwas sagte, das Hacinto nicht ganz glaubhaft schien, so sah er Frigillo an. Und wenn Frigillo das durch Kopfnicken oder wörtliche Zustimmung bestätigte, dann natürlich wußte Hacinto, daß es wahr sei, was da gesagt wurde.

Endlich setzten sie sich zum Abendessen nieder. Mr. Abner wurde mit dem Essen nicht ganz einig. Er war einmal in Los Angeles in einem mexikanischen Restaurant gewesen, aus Neugierde. Damals glaubte er, daß die Speisen, die ihm in jenem Restaurant vorgesetzt wurden, Phantasiegerichte seien, die man den Besuchern gab, um ihre Neugier zu befriedigen.

Nun aber sah er hier auf der Hazienda, daß die Leute in Mexiko wirklich das aßen, was ihm in jenem Restaurant angeboten wurde. Die Tortillas behagten ihm nicht, und die Unmassen grünen und roten Pfeffers in den Speisen verursachten, daß er ganze Tonkrüge voll Wasser während des Essens trinken mußte. In Tuxpam aß er in einem Restaurant amerikanische Gerichte. Hier auf der Hazienda dagegen mußte er sich endlich einmal nach den Sitten des Landes richten. Er sehnte sich nach Weißbrot, Butter, Schinken, Beefsteak, viel kalter Milch und Cookies mit Sodageschmack.

6

Nach dem Essen saßen die Männer wieder in ihren Schaukelstühlen in dem Portico, rauchten viel und redeten noch mehr.

Auf dem Altarstein inmitten des weit ausgedehnten Hofes vor dem Haupthause der Hazienda brannte der mächtige Holzstoß, um Licht zu geben.

Grillen sangen im nahen Busch und in den Feldern. Zuweilen blökte eine Kuh. Dann schnaubte ein Pferd. Ein Mule trompetete, und ein Esel bähte mit klagender Stimme. Weit fort, in einer der Hütten, durch deren staketenartige Wände das Licht von den Herdfeuern glimmerte, bellte ein Hund. Einige andere antworteten. An den Zäunen des großen Hofes drückten sich junge Burschen wie schleichende Schatten entlang. In den Ecken kicherten Mädchen. Aus der Küche hörte man das Schnattern der Köchinnen und dazwischendurch die tiefe, ruhige, volle Stimme der Frau des Hauses, die in einem Schaukelstuhl auf dem lehmgestampften Boden der Küche sich wiegte und eine Zigarette nach der anderen rauchte, dabei den Mädchen zusehend, ihnen Anordnungen gebend und mit ihnen lachend, schäkernd und scherzend zur gleichen Zeit. Das Kind einer der Köchinnen winselte, und man hörte die Frau rufen: „Dame el pobrecito, gib mir mal das Kleine her, du behandelst es fahrlässig. Er muß ja schreien, der arme kleine Bettler.“ Das Kind beruhigte sich auf dem Schoße der Frau sofort. Sie blies ihm schmeichelnd leicht Tabakrauch ins Gesicht, um herumvagierende Moskitos fern zu halten. Schweine grunzten, stießen sich und quiekten.

Der Himmel war ein tiefschwarzblauer Dom, mit goldenen Knöpfchen festgeheftet an der gewölbten Hand des Universums.

Und Mr. Abner dachte und überlegte und rechnete, wie er die zehntausend Dollar verteilen wollte, die ihm sicher waren.

7

Am nächsten Morgen besahen sich die Männer die Pferde. Mr. Abner, dem Rate Frigillos folgend, lobte die Pferde über jedes anständige Maß hinaus, obgleich sie nur gewöhnliche mexikanische Ranchopferde waren, ohne Rasse und ohne einen Willen zur Zucht verratend.

Es freute Hacinto, seine Pferde so von einem Fremden zu loben hören. Denn er war sehr stolz auf seine Pferde und auf seine Mules.

Der Indianer war so freudig gestimmt über das Lob, daß er Mr. Abner alle sechs Pferde zum Geschenk machte und sich entschieden weigerte, auch nur einen Peso anzunehmen.

Er sagte zu Mr. Abner: „Wenn Sie die Pferde so loben, Senjor, dann kann ich sie wahrlich nicht verkaufen. Das schmerzt meinem Herzen. Sie haben dann auch gar keinen Preis. Ich kann sie Ihnen jetzt nur noch schenken als eine Erinnerungsgabe von der Rosa Blanca.“

Frigillo stieß Mr. Abner heftig in die Seite, in dem Augenblick, als Hacinto das eine der Pferde streichelte und gutmütig und abschiednehmend auf den Mund tätschelte.

„Senjor“, sagte nun Mr. Abner mit einer Stimme, als müßte er gewaltsam seine Rührung verbergen, „die Ehre, die Sie mir mit dem Geschenk der Pferde, dieser köstlichen Pferde, erweisen, kann ich – ich weiß wirklich nicht. Nein, ich kann das nicht annehmen. Die Pferde sind zu kostbar, um sie als Geschenk anzunehmen.“

Sagte der Indianer schlicht: „Bitte, Senjor, wollen Sie mir in der Tat ein solches Herzeleid antun und ein ehrliches Geschenk, das Ihnen die Rosa Blanca anbietet, ablehnen? Das glaube ich nicht, daß Sie so unhöflich sein können. Das wäre eine Schmach, die Sie mir antun. Ich könnte die Pferde jetzt gar nicht mehr verkaufen, seit ich weiß, daß Sie die Pferde so sehr schätzen und so sehr lieben. Ich kann die Pferde nicht mehr zurücknehmen. Die Pferde sind Ihr Eigentum, son suyos, Senjor.“

Nun war das ja nicht so, daß der Indianer in Wahrheit die Pferde ganz und gar verschenkte. Nach der Sitte der Mexikaner und der indianischen Mexikaner erwartete er natürlich ein Gegengeschenk. Das verlangte die Höflichkeit. Eine Höflichkeit, die zu üben der Fremde in Mexiko gewöhnlich vergißt. Absichtlich oder unabsichtlich, das kann nicht immer leicht entschieden werden. Der Mexikaner, wenn er jemand liebgewonnen hat, verschenkt das Hemd vom Leibe und seine Frau dazu, dem Manne, den er ehren will. Er denkt dabei nie an ein Gegengeschenk. Nie. Aber er hat einen peinlichen Geschmack im Munde, wenn das Gegengeschenk ausbleibt. Nicht des materiellen Wertes wegen, der mit dem Gegengeschenk verknüpft ist, sondern des Gefühls wegen, daß ein Vorgang sich nur zur Hälfte entwickelte. Er empfindet dann, daß er nicht verstanden wurde, weil die Höflichkeit und die Ehre, die er zu erweisen gedachte, nicht mit gleicher Höflichkeit und Ehre erwidert wurde. Die Harmonie ist zerrissen. Die Welt steht nicht mehr im Gleichgewicht. Er hat das Empfinden, daß er selbst nicht in dem gleichen Maße geachtet und geehrt wird, wie er den andern ehrte und achtete. Und ein solches Empfinden ist immer weh, selbst bei Menschen, die ihre Achtung nicht mit Geschenken beteuern, sondern nur mit leeren Worten. Geld als Gegengeschenk anzubieten, wäre eine Beleidigung, die zu tödlicher Feindschaft führen kann, wüßte der Mexikaner nicht, daß der Fremde unter dem Einfluß anderer Sitten steht als er. Mr. Abner erhielt einen zweiten Stoß in die Seite.

Darauf besann er sich seiner Rolle und sagte, beinahe mit Tränen in den Augen: „Senjor Yanyez, die Ehre, die Sie mir erweisen, ist so herzlich, so aufrichtig von Ihnen gemeint, daß ich mich gezwungen sehe, das Geschenk der Pferde von Ihnen anzunehmen. Ich kann Ihnen sagen, daß die Pferde mir mehr wert sein sollen als nur Tiere. Sie sollen mich an die Rosa Blanca erinnern und an Sie, der Sie mir, einem Fremden, eine so große Freundlichkeit zeigten, wie ich nie erwartet hätte, in Mexiko zu finden. Sie als einen Freund hier gefunden zu haben, macht mir Ihr schönes Land Mexiko wert und teuer wie ein Heimatland. Ich danke Ihnen viele viele tausend Male für das so kostbare Geschenk, von dem ich nicht glaube, daß ich es je in irgendeiner Form vergelten kann.“ Hacinto umarmte Mr. Abner und hielt ihn lange so umschlossen, dabei ihm wiederholt auf den Rücken klopfend. Dann schüttelten sie sich die Hände. Und damit war von der Seite des Indianers aus ein Freundschaftspakt geschlossen, der für den Indianer so groß gemeint war, daß er auch noch für die Kinder des Mr. Abner galt.

8

Mr. Abner ging einen Schritt auf und einen ab. Dann blieb er wieder vor Don Hacinto stehen und sagte: „Es fällt mir schwer, irgend etwas zu finden, mit dem ich Ihre generöse Freigebigkeit und Gastfreundschaft vergelten könnte, Senjor. Als die größte Ehre und Freude, die Sie mir bereiten könnten, würde ich es betrachten, wenn Sie auf eine Woche oder besser auf zwei Wochen mein Gast sein würden in meinem Heimatlande. Ich würde Ihnen alles das zeigen, wovon wir hier gesprochen haben, die himmelhohen Häuser, die Eisenbahnen, die unter dem Flusse entlang sausen, wir würden in ihnen fahren, die Kinobilder, die sprechen können, die Radioapparate, mit denen wir die Musik hören, die von den Chinesen in China gemacht wird, und wir würden auch in einem Flugzeug eine kleine Reise machen, so daß Sie sich die Erde einmal von oben aus ansehen könnten. Mit dieser Reise, die ich natürlich hin und zurück bezahle, das müssen Sie mir gestatten, Senjor, möchte ich Ihre so liebe Gastfreundschaft vergelten, die mir in Ihrem Hause geboten wurde. Ich habe auch einen Rancho in California –“

Nun begann Mr. Abner zu lügen.

„– und ich habe auch eine Maultierzucht. Ich züchte aber nicht so kleine Mules, wie Sie hier haben. Nein, ich züchte die großen Mules, diese großen Tiere, die Sie ja auch bei der mexikanischen Artillerie und bei den mexikanischen Maschinengewehr-Regimentern sehen können.“ Diese Mules hatte Hacinto in einer illustrierten Sonntagsbeilage des Universal, der großen Zeitung in Mexiko City, gesehen, die er von einem Krämer in Tuxpam bekommen hatte. Die Bilder mit den Riesenmules des mexikanischen Militärs hatte er ausgeschnitten und an die Wand im Wohnraume angeklebt. Dort hatte Mr. Abner die Bilder gesehen, und er wußte jetzt sehr geschickt die dort abgebildeten großen Mules für seine Zwecke zu gebrauchen.

„Daß es so große und starke Mules gibt“, sagte Don Hacinto, „hätte ich vorher nicht geglaubt, bis ich die Bilder sah. Da hätte ich wohl viele Freude daran, solche Mules hier zu züchten.“

„Das ist gewiß, Don Hacinto“, nickte Mr. Abner, „solche Mules zu züchten, ist eine Freude, schon der reinen Sache wegen, auch wenn man gar nicht an die Preise denkt, die man dafür haben kann. Ich glaube nicht, daß ich das kostbare Geschenk, das Sie mir mit den Pferden hier gemacht haben, besser vergelten kann, als wenn Sie mir die Ehre erweisen würden, von mir drei Stuten und einen Eselhengst als Gegengeschenk anzunehmen, um damit eine neue Muleszucht zu beginnen, die neben der Freude, die Sie daran haben werden, gleichzeitig eine schöne dauernde Erinnerung sein wird an die köstlichen Tage freundschaftlichen Austausches von Gedanken und Erfahrungen, die wir hier auf Ihrem schönen Rancho gemeinsam verlebt haben.“

Mr. Abner konnte reden. Das wird man ihm nach diesem Beispiel wohl zuerkennen müssen. Er konnte besser reden als ein jüdischer Altkleiderhändler der Eastside in New York. Mr. Abner hätte dem Teufel die Hölle abgeschwatzt, wenn er Interesse daran gehabt hätte. Aber an der Hölle hatte Mr. Abner zur Zeit wenig Interesse. Nach den Regeln der christlichen Kirche, an die er als ein guter und treuer amerikanischer Bürger mit dem hundertundein Prozent Bürgerschaftspatent glaubte, war ihm die Hölle ja eines Tages so gewiß, daß er sich jetzt wirklich nicht darum bekümmern konnte. Denn nur wenn die Regeln der Methodisten nicht ganz auf Wahrheit beruhten, hatte er die stille Hoffnung, im Himmel zu landen.

9

Durch den innigen Freundschaftspakt, durch den sich der Indianer mit Mr. Abner verbunden fühlte, verlor der Indianer alle Vorsicht und alles Mißtrauen jenem Fremden gegenüber.

Wir, die wir weder Indianer noch Mexikaner sind, können uns aus einer solchen Einladung, die uns verdächtig erscheint oder die uns unbequem ist, herausziehen dadurch, daß wir sagen: „Danke für die große Ehre, aber ich habe gerade jetzt keine Zeit für eine Reise. Vielleicht später einmal.“ Ein Mexikaner jedoch, und noch viel weniger ein Indianer, kann sich aber nicht so leicht aus der Schlinge, in der man ihn fangen möchte, befreien. Sein Charakter läßt es nicht zu, sich mit leeren Worten herauszureden.

Der Mestize Frigillo kannte seine Leute vortrefflich. Darum war der Tip, den er Mr. Abner gegeben hatte, um die hundert Dollar Fanggeld zu verdienen, so wirksam.

Denn genau so wie Mr. Abner Don Hacinto schwer beleidigt haben würde, hätte er das Geschenk der Pferde abgelehnt, ebenso sehr würde jetzt Don Hacinto den Mr. Abner beleidigt haben, würde er die angebotene Reise, die Gastfreundschaft und die Zuchttiere nicht angenommen haben. Der Indianer würde dem Fremden eine viel größere Beleidigung zugefügt haben, weil ja der Fremde das Geschenk angenommen hatte. Auch der Freundschaftspakt ließe keine Ablehnung zu. Und endlich war auch Don Hacinto nicht so wohl versorgt mit guten Kniffen und wirksamen Ausreden, um eine Ablehnung begründen zu können, ohne den Freund zu beleidigen und zu verletzen. Was war eine Freundschaft wert, wenn sie schon beim ersten Freundschaftsbeweis in die Brüche zu gehen drohte?

Hätte freilich Don Hacinto gewußt, daß die Reise nach San Francisco und zurück ungefähr zweihundertfünfzig Dollar kostete, hätte er gewußt, wie teuer gute Zuchttiere in den Staaten sind, dann wäre er vielleicht vorsichtiger gewesen und hätte sich das alles erst einmal gut überlegt. Aber er war bereits so gut gefangen mit Hilfe des Mestizen, daß, selbst wenn er alle Preise gekannt hätte, er dann geglaubt hätte, daß Mr. Abner eben die Pferde so hoch einschätzte, daß sie ein so hohes Gegengeschenk wert waren. Und diese hohe Einschätzung seiner Pferde hätte Don Hacinto nur noch entscheidender besiegt, weil er auf seine Pferde sehr stolz war und weil die Anerkennung des Wertes, den er in seinen Pferden sah, eine Ehre für ihn bedeutete, der diese Pferde gezüchtet hatte.

So war der Indianer in seinen eigenen Sitten, in seinem eigenen Charakter gefangen. Und kein Mensch auf Erden sitzt fester als der, der in diesen Dingen gefangen ist. Fange einen Menschen in dem, was er seine Ehre nennt, und er gibt dir seinen Gott, seine Weltanschauung und seine elfjährige Tochter als Dreingabe. Ein so gottverdammt blödes Ding wie ein Duell, in dem der erschossen wird, dessen Ehre geschändet wurde von dem, der ihn erschoß, beweist mehr als Psychologen in dicken Büchern vergeblich zu beweisen suchen.

Frigillo kannte die Stelle, an der ein Mexikaner und erst recht ein Don Hacinto verwundbar ist. Nicht nur der Speer eines Hagen, sondern eine Giftfliege, im Misthaufen gezeugt und geboren, kann einen Siegfried töten, wenn sie seine verwundbare Stelle kennt.

10

Nach drei Tagen war Don Hacinto reisefertig.

Mr. Abner war jetzt des Indianers so sicher, daß er Frigillo schon in Tuxpam das Fanggeld auszahlte; und weil alles so gut gegangen war, ihm nicht hundert, sondern zweihundert Dollar auszahlte.

Von Tuxpam fuhren Mr. Abner und Don Hacinto durch die Laguna auf einem Motorlastboot nach Tampico.

Mr. Abner konnte nun mit seinem Opfer über San Luis Potosi nach El Paso reisen. Aber er überlegte und wählte dann den Weg Monterrey–Laredo. Durch diesen Weg hatte er Don Hacinto bereits in einem und einem halben Tage aus Mexiko heraus, während es auf dem andern Wege zwei Tage länger gedauert haben würde.

11

In San Francisco angekommen, mietete Mr. Abner sofort ein möbliertes Haus, dessen Lage und Charakter ihm für seine Zwecke günstig erschienen. Er reportierte in der Privatoffice des Mr. Collins die Ankunft des Indianers.

Es wurde sofort beraten, was man zu tun gedenke.

Don Hacinto wurde endlich von Mr. Abner in das Gebäude der Condor Oil Company gebracht, und es wurde nun mit allen Kräften und Schlichen an dem Manne gearbeitet, einem Verkauf der Rosa Blanca zuzustimmen.

Aber in dieser Angelegenheit wußte Don Hacinto ganz genau, was er wollte. So blieben alle Verhandlungen ergebnislos. Eine Million Dollar, die ihm als letztes Gebot bewilligt wurden, machten keinen besonderen Eindruck auf ihn. Es hätten auch zehn Millionen Dollar sein dürfen. Für ihn war die Rosa Blanca ein Gut, das nicht verkauft werden konnte, so wenig verkauft werden konnte, wie jemand die Notwendigkeit, essen und trinken zu müssen, verkaufen kann.

Als nun alles versucht worden war, als sich endlich ergab, daß auch alle weiteren Versuche und Angebote, Don Hacinto zum Verkauf zu bewegen, fruchtlos sein würden, ersuchte Mr. Collins den Mr. Abner um eine Privatbesprechung. Die Privatbesprechung fand ohne Zeugen statt.

12

Don Hacinto hatte in San Francisco einen Bekannten getroffen. Dieser Mann war in der Nähe von Tuxpam groß geworden, hatte dort geheiratet und war kurz nach seiner Heirat mit seiner Frau nach San Francisco gezogen, wo er einen kleinen Laden aufgemacht hatte. Der Name jenes Mannes war Espinosa. Aus irgendeinem Grunde hatte Don Hacinto seinem Freunde Mr. Abner nichts davon gesagt, daß er jenen Bekannten getroffen hatte. Dieser Mexikaner Espinosa konnte später einiges an Aufklärung beibringen, als er beim mexikanischen Konsul war, und das erzählte, was er wußte. Es war vielleicht ein Glück für ihn, daß Don Hacinto diese Bekanntschaft nie erwähnt hatte. Denn Senjor Espinosa wurde im Verlauf der Geschichte der Condor Oil Company sehr unbequem. Aber als die Condor Oil von dem Manne hörte, war es zu spät, ihm so oder so den Mund zu stopfen. Wäre der Plan nicht gar zu gut vorbereitet und ausgeführt worden, so hätte er an Senjor Espinosa scheitern können. Senjor Espinosa wußte nicht viel, aber das Wenige, was er wußte, bestätigte alles das, was der mexikanische Konsul in San Francisco und die mexikanischen Beamten in ihrem Heimatlande ahnten.

13

Eines Tages wurde Don Hacinto von Mr. Abner eingeladen, mit ihm im Automobil nach seinem Ranch, nach dem Ranch des Mr. Abner zu fahren. Mr. Abner hatte natürlich keinen Ranch.

Und als sie spät am Abend auf der offenen Landstraße waren, wurde das Automobil angehalten von Leuten, die dort irgendwo gewartet hatten. Don Hacinto erhielt mit einem Knüttel einen heftigen Hieb über den Schädel. In dem Summen, das sein Hirn durchsauste, dachte er an die Weiße Rose, an das alte Karrenrad im Hofe, an große Mules, an Pferde, an Margarito, an den Papagei und an Domingo, seinen erwachsenen Sohn. Vielleicht dachte er an andere Dinge. Aber die erwähnten mögen wohl wirklich die gewesen sein, an die er dachte. Er war nicht völlig betäubt. Er richtete sich halb auf, als wollte er etwas zu dem neben ihm sitzenden Mr. Abner sagen. In diesem Augenblick erhielt er einen zweiten kräftigen Hieb, der ihn zusammensinken ließ. Er wurde aus dem Wagen gezerrt, und Mr. Abner fuhr weiter. Hacinto wurde ausgekleidet bis auf die Haut. Ihm wurden zerlumpte Hemden und Kleider auf den Körper gezogen. Dann fuhr ein zweites Auto vor, in dem die angekommen waren, die das Auto des Mr. Abner aufgehalten hatten. Der jetzt ganz zerlumpt aussehende Indianer wurde nun mitten auf die Straße gelegt, das Auto entfernte sich ein Stück und raste dann in voller Geschwindigkeit über den Körper, sorgsam achtgebend, daß die Räder der einen Seite über den Hals Hacintos liefen. Das Auto kehrte um und überfuhr Hacinto ein zweites Mal. Die Männer stiegen aus und beleuchteten Hacinto mit elektrischen Taschenlampen. Sie untersuchten ihn sorgfältig, und als sie sahen, daß er tot war, wirklich tot, stiegen sie wieder ein und rasten zurück zur Stadt. Mr. Abner nahm einen andern Weg, um zur Stadt zurückzugelangen.

14

Der Leichnam des Don Hacinto wurde am nächsten Morgen gefunden. Der Coroner, der amtliche Leichenbeschauer, gab seinen Bericht; und Don Hacinto wurde auf Staatskosten eingegraben.

Der Bericht besagte, daß ein armer, zerlumpter Mann, offenbar ein Mexikaner, den Händen nach zu urteilen ein Landarbeiter, der sich über die Grenze geschmuggelt hatte, um in den Staaten Arbeit zu finden, in der Nacht von mehreren Automobilen überfahren worden sei. Weder der Name des Mannes, noch die Nummern der Automobile konnten festgestellt werden. Um eine spätere Identifikation zu ermöglichen, wurde der Leichnam gemessen, Haar- und Augenfarbe festgestellt, besondere Merkmale des Körpers gesucht und gefunden, und endlich wurden Gesicht und Profil photographiert. Der Identifikationsbericht wurde dem Department für Identifikation der Polizei in Los Angeles übergeben, in deren Bereich der Leichnam gefunden wurde. Dort lagert der Bericht, und dort wird er lagern, bis eines Tages ein Erdbeben die Stadt und alle amtlichen Dokumente zerstören wird.

Denn niemand auf Erden hat ein Interesse an dem Leichnam eines zerlumpten mexikanischen Landarbeiters, der sich nach den Staaten eingeschmuggelt hat.