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Die Wiener Schreckensnacht vom 8. December 1881 cover

Die Wiener Schreckensnacht vom 8. December 1881

Chapter 10: Zeitungsausträger.
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About This Book

A contemporary eyewitness account reconstructs a catastrophic theater fire that begins amid an ordinary holiday performance, describing the crowd’s arrival, the sudden outbreak of flame and smoke, and the ensuing panic as escape routes prove inadequate. The narrative documents the building’s architectural features and operational arrangements that worsened evacuation, reports on improvised rescue attempts and failures, and records the human toll and subsequent funerary and relief efforts. Interleaving vivid scene-setting with technical observation, the account also evaluates emergency responses and highlights charitable measures for those left dependent after the disaster.

Zeitungsausträger.

In der Bevölkerung gährte eine gewaltige Aufregung; die halbe Million Einwohner der Vororte und Vorstädte wallte in den Nachmittagsstunden in unübersehbaren Reihen nach dem Schottenringe; Personen, die vielleicht ein Decennium die innere Stadt nicht betraten, sie kamen, durch die Schreckensnachricht allamirt, nach der Stadt, und der Ring bot ein groteskes Bild der Bewohner der Residenzstadt an der Donau. Die Aufregung erlangte ihren Höhepunkt zur Zeit der Ausgabe der Abendblätter. Ich liefere eine Skizze der Erstürmung eines harmlos seines Weges wandernden Zeitungsausträgers, der von einem Rudel Menschen überfallen wurde und seiner Bürde im Nu enthoben war; galt es doch endlich einmal die Liste der Todten und Vermissten zu durchfliegen! Die Ueberraschung war eine peinliche, die erste Liste war mit weit mehr als hundert Agnoscirten ausgestattet und eine ebenso hohe Zahl enthielt die Namenliste der Vermissten — also ebenfalls Todter.

Es wurden harte Anklagen gegen unsere öffentlichen Institute laut, herbe Worte erpresste der Schmerz und nicht selten schallte der Vorwurf an mein Ohr, dass immer und immer der Aermste, der nur über wenig Geld verfügen kann, zum Opfer falle, denn vom Parterre und den Logen sind Wenige verunglückt, sondern das Gros derselben recrutirt sich aus den Besuchern der billigeren Plätze auf den Galerien.

Zeitungsausträger.

Die Listen entfesselten den Strom der Betrachtungen und der herbsten, abfälligsten Kritiken. Allerorts frug man sich: Wie so es möglich geworden, wie so es gekommen, dass erst nach 35 Minuten des Ausbruches des Feuers darauf gedacht worden ist, dass Menschenleben noch gerettet werden könnten? Wer war es, der eine solche Autorität genoss, dass man seinen Worten unbedingt Glauben schenkte, als er versicherte, Niemand befindet sich im Theater, Niemand in den Garderoben, Niemand auf der Bühne und in Zuschauerraum, so dass die Feuerwehr viel später den Versuch machte, das Innere des Theaters zu betreten, trotzdem die Leute über die Balcons springen mussten? Wer ist der Urheber dieses Gerüchtes, das so vielen heiteren, friedlichen Menschen auf so grässliche Art das Leben kostete? Denn wäre man, statt das Feuer zu löschen, allsogleich eingedrungen, die Verlustliste existirte vielleicht gar nicht, oder doch nur sehr — sehr reducirt. Hat es an Wackeren gefehlt, die bereit gewesen wären, einzudringen? Gewiss nicht, denn wie ich früher gezeigt, hatten sie den Muth, nachdem der Brand die grösste Ausdehnung gewonnen, einzudringen, um Leichname zu Tage zu fördern! Alle, alle Opfer sind diesem schrecklichen Gerüchte zuzuschreiben, und jenen Personen in Amt und Stellung, die «diesem» Gerüchte auf’s Wort glaubten und die Rettungsversuche unterliessen — sie sind, wenn auch nur moralisch, dafür verantwortlich, denn eine böse Absicht ist ja von Vornherein auszuschliessen. — Warum haben die Oellampen, die doch von Seite des vorsorglichen Stadtbauamtes angeordnet waren, nicht gebrannt, als das Gas verlöscht wurde? Wären die Leichen gleich Hekatomben vor einer Stiegenabsatzmauer zu finden gewesen, wenn ein rettendes Oelflämmchen den dem Erstickungstode Nahen die Treppe gezeigt hätte? Nein, und tausendmal nein, es wären vielleicht einzelne Menschen zertreten worden, aber zu Hunderten und Hunderten wären sie niemals um’s Leben gekommen! War die Antwort Jauner’s auf die Anfrage des Herrn Ministerpräsidenten, der im Auftrage Sr. Majestät unseres allergnädigsten Kaisers einen Bericht an diesen absenden musste, wirklich convenirend, dass die Oellämpchen in Reparatur sind, alle, nicht ein einziges ausgenommen, befänden sich in Reparatur? Wem erzählt man das, und wer soll’s glauben, der Kaiser und das Volk? Dort, wo man einer Sarah Bernhardt 6.000 Francs allabendlich auszahlte, soll man auf die in Reparatur befindlichen Lämpchen warten müssen, und nicht stets eine gleiche oder dreifache Zahl allabendlich in Bereitschaft haben? Die Bevölkerung wagt es heute nicht mehr, das Theater zu besuchen, denn dieses Vergnügen kann das Leben kosten, wenn Zufälligkeiten, wie im Ringtheater, zusammentreffen.

Selbst ich, der ich mir vorgenommen, objectiv die Thatsachen der Schreckensnacht in diesem Büchlein wiederzugeben, falle aus meiner Rolle und die Hand erzittert, der Gedanke verwirrt sich, die Zornesader schwillt bei dem Gedanken, dass vielleicht zehn Liter Oel und um 200 fl. Lampen hunderten Menschen hätten das Leben retten können!