Im Corridor des Todes.
Im Corridor des Todes.
Die zweite Leidensstation bildete für den im Dienste der Publicistik wirkenden Menschen der Besuch des Anatomiegebäudes im allgemeinen Krankenhause. — Der Berichterstatter am Schlachtfelde sieht der Gräuel und Entsetzen gewiss mehr; aber das Bewusstsein: sie alle starben als Männer und Helden für ihr Vaterland, für Gott und Kaiser, sie zogen in die Schlacht mit dem Gefühle in der Brust, nicht jede Kugel trifft und wenn auch — was weiter — stärkt seine Nerven, stählt seinen Sinn. Aber wir friedlichen Menschen, denen die Sinne zu schwinden drohen, wenn vor unseren Augen ein Tramwaywaggon einen Menschen rädert, wir — ich meine den Zeichner dieser Illustrationen und meine Wenigkeit — wir haben eine Leidensstation vor uns, indem wir die grässlich verstümmelten Leichenreihen abschreiten müssen, um Notizen und Skizzen zu machen mit blutendem Herzen — und ich schäme mich nicht, es auszusprechen — mit Thränen in den Augen — Thränen der tiefsten Wehmuth, des Schmerzes und des Mitleidens! Da lagen sie Alle vor mir, Männer, Frauen, Jungfrauen, Jünglinge und Kinder, schwarz und starr. Da zur rechten Hand eine wohlgenährte weibliche Gestalt, ihre Figur ist mit einem silberdurchwirkten Theaterschleier überdeckt, ein grellrother mit schimmernden Borten eingefasster Rock, das Knie des rechten Fusses in feinen Strumpf eingehüllt, ist noch ganz unversehrt, während der andere Fuss, ausgestreckt, ohne Vorderfuss, blos den halbverbrannten Knochen des Schien- und Wadenbeines ohne Strumpf präsentirt, um welchen, an einer Spagatschnürchen befestigt, eine Blechmarke mit Nr. 87 hängt! Das Gesicht aufgedunsen und russgeschwärzt, die Hände an die Augen gepresst, die Kleider zerrissen und eine blendend weisse Brust den Blicken präsentirend — da lag das ausgelöschte Leben, noch nicht agnoscirt, mit Nummer 87 versehen! — Ihre Nachbarin zur Rechten, ruht ohne Hände und Füsse neben ihr, das Haupthaar ist weggebrannt sammt der Kopfhaut, nur das Mieder aus blauer Seide ist unverletzt und zwängt den Körper in die ihm verliehene Form. Die Blechmarke ist in Ermanglung von Extremitäten an das Schnürband des Mieders befestiget! Die Gestalten weiter abwärts, die in einer endlosen Reihe daliegen auf einem mit Kalk übertünchten schräg an die Wand gelehnten langen Bretterladen, sind mehr oder minder arg verbrannt und fast unkenntlich; bei Einigen ist durch die furchtbare Gluthhitze, der sie höchst wahrscheinlich ausgesetzt waren, der Bauch aufgesprungen und die Gedärme hiedurch blosgelegt worden, welche brannten! Arme, arme Frauen! Ihr dem zarten Geschlechte angehörend, warum musstet gerade Ihr in diesen Raume des Todes in der Majorität vertreten sein? — Hier die beiden Knaben, die man nicht zu trennen wagte — der kleinere ruht auf dem Steinpflaster des Corridors, in dem wir uns befinden, der grössere ist über ihn gebeugt und hält ihn fest umschlungen, fest presst er ihn an sein Herz für die Ewigkeit. Hier eine krampfhaft die geballten Hände in die Luft streckende Gestalt eines nahezu sechs Schuh hohen Mannes; er hat den rauchgeschwärzten Kopf unnatürlich verdreht; auf seiner Brust ruht seine Brieftasche aufgeschlagen, auf deren einen Seite das Bildniss eines circa 8jährigen Mädchens in photographischer Ausführung ruht, frisch und schön, als hätte es nicht den Brand im Ringtheater mitgemacht. Dort ruht Einer an der Wand, die Hände ober dem Kopf gefaltet haltend, den Kopf sanft nach rechts geneigt, als schliefe er im Schatten einer Linde an einem heissen Sommertage. — Meine Feder versagt mir den Dienst, mein Gemüth ist krank, ich fühle mich zu schwach für den Reporterdienst. Ein Leichenfeld, auf welchem Frauen, Mädchen und Kinder in solcher Zahl liegen, könnte selbst ein Wereschagin nicht naturgetreuer wiedergeben und der Leser mag aus unseren Skizzen den Schluss ziehen, dass wir geleistet, was menschlich fühlende Wesen nur immer leisten konnten.