In den Ruinen.
Der 10. December gestaltete sich nicht minder aufregend für Wien und die Wiener. In der Nacht vom 9. auf den 10. brach abermals das bereits in Abnahme und als «gedämpft» bezeichnete Feuer aus. Helle Flammen schlugen klafterhoch empor. Die Feuerwehr, da nur mehr eine Spritze auf dem Platze verblieb, konnte dem Umsichgreifen des Brandes nicht Herr werden, die Schubleitern waren wieder zu kurz gewesen und man arbeitete mit später eingetroffenen Löschtrains bis gegen Morgens, um der Zerstörungswuth des Elementes Einhalt zu thun. Es sind nunmehr die Appartements des Directors vernichtet, und eine Stiege stürzte in den glühenden Krater. Es stehen nur mehr die vier Wände des einst so herrlich ausgestatteten Theaters.
Nachdem die Befürchtung ausgesprochen wurde, dass die Mauern einstürzen könnten, zog eine Abtheilung Cavallerie auf, um das immer mehr zuströmende Publikum aufzuhalten und einer eintretenden Katastrophe vorzubeugen. — Das Interesse des Tages absorbirten immer die Todten; selbst im Schoosse des Gemeinderathes entspann sich ein heftiger Kampf, auf welche Art das Begräbniss der Opfer des 8. December stattfinden soll. Gemeinderath Lueger wollte die 200 Särge über die Ringstrasse getragen sehen, damit man den Todten gebührende Ehre bezeige; dessen Gegner hingegen beantragten die Ueberführung der Särge mit den Cadavern der Besucher des Ringtheaters bei Nacht und wenn möglich bei Nebel, um die unteren Classen der Bevölkerung nicht aufzureizen. Der Vorschlag Dr. Lueger’s wurde verworfen und der Gegenantrag angenommen, und zwar soll das Leichenbegängniss am Montag den 12. December 1881 am Centralfriedhofe selbst stattfinden und die nichtagnoscirten Leichen auf Kosten der Commune Wien zur letzten Ruhe in ein gemeinsames Grab bestattet werden. Ein feierliches Requiem soll in der St. Stefanskirche die Ceremonie eröffnen, bei welchem sich die Spitzen der Behörden, Parlamente, Gesellschaften und Vereine einfinden werden. Sämmtliche Angehörige der Verbrannten sind speciell einzuladen, und nach dem Centralfriedhofe zu geleiten, meldete man aus dem Rathhause.
Graf Taaffe, der Ministerpräsident, hat an diesem Tage zur Bevölkerung gesprochen, und seine Worte widerhallten in den Herzen der Wiener nicht. Er hatte über das grösste Unglück, das Wien seit vielen Jahren getroffen, und das, wenn man die besonderen Verhältnisse in Betracht zieht, in der Geschichte unserer Stadt überhaupt ohne Beispiel dasteht, eine eigene Ansicht.
In den Ruinen.
Er hat zu einer in Trauer gehüllten Stadt, zu einer Bevölkerung, in deren Herzen die Ruhe nicht einzukehren vermag, gesprochen. Das Leben hat seine trüben Stunden, man kann darüber nicht hinwegkommen, aber das Unglück im Ringtheater erscheint in eigener Gestalt, es ist, als ob der Wahnsinn alle Dämonen losgelassen hätte. Immer und immer stellt sich die Frage ein, ob es denn nicht möglich gewesen wäre, das Unglück zu verhüten oder es doch in seinem Umfange wesentlich zu begrenzen. Der Minister antwortete — bevor noch das Abgeordnetenhaus seine Interpellation, die aus einem Meere von Thränen emporgetaucht, eingebracht hat — und sprach von einem furchtbaren Versäumnisse — einem Versäumnisse, welches ebensowenig gutzumachen ist, als es möglich ist, die verflossene Stunde zurück zu erkaufen; — das riesengrosse Leichentuch, das über Wien liegt, hat Graf Taaffe nicht gehoben, seine Rede erwärmte die Schreckensstarre nicht und wird sie niemals erwärmen können, denn seine Worte kamen nicht vom Herzen und gingen nicht zum Herzen; er hat ein besseres Herz als Mensch, denn als Staatsmann, und nicht der Mensch, sondern der Staatsmann hat gesprochen.
Ein Beispiel von der aufgeregten Stimmung dieser Tage lieferte das in Wien coursirende Gerücht, dass die Truppen in den Casernen consignirt und in Marschbereitschaft gehalten würden. Die Wiener Zeitungen, allen voran das Tagblatt und die Wiener Allgemeine Zeitung, thaten aber auch ihr Möglichstes, um die Bevölkerung noch mehr aufzuregen. Um ein Bild von deren Stimmung zu entwerfen, muss ich die betreffende Zeitung selbst reden lassen. In mehr als 100.000 Exemplaren wurde folgender Aufsatz verbreitet.
«Von Schauer und Schauder ist unser Herz erfasst, und erstarrt von unaussprechlichem Leid. Auf den qualenreichen Tag des Todes folgt der furchtbare Tag der Beerdigung: Wir stehen vor dem Leichenbegängnisse der Todten vom Schottenring.
Alles, was Ausdruck gibt dem Gefühle der unermesslichen Trauer, an der die ganze civilisirte Welt Theil nimmt, muss ausgeführt werden, nichts darf verabsäumt werden, nichts verkleinert. Sollte man glauben, dass in solchen Tagen des Elends es nothwendig ist, den Ruf auszustossen: Ehret die Todten!
Es ist nothwendig. Leider, leider! Die Vertretung der Wiener Bürgerschaft, der Gemeinderath, will in grosser Majorität, von der nur wenige zur Einstimmigkeit fehlen, ein grossartiges Leichenbegängniss veranstalten. Andere aber wollten kein feierliches Leichenbegängniss; in aller Heimlichkeit wollten sie all’ die Leichen der Nichtagnoscirten hinausführen lassen. Auf welcher Seite ist das richtige Gefühl, die verständige Auffassung, auf welcher Seite trägt man Rechnung dem Herzen von Wien? Was geschieht? Nein, was ist geschehen? Man wollte bereits eine vollendete Thatsache schaffen; man wollte, dass alle die Nicht-Agnoscirten in aller Stille hinausgeführt werden nach dem Centralfriedhofe, zu abendlicher Stunde, im Dunkel, ohne dass Wien davon erst etwas erfährt. Was da geschehen, ist keine Unbegreiflichkeit allein, es ist weit mehr, und Wien sagt sich selbst, was es ist. Wir erheben lauten Protest gegen die heimliche Bestattung der Todten. Wir verlangen die letzte Ehre für die Todten!
Umsonst bemühen wir uns, ausfindig zu machen, wieso man auf diesen Gedanken gerathen konnte, der Stadt Wien nach dem Tage seiner Schande in Folge der unverantwortlichen Nachlässigkeit diverser Organe, auch noch einen Tag von Fühllosigkeit und Rohheit aufzubürden. Fürchtet Ihr Euch etwa vor dem Leichenzuge? Denkt Ihr vielleicht an eine Parallele? Wisst Ihr Euch zu erinnern an das Massenbegräbniss der Opfer vom 13. März 1848? Ihr wisst Euch zu erinnern, und da Ihr es wisst, müsst Ihr auch zugestehen, dass es keine friedlichere Trauerdemonstration in den wildbewegten Tagen gegeben hat, als es eben jene gewesen. Vergesst nicht, dass Ihr selbst mit der modernen Ordnung der Dinge aus jenen Tagen herausgewachsen seid, Ihr selbst könntet nicht mit stolzen Schritten durch das neue Wien wandern, wenn es nicht jene Tage gegeben! Oder glaubt Ihr, dass unsere prunkende Ringstrasse nur für das Glück bestimmt ist und nicht mit demselben Rechte für das Unglück? Dort wo der Festzug der Stadt Wien in blitzender Pracht geführt worden, dort muss auch der Trauerzug der Stadt Wien seine Bahn finden. Schafft Sühne! Oder glauben die Herren, dass sich solche Ereignisse wegwischen lassen wie mit einem Schwamme? Oder, dass sich das Urtheil mildern lässt durch Verheimlichung der Thatsache? Ist denn das um des Himmels willen möglich? Lässt sich da noch etwas vertuschen?
Eine grosse Verantwortung vor dem öffentlichen Gewissen laden sich Alle auf, welche meinen, dieses öffentliche Gewissen liesse sich irgendwie beruhigen. Wir schlagen uns ja Alle an die Brust, wir sagen es ja offen und vernehmlich: Wir Alle sind schuld und wir wollen Asche streuen auf unser Haupt und hinten hergehen hinter den hunderten von Särgen! Oder glaubt Ihr, dass die Schuld geringer wird, wenn wir das Haupt verhüllen und feige zu Hause bleiben?
Es war ein furchtbarer Festtag, der achte December. Wir haben einen traurigen Sonntag — den Tag, an dem das Leichenbegängniss stattfinden sollte. Der verdienstvolle Antragsteller auf eine Leichenfeier der Stadt, Dr. Lueger, proponirte selbst den Montag als den Tag der Trauerfeierlichkeit. Wir schlagen vor, dass Wien ihn zu einem Trauertage öffentlich declarire durch Sperrung der Gewölbe überall dort, wo der Leichenzug vorbeigehen wird. Er wird nicht mehr vorübergehen, er ist schon besorgt durch die scheue Angst Derjenigen, denen das Herz abgeht für das umermessliche Leid der Stadt Wien. So muss denn in anderer Weise für diese Trauerfeier gesorgt werden. Und wenn es ein einziger Leichnam ist, dem wir Alle folgen, wir wollen Wiens Herzensehre retten,» schrieb das Tagblatt.