Särgetransport.
In den Strassen Wien’s sah es aber auch ganz merkwürdig aus. Aller Welt las man den Kummer, die Niedergeschlagenheit von den blassen Gesichtern herab. Galt es doch, um den verbrannten Freund oder Bekannten zu trauern, und den nun verwaist Dastehenden mit Rath und That zu helfen. Die Passanten blieben oft stehen, wenn sich durch die Strassen ein unheimliches Gepolter vernehmlich machte, man konnte bestimmt darauf rechnen, dass wieder ein Zug letzter transportabler Wohnhäuser dem allgemeinen Krankenhause zugeführt werde. Unser Bild ist grausig, aber lebenswahr, leider nur zu lebenswahr.
Am Abend des 10. December lief die Frist des Unterstandes für die nicht agnoscirten Opfer des Ringstrassenbrandes ab; man beschloss ja, diese nicht erkannten, nicht erkannt werden könnenden menschlichen Ueberreste in der Stille der Nacht, während Wien schläft — wenn es vor Aufregung und Mitleid schlafen kann, auf den Centralfriedhof zu expediren. Die Namenlosen bekommen ihre Nummer und das ist auch eine ordnungsmässige Leistung.
Särgetransport.
Der schwarze Tod hat wenige Tage gewüthet und sich bei dem Wiener ein gewisses Ansehen, einen gewissen Respect zu verschaffen gewusst. Viele hundert Menschenleben hat er im Zeitraume von kaum einer Stunde hinweggefegt, und dieses verdienstvolle Genie macht nicht einmal Anspruch auf Auszeichnung für seine verdienstliche Leistung der Massentödtung in kürzester Zeit. Der Rasenplatz nächst dem Leichenhofe im allgemeinen Krankenhause ist der Ausstellung seiner Erzeugnisse allerdings gratis zur Verfügung gestellt worden. An einem hübschen Hintergrunde fehlt es auch nicht, der Narrenthurm ist die geeignetste Staffage für diese Ausstellung des Todes; der Narrenthurm für die Lebenden rechts und die langgestreckte Façade des Gebäudes, allwo durch Vivisectionen auch Jahr aus und Jahr ein Lebende zerschnitten werden, links. Einige Stufen aus diesem Gebäude führen in den Hof respective Garten, allwo die Todten lagern. In mehreren Reihen standen da an die 200 Särge aneinandergereiht, die Deckel vorne abgehoben, oder doch zurückgezogen, damit die schwarzen Gesichter der Armen zu erkennen wären.
Ich kam gegen Mittag aus dem Innern des Krankenhauses dorthin. Man passirte den letzten Hof und ein Thor, wo das Militär-Spalier Unberufene am Weitergehen verhinderte. Dann gelangte man plötzlich auf den Absatz einer der vorhin erwähnten Treppen und überschaute mit Einem Blick die Sargreihen mit den schwarzen Todten. Ich gestehe, dass ich im ersten Momente entsetzt zurückprallte. Vor meinen Augen verloren die Linien der Sargreihen die feste Richtung, sie geriethen in Bewegung und mit ihnen die schwarzen Köpfe und Rümpfe. Ich glaubte, die weissschimmernden Gebisse schnappen, die wildgereckten Gliedmassen jene Kampfbewegung vollenden zu sehen, in der sie der Tod unterbrochen. Die gebräunten, losgelösten Gliedmassen, zu Hauf geschichtet auf Bretter-Unterlagen, schienen auseinander zu stieben und im wirbelnden Lufttanze die einsam in Hobelspäne gebetteten Rümpfe erreichen zu wollen, um sich einzufügen, wohin sie gehörten: in die klaffenden Achselhöhlen und entblössten Schenkelpfannen. Die klare heitere Mittagssonne schien auf den grausigen Spuk herab, und ich dachte noch: Wie kann die Sonne in die Hölle scheinen? ... Mir war auch, als ob viele Menschen unten sich über die schwarzen Todten bückten, und dabei zuckte eine Kindheitserinnerung mir durch den Kopf, ein rauchiges Bild im Hausflur, das jüngste Gericht darstellend, wo dunkle Oberkörper aus der Erde tauchen, verzweifelt die Arme schwingend und die Fäuste ballend ...