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Die Wiener Schreckensnacht vom 8. December 1881 cover

Die Wiener Schreckensnacht vom 8. December 1881

Chapter 15: Die Särge im Narrenhofe.
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About This Book

A contemporary eyewitness account reconstructs a catastrophic theater fire that begins amid an ordinary holiday performance, describing the crowd’s arrival, the sudden outbreak of flame and smoke, and the ensuing panic as escape routes prove inadequate. The narrative documents the building’s architectural features and operational arrangements that worsened evacuation, reports on improvised rescue attempts and failures, and records the human toll and subsequent funerary and relief efforts. Interleaving vivid scene-setting with technical observation, the account also evaluates emergency responses and highlights charitable measures for those left dependent after the disaster.

Die Särge im Narrenhofe.

Es gelang mir, das aus Schauder und Entsetzen sich herauskrampfende Unwohlsein niederzukämpfen. Ich dachte an die Unglücksnacht vom Donnerstag, als ich Leiche auf Leiche aus dem brennenden Hause tragen und im Hofe der Polizeidirection aufschichten sah, und ich sprach mir selbst zu, wie unmöglich jetzt am hellen Mittag das grässlicher sein könne, was ich zuletzt nächtlicher Weile bei Glühschein der Fackeln gesehen. Ich stieg hinab mitten unter die Todten. Jetzt lagen sie wieder ruhig da. Es gibt eine Ruhe, die blos versteinerte Bewegung ist. Man findet sie ausgedrückt in den Verschütteten von Pompeji, man findet sie hier hinter den schwarzen Masken, die der Brand über die Gesichter der Todten geworfen. Die Männer sind fast ausnahmslos in wüthendem Kampfe und Grimme dem Tode unterlegen; die Frauen sanft, ergebungsvoll, zerfleischt von Anderen, aber nicht selbst zerfleischend, geduldig und im Tode noch so milde blickend, als wäre der letzte Blick nicht in undurchdringliche Nacht, sondern auf das Antlitz eines geliebten Wesens gefallen.

Die Särge im Narrenhofe.

Mit dem Grauen war es nun vorbei. An seine Stelle trat ein neuerliches Mitleid und unsagbare Trauer. Da lag in drei Särgen nebeneinander die Familie Pawlik: Vater, Mutter und Tochter; der Mann noch mit schirmend erhobener rechter Hand, die linke Hand mit ausgespreitzten Fingern nach den Angehörigen tappend. Alle Drei haben sehr entstellte, schwarze Gesichter. Unweit davon lag Max Ritter v. Bittner, ein junger hübscher Mann, wenig entstellt. Er hält beide Hände vor die halbgeöffneten Augen. In derselben Reihe befand sich der Leichnam des Handelsakademikers Duschinsky. Sein ohnehin starker Leib ist aufgebläht und das Gesicht zur schauerlichen Fratze geworden. Das Ehepaar Professor Löw zeigt schmerzhafte Mienen, aber nicht jene grauenvolle Gliederbewegung, wie hundert andere Leichen. Es gibt solche, welche in dem schwarzen Gesichte die Zähne fletschen und in den bacchantisch geschwungenen Händen noch die Fetzen halten, welche sie Anderen vom Leibe gerissen. In vielen geöffneten Augen ist noch die wahnsinnige Todesangst festgebannt. Nur bei wenigen Leichen ist es gelungen, die emporgereckten Gliedmassen in den Sarg hineinzuzwängen.

Reihenweise lagen auch die nackten, gedörrten Rümpfe im Sonnenschein da. Eine Tragbahre enthielt den kopflosen Leichnam eines Verbrannten, dessen Leib vorne geborsten ist. Nichts von seiner Kleidung war übrig geblieben, nur seine lederne Geldtasche hatte dem Feuer getrotzt und sie lag der Agnoscirung wegen neben der Mumie ihres Eigenthümers ....

Es gibt eine Grenze in der Berichterstattung. Ich kann nicht niederschreiben, was ich Alles gesehen habe in den zweihundert Särgen und auf den Brettern und auf den Bahren: vielleicht vermag es der neben mir seines Amtes waltende Zeichner.

Wenige Glückliche sind dem Elemente entronnen. Hier eine Scene des Wiederfindens einer bereits todt Geglaubten.

Mit diesem Eindrucke schloss der Tag des 10. December.