Wiedergefunden.
Sonntag den 11. December 1881 wurden die ersten Gräber für die Opfer des Ringtheaterbrandes am Centralfriedhofe geöffnet, die Mutter Erde nahm sie freudig auf, ihnen die ewige Ruhe verleihend, der sie so bald nicht bedurft hätten.
Wie zu Allerseelen, so trüb und traurig war der Tag; der Anblick der Stadt glich einem Trauerhause. Zahllose Wagen fuhren mit weinenden schwarzgekleideten Insassen durch die Strassen, Kränze in allen Dimensionen wurden Strass’ auf Strass’ ab gefahren und getragen. Wenn ein solcher Trauerwagen vorbeirollte, zog es förmlich die Hand zum Hute. Wie viel Schmerz schleppte sich da hinaus zur Begräbnissstätte! Am Centralfriedhofe gähnten schon vom frühen Morgen an 65 frische Gräber um die Leichen Derjenigen aufzunehmen, welche durch ihre Anverwandten zur letzten Ruhe geleitet wurden.
Die Tragödie des fluchbeladenen Hauses, wie man das Ereigniss in Wien nannte, nahte sich ihrem Ende. Noch brennen hunderte von menschlichen Körpern in dem grossen Flammengrabe am Schottenring, aber der Mensch entriss selbst den Flammen die Körper einer grossen Anzahl Todter und für diese öffnete sich die Erde an diesem Tage, um diese in sich aufzunehmen. Die Schollen Erde, welche von den die Särge Begleitenden hinabgeworfen wurden, hallten dumpf grollend herauf zur Oberwelt. Schlaft ruhig, ihr erstbegrabenen Märtyrer der furchtbaren Versäumniss! Ihr seid die Opfer für eine bessere Zukunft der Hinterbliebenen. Wesshalb bei diesen ersten fünfundsechzig Todten keine officielle Persönlichkeit am Friedhof anwesend war, ist mir nicht gut verständlich. Sind sie denn durch eigenes Verschulden um’s Leben gekommen, oder haben sie ihr Leben eingebüsst, vertrauend auf den persönlichen Schutz, der jedem Staatsbürger garantirt wird? Wesshalb die Absentirung der officiellen Persönlichkeiten? Sie hätten da weinen gehört, wie sie noch niemals, niemals, niemals weinen gehört haben können.
Wiedergefunden.
An der Ostseite der Leichenhalle, auf dem Podium aus schwarzem Marmor, über welchem mit goldenen Lettern Hiob’s Worte zu lesen sind: «Gott hat’s gegeben, Gott hat’s genommen», standen die Functionäre zur Trauerfeierlichkeit bereit; die Rabbiner und Cantoren in ritueller Tracht, die Mitglieder des Tempelchores, brennende Kerzen tragend, im Halbkreise. Da öffneten sich auf ein gegebenes Zeichen die hohen Flügelthüren, vier Männer brachten einen schwarzverhängten Sarg in den Saal und liessen ihn auf dem Podium nieder. Hinter dem Sarge schritten in resignirtem Schmerze die Eltern dieses ersten Todten — des Handelsakademikers Leopold Duschinsky. In der Menge entstand eine Bewegung unendlichen Schmerzes und als Rabbiner Schmiedel (aus Fünfhaus) mit Hiob’s ergebungsvollem Spruche seine Rede einleitete, brach Alles in lautes Weinen aus. Ein alter Mann an der Thüre brach ohnmächtig zusammen; es war Herr Kreissl, der unglückliche Schwiegervater des Dr. Groag. Rabbiner Schmiedel sagte:
«Alle Eure Brüder, das ganze Haus Israel, beweinen den grossen Brand, den Gott angezündet hat. (Grosse Bewegung.) Unzählige Male stand ich schon auf dieser Trauerstätte, jedesmal mit von Theilnahme erfülltem Herzen. Aber so bis in’s innerste Mark hinein erschüttert war mein Herz noch niemals wie heute, denn eine grosse Stadt mit Hunderttausenden von Bewohnern trägt heute Trauer, kaum Eine Familie ist in dieser Stadt, die nicht einen Angehörigen oder einen Freund vermisst. Ach, an der Stätte des Schauers hörte man so häufig Worte, gleich jenen, welche zu dem jammernden Patriarchen gesprochen wurden: «Ist das vielleicht das Kleid, das Dein Kind getragen hat?» (Grosse Bewegung; lautes, minutenlanges Schluchzen.) Sind das vielleicht die Züge seines Antlitzes, welche mitten im verzweifelten Kampfe noch unentstellt geblieben sind? Und mitten in diesem aufgethürmten Leichenberge von entseelten Leichen war dieser junge Mann hier der Erste, der aufgefunden wurde, gestern noch ein blühender, von Kraft und Gesundheit strotzender Jüngling, der einzige Sohn, die einzige Freude seiner gottgesegneten Eltern. Sein Vater erkannte das Kleid seines Sohnes. Gleich dem Patriarchen sprach er: «Mein Sohn ist zerrissen worden.»
Nach der Grabrede hoben die Leichenbestatter den Sarg und brachten ihn nach dem für ihn bestimmten Grabe. Drei Schollen warf der Vater, drei Schollen die Mutter dem todten Sohne in’s Grab — das waren die ersten Schollen. Zwei andere Särge: sie bargen die Leichen des Doctor Jaques Groag und seiner Gattin Clementine. Die Einsegnung wurde von Dr. Jellinek vorgenommen. Nachdem Prediger Jellinek dem Ehepaare Groag einen warmen Nachruf gehalten hatte, fuhr er in seiner Todtenrede fort:
«An diesen Särgen fühle ich mich verpflichtet, als Lehrer des Judenthums, als Lehrer der Religion der Milde und Liebe, eine ernste Mahnung zu richten an Alle ohne Unterschied, eine Mahnung, die tief in die Herzen eindringen möge: Lasset uns die Todten ehren; wir wollen nicht die Trauer, die unsere Residenz erfüllt, entweihen, bannen wir aus unseren Herzen jeden Groll, erheben wir keine Anklage, weisen wir zurück jede Beschuldigung! Mögen die Todten ruhen, möge kein Hass sich erheben, kein Groll unseren Schmerz entwürdigen. Liebe und Versöhnung möge die Bewohner unserer Stadt ohne Unterschied der Confession mit einander verbinden! Wir sehen es ja, wie hinfällig jedes Menschenleben ist! Lasset uns also die Todten ehren, die Trauer nicht entweihen; Liebe, Milde und Versöhnung seien es, die von den Särgen sich erheben und die Gemüther beruhigen; Friede und Ruhe den Dahingeschiedenen, Friede und Trost den Hinterbliebenen, Versöhnung Allen in unserer Stadt! Das ist der dreifach gewundene Kranz des Friedens, des Trostes und der Versöhnung, den ich als Lehrer der Religion auf diese Särge hinterlege!»
In ununterbrochener Reihe wurden dann noch siebzehn Leichen, und von 1 bis 3 Uhr fünfundvierzig Leichen, je acht auf einmal, eingesegnet und bestattet.
Weniger zahlreich waren Sonntags die Separatleichenbegängnisse der Angehörigen christlicher Confession. In der Spitalscapelle wurden eingesegnet und dann nach dem Centralfriedhofe zur Beerdigung überführt:
Vormittags: Richard Fischer, Carl Seidler.
Nachmittags: Victor Ranagl, Therese Hein, Carl Rigal, Leopoldine und Maria Seifert, Anna und Caroline Schatten, Camillo Schmeidel, Florian Hofstetter, Hildegard Wach, Johann Strommer.
Während der Leichenfeier dieser Opfer spielten sich in den Aufbahrungskammern und in der Capelle wahrhaft herzbrechende Jammerscenen ab. Besonders als die Leiche Camillo Schmeidel’s in die Capelle getragen wurde und der «Wiener Männergesangverein», dessen Mitglied der Verunglückte war, Reissiger’s erschütterndes «Nachtlied» anstimmte, ertönte aus der grossen Schaar der Leidtragenden lautes Schluchzen, so dass kein Auge trocken blieb. Fast im selben Augenblicke brachen drinnen in der Aufbewahrungskammer zwei Frauen an dem Sarge ihrer Schwester, welcher gleichfalls der unselige Abend des 8. December den Tod gebracht, halb ohnmächtig zusammen.