Leichenfeier im Stephansdome.
Der 12. December 1881. — Die Politik ruht, Streit und Hader der Parteien im Parlamente ruhen, diese selbst vertagen ihre Sitzungen, Wien, das lebensfrohe Wien trägt Trauer. Vom Dome zu St. Stephan tönen schwer und bang die Glocken und gegen das Riesenthor drängt sich Alles, was Einladungen zu dem grossen Requiem erhielt, und Infanterie und Cavallerie hielt Jene ferne, welchen von Seite des löblichen Gemeinderathes der Reichs-Haupt- und Residenzstadt keine specielle «Parte» zugestellt wurde. — Doch Kritik zu üben ist nicht meine Sache. Wir Alle stehen noch zu sehr unter dem Eindrucke, den die Trauer von Tausenden auch auf die Nichtbetroffenen ausübt. Da umstanden die Lenker, Schirmer und Hüter des Volkswohles den Katafalk, die wahrhaftige Trauer spiegelte sich in ihren Gesichtern ab, denn trotz ihrer Grösse und Stellung fühlten sie sich an diesem denkwürdigen 12. December klein und unbedeutend vor dem unbegreiflichen Etwas, was wir mit «Zufall» bezeichnen wollen. Jedes Licht, das den Katafalk in zehnfachen Reihen umstand, versinnlichte ihnen ein Menschenleben, das jählings von dem Sturme ausgeblasen wurde, weil weder Schutz noch Schirm dasselbe bewahrte!
Schiller’s herrliches Lied von der Glocke fand hier leider keine Anwendung. Der Bürgermeister von Wien, der Vater der Stadt, er mag wohl die Häupter seiner Lieben gezählt haben, und siehe ihm fehlten viele, viele, viele theure Häupter, an deren Sarge er nun trauernd stand. — Wie wenig grossstädtisch dieser Schiller doch damals gedacht, als er im Verlaufe seines Gedichtes die Glocke «um eines Todten» willen klagen lässt, hatte man an diesem 12. December Gelegenheit zu beachten. Einen Todten! Für wie Viele haben die Glocken zu St. Stephan an diesem Tage geklungen und geklagt? Und ihr Klang, den die Winde hinaustrugen bis vor das Weichbild der Stadt, kann den Jammer nicht zum Schweigen bringen, von dem Wien, die lebensfrohe Stadt, voll ist. — Und hätten alle Glocken des Landes mit ihrem ehernen Schalle die Luft erzittern gemacht, hätten alle Kanonen in Oesterreichs Arsenalen, Festungen und auf Oesterreichs Schiffen ihren Flammenmund geöffnet, der Schrei einer einzigen Mutter, die am Grabe ihres Kindes weint, hätte alle übertönt, ja selbst das leise Wimmern eines Kindes, das die Eltern verloren, hätte sie Alle verstummen gemacht. — Man wollte nicht getröstet sein; die, die geliebt wurden, sind nicht mehr, und keine, wenn auch noch so aufrichtige Trauer kann sie uns wiedergeben. — Auf den Katafalk zu St. Stephan stützte ein Mann in Kummer und Trauer sein Haupt, das berufen ist, einst die Krone Oesterreichs zu tragen. Der Sohn ersetzte den in den Schreckenstagen ferne von Wien weilenden Vater, und an diesem Tage dürfte er kennen gelernt haben, was es heisst, an der Spitze einer Bevölkerung zu stehen! —
Vor dem Riesenthore der Stephanskirche grenzte die Sicherheitswache ein weites Carré ab, um das sich lautlos, ohne Drängen und Hasten, wie man es sonst bei solchen Gelegenheiten sieht, eine grosse Menschenmenge gruppirte. Das Tageslicht war so glanzlos, die Fenster rundum waren von Menschen in dunkler Kleidung besetzt, dazu die schwarze Wagenburg, die hinter der Kirche aufgefahren war, das gab ungewollt ein den traurigen Anlass bezeichnendes, düsteres Bild.
Um 10 Uhr klangen alle Glocken in dumpfem Tone zusammen, die ernste Feier begann, welche die Spitzen der Bevölkerung Wiens ihren einem furchtbaren Geschicke erlegenen Mitbürgern brachten. Die Staffage des trüben Bildes bildeten keine Neugierigen; es waren Theilnehmende. Die spaliermachende Menschenmenge fehlte auf den Strassen; wer eben auf dem Wege war, den der Zug passirte, der hielt an in seinem geschäftigen Treiben, bis der lange, lange Wagenzug vorüber war. Wien hat sich ruhig verhalten, der Würde des Tages angemessen.
Der Gottesdienst, der in der Stephanskirche am 12. December abgehalten wurde, wird für immer denkwürdig bleiben. Die Stadt Wien, das Land, das Kaiserhaus, haben ihre tiefe unauslöschliche Trauer in wahrhaft erhebender Weise zum Ausdrucke gebracht. Der ehrwürdige Dom hat niemals eine solche Menschenmenge gefasst, wie an diesem Tage. Aufrichtige Andacht beherrschte jeden Einzelnen der viel tausendköpfigen Gemeinde, was die Grabesstille in dem weiten Raume dargethan. Jede Note der Kirchenmusik, jedes Wort des Priesters wurde bis in die entlegensten Winkel gehört. Die höchsten Ehren erwies die Kirche den bürgerlichen Opfern dieses bürgerlichen Dramas; solche Ehren werden sonst nur den allervornehmsten Spitzen der geistlichen und weltlichen Hierarchie erwiesen. Die höchsten Würdenträger der Kirche functionirten bei der solennsten Feier der Neuzeit — der Sohn des Landesvaters, Kronprinz Erzherzog Rudolf, und die Erzherzoge Carl Ludwig, Rainer, Albrecht, Wilhelm, Carl Salvator und Johann Salvator wohnten dem Requiem in tiefer Ergriffenheit bei.
In der Mitte der Kirche erhob sich ein hoher Katafalk, reich mit Kränzen geschmückt, von Kerzen in vielen Reihen umgeben. Die Diener der «Pietät» umgaben denselben und Sicherheitswachleute en parade bildeten Spalier. Der Hochaltar im Presbyterium, die Seitenwände desselben und die Bänke waren schwarz decorirt, und die ganze Kirche feierlichst beleuchtet.
Das Presbyterium, wo in den Seitenbänken Leidtragende Platz nahmen, war überfüllt. Unter den Anwesenden befanden sich die Vice-Präsidenten des Abgeordnetenhauses, Fürst Lobkowitz und Gödel-Lannoy, der Präsident des Herrenhauses Graf Trauttmannsdorff, der Bürgermeister der Stadt Wien Dr. v. Newald und der Vicebürgermeister Uhl, der Ministerpräsident Graf Taaffe, der Reichs-Kriegsminister Graf Bylandt-Rheidt, ferner die Minister Welsersheimb, Dunajewski und Ziemialkowski, Herrenhausmitglied Gögl, zahlreiche Mitglieder des Abgeordnetenhauses, unter Anderen Professor Suess, Dr. Rechbauer, Clumecky, Dr. Russ, Graf Hohenwart, Dr. Rieger, Dr. Jaques, Graf Coronini, Fürst Liechtenstein, der Statthalter Freiherr v. Possinger, der Oberststallmeister G. d. C. Prinz Emerich Thurn-Taxis, G. d. C. Graf Pejacsevic und die sämmtlichen übrigen dienstfreien Generale der Wiener Garnison; der Gemeinderath war sehr stark vertreten; man sah ferner den Director Jahn von der Hofoper und Angehörige anderer Theater. Der Kronprinz und die Erzherzoge wurden von dem Fürst-Erzbischof Cölestin Josef und dem Weihbischof Dr. Angerer unter Assistenz der geistlichen Alumnen empfangen und zum Hochaltar geleitet, in dessen unmittelbarer Nähe die Mitglieder des kaiserlichen Hauses Platz nahmen.
Der Chor brachte das Gottfried Breuer’sche Requiem zur Aufführung. Das Todtenamt wurde vom Fürst-Erzbischof celebrirt; den Rundgang am Schlusse vollführte der Weihbischof. Um 10 Uhr war das Requiem zu Ende; das gesammte Domcapitel geleitete den Kronprinzen und die Erzherzoge zum Ausgang.
Die grosse, schweigsame Menschenmenge verliess hierauf die Kirche in derselben musterhaften Ordnung, in welcher sie gekommen war. Die tiefe Stille wurde plötzlich durch lautes Gekreische einer Frauenstimme unterbrochen, welches schrill und verletzend vom Thore her durch die Kirche drang und grosse Aufregung hervorrief. Man wusste anfänglich nicht, ob es ein Singen oder ein lautes Wehklagen oder ein gellendes Lachen war. Vor dem Thore erfuhr ich, dass zwei leidtragende Frauen ihren wilden Schmerz auf solche Art geäussert hatten, dass dieselben mit sanfter Gewalt aus der Kirche entfernt, gelabt und mittelst Wagen fortgebracht wurden. Einige erzählten die schreckliche Version, eine dieser Frauen sei in ein Gelächter ausgebrochen, welches den Eindruck beginnenden Wahnsinns machte.