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Die Wiener Schreckensnacht vom 8. December 1881 cover

Die Wiener Schreckensnacht vom 8. December 1881

Chapter 2: Am Morgen des 8. December.
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About This Book

A contemporary eyewitness account reconstructs a catastrophic theater fire that begins amid an ordinary holiday performance, describing the crowd’s arrival, the sudden outbreak of flame and smoke, and the ensuing panic as escape routes prove inadequate. The narrative documents the building’s architectural features and operational arrangements that worsened evacuation, reports on improvised rescue attempts and failures, and records the human toll and subsequent funerary and relief efforts. Interleaving vivid scene-setting with technical observation, the account also evaluates emergency responses and highlights charitable measures for those left dependent after the disaster.

Am Morgen des 8. December.

An einem Marientage, einem der schönsten Feiertage der katholischen Kirche, am 8. December, wurden die die Woche über angestrengt thätigen Wiener angelockt, sich an dem schönen aber frischen Wintertage zu erfreuen und einen Spaziergang über den Ring zu machen. Hunderte, die das Ringtheater passirten oder sich daselbst Plätze an der Tagescasse holten, hatten keine Ahnung, dass sie sich Eintrittskarten für das Jenseits gelöst, und freuten sich bereits der Genüsse, die ihrer am Abende warten sollen, da das letzte Offenbach’sche Werk: «Hoffmann’s Erzählungen», zum zweiten Male hätte aufgeführt werden sollen, wenn nicht der Alles lenkende und leitende Schöpfer in seinem unergründlichen Rathschlusse es anders beschlossen hätte.

In dem Gebäude des Ringtheaters selbst herrschte die gewohnte Thätigkeit. Director Jauner in seinem mit fürstlichem Luxus ausgestatteten Appartement, beschäftigte sich, wie an jedem Sonn- und Feiertage, mit der Sichtung und Erledigung der die Woche über eingelaufenen Stücke, welche von den Autoren seiner Beurtheilung unterbreitet wurden. Dessen Secretär, Herr Gisrau, hantirte in seiner Kanzlei. Das Theater selbst war, in Folge der für Mittag anberaumten Matinée zu Gunsten der unter dem Protectorate des Polizeipräsidenten Baron Marx von Marxberg stehenden Unterstützungs-Societät der Polizeibeamten Wiens für ihre Witwen und Waisen, ziemlich belebt. Mitglieder des Männergesangvereines kamen auf die Bühne; es wurde angeordnet und ausgeführt, die Billeteurs waren an ihren Plätzen, kurz es zeigte das Haus ein Leben wie immer. Niemanden beschlich ein Gefühl, als sollte es in kürzester Zeit ganz anders in diesen Räumen zugehen. — Die Matinée war vorüber, das elegante Wien verliess gegen 4 Uhr Nachmittags das Ringtheater. Die Carossen trugen die Herrschaften zur Tafel, die Thore des Theaters wurden geschlossen und das Schauspielhaus zum Empfange des Publikums für die Abendvorstellung hergerichtet.

Gegen ¼ 5 Uhr bemerkte man bereits einige Personen, welche sich an das Thor lehnten, um die Ersten bei der Casse zu sein, wenn aufgesperrt wird, um auf diese Art einen guten Platz hoch oben auf der «Jucheh-Galerie», wie im Volksmunde bisher die letzten Galerien der Wiener Theater genannt werden, zu erhaschen. Zu diesen ersten — drei junge Männer und dem Aeusseren nach zu schliessen eine kunstsinnige Köchin — gesellten sich bald ein Dutzend anderer theaterlustiger Personen, so dass gegen sechs Uhr Abends an 200 Menschen bereits warteten, bis endlich aufgesperrt wurde. Man hörte lachen und schreien, als der Schlüssel im Schlosse rasselte, Alles stiess und drängte, mit fieberhafter Schnelligkeit wurde das Billet gelöst, und eilenden Schrittes die Treppen hinangeeilt, um endlich athemlos den Platz in dem Hause einzunehmen — aus welchem es nur Wenigen gegönnt war, so herauszukommen, wie sie hineingegangen.

Gedränge vor dem Aufsperren.

Kaum eine halbe Stunde war seit dem Einlasse des Publikums in das Ringtheater vergangen, man sah die Galerie dicht gefüllt, die «Oberen» fanden bereits an den Toiletten der Logenbesucher eine willkommene Augenweide, um die Zeit bis zum Beginne der Vorstellung auszufüllen, die Sitze im Parterre waren gleichfalls fast bis zur Hälfte besetzt und die Herren von «Unten», der Bühne den Rücken kehrend, richteten ihre Operngläser bald auf dieses oder jenes hübsche Gesicht, welches über die Brüstung der Galerie freundlich und schelmisch hinabblickte auf die jungen und alten Neugierigen, welche die Operngläser nicht abwenden konnten von den niedlichen Grisettengesichtern. Plötzlich wurde ein Lärmen, ein Schreien und Gepolter hinter dem Vorhange vernehmlich, eine Minute lang lauschte das Publikum, es herrschte Todtenstille. Die wenigen im Orchester bereits mit ihren Instrumenten sich beschäftigenden Künstler sprangen plötzlich empor, ein Schrei gellte durch das Haus, der Vorhang flog, von furchtbarer Gewalt bis zur Brüstung der dritten Galerie emporgetrieben, in die Höhe, eine colossale Flammengarbe erhellte mit einem Male den Zuschauerraum: Feuer! Feuer! Diese furchtbaren Worte übertönten den grässlichen Lärm; Alles eilte und drängte, unbekümmert um den Nebenmann, den Thüren zu, das Freie, Gottes freie Himmelsluft zu erreichen, wenn es eine solche noch geben sollte, denn im ersten Momente drängte sich gar manchen der im Theater Anwesenden der Gedanke auf, der Weltuntergang sei gekommen und Feuer und Wasser erfülle den ganzen Raum des Universums! — Bald, nur zu bald hat sich das Bild der Ringstrasse verändert, die Flammen schlugen hoch zum Himmel empor, ein furchtbarer Knall erfolgte, das Gas ist explodirt, und Finsterniss und Glut, Feuer und Rauch erfüllten alle Räume, erstickten und vernichteten Alles, was athmete und lebte.

Feuer! Feuer! Feuer!

Der Tod entfesselte alle seine Schrecknisse; — mit seinem glühenden Athem überfiel er das blühende Leben heiterer, lachender, fröhlicher Menschen und entsendete gegen sie das Feuer, den Qualm, den Rauch, er verbrennt sie, er erstickt sie, erwürgt sie, zerschmettert ihre Gliedmassen; — in weniger als einer Stunde hat er die Schreckensarbeit gethan, über welche Millionen Menschen schreckensbleich und sprachlos geworden.

Erschüttert und noch unter dem Eindrucke des grässlichen Ereignisses schreite ich mit pochendem Herzen daran, diesen Abend vom 8. December 1881 und die folgenden Tage zu schildern — bis zum Schlusse der Tragödie, der Leichenfeier am 12. December!

Bevor ich jedoch zur weiteren Schilderung der grauenvollen Thatsache übergehe, muss ich einige geschichtliche Daten über die Entstehung des «einstigen» Ringtheaters, früher «Komische Oper», voraussenden. Dieses Schauspielhaus, vom Architekten Emil Ritter v. Förster erbaut und gegenwärtig dem Wiener Stadterweiterungsfonds gehörig, wurde am Samstag den 17. Jänner 1874 eröffnet. Bei der Construction des Hauses war darauf Rücksicht genommen worden, eigene Eingänge und Cassen für die Galerie-Besucher anzulegen. Dieser an und für sich sehr gute Gedanke hatte indessen einen Uebelstand zur Folge, der sich gerade an diesem Unglücks-Donnerstage entsetzlich fühlbar gemacht haben mag. Das Parterre des Zuschauer-Raumes musste in das erste Stockwerk verlegt werden und der Theatersaal selbst erhielt, vom Niveau der Strasse aus bemessen, eine enorme Höhe. Die Stiegen, die zu den oberen Galerien führen, sind, da sie ziemlich bequem ansteigen, von unerhörter Ausdehnung und wer jemals den vierten Stock dieses Hauses erklommen hat, wird die Endlosigkeit dieser Treppen-Anlage im Gedächtnisse behalten haben. Der Zuschauer-Raum war nicht gross; das Parquet hatte etwa 260 Sitzplätze und das ganze Haus fasste circa 2000 Personen. Die Decoration des Innenraumes, die im Wechsel der früheren Directionen unberührt geblieben, hatte unter der letzten Direction eine durchgreifende Verschönerung erfahren. Freundlichere Farben ersetzten die trübe Mattheit der einstigen Ausstattung. Ein prächtiger Kronleuchter, der thatsächlich Tageshelle verbreitete, ergoss sein Licht durch den eleganten Raum. Eine Hoffnung, die sich leider nicht erfüllt hat: dass sich die Katastrophe ohne grossen Verlust an Menschenleben abgespielt hätte, wurzelte in der Thatsache, dass unter allen Wiener Theatern die «Komische Oper» die schlechtesten Galerien hatte. Speciell von der vierten Galerie aus ist die Bühne kaum von den Mittelplätzen zu übersehen gewesen. In Folge dessen waren die oberen Räume jederzeit schlecht besucht, während in anderen Theatern gerade diese Plätze in Sonntags-Vorstellungen überfüllt sind.

Franz Jauner, der letzte Director des Ring-Theaters.

Die Komische Oper wurde unter der Direction Albin Swoboda mit dem «Barbier von Sevilla» eröffnet. Die grossen Erwartungen, die man der Begründung dieser Bühne gewidmet, erfüllten sich nicht. Unter der Wirkung des wirthschaftlichen Niederganges schwächte sich die Theilnahme des Publikums bald so erheblich ab, dass das Haus die in seinem Namen ausgesprochen gewesene künstlerische Tendenz völlig verlor und ein Spielball des Zufalls wurde. Den letzten Glanz brachte das erste Auftreten der Patti am 24. März 1875 in die Komische Oper. Mit Mühe und Noth brachte sich das Theater bis zum 30. April fort. Vom 1. Mai desselben Jahres angefangen — an welchem Tage zufälligerweise Herr Jauner die Direction der Hofoper übernahm — bis lange in den Winter hinein blieb es jeder künstlerischen Thätigkeit fern. Dann folgte die bunte Flucht der Directionen, die immer mit grossen Erwartungen begannen und mit der von den Künstlern angerufenen Intervention der Polizei endeten. Taschenspieler, Puppenkünstler, allerlei Curiositäten — ein unerquicklicher Gänsemarsch von unkünstlerischen Schauspielen. Auf denselben Boden, den Salvini geweiht, trat der Fuss des Fructificirers des Hypnotismus: Hansen.

Endlich nach so vielen Enttäuschungen schien auch für dieses Haus, das früher schon den nicht mehr entsprechenden Namen in «Ringtheater» umgewandelt hatte, eine bessere Zeit anbrechen zu wollen. Der glücklichste Empiriker unter den gegenwärtigen Wiener Theaterleitern, Franz Jauner, beschloss, das Theater der Kunst zurückzugeben. Er eröffnete das Haus am 1. October d. J. mit dem «Rattenfänger von Hameln». Wirklich schien sich jetzt die Gunst der Bevölkerung dem neuen Unternehmen zuzuwenden. Aber auch die Direction Jauner enttäuschte manche der Hoffnungen, die man an das Wiederaufleben der vielgeprüften Bühne geknüpft hatte, nur Experimente à la Sarah Bernhardt mit der Monstre-Reclame füllten die Räume des Ringtheaters, und wer kann wissen, welcher Art — ohne das Eingreifen des Verhängnisses — das Schicksal der Direction Jauner gewesen wäre?