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Die Wiener Schreckensnacht vom 8. December 1881 cover

Die Wiener Schreckensnacht vom 8. December 1881

Chapter 3: «Das Ringtheater brennt.»
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About This Book

A contemporary eyewitness account reconstructs a catastrophic theater fire that begins amid an ordinary holiday performance, describing the crowd’s arrival, the sudden outbreak of flame and smoke, and the ensuing panic as escape routes prove inadequate. The narrative documents the building’s architectural features and operational arrangements that worsened evacuation, reports on improvised rescue attempts and failures, and records the human toll and subsequent funerary and relief efforts. Interleaving vivid scene-setting with technical observation, the account also evaluates emergency responses and highlights charitable measures for those left dependent after the disaster.

«Das Ringtheater brennt.»

In dem kurzen Zeitraume von 6 bis 7 Uhr Abends hat sich das Bild durch die Gewalt des Feuers wesentlich geändert. Die Nachricht: «das Ringtheater brennt», wirkte auf die Bevölkerung wie ein Donnerschlag; die in den Caffeehäusern beim Kartenspiele sitzenden Personen warfen die Kartenblätter von sich, aus den Häusern und Wohnungen eilten die Menschen, durch den hellen Feuerschein aufgeschreckt, auf die Strasse, aus den Vorstädten und Vororten drängte Alles der Stadt zu, und die Tramwaywaggons wurden derart überfüllt, dass Personen sich gleich Gassenjungen rückwärts anklammerten, nur um möglichst rasch dem Brandorte nahe zu sein. Gegen 7 Uhr Abends stauten sich an 10.000 Menschen; von dem Allerhöchsten Hofe erschienen die Herren Erzherzoge Albrecht und Wilhelm, die Löschtrains der städtischen Feuerwehr mit der Dampfspritze, verständigt durch ein Telegramm der Polizei-Direction — welche erst — und das ist das Merkwürdigste — von einem um ¾ 7 Uhr den Schottenring passirenden Diener des Extrablattes, Namens Josef Swoboda, aufmerksam gemacht wurde, dass das Ringtheater brenne. Dieser sah das urplötzliche Erlöschen der elektrischen Sonnen vor dem Portale des Ringtheaters und bemerkte gleichzeitig über den First des Hauses einen blitzähnlichen Feuerstrahl, dem eine lange Rauchwolke folgte, aufblitzen. Wieso es kam, dass der Rayonposten an der Ecke des Schottenringes, der doch den Schlüssel zu dem am Hotel de France angebrachten Feuersignale in der Tasche hatte, kein Aviso von dem Brande gab, kann Niemand wie dieser selbst wissen, und ebenso unerklärlich ist die Thatsache, dass die telegraphische Verbindung des Ringtheaters mit der Feuerwehr erst nach dem Telegramme der Polizei-Direction eintraf. — Alles, was sich einfand, wurde aus dem Munde von Wachleuten mit der Auskunft beruhigt: «Menschenleben sind nicht zu beklagen, das Haus ist vollkommen entleert, es hatte Alles Zeit, das Theater zu verlassen». Viele Personen kehrten nach dieser beruhigenden, officiellen Mittheilung an ihren Spieltisch im Caffeehause oder an ihren Wirthshaustisch zurück, denn, wenn keine Menschen in Gefahr sind, was liegt an einem noch so kostspieligen Bau eines Ringstrassenpalastes. Auch den beiden Herren Erzherzogen wurde von Seite des Polizeirathes Landsteiner die dienstliche Meldung gemacht: «Menschenleben sind nicht in Gefahr, das Haus ist gänzlich entleert».

Ringtheater-Brand.

Auf dem Balcon und der Loggia waren allerdings circa 100 Personen, theils verwundet, theils halberstickt zu bemerken, doch diese retteten ihr Leben entweder durch einen Sprung in das Rettungstuch, oder gelangten, nachdem die als zu kurz befundenen Leitern durch höhere ersetzt wurden, auf diesem Wege in’s Freie. —