WeRead Powered by ReaderPub
Die Wiener Schreckensnacht vom 8. December 1881 cover

Die Wiener Schreckensnacht vom 8. December 1881

Chapter 6: Brennende Leichen in den Galerien.
Open in WeRead

About This Book

A contemporary eyewitness account reconstructs a catastrophic theater fire that begins amid an ordinary holiday performance, describing the crowd’s arrival, the sudden outbreak of flame and smoke, and the ensuing panic as escape routes prove inadequate. The narrative documents the building’s architectural features and operational arrangements that worsened evacuation, reports on improvised rescue attempts and failures, and records the human toll and subsequent funerary and relief efforts. Interleaving vivid scene-setting with technical observation, the account also evaluates emergency responses and highlights charitable measures for those left dependent after the disaster.

Brennende Leichen in den Galerien.

Man konnte deutlich wahrnehmen, dass sich unten noch eine Menge schauerlich entstellter Leichname befand, welche offenbar bei dem Durchbruche des Mauerwerkes in die Tiefe gestürzt waren. Einen wahrhaft grausigen Anblick haben die zahlreichen Leichen und Leichentheile gewährt, welche an dem blossgelegten Sparrenwerke, an Eisengittern u. dgl. hingen und die von den Flammen förmlich gebraten wurden. Aber der grässlichste Anblick war und wird bleiben, als ich mitten in diesen auflodernden Feuergarben zwei aufrechtstehende Personen, welche sich umschlungen hielten, an eine eiserne Säule gelehnt, erblickte. Ich glaubte mich zu täuschen; ich frug den Feuerwehrmann, ob er es auch sieht, «ja, da hoch oben im dritten Stockwerke» ruft er, «stehen zwei Leichen» — und während wir entsetzt und erstarrt hinblicken, bewegen sich die Beiden, ein Sparren krümmt sich, der Tragbalken baucht sich aus, ... jetzt kracht er nieder — Rauchwolken, das Bild ist verschwunden, nichts als brennende Lohe, Feuerdampf und wüstes Gewoge.

Im Tode vereint. (Brennende Leichen.)

In Mitte der Gräuel spielte sich auch manches groteske Bild ab. Gegenüber dem Ausgange von der Bühne, in der Hessgasse unterm Hausthore war es, wo sich der verzweifelte Director Jauner, umgeben von den Mitgliedern seines Theaters, aufhielt. Es mochte ungefähr halb 8 Uhr gewesen sein, als Theaterarbeiter daran schritten, aus den Wohnungen von Theaterbediensteten Möbel und Bettzeug zu retten. Aus dem zweiten, aus dem dritten Stockwerke wurden Tücher, Teppiche, Matratzen etc. herab auf das Strassenpflaster geworfen. Bilder, Uhren etc. wurden herabgereicht und Alles in das gegenüber liegende Hausthor gelegt, wo Secretär Gisrau händeringend stand und den Moment verwünschte, in dieses Haus eingezogen zu sein. Die aus ihren Garderoben geflüchteten Schauspieler, zum Theile schon im Costüme, Schauspielerinnen, halb entkleidet, mit blossen Armen, eilten jammernd und schreiend die Strasse auf und ab, grellroth von der Feuergluth beleuchtet, die den Himmel zu versengen schien. Von der Schnelligkeit, mit der sich das Feuer verbreitete, mag man sich einen Begriff machen, wenn man erfährt, dass schon eine Viertelstunde nach Ausbruch des Brandes das Dach seiner ganzen Länge nach und die Bühne bis unter die Versenkung hinab in Flammen standen. Jedes Fenster schien die Oeffnung eines glühenden Hochofens zu sein, vor dem die Feuerwehrleute wie Schmiede an der Esse hantirten.