Völkerwanderung durch die Linie.
Die Frage um die Entstehungsursache bildete das Hauptgespräch der Hunderttausende, die tagsüber das Ringtheater besichtigten. Ich benütze die Erzählung des jungen Komikers Lindau vom Ringtheater, die folgendermassen lautet:
Als das Feuer ausgebrochen war, wurden sofort die Gasflammen abgelöscht ... Die Feuermasse, welche sich von der Bühne über den Zuschauerraum ergoss, erleuchtete denselben, beleuchtete die drängenden, stossenden, stürmenden, schreienden, jammernden, entsetzten Massen, welche den Ausgängen zustürzten in wilder Flucht. Auf den Treppen herrschte Dunkel, man hatte die Oellampen, welche vorhanden waren, nicht angezündet. Auf den engen, dunklen Treppen nun tobte ein wilder Kampf — ein Kampf um’s eigene Leben, der zum Kampfe gegen das fremde Leben werden musste.
Viele Leute gelangen von der Treppe glücklich bis zum neuen Foyer; von der Strasse draussen weht durch die offenen Fenster des Balcons frische würzige Luft ... ein Hoffnungsstrahl für die fast Sterbenden, für die Halbtodten. Die Glücklichen, die zuerst das Foyer erreicht, stürzen auf den Balcon. Hier herrscht noch Sicherheit — für wie lange? Wer weiss es? Die Leute auf dem Balcon hörten das Knistern der Flammen, sie sehen, wie der Himmel sich immer mehr roth färbt, sie fühlen den heissen Dunst aus dem Innern des brennenden Theaters auf sie eindringen, immer mehr füllt sich der Balcon; wem es möglich ist, sucht sich ein Plätzchen. Es dauerte lange, bis das «einzige» Rettungstuch kam; eine peinvolle Ewigkeit. Da fasst sich Einer ein Herz, er ruft den vor dem brennenden Theater angesammelten Menschenmassen zu: «Ich springe hinunter ohne Tuch» ... Die Menge trennt sich nicht. Tausende Arme werden emporgestreckt, um den Mann aufzufangen, der den kühnen Sprung wagt ... er springt und gelangt in Sicherheit. Ihm folgten Andere rasch; fast Alle, die kühn genug waren, vom Balcon herabzuspringen, kamen in Sicherheit und trugen blos einige leichte Abschürfungen davon.
Völkerwanderung durch die Linie.
Da springt ein Mann hinunter — ein stark gebauter, untersetzter Mensch, er hat das Malheur, mit dem Opernglasriemen an dem Geländer hängen zu bleiben, aber er reisst sich los und lässt sich zu Boden fallen; zerschunden und blutend wird er von der Menge aufgenommen — er heisst Friedrich und ist in der Oelfabriks-Gesellschaft bedienstet. Im Café Mocca, wohin der Mann gebracht wird, erhält er einen Verband auf seine leichte Wunde.
Endlich kommt das ersehnte Falltuch, es nimmt viele Menschen, zumeist Weiber, auf, welche heil in Sicherheit kommen.
Aber die Anderen? Die Hunderte auf der Treppe? Wer rettet die? Sie ersticken oder werden zerdrückt, wenn es ihnen nicht gelingt, sich in’s Freie zu retten über die Nothtreppen. Das Dunkel erschwert, wie schon erwähnt, das Vorwärtskommen, die Verwirrung und der Jammer sind unbeschreiblich.
Ein junger Mann, der sich gerettet, erzählt halb sinnlos, er habe seine Cousine verloren. «Bis zum zweiten Stock habe ich mich bei ihr erhalten, in dem Gedränge wurden wir getrennt ... ich habe sie noch von Weitem liegen gesehen, sie ist gewiss todt ... ich Unglücklicher, sie wurde mir von den Eltern anvertraut .. sie ist erst seit zwei Tagen in Wien». Man sucht den trostlosen Mann zu beruhigen, vergebens, er schreit und weint und ruft den Namen Minna, Minna unzählige Male, er bestürmt alle Commissäre, natürlich fruchtlos; er läuft zur Polizei, da kann man ihm keine Auskunft geben; er besichtigt die Todten und die Verwundeten, sie ist nicht darunter; er gibt ihren Namen an, Niemand kennt ihn. «Vielleicht ist sie mit den fünf Verwundeten in’s Krankenhaus gebracht worden?» meint ein Commissär. «Nein, nein», ruft er, «sie war so weit oben, sie ist todt, todt!»
Die aufgeregte Menschenmenge, das heisst halb Wien, wollte, sei es aus Theilnahme, sei es aus sträflicher Neugierde, die Leichname der Verbrannten sehen. Alles nun drängte und belagerte das Polizeigebäude, um — nach einer affichirten Kundmachung — Einlasscertificate behufs Agnoscirung der im anatomischen Gebäude im allgemeinen Krankenhause ausgestellten Leichname der Verbrannten zu begehren. Von vielen solchen leichtfertigen Personen wurden der Polizeibehörde Namen von Leuten bekanntgegeben, die gar nicht vermisst wurden, nur um Einlass zu erlangen und so kam es, dass die Liste der Vermissten in erschreckender Weise wuchs. Das Unglück war leider ohnedies gross genug und wurde durch dieses sträfliche Vorgehen seitens des Publikums für den Moment noch grösser gemacht. Das Portal des allgemeinen Krankenhauses bot einen merkwürdigen Anblick. Um dasselbe schaarten sich tausende Einlassbegehrende, eine doppelte Reihe Infanterie-Soldaten bildete einen Kreis um das Thor und es durfte nur Jener passiren, der die behördliche Legitimation vorweisen konnte.
Am 9. December Abends spielte sich auch ein officieller Act der Pietät ab, der verzeichnet zu werden verdient. Das hohe Haus der Abgeordneten sah sich veranlasst, die Katastrophe vom Schottenring in die Discussion zu ziehen, und ich bringe diesen Sitzungsbericht als ehrendes Angedenken für die Verunglückten und für unser Parlament.
Das Portal des allgemeinen Krankenhauses.
Das Parlament soll seine Arbeiten sistiren — so beantragt die Vereinigte Linke, welche überdies eine gemeinsame Interpellation mit der Rechten vereinbart .... Das Unglück führt die Menschen zusammen.
In der am 9. December Abends abgehaltenen Sitzung des Clubs der Vereinigten Linken constatirte der Vorsitzende Dr. Herbst, dass diese Sitzung vor dem entsetzlichen Unglück einberufen worden sei, welches die Bewohner Wiens getroffen. An die Wiederaufnahme der parlamentarischen Arbeiten wollte man bei der Ergriffenheit aller Abgeordneten, die auch den Tod eines Collegen (des Abgeordneten Pengowski) zu beklagen hatten, erst dann wieder denken, wenn alle jene Unglücklichen, welche das Opfer der Katastrophe geworden sind, zur Ruhe bestattet sein werden.
Abgeordneter Friedmann beantragte die Einsetzung eines Comités zur Vorbereitung von Anträgen, durch welche ein Gesetz geschaffen werden soll, betreffend die Sicherheitsvorkehrungen für Theater und andere öffentliche Orte gegen Feuersgefahr.
Abgeordneter Schaup sagte: Dieser Gegenstand gehört in die Competenz der Landtage.
Vorsitzender Dr. Herbst meinte: Die Partei müsse bei jedem Schritte, den sie in dieser Angelegenheit thue, mit grösster Vorsicht zu Werke gehen. Sie dürfe sich nicht dem Scheine aussetzen, als wollte sie aus diesem namenlosen Unglücke politisches Capital schlagen und sie dürfte auch nichts thun, wodurch die ohnedies aufgeregte Bevölkerung noch mehr aufgeregt werden könnte.
Abgeordneter Dr. Weitlof theilt mit, dass er und die übrigen Vertreter der Stadt Wien bereits zum Entschlusse gekommen seien, in der nächsten Sitzung eine Interpellation einzubringen. Die Einsetzung eines Comités nach dem Antrage Friedmann hätte vorläufig keinen Zweck. Unter allgemeiner Zustimmung constatirte der Redner, welch’ peinlichen Eindruck es in allen Kreisen machte, dass am 9. December, unmittelbar nach der furchtbaren Katastrophe, in den Theatern gespielt wurde.
Abgeordneter Löblich meinte, es dürfte sich weniger darum handeln, neue Vorkehrungen für die Sicherheit zu treffen, als vielmehr darum, dass die bestehenden Vorkehrungen in Zukunft besser überwacht werden.
Abgeordneter Alter wünscht, dass in dieser Angelegenheit gemeinsam mit der Rechten vorgegangen werde. Der Club möge sich dahin aussprechen, dass der Vorstand mit den übrigen Clubs ein Einvernehmen pflege.
Abgeordneter Eduard Suess sagte: In dieser entsetzlichen Angelegenheit denkt Keiner von uns daran, seinen oppositionellen Standpunkt hervorzukehren, denn wir sind Alle überzeugt, dass Graf Taaffe in dem grossen Unglücke Alles nur Mögliche thun werde. Redner ist der Ansicht, dass man die Rechte auffordern soll, sich einer Interpellation der Vereinigten Linken anzuschliessen, durch welche die Regierung aufgefordert würde, legislative und administrative Massregeln zu ergreifen, um, soweit dies durch menschliche Voraussicht erreicht werden kann, die Bevölkerung Wiens und alle übrigen Bewohner des Reiches vor einem ähnlichen Vorkommnisse zu bewahren.
Abgeordneter Schaup stellt den Antrag, zwei Mitglieder des Clubs an den Obmann des Executiv-Comités der Rechten, Grafen Hohenwart, abzusenden, welche ihm die Anschauungen des Clubs mittheilen und zu einen gemeinsamen Schritt des ganzen Hauses einladen sollen.
Abgeordneter Dr. Edlbacher erklärt unter allgemeiner Zustimmung, der Club selbst müsse der Auffassung entgegentreten, als ob er irgend eine politische Demonstration beabsichtige. Hierauf wurde einstimmig beschlossen, die angeregte Interpellation gutzuheissen und den Grafen Hohenwart hievon sogleich durch die Abgeordneten Sturm und Ed. Suess in Kenntniss zu setzen. Das Executiv-Comité der Rechten, welches eben versammelt war, erklärte sich mit dem Vorgehen der Linken sofort einverstanden. Letztere setzte ein Comité, bestehend aus den Abgeordneten Suess, Sturm und Tomaszczuk, ein. Bezüglich des Antrages Friedmann wird beschlossen, erst nach erfolgter Interpellations-Beantwortung sich zu entscheiden. Die sodann im Club der Linken erschienenen Abgeordneten Hohenwart und Heinrich Clam theilten mit, dass die vom Abgeordneten Ed. Suess entworfene Interpellation mit geringen Abänderungen die Zustimmung der Rechten gefunden habe. Es wurde hierauf vereinbart, dass die Interpellation vom Abgeordneten Eduard Suess, den Vorständen der Vereinigten Linken und den Obmännern der vier Clubs der Rechten am 10. eingebracht und von sämmtlichen Mitgliedern des Hauses unterzeichnet werden soll. Die Abgeordneten erwarten, dass die Interpellation sofort beantwortet wird.