Der Gemeinderath und die Katastrophe.
Auch die Väter unserer Stadt haben in feierlicher Weise ihre Beileidskundgebung dargethan.
Unter dem Eindrucke der entsetzlichen Katastrophe des 3. Decembers versammelte sich am 9. December der Gemeinderath zu einer Sitzung, um eine der Stadtvertretung würdige Kundgebung zu erlassen. Die Mitglieder des Gemeinderathes waren lange vor Beginn der Sitzung erschienen. Es fanden früher Besprechungen der Clubobmänner statt, um bezüglich der in der Finanzsection zu stellenden Anträge über die Unterstützung der Hinterbliebenen unbemittelter Opfer der Katastrophe eine Einigung zu erzielen. Gemeinderath Dr. Mandl hatte den Antrag vorbereitet, dass von Seiten der Stadt jene Leichen, welche nicht reclamirt werden, dann die Leichentheile, bezüglich deren eine Agnoscirung unmöglich ist, in einem gemeinsamen Grabe feierlich auf Kosten der Gemeinde bestattet werden mögen. Der Antrag konnte, indem die vorhergegangene Sitzung nur der Beileids- und Trauerkundgebung gewidmet war, nicht in Verhandlung gezogen werden, aber von Seite des Bürgermeisters wurde die Durchführung des Antrages zugesagt.
Präcise fünf Uhr erschien der Bürgermeister Dr. v. Newald, begleitet von dem Vicebürgermeister Uhl und den Schriftführern Bärtl und Dr. Landsteiner.
Bürgermeister Dr. v. Newald erklärte die Sitzung für eröffnet und richtete folgende Ansprache an die Versammlung:
«Meine Herren!
Es gibt Momente, in welchen es schwer fällt, dem überwältigenden Gefühle, welches die Herzen von Tausenden durchzittert, Ausdruck zu geben. Ein solcher ist wohl der, in welchem ich zu Ihnen spreche. Erschüttert von der Katastrophe des gestrigen Tages, sind wir Alle ausser Stande, die Grösse der schmerzlichen Theilnahme in Worte zu fassen, welche uns und die gesammte Bevölkerung Wiens in diesem Augenblicke erfüllt. Zu jeder Zeit hat der Gemeinderath der Stadt Wien bei ausserordentlichen Unglücksfällen in thatkräftiger Weise eingegriffen, und glaube ich deshalb gewiss nur in Ihrem Sinne und nach Ihren Intentionen zu handeln, wenn ich die Finanzsection ersuche, die erforderlichen Anträge zur Linderung des Schmerzes und der Noth der betreffenden Familien schleunigst dem Gemeinderathe vorzulegen. (Zustimmung.)
Seine kaiserliche Hoheit Kronprinz Rudolf hat folgendes Telegramm an mich gerichtet: «Meiner Frau und mein innigstes Beileid zu der schweren Katastrophe, die gestern Wien getroffen hat».
Wir Alle sprechen hiermit Ihren kaiserlichen Hoheiten für diesen neuen Beweis des erhebenden Wohlwollens für unsere Stadt den ehrerbietigsten Dank aus».