DRITTER AKT
Abends ½9 Uhr. Jahrmarkt. Karussell im Vordergrund links. Hinter dem Karussell und seitwärts rechts die verschiedenen Buden. Im Vordergrund die Bude der Riesendame Rosa, neben dieser die Schießbude, dann die Taucherbude, die Honigkuchenbude etc. Gegenüber links in kleiner Entfernung die schrägstehende Bude der Mutter Pius, die man nur ein Viertel sehen kann. Eine gemalte Kindermumie mit zwei Köpfen ist grotesk auf der Jalousie gedruckt. Fabrikarbeiter, Fabrikarbeiterinnen, Kommis, Ladenmädchen, Dienstmädchen, Herren der Gesellschaft mit ihren Schätzen, Schuljungen, Gassenkinder, Herumtreiber, etc. Im Karussell stehen im doppelten Kreis hölzerne, groteske Tiere: Leopard neben Lamm, Reh neben Tiger, Löwe neben Pferd, Hirsch neben einer Riesengans u. s. w. In Kutschen, die auf und nieder schaukeln, sitzen laute Weibsbilder und an den Eisenstangen, die das Dach des Karussells halten, stehen Arbeiter und Schuljungen, um den Ring wetteifernd, der an einem Pfahl unweit des Karussells hängt und eine Freifahrt bedeutet. Das Karussell dreht sich noch langsam auf die schon fast abgelaufene Melodie „O Du lieber Augustin“. Die letzten Töne: „Alles ist hin, hin hin, alles ist hin ——“ Vor dem Karussell stehen Heinrich Sonntag und Lieschen Puderbach. — Sie tragen auf der Nase ein blaues Pincenez und in der Hand einen Gummiball. Heinrich ist etwas angeheitert. Um Lieschens Hals hängt ein großes Pfefferkuchenherz mit der Aufschrift: Ich liebe Dich. Man hört die beiden lachen zwischen den Klingeltönen des Karussells.
Heinrich Sonntag, sein Geschäftsfreund, die Herren mit grauen Cylindern, Dr. v. Simon, Berta, Mutter Pius, Lieschen, August, Zuhälter Wilhelm, Riesendame Rosa, Kommis, Ladenmädchen, Dienstmädchen, Pendelfrederich, Lange Anna, der gläserne Amadeus, Arbeiter, unter ihnen Färber, Weber etc., Arbeiterinnen, Weibsbilder, Jahrmarktsleute, Gassenkinder.
LIESCHEN: Ich fahr für mein Leben gern, (es klatscht in die Hände) ich setz mir auf den Leoparden und Sie auf das Lamm.
HEINRICH: Das machen wir, Puppel.
LIESCHEN: Wollt es ens doch endlich still stehen, Herr.
HEINRICH: Du brauchst doch nicht immer Herr zu mir zu sagen.
LIESCHEN: Wie soll ich Euch denn nennen?
HEINRICH: Wie De Dein Schatz nennst, Puppel.
LIESCHEN: Den nenn ich Herrn Eduard, er is mein Königsschatz.
HEINRICH: (tut erstaunt, er ahnt den Zusammenhang nicht.)
LIESCHEN: Den kennen Se nich. (Unbewußt verächtlich.)
HEINRICH: Ist er grad so schön wie ich?
LIESCHEN: Carl Pius sein Freund is er.
HEINRICH: Aber so einen langen Schnurrbart (er streicht ihn in die Höhe) hat er doch nicht?
LIESCHEN: Herr Eduard scheint immer aus sein Gesicht.
HEINRICH: (etwas besonnen, er weiß nun, von wem das Kind spricht) Ich möchte so Jemanden wohl kennen lernen.
LIESCHEN: Der kömmt doch hierhin nicht. (Das Karussell steht still, die Leute springen ab. Es steigen unter andern wüste Männer und Weibsstücke ein, welche toben und kreischen. Heinrich springt jäh mit Lieschen in einem Satz herauf. Mutter Pius steht plötzlich vor dem Karussell; Lieschen ist im Begriff, sich auf den Leoparden zu setzen und Heinrich sitzt schon auf dem Lamm.)
Mutter PIUS: (zu Lieschen) Das laß ich mich gefallen mit so en artigen Herr, mein Herzeken.
Ein Weibstück: (zu Lieschen) Laß mich ens beißen von das süße Herz.
LIESCHEN: (zu Heinrich) Nä, dat kriegt der Aujust. Er guckt sich de Augen nach aus und schämt sich, in de Leckersläden zu gehen. (Kleine Pause.) Daß es noch nich anfängt!
(Arbeiter treten ungeduldig mit den Füßen. Ein Geschäftsfreund von Heinrich im grauen Zylinder tritt mit je einem Schatz am Arm ans Karussell.)
Der Geschäftsfreund: (zu Heinrich) Nun, Sie alter Sünder! (Das Karussell bewegt sich.)
HEINRICH: Steigen Sie noch rauf! (Sie springen herauf.)
Gassenkind: Nehmen Se mir doch auch mit, Herr! (Die Musik spielt wieder: „O, Du lieber Augustin etc.“.)
Mutter PIUS: (zynisch zu Allen) Wünsch euch ne angenehme Hochzeitsreis! (Sie kehrt schleunigst an ihre Bude zurück. Es kommen die Herren mit den grauen Zylindern, [Bekannte von Heinrich] mit einer Anzahl Schätze und springen im beginnenden Tempo aufs Karussell. Arbeiter drängen die Weiber rücksichtslos ins Innere hinein, da sie auch den Ring greifen wollen. Das Karussell dreht sich wie ein Wirbelwind. Dr. v. Simon und Berta kommen aus der Bude der Riesendame — sie gehen beide auf das Karussell zu.)
BERTA: Ist das nicht der Heinrich?
Dr. v. SIMON: Wo?
BERTA: Warten Sie, gleich können Sie ihn wieder sehen.
Dr. v. SIMON: (ein wenig erschrocken.)
BERTA: Wenns nun Herr Eduard erfährt? .....
Dr. v. SIMON: Der Narr ist wohl auch schon Dein Beichtvater?
BERTA: Und unsere Frau?
Dr. v. SIMON: (blickt durch seine kleine, goldene Lorgnette — beruhigt) Er kann nicht mehr gerade sitzen.
BERTA: Mich kanns ja gleich sein, ich will doch nicht mehr lange für andere Leute arbeiten.
Dr. v. SIMON: (ergreift aufatmend die Gelegenheit) Du mußt mir Dein Herzchen ausschütten, liebes Kätzchen. (Er will mit ihr umkehren.)
BERTA: Der bleibt ja nicht lange hier, er reitet ja jetzt immer schon um 6 Uhr früh spazieren. (Sie gehen in die Taucherbude, das Karussell bewegt sich etwas langsamer. Man hört im Vorbeifahren Heinrichs Stimme.)
HEINRICH: Noch einmal, Puppel?
LIESCHEN: Sicher, lieber Herr!
Ein Weibsbild: (aus der Rutsche) Kommt ens bei mich rein!
LIESCHEN: Stell Dir doch an de Stange, dann kriegst De den Ring. (Einige Gassenkinder schreien.)
Gassenkinder: Der Schimpanse ist ausgekniffen, de große Chimpanse is ausgekniffen! (Es entsteht eine Panik, zu einem Knäuel strömen die Menschen zusammen, fast alle Fahrenden springen vom Karussell herunter, Lieschen will das Gleiche tun.)
Gassenkind: Der große Chimpanz mit dem kleinen Schwanz is ausgekniffen, ausgekniffen!!!!
LIESCHEN: Hörn Se denn nich, der wilde Affe is ausgekniffen, der beißt, ich hab Angst vor das Tier. De Lehrer sagt, an Kinder machen sich de großen Tiere am ersten ran. (Der Taucher läuft aus der Bude, gestikuliert mit dem Eisenkopf und den Eisenfäusten, was furchtbar komisch aussieht.)
HEINRICH: (hält Lieschen fest).
Mutter PIUS: (kommt ans Karussell) Bleibt man sitzen, das is ja nur eine geriebene Reklame von de Zirkusleute.
LIESCHEN: Is es auch sicher nich wahr, liebe Mutter Pius?
HEINRICH: (nickt) Nein. Haben Sie das Pulleken kaltgestellt, Mutter Pius?
Mutter PIUS: (zynisch und wehmütig) Un mich dabei. (Die vorzeitig Abgestiegenen nähern sich wieder dem Karussell, zwei Weibsbilder schlendern Arm in Arm herbei.)
Weibsbild: (zu Heinrich) Nehm mich doch, Du zerbrichst ja Dein Riesengespielzeug.
Ein anderes Weibsbild: Er is doch de Puppenhangri!
(Die Herren im Zylinder lachen ermuntert auf.)
HEINRICH: (zu Lieschen) Was sie nich alles vom lieben Heinrich wollen, was Liescken? (Einer der beiden Schätze des Geschäftsfreundes sagt zu ihrem Begleiter.)
Die erste: Zu de Riesendame wollen wir ens rin (zu ihrer Mitliebsten) Kuck, Minna, die hat en Bart wie en Kerl. (Das Karussell bewegt sich wieder, ohne zu spielen; in ihm sitzen nur noch vereinzelt Kinder zwischen Heinrich und Lieschen.)
HEINRICH: (unsicher, da er angeheitert ist) Lieschen, spielt es denn nicht?
LIESCHEN: Es ist schon spät in die Nacht, Mutter Pius sagt, die Polizisten kämen sonst.
HEINRICH: Dann wollen wir auch machen, daß wir runterkommen. (Er läßt die Kleine vom Leoparden auf seinen Rücken steigen, springt mit ihr vom Karussell, juchheit, läßt Lieschen zur Erde fallen, hebt es wieder in die Höhe, läßt es wieder fallen, hebt es wieder in die Höhe, läßt es wieder fallen, fängt es auf, mit ihm springend durch die Menge, Mutter Pius kommt ihnen bis zur Taucherbude entgegen. Die Herren mit den grauen Zylindern sind vorangegangen mit den Schätzen und bleiben an der Schießbude stehen und schießen.)
Mutter PIUS: (etwas neidisch zu Heinrich und Lieschen) Wie die Blagen. (Es kommen eine Menge neue Arbeiter.)
LIESCHEN: Ich hab Angst, der Vater kömmt und holt mir.
HEINRICH: Ich versteck Dich in meinen Mantel, Puppel.
LIESCHEN: Meinen Taler nimmt er mich ab für die Sparkass.
HEINRICH: Dann schenk ich Dir einen goldenen Puppel.
LIESCHEN: So reich sin Se? (Mutter Pius, Heinrich, Lieschen gehen weiter.)
Eine Frau: (erstaunt fragend) Das Kleine von Puderbachs! ... (Sie sperrt grinsend den Mund auf.)
Mutter PIUS: Nu, un was alles! Das Kleine helft mich hier. (Sie biegen nach links ein.)
(Dr. v. Simon und Berta treten aus der Taucherbude.)
v. SIMON: Du mußt nicht immer so laut meinen Namen nennen, Kätzchen, das ist nicht fair.
BERTA: (beleidigt) O, ich weiß mir doch zu benehmen. (Sie ahmt die Bewegung Martas nach.) Du willst mir wohl los sein, Bruno?
v. SIMON: Bewahre. (gereizt): Aber es wäre Deine Pflicht gewesen, mich auf den Betrieb hier aufmerksam zu machen. Bedenke die Konsequenzen, falls mich einer meiner Arbeiter hier überrascht.
BERTA: Unser Heinrich geht doch auch immer auf die Messe.
v. SIMON: All right! Die Arbeiter wissen auch, was sie von ihm zu halten haben.
BERTA: (mürrisch) Dann hätten wir ja überhaupt bei Dir bleiben können.
v. SIMON: Das können wir ja noch nachholen. (Er kitzelt sie heimlich in die Taille.)
BERTA: (schüttelt den Kopf. Dr. v. Simon schiebt sie langsam vorwärts am Karussell vorbei zum vorderen Ausgang.)
v. SIMON: Wann feiern wir Hochzeit, Kätzchen?
BERTA: (versöhnt) Ich dachte nach Weihnachten; so lang bleib ich auch noch. Die Frau hat mir durchs Fräulein fragen lassen, was ich mir wünsche.
v. SIMON: Lass Dir mal weiche Kopfkissen schenken (sagt ihr noch etwas ins Ohr) mit einem rosa Himmelchen darüber ....
BERTA: (verschämt geziert).
v. SIMON: Also vorher wird nichts?
BERTA: Ich bin doch ein anständiges Mädchen (geziert), ich dürfte nicht mehr nach Hause kommen.
v. SIMON: Auch nicht mir zu Liebe? (Er kitzelt sie wieder in die Seite. Sie biegen beide ein, man sieht sie nicht mehr. Färber, deren Hände durch ihren Beruf bunt angelaufen sind, — August Puderbach ist unter ihnen, und Weber in gestreiften Kitteln und andere Arbeiter in blauen Blusen kommen über den Jahrmarkt. Mutter Pius tritt wieder in den Vordergrund.)
AUGUST: (Zu Mutter Pius) Wo ist es?
Mutter PIUS: Liesken oder meine Rarität?
AUGUST: Es!
Mutter PIUS: Guck ens selber.
AUGUST: Deine Bude ist ja schon zugeschlossen.
Mutter PIUS: Meinst De, ich laß se bis zum frühen Morgen offen stehen?
AUGUST: (Springt auf’s Karussell, er dreht selbst die Orgel, die noch die letzten Töne des Liedes O Du lieber Augustin dumpf abgibt. Er setzt sich dann auf den Hirsch und lutscht an einer langen Stange Süßholz; Herr v. Simon kehrt alleine nach Heinrich spionierend zurück, ein Weibsbild tritt zu ihm heran.)
Weibsbild: Lassen Se mir ens schießen, ich möcht en Taschenmesser gewinnen.
WILLEM: Das sag ich Dich, läßt de Dir mit dem ein, hau ich Dich de Backzähn aus!
v. SIMON: (ihn wiederkennend, ängstlich) Nicht gleich so heftig, ich werd sie Dir nicht fortschnappen.
WILLEM: Du dünnet Geripp, durch wen bin ich so heruntergekommen, wenn nicht durch Dir (droht.)
v. SIMON: (zitternd) Sind Sie nicht der Willem?
WILLEM: So heiß ich.
v. SIMON: Warum hat Sie denn eigentlich der Chef gehen lassen?
(fixiert ihn durch die Lorgnette.)
WILLEM: Tu man das Glas von de Nas runter, de Hauptsach is, daß ich Dir wieder kenn, miserabel Verführer!
v. SIMON: (zitternd und devot) Kalt Blut, Willem.
WILLEM: (Zu den Zuhörenden) Ich hab auch zu meiner Schwester gesagt, wenn ich den ens zwischen de Finger krieg!
August PUDERBACH: (springt komisch vom Karussell) Ich wollt meine Stange Süßholz ens zu End lutschen.
(Zu v. Simon idiotisch tückisch.) Seine Schwester haben Sie aufs Gewissen; nu kann sie lange warten, bis ich sie nehm, Sie fiser Seidenwurm.
WILLEM: Meine Schwester Laura auf Dir warten? Auf son Pitter? (Er spuckt ihn an.)
v. SIMON: (will sich aus dem Staub machen, aber die Herren im Zylinder halten ihn auf mit Fragen.)
AUGUST: Ich heirat überhaupt nich und die abgeknutschte Laura verdek nich.
WILLEM: (Haut August eine Backfeife herunter; die Herren im Zylinder kommen in den Vordergrund und und ziehen v. Simon mit sich.)
v. SIMON: (zu den Herren) Es wird die höchste Zeit sich zu entfernen. Shoking! Shoking!
Einer der Herren mit dem grauen Zylinder:
Sie verstehen nicht mit den Leuten zu scherzen.
v. SIMON: (verächtlich sich mit den Fingerspitzen affektiert abstäubend) Allerdings!
DER GESCHÄFTSFREUND: Hat man Ihnen das nette Dingelchen stiebitzt?
EIN ZWEITER VON DEN HERREN MIT DEM GRAUEN ZYLINDER: (auf Heinrich zeigend) Der Chef versteht es besser mit den Leuten. (Heinrich taumelt stark betrunken an der Hand Lieschens, das selbst sehr angeheitert ist, fiebernde Backen und Augen hat, in den Vordergrund.)
HEINRICH: (zu Lieschen) Kannst mich leiden, Puppel?
LIESCHEN: (nickt, schüttelt die Haare wild und wirr durcheinander.)
v. SIMON: Shoking!
Die Herren: (freundschaftlich) Wir wollen ihn nach Hause bringen.
HEINRICH: Nach Haus? Zylinder ab!! Lieschen, hörst Du, nach Haus wollen sie mich transportieren.
Mutter PIUS: (leise und vertraulich Heinrich ins Ohr) Mach man daß de wegkommst, de kleine dünne Zahnstocher (weist auf v. Simon hin) gefällt mich immer schon nich.
HEINRICH: Wann wirst De eingesegnet, Liesken?
LIESCHEN: (weinselig) Brüst hab ich wie junge Salatköppe.
DIE HERREN MIT DEN GRAUEN ZYLINDERN: (drängen ernst) Sonntag, kommen Sie jetzt!
v. SIMON: Shoking! ...
HEINRICH: Was sagen Sie?
v. SIMON: (zieht ihn unsanft am Arm und spricht befehlerisch) Sie folgen mir ohne Zaudern!
HEINRICH: (in festem Ton, als ob er nüchtern wäre, plötzlich)
Wer ist der Herr, ich oder Sie?
DER GESCHÄFTSFREUND VON HEINRICH: (zu v. Simon) Reizen Sie ihn jetzt nicht.
v. SIMON: (dreist, sich von den Herren gedeckt glaubend) In diesem Falle bin ich der Herr.
HEINRICH: (jähzornig taumelnd) Soldaten, Kameraden, wer is der Herr Leutnant, er oder ich?
(Scharen von Arbeitern sammeln sich plötzlich um Heinrich, v. Simon ahnt eine Katastrophe, am Körper zitternd sucht er kleinlaut Sicherheit hinter dem großen breitschultrigen Geschäftsfreund von Heinrich und den anderen Herren.)
Ein Arbeiter: Ein guter Leutnant war er.
EIN ZWEITER: Gezecht hat er mit uns auf Kaiser sein Geburtstag wie’n gemeiner Soldat mit den andern.
EIN DRITTER ARBEITER: Wir wollen ihn hoch leben lassen.
DIE GANZE SCHAR: Unser lieber Leutnant er lebe hoch! Hurra! Hurra! Hurra!
WILLEM: (Herrn v. Simon drohend) Kerl!
(v. Simon wagt nicht den Schauplatz zu verlassen, sich überhaupt zu bewegen.)
HEINRICH: (brüllt) Angetreten! (Die Arbeiter und und Herumtreiber sammeln sich in Kolonnen wie im Manöver. Die Weiber gucken neugierig zu. August stellt sich an die Spitze des links aufgestellten Bataillons, er hat sich einen Helm aus einer Zeitung angefertigt und setzt ihn auf den Kopf. Er empfängt seiner Ungeschicklichkeit wegen Püffe und Stöße.)
HEINRICH: (Besichtigt taumelnd sein Regiment, schickt den einen zurück, den andern setzt er an den Anfang der Reihe etc. Ab und zu Flüche ausstoßend. Brüllt) Gerade gestanden! Schockschwerenot!
WILLEM: De Landhasen müssen zuerst auf den Feind losstürmen. (August macht eine Schießbewegung, den zitternden v. Simon suchend.)
LIESCHEN: (frech) Da is er ja!
HEINRICH: Un de Maikäfer halten sich im Hinterhalt.
WILLEM: Un de Musik machen de Bindfadenjungen, daß de Hengste nur so galoppieren. (Alle lachen furchtbar und die einexerzierten Arbeiter freuen sich mit Heinrich wie große ungeschlachte Jungen, die Soldaten spielen.)
WILLEM: Nu man los, Herr Leutnant, ich bin Euer Unteroffizier.
HEINRICH: (brüllt) Ganzes Regiment linksum, vorwärts marsch! (Lieschen läuft neben Heinrich her mit den Händen trommelnd und mit den Lippen den Rhythmus markierend. Die Arbeiter exerzieren einige Schritte vom Vordergrund dem Platz zu; plötzlich v. Simon bemerkend, wollen sie sich wie wütende Hunde auf ihn stürzen.)
HEINRICH: Stillgestanden!!! den Feind hau ich allein kurz und klein.
WILLEM: (Schleift ihn herbei, seine Hände mit der Lorgnettenkette fesselnd, wie vor seinen Feldherrn. v. Simon stöhnt vor Angst. Die Herren mit den grauen Zylindern kommen ihm nicht zur Hilfe, sie amüsieren sich, neugierig den Vorgang betrachtend.) Lassen Se sich nicht totschlagen mit seinen Sabel, Herr Leutnant. (Er zeigt tobend vor Lachen v. Simons dünnes Spazierstöckchen.)
AUGUST: Nu kann es losgehen, Kinder. (Willem löst die Kette von v. Simons Händen.)
DER GESCHÄFTSFREUND: (drängt sich durch die erregte Arbeitermenge zu Heinrich, der hört aber in seiner Betrunkenheit des Freundes leises Zusprechen nicht; Heinrich hebt ein Kalkstückchen vom Boden auf und zieht einen großen Kreis unterhalb seines Herzens.)
HEINRICH: So Jüngsken, das Terrain darfst De nich überschreiten, sonst bin ich belämmert (alles lacht stürmisch, nur Lieschen umklammert Mutter Pius ängstlich.)
LIESCHEN: (Sinnlich erweckt) Der macht den Heinrich tot. (v. Simon verblüfft; Heinrich wankt auf seine Freunde zu. v. Simon will die Flucht ergreifen, aber die Arbeiter packen ihn.)
Die Riesendame: (guckt aus ihrer Bude) Kommen Se bei mich, Herrchen! (v. Simon befreit sich einen Augenblick, die Arbeiter hinter ihm her. August springt wie ein Kater auf seinen Rücken. Aber es gelingt v. Simon, ihn abzuwerfen und sie rasen hintereinander über den Platz dem Ausgang zu.)
HEINRICH: Steckt ihn in den Aussichtsturm, meinetwegen! (Die Herren nehmen den völlig erschöpften Heinrich in die Mitte, um mit ihm fort zu gehen.)
HEINRICH: (zu Lieschen und zu Mutter Pius) Schlaf süß, Marze, gute Nacht, Mama Charlottchen.
Der Geschäftsfreund: Das müßt sie hören. (Die Menge verläuft sich, die Buden werden geschlossen, die alte Pius rennt in ihre Bude. Lieschen steht ganz allein im Vordergrund, setzt sich noch einmal auf den Leoparden im Karussell, streichelt ihn und springt dann ab.)
Die Riesendame: (Steckt den Kopf durchs Fenster.) Wie heißt Dein charmanter Kavalier?
LIESCHEN: Das geht Euch niks an. (Heinrich, in der Mitte der Herren, sieht man noch hinter dem Platz des Jahrmarktes auf einer Anhöhe heimwärts ziehen. Die drei Herumtreiber kommen langsam am Karussell vorbeigewandelt über den Jahrmarkt gehend.)
PENDELFREDERECH: Wir wollen den Garten nu reinigen von de Sünde (murmelt böse).
Lange ANNA: (Macht die Bewegung des Kehrens. Er trägt eine lange rauschende Papierschürze und eine Frauennachthaube aus Papier mit flatternden Bändern auf dem Kopf und eine dicke Warzennase.)
AMADEUS: (Auf Heinrich zeigend.) Da wandelt mein Todeskandidat.
Mutter PIUS: (kommt von ihrer Bude zurück, in der einen Hand einen Korb, in der andern die Kindermumie, ihr zweiter Kopf angefertigt aus Lumpen, baumelt am Rumpf herunter.)
Mutter PIUS: (zu Lieschen) Ich will mir hängen lassen, wenn es nicht Dein Krakehler von Vater gewesen war. (Lieschen läßt vor Müdigkeit den Kopf hängen; schauert auf, als Mutter Pius ihm die kleine Mumie reicht.)
Mutter PIUS: (zynisch) Halt ens Dein Zwilling fest; (Mutter Pius befestigt den Kopf wieder an dem Rumpf. Die Riesendame grinst aus dem Fenster.)
Mutter PIUS: Nu komm man rasch, sonst pumpt mir die Rosa (Auf die Riesendame weisend) wieder an, und de Mutter Pius kann nicht „Nä“ sagen.
(Sie wollen beide eilig über den Platz gehen, als Lieschen stehen bleibt, jäh Mutter Pius’ Schoß umfassend.)
LIESCHEN: Ich dank Dir auch vielmals für alles, liebe Mutter Pius. (Sie eilen weiter, die Riesendame läßt die grün und gelb gestreifte Jalousie ihrer Bude herunter, die fällt gleichzeitig wie der erste Vorhang über die ganze Bühne.)
VIERTER AKT
(Im Arbeiterviertel wie im ersten Aufzug.)
Schornsteine dampfen und pfeifen in der Ferne jenseits der Wupper. Die Wupper ist bewegt und dunkelrot verfärbt. Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen sind auf dem Wege zur Fabrik. Jungen ziehen Milchkarren und Kinder laufen in die Bäckereien, Frühstück auszutragen. Über die Brücke geht dem Häuschen von Pius zu, Eduard.
Eduard, Carl, Lieschen, August Puderbach, Mutter Pius, Frau Amanda Pius, Großvater Wallbrecker, Gretchen Stomms.
EDUARD: (erblickt Lieschen, das zur Bäckerei gehen will) Lieschen!
LIESCHEN: (es läuft entzückt zu ihm) Herr Eduard! Herr Eduard!
EDUARD: Wohin gehst Du denn so früh?
LIESCHEN: (ist noch immer zu freudig, um zu sprechen, es hält Eduards Hand fest und springt beständig in die Höhe.)
EDUARD: Freust Du Dich denn so, mein Kind?
LIESCHEN: Sicher!
EDUARD: Sieh mal — (er schwingt eine Rolle hoch in der Luft.) Komm, wir setzen uns hier auf die Bank. (Sie setzen sich vor Pius’ Haus auf die Bank. Eduard öffnet die Rolle.)
LIESCHEN: Is aus England, nich?
EDUARD: (nickt).
LIESCHEN: (bewundernd) Wie is das schön gemalen!
EDUARD: Welche von den Puppenmüttern gefällt Dir am besten, Lieschen?
LIESCHEN: (freudig) De mittelste, die hat so große Augen, wie Sie habn.
EDUARD: (streichelt ihr Haar) Das Bild mußt Du Dir an die Wand hängen, mein Kind.
LIESCHEN: Über unser Bett kommt es zu hängen, un der alte Herr Jesus fliegt auf’n Oller mit seine rotgeheulte Augen.
EDUARD: Aber Lieschen .........
LIESCHEN: Er guckt wie der Vater, wenn er von de sündige Welt predigt.
EDUARD: Es kann auch nur ein frommer Maler unsern Heiland so schön malen, wie er gewesen ist.
LIESCHEN: (etwas dreist) Meine Mutter sagt, Sie möchten uns en goldenen Rahmen bei das Bild kaufen.
EDUARD: Hat das Deine Mutter gesagt?
LIESCHEN: (ihre Dreistigkeit fühlend, kleinlaut) Molz!
EDUARD: (spricht zärtlich, gütig) Aber daß Du gestern nicht das kleine Christkind besucht hast, Lieschen, darüber bin ich sehr traurig.
LIESCHEN: (erschrocken) Das dürfen Se nich sein; lieber bleib ich mein Lebenlang in de Kirche auf de Stein liegen, dreihundertundfünfundsechzig Tage (besinnt sich) un all die Stunden und die Minuten.
EDUARD: (gerührt) Unsere liebe Mutter hat Dich auch besonders gern, Lieschen.
LIESCHEN: Ich bin doch ens so schäbig angezogen.
(Sieht auf ihr Kleid herunter, Arbeiter grüßen Eduard ehrerbietig.)
EDUARD: Darauf sieht unsere liebe Mutter nicht; sie sagte mir, Du habest ein himmelblaues Herzchen, Lieschen, und sie möchte so gern, daß es nicht fleckig würde.
LIESCHEN: En himmelblaues Herzken ... habn Sie einmal so eins gesehn? (Kinder rufen Lieschen an.)
Erstes Kind: Lieschen!
Zweites Kind: Lieschen! (Sie laufen wieder fort.)
EDUARD: Nur einmal bei einem kleinen Engelchen, das trug es ganz vorsichtig in einem seidenen Tüchelchen in den Händen.
LIESCHEN: Aber denn konnt es doch nich mehr klopfen?
EDUARD: Gewiß, es pochte ganz, ganz leise, lauter Perlen.
LIESCHEN: Sicher?
EDUARD: Und das Engelchen konnt es immer sehn, und so mußt Du auch Dein Herzchen wohl behüten, verstehst Du mich, Lieschen?
LIESCHEN: (verzückt und erstaunt) Ja .....
Kinder: Lieschen, es is half sieben, wir sagen es wieder!! (Lieschen rafft sich auf.)
LIESCHEN: Ich muß nu laufen, Herr Eduard. (Gretchen Stomms kommt herbei, nähert sich etwas dreist den Beiden und sagt Lieschen etwas ins Ohr.)
LIESCHEN: Das is doch der nich. (Wird schüchtern, will fortlaufen mit Gretchen Stomms.)
EDUARD: Eine Hand darfst Du mir doch noch geben!
LIESCHEN: Mir haut der Vater, wenn ich trödel’.
GRETCHEN STOMMS: (altklug) Es kriegt heute seine Löhnung.
EDUARD: (nickt; Wichtigkeit markierend. Lieschen verläßt ihn befangen. Die beiden Kinder laufen, die Arme gegenseitig über Kreuz im Rücken, fort.)
Gr. WALLBRECKER: (er trägt altmodisch grüngestickte Pantoffeln und die neue Pfeife in der einen Ecke im Mund. Arbeiter kommen wieder an Eduard vorbei.)
Einer der Arbeiter: (brutal auf Eduard zeigend) Der muß auch bald ins Gras beißen.
Großvater: (erblickt ihn) Guck einer an, der junge Herr so früh. (Nicht Antwort abwartend nach dem Dachfenster sich aufstreckend) Carl, steh auf, Faulenzer, dicker Plumpsack, steh auf! Amanda!
EDUARD: (will ihn beruhigen) Lassen Sie sie noch friedlich schlummern, Großvater.
Großvater: Tum Tingelingeling! ..... (Er drängt Eduard, sich wieder auf die Bank niederzusetzen.)
EDUARD: Was meinen Sie, Großvater, wenn ich mir auch ein Pfeifchen anzünde?
Großvater: (streicht ein Schwefelhölzchen an der Wand des Häuschens an.) Schlecht sehn Se mal wieder aus, un es fehlt doch nicks bei Sie; wo der Teufel einmal drinsitzt! ... Was sag ich, der Teufel? Wallbrecker bist Du doch en dämlich Roß, aber was muß das für en Satans in Sie sein?
EDUARD: (schelmisch) Wer den wohl erlegen könnte, Großvater?
Großvater: En Heiligen sind Sie, der heilige Laurentius sind Se, un Kaffee müssen Se bei uns trinken, sonst beleidigen Se meine Tochter Amanda. (Er zeigt auf Amanda, die mit einem Tisch aus dem Häuschen kommt, ihn vor die Bank zu stellen.)
Frau AMANDA PIUS: Son’ne Ehre, geehrter Herr Eduard! (Stellt den Tisch vor die Bank und reicht ihm die Hand. Zu Wallbrecker): Wo is de Carl?
Großvater: Er schläft noch. Ruf Du ihm.
Frau AMANDA: (geht ins Häuschen.)
Großvater: Er will nu Pastor werden, nehmen Sie’s ihn nich übel, lieber Herr Eduard. (Amanda kehrt mit Kaffeekanne, Tassen, Butterbrot etc. zurück. Es wird immer heller. Arbeiter und Arbeiterinnen, unter ihnen Färber mit grün-, rot-, oder gelb-glänzenden Händen und bleichen Gesichtern ziehen vorbei.)
Großvater: (zu einigen Arbeitern) Guten Tag zusammen!
Arbeiter: Auch schon aufgestanden?
AMANDA: Wenn uns der junge Herr (Carl unterbricht sie.)
CARL: Ich bin gleich unten.
AMANDA: Wenn uns der junge Herr die Ehre schenken will un en Köppchen Kaffee mit uns trinken will?
EDUARD: (gütig) Ich bin ordentlich durstig, liebe Frau Wirtin.
AMANDA: Es fiel mich ja im Traum nich ein, daß de junge Herr heut kommen könnt, ich hätt sonst en Lot mehr gemahlen.
CARL: (man hört ihn oben sprechen) Meinen Kragenknopf kann ich nich finden.
Mutter PIUS: (guckt aus dem Dachfensterchen) Was seh ich — (Sie tritt wieder vom Fenster zurück) Nu halt man still, ich kann Dir doch nich mehr auf en Arm nehmen un Dir antrekken.
(Alle lachen unten.)
Großvater: Mich is so dämlich im Kopf.
AMANDA: Du bist auch schon alt, Vatter. (Mutter Pius kommt.)
Mutter PIUS: (zu Eduard) Bleiben Se man sitzen, tun Se als wenn Se zu Hause wären.
EDUARD: (hustet.)
Großvater: Da meld er sich.
EDUARD: (hustet stärker) Der alte Satansdrachen, was Großvater?
Mutter PIUS: De alten Doktors kurieren an Sie herum, die Mutter Pius aber wird Herr Eduard auf de Beine bringen, jeden Morgen und Abend en Köppken von de junge Weizensaat müssen Sie trinken. Ich will es Ihren Personal sagen.
EDUARD: (gütig) Das mag wohl zuträglich sein, Mutter Pius.
Großvater: Un jetzt man, wo wir Vollmond haben, soll es am tauglichsten sein.
Mutter PIUS: (herrisch und verächtlich) Misch Dir nich in mein Praxis, Großvatter Wallbrecker.
EDUARD: (besänftigend) Das nehmen alle Mediziner übel, Großvater wir sind doch mal nur Laien.
Großvater: (könnte aufplatzen vor Lachen) Tum Tingelingeling, tum tingelingeling.
CARL: (frisch, markig, primanerhaft, pathetisch) Ich grüße Dich, Gottesmann, der Du fürlieb nimmst mit unserer Speise und Trank.
EDUARD: (leuchtend schelmisch) Friede sei Deinem Haus, mein Bruder.
Großvater: (spricht auf Amanda unverständlich ein, Mutter Pius versorgt sich mit Kaffee, streicht Carl Butterbröte.)
EDUARD: (legt Amanda ein Kuvert auf ihren Schoß) Von meiner Mutter.
Großvater: (neugierig) Laß ens gucken!
AMANDA: (sie stößt ihren Vater mit dem Ellbogen unsanft zurück) Nä, Ihre Frau Mutter is engelgut. (Eine dicke Träne fließt über ihre Backe.)
Großvater: (nickt dazu fortwährend Amandas Worte bestätigend.)
Tum Tingelingeling, tum tingelingeling, tum, tum, tum, tum! (Carl und Eduard unterhalten sich leise. Aus der Seitengasse, dem Zimmer im obersten Stock, das Puderbachs bewohnen, dringt Lärm. Ein Haufen Kinder sammelt sich lauschend vor dem Haus an.)
Mutter PIUS: (spricht lauter) Vielleicht trinkt Herr Eduard auch noch ein Köppken? (Der Lärm läßt nach.)
EDUARD: (nickt Frau Amanda zu) Er ist außergewöhnlich gut gebraut, ich möchte das Rezept unserer Auguste sagen.
Mutter PIUS: (katzenfreundlich zu Amanda) Er schmeckt aber auch gut heut, Amanda.
AMANDA: Vatter, hol noch wacker was Zucker aus die Blas’, (er steht langsam auf) nu eil Dir man ein bischen.
(Lärm dringt wieder stärker aus der Seitengasse, man hört weinen und es ist, als ob Porzellan zerbricht. Arbeiter und Arbeiterinnen gesellen sich neugierig zu den Kindern vor der Gasse.)
AMANDA: Geh doch ens rüber, Carl, Du verstehst Dir doch mit dem Scheinheiligen. Bist Dich doch eine Otoridät.
CARL: (hart) Laß mich zufrieden.
EDUARD: (verlegen.)
AMANDA: Wat redest De rauh! (Der Lärm läßt nach. Großvater Wallbrecker kommt zurück, in seinem roten Taschentuch den Zucker wie in einem Beutelchen tragend.)
AMANDA: Bist De toll, Vatter? (Carl und Eduard lachen.)
Mutter PIUS: Ich sag gar niks mehr.
Großvater: Wat soll ich denn? Ich schlabbere ja mit de Löffels (zu Amanda) ich schütt ihn doch so in ’em Reisbrei.
CARL: (sich belustigend) Ich bin Zeuge! Großvatter kallt de pure Wahrheit.
AMANDA: Glauben Se’s nich, Herr Eduard, (auf Großvater zeigend) er träumt immer.
Mutter PIUS: (großmütig heuchlerisch) Wat sagst De, Wallbrecker, ich nehm mich doch en Löffel dovon in mein Köppken?
(Eduard klopft Mutter Pius auf die Schulter.)
Großvater: Ich hab mir seit von Tag nicht drin geschnäutzt. (Alle lachen wieder herzlich. Aber furchtbar dringt der Lärm aus dem Hause der Seitengasse.)
AMANDA: Entweder geh Du oder ich. (Bittend.)
CARL: (Unerbittlich) Wenn er sie ens tüchtig verwichsen tät.
Großvater: Du willst en Pastor werden, Carl —— ich hab gleich gesagt, Gesellen mußt De habn.
(Der Großvater erhebt sich.)
Mutter PIUS: Wegen dat schlumprige Weib drüben lassen wir uns beim Kaffee stören.
(Der Großvater ist im Begriff herüber zu gehen.)
EDUARD: Bleiben Se sitzen, Großvater, der Carl wird Ruhe schaffen. (Der Großvater läßt sich aber nicht aufhalten.)
Mutter PIUS: (neidisch auf Großvater weisend) Das tut er mich zum Ärger.
AMANDA: Nu lauf man rasch den Großvater nach, Carl!
CARL: (ärgerlich) Steh Du doch Deiner Freundin bei! (Carl hält Eduard zurück, der sich schlicht erheben will.)
CARL: Er kommt ja gleich wieder heil zurück. (Der Großvater naht Salve Cäsar!) Statt den Lorbeer das Käppken auf den Kopf und Lieskens Present in de Schnute. (Alle lachen, auch hört man keinen Lärm mehr.)
Großvater: Ich hab all wieder gestillt, Kinderkes. Bleiben Se man sitzen, Herr Eduard. (Er bemerkt gar nicht, daß Eduard auf seinem Stuhl sitzt.)
AMANDA: (geschwätzig) Was bloß aus dem Liesken werden soll? —
EDUARD: Lassen Sie mich erst über den Berg sein.
Mutter PIUS: (listig) Da lassen Se man de Finger von.
CARL: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme.
Mutter PIUS: (cynisch, halb zu sich zum eignen Amüsement) Herr Eduard ist doch kein Feinschmecker!
EDUARD: Meine Schwester soll sich des Kindes annehmen.
AMANDA: (devot) Ihr Fräulein Prinzessin Schwester?
EDUARD: (nickt stolz) Ist sie nicht eine Prinzessin, Carl?
CARL: (errötet, ist benommen.)
Mutter PIUS: Dem Weib bin ich zu gut, ganz genau de Mama aus dem Gesicht geschnitten.
Großvater: (bestätigend) Tum Tingelingeling, Tum Tingelingeling, tum, tum, tum.
(Wieder gehen Männer vorbei. Es sind die Helfershelfer, die Lange Anna zu Hilfe kamen am ersten Abend.)
Großvater: Nehmt man de Bein auf en Nacken.
Der Herumtreiber: (höhnisch) Na, wie schmeckt es euch denn?
Großvater: Carl, hast De das gehört?
Mutter PIUS: (zu Carl ängstlich, er könnte sie hauen) Ärgre Dir man nich darüber, Carl, das sind die nich wert.
CARL: (benommen) Ich hab gar niks gehört.
Großvater: Daß se mich nich en gemütlichen Abend gönnen, Herr Eduard. Fünfundzwanzig Jahr hab ich mit dem Liesken sein Großvater am Webstuhl gesessen, (weinerlich) und doch war das Leichentuch zu klein für uns beide.
CARL: Mutter gieb mir meine Kappe!
EDUARD: (gütig, schelmisch zum Großvater) Wir werden noch oft zusammen ein Piepken schmöken, Großvatter. (Alle lachen, nur der Großvater nickt ernsthaft.)
Großvater: Jetzt leb ich von de Gnade meiner Tochter un die (er zeigt auf Mutter Pius.)
Mutter PIUS: Ich bin doch gewiß nobel für Dich!
AMANDA: Daß er das viele Tabakschmöken nicht lassen kann.
CARL: Für de Arbeit sind de Frauleut da! (Frau Amanda greift Carls Kappe durchs Fenster und setzt sie ihm auf.)
Mutter PIUS: (lacht) Du frecher Bullenbeißer!
Großvater: (zu Carl) Du bist noch jung, ich aber bin en altes, kränklich Roß. (Er hüstelt und spricht für sich.) Hab das Wiehern eigentlich schon vergessen. (Er will aufstehen und ausspeien.)
AMANDA: (zum Großvater) Versteck Dir rasch, siehst Die nich? (Der Großvater beugt sich schnell hinter den Strauch neben dem Haus.)
(Der Kaplan kommt vom Spaziergang in den Wald über die Wiese links; er hat einen schwankenden Gang. Er bemerkt die Gesellschaft vor dem Häuschen nicht.)
EDUARD: Warum soll sich der Großvater vor dem sanften Kaplan verstecken?
Mutter PIUS: (weist auf ihn) Wien’n kleines Prozessionsboot über’n evangelisch Meer.
EDUARD: Er ist sehr unglücklich, Deiner Abtrünnigkeit wegen, Carl.
CARL: (sarkastisch) So viel Kummer hat sich noch keiner um meine Seele gemacht.
EDUARD: Was sagen Sie dazu, Mutter Pius?
Mutter PIUS: Daß Se lieber wieder nach unseren Luther hören sollen, was wollen Se allein herumschiffen?
EDUARD: (zu Carl) Die Mütter!!
AMANDA: Aufstehen, Vatter, wir müssen auf die Wies’.
Großvater: (seufzend zu Eduard) De Wäsch legen.
(Eduard erhebt sich auch.)
Mutter PIUS: (zu Eduard) Bleiben Se doch noch en bischen bei de Mutter Pius, Herr Eduard.
EDUARD: Morgen gehts Examen los, ich muß noch mathematische Zahlen rechnen.
Mutter PIUS: Was nich de Schulmeister all wollen, zu meiner Zeit war es noch nicht halb so schlimm.
CARL: (sarkastisch) Deshalb bist De auch kein Pastor geworden!
EDUARD: (Großvater und Amanda, die zögernd warten, die Hand reichend. Die beiden gehen ins Häuschen.) Wir sind alle Pflugtiere. Kommst Du mit mir, Carl.
CARL: (nickt.)
Mutter PIUS: Mit de Schluffen an de Bein, Jung?
CARL: (kleinlaut) Ich wär wahrhaftig in Gedanken so gelaufen. (Zu Eduard) Ich hab die Stiefel beim Schuster.
Mutter PIUS: (zu Eduard, wie zu einem kleinen Jungen) De Mama werd schon bang sein — dafür kenn ich ihr. (Mutter Pius reicht Eduard ermahnend die Hand, Carl begleitet ihn bis zur Ecke. Eduard winkt noch einmal Mutter Pius zu.)
Mutter PIUS: (ruft durchs Fenster) Gib mir meine Valentiaspitzen und Poingtskrägen. Se liegen in de Fase auf en Schrank, daß de Mietze nich damit spielt.
Großvater: (Reicht die Spitzen heraus und zeigt in die Ferne, wo am Rand des Waldes die drei Herumtreiber: Pendelfrederech, Lange Anna und der gläserne Amadeus um eine Laterne gehen, deren Licht noch nicht ganz erblichen ist.)
Großvater: (dämlich) Da gehen die drei Erzengel in de Ferne un blasen aus de Laterne.
Mutter PIUS: Du fängst auch wohl an zu reimen, wie de Carl?
(Carl kommt zurück.)
Mutter PIUS: (zu Carl) Lang macht der auch nicht mehr mit.
Großvater: (nickt beständig zustimmend) Tum, tum, tum, tum.
CARL: Ich würd dem schon ein Stück von meiner gesunden Brust gebn.
Mutter PIUS: (Pause) Sag ens, Carl, wen hast De lieber, mir oder ihm? (In der Richtung blickend, die Eduard eingeschlagen hat.)
CARL: (lacht) Du träumst wohl, Großmutter, ich bin noch der Carl in Deinem Schoß.
Mutter PIUS: Mir überkömmt es man so.
CARL: Dich?
Großvater: Tum tingelingeling!!
Mutter PIUS: Meinst wohl, de Großmutter war nie wehmutsvoll gewesen?
CARL: Na, was is denn los?
Mutter PIUS: (sitzt eine Weile schweigend, den Kopf herabgesunken auf die Brust; die drei Männer verschwinden in der Ferne im Wald.)
AMANDA: (ruft) Wo bist Du denn, Vatter?
Großvater: Ich muß noch bei de Mutter Pius bleiben, sie hat Heiratsgedanken.
Mutter PIUS: (auffahrend) Du alter Sünder.
Großvater: Wenn ich en Sünder bin, da hätten wir uns heiraten sollen.
Mutter PIUS: Dir! Du schlapper Bock!
CARL: Haltet Eure Mäuler, ich muß arbeiten.
Großvater: (Holt einen Ausklopfer) Wart man, ich schaff Dich Ruh! (Amanda zieht ihren Vater vom Fenster fort. Man hört ihn noch aus dem Hause reden, wichtig): Im Examen muß er steigen!
(Carl nimmt Heft und Buch, Tintenfäßchen, Halter aus seiner Tasche und beginnt zu blättern; Mutter Pius glättet geschickt die Spitzen und schweigt grübelnd.)
CARL: (etwas neckisch) Ich glaub en’s, der Großvater hat recht gesprochen.
Mutter PIUS: Ich altes Weib?
CARL: (sie neckend) Mit Dein jung Herz!
Mutter PIUS: (sich aufraffend) Temperatur hab’n alle Pius im Leib gehabt un Du auch, Carl, siehst De, un de Großmutter weiß das. (Sie holt sorgfältig Martas Bild aus ihrer Ledertasche und hält es Carl hin.)
CARL: (fragend verblüfft).
Mutter PIUS: Deine Flamme!
CARL: (tiefrot, zittert, reißt das Bild an sich.)
Mutter PIUS: Du Spitzbub, gib man rasch wieder.
(Carl steckt es in seine Brieftasche. Kleine Pause.)
Mutter PIUS: Sie guckt sich nach Dich die Augen aus. (Kleine Pause.)
CARL: Wer sagt das?
CARL: Das is gelogen.
Mutter PIUS: All de Leut sagen es in de Nachbarschaft.
CARL: Weibergeklatsch. (Kleine Pause. Flehentlich erregt) Wer hat Dir das gegeben, Großmutter?
Mutter PIUS: Weißt De nich genug, daß Du es auf Deine Haut trägst, Carl?
CARL: (plötzlich glücklich) Großmutter! (Er küßt sie auf den Mund) Du bist eine Teufelin!!!
Mutter PIUS: Kriegt de Mutter Pius ens Schimpfe für die Gabe. (Kleine Pause.) Du heulst ja!
CARL: (unterdrückt die Erregung) Ich glaub es Dir bald!
Mutter PIUS: Wat zitterst Du denn?
CARL: Ich hab Angst, ich fall im Examen durch. (Plötzlich hart) Ihr Weiber stört mich! (Kleine Pause.)
Mutter PIUS: Carl, ich muß Dich was recht Intimes sagen. Keiner darf es hören.
CARL: Laß mich zufrieden.
Mutter PIUS: Sprech mit Deine Schwiegermutter.
CARL: Was?
Mutter PIUS: Wenn Dus Examen bestanden hast.
CARL: (grübelnd).
Mutter PIUS: Sie weist Dir nicht ab, glaub es Mutter Pius.
(Kleine Pause,) Du guckst mir an, als wenn ich Dir zum Narren halt.
CARL: (gespannt).
Mutter PIUS: So en wackerer Mann wie Du bist, Carl — un de feine Herrschaften stärken gern man das Treibhausblut mit den natürlichen seines.
CARL: (immer gespannt).
Mutter PIUS: Liest De dann nich in de Zeitung öfters, daß de Gräfinnen sich mit die Lakais einlassen?
CARL: (naiv) Hinter den Rücken der Mütter?
Mutter PIUS: Die Olschen wissen immer davon. (Listig): Mamma Sonntag weiß auch von das viele Leckers un de Cigarretten, was de Marta Dich in de Manteltaschen stopft?
CARL: (trotzig) Wer sagt Dir, daß sie es herein stopft?
Mutter PIUS: Das riech ich im Dampf, Carl. Nä, wie ein kleines Gockel bist de noch! (Von der Seite kommen August Puderbach und andere Färber (mit bunten Händen) durcheinander redend, von der Fabrik zurück; sie bleiben vor Pius’ Häuschen stehen.)
AUGUST: Se streiken wieder.
Mutter PIUS: (ärgerlich) Und Du?
DIE ARBEITER: (durcheinanderredend) Aufhängen soll man die Krakäler.
CARL: Das sag ich auch.
AUGUST: Sind wir ens einmal eine Ansicht.
(Amanda kommt zurück, rechts vom Hause her; sie hat die letzten Worte gehört.)
AMANDA: Gut bist De dem Carl ens doch, August. Den Scheitel trägst De ja am Sonntag wie er an der Seit’.
EINER DER ARBEITER: Was hab’n wir von der Streikerei?
AUGUST: Drei un ein halben Taler weniger im Monat. Mich war de Arbeitszeit nich zu lang.
Mutter PIUS: Das muß man Dich lassen, ein fleißiger Jung bist De, — aber was tust De auch zu Haus bei Dein mukkerigen Vater?
AUGUST: (zu Carl) De Pastoren, die streiken nich, was, Carl? — Vielleicht sattle ich noch um.
CARL: Halts Maul!
EIN ANDERER ARBEITER: Was sollen wir machen, Mutter Pius, wir dürfen uns so nich zu Haus sehen lassen.
Mutter PIUS: Kümmert Euch doch nicht um Eure Brüders.
EINER DER ARBEITER: Was sollen wir machen gegen so viel Sozialdemokraten? Wir sind ja all Sozialdemokraten, aber darum brauchen wir doch keine Dummheiten machen.
Mutter PIUS: Nä, wahrhaftig nich.
DERSELBE ARBEITER: Wat rätst De uns Mutter Pius?
AMANDA: Geht man wieder zurück zu Euren Herrn und klatscht ihm die Vorgänge.
EIN ANDERER ARBEITER: Nä, verraten tun wir de Brüder nich.
CARL: (herablassend brutal) Schlagt Euern Herrn tot, wie s’es in Rußland machen.
DERSELBE ARBEITER: Un dann?
Mutter PIUS: (lachend) Dann wirst Du der Besitzer, August.
EIN ANDERER ARBEITER: Lieber bleiben wir en Arbeiter, als en Herrn werden über se Alle.
Mutter PIUS: Ich würd schon mit ihm tauschen. Alte Schafsköppe, wo man Euch hintreibt, freßt Ihr!
EINER DER ARBEITER: Recht hat Se man.
EIN ANDERER ARBEITER: Mein Jung soll lieber in unser eigenen Schweiß (er zeigt auf die Wupper) versaufen, als en Färber werden.
EINER DER ARBEITER: Kannst Du uns was borgen, Mutter Pius?
EIN ANDERER ARBEITER: Guck ens in Dein Beutel nach ....
Mutter PIUS: Ich hab von Tag nich en Kastemänneken über. De Carl muß doch auf de Universität ne ganze Bux am Hintersten hab’n.
(Lieschen läuft, vom Brotaustragen zurückgekehrt, zu August — er und die Arbeiter gehen weiter sich zu beraten etc. Der Großvater Wallbrecker kommt keuchend über die Wiese; er ruht sich vor der Brücke aus. Er trägt einen Wäschesack auf dem Rücken. Von der Gasse hört man Getrampel und Fluchen, eine Schar Arbeiter kommt auf Pius’ Häuschen zu.)
Mutter PIUS: (Nimmt mit einem Griff Carls Bücher und ihre Spitzen) Komm wacker herein, Carl, ich muß mir neutral halten un wenn Bebel selber mir um Rat fragen tät. — (Der Großvater sieht Lieschen, das noch vor dem Haus von Pius steht.)
Großvater: Lieschen!
LIESCHEN: (Mit raffiniertem Einverständnis zu Mutter Pius) Soll ich heut wieder helfen, Mutter Pius? (Mutter Pius ist aber schon im Haus und hat Lieschens Frage nicht gehört. Die Arbeiter verziehen sich, Lieschen geht der Gasse zu.)
Großvater: (Ruft; aber Lieschen will scheint’s nicht hören; er pfeift den Pfiff, der Lieschen ein Signal geworden ist. Nun steht der Großvater vor dem Häuschen.)
Großvater: Nä, wie sich das Blag verändert hat! Amanda, mein Puckel stürzt ein! (Er geht ins Haus.)