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Drei Erzählungen für junge Mädchen

Chapter 12: Achtes Kapitel. Die Heimath.
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About This Book

A set of three short narratives for young girls portrays youthful characters negotiating study, household expectations, and personal hardship. One tale follows a bright child whose scholarly parent encourages intensive learning while a guardian urges traditional domestic training; another addresses loss and its emotional effects; the third considers choices that open new directions in life. Together the stories present family tensions, everyday duties, and community reactions, focusing on moral development, self-reliance, and practical virtues through realistic scenes and instructive resolutions.

Viertes Kapitel.
Schooßhund und Zughüte.

Die Tante hatte bestimmt, daß Agathe mit der Cousine zusammen das Mittagbrod einnahm; sie selbst aß später, denn Herr Niedrer kam erst um drei Uhr aus dem Comptoir nach Haus. Um diese Zeit aber sollte Agathe schon wieder mit den Arbeiterinnen fleißig sein, deren Arbeitsstunden von Morgens neun bis Mittag ein Uhr währten, dann Nachmittag von zwei bis sieben Uhr. Agathe freute sich, daß sie mit der guten Cousine so traulich allein an dem kleinen Eßtisch im Fenster, wo sie gleich am ersten Abend mit ihr gesessen, ihr Mittagbrod verzehren konnte; leider aber war die freie Stunde bald vorüber, und Schlag zwei Uhr mußte sie wieder in das Arbeitszimmer. Da fing der Fleiß wie des Morgens von Neuem an und dauerte ohne bedeutende Unterbrechung bis sieben Uhr. Fröhlich packte die junge Gesellschaft dann alles zusammen; lachend und scherzend ging es zum Hause hinaus, und Agathe war wieder allein, beneidete wieder die forteilenden Mädchen, welche doch jetzt am Abend wenigstens frei waren und ihrem Familienkreise zueilen konnten. Sie hatte ja keine Eltern, keine Geschwister, die sie freudig erwarteten; ungeliebt und unbeachtet stand sie allein in der Welt; niemand sehnte sich nach ihr, niemand bedurfte ihrer, niemand fragte nach ihrem Wohl und nach ihrem Weh! O es war zu traurig, zu niederdrückend. Die trüben Gedanken kamen wieder über sie, stärker und banger als je; denn die langanhaltende, ungewohnte Arbeit war ihr unerträglich und hatte ihr allen Muth und alle Hoffnung genommen. Mit Grauen dachte sie daran, daß es so einen Tag wie den andern fortgehen sollte. Sie blickte in ihre Zukunft wie in einen dunklen, erschreckenden Nebel, der sie einhüllen und alle Hoffnungen ersticken würde.

»Aber meine freie Zeit soll wenigstens meinen armen lieben Büchern gehören!« rief sie endlich froh auffahrend und eilte nach ihrer Kammer. Die gute Cousine hatte ihre wenigen Sachen nett und sauber in Schrank und Komode geordnet, und mit wahrem Jubel griff Agathe nach einem Werke Schillers, ihres Lieblingsdichters, dessen Schriften sie noch von ihrer Mutter zum letzten Geburtstage erhalten hatte. Sie verlor sich schon nach kurzer Zeit so sehr in die wundervolle Sprache des Trauerspiels: »Die Jungfrau von Orleans,« in welches sie sich vertiefte, daß sie den Eintritt der Tante gar nicht bemerkte, welche plötzlich neben ihr stand. Agathe fuhr empor, als hätte sie ein Unrecht begangen und legte das Buch schnell zur Seite. »Befehlen Sie etwas, liebe Tante?« fragte sie hastig.

»Ich wollte wissen, was du treibst,« sagte diese kalt. »Du hast den ganzen Tag gesessen; es ist nöthig, daß du dir jetzt einige Bewegung machst, du wirst sonst noch bleicher. Geh' aus, und sieh dir die Stadt an, und nimm Bello mit dir; er ist heute auch noch nicht an die Luft gekommen.«

»Ja wohl, liebe Tante!« entgegnete Agathe, blickte aber ängstlich zum Fenster hin, denn es war schon fast ganz dunkel, und sie völlig fremd in der Stadt.

»Die Cousine kann dich heute ein Stück begleiten, damit du dich nicht verläufst,« sagte Madame Niedrer, indem sie sich wieder entfernte.

»Die Tante ist doch sehr gut, daß sie so für meine Gesundheit sorgt,« dachte Agathe und kleidete sich schnell an, so ungern sie ihrem Buche Lebewohl sagte. Dann lockte sie den Hund mit einem Stück Kuchen an sich, nahm ihn auf den Arm und eilte, von der Cousine begleitet, in's Freie. Sie ergötzte sich an dem bunten Treiben, das die Straßen dieser Handelsstadt belebte; aber das Gewirr in denselben, die hohen, überhängenden Häuser, die dunkeln Höfe und Gäßchen, durch welche sie gingen, und die in der Dämmerung noch unheimlicher aussahen, bedrückten das Herz des jungen Mädchens mehr und mehr. Dazu kam, daß Bello unruhig wurde und weder auf Agathes Arm, noch auf dem der Cousine bleiben wollte, und doch wagte Agathe nicht, ihn auf den Boden zu setzen; denn in dem Gewühl und der Dunkelheit hätte sie ihn sicher verloren.

»Warte, wir wollen ihn anbinden!« sagte die Cousine und zog eine Schnur durch das Halsband des Hundes. Aber damit war nichts gebessert; denn nun wollte das Thier nicht vom Fleck, bellte und stemmte sich, Agathe mochte ziehen, so viel sie wollte. Die Vorübergehenden lachten und neckten die junge Hundewärterin, so daß diese dem Weinen nahe war. Aber die Cousine tröstete und half treulich, indem sie den Widerspenstigen von hinten mit dem Fuße vorwärts stieß, und so, ziehend und stoßend gingen sie ein Stück Weges weiter. Aber endlich trat ein muthwilliger Bursche dem Hunde auf eine Pfote, und nun war nichts mehr mit dem Thiere anzufangen. Winselnd warf es sich zu Boden, und als ihn Agathe wieder auf den Arm nahm, war er so bissig und bösartig, daß der Spaziergang möglichst schnell beendigt werden mußte.

Die Tante war sehr ärgerlich, sowohl über den Unfall, der ihrem Lieblinge widerfahren war, als über die schnelle Rückkehr Agathes. »Mein armes Hundchen bedurfte der frischen Luft so sehr,« sagte sie, »du hättest ihn wohl noch eine Weile führen können.«

»Aber liebe Tante, es war ja nicht möglich; laufen wollte er nicht, und auf dem Arme blieb er auch nicht!« entschuldigte sich Agathe.

»Ach du verstehst das liebe Thier nur nicht zu behandeln!« rief die Tante heftig und streichelte die verletzte Pfote ihres Lieblings. »So unaufmerksam, ihn treten zu lassen!«

Das junge Mädchen wollte sich schüchtern zurückziehen, da sagte die Tante: »Bleib nur hier, Agathe; du sollst mit mir Karte spielen. Ich bleibe heute Abend zu Hause, denn ich bin so sehr angegriffen.«

»Karte, liebe Tante? Das kann ich nicht; ich habe nie Karte gespielt,« erwiederte Agathe erstaunt.

»So? Nun so geh' zur Cousine, sie soll es dir beibringen, damit du morgen mit mir spielen kannst,« sagte die Tante. »Die alte Person mag ich nicht mehr um mich haben, sie spielt auch gar zu schlecht! Gieb dir rechte Mühe, daß du es morgen schon kannst; ich langweile mich sonst zu schrecklich.«

»Ich will Ihnen vorlesen, liebe Tante, das ist doch hübscher als Kartenspiel,« wagte Agathe zu sagen, aber Madame entgegnete verdrießlich: »Nein, laß mich damit in Ruhe, das greift meine Nerven an und ist zum Einschlafen langweilig. Geh' nur, und lerne Kartenspiel.«

So blieb denn Agathen nichts anderes übrig, als den Befehlen der Tante zu gehorchen, und die alte Cousine um Unterricht in dieser völlig unbekannten Kunst zu bitten.

Es wurde ihr sehr schwer, alles das zu merken, was nöthig war, und der ganze schöne Abend verging, ehe sie Boston, das Lieblingsspiel der Tante, begriffen hatte, der schöne Abend, an dem sie sich so unsäglich gern mit ihren Büchern beschäftigt, ihren früheren wissenschaftlichen Arbeiten einige Zeit gewidmet hätte!

Den Onkel sah sie beim Abendbrod erst wieder. Er war freundlich wie am Morgen, aber um die Beschäftigungen Agathes bekümmerte er sich nicht; das war die Sache seiner Frau, dahinein durfte er sich nicht mischen.

Aber doch übertrug er ihr auch ein Geschäft, das Agathen mit der Zeit sehr angenehm wurde; es war das Vorlesen der Zeitung nach dem Abendbrode. Bald bestand in dieser Lectüre Agathes einzige geistige Beschäftigung; denn so wie dieser erste Tag, vergingen alle übrigen, nur mit dem Unterschiede, daß Agathe den Hund am Tage spazieren führen mußte, statt Abends, und zwar in der einzig freien Zeit von eins bis zwei Uhr, sobald sie ihr Mittagbrod verzehrt hatte. Doch war die Tante so gütig, ihr noch eine halbe Stunde länger zu bewilligen, ob zum Vortheil Agathes oder Bello's blieb freilich unentschieden. Bald hieß das junge Mädchen bei der fröhlichen Straßenjugend, welche sich um die Mittagszeit zum Spielen in der Nähe einfand, nur noch das »Hundefreiln.« Aber statt sie, wie im Anfange, zu necken, half ihr bald dieser, bald jener gutherzige Junge, den Hund zu beruhigen, wenn derselbe seine bösen Mucken bekam, und oft genug wurde er von solch' kecker Hand tapfer durchgeprügelt für seine Unarten, was Agathe durchaus nicht verwehrte; denn Bellochen lernte jetzt ordentlich, was es heißt, ein artiger Hund zu sein.

So vergingen Agathen die Tage in ihrer neuen Heimath. Am Morgen begann sie ihr Tagewerk mit der Toilette des Hundes, dann nähte sie bis ein Uhr, aß geschwind, und führte alsdann ihren Schutzbefohlenen an die Luft, was ihr freilich selbst sehr zuträglich war. Dann wurde wieder genäht bis sieben Uhr, und regelmäßiges Kartenspiel mit Onkel und Tante sowie schließlich die Zeitungslectüre beschloß den Tag und raubte ihr jegliche freie Minute. Wohl versuchte sie bis in die Nacht hinein zu lesen und zu studiren; aber dies duldete die alte Cousine mit Recht niemals; denn Agathes zarter Körper bedurfte nach der Arbeit des Tages unbedingt der Ruhe. Die einzige freie Zeit hatte Agathe nur, wenn die Tante Abends ausgegangen war; aber sie ging dann auch immer so spät, daß nur noch wenige Stunden bis zum Schlafengehen übrig blieben. Aber doch waren diese Stunden die Freude und Wonne des eifrigen Kindes, und an ihnen richtete sich ihr Herz auf, wenn sie oft unter der Last ihrer geisttödtenden Arbeiten zu erliegen meinte.

Auch an den Sonntagen gehörten einige Stunden ihr selbst, und nie waren ihr diese Feiertage so lieb und werthvoll gewesen, als jetzt. Regelmäßig besuchte sie dann des Morgens die Kirche, und hier fand sie Trost für alles, was ihr Herz bedrückte, und frischen Muth, der Zukunft hoffend entgegen zu sehen. Auch am Nachmittage blieb sie sich einige Stunden selbst überlassen, ehe der Abend mit dem Kartenspiel heran kam, und daß sie diese schöne Freiheit benutzte, um zu ihren Büchern zu flüchten und Briefe an ihre lieben Freundinnen zu schreiben, versteht sich von selbst. — Aber wäre dem schönen Sonntage nur nicht das Erwachen am Montag früh gefolgt, das war gar zu traurig! Wie eine lange Kette von sechs schweren, drückenden Bleigewichten lagen diese kommenden Wochentage vor ihr, und nie begann sie ihr Tagewerk ohne Seufzer, sie mochte sich selbst noch so sehr deshalb schelten. Leider zeigte sie zu den feinen Arbeiten, die sie jetzt erlernte, sehr wenig Geschick. Es gehörten gewandte, flinke Finger dazu, und große Leichtigkeit der Hand, um all' die Tausend Fältchen und Kniffchen und niedlichen Zierlichkeiten hervorzubringen, wodurch aus Nichts etwas Hübsches entsteht, und dazu war Agathe ganz und gar nicht gemacht. Sie hatte eine schwerfällige Hand, arbeitete langsam und gewissenhaft, und machte so kleine zierliche Stiche, als nähte sie feine Wäsche. Schon bei dem ABC der Putzmacherkunst war sie in Verzweiflung, und Fräulein Schneider mit ihr; was sollte erst werden, wenn die schweren Aufgaben daran kamen. Das ABC, das jede Schülerin erst lernen mußte, um dann zu den höheren Graden zu gelangen, war nämlich das Nähen von Millionen dicht an einander stoßenden, kleinen Säumen, in welche Fischbeine geschoben wurden, um dann die sogenannten Zughüte zu geben, in denen Madame Niedrers Geschäft eine besondere Berühmtheit erlangt hatte, weshalb denn diese massenhaften Säume auch nimmermehr ein Ende nahmen. Staunend hatte Agathe gleich am ersten Morgen gesehen, mit welcher Blitzesschnelle die Nadeln der jungen Mädchen bei dieser Arbeit durch das Seidenzeug fuhren. Nun sollte sie es ebenso machen; aber damit kam sie nun und nimmer zu Stande. Vorsichtig nähte sie Stich um Stich, und solch Zughütchen, von ihrer Hand gefertigt, würde vielleicht am jüngsten Tage einmal fertig geworden sein. Und wie mit dieser Arbeit, so ging es ihr mit allen andern. Einst die beste Schülerin der ganzen Pension, war und blieb sie die schlechteste hier in der Arbeitsstube. Fräulein Schneider war zum Glück eine sehr gutherzige Dame und sah wohl, wie viel Mühe sich die arme Agathe gab. Sie verschwieg ihrer Principalin die Ungeschicklichkeit des jungen Mädchens; aber freilich änderte sie dadurch in der Sache nichts, und Agathe fühlte sich von Tage zu Tage muthloser. Dazu kam, daß Bello krank wurde und sie diesem unleidlichen Gesellen jetzt jede ihrer freien Stunden opfern mußte. Das Thier litt zuweilen an Krämpfen, und wenn diese sich einstellten, dann gerieth das ganze Haus in Aufregung. Madame Niedrer lag schluchzend im Sopha, unfähig ihren Schmerz zu überwinden, oder sie kniete neben dem Lager des Hundes, Agathen zusehend, wie sie nach Angabe des Thierarztes den Kranken mit aller Anstrengung frottirte, daß ihr der Schweiß von der Stirn rann, oder das Thier in warme Decken einhüllte, die immer neu erwärmt werden mußten. Bei solchen Krankheitszufällen hatte Agathe auch in der Nacht keine Ruhe; denn alsdann stand das Bett des Hundes neben dem ihren, und sie mußte viele Male in der Nacht aufstehen, dem Thiere auf der Spirituslampe süße Milch zu erwärmen und ihm dieselbe dann einzuflößen. Die Cousine half dabei natürlich gern und nahm Agathen die Hälfte der Arbeit ab; aber Agathe war doch immer in Angst und Sorge; denn ihr war der Hund anvertraut, und passirte ihm etwas, so bekam sie die Vorwürfe. Bello war gewöhnt, stets bei der Nachtlampe zu schlafen, und so brannte dieselbe natürlich auch jetzt neben Agathes Bett. In einer Nacht aber war das Licht ausgegangen, und Bello bekam in Folge davon wieder seine Krämpfe; denn das zarte Geschöpf hatte sich über die ungewohnte Finsterniß alterirt, die es umgab. Kein Mittel wollte helfen, und am nächsten Tage war Bello so krank, daß Madame Niedrer fassungslos umherirrte.

»Fahre mit ihm nach der Klinik, Agathe,« rief sie weinend, »ich kann es nicht, ich bin zu trostlos!«

So holte sich denn Agathe einen Wagen, nahm Bello auf den Schoos und fuhr nach der Thierarzneischule. Es war eine entsetzliche Fahrt, denn jeden Augenblick dachte sie, das Thier würde sterben. In der Klinik wurde sie von einer Menge junger Aerzte umringt, welche sich des Hundes anzunehmen schienen, hierbei aber Agathen mehr ansahen, als den armen Bello. Das junge Mädchen wurde von Minute zu Minute unruhiger; tödtliche Verlegenheit und Angst färbte ihre zarten Wangen immer tiefer; aber gerade dies erhöhte ihre Schönheit, und beifälliges Flüstern erhob sich rings um sie her. Sie fühlte, wie unpassend es war, daß sie allein hier unter den jungen Aerzten stand; aber was sollte sie thun? Den Hund konnte und durfte sie nicht verlassen, und ein älterer Mann, der sich mit ihm beschäftigte, fand gar kein Ende in seinen Untersuchungen. »Lassen Sie den Hund hier, und holen Sie ihn morgen wieder ab, meine Dame, falls er da noch lebt!« sagte endlich der alte Herr, und froh aufathmend eilte Agathe davon, umringt von den jungen Aerzten, die ihr die Thür öffnen, ihr einen Wagen herbeirufen, sie begleiten, kurz ihr alle möglichen Dienste erzeigen wollten. Schluchzend kam Agathe zu Hause an; denn das schüchterne Kind war außer sich über das, was sie hatte ertragen müssen, und ihre Aufregung war so groß, daß Madame Niedrer's Vorwürfe darüber, daß sie den Hund in der Klinik gelassen, gar keinen Eindruck auf sie machten. Als aber Madame am andern Tage verlangte, sie solle wieder hingehen und Bello abholen, da erklärte sie mit einer für die Tante völlig neuen Entschiedenheit, das thue sie nicht, die Cousine möge hingehen. Trotz Madames Zorn ob solcher Opposition ließ sich Agathe nicht bestimmen, und so wurde wirklich die Cousine an ihrer Stelle abgeschickt. Zum Glück war Bello wieder gesund; Agathe aber haßte ihn jetzt nur doppelt, denn die Angst und Sorge um ihren Liebling ließ Frau Niedrer gar nicht mehr zu Ruhe kommen, und Agathe hatte schlimmere Tage als je. Heulte und wimmerte das Thier, so sollte sie dafür einstehen; denn die Tante behauptete, sie besorge ihn schlecht. Lief er in plötzlicher Laune zur Thür hinaus, so mußte sie von der Arbeit fort hinter ihm d'rein springen, um ihn zurück zu holen, damit er sich nicht wieder erkälte, und kam sie dann athemlos zurück, so zitterten ihr die Hände von dem Kampfe mit dem widerspenstigen Thiere, und die Arbeit wollte noch weniger gehen, als bisher schon. So verging Woche um Woche; ihre Lage wurde nur schlimmer statt besser. Zum Lesen und Lernen kam sie jetzt gar nicht mehr, und ein schwerer, stiller Trübsinn lagerte sich auf ihr Herz. Es war ihr alles gleichgültig; am liebsten wäre sie im Grabe bei ihrer lieben, theuren Mutter gewesen, denn das Leben hatte trotz ihrer Jugend gar keinen Reiz mehr für sie.


Fünftes Kapitel.
Wiedersehn.

Still und in sich gekehrt ging Agathe eines Tages vor einem der Thore Leipzigs spazieren. Der Sommer war in voller Pracht in das Land gezogen; in den Gärten standen Rosen und Lilien in voller Pracht, und die blühenden Lindenbäume neigten ihre duftenden Zweige zu dem jungen Mädchen herab, als wollten sie ihr Liebes und Freundliches erzeigen. In dem frischgrünen Laube der schattigen Baumgänge, unter denen Agathe dahin schritt, sangen die Vögel fröhliche Lieder, und die Sonne blickte mild und warm vom blauen Himmel hernieder. Aber Agathe hatte heute für gar nichts Sinn. Allerlei Verdruß und Aerger bedrückte ihr Herz mehr als gewöhnlich, und sie fühlte sich so einsam, so allein in der Welt, daß sie sich wie verstoßen vorkam. Thräne auf Thräne rollte über ihre Wange, und müde setzte sie sich endlich auf eine der Bänke, welche unter den Bäumen standen. Bello war ungewöhnlich artig und legte sich ruhig zu ihren Füßen nieder, und so wurde sie durch nichts von ihren Gedanken abgezogen.

Aber plötzlich fuhr sie zusammen; der Ton einer Stimme schlug an ihr Ohr, und wie träumend starrte sie in ein liebes, treues, nur gar zu wohl bekanntes Gesicht.

»Mein Goldkind, bist du es denn wirklich? Muß ich dich gleich hier finden, mein armes kleines Vögelchen?« so rief schon von Weitem die bekannte Stimme der alten Soltatenfrau, und in ihrer ganzen gewichtigen Höhe und Breite stürmte sie mit großen Schritten auf Agathe los.

»Anne, meine Anne!« jubelte das junge Mädchen und flog mit offenen Armen an die Brust der alten, treuen Seele, und laut schluchzend umschlang diese ihren Liebling.

»Ach Anne, dich schickt mir der liebe Gott!« sagte endlich Agathe. »Gerade heute wollte ich ganz verzagen, und aller Muth war mir entschwunden. Aber nun ist alles gut, nun bist du hier, nun habe ich jemanden, der mich lieb hat. Nicht wahr, du bleibst hier, Anne? Du ziehst hierher und läßt dein armes Kind nicht mehr allein? Ach Anne, wenn du wüßtest, wie traurig ich bin, du verließest mich nicht wieder!«

»Nun will ich denn das, mein Herzkäferchen? Will ich denn wieder fort? Habe ich nicht meine ganze Bagage im Train, damit ich hier Quartier nehme?« rief die Alte fröhlich und lachte mit ihrer lauten, rauhen Stimme, daß die Vorübergehenden verwundert auf das sonderbare Pärchen blickten. Die alte Soltatenfrau war eine geborne Schlesierin und hatte heute den großen Staat ihrer Heimath angelegt, welche Tracht sich allerdings unter den glatten, weißen Mützchen und den modischen Kleidern der Leipziger Stubenmädchen gar wunderlich ausnahm. Sie trug einen feuerrothen Rock mit weiter Schürze und Mieder, darüber den rothen schlesischen Frießmantel, welcher, wie der blaue Regenschirm, Sommer und Winter den Schlesier begleitet, und den Kopf deckte eine Mütze mit langen Bändern, von einem großen, schwarzseidenem Tuche umschlungen, dessen Schleifen wie ein Paar mächtige Fächer über der Stirn schwebten.

Agathe war so glücklich über das Wiedersehen ihrer treuen Anne, daß ihr alle Traurigkeit entschwunden war. Froh, der braven Freundin ihr Herz öffnen zu können, erzählte sie alles, was ihr begegnet, und alles Leid, das sie zu tragen hatte. Anne begleitete die Erzählung mit den theilnehmendsten Zeichen und Ausrufungen, indem sie wie ein Telegraph mit ihren langen Armen in der Luft umher focht; glückselig aber war sie, daß sie Agathe wenigstens den Trost geben konnte, sie werde sich ihrer nun aus allen Kräften annehmen, da sie ihr so nahe sei.

»Ach gute Anne, du kannst mir ja doch nicht helfen!« seufzte Agathe. Aber im Herzen hoffte sie doch wieder von Neuem, seit sie diese treue Seele neben sich wußte.

»Wer weiß, ob ich dir nicht einmal beistehen kann, wo du es am wenigsten denkst,« sagte die Alte, und schritt gedankenvoll neben Agathe her, die sich bei diesem Wiedersehen schon sehr verspätet hatte und nun eilte, nach Hause zu kommen.

»Besuche mich morgen ganz früh, Anne, den Tag über habe ich keine Zeit,« rief Agathe noch beim Abschied; dann winkte sie der Alten noch einmal zu und flog die Treppe hinauf.

»Du armes, armes Vögelchen! Das ist kein Ort für dich!« sprach Anne leise, indem sie ihr nachblickte und dann still ihres Weges ging.

»Wie sie bleich aussieht und mager. Diese Tante muß gar kein Herz im Leibe haben, sonst könnte sie solche kleine, blasse Blume nicht von früh bis Abend an die Näherei schmieden, wie einen Galeerensträfling!«

Das Wiedersehen ihrer alten treuen Freundin hatte Agathen so fröhlich gestimmt, daß die Cousine ganz verwundert drein schaute, sich aber herzlich mit dem jungen Mädchen freute, als sie den Grund zu deren Frohsinn erfuhr.

»Gegen die Tante sprich aber lieber nicht davon; sie liebt solche Besuche nicht,« sagte die Cousine, und da Agathe überhaupt in Gegenwart der Tante sehr wenig sprach, so wurde es ihr nicht schwer, gegen dieselbe zu schweigen. Dem Onkel aber theilte sie die Anwesenheit der Alten mit, sobald sie einmal mit ihm allein war, und in seiner milden Weise nahm auch er herzlichen Antheil an der Freude des guten Kindes.

Anne kam am folgenden Morgen, wie sie versprochen, ihren Liebling zu besuchen, und aus den weiten Taschen ihres rothen Frießrockes holte sie eine Menge Briefe und kleine Geschenke heraus, welche die Freundinnen der Pension an Agathe schickten. O, was für eine Freude war das, welch ein herrlicher, glücklicher Tag! Das junge Mädchen lachte und weinte vor Entzücken, und fiel ihrer Anne immer wieder dankend um den Hals. Die ganze unaussprechliche Sehnsucht ihres Herzens nach den vergangenen Zeiten war durch diese Boten aus der Heimath ihrer Kinderjahre über sie gekommen.

Anne versprach, Agathen recht oft zu besuchen, und sie hielt Wort; öfter aber noch traf sie mit ihrem Lieblinge auf deren täglichen Spaziergängen zusammen, wodurch dieselben nicht wenig an Reiz gewannen.

Wieder verging Woche um Woche; der Herbst vertrieb den Sommer, und die fallenden Blätter deckten die Laubgänge vor der Stadt, in denen Agathe so gern auf und nieder wandelte. Aber wenn auch die Natur um sie her ein anderes Ansehen gewann, die Lage Agathes blieb dieselbe. Kein freundlicher Hoffnungsstern wollte an ihrem Himmel aufgehen, wie sehr sie ihn auch ersehnte und Plan auf Plan schmiedete und selbst an den Eisenstäben zu rütteln versuchte, die sie umschlossen.

Eines Tages jedoch schritt ihr die alte Soldatenfrau in großer Aufregung entgegen, und kaum erreichte ihre rauhe Stimme Agathen, als sie fröhlich ausrief: »Hurrah, mein Goldkind, ich sehe Licht! Helles Licht, sage ich dir!« Dabei focht sie mit ihren großen Händen gewaltig in der Luft umher, als risse sie dunkle Schleier herab, die besagtes Licht verhüllten. »Die Bresche ist geschossen, nun muß auch die Festung bald fallen; denn die Bresche ist die Hauptsache, sagte mein Corporal, wenn er sich vor einer Attaque den Schnurrbart strich,« schloß sie dann und fuhr sich über die Lippen, um zu zeigen, wo der Schnurrbart gesessen, der so regen Antheil an den Berathungen ihres Corporals hatte.

»Aber was giebt's denn nur, Anne, was hast du nur?« rief Agathe neugierig und zog die Alte auf eine Bank.

»Was es giebt? Eine Stelle giebt es für dich, mein Vögelchen!« jubelte die Alte. »Aber wie gesagt, Sturm müssen wir laufen, sonst kommt uns ein Anderer zuvor, oder deine Frau Tante bekommt gar Wind und verrennt uns den Weg.«

»Eine Stelle? Du träumst wohl, Anne; für mich eine Stelle?« rief Agathe ungläubig. »Was soll ich armes Ding denn für eine Stelle ausfüllen! Ich kann ja nichts als Hunde warten und Karte spielen! Nicht einmal Putzmachen begreife ich; ich bin ja zu gar nichts zu gebrauchen!«

»Das wird sich finden!« sagte die Alte stolz und schüttelte den grauen Kopf, daß die Fächer ihrer Mütze hin und her schwankten. »Jeder soll thun, was für ihn paßt! Putzmachen ist eine gute, ehrenwerthe Beschäftigung, das versteht sich; aber wer kein Geschick dazu hat, sondern Kopf zu was anderm, der soll sich damit nicht abquälen, sondern lieber das thun, was ihm leichter wird! Ich kenne dich besser und weiß, wer in der Pension stets die beste Schülerin gewesen ist! Es ist mir ganz egal, was du seitdem gethan hast; in dir steckt mehr, das muß ich wissen. Ich kenne mein liebes Kind vom ersten Tage an, als es auf die Welt kam, damit Basta!«

»Aber so sag' doch, was hast du denn für eine Stelle?« lachte Agathe und ergriff zärtlich die schwielige Hand der braven Freundin.

»Nun du weißt doch, daß ich die Aufwartung bei Madame Groß übernommen habe,« hub die Alte geheimnißvoll an. »Diese hat jetzt Besuch von ihrem Bruder, der mit seiner kranken Frau nach Frankreich oder Italien, oder wo es ist, gehen will. Da kam mir denn ein Gedanke: »Wenn sie für die arme, kranke Dame nur eine weibliche Begleitung hätten, liebe Madame Groß,« sagte ich gestern Abend zu meiner Herrin, und hatte so meine Absichten. »Eine Kranke bedarf so manches, was der Mann nicht versteht, und die liebe, kranke Dame wird das gewiß später empfinden. Sehen Sie, Madame,« sagte ich weiter, »mein Corporal war der beste Mann in der ganzen Welt; aber wenn ich krank im Bett lag, da war er wie ein kleines Kind; es fehlte an allen Ecken; denn er verstand gar nichts, was nicht zum Dienste gehörte.« Was meinst du nun, mein Goldkind, was ich bei den Worten im Sinne hatte? Nichts anderes, als daß du die Leute als Gesellschafterin begleiten solltest!« schloß die Alte mit glänzenden Augen, »und ich glaube, es wird was draus, denn Madame Groß fand meine Gedanken vortrefflich.«

»Ich, Anne, Gesellschafterin? Ach, mein Gott, wo denkst du hin!« rief Agathe ganz erschrocken.

»Aber warum denn nicht?« sagte die Alte eifrig. »Ist es nicht besser, du pflegst eine gute, kranke Dame (denn sehr gut ist sie, das habe ich gemerkt), als daß du Hunde wartest und dich zu Tode stichelst? Denke doch, sie gehen vielleicht nach Frankreich; da kannst du ja noch was lernen und siehst dich in der Welt um! Hier bei deiner elenden Putzmacherei verkümmerst du ganz; ich kann das nicht länger mit ansehen. Gelt, Schäfchen, du gehst darauf ein?«

Agathe begriff nur zu wohl, wie Recht die treue Seele hatte, und die Aussicht, in fremde Länder zu gehen, und dort noch vieles zu sehen und zu lernen, was für ihre Ausbildung nützlich sein mußte, tauchte wie ein Strahl freudiger Hoffnung vor ihren Blicken empor.

»Aber sie werden mich nicht nehmen, Anne,« seufzte sie traurig.

»Dafür laß mich sorgen, das wird sich finden,« sagte die Alte. »Meine Bresche ist gut angelegt, ich werde schon siegen, da ist mir nicht bange. Aber deine Tante, das ist die Hauptsache, die wird nicht wollen. Sie hat von dir wenig Kosten; du lieber Gott, was braucht denn so ein armes, kleines Vögelchen; aber Hülfe hat sie von dir in Menge, und gewiß denkt sie, du sollst einmal Directrice in ihrem Geschäft werden, damit sie die jetzige nicht mehr zu bezahlen braucht. Die alte Cousine hat neulich so was gesagt, und die Sache wäre freilich für sie bequem.«

»Ach, mein Gott, das wäre ja schrecklich!« rief Agathe, und dachte mit Entsetzen an die zehn Jahre, in welchen Fräulein Schneider bereits jenen hohen Directricensitz einnahm, und der ihrer wartete, um sie ihr ganzes Lebenlang dort fest zu halten.

»Aber wie soll ich es der Tante sagen? ich werde dazu nie den Muth haben!« fuhr Agathe ängstlich fort.

»Nun laß mich nur machen; es soll schon alles gut gehen!« tröstete Anne. »Morgen gehst du mit mir zu Madame Groß, ihr lernt euch gegenseitig kennen, und das andere findet sich dann.«

Am andern Tage trat denn die gute Anne Sommer getrost mit ihrem Liebling in das Zimmer ihrer Herrin, und mit einem fröhlichen: »Na, da ist das Goldkind, Madame!« schob sie militärisch grüßend, zwei Finger an die Fächer ihrer Haube gelegt, die schüchterne Agathe vor Madame Groß hin.

»So jung noch, und so zart?« konnte sich die Dame nicht enthalten, auszurufen, als sie Agathen betrachtete. »Sie wird sich für diese Stelle nicht eignen, liebe Sommer.«

»Soll sie denn die kranke Madame heben und tragen?« sagte die Soldatenfrau barsch.

»Nein, das soll sie nicht!« entgegnete Madame Groß. »Aber sie würde doch zuweilen des Nachts aufstehen müssen, oder dergleichen Dinge thun, und wenn sie schwach und kränklich ist, so hält sie das nicht aus; denn das Leben bei einer Kranken ist angreifend.«

»Aber ich bin nicht schwach, wenn ich auch bleich aussehe,« sagte Agathe jetzt angstvoll, denn sie fürchtete so sehr, abgewiesen zu werden.

»Kommen Sie mit zu meiner Schwägerin, liebes Kind; sie mag selbst entscheiden,« sagte endlich Madame Groß nach einigem Zögern, und bald stand Agathe vor der Kranken, einer sanften, jungen Frau, deren durchsichtige Farbe die böse Krankheit verkündete, welche ihren zarten Körper zerstörte. Sie blickte Agathen mit sanftem, seelenvollem Blicke an, und dieser traten Thränen in das Auge; denn unwillkürlich dachte sie an ihre geliebte Mutter, die ja auch so zart und leidend ausgesehen hatte, ehe sie von der Erde schied. Frau von Menzel, so hieß die Kranke, bat Agathen, sich neben sie zu setzen und erkundigte sich nach ihren Verhältnissen. Agathe erzählte anfangs zaghaft und schüchtern; aber die rege Theilnahme der Kranken flößte ihr bald großes Vertrauen ein, und offen legte sie derselben nun ihre ganze Lage dar und verhehlte nicht, wie innig sie wünschte, bei ihr bleiben und mit ihr gehen zu können. — Frau von Menzel reichte dem jungen Mädchen endlich die Hand und sagte freundlich, sie gefalle ihr sehr wohl, und herzlich wünsche sie ihre Begleitung. Deshalb, wenn sie mit ihnen gehen wollte, so möge sie nur mit ihren Verwandten darüber Rücksprache nehmen. Aber freilich sei nicht viel Zeit zu verlieren, denn schon in drei Wochen wollten sie abreisen.

Agathe küßte voll des innigsten Dankes die Hand der gütigen Dame. Ihr Herz fühlte sich unbeschreiblich zu ihr hingezogen, und mit aufrichtiger Freude versprach sie, alles zu thun, um die Zufriedenheit derselben zu verdienen. Mit frohem Herzen kehrte sie dann zu ihrer Anne zurück, und diese war so glücklich über das Gelingen ihres Planes, daß sie wie ein Kind sprang und tanzte.

»Aber nun die Tante; ach, wäre das erst überstanden!« jammerte Agathe. »Wenn ich es nur dem Onkel sagen könnte; aber ich sehe ihn ja nie allein. Und was hilft das auch; er schickt mich doch zu der Tante, denn er fürchtet sich, ihr etwas Unangenehmes zu sagen.«

»So nimm das Herz in die Hand, und geh' gleich zu ihr,« sagte Anne. »Ich warte in der Küche draußen auf die Antwort; zu Hause läßt es mir doch keine Ruhe.«

Agathe that, wie Anne ihr gerathen, und nun stand sie vor der Thür, die zu dem Zimmer der Tante führte. Sie hörte ihr Herz ordentlich klopfen und kämpfte nach Athem; endlich aber drückte sie muthig auf die Thürklinke, und nun war sie im Zimmer.

»Liebe Tante, wenn ich Sie nicht störe, möchte ich Ihnen etwas sagen,« begann sie ziemlich kühn.

»Was willst du? Warum bist du nicht bei der Arbeit?« sagte die Tante streng und blickte nach der Uhr, welche Arbeitszeit verkündete.

»Ich.. ich werde das Putzmachen doch nie lernen, verzeihen Sie, liebe Tante!« stotterte Agathe, ihre muthige Haltung schon etwas verlierend.

»Du wirst es nie lernen? Was soll das heißen? Du willst nicht, bist faul, ich weiß es lange!« fuhr die Tante auf. »Aber es hilft dir alles nichts, du sollst dein Brod hier nicht umsonst essen, sondern es dir verdienen; verstehst du mich? Jetzt geh' und bessere dich, und laß mich solche Reden nicht wieder hören! Du bist ein armes Mädchen; du mußt daran denken, dir dein Brod später selbst zu verdienen.«

»Ja wohl, liebe Tante, das will ich auch,« stammelte Agathe. »Wenn Sie es mir erlauben, so möchte ich eine Stelle annehmen.«

»Eine Stelle?« rief die Tante staunend. »Ich glaube, du weißt nicht, was du sprichst! Was willst du ungeschicktes Mädchen denn für eine Stelle annehmen?«

»Ich soll eine kranke Dame nach Italien begleiten,« sagte Agathe wieder muthiger. »Sie will mich mitnehmen, wenn Sie es mir erlauben.«

»Will dich mitnehmen? Also alles schon fix und fertig verabredet?« rief die Tante jetzt, und ihr Zorn loderte empor. »Also hinter meinem Rücken schmiedest du solche Ränke, du falsches Mädchen? Ohne mir vorher ein Wort zu sagen, läßt du dich von andern Leuten engagiren! Aber, mein liebes Kind, daraus kann ein für alle Mal nichts werden! Du wirst hier bleiben und nach wie vor dich beschäftigen, wie bisher; denn ich sehe wohl, es ist Faulheit, was dich forttreibt! Du denkst, als Gesellschafterin wirst du ein bequemes Leben führen und in der Welt umher reisen. Laß es dir lieb sein, daß ich dich davon zurück halte, denn du würdest gar bald sehen, wie sehr du dich geirrt hast.«

»Aber liebe Tante, ich würde französisch lernen und vielleicht dann Erzieherin werden können, wenn ich die Dame begleite. O bitte, bitte, erlauben Sie es mir doch?« flehte Agathe weinend und mit dem Muthe der Verzweiflung.

»Nein, sage ich dir! Meine Erlaubniß bekommst du nicht!« fuhr die Tante heftig auf. »Erzieherin! Glaubst du, die wird man so mir nichts, dir nichts durch ein Bischen französisch schwatzen? Dummes Zeug! Schweig jetzt, und geh an die Arbeit! Das ist mein letztes Wort über die Sache!«

Weinend eilte Agathe zu ihrer alten Anne, die ihrer in der Küche harrte. Aber kaum hatte sie der treuen Seele ihr Leid geklagt, als sie die Stimme der Tante hörte. Geschwind schob sie die alte Soldatenfrau die Hintertreppe hinab und flog in das Arbeitszimmer, um neuer Schelte zu entgehen. Aber wie viel stille Thränen, wie viel Seufzer und wie viel Gedanken begleiteten nun jeden Stich, den ihre Nadel langsamer und schwerfälliger als je zu Stande brachte.


Sechstes Kapitel.
Treue Hülfe.

Frau Anne Sommer war zwar die Hintertreppe hinab gegangen, da Agathe es so gewollt; aber gedankenvoll und leise vor sich hin brummend, trabte sie die Treppe im Vorderhause wieder herauf, klingelte, und ließ sich bei Madame Niedrer anmelden.

»Bitte um Entschuldigung, wenn ich störe!« sagte die Alte mit ihrer rauhen Stimme und schritt auf Madame Niedrer zu, welche mit höchster Verwunderung diesen sonderbaren Besuch eintreten sah.

»Ich bin Fräulein Agathes frühere Dienerin, Madame!« fuhr die Alte weiter fort, »und habe eine große Bitte an Sie.«

»Mein Gott, nicht einmal in seinem Zimmer ist man vor Betteleien sicher!« rief die Angeredete unwillig und ergriff den Klingelzug.

»O bitte, ich bettle nicht!« sagte die Alte stolz und richtete sich in ihrer ganzen Länge auf. »Ich komme nur, um für Fräulein Agathe etwas zu bitten.«

»Was will Sie? Ich habe keine Zeit; rede Sie schnell!« rief Madame Niedrer heftig.

»Madame, Ihre Nichte wünscht eine Stelle anzunehmen; ich bitte Sie flehentlich, erlauben Sie ihr das!« sprach die Alte nun laut und dringend, aber immer noch bescheiden, wie bisher.

»Was geht das Sie an; damit hat Sie gar nichts zu schaffen!« rief Madame zornig. »Sie ist es gewiß, die ihr die Stelle suchte und das undankbare Mädchen gegen ihre eigenen Verwandten aufhetzte. Auf der Stelle gehe Sie, oder ich klingle, daß man Sie hinaus bringt!«

»Hoho, Madame, sprechen Sie so, so brauche ich auch nicht hinter dem Berge zu halten!« brach nun Anne Sommer los und athmete schwer und tief. »Ja, ich bin es, da haben Sie recht; aber ich bin es auch, der das arme Kind lieber ist, als irgend jemanden in der ganzen Welt. Und darum will ich, daß sie glücklich wird. Hier aber geht sie ganz und gar zu Grunde, und d'rum soll sie fort. Sind Sie denn von Stein, Madame, daß Sie es mit ansehen können, wie das arme, zarte Kind leidet an Körper und auch an ihrem Geiste? Denn sie arbeitet sich elend und grämt sich zu Tode, daß sie nicht noch etwas lernen und sich weiter ausbilden kann. Darum, Madame, entweder Sie erlauben ihr, daß sie lernt statt zu nähen, oder Sie lassen sie fort.«

Die Alte hatte in ihrem Eifer die Hand empor gehoben; ihre Augen blitzten, und drohend stand sie vor der Frau des Hauses. Diese war zuerst etwas überrascht; bald aber faßte sie sich und sagte, die Klingel ziehend: »Augenblicklich verläßt Sie mein Haus, Sie unverschämte Person! Meine Nichte bleibt hier und wird Putzmacherin, damit Punktum; Sie aber läßt sich nie wieder blicken!«

Dabei gebot sie der eintretenden Dienerin, das Weib fortzubringen; sie selbst aber verließ stolz und heftig das Zimmer.

»So also geht's nicht!« brummte Anne vor sich hin, als sie wieder auf der Straße war. »Du hast dem armen Kinde mehr geschadet, als genützt; das war dumm von dir, Anne. Jetzt strenge deinen alten Kopf an; denn fort muß sie, nun erst recht. Jetzt hat sie's nun gewiß doppelt schlimm, die arme, kleine Maus.«

Das war allerdings der Fall. Die Tante war so unfreundlich und streng gegen Agathe und gönnte ihr so wenig freie Zeit, daß das arme Mädchen es kaum geduldig ertragen konnte. Und was sollte aus ihrer Stelle werden! Die Tante gab nie ihre Einwilligung, das wußte sie jetzt nur zu gut, und ohne dieselbe konnte sie natürlich nicht fort. Den Onkel um Hülfe zu bitten, war auch nutzlos; denn wo die Tante so entschieden gesprochen, verhallte sein Wort und Wille wie ein Ton im Winde. Und doch verging die Zeit, und konnte sie diese Stelle nicht annehmen, wer weiß, wann sich wieder etwas so Passendes finden würde.

Agathe fand Tag und Nacht keine Ruhe, und die gute Cousine, der sie ihr Herz ausschüttete, wußte auch weder Rath noch Hülfe. Auch Anne Sommer war Anfangs sehr aufgeregt und sorgenvoll gewesen, seit einiger Zeit jedoch schwieg sie, schien aber so sicher und guten Muthes zu sein, daß Agathe sie nicht begriff; denn ihr war jede Hoffnung entschwunden. »Sage nur der guten Frau von Menzel, wie sehr ich ihr danke und wie ich bedaure, sie nicht begleiten zu können, Anne,« sagte Agathe weinend, und Anne nickte still mit dem Kopfe, sah aber ganz heiter dabei aus, als lache sie in sich hinein.

So waren zwei Wochen von der Zeit verstrichen, welche bis zur Abreise Frau von Menzel's noch vergehen sollten. Agathe gab sich Mühe, gar nicht mehr an ihre schönen Hoffnungen zu denken; aber natürlich wollte ihr das nicht gelingen, sie wurde nur immer trauriger.

In ihre Gedanken verloren, schritt sie eines Tages wieder unter den Linden auf und nieder, und unwillkürlich verglich sie das gelbe, trockene Laub am Boden, das unter ihrem Fuße rauschte, mit den gestorbenen Hoffnungen ihrer Jugend. Da sah sie Anne Sommer in ungewöhnlicher Hast auf sich zukommen; sie hatte einen Zettel in der Hand und sagte freudig: »Nun ist's gut; jetzt hab' ich alles, was ich brauche. Nun kommt es nur auf dich an, ob du willst oder nicht, mein Herzkind!«

»Was soll ich denn wieder, Anne; was hast du denn wieder im Sinn?« sagte Agathe niedergeschlagen.

»Ob du mit Frau von Menzel reisen willst!« rief Anne lebhaft.

»Ach laß doch nur dies unglückliche Thema!« sagte Agathe sich abwendend, denn die Thränen brachen ihr wieder hervor. »Du weißt ja, ich darf nicht.«

»Ja du darfst! Hier steht es schwarz auf weiß!« jubelte Anne und hielt ihren Zettel triumphirend empor. »Madame freilich erlaubt es nicht, das steht fest; aber was thut uns das? Dein Vormund ist der Onkel, und der hat es mir hier drauf geschrieben, daß er nichts dagegen hat. Na, Mühe freilich hat's gekostet, ehe er sich dazu entschloß; denn seine böse Frau durfte nichts davon wissen. Aber ich habe ihm keine Ruhe gelassen, habe ihm das Herz so weich gemacht, daß er dir doch endlich seine Erlaubniß gab. Denn gut ist er und helfen möchte er dir, das muß ich sagen; aber die Furcht vor der Frau läßt ja alles das nicht aufkommen!«

»Wie? Du hast die Erlaubniß des Onkels?« rief Agathe in in höchster Verwunderung »Wo hast du ihn denn gesprochen?«

»In seinem Comptoir, mein Schäfchen! Drei Mal bin ich bei ihm gewesen und habe ihn bestürmt, bis ich den Zettel hatte!« rief die Alte und rieb sich vergnügt die harten Hände, daß es raschelte. »Aber Abschied zu Hause darfst du freilich nicht nehmen, dann wäre alles umsonst. Madame sperrte dich sicher ein; darum entschließe dich nur und komm gleich mit mir, das ist das Allerbeste; es ist alles schon vorbereitet.«

»Wie? Ich soll gleich mit dir kommen?« rief Agathe, die Augen weit öffnend. »So ohne Abschied, ohne alles, ohne....«

»Ja den Abschied von deiner zärtlichen Tante, den mußt du freilich dran geben,« lachte die Alte; »alles andere aber ist besorgt, da sei ruhig. Die alte Cousine packt eben deine Sachen zusammen, die ich in der Dämmerung abhole; sie weiß um alles, ist aber verschwiegen und freut sich, daß du fort kommst. In meiner Wohnung bleibst du bis zur Abreise von Menzels. Auch sie wissen um unsern Plan und reisen deshalb einige Tage früher; die guten Menschen, sie haben dich so lieb gewonnen.«

»Aber das ist ja eine wahre Entführung! Ich laufe ja davon, als wäre ich ein Verbrecher rief Agathe ganz außer sich vor Bestürzung.

»Nun ja, was bleibt denn anders übrig, wenn dein Onkel seine Frau nicht zwingen kann und will?« lachte die Alte. »Er hat ja eine Furcht vor ihr, als wäre sie Napoleon seine größte Kanone!«

»Aber dem Onkel muß ich Lebewohl sagen; von ihm kann ich nicht so fortlaufen, es wäre zu abscheulich!« sagte Agathe.

»Nun dann komm schnell, und besuche ihn in seinem Comptoir,« drängte die Alte. »Bis zwei Uhr ist er dort allein; das trifft sich gut.«

Eilig gingen die beiden Freundinnen nach dem Arbeitszimmer des Onkels, der in großer Unruhe in demselben auf und nieder ging.

»Agathe!« rief er freudig, als das junge Mädchen schnell bei ihm eintrat, und zog dasselbe an die Brust.

»O mein lieber, lieber Onkel!« schluchzte Agathe, »verzeihe mir!«

»Ich habe dir nichts zu verzeihen, Kind!« sagte Herr Niedrer sanft. »Ich sehe ein, daß es besser für dich ist, du verläßt unser Haus und nimmst die Stelle bei jenen braven Leuten an. Deshalb habe ich auch meine Einwilligung dazu gegeben. Gehe mit Gott, mein gutes Kind, und bleibe gut und brav. Alles andere laß dich nicht kümmern; ich weiß, was ich thue. Du kannst ruhig sein, sowohl was dich selbst, als auch was mich betrifft. Bist du in Noth, so wende dich getrost an mich; mein Herz wird dir immer offen sein, wenn es auch mein Haus in Zukunft nicht mehr sein kann.«

Agathe konnte sich schwer von dem Onkel trennen; aber Fremde kamen, und nach einer letzten innigen Umarmung eilte sie fort. Die treue Anne hatte in ihrem Stübchen alles zum Empfange des lieben Gastes bereitet, und bald schloß sie die Thür hinter der Entführten.

»Hier bist du sicher, mein Vögelchen!« rief sie fröhlich. »Hier finden dich selbst die scharfen Augen deiner Frau Tante nicht.«

Agathe saß stumm und traurig da, und alle Fröhlichkeit der guten Soldatenfrau war nicht im Stande, sie zu erheitern. Ihre Gedanken flogen nach dem Hause, das sie verlassen; sie kam sich wie eine Verbrecherin vor. Im Geiste sah sie den furchtbaren Zorn der Tante, die jetzt schon ihr Ausbleiben bemerken mußte. Dann kam die Stunde, in welcher der Onkel heimkehrte, und in Todesangst dachte sie daran, daß er vielleicht eben jetzt der Tante ihre Flucht mittheilte; denn er hatte versprochen, sich ihrer treu anzunehmen, und sie zu vertheidigen und zu schützen.

»Unsinn! Er ist der Generalfeldmarschall seiner Truppen; was er will, muß in seinem Hause geschehen, so gehört sich's!« sagte Anne Sommer mit grimmigem Ernst, als Agathe ihre Sorge aussprach, der Onkel werde um ihretwillen gewiß viel Aerger und Verdruß zu leiden haben. »Hätte er es dir nicht erlaubt, würdest du natürlich nicht desertirt sein. Aber jetzt beruhige dich, und sei kein Närrchen. Heute Abend werde ich ja erfahren, wie es dort steht.«

In der Dämmerstunde holte Anne Agathes Koffer ab, den die alte Cousine heimlich gepackt hatte, und durch sie erfuhr denn die Alte, daß es freilich einen sehr heftigen Auftritt zwischen Herrn und Madame Niedrer gegeben habe. Der Herr sei aber so fest und bestimmt bei seinem Willen geblieben, daß Madame sich schließlich beruhigt und sich vor den Leuten das Ansehen gegeben habe, als sei Agathes Entfernung mit ihrer Zustimmung erfolgt.

Unter den jungen Arbeiterinnen des Putzgeschäfts hatte Agathes Flucht große Heiterkeit hervor gerufen; denn alle hatten das innigste Mitleid mit ihr gehabt. Selbst Fräulein Schneider lächelte, als sie den ersten Schreck überwunden und gestand seufzend, sie habe jetzt eine Sorge weniger; denn zu einer Putzmacherin hätte sie Fräulein Agathen doch nimmermehr heran bilden können.


Siebentes Kapitel.
Im fremden Lande.

Es war an einem schönen, sonnigen Herbsttage, als eine blasse Frau, auf den Arm ihres Mannes gestützt, eines der Eisenbahncoupé's bestieg und sich freundlich nach einem jungen Mädchen umschaute, das an dem Halse einer großen Frau hing, deren bunte Bauerntracht wunderlich gegen die dunkle Reisekleidung des Mädchens abstach.

»O Anne, behalte mich lieb, und habe ewig Dank für alles!« schluchzte Agathe, denn sie war es. Die alte Soldatenfrau fand keine Worte und streichelte nur immer wieder die Wangen des jungen Mädchens, indem ihr einzelne, dicke Thränen über das gute Gesicht liefen.

»Ich muß fort, lebe wohl, meine Anne; vergiß deine Agathe nicht!« rief diese endlich, rasch davon stürzend, und eilte, ohne zurück zu blicken, nach dem Wagen. Aber hier erwartete sie noch ein anderer Abschied. Der Onkel war es, welcher ihr noch Lebewohl sagen und ihr mittheilen wollte, daß zu Hause alles gut stehe, die Tante ihr sogar einen Gruß schicke. Das erleichterte Agathes Herz unbeschreiblich; denn sie machte sich wegen ihrer Flucht doch unsägliche Vorwürfe. Nun konnte sie ruhig abreisen, und trotz der Thränen, die ihr Auge trübten, als sie dem guten Onkel zum letzten Male die Hand reichte, schlug ihr Herz doch froh und hoffend der Zukunft entgegen.

Die Reise war schön und genußreich, und da man wegen der Kranken nur kleine Tagestouren machen konnte, auch durchaus für Agathe nicht anstrengend. Die Geschäfte, welche sie zu besorgen hatte, wurden ihr sehr leicht, und die große Milde und Freundlichkeit der Kranken berührten Agathen um so angenehmer, als sie von der Tante nur strenge, kalte Behandlung erfahren hatte. Herr von Menzel, ein reicher Gutsbesitzer, war ein heiterer, freundlicher Mann, der die junge Gesellschafterin wie eine Tochter behandelte, und bald fühlte sich Agathe so glücklich, wie noch nie in ihrem Leben. Die Aerzte hatten es für gerathen gehalten, die Kranke nach Nizza zu schicken, dessen warme, geschützte Lage ihrer kranken Brust vielleicht noch Heilung bringen konnte. Die weiche Seeluft des Mittelmeeres, an dessen Ufern sich diese schöne Stadt hinzieht, umwehte die Kranke mit ihrem schmeichelnden Hauche und that ihr bald so wohl, daß sie in Agathes Begleitung täglich einen kleinen Spaziergang machen konnte. Die eifrige, kleine Gesellschafterin suchte der sanften Kranken alle Wünsche vom Auge zu lesen, und diese wieder dachte immer daran, das gute, junge Mädchen möglichst zu schonen und ihr Gelegenheit zu geistigen Beschäftigungen zu verschaffen, wonach sich, wie sie wußte, Agathes Herz so innig sehnte. Sie selbst war eine fein gebildete Frau und ließ sich von Agathe oft durch Vorlesen guter Bücher unterhalten; bessere Fortbildung aber fand sich für das junge Mädchen bald noch durch den Verkehr mit einem würdigen Geistlichen aus der französischen Schweiz, welcher dasselbe Haus mit ihnen bewohnte. Er hatte Agathes eifrige Lernbegierde bemerkt, und freundlich bot er ihr an, sie sowohl in der französischen Sprache als auch in einigen Wissenschaften zu unterrichten, da er, wie er sagte, seine Musestunden nicht besser ausfüllen könne. Gern gab die Kranke ihre Einwilligung, und mit innigem Entzücken widmete sich nun Agathe all den Dingen, nach denen sie im Hause des Onkels so vergebens verlangt hatte.

Diese innere Freudigkeit, verbunden mit der herrlich reinen Luft der Berge und der üppigen, kräftigen Kost, welche ihr jetzt geboten wurde, ließen auf Agathes Wangen bald frische Rosen erblühen. Das zarte, blasse Kind wuchs zur schönen, frischen Jungfrau heran, und voll wahrhaft mütterlicher Liebe verfolgte Frau von Menzel die körperliche wie geistige Entwickelung des jungen Mädchens. Schön und genußreich schwanden die Tage wie Stunden dahin, und die Liebe der Menschen, mit denen sie lebte, erwärmten Agathes Herz eben so sehr, als die herrliche Natur, welche sie umgab.

Der Herbst verging, und der Winter mit seinen rauhen Tagen zog in das Land. Aber die Lage Nizza's, welches im Norden und Osten geschützt und von milder Seeluft umgeben ist, verhindert die scharfen Winde, diesen Zufluchtsort der Kranken zu erreichen, an welchem sich die kleine Familie glücklich und wohl fühlte. Herr von Menzel hatte für einige Zeit nach der Heimath zurückkehren müssen, und da er die Kranke in Agathes treuen Händen wußte, verließ er sie mit ruhigem Herzen. Agathe schloß sich in dieser Zeit um so enger an die sanfte Frau an, die ihr immer mehr Freundin wurde und sie nie wieder von sich lassen wollte. Aber wenn die Kranke auch an keine Trennung dachte, so mußte es Agathe im Stillen nur zu häufig thun, denn sie bemerkte nur zu gut, wie die Krankheit der theuren Frau immer größere Fortschritte machte. Das milde Klima konnte das Leiden nur hinziehen, nicht heben, und mit tiefem, geheimen Kummer, aber heiterem Auge hörte sie, wie die Kranke Pläne auf Pläne entwarf, welch schönes Leben sie ferner mit einander führen wollten. Agathe küßte dann in dankbarer Liebe die schmale, abgezehrte Hand ihrer gütigen Freundin; aber in ihrem Herzen konnte sie solchen schönen Träumen keinen Glauben schenken. Der Winter war vorüber und für den nahenden Frühling und Sommer wählte die Familie einen anderen, den heißen Sonnenstrahlen weniger ausgesetzten Aufenthalt in den Schweizer Alpen. Agathe hatte die Freude, daß auch ihr Freund, der Geistliche, für einige Zeit mit ihnen zog; denn er hatte die Familie so lieb gewonnen, daß er sich nicht so schnell von ihnen trennen mochte. — Aber war es nun der Wechsel des Ortes, oder war es die, allen Brustkranken gefährliche Frühlingsluft, Frau von Menzel wurde bald so leidend, daß ihr Ende schneller herannahte, als selbst Agathe in den bangsten Stunden gefürchtet hatte. Mit stiller Ergebung trug der unglückliche Gatte die herannahende Trübsal, und Agathe wurde ihm sowohl durch ihre treue Pflege, als durch den tiefen Ernst ihres Gemüthes unendlich lieb und trostbringend. Die Kranke selbst ahnte ihren Zustand nicht. Sie wurde schwächer und schwächer; aber indem ihr blaues Auge wunderbar glänzte, sprach sie lächelnd von der schönen Zeit, in welcher sie wieder gekräftigt sein und sich der herrlichen Natur werde erfreuen können.

»Wie sehne ich mich, wieder in die warme Sonne zu kommen und den weiten, blauen Himmel sehen zu können!« sprach sie eines Tages freudig und wendete ihr Auge nach dem Fenster. »Tragt mich in's Freie, ich möchte der schönen Gotteswelt näher sein,« bat sie dann sanft, und langsam rollte ihr Gatte und Agathe das Ruhebett der Kranken an die offene Thür der Veranda.

»O wie wird mir so wohl, mir ist, als öffne sich mir der Himmel!« sagte sie begeistert und breitete die Arme aus; dann schloß sie die Augen und sank leise zurück. Eine selige Verklärung ruhte auf ihrem Antlitz; der Himmel hatte sich ihr wirklich geöffnet, sie schwebte empor zu der ewigen himmlischen Herrlichkeit.

Der Kummer des einsamen Gatten war so unsäglich tief und ergreifend, daß Agathe den eigenen Schmerz zu bekämpfen suchte, um den unglücklichen Mann trostreich zur Seite stehen zu können. Aber war sie allein, so stürzte Leid und Jammer um so mächtiger über ihr zusammen, und schluchzend kniete sie an der Hülle der lieben Verklärten, die ihr Freundin und Mutter geworden war. »O Gott, mein Gott!« betete sie inbrünstig, »was soll nun aus mir werden! Verlaß Du mich nicht; nimm mich in Deinen treuen Schutz, und führe mich gnädig weiter an Deiner Vaterhand. Allein bin ich nun wieder, allein und obdachlos; o nimm Du dich ferner der armen Waise liebend an!«

Und sie hoffte nicht vergebens. Wohl war jetzt ihres Bleibens nicht mehr in den bisherigen Verhältnissen; denn Herr von Menzel kehrte so schnell als möglich wieder nach der Heimath zurück, um die theure Hülle seiner Gattin in dem dortigen Erbbegräbniß der Familie beisetzen zu lassen. Aber ehe der Sarg der Verklärten geschlossen wurde, ergriff der Trauernde Agathes Hand und sprach mit tiefer Bewegung: »Meine liebe Agathe, Sie sind meiner Gattin theurer gewesen, als Sie glauben können. In Ihnen hat sie bis zu ihrem letzten Augenblicke eine treue Freundin und Tochter besessen. Welchen Trost auch mir Ihre Gegenwart gewährt hat, davon lassen Sie mich schweigen; aber es ist mir ein inniges Herzensbedürfniß, Ihnen zu zeigen, wie dankbar ich Ihnen bin und mein ganzes Leben hindurch sein werde. Ich glaube Ihnen davon einen, wenn auch nur geringen Beweis geben zu können, indem ich Sie bitte, mir die Sorge für Ihre weitere geistige Ausbildung zu überlassen. Sie wünschen sehr, Erzieherin werden zu können, das weiß ich, und Ihre schönen Anlagen befähigen Sie auch völlig dazu. Wollen Sie nun für ein Jahr als Zögling in das treffliche Erziehungsinstitut in Neufchâtel eintreten, um daselbst noch die letzte Ausbildung zu erhalten, so wird es mich freuen, einen Ihrer Wünsche erfüllt zu sehen. Alle Vorbereitungen zu Ihrer Aufnahme sind getroffen, und der Geistliche, Ihr würdiger Freund und Lehrer, wird Sie gern dahin begleiten, sobald Sie es wünschen.«

Agathe war wie in einem Taumel von Glück und Wonne. In demselben Momente, wo wieder alle schönen Hoffnungen entschwanden, und sie abermals angstvoll einer unsichern Zukunft entgegen blickte, stand sie am Ziele ihrer sehnlichsten Wünsche. Sie fand keine Worte, ihren Dank und ihre Freude auszudrücken; aber aus ihrem Auge leuchtete eine bessere Antwort, als der Mund zu geben vermochte. Ueber dem verklärten Antlitz der Entseelten reichte sie ihrem Freunde und Beschützer die Hand, und im stummen Danke zitterten ihre Lippen.

Herr von Menzel war abgereist, und traurig kehrte Agathe an der Seite des Geistlichen von dem Bahnhofe zurück, wo sie dem theuren Manne und seiner stillen, verklärten Begleiterin das letzte Lebewohl gesagt hatte. Der Geistliche hatte ihr gleich nach dem Tode der Kranken in freundlichster Weise angeboten, sein Haus in Genf und seine Familie für's Erste ganz als die ihrige zu betrachten, und Agathe hatte diese Zufluchtsstätte dankbar angenommen, bis sich eine andere Stelle für sie finden würde. Jetzt aber wünschte sie natürlich, sobald als möglich in jenes Pensionat einzutreten, und der Geistliche versprach schon andern Tages mit ihr nach Neufchâtel abzureisen.

Madame Reutin, die Vorsteherin der Anstalt, war von Agathe's Ankunft bereits unterrichtet und empfing das junge Mädchen mit großer Herzlichkeit. Agathe war eine der ältesten Pensionairinnen, und da Madame Reutin an den Schicksalen ihres neuen Zöglings großen Antheil nahm, und bald bemerkte, welchen Eifer dieselbe besaß, um sich möglichst viel Kenntnisse zu erwerben, so widmete sie ihr ganz besondere Aufmerksamkeit. Sie suchte das stille, sinnige Mädchen viel in ihrer Umgebung zu beschäftigen und zeigte ihr so viel Liebe, daß Agathe bald ihre Schüchternheit verlor und sich in den fremden Verhältnissen ungemein wohl fühlte. Der Unterricht war vortrefflich, und so reifte die begabte Agathe schnell zu einem geistig fein gebildeten Mädchen heran, welches nach Verlauf eines Jahres gar wohl befähigt war, die Stelle einer Erzieherin auszufüllen.

Herr von Menzel, mit dem Agathe in stetem brieflichen Verkehr war, bot ihr an, noch länger in der Anstalt zu bleiben, und Madame Reutin schlug ihr vor, die Stelle einer Hülfslehrerin zu übernehmen, da sie das sanfte Mädchen ungern von sich ließ. So entschloß sich denn Agathe, noch einige Zeit im fremden Lande zu bleiben, obwohl ihr Herz unbeschreiblich nach ihrer treuen Anne verlangte, welche ihr rührend zärtliche Briefe schrieb, zwar auf merkwürdig dickem Papier, und mit heftiger Verschwendung von Dinte, da die Buchstaben groß und gewaltig auftraten, und schwer zu entziffernde Hieroglyphen bildeten, aber nichts desto weniger die innigste Liebe und Anhänglichkeit aussprachen. Auch der Onkel und ihre Freundinnen aus der Pension schrieben Agathen fleißig, und jeder Brief erregte ihr so tiefes, gewaltiges Heimweh, daß nur der Wunsch nach fernerer Ausbildung sie noch von der Rückkehr in die Heimath abhielt. Ja Heimath, hatte sie denn überhaupt eine? Sie wußte ja gar nicht, wohin sie gehen sollte, verließ sie ihren jetzigen Aufenthalt. Dieser Gedanke hing sich immer wie ein Bleigewicht an ihren Wunsch, nach Deutschland zurück zu kehren, und sie hatte deshalb an Anne Sommer wie an ihre Freunde geschrieben, sich nach einer Stelle für sie umzusehen.

Fast zwei volle Jahre waren jetzt seit Agathes Abreise von Leipzig verstrichen, da erhielt sie eines Tages einen Brief von ihrer Freundin Fanny, welcher die frohe Kunde brachte von deren Verlobung mit einem jungen Gutsbesitzer. Mit dieser freudigen Botschaft aber verband sich noch eine zweite, welche Agathen betraf.

»Jetzt zu Dir, meine beste Agathe!« lautete Fanny's fröhlicher Brief. »Mein Bräutigam ist der älteste Sohn einer zahlreichen Familie, und seine beiden jüngsten Schwestern, Mädchen von 10 und 12 Jahren, können meiner Ansicht nach nicht länger ohne specielle Aufsicht bleiben. Auch ihr Schulunterricht scheint mir mehr als mangelhaft, was auf dem Lande freilich kein Wunder ist. Meine gute Schwiegermutter hat durchaus nichts dagegen einzuwenden, die jungen Springinsfelde unter die Zucht einer Erzieherin zu stellen, falls ich ihr eine verschaffen könnte, die, wie sie sagte, nicht gar zu störend in das Familienleben eingriffe. Sie hat etwas sonderbare Vorstellungen von allem, was Erzieherin heißt, und da ich sie von ihrem Vorurtheil gern kuriren möchte, so würde dies allein schon mich bestimmen, Dich, meine gute Agathe, dringend aufzufordern, diese Stelle bei meinen kleinen Schwägerinnen zu übernehmen. Tausend andere Gründe aber drängen sich außerdem noch herbei, um Dich mit Bitten zu bestürmen, vor allem meine grenzenlose Sehnsucht nach meiner liebsten Freundin. Komm, komm, so bald als möglich, meine Agathe; Du wirst von all' meinen Lieben mit offenen Armen erwartet und wirst Dich glücklich unter uns fühlen, dafür bürgt dir deine treuste Fanny.«

Ein Postscriptum fehlte dem Briefe nach junger Mädchen Art natürlich auch nicht; es lautete: »Uebrigens wirst Du Dich freuen, ein liebes, bekanntes Gesicht hier in unserer Nähe zu finden. Wem das aber zugehört, sage ich nicht; Du magst selbst kommen, es dir anzusehen.«

Das war denn allerdings eine so wundervolle Kunde, daß Agathe mit glühenden Wangen zu Madame Reutin eilte, ihr alles mitzutheilen und sie um Erlaubniß zur Heimkehr zu bitten.

Freudig willigte die gute Dame sogleich in Agathes Wünsche, und so ungern sie das brave Mädchen von sich ließ, so sehr freute sie sich doch andrerseits über die gute Wendung, welche deren Schicksal abermals genommen. Nicht ohne die tiefste Bewegung schied Agathe kurze Zeit darauf aus der Anstalt, wo ihr so viel Gutes zu Theil geworden, sowie aus dem herrlichen Lande, in dem sie eine reiche, glückliche Zeit verlebt hatte.


Achtes Kapitel.
Die Heimath.

In dem Herrenhause des Dorfes Schönfelde waren die jüngern Glieder der Familie seit dem frühen Morgen in großer Bewegung. Geschäftig liefen sie die breiten Treppen auf und nieder und hielten wichtige Zwiegespräche mit Gärtner und Stubenmädchen, die Kränze und Guirlanden aus den wenigen Blumen des Gartens zusammenwanden, welche die Herbstkälte noch übrig gelassen hatte. Bald thronte über der Hausthür ein mächtiger Kranz, in dessen Mitte das Wort »Willkommen« prangte, und frische Guirlanden umzogen die Thür des Wohnzimmers, in dem einige Kinder in großer Aufregung um ein blühendes, junges Mädchen versammelt waren, das sie mit Fragen bestürmten.

»Nicht wahr, Fanny, sie trägt keine Brille, wie die alte Fräulein Danton, Lucie Bülow's Erzieherin?« rief Marie, ein zwölfjähriges Mädchen.

»Und auch keine Schnupftabaksdose, nicht wahr?« setzte Hannchen hinzu, die jüngere Schwester. »Die Mama behauptet es.«

»Ob sie wohl Pferd mit mir spielen wird, Fanny? Ich will sie auch nicht so derb mit meiner Peitsche schlagen, als gestern den Anton; aber dann muß sie auch nicht heulen, wie der immer gleich thut!« rief der kleine Max und fuhr knallend mit der Peitsche durch die Luft.

»Ihr werdet's ja sehen, Kinder, macht mich doch nur nicht todt mit euren Fragen,« lachte das junge Mädchen. »Aber jetzt adieu; Friedrich fährt eben vor, und ihr wißt, die Pferde stehen nicht ruhig. Seid hübsch artig, daß meine liebe Agathe nicht gleich eine gar zu schlechte Meinung von euch bekommt. Adieu, adieu, ihr lustiges Corps!«

Fort flog der Wagen, in dessen Mitte das junge Mädchen fröhlich lachend thronte, noch lange gefolgt von dem gellenden Hurrah der kleinen Gesellschaft. Einige Stunden vergingen, und sie kehrte zurück, Freude und Glück in den lieblichen Zügen, denn an ihrer Seite saß die Freundin ihrer Jugend, unsere Agathe.

Was Fanny verheißen, das fand die Ankommende bestätigt. Offene Arme empfingen die neue Hausgenossin, gute treffliche Menschen hießen sie freudig in ihrer Mitte willkommen. Man kam ihr als der liebsten Freundin der Schwiegertochter mit Vertrauen und Herzlichkeit entgegen und dankte es ihr aufrichtig, daß sie die Erziehung der jüngsten Kinder zu übernehmen versprochen hatte, und so begrüßte man in ihr nicht die gefürchtete Erzieherin, sondern ein liebes, neues Glied der Familie. Agathe war unsäglich glücklich über solche Aufnahme; denn oft hatte ihr Herz gezittert, ob wohl die Erzieherin in dem vornehmen Hause auch gern gesehen und nicht vielleicht als fremder Eindringling behandelt oder gar als eine Art Dienstbote kalt und vornehm aufgenommen sein würde. Aber schon das Willkommen, das ihr von fern so freundlich entgegen leuchtete, sagte ihr, daß sie nichts zu fürchten habe, und all die guten, frohen Gesichter, welche sie umdrängten, sprachen gar wohlthuend zu ihrem zagenden Herzen. Frau von Wedell, die Herrin des Hauses, umarmte sie gleich beim Eintritt, und bald erschien auch der Gutsherr selbst, Agathen in einfach herzlicher Weise willkommen zu heißen.

Bald war die junge Erzieherin in dem Familienkreise heimisch, und nun begann ein Leben voll Lust und freudiger Arbeit. Mit regem Eifer machte sich Agathe an die Aufgabe, die ihr gestellt war, die Erziehung der beiden Mädchen Marie und Hannchen. Aber auch der wilde Max wurde von ihr mit Beschlag belegt, und den Fleiß ihrer Schüler belohnte die fröhliche junge Lehrerin gern damit, daß sie sich an den Spielen betheiligte, welche sowohl Max als die kleinen Mädchen in den Freistunden vornahmen. Ueberhaupt war Agathe jetzt so heiter und frisch, daß man das einst so traurige, blasse Mädchen gar nicht wieder erkannte. Frau von Wedell gestand lachend, daß sie freilich eine ganz andere Vorstellung von einer Erzieherin gehabt habe, da sie sich dieselbe nie anders als keifend und verbissen, und mit den wunderlichen Attributen einer alter Jungfer versehen, habe denken können.

Agathe hatte in der ersten Zeit die Freude, ihre liebe Fanny, die für einige Wochen zum Besuch ihrer Schwiegereltern gekommen war, im Hause zu sehen. Der Bräutigam war ein frischer, liebenswürdiger junger Mann, der im kommenden Jahre ein zweites Gut des Vaters bewirthschaften sollte, und mit Ungeduld dieser Zeit entgegen sah, da er alsdann seine Fanny als junge Frau daselbst einführen wollte.

»Aber das liebe, bekannte Gesicht, von dem du mir geschrieben, Fanny, wo ist das?« sagte Agathe bald nach ihrer Ankunft und spähte suchend überall umher. — »Du hast doch nicht etwa meine alte Anne hierher entführt, da du weißt, sie schwärmt für Entführungen?« fuhr sie scherzend fort, denn im Stillen hatte sie jetzt keinen größeren Wunsch, als dies treue Wesen wiederzusehen.

»Nein, Agathe, die alte Soldatenfrau holen wir nächstens einmal auf ein paar Wochen zu uns; Leipzig ist ja nur drei Stunden von Schönfelde entfernt,« sagte Fanny, welche sich diese Erlaubniß schon von ihrer Schwiegermutter erbeten hatte, da sie wußte, welche Freude sie dadurch Agathen bereitete.

»Nein, mein Schätzchen, du mußt besser rathen!« fuhr sie neckend fort. »Giebt es denn gar kein liebes Gesicht mehr unter der Sonne, als das alte, verwitterte Antlitz deiner Frau Corporalin? Besinne dich doch!«

Aber Agathe besann sich nicht; sie wußte ja gar nicht, wohin sie ihre Gedanken wenden sollte. Sinnend blickte sie zum Fenster hinaus, das von schönen alten Linden beschattet wurde. Da schrak sie plötzlich zusammen, und ein Ausruf freudiger Ueberraschung kam über ihre Lippen.

»Fanny, ist das nicht unser Lehrer, Herr Lobner?« rief sie, auf einen Herren deutend, der eben in einiger Entfernung an dem Hause vorüber ging.

»Nun ja, erkennst du ihn wirklich?« lachte Fanny fröhlich. »Ich dachte schon, du hättest deine besten Freunde vergessen, du leichtsinniges Kind!«

»Aber wie kommt der hierher, liebste Fanny?« rief Agathe, freudig erglühend.

»Um deinetwillen nicht, mein Töchterchen, denn er hat von deinem Hiersein keine Ahnung,« neckte Fanny. »Er ist wohlbestallter Prediger im Pfarrdorf Schönfelde, und wird die Ehre haben, Seelsorger seiner einstigen, liebsten Schülerin von nun an zu werden. Wie gefällt dir das, Schätzchen?«

»Fanny, ist das wahr? Ist unser lieber, lieber Herr Lobner wirklich hier Prediger?« rief Agathe jetzt strahlend vor Freude und ergriff Fanny's Hand.

»Meinst du, er tauge nicht dazu? Nun dann geh morgen in die Kirche, und überzeuge dich selbst. Es ist Sonntag; um 9 Uhr hält er die Predigt,« sagte Fanny.

»Aber das ist ja herrlich!« jubelte Agathe, Fanny umarmend. »Wie ist das denn nur gekommen? Wer hat ihn denn hierher gezogen?«

»Nun Papa Wedell, dem er so gefiel, als er sich um die Stelle bewarb, daß er ihn auch ohne meine Fürsprache in die leerstehende Pfarre eingesetzt hätte,« rief Fanny. »Aber wie gesagt, daß er hier seine kleine, blasse Freundin aus der Pension ebenfalls in Amt und Würden finden sollte, davon hat er bis jetzt keine Ahnung. Der Anblick dieser Ueberraschung soll mein Lohn für all die Mühe sein, die ich mir um euch alle Beide gemacht habe.«

Wessen Freude über das Wiedersehen größer war, ob die Agathes oder die ihres einstigen Lehrers, wäre freilich schwer zu entscheiden gewesen. Die schelmische Fanny, der Herr Lobner seine Stelle verdankte, hatte demselben wirklich Agathes Ankunft verheimlicht, und kaum traute dieser seinen Augen, als ihm das junge Mädchen an der Seite ihrer Freundin entgegen kam.

Es war ein frohes Wiedersehen, und doch voll tief innerlicher Bewegung; denn an Agathe's Seele zog all das vorüber, was sie in der Zeit erlebt, welche zwischen jenem Abschiede in dem Zimmer des theuren Lehrers und dem jetzigen Augenblicke lag.

»Gott hat seine Hand wunderbar über Ihnen gehalten, liebe Agathe!« sagte der junge Geistliche freundlich, als das junge Mädchen ihm ihre Schicksale mitgetheilt hatte. »Ich hätte nicht geglaubt, daß mir so bald die Freude werden würde, Sie wieder zu sehen, und nun gar unter so erfreulichen Verhältnissen. Irre ich nicht, so haben Sie wie ich, Ihren jetzigen Wirkungskreis Ihrer gütigen Freundin zu danken, durch deren Fürsprache auch ich meine Stelle erhalten.«

Fanny wies allen Dank von sich und behauptete, sie habe nur aus purem Eigennutz sich für ihre alten Freunde verwendet; denn da sie selbst nun bald in der Nähe residiren werde, so wollte sie doch im Voraus schon für freundliche Nachbarschaft sorgen.

Jetzt begann eine so reiche, wundervolle Zeit für Agathe, daß diese Gott nicht genug dafür danken konnte, der sie in dies Haus geführt hatte. Ihr Wirkungskreis befriedigte sie täglich mehr und mehr; die etwas verwilderten Zöglinge gewannen unter Agathes milder und kluger Leitung sichtlich an gutem Betragen wie an Kenntnissen, und alle Bewohner des Hauses betrachteten die junge Erzieherin als liebes Familienglied. Mehrere Abende der Woche verbrachte Herr Lobner in der Familie des Gutsherrn, und diese Stunden waren für Agathe unschätzbar. Ihr einstiger Lehrer war ihr jetzt ein treuer Freund geworden, der ihr als kluger und besonnener Rathgeber in allen den schwierigen Fragen zur Seite stand, über welche ein so junges, unerfahrenes Mädchen bei der Erziehung verschiedenartiger Kinder zweifelhaft sein mußte.