Gott geb dir des Himmels Thau
Und die Fettigkeit der Au
Und die Fülle der Halmen
Und den Most der Palmen.
Die Festbräuche beim Sommerempfang, da man zu den wieder fliessenden Brunnquellen in hellen Haufen hinausrückte, die darauf gegründeten örtlichen Wasserrechte in Scheingefechten vertheidigte, mit Waldzweigen geschmückt wie ein wandelnder Wald heimkehrte und die frischen Maien um den Ortsbrunnen steckte—haben sich als das Fest der Bannbeschreitung, der Oeschprozession und des Mairittes hier und da noch gefristet, und vervollständigen diesen vorliegenden Abschnitt vom Maienthau nicht nur, sondern schliessen ihn erst wirklich nachdrucksam ab.
Vom 1. Mai an werden in oberdeutschen Landgemeinden die Grenzbesichtigungen des Bannkreises unter den verschiednen Benennungen der Bereisung, Landleite, Bannbeschreitung, des Flur- und Fohrumganges vorgenommen. Die ganze männliche Bevölkerung des Ortes, Jung und Alt, ist verpflichtet daran Theil zu nehmen und wird den Tag über auf Gemeindekosten verpflegt. Die dabei vorkommende symbolische Gedächtnisschärfung, die an der mitziehenden Jugend bei jedem neuen Marksteine mit Ohrenzupfen, Ohrfeigen und Einstutzen (auf den Stein stossen) vorgenommen wird, ist hinlänglich bekannt; eben so wenig bedarf es einer Beschreibung, wie viel Pulver dabei aus den Knabenpistolen verknallt und welches Weinquantum vom Männerdurst weggetrunken wird, um dann nach lustigem Tagwerke dem Küchleinbackwerk entgegen zu ziehen, dessen würziger Duft vom Vaterorte her entgegen dampft. Die städtischen Bürgerschaften pflügten ebenso unter grossem militärischen Aufwande ihr Gebiet zu umgehen, haben jedoch seit dem Schlusse des vorigen Jahrhunderts der Kosten wegen es in Vergessenheit gerathen lassen. Dagegen haben sich katholischer Seits zu Stadt und Land die Oeschprozessionen reichlich noch behauptet. So nennt man den auf 1. Mai fallenden kirchlichen Flurumgang, bei welchem an vier in den verschiednen Zelgen der Dorfflur errichteten Altären die vier Evangelien abgelesen werden; der Priester besprengt die Flur mit geweihtem Wasser und besegnet sie mit dem Wetter- oder Schauerkreuz. Unter den bei diesem Bittgange durch Bischof Wessenberg seit 1805 vorgeschriebnen Versikeln und Liedern schliesst ein von der ganzen Gemeinde gesungenes:
Deine milde Hand giebt Segen,
Giebt uns Sonnenschein und Regen.
So wird der Umgang im aargauer Frickthal und im jenseitigen Schwarzwalde abgehalten. Anderwärts geschieht dies schon am Markustage, 25. Apr. In Tirol glaubt man, diese Prozession sei älter als das Christenthum selbst, denn schon der Heiland habe derselben beigewohnt. Zingerle, Tirol. Sitt. no. 720; und allerdings findet sie sich unter dem Namen Rogationes schon unter den Karolingern kirchlich eingeführt (Rettberg, Kirchgesch. 2, 791) und war eine Fortsetzung der alten Robigalien; zur Abwehr des Rostes im Getreide veranstaltet. Diese Bittgänge waren unter dem Namen der Hagelfeier-Predigten selbst bei der protestantischen Bevölkerung an der Elbe üblich und durch ein besonderes Volksgelübde daselbst gestiftet gewesen. Die dortigen Lutheraner ruhten jährlich drei halbe Werktage von aller Arbeit und begaben sich zur Anhörung einer Predigt, durch die man zugleich dem Hagelschlag wehrte. Eine solche Rede findet sich in Zerrenners Ackerpredigten, Magdeburg 1783, 282.
Ein sehr alter und imponirender Zweig dieser Feste war der Mairitt; schon die Reimchronik von der Soester Fehde (bei Emminghaus, Memorabil. Susat. 1749, 660) nennt ihn einen Brauch aus alter Zeit: Up Walpurgis, als men in den meien plach tho riden na alter zede und gewonte. Die Ankenschnittenprozession zu luzernisch Beromünster wird bereits in der Urkunde von 1223 erwähnt bei Neugart, cod. diplom. no. 190. Sie wird am Himmelfahrtstage von den Stiftsherrn, den Rathsgliedern des Ortes, der Dragonermannschaft und den sich anschliessenden Wallfahrern zu Pferde abgehalten, Kreuz, Fahnen und Monstranz folgen zu Rosse mit, vom Rosse herab wird gepredigt. Der Ritt geht vom Städtlein weg auf aargauisches Gebiet nach Maihausen, wo der Hofbauer nach alter, auf dem Gute haftender Verpflichtung jedem beritten Mitkommenden eine frische Ankenschnitte bereit halten muss, die dieser seinem Reitpferde ins Maul stösst. Diese und ähnliche berittene Prozessionen sind bereits ausführlich beschrieben in den Naturmythen (Leipzig 1862) S. 17; nur das mittlerweile neu gefundene Material wird hier nachgetragen. Der Blutritt in Schwäbisch-Weingarten wird am sg. Wetterfreitag, am Tage nach Himmelfahrt abgehalten. Mit Ausschluss der Wallfahrer zu Fusse hat man dabei schon über siebentausend Reiter gezählt. Franz Sauter, Kloster Weingarten 1857, 35. In den oberschwäbischen Dörfern findet der Maithauritt am 1. Mai Morgens um 1 Uhr statt und kehrt mit Sonnenaufgang wieder heim. Man lagert in einem Walde, ist guter Dinge und lässt am Rückwege die bequem gelegnen Wirthshäuser nicht unbesucht. Birlinger, Schwäb. Sag. 2, no. 123. Bei den Vlamingen heissen die am 1. Mai veranstalteten kirchlichen Umritte Marienprozessionen, doch fällt derjenige zu Anderlecht bei Brüssel auf Pfingsten, der in Haeckendover bei Tirlemont auf Ostern. Bei letzterem wird unter zahlreichen Pistolenschüssen dreimal die Kirche umritten, dann gehts mit verhängtem Zügel quer über die Felder, indem man annimmt, dadurch werde die Ernte eine gesegnetere. Ein Bauer, der sich diesem Herumtraben auf seinem Felde widersetzte, fand nachher alle Aehren leer. Wolf, Ndl. Saga no. 345. In Anderlecht ward ehemals derjenige, welcher nach dreimaligem Wettjagen der erste am Kirchenportal anlangte, zu Ross und mit dem Bänderhut auf dem Haupte von dem ganzen Kapitel in die Kirche geführt, da mit einem Rosenkranz geschmückt und feierlich wieder hinaus geleitet. Reinsberg, Festl. Jahr. 140. Beim sg. Königsreiten in österreich. Schlesien, wobei Dorfrichter, Geschworene und alle Pferdebesitzer der Gemeinde, geistliche Lieder singend, die Ackerzelgen umreiten, wird der beste Wettrenner König. In Sachsen gilt um Pfingsten das Kranzreiten nach einem geschmückten Baum, ist aber in Nietleben bereits zum "Betteln reiten" herabgesunken. Sommer, Thüring. Saga S. 154. Unsre rechtgläubigen Bauern, bemerkt über die fränkische Bevölkerung in der Ansbacher Gegend Reynitzsch (Truhtensteine 143), reiten ihre Pferde am Ostertage ins Osterbad, gleichwie wir an demselben Tage uns neue Kleider anschaffen und die Zimmer ausweissen lassen. Johannes Boem, genannt Aubanus, von seiner Geburtsstadt Aub in Unterfranken, schrieb 1530 De moribus, legibus et ritibus gentium, woraus Ign. Gropp (Collectio Scriptor. Wirceburg.) den Abschnitt mittheilt, welcher das Frankenland betrifft; hier ist der würzburgische Pfingstritt also beschrieben: Pentecostes tempore ubique fere hoc agitur. Conveniunt quicunque equos habent aut mutuare possunt, et cum Dominico corpore, quod sacerdotum unus, etiam equo insidens, collo in bursa suspensum defert, totius agri sui limites obequitant, cantantes supplicantesque, ut segetes Deus ab omni injuria et calamitate conservare velit. Alljährlich zweimal, am 10. Mai und am zweiten Pfingsttage, begeht das südfranzösische Dorf Villemont das Kirchenfest seiner Ortsheiligen Solangia und trägt deren Reliquien in Prozession hinaus auf die Almende, welche Solangiafeld heisst und den von der Heiligen gegangenen Pfad noch aufweist, auf welchem das Gras stets schöner und dichter steht als auf dem angrenzenden Weideland. Da dieser Pfad die Zahl der Andächtigen, die oft bis auf Fünftausend anwächst, nicht zu fassen vermag und folglich da und dorten in die Saat hinausgeschritten wird, die um Pfingsten schon ziemlich hoch steht, so nimmt diese dabei gleichwohl keinen Schaden, sondern richtet sich schon zwei Tage nachher wieder selbst auf; ein Wunder, von welchem sich Prinz Heinrich von Bourbon im J. 1637 mit eignen Augen überzeugt haben soll. Das Gegentheil aber erfolgte an dem Flachsacker eines Geizigen, als der Eigenthümer hier der Prozession den Durchgang verweigerte; es fiel Mehlthau, der Sonnenstrahl schlug zu und die Anpflanzung wurde brandig. Godefr. Henschenius in Actis SS. tom. II, ad diem 10. Maii.
Solcherlei Frühlingsbräuche, die jungen Saaten prozessionsweise zu umreiten und zu durchreiten, stützen sich auf heidnischen und auf alttestamentlichen Glauben und wollen Abbilder sein eines den Göttern selbst beigelegten gleichen Thuns. Die Psalmenstelle 65, 12—Du krönest das Jahr mit deinem Gut und deine Fusstapfen triefen von Fett—liess eine Gottheit erblicken, welche das reifende Kornfeld persönlich beschreitet und mit ihrer Fussspur ertragsfähig macht, weshalb das Kirchenlied von Nikolaus Hermann "Um gut Gewitter und Regen" Strophe 9 jene Worte nachdrücklich wiederholt:
Umkrön das Jahr mit deiner Hand,
Mit deinen Fussstapfen düng das Land.
Hier ist der hl. Benno durchgegangen, sagen die preussischen Wenden von besonders gesegneten Feldern (Preusker, Vaterl. Vorzeit); von dem auf den Bergwiesen striemenweise fetter und üppiger wachsenden Grase sagt der Tiroler, hier ist der fromme Graf Leonhard geritten, hier ist der Alpgeist mit schmalzigen Füssen drüber gegangen (Zingerle, Tirol. Sag. no. 963. Tirol. Sitt. no. 314); hier ist der Kornweg des ausreitenden Rodensteiners, sagt der Hesse von den durch die noch grüne Frucht hinziehenden gelben Streifen vorreifender Kornähren. Wolf, Hess. Sag. no. 31. 56. Von den über die Spitzen des Aehrenfeldes hinschwebenden Hufen des Götterrosses versprach sich die Landwirthschaft vormals denselben Vortheil, den sie heute von den Merzwinden erwartet, diese haben nemlich dem jungen Halme Widerstandskraft gegen die sommerlichen Strichregen und Windstösse zu geben, dann wird er sich weniger lagern und die Aehre weniger ins giftige Mutterkorn schiessen. Auf eine ganz nahverwandte landwirthschaftliche Erfahrung stützt sich auch der Ritt in den Maienthau. Bekanntlich hängt die Befruchtung der Kornähren vom Samenstaub ab, den der Wind durch die Bewegung der Blüthen ausschüttelt und verbreitet. Diese Verbreitung geschieht aber bei der Unregelmässigkeit der Bewegung nur unregelmässig, daher bleiben viele Hülsen der Aehren taub. Der aargauer Bauer im Freienamte übt nun seit alter Zeit folgende Methode zur künstlichen Unterstützung der Befruchtung aus. Von beiden Breitseiten des Kornackers ziehen zwei Männer ein Seil über der Höhe des blühenden Getreides hin und streifen damit gelinde den Morgenthau ab. Dadurch werden nun einige der Aehren zwar "ringrostig", nemlich etwas brandig gemacht, die übrigen aber gegen das Sichlagern gestärkt und der ausfallende Samenstaub wird in ihnen gleichförmig vertheilt. So wird also Brand und Mutterkorn verhütet, die aus einer und derselben Ursache, aus nicht stattgefundner Befruchtung entstehen. Dieser Naturvorgang ist von den Griechen vergöttert, in Kunstgebilden dargestellt und bis auf die Athene übertragen worden. Unterhalb der Akropolis zu Athen stand der Thurm der Winde, unter dessen acht Relieffiguren auf einer seiner acht Seiten der Ostwind (Apeliotes), der den gedeihlichen Saatregen mit sich führt, dargestellt war als ein Genius mit heitrer Miene, geflügelt, mit flatterndem Gewande einherschwebend, in den Falten seines Mantels einen Bienenkorb tragend und neben reifenden Früchten eine Kornähre. Droben auf der Akropolis stand die Athenestatue, die den Beinamen Pandrosos (Allesbethauende) führte, als eine andere Demeter verehrt wurde und Aehren in der Hand trug (Welcker, Griech. Götterl. 1, 313). Diesen ihren Beinamen hatte sie nach demjenigen der drei Töchter des Cekrops, welche Aglauros (Schimmernde), Herse (Thau) und Pandrosos (Allthauig) hiessen und den Erysichthon (Ackermann) zum Bruder hatten, der auch Aithon (Brand und Mehlthau) hiess. Die Thaufeste, Ersephorien, sollten dem Mehlthau steuern und waren der Athene gewidmet.
Betrachten wir dieselben Anschauungen, wie sie in Sprache und Mythe unsrer deutschen Vorzeit sich ausgedrückt haben.
Thau, goth. daggvus, ahd. touwi, gehört nach Kuhns Vermuthung (Weber, Ind. Stud. 1; 327) zu sanskrit. dôha Milch, ableitend, von duh, ziehen, ducere, so dass also im Vorgange des Thauens das Geschäft des Melkens und Milchausdrückens erblickt wurde. Friesisch thavan, anglisch ton heisst waschen. Hundertfältig stimmen nun Mythen und Bräuche in der Annahme überein, aus dem rechtzeitigen Abstreifen des am Halme hängenden Morgenthaues lasse sich Milch und Butter gewinnen, als gediegenes Produkt fertig herauspressen, und das in diesen Thau getriebene Milchthier ergebe doppeltes Milchquantum. Die Synode zu Ferrara 1612 verbietet, Tücher in der Nacht vor Johannis Baptistae unter den Himmel zu breiten in der Absicht, den Thau aufzufangen. Liebrecht, Gervas. Tilb. S. 230; gleichwohl ertheilt Schnurr im Oekonom. Kalender besonderen Unterricht, wie man den Himmelsthau vom schossenden Getreide mit subtilen Tüchern aufzufangen und diese in Gefässe auszuwinden habe, denn solcher Thau sei unsres Landes Manna. Prätorius, Blockesberg S. 559. Grohmann, Böhm. Abergl. S. 132 berichtet Folgendes von einem nun verstorbenen Simanek aus Kaurim. Er schmückte in der Walburgisnacht seine Kuh mit grünen Zweigen und einer Decke, zog sich selbst nackt aus und führte das Thier durch den Thau. Heimgekehrt drückte er die thaubenetzte Decke in ein Gefäss aus, indem er dabei mit den vier Zipfeln umgieng wie beim Melken, und gab das gewonnene Wasser den Thieren unter die Tränke. Sie waren dann das ganze Jahr milchreich. Es ist eine von Sachsen bis nach Ostfriesland nachgewiesne Sitte, abwechselnd um Mai, Ostern oder Pfingsten, den Frühthau zu gewinnen, indem man die Heerde hineintreibt oder ihn mit Wettritt und Wettlauf feierlich abstreift. Die am frühesten ausgetriebene Weidekuh bekommt einen langen Maibusch an den Schwanz gebunden, erhält den Preisnamen Daufäjer, Dauschlöpper, das wettrennende Ross den Namen Thaustrauch, weil sie den ersten Thau erfolgreich weggefegt haben, und werden mit dem am Rennziel auf der Stange steckenden Blumenmaien oder Brodweck beschenkt. Kuhn, Nordd. Sag. S. 380-88. Westfäl. Sag. 2, S. 165. Ebenso gilt in Holland das Daauwtrappen und Daauwslaan. Allein die egoistische Natur des Menschen, die bei jedem Begegnisse den Neid des Andern voraussetzt, verkehrt den heiligen Thau zum Zaubermittel; darum gehen denn auch die Hexen um Weihnachten in die Wintersaat und erhorchen die Zukunft, auf Walburgis in das grüne Korn, auf Pfingsten ins Roggenfeld, um in Thau zu baden, mit den hinter sich her gezogenen Tüchern ihn aufzusammeln, daheim auszupressen und so die Milch jeder fremden Weidekuh für sich zu gewinnen. Schönwerth, Oberpf. 3, 172. Daher heissen die Hexen in Holstein Daustrîker. Die ao. 794 zu Frankfurt versammelten Bischöfe erklärten eine letztjährige Hungersnoth daraus, dass der Teufel den Leuten, welche den Zehnten nicht entrichten, damals die Aehren ausgefressen habe: experimento enim didicimus in anno, quo illa valida fames irrepsit, ebullire vacuas annonas a daemonibus devoratas et voces exprobriationis auditas. Schmidt, Gesch. d. Deutsch. 1, 575. Niedlich lauten die Histörchen von den Zwergen, die sich des gleichen Vortheils zu bedienen suchen und darüber kläglich entdeckt werden. Wenn die Zwerge im Harz in die Erbsenfelder giengen, hatten sie ihre unsichtbar machenden Nebelkappen auf. Allein die Leute nahmen einen Pflugstrick oder eine lange Stange und fuhren damit oben über das Feld hin. Damit fielen den Zwergen die Nebelkappen vom Kopfe, sie wurden sichtbar und konnten tüchtig durchgeprügelt werden. Pröhle, Harzsag. 1, 199. 210. Um sich nun gegen die Nachstellungen der Hexen sicher zu stellen, kommt man ihnen auf folgende Weise zuvor. Man breitet in der Walburgisnacht ein weisses Tischtuch im Hofe aus, auf dem neunerlei Arten Kornes durch einander geschüttelt liegen, lässt sie vom Nachtthau benetzt werden und füttert damit sämmtliche Hausthiere vom Stier bis zum Huhn hinab. Darstellungen aus dem Gebiet des Abgl., Grätz bei Kienreich 1801, S. 9. Da auf ähnlich magische Weise auch der Butterraub ausgeübt wird, so ist das Gegenmittel hier wiederum ein gleiches: am 1. Mai alle Speisen recht stark zu schmalzen, Ankenschnitten, in der Schweiz eine dickgestrichene Ankenbrüt, am Familientische zu essen, allen Hausthieren davon zukommen zu lassen und dem Weidevieh beim ersten Austrieb ein solches Stück zu geben. Vom hexenhaften Buttergewinn erzählt Jac. Sprenger im Hexenhammer, pars 2, quaest. 1, cap. 14 folgende Begebenheit. An einem Maitag empfanden mehrere zusammen über Feld Spazierende grosse Lust, frische Maibutter zu geniessen. Sie standen zufällig an einem Flusse. Ich will euch solche besorgen, sprach einer von ihnen, wartet nur ein wenig. Er gieng in den Fluss, setzte sich mit dem Rücken gegen den Lauf, rührte mit den Händen rückwärts und es dauerte nicht lange, so brachte er eine förmliche Butterballe zum Vorschein, wie sie die Bauern im Mai machen. Die Gesellen fanden sie beim Verkosten ganz trefflich schmeckend.—Ein aargauer Bauernsprichwort sagt rationalisirend: Wer am Maitag Gras häufelt, der kann an der Auffahrt schon eine Ankenballe in seiner Matte bergen. Der gelehrte Abt Trithemius dagegen versichert in seinem für Kaiser Max I. verfassten Liber octo questionum (gedruckt bei Joh. Hasselberger 1515) alles Ernstes in der sechsten Frage: Exploratum habemus, maleficas in fluminibus concitatis hausisse butyrum temporibus. Daher heisst es, in der Walburgisnacht fliege der Drache um und trage seinen Gläubigen Butter und Schmalz aus fremden Häusern zu. Was er nicht weiter schleppen kann, speit er auf die Schwindgruben; die gelbweissen Algen in Tellergrösse, die man auf dem Düngerhaufen zuweilen erblickt, heissen daher Drachenschmalz. Schönwerth, Oberpfalz 1, 394. 396. Mit demselben Morgenthau erwartet man auch den Honigregen; denn, sagt Carrichter, des Kaisers Maximilian II. Leibarzt, in der Teutschen Speisskammer (Strassburg 1614) S. 69: "Da die Bienen im Herbste, obschon dann noch immer Blumen vorhanden sind, keinen Honig mehr eintragen können, so ist daraus zu ersehen, dass der Honig nicht aus den Blumen, sondern aus dem Thau bereitet wird, der zur Zeit des Siebengestirns auf die Blumen fällt;" und daher erzähle Galenus, 3. B. de alimentis, die Bauern hätten am Morgen, wenn sie Honig auf den Bäumen kleben gesehen, ein Freudenlied gesungen: "der grosse Jupiter im Himmel droben regnet uns Honig auf das Feld!" Unsre Bauernregel besagt: Viel Honigthau im Mai giebt starke Bienenschwärme. Thau und Honigfall wird von einem Engel uns zugebracht, er liefert, nach Hebels Alemann. Gedichten:
Mengmol e Hämpfeli Bluememehl,
Mengmol e Tröpfli Morgethau.
Da beides die ausschliessliche Nahrung der Unsterblichen ist, so ist sie darum auch so süssschmeckend; denn, sagt Hebel:
Dört oben wachst kei Gras, dört wachse numme Rosinli.
Die böhmische Haingöttin Medulina hat ihren Namen vom Honigtranke Meth. Sie ist eine Weisse Frau, die in der einen Hand ein Körbchen mit Pflanzen, in der andern einen Strauss trägt. Im Frühlinge trägt das Volk Honig in die Wälder, stellt ihn auf die Baumstöcke und spricht: Medulina, da hast du, du giebst es übers Jahr wieder! Grohmann, Böhm. Sagb. 1, 134. Im finnischen Epos Kalewala, 15. Gesang, wird erzählt, wie der ertrunkene Lemminkäinen von der Mutter wieder ins Leben gebracht wird. Alle Besegnungen und Heilmittel wollen ihm aber nicht wieder zum Sprachvermögen verhelfen. Da fleht die Mutter ein Honigbienchen an, es möchte hinauf in den neunten Himmel fliegen, wo Gott aus seinem Honigkeller die zu Schaden gekommenen Kinder salbt. Das Bienchen bringt von dieser Salbe herbei, die Mutter stillt des Sohnes Schmerzen und die Sprache kehrt auf seine Zunge zurück.
Das grosse Kapitel des Hexenglaubens liegt nun zwar mit der Walburgisnacht hier nahe genug zusammen; gleichwohl soll es nur so weit berührt werden, als dadurch der innerliche Grund seiner missgestalteten Meinungen an der Hand der bisher vorgetragnen Angaben zur Verdeutlichung gebracht werden kann.
Füllt der Königssohn im Zauberschlosse drei Flaschen mit dem Wasser des Lebens und heilt damit den alten kranken König (Grimm KM. 3, S. 178), so taucht dagegen die Hexe am Walpernabend ihren Finger in sieben Bouteillen, beschmiert sich damit und fährt so auf den Blocksberg. Kuhn, Nordd. Sag. S. 192. Dies aber sind ursprünglich jene Zinnkannen und silbernen Kannen, die beim Bergquell Salibrunnen an der Waldwohnung der Erdmännchen stehen (Aargau. Sag. 1, S. 198), oder die nächtlicher Weile vom Ritterschloss Breuerberg in der Wetterau zum zerstörten Nonnenkloster Erlesberg hinüber wandern. Wolf DMS. no. 454.—Das Horn, aus welchem zum Maienfest Minne getrunken wird, ist golden, wird in verschiedenen Kirchen aufbewahrt und als Altarkelch gebraucht; selbst das Bestehen ganzer Geschlechter ist an seine Erhaltung geknüpft (Menzel, Odin 250-53); das Trinkhorn aber am Blocksberg ist ein Kuhfuss und sein Inhalt ein seuchenträchtiger Satanstrank. Mit Fackeln wird Saat und Gras aus dem Boden gezündet, unter Glockenklang mit Musik und Gesang der Lenz geweckt, doch auch dieser dichterisch erfundene Brauch verkehrt sich ins Dämonische und wird sein eignes Gegentheil. Dann heisst das Entzünden der nächtlichen Freudenfeuer überall das Hexenbrennen, und aus dem lustigen Frühlingsbrauch, die nun endlich in Ruhe kommenden Besen und Schürgabeln in Flammen aufgehen zu lassen, macht der Unverstand einen Luftritt der Zauberer auf dem Besenstiel und ein sich selbst Verbrennen des Satans in Bocksgestalt. Während noch im J. 1839 das Märzfest im Bergell unter Trommelschlag und Hörnerklang begangen wurde, wobei ein jeder im Zuge Kuhschellen umgebunden trug und läutete, "damit das Gras wächst" (Leonhardi, Rhätische Sitt. 1844), gilt im kathol. Frickthal und in dem benachbarten badischen Schwarzwald kirchlich das Reifläuten im Mai, wie das Gewitterläuten im Sommer. Im tiroler Innthale umgeht am Jörgentage, 24. April, die russige Prozession die Felder. Mit Kuh- und Hausglocken, mit Hafen und Pfannen lärmend, im unflätigsten Sennenhemde und mit berusstem Gesichte, Kröten und Eidechsen zur Schau tragend, durchstreifen die Bursche das Gemeindefeld und werden bei ihrer Rückkehr ins Dorf dafür beschenkt. Und damit alle sittlichen Vorstellungen so recht vom Gaul auf den Esel kommen, tritt an die Stelle der rossetummelnden Saatenreiter die hässliche Bocksreiterei und der teufelsverschworene Bilmesschnitter. Auf einem schwarzen Bocke, am Fusse die Sichel angeschnallt, durchreitet und durchschneidet er den Aufwuchs ganzer Ackerbreiten. J. Feifalik hat in der österreich. Gymnas. Ztschr. 1858, 410 aus einer Hds. des Olmüzer Archivs einen Segensspruch veröffentlicht gegen "die Pylweisse om sent Wolbrygh-obent"; der Besegner giebt dabei dem Stallthiere eine geweihte Kerze zu verschlucken. "Es wor am Walburgisobende geschahn, wenn de Pülewesen osfaren", schreibt hievon der Schlesier A. Gryphius, Dornrose 51 (nach Weinholds Schles. Wörtb. 1855, 10). Mit Heilöl salbt die Schlachtenjungfrau den wundgewordnen Krieger; mit dem aus ihrem Brustbein fliessenden Oel heilt Walburg die Kranken; aber die zum Tanze ausfahrende Walburgishexe bestreicht sich mit einem in den Oberpfälzer Sagen Schönwerths 1, 372 ausführlich besprochnen Hexenöl, und wenn sie darüber im fremden Stalle betroffen wird, "streicht ihr der Bauer dafür den Buckel, dass sie Oel giebt". Alpenburg, Tirol. Sag. 1, 290. Thôrs Tochter heisst Thrudhr, d.h. die Tretende; denn nachdem der Ackergott, ihr Vater, das Korn hat reifen lassen, lässt sie die vollen Garben in der Tenne austreten. Hierauf aber wird die Trud zum Alp, welcher den Schlafenden auf die Brust tritt, dass er erstickt, oder, wenn ihr dieser mangelt, die neubelaubten Bäume reitet, dass man alle Verkrüppelungen an Eschen und Fichten Trudenpfötschen nennt. Das Stallthier wurde des Milch- und Buttergewinnes wegen in den Maienthau hinaus getrieben, dass es zuletzt dem thaumähnigen Rosse der jungfräulichen Walküren glich; statt ihrer aber liess hierauf der grobe Aberglaube die Trude Nachts in den Stall schleichen und die Thiere reiten, dass sie des Morgens abgehetzt und voll Schweiss dastehen, nur Mähne und Schweif ist von unbekannter Hand in zierliche Frauenzöpfchen geflochten. Statt die Häuser mit Maien zu schmücken und den Walbernbaum aufzupflanzen, werden so viele Ruthen auf den Düngerhaufen gesteckt, als man Rinder hat, die Kinder machen sich aus Weiden kleine Galgen und überspringen sie in die Wette; wer dabei nicht anstösst, in dessen Hause werden die Milchkühe ergiebig. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, 224. Ein förmliches Treibjagen wird gegen die Hexen angestellt; mit knallenden Peitschen werden sie aus der Dorfflur hinausgehauen, dies ist das Hexen-Tuschen, Hexen-Auspletschen in der Oberpfalz (Schönwerth 1, 312), das Maibutter-Ausschnellen in Tirol (Zingerle, Sitt. no. 783), das Hinausblitzen in Deutschböhmen (Reinsberg, Festl. Jahr 137). Mit einem tüchtigen Schuss Pulver schiesst man in die auf die Hausschwelle gesetzte Milchschüssel, dass kein Tropfen davon drinnen bleibt; dann hört die Kuh auf, blaue Milch zu geben. Darstell. aus d. Gebiet des Abgl. (Grätz 1801) S. 126. So weit erstreckt sich die Umwandlung alles Natürlichen ins Zauberhafte, so weit gieng die Gesunkenheit des ursprünglich so gesunden Volksbegriffs. Aller lebensfrohe rüstige Volksbrauch ist in Boshaftigkeit verkehrt. Wird im 13. Jahrhundert vielfach gegen den Volksglauben an sg. Nymphen gepredigt, so heissen diese doch immer noch schöne Jungfrauen, die mit brennenden Wachslichtern in den Ställen die Thiere besorgen, dass des Morgens Wachstropfen in den Mähnen der Rosse kleben; sie erscheinen unter schattigen Waldbäumen, verbinden sich dem Getreuen in Liebe, stillen dem Armen Hunger und Durst, ihre Herrin ist nach dem gelehrten Ausdrucke jener Zeit latein. Abundantia, die romanische dame Abonde, die Königin Habundia, unsre deutsche Göttin Fulla. Wo sie erscheinen, da bringt es dem Hause Glück und Vorsput. So anfangs als Allgütige verehrt, sind sie nun feindselig und gefürchtet; erst eine überirdisch schöne Holda, dann eine triefäugige Unholdin; erst eine thaufrische Walburgis, unter deren Schritt der Acker von Oel trieft, zuletzt eine Anna Walper von Wertheim, die im peinlichen Protokoll v.J. 1644 bekennt, den Teufel beim Hexentanze in einer eisernen Schellenkappe mitgesehen zu haben. Wolf, Ztschr. f. Myth. 4, 23. Sogar zu der finnisch-ehstnischen Bevölkerung ist dieser Name gedrungen, vermittelt durch die Schweden; der Heiligen Festtag heisst Wolpripääw (Russwurm, Eibofolke 2, 263. 1, 74. 98). Die Serben nennen den Hexenritt na Walporu. Haupt-Schmaler, Wend. Volksl. 2, 265. Noch bevor diese Satanisierung der deutschen Götter durch die Kirche genugsam durchgeführt werden konnte, verwandelten sie sich mit ihrer im Volksglauben nicht bezweifelten Macht erst ins Riesenhafte. In rückwärtsschreitender Betrachtung unseres Gegenstandes zeigen wir nun die Jöten- und dann die Walkürennatur Walburgis und sind damit am Schlusse.
Sechster Abschnitt.
Walburg, die Göttin der Zeugung und Ernährung.
Der Ordensneid der Jesuiten gegen die von ihnen unabhängigen Diöcesen und Stifte gab den ersten Anlass, die Walburgislegende in ihrem Gesammtzusammenhang zu betrachten, während man sie bis dahin fast nur in ihrer lokalen vereinzelten Tradition aufgefasst und dargestellt hatte. Die Ingolstädter Jesuiten, unter ihnen Gretser voran, wollten der niederdeutschen Walburg nicht die kirchliche Geltung der oberdeutschen zuerkennen. Jene, behaupteten sie, sei die sg. Walburga Westfalica, eine gewesene Nienheerser oder Herswender Nonne im Kloster bei Paderborn, die Schwester des dortigen Bischofs Liuthard, die um 840 gelebt habe und nebst ihrem Bruder 877 von den Vandalen erschlagen worden sei. Sie sei nur selig gesprochen worden, dagegen die Eichstädter Walburg sei bereits im J. 779 gestorben und canonisirt; erst ihr Ruhm habe jener westfälischen Namensschwester zu einigem kirchlichen Ansehen verholfen. Diesem Vorgeben steht indess in der Kirchengeschichte Niederdeutschlands alles Mögliche entgegen. Der grössere Theil der dortigen alten Stiftskirchen ist der hl. Walburg schon seit so alter Zeit geweiht, dass man daselbst von der Walburgiskirche zu Gröningen behauptet, sie sei ein Heidentempel der Göttin Walburg gewesen, und dass man in der Walburgiskirche zu Veurne (Diöcese Ypern) sogar noch die Stelle zeigt, wo dieser Göttin Menschenopfer gebracht worden sein sollen. Wolf, Ndl. Sag. no. 309, S. 696. Bollandisten l.c. 522. Die Annahme eines sehr hohen Alters dieser Kirchen wird zugleich durch ihren Baustil unterstützt; die zu Gröningen ist eine Rotunde mit thurmähnlichen Mauern und steht auf einem Gange, welcher unterirdisch bis zum Nachbardorfe Helgen führen soll. Diejenige zu Antwerpen, in der dortigen Altstadt gelegen, heisst Burg (castrum), in ihrer Krypta soll Walburgis auf ihrer Herreise aus England gewohnt und die Gastfreundschaft der Stadt genossen haben. Je weiter man nun den Walburgiscult nordwärts verfolgt, um so mehr tritt seine heidnische Abkunft hervor, und Walburg nimmt da nebst ihrem bischöflichen Bruder die vergröberte Gestalt der Riesen an. Schon im Harz wird Wilibald ein Hüne genannt (Pröhle, Harzsag. 1, 275); um Harlem aber gilt Walburg als die Heerden weidende und Strandräuber vertilgende Riesin Walberech. Seeräuber ersäuft sie, Viehdiebe frisst sie lebendig auf; dann nimmt sie ihre Ochsen unter den rechten Arm, ihre Rosse unter den linken, steckt die Schafe zusammen in die Haare ihres Hauptes und geht so in einem Schritte von Holland nach England hinüber. Wolf, Ndl. Sag. no. 28. Als eine gleich ungestüme Heidenfrau, menschliches Mass überschreitend, gilt Walburg in Schweden, wovon in Wedderkop's Bildd. a.d. Norden, 2. Th. die Rede ist. Nicht anders erzählt die, irische Legende von der Hexe Moll Wallbee in Beeckmakshire, sie habe das Schloss Hao in einer Nacht erbaut und die Steine dazu von Dollgellen in der Schürze hergetragen. Als ihr dabei im Laufen ein Kiesel in den Schuh kam, schleuderte sie ihn heraus; er fiel auf den Kirchhof von Clowes, drei Meilen von Dollgellen, da liegt er noch, neun Fuss lang und einen dick. (Vulpius) Curiositäten Bd. 8, 240. Endlich hat sich jene Walburga Westfalica sogar als eine Antwerpner Venus herausgestellt, deren Abbildung in Wolfs Beiträgen 1, Tafel II, Figur 1, lehrt, dass sie keineswegs die antike Venus gewesen ist, sondern ein deren antiken Namen tragendes deutsches Götterbild. Es ist ein über dem Antwerpner Steenport in die Mauer eingelassenes, halb erhaben gehauenes Steinbild, das noch in seinen ursprünglichen Umrissen zu erkennen, in seinen Besonderheiten aber abgemeisselt ist; dasselbe hat langes Haar, hebt beide Arme bis zur Kopfhöhe anbetend empor und zieht die aus einander gespreizten Beine herauf. Dass es ein Götterbild war, urtheilt Wolf, l.c. 107, darin stimmen alle älteren Geschichtschreiber Antwerpens überein, unter denen auch der berühmte Bollandist Papebrochius; dafür spricht ferner die allgemeine Verehrung, deren es genoss, dafür zeugt auch, dass unfruchtbare Frauen ihm Kränze und Blumen opferten, die Manneszeichen, die es phallisch trug, abschabten und als Heilpulver tranken, um bald des Mutterglückes theilhaftig zu werden. Davon berichten Mart. Zeiller, Itin. Gall. Bl. 527; Goropius Becanus, Origin. Antverp. pg. 26; J.B. Gramaye, Antiquitt. Antverp. lib. II, pg. 13, und selbst die Bollandisten III, 521. Bei dem geringsten Zufalle, sagt Becanus, welcher Antwerpner Frauen begegnet, ob sie ein Küchengeschirr zerbrechen, oder sich die Zehe verstauchen, rufen sie ohne weiteres dieses priapische Bild laut an, und selbst bei den Anständigsten ist solche alte Unsitte noch im Schwange. Die Ortslegende, deren Gramaye erwähnt, erzählt, dass der hl. Willibrord, als er hier die Bekehrung begann, die heidnische Anbetung dieser steinernen Walburgis schon vorgefunden und an ihrer Stelle den Dienst der hl. Walburgis eingeführt habe. Die Heiden hätten jedoch von diesem Idol ihrer Venus nur sehr zähe abgelassen, und daher rühre denn der bei den dortigen Weibern andauernde schmutzige Brauch, deren Hartnäckigkeit in Sachen des Aberglaubens allbekannt sei. Somit steht der Cult einer vorchristlichen, norddeutschen Walburgis fest, welche in der Mönchsprache Venus und, da sie phallische Abzeichen trug, Priapus genannt worden ist. Ihre Hermaphroditengestaltung entspringt aus den ursprünglichen Grundbegriffen der eddischen Götterlehre, zu Folge welcher die Gottheit doppelgeschlechtig ist, um sich selbst ins Unendliche fort zu erzeugen. Dem Urriesen Ymir erwuchs unter dem linken Arme Mann und Weib. Tuisco, der vaterlose Stammgott, erzeugt aus sich selbst den Sohn Mannus. Die Ackergöttin Walburg musste doppelgeschlechtig sein, wie die Pflanze und das Samenkorn ein Zwitter ist. Als weiblicher Liebesgott erscheint sie priapisch, gleich dem männlichen Liebesgotte Freyr, (ahd. Frô), welchen Adam von Bremen Fricco unter der ausdrücklichen Beifügung benennt, er werde phallisch abgebildet, walte über Regen und Sonnenschein und stehe den Werken des Friedens und der Ehe vor: cujus simulachrum fingunt ingenti priapo; si nuptiae celebrandae sunt, sacrificia offerunt Fricconi. Sein Name gründet in der Wurzel prî = freien, woraus auch Πρίαπος, selbst stammt. Freyrs Schwester Freyja (gleich der altslavischen Prija = Venus) ist daher die Ehefrau ausschliesslich. Es ist nun gewiss ausserordentlich bedeutsam, dass sich ganz dieselbe Verehrung heidnisch-phallischer Bildwerke im Eichstädter Gebiete, als dem süddeutschen Schauplatze der Wirksamkeit der hl. Walburg, wieder findet. In dem zwischen den Städten Eichstädt und Weissenburg am Ausgänge des grossen Weissenburger Waldes gelegnen Dorfe Emmetsheim findet sich unter mehrfachem römischem Grundgemäuer im Garten des dortigen Wirthshauses ein antiker Steinwürfel, dessen eine Seite die Grabinschrift einer römischen Ehefrau, die andere die eines Merkuraltares trägt. Letztere zeigt die Herme einer stark gebrüsteten Frau; auf der andern ist eine nackte Figur sitzend dargestellt mit aus einander gespreizten Beinen, beide Hände am Phallus haltend. Beide Figuren sind an den Einzeltheilen vorsätzlich verstümmelt. Noch im vorigen Jahrhundert setzten sich unfruchtbare Weiber auf dieses Steinbild, um dadurch zum Kindersegen befähigt zu werden, und als der Markgraf von Ansbach am 7. April 1721 hier durchreisend den Stein besah und um ihn für seine Kunstsammlung anzukaufen, sich an den Eichstädter Bischof wendete, wurde ihm die Antwort, dass diese Gruppe als Nahrung des Wirthes in statu quo zu belassen sei. Sax, Gesch. v. Eichst. 1857, S. 287. Von der Mönchsweisheit wurde dieses Bild abwechselnd bald der Götze Miplezeth (1 Könige 15, 13), bald Priapus genannt. Falkenstein, Nordgau. Alterth. 86. "Der Phallusdienst, sagt Grimm, Myth. 1209, entspringt in der Kindheit der Völker aus einer schuldlosen Verehrung des zeugenden Prinzips, die eine spätere, ihrer Sünde bewusste Zeit ängstlich mied." Voltaire war der Urheber der tiefen Bemerkung, dass schlüpfrige religiöse Ceremonien nichts gemeinsam haben mit schlüpfrigen nationalen Sitten. In dem Essar sur les moeurs ch. 143, Oeuv. 17, 341 sagt er: "Unsre Vorstellungen über Wohlanständigkeit veranlassen uns zu glauben, ein uns schamlos erscheinender Brauch könne nichts anderes als eine Erfindung der Zügellosigkeit sein. Allein es ist unglaublich, dass Sittenverderbniss jemals bei irgend einem Volke die Stifterin religiöser Ceremonien gewesen wäre. Im Gegentheile ist es verbürgt, dass dergleichen Bräuche bereits in den Zeiten der Sitteneinfalt entstanden und dass man dabei keinen andern Gedanken hatte, als die Gottheit in dem uns von ihr gegebnen Lebenssymbole zu verehren. Ein derartiger Feierbrauch hatte den Zweck, die Jugend für ihre Reife zu begeistern und kann nur einem ergreisten Gehirne in abgeklärten, abgefeimten oder moralisch ruinirten Epochen lächerlich erscheinen."
Folgerichtig wurde nun die Göttin der Fruchtbarkeit nicht nur in ihrer Körpergestalt priapisch gedacht, sondern auch die von ihr kommende Frucht, in gleicher Weise künstlich geformt, zum Genusse dargeboten. Daher weihte man den Gottheiten des Ackerbaues phallisch geformte Kuchen. Priape, aus Weizenmehl gebacken, erwähnen Martial (XIV, 61: Priapus siligneus; IX, 3: siligneus cunnus) und der Scholiast zu Juvenal II, 53: membra virilia, de melle et fermento composita. Unseren eignen Vorfahren war diese Sitte keineswegs fremd. Joh. Campegius De re cibaria 1560 schreibt: aliae placentae repraesentant virilia (si diis placet); adeo degeneravere boni mores, ut etiam christianis obscoena et pudenda in cibis placeant. Sunt etiam quos cunnos saccharatos appellent. Dass solcherlei Kuchen (miches), die weiblichen Theile darstellend, vorzugsweise in der Auvergne gebacken wurden, bemerkt Dulaur De divinites generatrices 226 und fügt noch hinzu: dans plusieurs parties de la France on fabrique des pains, qui ont la figure du Phallus. Aehnliche Landesbräuche umgeben uns noch ringsum, man braucht nur die Augen zu öffnen. Das Milchbrod der fränkischen Eierweckchen, in bekannter zweideutiger Form gebacken, heisst in Ansbach Klärungsweck; dieser Name wird daselbst nicht etwa von Eierklar abgeleitet, sondern von der Clairon († 1803 zu Paris), des letzten Ansbacher Markgrafen Hofmaitresse, deren Lieblingsspeise diese feine Brodgattung gewesen sein soll. Archiv f. Oberfranken V. 2, 93. Das altbairische breite Eierweckel wird als Geschenk nur an Mädchen gegeben, dagegen das stangenartige Weissbrod des Kipferl nur an Bursche. Dass man in den oberbair. Gegenden beiden Brodformen sexuelle Bedeutung unterlegt, beweisen die um Rosenheim und im Chiemgau hierüber gesungenen Schnaderhüpfeln, in denen das stuprum variirt wird. Aehnlich ist das obscöne Gebildbrod der Meissner Fummeln, über welche Schäfer im ersten Theil der deutschen Städtewahrzeichen 1858 gehandelt hat, und dasjenige der verschiedenartig, stets schimpflich zubenannten Nonnenkräpflein. Deutsche Festbrode, gebacken in Gestalt der in den Cannstatter Grabhügeln aufgefundenen Frôbildchen, welche das gleiche Symbol des Belebens und Wiedererweckens an sich tragen (Memminger, Beschreib. des OA. Cannstatt, 18), heissen in Oberdeutschland Mannoggel, Nikolause, Klausmänner, Hanselmänner, Grittebenze; in Niederdeutschland Sengterklas, Klaskerlchen u.s.w. Die weibliche ähnlich gestaltete Brodfigur wird gewöhnlich nur die Frau genannt. Beiden ist gemeinsam, dass ihnen Augen, Brüste, Rockknöpfe aus Korinthen eingesetzt sind, dass sie beide Arme in die Seite einstemmen und ihre Beine weit aus einander spreizen; daher auch ihr Name Gritte, Grittebenz, altbair. Beingrattel, varus oder valgus. Es ist in ihnen, also die Stellung der beiden vorhin beschriebenen Steinbilder zu Antwerpen und Emmetsheim typisch wiederholt. Alle diese Formen sind symbolische, dem mythischen Zeitalter und den Urvorstellungen der Menschheit angehörende, und müssen eben darum gegen unser Sittengesetz verstossen, weil dieses im Bewusstsein des Naturmenschen noch gänzlich schlummert.
Bis hieher ist verspart geblieben, den Namen Walburg zu erklären und mit den Hauptzügen seines Mythus in Verbindung zu bringen. Wie der bisher vorgetragene Sagenkreis in zwei Hälften sich scheidet, in ein lichtes Frühlingsgebiet und in ein dämonisches Nachtreich, so führt auch die Etymologie des Namens in diese Doppelwelt. Die schönere Seite mache hier den Beginn, weil sie sprachlich die ergiebigere ist.
Wenn der liebende Wuotan im Frühlingsbeginne seine Vermählung mit der Himmelsherrin (Freyja, Frouwa) feiert, so trägt er den ahd. Beinamen des Liebesgottes Wunscio, nordisch Oski, und ist begleitet von einem Liebesheere von Brautjungfern, welche die schwanenweissen Wünschelfrauen, Schwanenjungfrauen sind, nord. ôskmeyjar, Wunschmädchen. Das Wort Wunsch stammt aus wunia, bedeutet Lust und Liebe, und führt uns sogleich 1) auf Walburgis Mutter Wunna, aus deren Namen die Lateinlegende eine Bona mater, und die niederdeutsche Legende eine Frau Guta bildete (Gretser 749), eine in der deutschen Heldensage vielgenannte Ahnfrau der Heldengeschlechter. Sodann führt Wunsch 2) auf den Namen eines der Brüder Walburgis, Wunnibald: der den Wonnewunsch Gewährende.
Als Wunnas Oheim sodann wird in dem von Othlon verfassten Leben des Bonifacius dieser Bekehrer Winfrid genannt (der Frieden Gewinnende); diese beiden Namen alliteriren zum Namen Wunnibald und stellen also durch gleichen Wortstamm und gleichen Anlaut, auch sprachlich eine Sippe dar. Des andern Bruders Wilibald Name knüpft sich an den eddischen Beinamen Odhins, Vili, opes und felicitas bedeutend. Dem Namen Winfried entspricht der ahd. Frauenname Winburc, demjenigen Wilibalds eine ahd. Wiliburc und Willahild; und vorgreifend sei bemerkt, dass die englische Königstochter Werburga auch Walburg hiess: Wêrburga, Wulferi, Merciorum regis et Ermenildae filia, quae saepius etiam Walpurga dicitur. Basnage bei Canisius tom. II. 3, 266. Walburgis Vater heisst Richard, d.i. dives, potens, wieder allmächtige Gott gleicherweise der Reiche genannt wurde. Sämmtliche Namen in Walburgis' Sippschaft sind also nächstverwandt mit den höchsten Götternamen. Der Himmel nun, in den jenes Liebesheer geflügelter Jungfrauen das Götterpaar geleitet, ist Walhall, nordisch Valhöll, und der silbergedeckte Saal darin heisst Valaskiâlf, der Wunschhof, also eine Wahlburg, eine Burg der Auserwählten. In gleicher Namensbildung wie Walburg besteht der angelsächsische Name der Friedensgilde: Fridborg, d.i. Friedensbürgschaft.
Allein jenem Wonnemonat der Vermählung Odhins geht des Gottes stürmische Brautwerbung im Mittwinter (den Zwölften) voraus, wo die leidenschaftlich Wünschenden zu Verwünschten, die Liebenden zu Wüthenden, ihre Hochzeitsreigen zu geschlechtlichen Hexentänzen werden (Grimm, Ueber den Liebesgott). Dann ändert sich die Bedeutung des Wortes wal (von valjan, eligere). Die Gemahlin Freyja wird eine Valfreyja, die sich mit Odhin in die Leichen der auf der Walstatt Erschlagnen theilt, die Jungfrauen ihres Gefolges sind die Walküren, welche die auf dem Wal Gefallnen auswählen und für den Himmel erküren. Die Wolen, sonst nach der Seherin Wala genannt, werden schicksalspinnende Parzen. Nun sind es Schildjungfrauen, die unter Wetterleuchten durch den Nachthimmel niederreiten. Sie stehen unter dem Helme, ihre Brünne ist blutbespritzt, Feuer zuckt auf ihrem Speer. Noch fliesst Thau aus den Mähnen ihrer Rosse herab und reiche Ernten trägt dann der wildbefeuchtete Boden; aber zugleich flattert das Schlachtfeld von windgebauschten weissen Kriegsmänteln, als fiele ein dichtes Schneegestöber, und von ihren Zaubergesängen verwandelt sich der Nachtthau in Reif und Hagelschlag. Noch ist ihre Gestalt schwanenweiss, geflügelt umschwebt Kara ihren im Kampfe stehenden Helgi so nahe, dass dieser zum Hiebe ausholend, sie selbst in den Fuss trifft. Allein dieser Schwanenfuss wird zugleich verkehrt in den gegen die Hexen auf die Thüren gekreideten Trudenfuss, oder es erscheint das leichenankündende Gespenst des Holzweibleins gar in Gestalt einer weissen Gans (Schönwerth, Oberpf. Sag. 1, 268). Der Schwanenfuss wird zum Gänsefuss verkrüppelt, aus der Königin Berta wird eine Königin Gansfuss, Reine pédauque. Wollen sich die Bollandisten III, 516b erklären, warum die hl. Werburg so häufig mit der hl. Walburg verwechselt werde, so sehen sie den Grund hievon darin, dass beiden die Wildgänse gehorsam gewesen seien. Dahin gehören nun die vielfachen Wunder, die am Walburgisgrabe zu Monheim an Klumpfüssigen geschehen, wie z.B. eine Frau Manswind aus dem bairischen Markt Trutinga (Wassertrüdingen) dorten Heilung ihres Klumpfusses gesucht und gefunden hat. A. SS. l.c. 304. Die den Thau bescheerende, schwanenfüssige Walküre und der für seinen gelähmten Fuss im Thau Heilung suchende Kranke erscheinen sachverwandt; in der L. Bajuv. 4, 10 und 5, 16 wird der Fussgelähmte nach alemannischem Ausdrucke tautragil genannt, der Thauschlepper, wie in Friesland die Hexe daustrîker heisst, weil sie in schädigender Absicht den Maienthau mit plumpem Fusse vom Grase streicht. Grimm RA. 94. 630. An frühzeitigen Uebergängen des Namens Walburg in das Gebiet des Dämonischen kann es daher nicht mangeln. Walahild heisst eine der Walküren; Walgund ist die im Hugdietrich und im Wolfdietrich besungene Königstochter; Walber eine nordd. Riesin; Walberan der riesig starke, kriegsgewaltige König (im mhd. Gedichte König Laurin), welchen Dietrich im Zweikampfe nicht zu besiegen vermag. Der Versammlungsplatz der Hexen auf Island heisst Valakirkja und liegt am Ingolfsfjall, einem hervorragenden Berge des dortigen Südlandes. Vala wird dorten die böse Stiefmutter genannt im Märchen von Schneewittchen. Maurer, Isländ. Sag. 107. 280. Die niederd. Hexe Valrîderske ist eine Pferdemahr, die sich zu ihrem Nachtritte fremder Rosse heimlich bedient, schweissbedeckt stehen diese Morgens darauf im Stalle. Simrock, Myth. 421. So viel über den Namen Walburg, insoweit er der Reihe der Bedeutungen nach zuerst die in der Wünschelburg wohnende Götterjungfrau, dann eine steinschleudernde Riesin, eine leichensammelnde Walküre, ein die Früchte und Thiere zehntendes Zauberweib bezeichnet hat. Herabgesunken zur landschaftlichen Sagengestalt, hat Walburg es im Hochnorden, gleich dem übrigen Riesengeschlechte, ausschliesslich mit der Viehzucht zu thun und wird darüber zur Göttin der W. Jagd. Bei dem 1588 zu Nürnberg abgehaltenen grossen Fasnachtszuge erschien das Wilde Heer unter Anführung "der Frau Holda auf einem schwarzen wilden Rosse; als die wilde Jägerin stiess sie ins Horn, schwang die knallende Peitsche, schüttelte ihr Haupthaar wild umher wie ein wahrer Wunderfrevel, und der mitzuschauende bamberger Bischof sprach zum Markgrafen Albrecht von Ansbach: Das ist eure Jagdgöttin; dieser aber erwiederte: Bannet das Ungethüm, aber nur heute nicht!" Vulpius, Curiositäten, Bd. 10, S. 397. In Mitteldeutschland geht sie mit dem Geschäfte des Flachsbaues und Spinnens um; in Süddeutschland erst erscheint sie als Ackerbauerin und siedet Bier. Bei diesem letzterwähnten Geschäfte nimmt sie den Namen der Frau Holle (die Huldreiche) an. "Der gemeine Mann nennt sie Frau Holle und die Mägde auf den Dörfern verstecken ihre Spindeln vor ihr", sagt im J. 1812 von ihr ein thüringischer Bericht, Curiositäten, Bd. 2, 472; und eine schon ältere Notiz in Prätorius, Blockesberg S. 457 lautet: "Am Walburgisabend darf man weder spinnen noch auch das Garn nur auf der Spindel lassen, sonst machen die Hexen Bratwürste daraus, d.h. ungleichfädiges Garn. Die Thüringer geben vor, dann ziehe Frau Holla herum und verwirre oder hole das Garn."—