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Drei Gaugöttinnen

Chapter 46: Zweiter Abschnitt.
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About This Book

This study traces the popular cults of three German female saints back to earlier regional goddess figures, arguing that localized veneration preserves pre-Christian Gau-deities. It maps the geographic limits of each cult, recounts legends and rituals, and reads folk memory as an informal archive of vanished cultic structures. The author examines how Roman and monastic Christianity transformed, militarized, or demonized formerly domestic and sacred female roles, and how hagiography reinterpreted native virtues into miracles and moral tests. Combining antiquarian observation, legend critique, and social-moral sketches, the book shows continuity and alteration in rural belief and the reconfiguration of female religious authority.

Das schicksalwebende Wunschmädchen webt das Eheband, darum wird am Garnfaden in der Walburgisnacht das S. 40 bereits erwähnte Liebesorakel erforscht, und neun gesponnene Flachsknoten sind heilsam (Myth. 1182); als flachsspinnende Schwanenjungfrau erscheint es ferner sowohl im Liede von Wieland dem Schmied (Simrock, Myth. 345), als auch in der schlesischen Spillaholle (die Spindelhulda), und diese wohnt im Hollabrunn (Vernaleken, Alpensag. 121), um hier kinderlosen Eltern deren Wunschkinder herauszuschöpfen.

In der Niederlausitz heisst Walburgis Holpurga (Pott, Familiennamen, 117), in der Oberpfalz nennt man die Hexenausfahrt zu Walburgis die Hullfahrt, das Hullfahren, und der bezügliche Schimpfname ist Hullsluder. Schönwerth 3, 177. Hier thut zugleich der Spirantenwechsel das Seinige zur Namens-Umgestaltung; wie aus Wuotan ein niederd. Wôd und Hoden wurde (englisch Robin Hood), so aus Walburg eine Frau Wulle und Frau Hulle. Was in den Zwölften gesponnen wird, das besudeln Frau Holle und Frau Wolle, Frau Hulle und Frau Wulle. Kuhn, NS. 417. Ebenda 418 heisst Frau Hilde Verhellen, bei Müllenhoff 178 Ver-Wellen. Der bierschenkenden Frau Holle, welche im Walperholz bei Arnstadt Volles Mass ausruft, ist schon im vorletzten Abschnitte gedacht worden, und mit diesem Geschäfte Walburgis als einer den Maienthau spendenden, älschenkenden Frühlingsgöttin werde hier abgeschlossen.

Im Herzen des bairischen Fruchtlandes werden jene drei letzten Aehren oder Aehrenbüschel des Ackers, welche die Schnitter zum Opfer stehen lassen, bekränzt, umbetet, umtanzt und eben so genannt, wie Walburgis dritter Bruder heisst, Oswald, d.i. der allwaltende Ase. Dieses Aehrenopfer ist in einer Passauer Urkunde des 13. Jahrh. Wûtfutter genannt (Panzer BS. 2, 505), hat ebenso in Meklenburg unter denn Namen Wode gegolten und war also in diesen beiden, geschichtlich sich fremdgebliebnen Landstrichen ein dem Wuotan geweihtes Ernteopfer, bei welchem man das Wodelbier als Trankopfer darbrachte. Eben diese heidnische Erinnerung ist christlich personificirt worden im hl. Oswald, und so hat denselben Zingerle in seiner Ausgabe der Oswaldslegende pg. 74 nachgewiesen. Diese beiden leiblichen Geschwister, Oswald und Walburg, tragen in ihrer Hand das Attribut der drei Aehren. Bruder Oswald besitzt bei dem nach ihm benannten tiroler Dorfe eine geheiligte Quelle, die als des Landes Jungbrunnen gilt (Zingerle, Sitten no. 936); die Schwester Walburg spendet nebst solchen Heilquellen das besondere Heilöl: es ist dies die Nährkraft des unter dem Einflusse des Maienthaues sich bildenden Getreidekornes. Der Thau, der aus der Mähne des Walkürenrosses trieft, verleiht dem Erdboden seine Lebens- und Befruchtungsquellen; aus dem Trinkhorne bietet hierauf die Walküre Oelrun den von ihr gebrauten Seligkeitstrank dem in den Himmel Eingehenden. Wie war oder ist nun der Name dieses Trankes? Zum Meth führt am Weissen Sonntag, 8 Tage nach Ostern, der altbair. Bursche sein Mädchen, es soll sich dabei schön und stark trinken. Schmeller, Wörtb. 3, 360. Der Litthauer nennt sein Hausbier, das bei keinem häuslichen Feste fehlen darf, Alus, das Bärtige, denn es wird aus der grannenreichen Gerste gebraut; der Alus hat Hörner, sagt er von der Stärke dieses Getränkes, ja Gerste bedeutet ihm überhaupt so viel wie Getränk. Schleicher, Litthau. Märch. 1857, S. 3. 149. 160. Von der Wirkung des Münchner Bockbieres pflegt der Baier eben dasselbe zu sagen: der Bock hat ihn gestossen. Ob wir nun obige Walküre Oelrun in ihrem Namen ableiten von Alarun, allwissend durch die um ihr Trinkhorn geschrieben stehenden Runen, oder von Aelrun, die den Göttern den Stärketrank kredenzende, so verschlägt diese doppelte Etymologie hier in der Sache selbst nichts; Ael und Oel, beiderseits der Begriff der Lebensnahrung, ableitend von goth. aljan lat. alere, ist hier längst in den Eigennamen und in die bezüglichen Symbole eingedrungen. Der Skandinavier nennt das Bier, das er im Heidenthum den Alfen opferte (âlfablôt), heute das Engelbier: Engelöl (Mannhardt, Mythen 326). So braut man seit Altem in England das Ale, in Rostock Oelbier (Coler, Oeconomia lib. 2, pg. 23), in Breslau Schöps, in Wollin Bockhänger (Klemm, Nahrung, 335), in München Bock, dessen Ausschank daselbst mit dem 1. Mai beginnt und anzudauern hat bis Pfingsten. Er hält dorten somit dieselben Termine ein, die kalendarisch für das Gedeihen der Kornsaat und kirchlich für das Fliessen des Walburgisöles gegolten haben.

Vorahnend hat Uhlands realistische Dichterphantasie den Inhalt des hier abgeschlossnen Mythenkreises, wie folgt, umschrieben:

Auf den Wald und auf die Wiese,

Mit dem ersten Morgengrau,

Träuft ein Quell vom Paradiese,

Leiser frischer Maienthau.

Wenn den Thau die Muschel trinket,

Wird in ihr ein Perlenstrauss;

Wenn er in den Eichstamm sinket,

Werden Honigbienen draus.

Mit dem Thau der Maienglocken

Wäscht die Jungfrau ihr Gesicht,

Badet sie die goldnen Locken

Und sie glänzt vor Himmelslicht.

Selbst ein Auge rothgeweinet

Labt sich mit den Tropfen gern,

Bis ihm freundlich nieder scheinet

Thaugetränkt der Abendstern.


II. Verena mit dem Kamme,

die Kindsmutter.


Erster Abschnitt.

Verena, eine Gauheilige.


Kirchliche Gestaltung und geographische Ausbreitung der Verenalegende; ersteres bedingt durch die Legende von der Thebaischen Legion, letzteres durch die Ausdehnung des Konstanzer Bisthums. Verena's Weihkirchen und Altäre in der Schweiz. Ihr Doppelgrab und ihre Reliquien in Zurzach. Mittelhochdeutsches Gedicht von sand Verene.

Die heidnische Verenasage wurde in ihrer Vereinsamung frühzeitig der Kirchenlegende der Thebaischen Legion einverleibt und gewann dadurch eine Verbriefung ihres eignen hohen Alters und ihren ersten Zusammenhang mit der frühesten schweizerischen Kirchengeschichte. Bekanntlich ist die Legende von der Thebaischen Legion aus Oberitalien und Savoyen her in die Schweiz gedrungen, und hat sich von da Rhein abwärts weiter ausgebreitet. Sie handelt von einer zu Thebae in Aegypten gestandenen römischen Legion, welche dorten zum Christenthume übergetreten, dann nach Italien und unter Constantius Chlorus nach Helvetien versetzt, schliesslich zu Martinach, die Theilnahme an einem heidnischen Opfer verweigernd, decimirt worden sein soll. Einzelne, diesem Blutbade entronnen, gelangten an die Aare und den Rhein und erlitten hier, unermüdlich den Christenglauben ausbreitend, gleichfalls den Martyrertod. Wo dieses in Helvetien geschah, da sind denselben die ältesten Stifte und Kirchen geweiht worden; so dem hl. Mauritius zu Martinach in Wallis und zu Bern; dem Ursus und Victor zu Solothurn; Felix, Exuperantius und Regula zu dritt in Zürich u.s.w. Die mit dieser Soldatengeschichte ganz äusserlich vereinbarte Verenenlegende berichtet, entkleidet ihrer märchenhaften Zuthaten, ungefähr Folgendes.

Verena, eine junge Christin zu Anfang des vierten Jahrhunderts, begleitete jene Thebaische Legion, in welcher sie einige Verwandte hatte, aus Afrika nach Italien und verblieb, beim Abmarsche der Truppen nach Helvetien, zu Mailand, um sich hier der Krankenpflege gefangener Christen zu widmen. Als sie jedoch die Kunde von dem gewaltsamen Tode der Ihrigen vernahm, wanderte sie, um deren Gräber zu besuchen, über die Alpen nach Martinach in Wallis und nach Solothurn. An diesem letzteren Orte abermals die Armen und Kranken pflegend und die christliche Lehre verbreitend, wurde sie vom römischen Statthalter in den Kerker geworfen, jedoch wieder freigegeben, als ihr Gebet ihm Genesung von lebensgefährlicher Krankheit erwirkt hatte. Zu neuer Uebung werkthätiger Menschenliebe schifft sie hierauf auf der Aare nach dem Dorfe Koblenz; begiebt sich von da in das benachbarte Zurzach, weil sie vernommen hat, dass dorten bereits eine Christengemeinde besteht, und nimmt hier ihre bleibende Wohnstatt. Sie besorgt als Dienstmagd, eines Priesters Hauswesen und widmet ihre Zwischenzeit der Pflege der ausserhalb des Ortes in einem Siechenhause sich selbst überlassnen Aussätzigen; ihnen überbringt sie, was sie sich von ihrer eignen Nahrung abbricht, Brod und Wein. Aber der Knecht jenes Priesters verdächtigt sie der Veruntreuung im Haushalte. Während sie eines Tages sich wieder zu den Siechen begeben will, tritt ihr argwöhnischer Herr unversehens hervor und stellt sie zur Rede, der herzugeschlichene Knecht hebt den Deckel vom Krüglein, das sie trägt. Siehe, da findet sich statt des Weines nichts als Lauge und statt des Brodes ein Kamm, beides zur Reinigung der Kranken bestimmt. Für den Rest ihrer Tage bezog sie eine Klause neben jenem Siechenhause und setzte die Werke der Barmherzigkeit fort. Ueber ihrer Grabstätte ward erst eine kleine Kapelle gebaut, nachmals wurden ihre Gebeine erhoben und in die Zurzacher Stiftskirche versetzt. An der Hand der Thebaer-Legende, die Anfangs des vierten Jahrhunderts spielt, wird das Jahr von Verenas Ankunft zu Zurzach auf 323 und ihr Tod auf 344 mit naiver Zweifellosigkeit angesetzt.

Die Thebaische Legende ist eine romanisch-katholische Sage über die geschichtliche Thatsache, dass und wie die arianischen Burgundionen, denen im J. 443 die Landschaft Sapaudia, d.h. die Gegend von Lyon, Genf und Hochsavoyen, von Reichs wegen eingeräumt worden war, sich der dortigen Römerchristen durch militärische Massen-Niedermetzelungen zu entledigen versucht hatten. Die nachmalige Verquickung dieser Legende mit dem hebräischen und dem antiken Sagenkreise begann der romanisch-katholische Klerus und setzte der deutsche in römisch-kirchlichem Interesse fort. Man lokalisirte sie daher in allen denjenigen Städten und Stiften Deutschlands besonders, in denen zuerst das politische und dann das kirchliche Römerthum das herrschende gewesen war. Daher finden sich die Altäre, Reliquien und Historien der Thebäer schon von Alters her vor in Bonn, Köln, Trier, Xanten, Mainz, Augsburg, Regensburg, Sitten, Genf, Solothurn. Auch das kleine Zurzach war eine solche Legionenstadt der Römer gewesen. Seit dem Jahre 1000 verfasst der Klerus dieser Städte die sg. Weltchroniken, als deren Hauptwerk die deutsche "Kaiserchronik" gilt, alle von den Thebäern entweder anhebend oder zu deren Preise endigend. Dass auch die Schweiz in ihren Stiften Tendenzchroniken dieser Art im Mittelalter besass, darüber sind Nachweise gegeben in den Mittheill. des St. Gall. geschichtsforsch. Vereines 1862, Heft 1. Von der hl. Verena ist jedoch in diesen Werken noch nirgend die Rede; nicht desshalb, weil jene ursprünglich nicht zu den Thebäern gehörte oder zu schwierig mit diesen zu vereinbaren gewesen wäre, denn was hätte die phantastische Kühnheit dieser gelehrten Mönche nicht mit einander verschwistert! sondern desshalb, weil Verena nur auf alemannischem Boden ihre Giltigkeit gehabt hatte, hier als Gauheilige nur allmählich kirchliche Anerkennung fand und in den übrigen Kirchensprengeln unbekannt, ja förmlich ausgeschlossen blieb. Die ritterlichen Thebäer wurden, volle 6666 Mann stark, der stummen Demuth des barmherzigen Weibes vorgezogen. Recht auffallende örtliche Missverhältnisse stellen dies ins Licht. Der Kirchenkalender des Bisthums Sitten ist durchaus auf die zu Agaunum (angeblich St. Moritz in Wallis) geschehene Enthauptung der Thebäer gegründet; allein er lässt am 1. Sept., als dem kirchlichen Gedächtnisstage, Verenas, nicht diese feiern, sondern den hl. Egidius, der als Einsiedler die Rhonemoräste bewohnt und urbar gemacht hatte. Das gleiche Missverhältniss findet auch in der Diöcese Solothurn statt. Die beiden Thebäer Ursus und Victor sind Patrone der Stadt Solothurn und werden dorten mit eignen Weihkirchen, Prozessionen und Bruderschaften verehrt; nicht aber zugleich auch Verena, die doch jenen beiden hieher nachgezogen war und hier unter Verfolgungen gelebt und gewirkt hat. Zwar trägt die dortige am linken Ufer der Aare liegende Einsiedelei noch den Namen Verenae und ist mit einer gewölbten, von einem Eremiten gehüteten Kapelle versehen, einst der Wohnort der Jungfrau; dennoch feiert die Solothurnische Kirche den Verenentag nicht. Ja nicht einmal dasjenige Martyrologium; welches für die Zurzacher Stiftsherren ursprünglich das massgebende war, enthält Verenas Namen und Gedächtnissfest, wie dies unzweifelhaft aus des Minoriten Paulus Schwenger Römischem Martyrologium erhellt, verbessert von Pabst Benedictus XIV. Cöln 1753, S. 212 und Anhang S. 16. Diese Thatsachen beweisen, dass Verenas kirchlicher Cultus überhaupt erst spät in Aufnahme gekommen ist, dass die Heilige auf dem Gebiete von Kleinburgund, obschon sie hier gewohnt, unbekannt geblieben und also mit der dorten einheimischen Thebäerlegende ursprünglich gleichfalls nicht verschwistert gewesen ist. Sie ist eine Alemannin, gehört dem Konstanzer Sprengel an und hat erst diesem ihre kirchliche Reception zu verdanken. Das Konstanzer bischöflich approbirte Breviar vom J. 1509 (gedruckt bei Erhardtus Ratdolt, civis Augustensis, Calcographus) lässt die Heilige nicht erst auf den vorhin geschilderten Umwegen, sondern gleich anfänglich zu den Alemannen kommen und da heftig durch den Teufel versucht werden: nam Alemanorum gens dyabolo subdita; es setzt den Verenatag, 1. Sept., als einen doppelten Feiertag an und stellt ihm jenen des hl. Egidius entweder nach oder verlegt diesen auf den Samstag voran, wenn Verenatag auf einen Sonntag fiele.

Um daher zu erfahren, wie weit sich vordem der Verenacultus erstrecken konnte, muss man die Grenzen des Konstanzer Sprengels betrachten. Das Konstanzer Bisthum, das herkömmlicher Annahme zu Folge nach gänzlicher Zerstörung Vindonissas, des ursprünglichen Bischofsitzes, um das Jahr 600 nach Konstanz verlegt und hier mit einer neuen Gebietsausdehnung über einen grossen Theil Alemanniens begabt wurde, hatte den wahrscheinlichen Zweck, die noch heidnischen Alemannen für den Christenglauben zu gewinnen. Es war das ausgedehnteste aller Bisthümer. Vom Gotthard reichte es über den Neckar bei Marbach und zum Kloster Hirschau bei Calw, dreissig deutsche Meilen von Nord nach Süd, zwanzig von Ost nach West, von Kempten bis gegen Strassburg. Vor der Reformation zählte es 1760 Pfarrkirchen, 350 Klöster, 17,000 Priester und Mönche; nach der Reformation war es noch immer in 66 Archidiakonate eingetheilt. Diejenigen von letzteren, die für unsre lokale Frage belangreich, weil im schweizerischen Theile des Bisthums gelegen sind, finden sich in Jak. Rasslers zu Ende des 16. Jahrh. gelieferter Beschreibung genannt, es sind folgende. Thurgau, Schaffhausen, Zürichgau, Aargau diesseits der Aare, Luzern, Zug, Unterwalden, das Bernergebiet diesseits der Aare und aufwärts über die Seen ins Oberhasle bis zu den Aarequellen; Uri mit Ausnahme des Thales Urseren, das von jeher unter dem Bischof von Chur gestanden; Schwyz, Glarus, Appenzell, der nördliche Theil des Kant. St. Gallen mit Toggenburg, der Grafschaft Rapperswil, der March und Uznach; ausgenommen waren hier Gaster, Sargans und das Rheinthal, als zu Chur gehörend. Dazu zählte ferner: das Frickthal; Stadt Basel mit einem kleinen Theile der rechtsrheinischen Landschaft; die Markgrafschaft Baden mit dem Schwarzwalde; zwei Drittel des Herzogth. Würtemberg, die beiden hohenzollerischen Lande, das baierische Algäu, der untere Theil des österreich. Rheinthals nebst mehreren vorarlberg. Dekanaten und Gotteshäusern. Dasselbe zählte in seinem schweizerischen Territorium noch zu Anfang dieses Jahrhunderts bei einer Viertelmillion Kommunikanten, also mit Ausschluss der Zahl der Kinder. Nüscheler, Gotteshäuser der Schweiz, führt diejenigen schweiz. Ortskirchen an, in denen die Heilige entweder Patronin war oder Altäre besass. Im Bisthum Chur folgende: zu Niederurnen und Wesen (I, 139). Im Konstanzer Bisthum: zu Kleinbasel. (II, 9), zu Gächlingen, Kt. Schaffhausen (19), zu thurgauisch Ermatingen (52), zu Mülheim (55), Märstätten (57), Langrickenbach (77), Wärtbühl (169), Rickenbach (172), Nesslau (182), Wil (185), Matzingen (212), diese sämmtlich im Thurgau gelegen. Magdenau im St. Gallerlande (97), zum Hl. Geist in der Stadt St. Gallen (127), Ellikon und Stäfa im Kt. Zürich; Risch im Kt. Zug (Staub, der Kt. Zug 1869, S. 69). Von den übrigen im Aargau, in den Kantonen und den deutschen Nachbarländern der Verena geweihten Kirchen, Kapellen, Wallfahrten und Taufbrunnen wird im Verlaufe dieser Kapitel besonders gehandelt werden; einige von ihnen werden des hohen Alters wegen Heidenkirchen genannt und die Volkssage (Naturmythen S. 115) berichtet von der Zurzacher, sie sei lange die einzige weitum auf beiden Ufern des Rheines gewesen, und daher hätten zu ihren entfernt wohnenden Kirchgängern selbst die Erdmännchen von Dangstetten im Schwarzwalde gehört.

Uebergehend auf die Gründung und frühesten Schicksale der Zurzacher Stiftskirche, muss voraus bemerkt werden, dass die ältesten Stiftsurkunden in mehrfachen Feuersbrünsten und Verwüstungen verloren gegangen und die noch vorhandenen immer noch nicht kritisch untersucht sind. Das Stift wird im neunten Jahrhundert eine "kleine Abtei" genannt (Neugart, C.D. 1, 427) und kommt auf folgende Weise frühzeitig an das benachbarte Kloster Reichenau. Karl der Dicke hat auf Bitte seiner Gemahlin Richardis, die nachmals in den Stiften Andlau und Seckingen selber den Schleier nahm, in einer auf dem Schlosse Bodman am 14. Oct. 881 ausgestellten Urkunde Zurzach demjenigen Orte zur Einverleibung bestimmt, in welchem einst seine Leiche begraben würde; und dieses geschah nachmals zu Reichenau. Das Original dieser Urkunde ist längst nicht mehr vorhanden und hat niemals auf seine Echtheit untersucht werden können. Zwischen ihr und der nachfolgenden Urkunde, die abermals nach Namen und Jahrzahl durchaus zweifelhaft bleibt, liegt eine ungemein grosse Zeitlücke. Eberhard, Truchsess von Waldburg, der 48ste Konstanzerbischof, soll im J. 1265 Stift und Marktflecken Zurzach von Reichenau um 310 Mark Silbers angekauft haben. Inzwischen verarmte das Kloster durch abermalige Feuersbrunst, so wie durch Krieg und Plünderung dergestalt, dass es von den Mönchen verlassen wurde; des vorgenannten Bischofs Nachfolger, der Habsburgergraf Rudolf II., soll es wieder erbaut und 1279 in ein Collegiat- oder Chorherrenstift umgeändert haben, und der auf den genannten folgende Konstanzerbischof Heinrich II. hat 1294 dem Stifte die Zurzacher Pfarrkirche incorporirt. Diese Angaben sind zusammen entnommen: Casp. Lang, Histor.-theolog. Grundriss der christl. Welt, 1692. Aber in diesem eben genannten Jahre 1294 werden Chorherrnstift, Münsterkirche und Klostergebäude abermals in Asche gelegt. Diese bis zum Ende des 13. Jahrhunderts so dürftig fliessenden und so wenig bedeutsamen Quellen gewinnen indessen aus der ältesten Ortslegende, deren Abfassung bis 1005 zurückgeht, einige werthvolle Ergänzungen, die den damaligen Ort, seine Lage und Umgebung unzweifelhaft richtig veranschaulichen. Eine dieser kleinen Erzählungen führt sogleich auf die zwei bedeutendsten Punkte des dortigen Verenakultus, auf die Moritzenkapelle und die Münsterkirche, damit aber auf die Verena-Reliquien, auf deren Zahl, Bestand und Schicksal unsre Untersuchung hernach überzugehen hat.

An jenem Rheinufer bei Zurzach, wo ehemals eine altrömische Stadt gestanden hatte, wurde zu Ehren Verenas und der thebaischen Legion ein Kirchlein erbaut und geweiht. Allein man liess hier aus Nachlässigkeit das Ewige Licht ausgehen oder versäumte an den vorgeschriebnen Tagen sogar die Messe zu singen. Da traten Warnungszeichen ein. Lichtschimmer erfüllte Nachts die Umgegend, dass selbst der im jenseitigen Dorfe wohnhafte Priester (in Rheinheim) ihn wahrnahm; Engelsstimmen erfüllten die Luft mit Gesange, und wenn die Zurzacher Wächter darüber verwundert dem Orte zueilten, fühlten sie sich wie gebannt und vermochten keinen Schritt von der Stelle zu thun. Da kam einst der Alemannenherzog Burchard (der zweite dieses Namens stirbt 826), in Verfolgung eines kriegerischen Gegners begriffen, mit seinen Reisigen von jener Uferstelle gegen die Stadt geritten, als hinter ihm vom Flusse her des gleichen Weges strahlende Männer, im feierlichen Schritte Lieder singend, nachrückten, die mit Kreuzen und Lichtern einen aufgebahrten Sarg begleiteten. Plötzlich erhob sich der Zug von der Strasse in die Luft, schwebte über das herzogliche Gefolge hinweg gegen den Flecken und verschwand hier in dem Fenster an der Ostseite der (Marien-)Kirche, ohne dass dasselbe offen gestanden oder nachmals eine Beschädigung gezeigt hätte. Dieses Wunder ergriff den Herzog, unter Beistimmung seiner Begleiter entzog er die Strasse, auf der er sich eben befand, dem weltlichen Besitze und übergab sie der Ortskirche unter dem Namen Wîhegaȥȥa, Heiliger Weg. Denn dies ist die Gasse gewesen, welche einst täglich Verena gewandelt war, um den Kranken ihren Beistand zu leisten.

Diese kurze Erzählung berichtet, dass schon im 9. Jahrhundert Verenas Reliquien von ihrer ursprünglichen Ruhestätte in der Mauritiuskapelle am Rheinufer in die Marienkirche versetzt worden sind, die dann zur Stiftskirche erhoben wurde, und gewährt eben damit volle Sicherheit über den ältesten Ruheort der Heiligen, nemlich über die zehn Minuten vom Flecken entfernte, am Zurzacher Rheinufer gelegene Aufburg. Dieser unser Schluss wird unterstützt von dem Passionale der Würzburger Cartusia, das bis ins 10. Jahrhundert zurückreicht und 1583 gedruckt worden ist; in diesem heisst es: "In der Nähe von Zurzach lag noch ein anderer Ort am Ufer des Rheines mit vielen Aussätzigen und Armen." Die vorhin genannte Weihegasse eben ist es, die von Zurzach nach diesem Orte führt, da hinaus trägt Verena den Aussätzigen Speise und Trank, dorten erbaut sie ihre Zelle und beschliesst ihr Leben. Aufburg und Kirchlibuck heisst hier eine nördlich vom Flecken am hohen Rheinufer liegende Häusergruppe, lauter Ruinentrümmer der Vorburg und des Brückenkopfes der römischen Rheinfeste Tenedo. Die Constructionen dieses Kastells hat Ferd. Keller in den Zürch. Antiquar. Mittheill. 12, 305 beschrieben. Nebenan am Rheinufer stehen noch fünfzehn Eichenpfähle von der römischen Jochbrücke, etliche davon sind beim günstigen Wasserstand des Jahres 1857 gehoben worden, nicht ohne grosse Mühe, denn sie staken mit ihren eisernen Stiefeln in einem Gusslager von Kalkmörtel. Innerhalb des römischen Kastellgrabens liegt der Hügel Kirchlibuck mit seiner kleinen Mauritiuskapelle, bis heute ein Eigenthum der Verena-Bruderschaft, zugleich ein Belustigungsort der Jugend, wo stabil das österliche Eierpicken abgehalten wird. Hieher zieht am Osterdienstage die Prozession der Stiftsherren und der religiösen Sodalitäten; derjenige Priester, der dabei die Predigt zum Ruhme Verenas abzuhalten hat, trägt zugleich der Heiligen rechte Hand in einer Silberkapsel und stimmt die Auferstehungshymne an, und wie einst es Herzog Burchards Vision voraus erblickte, so zieht dann die Prozession psalmensingend mit dem Heilthum wieder in die Stiftskirche zurück.

Die urkundlichen Nachrichten über specielle, in Zurzach kirchlich verwahrte Reliquien Verenas beginnen erst mit dem J. 1347 und knüpfen sich hier an den Namen der Königin Agnes, Alberts Tochter und Wittwe des Ungarnkönigs Andreas. Am 2. Sept. jenes Jahres erst wird die bis dahin seit 1294 in ihren Brandtrümmern gelegne Stiftskirche in Gegenwart der Königin neu geweiht. Als damals bereits vorhanden gewesne Reliquien werden genannt Verenae Leib und Haupt nebst solchen der 11,000 Jungfrauen; die Fürstin fügt Peters- und Georgsreliquien hinzu, selbst aber verehrt und schenkt sie nachmals dem Stifte Königsfelden 1357: ein geschlagen silberin hovpt mit sant Verenen heiltum. Argovia 5, S. 98 und 133. Bei dem höchst ungeregelten Haushalte des Stiftes wurde es zu Zurzach Sitte, Verenas "Reliquiensärglein" in Nothfällen aus der Kirche zu nehmen und in Privathäuser zu tragen, und der Konstanzer Bischof Heinrich III. muss diesen Missbrauch durch ein besondres Reskript verbieten. Nach einem abermaligen Stiftsbrande 1471 und abermaliger Einweihung wird ein Verzeichniss der Reliquien aufgenommen, welches nunmehr in Hubers Gesch. des Stift. Zurzach, 1869, S. 45 wörtlich mitgetheilt steht; es ergiebt für unsere Zwecke: In der runden vergoldeten Monstranz sind damals Partikeln Verenae enthalten; in der grossen kupfervergoldeten Monstranz ein Zahn Verenae; in der kleinen silbernen Monstranz gleichfalls Partikeln, im kleinen Sarkophag (Reliquienkiste) ein Zahn Verenae; in einem Eichenkistlein Asche und Gebein derselben; im Sarge des 1465 verstorb. Probstes Lidringer eine Partikel vom Kruge Verenae. Alle diese Ueberbleibsel wurden zerstreut und vernichtet, als 1529 die Kirchenreform auch in Zurzach durchgesetzt wurde. Den Hergang schildert Heinr. Küssenberg, seit 1521 Kaplan im benachbarten Klingnau, wir folgen hier den aus seiner Handschrift entnommenen Notizen Hubers l.c. 74-132. Stiftskirche, Pfarrkirche, Moritzkapelle und Verenagruft wurden ausgeräumt, in letzterer jedoch die Reliquien, wie es das Mehr der Gemeinde-Abstimmung beschlossen hatte, unversehrt gelassen. Nach Eröffnung der Verenagruft fand sich nichts anderes vor als "eine kleine Truhe, ein Stücklein von Verenas Krug und Holztrümmer von Verenas Todtenbaum". Ihre übrigen Reliquien lagen in der Sakristei im sg. Grossen Sarg. Dieser enthielt ein in einem hölzernen Särglein (Schrein) eingeschlossenes zweites aus Eisen, in welchem nebst Rückgratstrümmern vier apfelgrosse Lehmkugeln waren, zusammengebacken mit Asche und Kohle.[Nachtrag 2] Während man Sarg und Inhalt ins Feuer warf, wurden zwei dieser Kugeln durch einen Knaben aus der Flamme gezogen und nachher von der Frau Rechburgerin dem Landvogt nach Baden überbracht. Von den vier Reliquienbehältern blieben unversehrt ein kleines vergoldetes Särglein, ein grosses und der Röhrknochen eines Armes; diese drei Stücke wurden nachmals den Chorherren wieder zugestellt und sind noch heutigen Tages zu Zurzach, der Röhrknochen wird seitdem für Verenas Arm gehalten. Vom Haupte der Heiligen fand sich nichts vor. Zwar wird von katholischer Seite behauptet, der damals flüchtig gegangene, Apostat Stiftscustos Prugker habe Haupt und Arm Verenas mit sich nach Luzern genommen, und beides sei dem Stifte nachmals wieder zugestellt worden; besonders der damalige Libellist Joh. Salat zu Luzern giebt vor: "1532 kam sant Vrenen Helltum und anderes, so geflökt worden, wider gen Zurzach." Allein in eben diesem Jahre beklagen sich die dortigen Stiftsherren bei der Tagsatzung über die erlittene Beraubung, deren Schaden an blossem Kirchengeräthe mindestens 5,152 Gld. betrage, und das mit eingereichte Verzeichniss der verlornen Gegenstände schliesst mit der Betheuerung: "das hochwürdig Helthum St. Vrenen mag mit keim gut bezalt werden, dess wir beroubt sin worden." Huber l.c. 93. Unverwüstet waren allein geblieben: "Eine kupferne Hand, ist vergült, mit St. Verena strel; an St. Verena Bild ein beschlagen Gürteli; Silber von St. Verena köpfli (d.i. Stauf)". Von dem Haupte der Patronin hatte das Stift Jahrhunderte lang nur eine kleine Partikel besessen, welche in der vorhin erwähnten Lateinurkunde von 1347 doppelsinnig genannt wird: caput, auro et lapidibus pretiose decoratum, also eben dasselbe Bruchstück, welches der Stiftspropst Joh. Huber 1869 eine kleine "köstlich eingefasste Partikel" nennt, l.c. 131. Da erscholl im J. 1657 die Kunde, das ganze Haupt liege verwahrt im tiroler Damenstifte zu Hall. Auf die gestellte Anfrage, wie dasselbe dorthin gekommen, antwortete das Haller Pfarramt, dies könne man bei so vielerlei Heilthümern in specie nicht eigentlich wissen. Durch Vermittlung eines Jesuiten wurde es gegen andere Reliquien ausgetauscht und 1658 feierlich in die Zurzacher Stiftskirche übertragen, wobei jener Jesuitenpater die Festpredigt hielt. Huber l.c. 131.

Dies ist die Geschichte von den Verena-Reliquien, von welchen die Urkunde vom 1. April 1294 (Kopp, Eidgenöss. Bünde 3, 279) zuerst Erwähnung thut und also sich ausdrückt: ecclesia Sancte Verene in Zvrcach, in qua preciosus thesaurus corporis et reliquiarum gloriose virginis Sancte Verene desiderabiliter requiescit. Hier wird sie vorfrüh eine Heilige genannt, während sie 1290, als ihr der Zürcher Scholasticus Berthold in der Konstanzer Johanniskirche einen Altar stiftet, erst nur eine selige Jungfrau heisst. Neugart, Episc. Const. 2, 666. Von noch andern wunderthätigen Reliquien Verenas, die ausserhalb der Schweiz kirchlich aufbewahrt sind, wird in den folgenden Abschnitten an geeigneter Stelle die Rede sein. Ein zu Zurzach verloren gegangenes ferneres Alterthum ist Verenas Fingerring. Jener Priester, in dessen Hause sie als Magd dient, hat ihr einen goldnen gesteinten Fingerring anvertraut. Diesen stiehlt ein Bösewicht, wirft, da der Priester darnach forscht, aus Angst das Kleinod in den Rhein und zeiht die Magd der Untreue. Da überbringen zwei Fischer einen Salmen, in dessen Magen sich der Ring wieder findet. Diese vielen Völkern ohnedies gemeinsame Sage erinnert hier jeden Leser an Polykrates von Samos, dessen vorsätzlich ins Meer geschleuderter Ring gleichfalls im Bauche des Tafelfisches wieder zum Vorschein kommt. Allein in der samischen Sage wird er wettweise weggeworfen, um dadurch zu erweisen, wie das damit leichtsinnig verschleuderte Glück nur um so gehäufter zum Glückskinde zurückkehren müsse. Ein tieferer Sinn dagegen wohnt in der Verenasage. Die arme Dienstmagd ist durch einen misstrauischen Priester und durch die Tücke eines Schalks in ihrem guten Rufe beeinträchtigt; waffenlos steht das Aschenbrödel dem sie vernichtenden Gerüchte ausgesetzt. Damit trifft man eben auf den Lieblingszug der deutschen Sage: die Unschuld wird eine Zeit lang dem äussern Elende preisgegeben, um dadurch schliesslich in ein um so höheres Licht empor gerückt zu werden; schweigende Frauendemuth erweist sich am Ende stärker als die arglistigste Bosheit.

Durch das bisher Vorgetragene ist nachfolgendes Ergebniss gewonnen. Die Alemannin Verena ist durch die romanische Kirchenlegende dem Heiligenkreis der fremdländischen Thebäer zugesellt worden. Ueber ihrem ersten Grabe erbaute man dem hl. Moritz und seinen Legionären die Kapelle zur Aufburg, über ihrer späteren Gruft die der Maria geweihte Stiftskirche mit den Altären der Thebäer. Ihre Reliquien sogar werden mit denjenigen der 11,000 Jungfrauen verschwistert, nur vereinbart mit deren Reihe aufbewahrt und aufgezählt. Deutlich verräth sich dadurch die Bemühung, Verenas Namen und Kult zu einem kirchlich gerechtfertigten zu stempeln, indem man sie mit dem männlichen und dem weiblichen Aufgebote hier der 6666 Thebäer und dorten mit dem des Frauenheeres der hl. Ursula verschmolz. Jedoch die nationale Mythe ist zäher als dieser legendenbildende Mechanismus der Kirche. Stückweise streift Verena den ihr geliehenen Fremdschmuck wieder ab, in dem sie umgebenden Heiligengewimmel bleibt sie isolirt, wie sie es ursprünglich gewesen, eine in der Wildheit ihrer Waldquellen und Gebirgsströme einsam fortwaltende Naturgöttin. Als solche macht sie sich in den nachfolgenden Abschnitten geltend.

Das hier beginnende mittelhochdeutsche Gedicht Von sand Verene ist enthalten in no. 2677 der Wiener Handschriften. Dorten hatte Hoffmann v. F. es eingesehen und mit den beiden Anfangsversen citirt in seinem Berichte über die Wien. Hdss. no. 35. 42. Das Gedicht ist seither weder im Auszug noch sonst wie bekannt gemacht. Auf meinen Wunsch liess es Prof. Franz Pfeiffer in Wien († 29. Mai 1868) für vorliegende Arbeit diplomatisch getreu copieren.

[106b]

Von sand verene (roth)

Verena diu edel meit,

als, uns daȥ puch von ir ſeit.

Die was —— ——

und eȥ quam alſo,

[106c]

Do der cheiser maximian

furt mauricium mit im dan

Her gen deutschen landen,

ſi begunde nach im belangen

So ſer, daȥ ſi im fůr nach,

wanne vil gerne ſi in ſach.

Verena was ein christenin,

und do ſi quam ze meilan in,

Die geuangen christen

die heimpt ſi an den vristen

Vnd bechlagt mit in ir not,

dar zue ſi in helfe pot

Mit trinchen und mit eȥȥen.

uerena, die vermeȥȥen,

Si lie durch nieman daȥ

durch vorhte noch durch haȥ,

Swa die christen warn erſlagen

und auch da ſi warn begraben,

Die ſtaete sůcht ſi alle tage

mit weinen vnd mit chlage.

Mit reinem leben was ſi ſus

pei einem, der hieȥ, maximus.

Nu wart ir ſchir alda geseit,

daȥ mauricij ſchar preit

Durch got wer erſlagen,

daȥ begunde die vrowe chlagen

Vnd wolde nicht lengr da bestan,

ſi fůr ubr die alben dan

Vnd ze einem waȥȥer ſi quam,

daȥ ist genant aram.

Alda vant ſi einen man,

der gevlohen was chomen dan

Der ſagt ir die rechten maere,

wie eȥ mauricio ergangen waer.

Davon wolt ſi nicht furbaȥ,

in einer chlauſe ſi da ſaȥ

Mit chlage und mit leide.

da warn inne reine meide,

Der leben was alſo gestalt,

ſi waer iunc oder alt,

Daȥ ſi anders lebte nicht

wan chraut, arbaiȥ und anders nicht,

[106d]

Des lebte ſi daȥ gantz iar;

daȥ quam auch von ier werch dar

Vnd des tages ein lutzel brot,

daȥ man igleicher pot.

Nu was dapei ein getwerch,

daȥ verchauft den meiden ir werch

Vnd chauft in da mit ettewaȥ,

daȥ die ſamenunge gaȥ

Anders lebten die vrowen nicht,

gab man in aber immer icht,

Des enpiȥȥen ſi nimmer

und gabens durch got immer.

Sus was geſtalt ir reines leben.

got hat verene den geist gegeben,

Daȥ man vber al daȥ lant

ir leben vil rein erchant,

Daȥ man ſei het fur heilic gar,

daȥ auch ſi was furwar.

Wan got durch ſei tet wunder

mit zeihen besunder.

Auȥſetzig behaft macht ſi slecht,

plint, chrump macht ſi gerecht.

Solcher dinge tet ſi vil

mit got auff daȥ zil,

Daȥ man sei dr meide muetr nant

weiten uber al daȥ lant.

Nu was in der gegent da

ein richter ſam anderswa,

Der het got gar verchorn.

dem was der meide leben zorn,

Vnd daȥ man ier ſo wol ſprach;

mit zorn er daȥ an ier rach,

Wan er die vrowen vie,

dehein gut er ier nie geschehen lie.

Doch quam zaller zeit zu ir

ein liechter iungelinch fir[3],

Der pot ier guten trost,

ſi wurde ſchir da von erlost.

Doch vragt ſi in, wer er wer?

do ſprach er offenwaer,

Er waer ir mag mauricius,

und mit der rede alſus

[107a]

Quamen zu mauricio hin in

alle die gesellen ſin

Und grueȥten die vrowen ſchone,

damit ſchieden ſi davon.

Nu wart derſelbe richter

vberladen mit ſichtum ſwer,

Der gedacht rechte wider,

er lief hin und viel nider

Chlagunde für die reinen meit

und ſeinen ſichtvm er ir chleit.

Doch pat ſi got umb in,

der richter gie geſunt hin

Vnd mit groȥȥer gedult

bat im vergeben ſein ſchulde.

Daȥ was yſa getan,

die magt wart do leidich lan

Vnd gie zu iern ſwestern wider,

da ſi got diente ſider.

Nu quamen die swestr auch in not,

daȥ ſi ninder heten prot

Vnd groȥȥen hunger liten

doch mit dultichleichen ſiten.

Ier werches acht man nicht ein har,

wan eȥ was ein hunger iar.

Do verena die not erſach,

zu got von himel ſi do ſprach:

Wan du deiner geſchefte gist

ier leibnar zu rechter frist,

Jesu christ, du waiſt wol,

weȥ dein gesinde leben ſchol.

Do ſi daȥ vollen geſprach,

vor der chlause man ligen ſach

Viertzig ſekche mit mele vol.

er gedacht ir not da wol,

Wan daȥ prot wuchs in ier munde,

daȥ ſi lange vñ manic ſtunde

Heten da von ier leipnar,

des lobt got die rein ſchar.

Nu was verena, die genende,

chumen an ier lebens ende,

Vnd do ſi nu ſiech wart,

ier andacht ſich nie verchart.

[107b]

Da ſi vercheren ſcholt daȥ leben

und den geist widergeben,

Do quam unser vrowe dar

mit der hymelischen ſchar;

Vnd do verena ſei erſach,

zu gotes mueter ſi do ſprach:

Waȥ gernde han ich,

daȥ gotes mueter siechet mich?

Do sprach unser vrowe zu ier:

verena, volge mir,

Da hin, da du immer mer

vreude hast ane ſer.

Mit der rede ſi verſchied,

got ir ſele da beriet

Der ewigen gnaden.

die vrowe wart begraben

In der chlause alda,

die noch haiȥȥet zrzyaca,[4][Nachtrag 3]

Da got wol ſcheinen lie,

daȥ er ſei minte hie.

Wand nieman wirt entwert,

der rechter dinge an ſei gert.

Nu derhoret got dehein pet ſo gern,

ſo daȥ wir ſeiner hulden gern,

Dem gibt er, der die ſůhet,

vil gern, ſwer ir geruhet

Mit hertzen und mit andacht.

daȥ wir ze hulden in werden pracht,

Des helf uns maria

und ir dirne uerena. amen.


FUSSNOTEN:

fiér, stark und stolz.

zerzyaca: Zurzach.


Zweiter Abschnitt.

Verena, die Müllerpatronin.


Ihre Attribute: der schwimmende Mühlstein; ihre örtlichen Kleinkindersteine; die Müllerpatronin als Ehegöttin, der in Stein verwandelte Brodkipf und die unerschöpflichen Mehlsäcke. Wirthschaftsregeln am Verenentage.


Alljährlich am Verenatage lassen die Müller im aargauer Surbthale die Mühlsteine schärfen und die Mühlbäche putzen. Denn Verena, deren Wahrzeichen: Kamm und Krüglein, an allen Mühlen und Banngemarkungen des Surbthales eingehauen sind, hat einst ihre dreimalige Wohnstätte an den Strömen zu Koblenz und Zurzach aufgeschlagen gehabt und gilt hier als die den Gang aller Wassergewerke beeinflussende Patronin der Müller, Schiffer und Fischer. Hiefür sei ein Einzelzug vorangestellt aus der ältesten Aufzeichnung der Verenalegende vom J. 1005 in Pertz Mon. 6, 457. Unter den Gütern, die ein Mann zu seinem Seelenheile dem Zurzacher Stifte abzutreten gelobt hatte, befand sich eine besonders werthvolle Mühle. Als nun den Mann hinterher die gemachte Vergabung wieder reuete, suchte er wenigstens noch etwas an ihr zu schmälern und änderte den Lauf des Mühlebaches, indem er ihn auf seine Landstücke zog. Allein ohne fremdes Zuthun und ohne dass es vorher einen Tropfen geregnet hatte, schwoll der Bach plötzlich mit Macht an, riss dem Manne das Wohnhaus weg und trat dann wieder in sein ursprüngliches Bette zurück. Nun kam Jener eilends zum Altar der Heiligen und gab ihr alles treulich auf, was er ihr so unklug hatte entfremden wollen.—Ebenso bändigt sie den Gläubigen zu lieb die verheerenden Ströme. Beim Anschwellen der Gebirgswasser stieg einst zur Zeit der Ernte der Rhein um Zurzach zu solcher Höhe, dass er alle Kornfluren überschwemmte. Man suchte Abhilfe durch Gebet und Feldprozession, allein da durfte Niemand wagen, mit Kreuz und Fahne den Fluthen zu nahen, die über die ganze Feldbreite hinstürzten. Doch in dem Augenblicke, als man zur Prozession auszog, trat der Rhein in sein altes Bette zurück, und schon in der Mittagssonne standen die Aehren wieder schön aufgerichtet und wohlbehalten da, die am Morgen bereits entwurzelt schienen. Als eine Schnittermagd, vom Garbenbinden jenseits des Rheines heimkehrend, auf der Ueberfahrt mit dem Weidling umschlug, hielt Verena mit der einen Hand ihr den Mund zu und führte sie mit der andern wie durch ein Gewölbe unter den Wellen weg ans Zurzacher Ufer. Während die Heilige noch bei Solothurn in jenem Felsenthale wohnte, das nun in den reizenden Park der Verena-Einsiedelei umgewandelt ist, war sie zweifacher Verfolgung ausgesetzt: in der Stadt durch den hier gebietenden heidnischen Präfekten Hirtacus[6] und in ihrer Klause durch den Teufel. Dieser schleuderte einen Felsen gegen ihre Wohnung, jenen ungeheuern erratischen Block, der dorten oberhalb dem Dache der Zelle zu sehen ist und die Krallen des Bösen eingedrückt trägt. Eine friedlichere Wohnstatt aufsuchend, nahm sie einen Mühlstein, der an der Solothurner Aare zur Verladung lag, fuhr auf diesem den Fluss hinab durchs Aargau, und landete auf einer Insel beim Fischerdorfe Koblenz, in dessen Nähe die Aare in den Rhein mündet. In der Gegend wütheten eben Seuchen, von den Ausdünstungen eines Leichenackers herrührend, den der Strom unterwühlt hatte; aber die Krankheit hörte auf, indem Verena Heilquellen aus dem Boden bohrte. Das benachbarte Stift Zurzach vernahm ihre Ankunft und beeilte sich, eine so wohlthätige Frau zu sich heim zu führen.[5] Auch ihren Mühlstein wollte man nicht zurücklassen. Man lud ihn auf einen Wagen und hatte ihn bis zum Koblenzer Wegkreuz gebracht. Hier aber blieb aller Vorspann erfolglos, man war nicht im Stande Wagen oder Stein weiter zu schaffen; doch zurück nach Koblenz zogen ihn die Rosse mühelos, wo er nun neben der Thüre der Kapelle in der Einsenkung der Mauer hinter einer Vergitterung aufgestellt ist, geschmückt mit dem Schnitzbilde der Heiligen. Man misst ihm übernatürliche Kraft bei. Auch ist das Gewölbe, das ihn verwahrt, ganz allein unversehrt geblieben, als 1795 eine Feuersbrunst Dorf und Kapelle einäscherte; es hängt voll wächserner Füsse und Aermchen, welche die Leute opfern, wenn einem ihrer Kinder ein Schaden heilen soll. Seither ist die Kapelle erneut und erweitert worden und dabei die Inschrift verschwunden, die sonst über dem Steine zu lesen stand:

Auf diesem Stein hier aus der Aaren

Die heilig Verena ist gefahren

Ohne Ruder, Schiff und Schalten,

Wie solches geglaubt die frommen Alten.

Die Koblenzer sind seitdem bewährte Fischer und Fergen, die auf den Rath der Heiligen die Stüdlerzunft gründeten; erst vor einigen Jahren ist sie bei Aufhebung sämmtlicher Zünfte mit eingegangen. Dieser Genossenschaft der Laufenknechte stand ein von allen Landvögten verbrieftes Fährrecht mit der Obliegenheit zu, sämmtliche den Rhein zwischen Zurzach und Basel befahrende Schiffe und Güter durch die dortigen Strudel (genannt Laufen) zu führen. Am Gewölbe der Zurzacher Stiftskirche hängt daher ein kunstreich geschmiedetes Votivschifflein. Eine aus Tatian von Grimm Gramm. 3, 437 angeführte ahd. Glosse lautet: verenna cymba; was sonst ahd. verſcif heisst, nhd. Fähre. Graff, Sprachschatz 3, 587 citiert aus Tatian: mit ferennu quamun, navigio venerunt.

Allein Verena, die Müllerpatronin, übt zugleich auch das Geschäft der Liebesgöttin; somit ist vorerst das Einheitliche im Wesen dieses Doppelgeschäftes hier nachzuweisen, um damit einen besondern Theil des heidnischen Cultus zu entblössen, der im Verenacultus nachklingt. Die Ackerbau-Terminologie wird von jeher auf die geschlechtlichen Beziehungen übertragen, die ehliche Verbindung auf die Erdbefruchtung, auf die Demeter. Des Mannes That heisst griechisch ackern, besäen, besamen; das weibliche Saatfeld heisst sabinisch sporium, der ihm Entsprossene spurius, der Ausgesäete (Bachofen, Gräbersymbolik 204). So hat auch Mahlen und Mühle in den Sprachen erotische Bedeutung. Bei Theokrit (4, 58) ist μυλλος cunus; Festkuchen dieses Namens, aus Sesam und Honig gebacken, wurden bei den grossen Thesmophorien den Göttinnen zu Ehren in Syrakus umhergetragen. Athenäus XIV, 647 A. Den Sinn des griech. μυλλω (coire) und des Wortspiels bei Petronius: molere mulierem, drückt unsre eigne Sprache in gleicher Weise aus. In Simrocks Volksliedern no. 285 erwiedert die Müllerin ihrem um Einlass anpochenden Gemahl: