Chind, bis ietz still und fîn,
oder es chunnt Frau Vrin,
die het ne grosse Striegel
und zert di kech am Riegel.
Der Riegel bezeichnet in der Mundart den Haarbüschel. Die Frau Vrin ist also hier eine Drohgestalt, wie in Schöppners Bair. Sagenb. no. 1282 die lange Agnes, welche die Leute am Bache mit Bürste und Stahlkamm behandelt, bis Haut und Haar abgeht. Man macht dem kleinen Mädchen dabei weis, der neue scharfe Kamm und ein dreimaliges Abwaschen des Kopfes sei nothwendig, wenn dereinst ein eben so saubrer Liebhaber sich anmelden solle, und hiefür hat man folgendes Sprüchlein:
Ach mî liebi Jumpfere Vre',
gsehst, i ha kes Schätzeli meh,
strähl und wäsch mi doch au nett,
dass mî Hansli Freud ab mer het!
Auch in Segensformeln wird ihr Name noch genannt. Ein unter dem Namen "Albertus Magnus Egyptische Geheimnisse" noch bei unserm katholischen Landvolke verbreitetes Zauberbüchlein giebt in seinem 3. Hefte pg. 19 folgendes Mittel an, die Warzen (nicht aber die Wanzen, wie Simrocks Mythologie III, 377 druckt) zu vertreiben: Man haucht im Namen der Dreieinigkeit über die Warzen und spricht dreimal:
Frene, Frene, dorra weg!
In Verena veranschaulicht sich jene krankenpflegende, weise vorsorgende, geduldig ausdauernde Barmherzigkeit, die eine Eigenthümlichkeit des weiblichen Geschlechtes ist. Schon durch seine besondere, vorempfindende Zartheit ist das Frauengemüth von hingebender Menschenliebe erfüllt. Weil es mehr aufs Einzelne und Besondere achtet, so vermag es sieh mit schneller Erkenntniss in die Schicksalslage Anderer zu versetzen; weil es eine vorherschende Anlage zu besonnener praktischer Hilfe hat, so übernimmt es freiwillig das Geschäft der Krankenpflege und vollzieht es im Einzelnen mit grösserem Glücke als der Mann, da es weniger schnell als er in Dienstleistungen ermüdet, mehr und länger als er zu dulden, zu entbehren, auszudauern vermag in Mühen und Nachtwachen. So erscheint das Weib allen Völkern während grosser allgemeiner Leiden als eine heroische, opferwillige Seele, und ist daher mit Recht im Glauben und in der Kunstdarstellung der Rettungsengel für die schmerzbehaftete Welt geworden.
Mit Befriedigung erkennt der Forscher in diesen Charakterzügen Verenas, wie es dem humanen Geiste der christlichen Lehre gelang, die zum Märchen gewordne Gestalt einer heidnischen Hilfs- und Heilgöttin allmählich "zur demüthigstillen Erscheinungsweise einer Grauen Schwester", wie Gelpke (Schweiz. Kirchengesch. 1, 180) charakteristisch sagt, zu entgöttern und zugleich wieder empor zu heben. Aber etliche Spuren der Heidengöttin bleiben hinter dem kirchlichen Heiligenschein immer noch erkennbar, wie denn Verena noch heute zuweilen den ihr geweihten Altar verlässt, um unter mancherlei Namen und Gestalt draussen an den gewohnten Büschen und Quellen des Waldes einer wilden Naturfreude nachzuschweifen. Kaum würde man dann die Göttin oder die Heilige noch in ihr vermuthen, trüge sie nicht ihren alten Namen oder ihre geweihten Abzeichen. Denn dann wird sie wieder ein "alt heidnisch Wassergötzli", wie der Berner H.R. Grimm (Schweizer Chronica 1786, 249) sie bezeichnend genannt hat, und schon die rohe Härte, mit der sie ungläubigen Missethätern die Strafe zumisst, lässt ihr und ihrer Legende hohes Alter erkennen. Als jener Knecht des Zurzacher Priesters sie fälschlich der Veruntreuung im Haushalte anklagt, muss nicht bloss er sogleich erblinden und zeitlebens vom fallenden Weh geplagt sein, sondern auch keins seiner Blutsverwandten stirbt hin ohne Siechthum, Lähmung, Blindheit und Tobsucht. Dafür, dass ein Weib eigensinnig am Verenentag daheim bleibt und spinnt, während Alles sich in die Kirche begiebt, wird sie von den Rückkehrenden im fallenden Weh gefunden, die Kunkel noch in den Händen festgeklammert; ebenso wuchs einem Manne, der am Festtage im Walde holzte, die Axt in der erstarrten Hand fest. Gleichfürchterlich bestraft sie den Bauern, der an ihrem Kirchenfest sein Heu auf der Wiese schobert, und so noch Aehnliches. Dieses Uebermass barbarischer und leidenschaftlich dreingreifender Körperstärke herscht besonders in den mehrfach von Verena handelnden Gebirgssagen vor, wie solche sich in den deutschen und rhätischen Alpen finden. Sie trägt in Bünden, Engadin und an der bairisch-tirolischen Grenze den Namen Verein, gebildet wie die rhätischen Ortsnamen Madulein (Bez. Zutz, im Oberengadin, urkdl. 1139 Madulene), oder wie Luzein und Valzein im Prätigau (urkdl. Valzena). Eine solche Verein-Alpe liegt bei altbair. Mittenwald (Steub, Herbsttage in Tirol, S. 251), eine andere an der weitläufigen Eiswüste des Selvretta. Hier hat die "Fremd-Vereina" ihre zwei besondern Höhlenwohnungen in der Col die Balma und Baretto-Balma. Die letztere ist stets reingekehrt, wie ausgeblasen, und duldet auch kein bischen Laub, Holz oder Stein in sich; es lässt nichts drinnen, sagen die Hirten und staunen das Geheimniss an (Tscharner, Statist. v. Bünden 1, 140. 258. Bündner VolksBl. 1832, 214). Am namhaftesten aber ist das bekannte Vrenelisgärtli, jenes weithin durch die Schweiz schimmernde Firnfeld des Glärnisch, 9,353 Fuss über Meer, das sich wegen der angeblichen Ausschweifungen des Sennenvolkes aus blühenden Matten in ewige Gletscher verwandelt hat.
Nachfolgende eigenthümliche Sage hierüber beruht auf der schriftl. Mittheilung, die wir dem Hn. Heinr. Gessner, Lehrer in zürch. Lunnern, zu verdanken haben. Bei letztgenanntem Orte im Bezirk Affoltern liegt am südlichen Fusse des Albis der unheimliche Türlersee, der tiefste im ganzen Zürcher Lande. Seinen Namen hat er von seiner Lage, da er an des Berges Engpasse und Thore: turilin, gelegen ist. Er sammt der Umgegend gehörte in der Vorzeit einer starken, herrischen und arbeitsrüstigen Frau an, die beim Volk Frau Vrene hiess. Da begab es sich, dass die Leute von Heferschwil, einem Weiler der Gemeinde Metmenstetten, wegen einer fruchtbaren Gemarkung am Jungalbis mit dieser Frau in einen heftigen Eigenthumsstreit geriethen, der kein Ende nahm, weil sie in ihrem Stolze sich weigerte vor einem Richter des Landes zu erscheinen. Mit Hülfe fahrender Schüler zog sie in einer einzigen Nacht einen tiefen breiten Graben durch das ganze Jungalbis und schied so ihr Eigenthum für immer vom Gelände der Gegner. Der Graben war gezogen bis zum Türlersee, es fehlte nur noch der letzte Spatenstich, so würden die Wasser sich über ganz Heferschwil ergossen haben. In diesem Augenblick aber erfasste einer der fahrenden Schüler die Frau und entführte sie durch die Lüfte auf die Westseite des Glärnisch, setzte sie hier auf einer weiten grünenden Berghalde ab, wies ihr diese zum Aufenthalt an und sprach: "Hier kannst du gartnen, Vrene!" Dorten hat sie darnach so lange Zeiten gehaust, bis dieser schöne Alpengarten endlich sich in eine weite Firnstrecke verwandelte. Noch steht Frau Vrene daselbst, den Spaten in der Hand, zur Eissäule erstarrt, mitten in dem von Felsmauern eingefassten Schneefelde, das bis ins Knonauer Amt herüberblinkt.
Dieser eben erwähnte Graben am Jungalbis ist rechtsgeschichtlich seit alter Zeit bekannt und trägt in der Offnung von Borsikon (Grimm, Weisthümer 1, S. 51) den auffallenden Namen Kriemhiltengraben. Nach einer zweiten hievon handelnden Volkssage, mitgetheilt in Meyer's Zürch. Ortsnamen no. 182, waren die Bewohner von Heferschwil mit jener Kriemhilt gleichfalls in Zwist gerathen, und die Erzürnte schwur, sie werde den Türlersee abgraben, seis nun Gott lieb oder leid. Durch einen kleinen Berg, der zwischen dem See und dem Weiler liegt, begann sie den Durchstich mit einer Schaufel, so gross wie ein Scheunenthor. Da erregte Gott einen gewaltigen Sturm, der ihre Schaufel zerbrach und sie selbst von der Erde fortriss bis auf den Glärnisch in Vrenelis Gärtli.
So reicht also die Verenasage in die unorganische primitive Steinzeit zurück. Der erratische Block, aus dem Verena die Neugebornen hervorholen lässt; der Mühlstein, auf dem sie wilde Ströme befährt; die Felsklüfte, Hochalpen und Gletscher, die ihren Namen tragen; die heissen Sprudel, die sie aus dem Boden stampft und mit dem Finger aus der Rheininsel hervor bohrt—verkünden eine ursprüngliche Riesenjungfrau, deren roh angelegte Gestalt später ins Satanische umgeschlagen haben würde, hätte die Kirche sie nicht frühzeitig noch christianisirt. Statt der Heiligen besässe man alsdann eine alles versteinernde Hexe; oder statt der demüthig dienenden Priestermagd nur eine diebische Pfaffenkellnerin, die der Unterschlagung beschuldigt entspringt, über die ganze Breite des Thales setzt und ihre Fussspur drüben in die Felsenplatte der jenseitigen Thalwand eindrückt.
FUSSNOTEN:
In dieser Herznacher Verenakapelle, und nachmals in dortiger Pfarrkirche, waren pfarrgenössisch die Frickthaler Dorfschaften: Ueken, Zeihen, Denspüren, Ober- und Niederasp, schliesslich auch Häner am Schwarzwald, ob Laufenburg.
Vierter Abschnitt.
Verena als Frau Venus.
Das Tannhäuserlied in aargauischer Version; die Frau Venus-Vrene des Volksliedes; die Venus-, Feens- und Vrenberge, die Venus- und Vrenenhäuser, aus ihrer gegenseitigen Namensvertauschung zurückgeführt auf den ursprünglichen Mythus.
Nachfolgender Liedtext wurde von einer im vorigen Jahrzehnt verstorbnen Matrone, der Frau Meyer auf dem Tromsberge, im aargau. Bezirk Baden, auf dem Siechbette ihrem Arzt Dr. Al. Minnig zu Baden in die Feder diktirt. Der Text kommt demjenigen am nächsten, welcher einst von Stalder in Entlebuch gleichfalls nach mündlicher Ueberlieferung aufgeschrieben und an Lassberg übergeben wurde, der ihn im Anzeiger 1832, 240 veröffentlichte. Daraus entnahm ihn Uhland für seine Sammlung no. 297 C., und nach dieser Fassung sind hier unten alle Einzelverse unseres Textes besonders bezeichnet, die mit jenem Stalderischen übereinstimmen. Was die Literaturgeschichte des Tannhäuser-Liedes betrifft, die schon von Uhland begonnen worden, so steht sie seither in Gödekes Deutsche Dichtung im Mittelalter (1854, S. 580) bis zur Vollständigkeit aufgeführt.
Tannhäuser war ein junges Bluet,
Der wot gross Wunder gschaue,[8]
Gieng auf Frau Vrenelis Berg
Zu selbige schöne Jungfraue.
Wo er auf Frau Vrenelisberg ist cho,
Chlopft er an a d'Pforte:
Frau Vrene, wend er mi inne loh,
Will halte eu'e Orde!
"Tannhäuser, i will der mi Gspile ge
Zu-m-ene ehliche Wib."[9]
Diner Gspilinne begehr ich nit,
Min Leben ist mer z'lieb.
Diner Gspilinne darf i nüt,
Es ist mir gar hoch verbotte,
Sie ist ob em Gürtel Milch und Bluet
Und drunter wie Schlangen und Chrotte.
Tannhauser sass am Figebaum,
Drunter er war entschlafe.
Es chunt em für i sinem Traum,
Er müess uf Rom wallfahrte.[11]
Wo er in d'Stadt Rom inne chunt
Wohl unters höchsti Thor,
Frogt er dem oberste Priester noh,
Wo in der Stadt Rom wär.
Wo er i d'Chille ie chunt,
Vor'm Pobst thet er sich gneige:
Gott grüeze eure Heilige, Pobst,
Mine Sünd will i eu azeige.
Der Pobst het do en düere-düere Stab,
Vo Dürri war er gspalte:
"So wenig de Stab meh z'grüene chunt,
So wenig magst du Ablass erhalte."[12]
Und wenn i nümme z'Gnade chum
Und nümme mag werde bihalte,
So gohn i uf Frau Vrenis Berg
Und leben bîn ihr im Walde.
Es goht nit meh als dritthalb Tag,
So fieng der Stab a z'gruene,
Er treit es Laub so grüen wie Gras,
Darzue drei schöni Blueme.[10]
De Pobst schickt sine Botten us,
Sie wüsset ehn niene meh z'gwahre;
Er schickt sie us in alli Land,
Der Tannhuser blibt verfahre.
Sie chömmet uf Frau Vrenelis Berg,
Chlopfet a d'Pforte und die ist gschlosse
Tannhuser soll do usse cho,
Sine Sünde eigen ehm nochg'losse!
"Zun-ech usse cho, das chan i nit,
Do muess i bliben inne.
Muess bliben bis am Jüngste Tag,
Dä gohts mer erst, wies cha und mag!"
Tannhuser sitzet am steinige Tisch,
Der Bart wachst ihm drum umme,
Und wenn er drümal ummen isch,
So wird der Jüngst Tag bald chumme.
Er frogt Frau Vreneli all Fritig spot,
Öb der Bart es drittmol umme goht
Und der Jüngsti Tag well chumme.
Ein im Sarganserthale gegen Ragaz hin gelegner Hügel, an dessen südlichem Fusse vormals die Gerichtsstätte des Bezirks gewesen war und wo Urkunden ausgefertigt wurden, von denen jetzt noch einige im dortigen Oberlande vorhanden sind, heisst im Munde älterer Leute der Frau Vrenes Berg und Frau Venesberg. Er gilt als ein Schloss voll feenhafter Jungfrauen. Hier mitten unter romanischem Spracheinfluss behauptete sich bis auf die Neuzeit das oberalemannische Verena-Tannhäuserlied, und wurde nach einem zu jenem Feenschlosse angeblich gehörenden Thiergarten "das Thiergetlied vom Vrenesberg" genannt. Mittheill. des St. Galler histor. Vereines, Heft 4, 198. Wie aber kommt die hl. Verena an der Stelle der Venus in das Tannhäuserlied und was ist der Sinn dieses Liedes, wenn ihm die Heilige einverleibt werden konnte? Bereits Grimm (Myth. 283. 913. 1212) hatte unter dieser doppelnamigen Frau Venus-Vrene die Göttin Freyja gemuthmasst; seine Ahnung, wird durch die seither weiter vorgerückte Sagen- und Sprachforschung bestätigt.
Die echte Göttersage hiezu ist erhalten in dem eddischen Liede von Fiölsvinnr und erzählt also. Die Göttin Freyja war dem Halbgotte Odhr vermählt und von diesem verlassen worden. Vordem hatte sie wegen ihres berühmten Halsgeschmeides die Schmuckfrohe geheissen, Menglöd; nun aber empfieng sie den neuen Namen die Thränenschöne, denn um den verlornen Gemahl durchsuchte sie alle Länder und weinte ihm goldne Thränen nach. Sie mied der Männer Gemeinschaft; erbaute sich auf einer Waldhöhe eine Halle, über deren Schutzwehren Niemand einzudringen vermochte, und lebte hier mit heilkundigen Mädchen einträchtig zusammen. "Hilfeberg heisst die Höhe, wo sie wohnen, allen Lahmen und Siechen Hilfe schaffend; keine Krankheit ist, die sie nicht zu wenden wüssten." Da kehrte der die Welt durchreisende Odhr nachmals wieder zurück und sprach zum Wächter des Berges: "Reiss auf die Thüre, Wächter! auf kalten Wegen komm ich her, die Schicksalsschwestern sind an meiner langen Säumniss schuld, doch geh und frag erst Menglöd, ob sie mich noch liebt?" Da emfieng sie den Langersehnten mit Küssen und sagte: "Lang sass ich auf dem Berge, Tag und Nacht nach dir blickend, endlich hat sich mein Sehnen erfüllt; mein lieber Freund ist gekommen, nun sind wir beide fröhlich!" Die Verwandtschaftszüge zwischen diesem Mythus und dem Tannhäuserliede sind einstweilen folgende. Odhr-Tannhäuser wandert aus dein Waldberge der Freyja-Vrene weit in die Welt fort bis nach Rom, kehrt aber, weil bei allen Menschen verkannt und verstossen, wieder heim, wo inzwischen die verlassne Geliebte mit ihrer Jungfrauenschaar den Orden heilkundiger, hilfreicher Schwestern gestiftet hat, und pocht am Thore. Der Wächter (der getreue Eckart) erkennt seinen Herrn und führt ihn in den Berg. Draussen lässt er den dürren Wanderstab liegen, der sogleich an zu grünen fängt; drinnen ruht er am Steintische und bemisst das nun nicht mehr unterbrochne Glück nach der Länge des Bartes, der ihm dreimal um den Tisch herumwachsen wird. Entzückt über diese doppelte Unendlichkeit ewiger Zeit- und Liebesdauer, befragt er jeden Freitag seine Freyja-Vrene, ob nun noch ein jüngster Tag gedenkbar sein könne. Zur Bekräftigung dieser gegebnen Erklärung sowohl als der sogleich mitzutheilenden Etymologie der bezüglichen Eigennamen, fügen wir ein paar Sagenbruchstücke bei, die zu dem Kostbarsten gehören, was in der letzten Zeit zu Tage kam. Pröhle's Harzsagen 2, S. 209-211 berichten: Es war eine Frau, die wohnte im Walde auf einem königlichen Schloss und hiess Frû Frêen und Frû Frîen. Sie war einmal im Himmel gewesen und da von den Sterblichen um Rath befragt worden. Um ihren Freier aufzufinden, durchzog sie die ganze Welt, doch da er ihr immer wieder verschwand, brach sie in ein furchtbares Weinen aus. Davon hat man in Ilseburg noch folgenden Reim:
Frû Frîen
wolle geren frîen
un konne keinen krien,
da feng se an de schrîen.
Noch Anfangs Juli 1855 wurde diese weissgekleidete Frau Freen von einen Burschen aus Ilsenburg im dortigen Walde gesehen. Dieselbe um ihren verschwundnen Gemahl trauernde Göttin heisst in Wolf's Hess. Sagen no. 12 die Huldgöttin, Frau Holl: "Bei Fulda im Walde liegt ein Stein, in dem man Furchen sieht; da hat Frau Holl über ihren Mann so bittre Thränen geweint, dass der harte Stein davon erweichte." Dass diese Holl die Göttin Freyja wirklich ist, wurde neuerlich durch den aufgefundenen Namen Friggaholda beurkundet (Mannhardt, Mythen 295). Freyja selbst ist die von Paulus Diaconus als Gemahlin Wodans genannte Frêa (ahd. Frouwa, domina) und lebt in den niedersächs. Sagen bald unter den diminutiven Namensformen der Frau Freke und Frick, bald besonders um Halberstadt und Drübeck als Frû Frîen, Frû Frêen fort. Kuhn, Nordd. Sag. no. 70 und S. 414. 519. Mit diesen niederdeutschen Namensformen und Sagen der Schönheits- und Liebesgöttin stehen nun die oberdeutschen desselben Wortstammes in frî, mulier formosa, entspricht das alemann. Adverb frein, frîn: pulcher, venustus. "Bis mer hübsch frîn", sei mir hübsch artig, hübsch sittsam, sagt das Berner Mädchen zu einem allzu stürmischen Liebhaber; "de sim-mer jo die freinste Lüt", gar allerliebste Leute, heisst es luzernerisch. Firmenich 2, 578. 594. Mit diesem Schönheitsprädikate übereinstimmend bezeichnet in Hebels alemann. Gedichten der Frauenname Vrene ausschliesslich die Geliebte und Schöne. Der Stamm des Wortes geht durch die indogermanischen Sprachen; gothisch frijon ist amare, sanskrit priya bedeutet angenehm und geliebt; die Pflanze Frauenhaar (capillus Veneris) heisst irländisch Freyjuhâr, dänisch Fruêhâr und Venusgräs, norwegisch Mariagras, weil die Schönheit das höchste Epithet bleibt, das an Göttinnen hervorgehoben wird. Myth. 279. Es entgeht uns keineswegs, dass hiebei die beiden von der Edda auseinander gehaltenen Namen und Figuren der Göttinnen Freyja (Freyrs Schwester) und Frigg (Odhins Gemahlin) wieder in eins zusammen fallen; allein dieselbe Verwechslung war sogar schon den nordischen Quellen geläufig und hat darin ihre Berechtigung, dass beide ursprünglich nur die in zwei Seiten auseinander gegangene eine Himmels- und Herzensherrin eines älteren Göttersystems gewesen sind, welches vor der Trennung der nordischen Götter in Asen und Vanen bestanden hat. Aus der launenhaften Gemahlin Odhins Fricke, die mit dem Gemahl als Windsbraut einherstürmt und Leichenfelder zehntet, hat der auf die Naturreligion der Asenlehre folgende feinere Vanenglaube eine familiäre, wirthschaftlich-besorgte Freyja gestaltet; in ihr ist die frühere Grausamkeit veredelt als Tapferkeit, Sonnenschein und Regen ist ihr unterthan, wo sie naht, trieft Segen auf Land und Menschen, zeugend und zeitigend ist sie die Gottheit der Liebe und Ehe. So urtheilt über die Vanengötter überhaupt Weinhold D. Frauen, 30.
Aus dem Vorausstehenden ergiebt sich also, dass die angeführten Namen der Göttin, eddisch Freyja, langobardisch Frea, niederdeutsch Freen und Frien, oberdeutsch Vren nur landschaftlich verschiedene Namensformen einer und derselben Göttin sind. Seit wann aber ist die Frau Vrene des schweiz. Tannhäuserliedes im hochd. Liedtexte eine Frau Venus im Venusberge geworden? Seit den Ritterdichtungen des Mittelalters, in denen die Minnegöttin modisch und gelehrt die frow Venus und ihr Palast der Venusberg hiess, und seitdem dann auch die theologische Literatur dieselbe Benennungsweise nachahmend in ihre zahllosen Teufels- und Hexengeschichten übertrug. Geiler von Keisersberg, in den Predigten von der Omeiss 36, lässt die Hexen in Frau Fenusberg fahren; schon fünfzig Jahre vor ihm nennt Joh. Nider († 1440) im Formicarius zum gleichen Zwecke den Venusberg, und nach hessischen Hexenakten von 1628 regiert im Venusberg Frau Holda. Wolf, Ztschr. f. Myth. 1, 273. "Der Teufel pflegt gemeiniglich seine Hochzeitleute auf dem Venusberg mit Kröten zu traktieren", schreibt der Arzt Lebenwaldt in seiner Hausarznei, 1695, S. 262. Eben daher ist Frau Vrene im Tannhäuserliede selber eine Verdammte, von welcher die Strophe 4 sagt:
Sie ist ob em Gürtel Milch und Bluet
Und drunter wie Schlangen und Chrotte.
Folgerichtig wurden dann seit dem 14. Jahrhundert die öffentlichen Frauenhäuser Venushäuser genannt und nach der einmal vorhandenen Namensverwechslung zugleich auch Vrenenhäuser. Ein Stadtquartier Hamburgs mit einem besondern Hügel, das den Dirnen zum Wohnorte angewiesen war, heisst Venusberg. Antiquarius des Elbstromes 1741, 761. Zu Basel war die jetzige Malzgasse ehedem das Quartier der Malazen oder Aussätzigen, und seit man letztere aus der Stadt wegwies, das Dirnenquartier gewesen, und das dortige Frauenhaus hiess beiderlei, Vrenen- und Venushaus. Davon sagt Pamphilus Gengenbach in der Gauchmatt (ed. K. Gödeke, S. 151):
zuo Basel in der Malentz gassen
do hat sich fraw Venus nider glassen.
Auch dieser Umstand dient uns zur Erklärung einer sonderbar lautenden Ueblichkeit. Der vorgeschriebne Weg, welchen die am Verenatag zu Zurzach begangene Kirchenprozession einzuhalten hat, geht vom Stift zu der ausserhalb des Ortes beim Rhein liegenden Moritzkapelle und führt an einer alten Linde vorbei, deren zerklüfteter Stamm mit Ziegelsteinen ausgemauert ist. Man sagt, dahinter sei einst die Pest vermauert worden. An der Stelle dieses Baumes stand zu Verenas Lebzeiten das schon von der ältesten Legendenaufzeichnung erwähnte Siechenhaus, das erst in diesen fünfziger Jahren abgebrochen worden ist; neben demselben soll das offne Frauenhaus gestanden haben, dessen Mitglieder in jenem die untersten Dienstleistungen zu besorgen gezwungen waren. So oft nun nachmals der Landvogt von Baden zur Eröffnung der Zurzacher Dult im Flecken einritt, erwartete ihn unter dieser Linde "eine fahrende Dirne", mit der er einen Tanz um den Baum thun musste. Dafür erhielt sie einen Gulden Zehrgeld, gestiftet von jener Königin Agnes, die zum Seelenheile Albrechts, ihres erschlagnen Vaters, das Kloster Königsfelden bei Brugg erbaut hatte. Gerbert in seiner Taphographie thut dieses also entstandenen "Metzentanzes" ebenfalls Erwähnung, verlegt ihn aber fälschlich unter die Linde des Städtchens Brugg, also dem Stifte Königsfelden zunächst. So war Verena die Patronin der Frauenhäuser und Metzen geworden.
Die Zeit der Entstehung der Zurzacher Jahrmärkte ist noch nicht aufgehellt; Kaiser Sigismunds Bestätigungsbrief und Kaiser Friedrichs hernach wiederholte Approbirung nennt schon die zwei dortigen Jahresmessen, die erste mit dem Sonntag nach Pfingsten beginnend, die andre mit dem zweiten Montag nach Bartholomäitag. Sie werden abwechselnd Dult und Messe genannt. Der erstere Name stammt keineswegs aus dem latein. indultum, der obrigkeitlichen oder kirchl. Erlaubniss, sondern aus goth. dulds, ahd. tuld, das in den Glossen als ein zur Zeit des Neumonds begangenes Fest übersetzt wird und mithin ein im Heidenthum entsprungenes Wort ist. Grimm, GDS. 72. Somit könnte die Zurzacher Dult schon mit einem heidnischen Verenafeste zusammengefallen sein, wie sie hernach mit dem christlichen Feste daselbst wirklich und ausschliesslich zusammenhieng. Kirchen und Klöstern wurde frühzeitig das Marktrecht verliehen; die Kirche zu Magdeburg besass dasselbe schon 929, die Elsasser Abtei Selz seit 982, und daher rührt der andere Marktname Messe. Er bezeichnet den kirchlich begangenen Festtag eines örtlichen Heiligen und den gleichzeitig abgehaltnen, von zahlreichen Pilgerzügen besuchten Jahrmarkt. Alle orientalischen Karavanenzüge gehen von einer Tempelstadt aus oder enden bei einer solchen; alle Jahrmärkte des Abendlandes tragen Kalendernamen der Heiligen; daher denn im Worte Messe der Doppelbegriff des Handelsverkehrs und des Gottesdienstes vereint liegt.
Jedoch nicht hinter allen den Orts- und Geschlechtsnamen, welche häute Venus heissen, ist ursprünglich diese wirklich zu suchen, und es ist bei unserem gegenwärtigen Zwecke keineswegs überflüssig zu zeigen, wie hierin das so vielfach wiederkehrende Wortmissverständniss sich erzeugt hat. Veni heisst der neckende Berggeist am Trüdinger beim Dorfe Eib an der Rezat, nächst der Stadt Ansbach; er wohnt hier auf dem Schlossberge auf dem Venibuck im Veniloch, Die Eingebornen nennen diesen Ort Venesberg, allein auf dem lithograph. neuen Steuerblatte steht er bereits als Venusberg verzeichnet. Bavaria III, 2. S. 941. Das Adelsgeschlecht der Feniberger war sesshaft zu Bogen, unterhalb Regensburg am linken Donauufer; sein Wappenbrief aber vom J. 1662 zeigt die Venus vor einem grünen Hügel stehend. Anz. des German. Museums 1860, 88. Das sächs. Dorf Venusberg, zwei Stunden von Wolkenstein, heisst urkundl. Fenigs- und Feinigsberg. Grässe, Sag. v. Tannhäuser, 18. Ein Finisloch, ausserhalb Marburg gelegen, heisst gleichfalls Venusloch. Lynker, Hess. Sag. no. 152. Das Staatshandbuch des Grossherzgth. Weimar führt nicht weniger als sechs Beamte des Namens Venus auf: Bechstein, Mythe 1854, Heft 1, 53. Dass nun diese Namen unmöglich alle dem Latein abgesehen sein können, empfand schon Fischart, der in seiner Uebersetzung von Bodinus Dämonomanie, 1591, S. 67 vom Venusberg bei Breisach berichtet und was man von den darin, schlafenden Rittern singt und herumträgt; allein, fügt er bei, man pflegt im deutschen Volksliede den Namen Venus aus dem Worte Fin und dieses wiederum aus jenem abzuleiten. Hier nun ist die richtige Ableitung folgende. Aus dem romanischen Worte Fee (fatua), ein weiblicher Schutz- und Gefolgsgeist, bildet sich der mhd. Name Feine und aus diesem die Pluralform Feenesleute, wie die Erdmännchen in Vernalekens Oesterreich. Mythen, 23 heissen. Die altfranz. Form Faye lebt noch im waatländer Patois fort, Fayres bezeichnet da die gespenstischen Weissen Frauen und geht ins Rhätische über, denn im Kt. Glarus heissen die Waldgespenster pluralisch Fayer, gälisch Fairys. Wird also der Quarzfelsen auf der Spitze des Feldberges im Taunus abwechselnd Brunnhildenbett, Teufelskanzel und Venusstein genannt, so steht nun fest, dass der letztere Name die als Feen dorthin verwünschten bösen Geister bezeichnet und dass sie Veensleute sind. Nicht unter diese Namensreihe gehört jedoch der Name des Grafen Rudolf von Fenis, ein Minnesänger, † um 1196; dessen Burg beim Bernerdorfe Vingelz zwischen dem Bielersee und dem Seelande gelegen ist; sein und seiner Burg urkundlicher Name ist Fenils, ableitend von latein. fenus, Ertrag, fenile, Heuboden, hier in der örtlichen Bedeutung von Schlossscheune und Vorburg.
Das nun gewonnene Ergebniss ist einfach und befriedigend. Vrene, die Liebesgöttin, wird vom höfischen Geschmacke zur Venus antikisirt, durch die Kirche zur Patronin der Siechenhäuser, durch die Zeitsitte zur Mutter der Frauenhäuser erhoben und erniedrigt, und durch romanischen Spracheinfluss zur Königin der Feen gemacht, mit denen sie im Zauberberge wohnt. Der mit der Liebesgöttin in ihrem schattigen Lusthain (im Tann) hausende Gemahl heisst eben so erklärlich Tannhauser. Auf den bairisch-salzburgischen Ritter und Minnesänger Tannhuser († um 1266) darf, obschon er ein Zeitgenosse des im Liede mitgenannten Pabstes Urban ist (der IV. dieses Namens † 1268), schon deshalb nicht geschlossen werden, weil sich die Tannhäusersage, wenn auch unter anderem Namen, in Schottland und Schweden wiederholt. Belege hiefür giebt Grimm Myth. 888.
FUSSNOTEN:
Uhland C.
Uhland A.
Uhland B.
Nach Uhland C.
Uhland A.
III. Gertrud mit der Maus,
die Allerseelenherrin.
Die heilige Gertrud, ahd. Kêredrûd, trägt den heidnischen Namen einer germanischen Walküre und Speerjungfrau. Der mythologische Name Thrûdhr bezeichnet sowohl Thôrs und Sifs Tochter, als auch eine der von der Edda genannten 13 mit Odhin in die Schlacht reitenden Schlachtjungfrauen. Das altnord. Appellativ thrudhr, ags. thrydh, bezeichnet das Mannweib, virago; Gertrud also ist eine Jungfrau, die den Gegner im Waffenkampfe niedertritt, wie unser jetziges Wort Trude ebenfalls die den Schläfer auf die Brust tretende Nachtmahre, den ihn im Traume reitenden Alp, bezeichnet. Der Trude ist daher der fünfeckige Trudenfuss eigen, dessen Missgestalt aus dem Schwanenfusse der schwanengeflügelten Walküre entstanden ist. Eine Alptrudis und Albedrudis wird im Polyptychon Irminonis (sec. 8) unter den fränkischen Frauen genannt; ebendaselbst eine Ermendrudis (Dienerin des Gottes Irmin), eine Anstrudis (der Asen Dienerin), eine Electrudis (ahd. Alahtrûd), die das Heiligthum, alah, verwaltende Tempeljungfrau. Die ahd. Frauennamen Wolchandrud, Himildrud bezeichnen die geisterhaften Wetterfrauen, welche auf den Wolken tanzen, dass Regen fällt; eine ahd. Glosse bei Graff 5, 522 übersetzt trutari mit saltator, und jetzt noch giebt der Volksglaube den Truden das Geschäft, in der Walburgisnacht den Schnee vom Blocksberg wegtanzen zu müssen. Da die Walküre zugleich die den Lebensfaden spinnende Schicksalsschwester oder Norne ist, so vertauscht sie den Speer gegen Rockenstab und Spindel, und so wird die hl. Gertrud, gleich den Göttinnen Freyja, Holda und Berchta, spinnend dargestellt, auf einem Wagen fahrend, ausnahmsweise sogar zu Rosse sitzend. Wie die eben genannten Göttinnen mit ihrem Erscheinen die Menschen zum Anbau des Kornes und Flachses auffordern, so stehen in Gertruds Dienst die Frühlingsvorboten Specht, Kukuk und Schnecke, tragen von ihr den Beinamen und werden zugleich zu Todesboten; denn wie Freyja sich mit Odhin in die Seelen der im Waffenkampfe Gefallnen theilt, so wird Gertrud als Seelenherrin geschildert, und ihr Geleitsthier, die nächtlich wühlende Maus, kündet mit ihrem Erscheinen nicht bloss die Reife der Saat, sondern auch Misswachs, Seuche und Tod an. In Folge dessen versöhnt man die Heilige mit Trank- und Speiseopfern, indem man die Gertrudenminne trinkt und das Erntebrod der Süssen Mäuschen bäckt.
Dies ist der äusserliche Umriss dieser heidnisch-christlichen Gestalt.
Ueber die Abkunft der geschichtlichen Gertrud schwebt schon ihre älteste Legende in vielfältigen Widersprüchen, die aus der Bemühung entstanden sind, die Heilige in der Familie der Pipiniden und Karolinger unterzubringen. Ihr ältester Biograph ist ein Mönch in Nivelles, zugleich ein Zeuge ihres im dortigen Kloster 658 erfolgten Todes: A. SS. sec. II, pag. 467. Ihm zu Folge ist das brabanter Stift Nivelles, zwischen Brüssel und dem hennegauischen Gebirg gelegen, durch Pipins I. Gemahlin Ita um 640 gegründet und wird von deren Tochter Gertrud als erster Abtissin regiert. Der Interpolator dieser Lebensbeschreibung, gleichfalls ein Niveller Mönch im 10. Jahrhundert, erzählt, dass Gertrud, um den Werbungen eines austrasischen Herzogs auszuweichen, nach Franken entflohen sei und hier längere Zeit in dem von ihr gestifteten Frauenkonvent Karleburg am Main im Spessart ein gottgeweihtes Leben geführt habe. Allein die Benediktiner fügen dieser Angabe hinzu, dieselbe verwechsle die Pipinentochter mit einer andern Heiligen desselben Namens, die unter Karl d. Gr. gelebt habe. Und so gilt die hl. Gertrud bei den Mainfranken bis heute als Karls Tochter, welcher man dorten die Klostergründungen und Vergabungen zu Karleburg und zu Neustadt am Main beilegt, ja man führt daselbst noch eine dritte hl. Gertrud an, welche eine Tochter des Grafen Berger von Sulzbach und nachmalige Gattin des Königs Konrad III. gewesen ist. Das Ergebniss von dem allen ist, dass Gertrud bei den Mainfranken wie bei den Friesen frühzeitig eine volksthümliche Verehrung genoss, und dass man aus eben dieser Ursache ihre Genealogie nachmals an das grösste deutsche Kaiserhaus anknüpfte. Auch ihre frühzeitig erfolgte kirchliche Anerkennung steht ausser Zweifel; ihr sind in Belgien allein mindestens bei vierzig Kirchen geweiht, A. SS. l.c.. pag. 475; ihr Name steht im Rheinauer Martyrologium mitverzeichnet, welches dem 8. Jahrhundert angehört, und das nach ihr benannte Gertruidenburg am südlichen Ufer der Maas, das auf ihren Wunsch eingeweiht sein soll, wird schon 992 als eine Marienkapelle genannt. Reitberg, Kirchgesch. 2, 543. Ueberall treffen so die ihr beigelegten Stiftungen oder die von ihr gegründeten Kirchen mit den frühesten Anfängen des Christenthums in Deutschland zusammen.
Ihre kirchlichen Embleme und Abbildungen sind nachfolgende. In der Abtei zu Nivelles, wo sonst ihr wunderthätiges Sterbebette kirchlich verwendet wurde, wird nun ihr Wagen aufbewahrt. Bock, Eglise abbat. de Nivell. 4, 25. In holländischen Kirchen ist sie abgemalt, in einer Hand den Hirtenstab, in der andern ein Trinkgeschirr haltend, welches stabil die Form eines Schiffleins hat. Mit diesem giebt sie sich als die Patronin der Reisenden zu erkennen, die beim Abschied "Sinte Geerteminne" trinken, um dadurch gute Herberge zu finden. Wolf, Ndl. Sag. S. 434. Einen gleichen Stab, aber mit einem Blumenkranz behangen, trägt Gertrudens hölzernes Standbild in der Kapelle zu bairisch Hermatshofen. Panzer, BS. 2, no. 246. Dieser Stab wird sich später als ein Rockenstab, der Blumenkranz als das Gertrudenkraut herausstellen. Am Titelblatte des Gertrudenbuches, Köln 1506, ist sie abgebildet am Rocken spinnend, an welchem drei Mäuse hinauflaufen; in ihr Kleid sind Zauberzeichen eingewoben, zwei, Weihrauchfässer schwingende Engel umschweben sie. Blunschi's Kalender aus der Stadt Zug vom J. 1823, und ebenso der Krainische Bauernkalender bezeichnen den 17. März, als den Gertrudentag, durch zwei Mäuslein, die an einer aufgeweiften Spindel nagen. Eine damit correspondirende Stelle in Konrads von Dankratsheim Namensbüchlein (edd. Strobel) lautet:
so kumet die liebe sant Geretrud,
die so entschlief in gottes willen,
und stulen die ratten und miuse ir spillen
und trugen sie in ir miuseloch.
Auf einem Gemälde, das vordem im Strassburger Münster gewesen, auf das sich Schilter in seinen Anmerkungen zu Könighovens Chronik 571 beruft, war der Strassburger Bischof Wilderolf zu sehen, zu Schiffe fahrend, umschwommen von Mäusen und überragt von St. Gertrud. Von diesen beiden in der Gertrudslegende sich wiederholenden Emblemen, dem Schiffe und der Maus, wird nachher ausführlicher die Rede sein; für jetzt seien die landwirtschaftlichen und bürgerlichen Ueblichkeiten hier vorangestellt, die sich an den Gertrudentag und an dessen Zeitthiere anreihen.
Betrachten wir die an den Gertrudentag (17. März) sich knüpfenden Kalenderregeln. Weil mit dem 25. Nov. (als am Katharinentage) der Winter, und mit dem 17. März der Frühling beginnen soll, so ziehen mit dem letzteren Termin die Hausmäuse aufs Feld. Davon heisst es bei Lasicz: Gertrudis mures a colis mulierum abigit. Altbairisch: Gertraud lauft d'Maus go Feld aus. Quitzmann, Bajwaren 124. Am Gertrudentag lauft die Maus den Rocken hinauf und beisst den Faden ab. Schmeller, Wörtb. 2, 71. Mit diesem Tage werden also die Spinnabende eingestellt und es beginnt die Gartenarbeit, weshalb die Heilige auch als die erste Gärtnerin verehrt ist. Die Frühlingswärme kommt, die Bienen nehmen ihren Ausflug, das Stallthier geht wieder zur Weide. Davon reden folgende Sprüche;
Sünte Katherin
smitt den ersten Stên in 'nen Rhîn.
Sünte Gerderut
tüht ne wi'er herut. (Aus Köln.)
Sankt Gertraud
führt die Kuh ins Kraut,
das Ross zum Zug,
die Bienen zum Flug.
Gerdrut
geht das Schoof mit dem Lamme ruut. (Aus dem Waldeckischen.)
Sant Gertrud
Säit Zibelä und Chrût. (Schweizerisch.)
Wichtiger und von weiter reichendem Ziele werden diese Kalenderregeln, wenn man sie auf Specht, Kukuk und Schnecke ausdehnt und diese als im Dienste Gertrudens stehend aufweist. Alle drei werden von der Kalenderregel in dieselbe Zeitfrist gesetzt. Der Specht heisst Schweiz. Merzafülli, d.i. Fohlen; Gertrudentag fällt auf 17. März und die Bauernpraktika sagt: Schreit der Kukuk früh im März, so giebts einen guten Frühling.
Der Schwede nennt den Schwarzspecht Gjertrudsfuglen und erzählt von ihm folgendes Märchen, enthalten in Asbjörnsen's Norske Folke-Eventyr 1866, no. 2. Christus und Petrus erscheinen reisemüde und hungrig bei einer brodbackenden Frau, welche Gertrud hiess und eine rothe Haube trug. Auf Beider Bitte nahm sie ein bischen Teig in die Backpfanne und thats übers Feuer, doch das Bischen gieng sogleich hoch auf und füllte das ganze Geschirr. Dieser Kuchen war ihr für ein Almosen zu gross; zum zweiten male nahm sie noch weniger Teig, doch auch dieser bekam dieselbe Grösse, und als nun zum dritten male dasselbe geschah, sprach das Weib: Ihr müsset ohne Almosen gehen, all mein Gebäcke wird zu gross für euch! Zur Strafe verwünschte der Herr die Geizige in den Gertrudenvogel, der noch ihre rothe Haube trägt und kohlschwarz ist wie sie, als sie zum Schornstein hinausfuhr. Beständig hungernd hackt sie nach Futter in die Baumrinde.—Dieselbe Sage in deutscher Version lautet bei Simrock, Myth. 3, 23 also: Christus gieng an einem Beckerladen vorüber, wo frisches Brod duftete, und sandte einen der Jünger hin, um ein Stück zu erbitten. Der Becker schlug es ab, doch die Beckersfrau, die mit ihren sechs Töchtern von ferne stand, gab es heimlich her. Dafür sind diese zusammen als das Siebengestirn an den Himmel versetzt, der Becker aber ist zum Kukuk geworden. In Prätorius Weltbeschreibung und darnach in Grimms Myth. 641 wird eben dasselbe also berichtet. Ein Becker hat zur theuern Zeit den armen Leuten von ihrem Teig gestohlen und, wenn Gott den Teig im Ofen segnete, ihn herausgezogen, bezupft und dabei gerufen: Guck! guck! (ei sieh!) Dafür ist er in einen Raubvogel verwandelt, der unaufhörlich dieses Geschrei wiederholt. Im aargauer Freienamt gilt hierüber folgende Spielart. Ein hungernder Knabe wollte einem Marktweibe ein Brodwecklein abkaufen, sie, forderte aber so viele Kreuzer dafür, als man auf des Kindes flache Hand hinzählen könne. Das Büblein gieng darauf ein und machte sein hingestrecktes Händchen immer hohler und schmaler. Da die Alte nun in ihrem Zählen gar nicht fertig werden wollte, noch ein Plätzchen und wieder eins auf der Kinderhand zu suchen, so rief zuletzt der Knabe voll Hunger und Verdruss: So flieg und ruf Kukuk! Alemann. Kinderlied, S. 78.
So wird hier der Specht, ursprünglich ein nahrungsspendender Bote Gottes, ein die Nahrung hartherzig verweigernder Theuerungsgeist und geht in die Gestalt des gleichfalls eigennützig gefassten Kukuk über. Daher heisst es von diesem letzteren, er sei ein diebischer verwünschter Beckerknecht und trage davon sein fahles, mehlbestaubtes Gefieder. Dies besagen die nachfolgenden Kindersprüche:
Kukuk stahl Weggen.[13]—Kukuk, Beckenknecht![14]—Kukuk, Speckbub![15]—Kukuk, schniet Speck up![16].—Der Gugger uf em dürre Nast, er bettelt Brod und wird nicht nass.[17] Der Sauerklee, Oxalis acetosella, der zur nemlichen Zeit blüht, da des Kukuks Ruf ertönt, heisst in Deutschland Kukukskohl, in der deutschen Schweiz Guggerbrod, franz. pain de coucou, tessinisch pan cuculo, romansch paun e caschöl cucu (Butterbrod), und weil seine säuerlichen Blättchen von den Kindern genascht werden, auch Herrgottensüpple, Herrgottenbrod. Fr. Staub, das Brod, 1868, 6. Auch die süssen Keime des Habermarks (Tragopogon) heissen Guggichbrödle.
Der Vogel schenkt oder raubt also Brod und Butter, Speck und Speckwecken, nemlich solcherlei Kuchen, die man nach beendigter Fastenzeit um Ostern bäckt, mit Speckwürfeln belegt und Speckwähen benennt. Die Rolle des Diebes wird ihm beigelegt, weil er nur so lange seinen Ruf ertönen lässt, als die Brütezeit dauert und er die Eier andrer Vögel aussäuft. Ist diese Zeit vorüber und es beginnt die Reife der Frühkirschen, so sieht er auch diese, heisst es, in seiner Gier für buntgesprenkelte Eier an und frisst deren so viele, dass ihm die Stimme verfällt und er nur noch heiser ruft. Die Sage von der durch ihn erregten Theuerung knüpft sich an sein zeitweilen verspätetes Erscheinen und an sein über die geregelte Frist andauerndes Rufen. Die oberfränkischen Bussbacher sollen ihn daher einmal bei langem Regenwetter mit dem Backwisch verjagt haben. Panzer, BS. 2, no. 285. Er soll nur so lange rufen, als das Siebengestirn am Himmel steht, in welches jene Beckerin mit ihren Töchtern verwandelt ist; das ist bis Ende Juni. Die appenzeller Bauernregel sagt hierüber: Wenn d'Henne abwärts gönd, schlôt s'Brod ab, wenn s'ûfwärts gönd, schlôt 's ûf. Hält der Vogel diese Frist nicht mit ein, so entsteht Nahrungsmangel, dessen Opfer er selber zuerst wird; hievon erzählt folgender venetianer Spruch: