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Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens cover

Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens

Chapter 11: Neuntes Kapitel.
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About This Book

The narrative recounts journeys across Syrian deserts and towns, combining travel diary, ethnographic observation, and archaeological description. The writer prioritizes encounters with local people—Arab tent-dwellers, Druze, and Turkish or Syrian officials—quoting their stories and conversations to reveal daily life, customary laws, hospitality, and differences in practical outlook. Landscapes, camp and tent life, regional ruins and monuments are described, often accompanied by photographs and a map. Reflections on administration, social structures, and the need for further archaeological research punctuate the account, while personal impressions emphasize cultural manners encountered on the routes.

Ba'albek.

Trotz des Regens war der Tag in Ba'albek nicht verloren. Die Deutschen hatten seit meinem letzten Besuch den Tempel der Sonne ausgegraben und Altäre, Fontänen, Teile von Dekorationen sowie Grundmauern von Kirchen bloßgelegt, die von höchstem Interesse waren. Und außerdem erweckt die große Gruppe von Tempeln mit den sie umschließenden Mauern, die zwischen dem Doppelgebirge des Libanon und Antilibanon liegt, einen Eindruck, der nur von der Tempelgruppe der athenischen Akropolis übertroffen wird, die ja wirklich ihresgleichen sucht. Die Ausführungen im einzelnen sind weniger gut als die athenischen. Das unendlich Würde- und Maßvolle in dieser Krone unter den Schöpfungen der Architekten kann nicht erreicht werden, wie auch die prachtvolle, das blaue Meer und den Golf von Salamis beherrschende Lage einzig in ihrer Art ist. Aber im großen ganzen kommt Ba'albek der Akropolis näher als irgend ein anderer Gebäudekomplex, und der Gelehrte findet reichlich Material zu Betrachtungen über die griechisch-asiatische Kunst, die Ba'albek erbaut und seine Pfosten, Architrave und Kapitäle mit Ornamenten versehen hat, die ebenso abwechslungsreiche Entwürfe zeigen, wie sie herrlich ausgeführt sind. Der Archäologe kennt weder rein noch unrein. Jedes Werk der menschlichen Phantasie nimmt bei ihm den ihm bestimmten Platz in der Geschichte der Kunst ein, leitet und erweitert sein eigenes Verständnis. Befriedigt das Ergebnis sein Auge, so freut er sich, in jedem Falle aber liefert es ihm ein neues unerwartetes Band zwischen dieser und jener Kunst und führt ihn eine Stufe weiter empor auf der Leiter der Geschichte. Das macht ihn fähig, mit allem zufrieden zu sein, was er sieht, und sicher wird er nicht sagen: »O weh — o weh! Diese Dummköpfe von Syrern ... Phidias würde das so und so gemacht haben!« Denn ihm gewährt es Befriedigung, einen neuen Versuch auf dem Pfade künstlerischen Schaffens zu entdecken, einen frischen Hauch, der die Akanthusblätter und Weinranken an den Kapitälen bewegt.

Der große Hof, Ba'albek.

Unsre Abreise von Ba'albek wurde durch ein sehr betrübliches Vorkommnis gekennzeichnet: mein Hund Kurt war in der Nacht verschwunden. Im Gegensatz zu den meisten syrischen Pariahunden offenbarte er ein höchst anschmiegendes Wesen, war auch (und darin unterschied er sich wiederum nicht von seinen halbverhungerten Stammesgenossen) unersättlich gefräßig, weshalb die Wahrscheinlichkeit nahelag, daß er mit einem Knochen weggelockt und eingesperrt worden war, bis wir glücklich aus dem Wege sein würden. Während Habīb nach der einen Richtung hin das Dorf durchstreifte, und Michaïl nach der anderen, erschien der Polizeikommissar auf dem Schauplatz und suchte Balsam in die Wunde meines Schmerzes zu träufeln. Nach einiger Zeit erschien Habīb wieder, hinter ihm Kurt, schweifwedelnd und an einer Kette befestigt. Wie jener atemlos berichtete, hatte er das Tier, an eben diese Kette gefesselt, bei jemand entdeckt, der es hatte stehlen wollen.

»Und als Kurt meine Stimme hörte, bellte er; ich ging in den Hof und sah ihn. Und der Herr der Kette verlangte sie von mir, aber bei Gott! ich gab sie ihm nicht, sondern schlug ihn zu Boden damit. Gottes Zorn über den diebischen Metawīleh!«

Und so habe ich das Vergnügen zu berichten, daß die Metawīleh eine ganz so unehrliche Gesellschaft sind, wie das Gerücht von ihnen geht, daß ihre Anschläge aber von umsichtigen Christen vereitelt werden können.

Wir ritten das weite und öde Tal zwischen Libanon und Antilibanon dahin. Ich hätte ja mit der Bahn nach Homs und weiter bis Hamah reisen können, aber ich zog es vor, je nach Laune von einer Seite des Tales nach der anderen zu kreuzen, um alle interessanten Stätten der Gegend aufzusuchen, und das war mir nur zu Pferde möglich. Das nördlich von Ba'albek gelegene Syrien war mir unbekannt, es war auch insofern ein Abschnitt, als hier die Karte von Palästina aufhörte. Ich mußte nun meine Zuflucht zu Kieperts kleiner aber vortrefflicher Karte nehmen, die ich aus dem in Saleh verbliebenen Werke Oppenheims entfernt hatte. Es gibt keine andre genügende Karte, bis etliche dreißig Meilen südlich von Aleppo Kieperts großer kleinasiatischer Atlas im Maßstabe von 1 : 400000 einsetzt; diesem Übelstand wird hoffentlich abgeholfen sein, sobald die Amerikanische Princeton-Expedition ihr Werk herausgibt. Nach 4½ Stunden erreichten wir Lebweh, wo der Hauptquell des Orontes in einer Menge kleiner Brünnchen dem Boden entspringt — ein entzückender Anblick. Hier war es, wo wir von zwei Soldaten eingeholt wurden, die der Kāimakām uns mit der höflichen Frage nachgeschickt hatte, ob mir eine Eskorte erwünscht wäre. Ich schickte den einen Mann zurück, behielt aber den anderen, um den Kāimakām nicht zu verletzen. Unser neuer Begleiter nannte sich Derwisch und erwies sich als sehr nützlich und angenehm, wie in der Tat die ganze lange Reihe seiner Nachfolger, die uns eskortierten, bis ich den Zug in Konia bestieg. Einige von ihnen trugen viel dazu bei, die Reise unterhaltend zu gestalten: während wir Stunde um Stunde nebeneinander dahinritten, erzählten sie mir vielerlei von ihren Erfahrungen und Abenteuern. Diese Unterbrechung des Garnisonlebens behagte ihnen nicht wenig; gar wohl gefiel ihnen auch der Medschideh (etwa vier Mark) täglich, der ihnen viel sicherer war als der Sold des Sultans. Nach Ablauf ihrer Dienstzeit beschenkte ich sie überdies noch mit einem kleinen Trinkgeld, und sie erhielten sich und ihre Pferde mit den Nahrungsmitteln und dem Futter, die sie, wie ich starken Verdacht hege, dem Bauernvolk gewaltsam abnahmen — eine Art offizieller Erpressung, gegen die einzuschreiten der Reisende keine Macht hat.

Säulen des Sonnentempels, Ba'albek.

In Lebweh befinden sich die Ruinen eines Tempels, der in derselben massigen Bauweise wie Ba'albek errichtet war. Ein aus vier Steinlagen bestehendes Podium, das von einem einfachen Sims, lediglich einer krummgezogenen Fläche, überragt wird, ist alles, was davon übriggeblieben. Das Dorf gehört Asad Beg, einem reichen Metawīleh, dem Bruder des in ganz Nordsyrien wohlbekannten Dr. Haida. Er ist in der Tat überall zu finden. Komme ich doch nie nach Damaskus, ohne ihn zu treffen, und immer gewährt es mir Befriedigung, denn er ist außerordentlich intelligent und in der Literatur Arabiens gut zu Hause. Neuerdings ist er zu irgend einem Posten an der Bahn von Mekka berufen worden; meines Wissens ist er der einzige Mann seines Stammes, der eine gute Erziehung genossen und sich hervorgetan hat.

Wir schlugen unser Lager in Rās Ba'albek, 1½ Stunde von Lebweh entfernt auf, wo sich eine vortreffliche Quelle in einer Schlucht der östlichen Hügel befindet. Der beißende Frost hatte eines Morgens aufgehört — dem Himmel sei Dank! — aber noch war es kalt. Die Graupeln schlugen an die Zeltwand, als wir in der Morgendämmerung aufstanden, und den ganzen Tag ritten wir in einem teuflischen Wetter dahin. Und dies war der 8. März! Ja, der Frühling reist gemächlich in das nördliche Syrien! Ich ließ mein Lagergerät auf dem direkten Wege gehen, um mit Derwisch ein Denkmal aufzusuchen, welches sich auf einer kleinen Anhöhe inmitten des Orontes-Tales erhebt und auf dieser trostlosen Fläche von jeder Seite her auf eine Tagereise weit sichtbar ist. Es ist ein hoher Turm aus massivem Steingemäuer mit einer Pyramide auf der Spitze; viereckige Wandpfeiler und ein grober Fries mit Kriegstrophäen und Jagdszenen in Basrelief bilden die Dekoration. Die Syrer nennen es nach einem nahegelegenen Dorfe Kāmu'a Hurmul (Turm von Hurmul), und die Gelehrten vermuten, daß es zum Gedächtnis an irgend eine große Schlacht der Römer errichtet wurde. Ob sie recht haben oder nicht, läßt sich durch keinerlei Inschrift nachweisen. Es liegt zwei Wegstunden westlich von Rās Ba'albek. Von dem fürchterlichen Wind gepeitscht, ritten wir noch 1½ Stunden weiter bis zu einer Reihe kleinerer Erdwälle, welche die Luftlöcher eines unterirdischen Kanals deckten. In Persien nennt man es einen Kanāt, und ich glaube, so heißt es auch auf Arabisch. 2½ weitere Stunden brachten uns nach Kseir; und als eine Viertelstunde später auch die Maultiere eingetroffen waren, schlugen wir unser Lager dicht an der Begräbnisstätte außerhalb der häßlichen, aus Lehm erbauten Stadt auf. Nach Sonnenuntergang legte sich der Wind, und Friede, physischer sowohl als moralischer, zog ins Lager ein. Hatte doch sogar Michaïls gute Laune unter der Wut der Elemente gelitten, während Habīb, heiter wie gewöhnlich, hereingekommen war, und ich mich — ich freue mich, das konstatieren zu können — in philosophisches Schweigen gehüllt hatte, sobald ich fühlte, daß der Orkan sich mit meinem Humor entfernen wollte. Mohammed der Druse war nicht mehr bei uns; wir hatten ihn in Damaskus zurückgelassen. Mochte es seine eigne Schuld sein, oder hatten sich die anderen gegen ihn zusammengetan — jedenfalls nahmen die Verdrießlichkeiten und der Streit kein Ende, und es war besser, ein Glied des Stabes zu opfern, um die Karawane in Einigkeit zu erhalten. In Damaskus, wo unser Vertrag endete, schieden wir als die besten Freunde, und eine Reihe von Mietlingen, die sich — in meinen Augen wenigstens — durch nichts voneinander unterschieden, nahm seinen Platz ein.

Das Tal des Orontes war früher arabischer Lagerplatz; noch jetzt lassen sich in trocknen Zeiten einige Scheichs der Haseneh und der 'Anazeh dort nieder, aus dem letzteren Stamme hauptsächlich die Ruwalla; aber die große Masse der Beduinen ist von der Zivilisation verdrängt worden. Der Kāmua wahrt ihr Gedächtnis in Gestalt alter Stammeszeichen. Seltsam mutete es an, daß wir uns in den Niederlassungen der alten Hittiter (wer sie auch gewesen sein mögen) befanden; die berühmten Proben ihrer noch bis jetzt nicht entzifferten Schrift, die in Hamah aufgefunden wurden, sind jetzt in dem Museum von Konstantinopel untergebracht und spotten der Bemühungen der Gelehrten. Die jetzigen Einwohner von Kseir bestehen teilweise aus Christen und aus Gliedern einer die »Nosairijjeh« genannten Sekte. Der Islam erkennt sie zwar nicht als Rechtgläubige an, aber sie geben sich, wie alle die kleineren Sekten, die größte Mühe, den äußeren Unterschied zwischen sich und dem herrschenden Glauben zu verwischen. Sie halten ihre Glaubenslehren möglichst geheim, aber Dussaud hat ihnen gründlich nachgespürt und manche Anklänge an den alten Phönizierglauben entdeckt. Abgeschlossen in ihren Bergfesten lebend, haben die Nosairijjeh ihren alten semitischen Kultus beibehalten und nehmen als direkte Abkömmlinge des Heidentums eine hohe Stellung in den Augen der Syriologen ein, während sie selbst über ihre Abstammung völlig im Dunklen sind. Im Lande sprach man Übles von ihrer Religion, wie man ja überhaupt immer über Dinge, die man nicht versteht, Böses zu flüstern pflegt, und als sichtbaren Beweis sagte man mir, daß das Leben dieser Sekte alles zu wünschen übrig lasse. Aber Dussaud hat den Fleck weggewaschen, der auf ihrem Glauben lag, und ich meinerseits beobachte, nach meinen Erfahrungen über ihr Verhalten Fremden gegenüber, eine wohlwollende Neutralität. Habe ich doch fünf Tage in dem Bergland westlich von Homs verlebt und eine Woche in der Nähe Antiochiens, in welch beiden Distrikten sie besonders vertreten sind, und habe keinen Grund zur Klage gehabt. Weniger war mein Hund Kurt mit der Gesellschaft zufrieden, die er in Kseir antraf. Er bellte die ganze Nacht hindurch unaufhörlich, fast hätte ich ihn in den Hof des Metawīleh zurückgewünscht.

Tempel des Jupiter, Ba'albek.

Der folgende Tag brachte herrliches Wetter. Ich machte mit Michaïl einen weiten Umweg, um den Tell Nebi Mendu aufzusuchen, wo Kadesch am Orontes, die südliche Hauptstadt der Hittiter, lag. Kadesch muß seinerzeit eine schöne Stadt gewesen sein. Der Hügel, auf dem es erbaut wurde, erhebt sich aus einer großen Getreideebene. Nach Süden zu zieht sich zwischen den Zwillingsketten des Libanon das breite Orontestal dahin, im Westen wird es durch den Djebel Nosairijjeh gegen das Meer hin geschützt, und der Libanon umschließt mit den Nosairijjehbergen ein blühendes Flachland, durch welches die Kaufleute mit ihren Waren an das Meer gelangen können. Nach dem nördlichen Horizont erstrecken sich die Ebenen von Zölesyrien, und die Steppen der palmyrischen Wüste begrenzen den Blick nach Osten. Der Fuß des Tell wird von dem kleinen aber reißenden Orontes (der »Rebell« bedeutet sein arabischer Name) bespült, ganz im Vordergrund aber liegt der sechs Meilen lange See Homs. Man nähert sich dem Hügel Kadesch auf grasbewachsenen Flächen; zwischen Weidengebüsch dreht sich ein Mühlrad lustig in dem rauschenden Strom. Die Gegend muß seit den Zeiten der Hittiter beinahe ununterbrochen bewohnt gewesen sein, denn die Geschichte erwähnt eine Seleucidenstadt Laodicea ad Orontem, auch finden sich Spuren einer christlichen Stadt. Jede nachfolgende Generation hat auf dem Staube derer gebaut, die vor ihr gewesen. So ist der Berg höher und höher geworden und sicher auch reicher und reicher an Spuren von denjenigen, die darauf wohnten. Aber er kann nicht gänzlich durchgraben werden wegen der armseligen Lehmhütten, die den Ruhm von Laodicea und Kadesch geerbt haben. Und da ist ja auch der kleine Kirchhof am Nordende des Dorfes, der, so will es der Islam, ungestört bleiben muß, bis die Posaune Gabriels die Schläfer weckt. Ich sah wohl Fragmente von Säulen und recht rohen Kapitälen umherliegen, aber als ich so auf dem Berge stand, war meine Phantasie zu lebhaft beschäftigt, ein Bild von der Schlacht bei Kadesch zu weben, wo der König der Hittiter seinerzeit gegen Pharao kämpfte, und von der uns eine wundervolle Reihe Hieroglyphen in Ägypten erzählt. Ein viertelstündiger Ritt führte von Tell Nebi Mendu an eine seltsame Erdarbeit, die von den Arabern für Sefinet Nuh (Noahs Arche), von den Archäologen dagegen für eine assyrische Befestigung erklärt wird; jede der beiden Auslegungen über den ursprünglichen Zweck kann mit derselben Berechtigung für richtig gelten. Es ist ein quadratischer Erdhaufen mit genau nach den Punkten des Kompaß gerichteten Seiten; er erhebt sich 40-50 Fuß über die Ebene und wird von einem Graben umgeben, dessen Ecken noch scharf sind.

Kapitäle in dem Tempel des Jupiter, Ba'albek.

Wir ritten auf die Spitze und fanden, daß es eine ungefähr eine Achtelmeile im Geviert messende Plattform war; die vier ein wenig erhabenen Ecken mochten wohl Türme getragen haben, und Turm sowohl als Wall und Plattform waren mit aufsprießendem Getreide bedeckt. Der Schöpfer — ob Patriarch oder Assyrer — mag eine mühevolle Arbeit gehabt haben, aber solange man nicht mit Nachgrabungen begonnen hat, muß es dahingestellt bleiben, welchem Ziel sein Schaffen diente. Wir ritten an den See hinunter, um bei dem Lecken der plätschernden Wellen auf einer Bank aus sauberen Muscheln zu frühstücken. In der Nähe der Ufer befanden sich noch zwei weitere Erhöhungen, und eine dritte etwa eine Meile vor Homs, während die Burg Homs selbst auf einer vierten errichtet worden war. Sie scheinen alle von Menschenhand geschaffen und bergen mutmaßlich Überreste von Schwesterstädten Kadeschs. Die fruchtbare Ebene östlich vom Orontes muß von jeher imstande gewesen sein, eine große Bevölkerung zu ernähren; vielleicht war dieselbe zu der Hittiter Zeit größer als in unseren Tagen. Diesen Tag hatte unser Ritt von 8½-2 Uhr gedauert mit einer dreiviertelstündigen Rast bei Tell Nebi Mendu und einer halbstündigen am See.

Brunnen im großen Hof, Ba'albek.
Fragment eines Gebälkes, Ba'albek.

Wir zogen in Homs durch den Friedhof ein. Daß sich schon vor demselben auf eine Viertelmeile hin Gräber befanden, ist nicht etwa lediglich eine Eigentümlichkeit Homs', sondern den Städten des Orients überhaupt eigen. Jede Stadt wird durch Bataillone Toter bewacht, und durch ein Regiment beturbanter Grabsteine flutet das Leben der Stadt hin und her. Nun war es gerade Donnerstag, als wir in Homs eintrafen, der allwöchentliche Allerseelentag in der mohammedanischen Welt. Gruppen verschleierter Frauen legten Blumen auf die Gräber oder saßen munter plaudernd auf den Hügeln — sind doch die Grabstätten für die Frauen des Orients ein Vergnügungsort, ein Spielplatz für die Kinder, und die düstere Bestimmung des Ortes vermag den Besuchern den Frohsinn nicht zu rauben. Mein Lager wurde außerhalb der Stadt auf einer Rasenfläche zwischen den Ruinen der Garnison aufgeschlagen, die von Ibrahim Pascha erbaut und von den Syrern sofort nach seinem Tode zerstört worden war. Jede Spur seiner verhaßten Besetzung des Landes sollte vernichtet werden. Alles war bereit für mich; schon kochte das Wasser zum Tee, und der Kāimakām hatte einen Boten geschickt, um versichern zu lassen, daß jeder meiner Wünsche auf der Stelle beachtet werden würde. Trotzdem gefiel mir die Stadt Homs nicht, und freiwillig werde ich nie wieder dort kampieren. An diesem Entschluß war das Betragen der Einwohner schuld, von dem ich jetzt reden will. Dem Benehmen des Kāimakām, den ich nach der Teestunde besuchte, kann ich das beste Lob spenden; er erwies sich als ein angenehmer Türke, der, ein wenig der arabischen Sprache mächtig, mir sehr freundlich entgegenkam. Es waren noch verschiedene andere Leute anwesend, beturbante Muftis und ernste Senatoren, und wir unterhielten uns beim Kaffee höchst angenehm. Als ich mich Abschied nehmend erhob, erbot sich der Kāimakām, mir einen Soldaten zum Schutze durch die Stadt mitzugeben; ich lehnte jedoch mit der Bemerkung ab, daß ich der arabischen Sprache mächtig sei und daher nichts zu fürchten brauche. Aber da hatte ich mich getäuscht: keinerlei Kenntnis der Sprache könnte den Fremdling in Homs instand setzen, den Leuten seine Meinung klarzumachen. Die Verfolgung begann schon, ehe ich den Fuß nur in den Bazar gesetzt hatte. Ich hätte der Rattenfänger von Hameln sein können, so heftete sich eine Schar kleiner Knaben an meine Fersen. Ein Weilchen ließ ich mir ihre Neugierde gefallen, dann begann ich zu schelten und nahm schließlich meine Zuflucht zu den Geschäftsleuten im Bazar. Das wirkte eine Weile; aber als ich wagte, eine Moschee zu betreten, drängten sich nicht nur die kleinen Burschen nach, sondern (so erschien es wenigstens meiner erregten Phantasie), überhaupt jedes männliche Individuum aus Homs. Nicht etwa, daß sie ärgerlich gewesen wären, mich hätten zurückhalten wollen, sie wünschten im Gegenteil sehnlichst mein langes Bleiben, um mich desto länger beobachten zu können. Das war mehr, als ich ertragen konnte, und ich floh zu meinen Zelten zurück, wobei mir etwa 200 Paar neugieriger Augen das Geleit gaben, und ließ einen Zaptieh holen, den ich, nun klüger geworden, anderen Tags gleich zu Anfang mitnahm. Wir erklommen die Spitze des Burgberges, um einen Überblick über die Stadt zu gewinnen. Homs hat zwar nichts von großer architektonischer Schönheit aufzuweisen, trägt aber dafür ein ganz spezielles Gepräge. Es ist aus Tuffstein erbaut; die großen Häuser umschließen Höfe, deren schwarze Mauern mit einfachen aber schönen Mustern in weißem Kalkstein geziert sind. Hier und da sieht man den weißen Stein, mit dem schwarzen abwechselnd, in geraden Linien gelegt, wie die Fassade der Kathedrale zu Siena. Auch durch die Minarets fühlt man sich nach Italien versetzt, diese schlanken, viereckigen Türme, die so völlig denen in San Gimignano gleichen, nur daß sie in Homs so hübsch und wirkungsvoll durch eine weiße Kuppel gekrönt sind. Die Überreste des Kastells waren arabischen Ursprungs, wie auch die Befestigungswerke um die Stadt herum, nur an einer Stelle, im Osten, schien der arabische Bau auf älteren Fundamenten zu ruhen. Ich sah nur ein einziges Bauwerk aus der mohammedanischen Zeit, nämlich eine Ziegelruine vor dem Tripolitor; sie war unzweifelhaft römisch, die einzige Reliquie der Römerstadt Emesa. Auch der Burgwall befindet sich außerhalb der Stadt. Als ich meine Überschau beendet hatte, traten wir durch das Westtor ein, um uns umzusehen. Diese Tätigkeit erfordert Zeit; alle Augenblicke wird man durch die dringliche Einladung unterbrochen, hereinzukommen und Kaffee zu trinken. Wir kamen am Turkmān Djāmi'a vorüber, wo sich ein paar griechische Inschriften in das Minaret eingebaut finden, und ein als Brunnen dienender Sarkophag mit eingemeißelten Stierköpfen und Girlanden. Da der Zaptieh dafür war, daß ich unter allen Umständen dem Bischof der griechisch-katholischen Kirche meine Aufwartung machen sollte, begab ich mich nach seinem Palast, kam jedoch zu früh, um Seine Herrlichkeit zu sehen. Indes wurde ich mit Marmelade, Wasser und Kaffee bewirtet und durfte den Klageliedern zuhören, die des Bischofs Sekretär den Siegen der Japaner widmete. So oft die Nachricht von einer Niederlage der Russen eintraf, hielt die griechisch-katholische Kirche einen Trauergottesdienst, und eben jetzt flehten sie andächtig zum Allmächtigen, die Feinde des Christentums zu strafen. Der Sekretär beauftragte einen Diener, mir die kleine Kirche Mār Eliās und einen interessanten Marmorsarkophag darin zu zeigen, auf dessen Boden ich lateinische Kreuze eingemeißelt fand, während der Deckel griechische aufwies; ich halte dafür, daß es spätere Ergänzungen eines aus klassischer Zeit stammenden Grabmals sind. Vor der Kirche traf ich einen gewissen 'Abd ul Wahhāb Beg, den ich bei einem Besuche beim Kāimakām in Serāya getroffen. Er lud mich in sein Haus. Ich fand darin die Homs eigene Innenarchitektur schön vertreten: den Hof des Harem in reizenden Mustern aus Kalkstein und Basalt dekoriert. Inzwischen war der Zaptieh dahintergekommen, was ich eigentlich zu sehen wünschte, und er verkündete mir, daß er mich in das Haus eines gewissen Hassan Beg Nā'i führen würde, es sei das älteste in Homs. Als wir durch die engen aber auffallend reinlichen Straßen dem Ziele zuwanderten, bemerkte ich fast in jedem Hause einen Webstuhl, an dem ein Mann geschäftig jenen gestreiften Seidenstoff webte, für den Homs berühmt ist. In den meisten Gassen war auch Seidengarn ausgespannt. Der Zaptieh erzählte, die Leute würden nach dem Stück bezahlt und verdienten täglich 7–12 Piaster (etwa 1–2 Mark), — ein hübscher Verdienst im Osten. Der Lebensunterhalt wäre billig, fügte mein Cicerone hinzu, für 100 Piaster könnte ein armer Mann ein Haus — das heißt, ein einziges Zimmer — mieten, um eine Familie zu ernähren, genügten 30–40 Piaster, ja noch weniger, wenn keine Kinder vorhanden wären.

Basilika des Konstantin, Ba'albek.
Steinlager, Ba'albek.

Hassan Beg Nā'i war ein rothaariger und rotbärtiger Mann mit den harten Zügen des schottischen Hochländertypus. Er war freilich gar nicht entzückt, mich zu sehen, aber auf die Bitten des Zaptieh kroch er doch aus seiner Klause hervor, wo er mit seinen Freunden den Freitagsmorgenkaffee trank, führte mich über die Straße in seinen Harem und überließ mich den Frauen, die ebenso freundlich waren, wie er sich sauertöpfisch gezeigt hatte. Sie zeigten sich in der Tat höchst erfreut über den Besuch, denn Hassan Beg ist ein gar gestrenger Herr, welcher weder Frau noch Mutter oder irgend einer anderen Angehörigen erlaubt, die Nase aus der Tür zu stecken; nicht einmal ein Spaziergang im Friedhof oder eine Fahrt am Orontesufer an einem schönen Sommernachmittag ist ihnen gestattet. Der Harem war ehemals ein sehr schönes arabisches Haus nach Art der Häuser von Damaskus. Zimmer und Liwān (Sprechzimmer im Hintergrund des Hofes) waren gewölbt, aber der Stuck blätterte sich ab, und Fußboden sowie Treppen knirschten unter den Füßen der Dahinschreitenden. In die eine Mauer war eine Marmorsäule mit einem Akanthuskapitäl gebaut, und auf dem Fußboden des Liwān stand ebenfalls ein großes, in seiner Art hübsches, wenn auch einfaches Kapitäl. Es war jetzt in ein Wasserbecken verwandelt worden, mag aber wohl als Taufstein gedient haben, ehe die Araber Emesa einnahmen, und nachdem die älteren Gebäude der Römerstadt in Verfall geraten waren, und ihr Material zu anderen Zwecken genommen wurde. Auf meinem Heimweg kam ich an einem schönen Minaret vorbei, das abwechselnd schwarze und weiße Streifen zeigte. Die Moschee oder christliche Kirche, zu welcher der Turm gehört hatte, war eingefallen; wie mein Zaptieh berichtete, soll der Turm für den ältesten der Stadt gelten. Sicherlich war die Moschee am Eingang zum Bazar von nicht geringem architektonischen Wert.

Rās ul 'Ain, Ba'albek.

Da Homs weiter nichts Sehenswertes bot, und der Nachmittag schön war, ritt ich nach dem Anger am Orontes hinab, der in Frühlings- und Sommertagen einen beliebten Schauplatz für alle Feiertagsbelustigungen abgibt. Der Orontes läßt Homs eine gute Meile südlich liegen, und die Versorgung mit Wasser ist, nach Beschaffenheit und auch Menge, unbefriedigend, da sie einem Kanal entstammt, der am Nordende des Sees seinen Anfang nimmt. Der Orontesanger, Mardj ul 'Asi, gibt einen guten Begriff von den Örtlichkeiten, wo der Orientale, mag er Türke, Syrer oder Perser sein, seine Mußestunden zuzubringen liebt. »Drei Dinge sind es,« sagt das arabische Sprichwort, »die das Herz von Kummer befreien: Wasser, grünes Gras und Frauenschönheit.« Der hurtige Orontes strömte durch die bereits mit Gänseblumen besternten grünen Flächen, unter Weidenbäumen, die schon der Hauch des Frühlings gestreift hatte, stiegen leicht verschleierte Christendamen von ihren Mauleseln. Das Wasser drehte eine große Na'oura (persisches Rad), sein angenehmes Rauschen erfüllte die Luft. Ein Kaffeekocher hatte an der Straße sein Kohlenbecken aufgestellt, ein Zuckerwarenhändler breitete am Ufer seine Schätze aus, und auf der breiteren Rasenfläche tummelten buntgekleidete Jünglinge ihre Araberstuten. Der Osten hielt in der ihm eigenen, zufriedenen Weise Feiertag, und seine eigene Sonne spendete ihre Wärme dazu.

Zedern des Libanon.

Der übrige Nachmittag wurde der Geselligkeit und den fruchtlosen Bemühungen gewidmet, der Neugierde der Städter zu entgehen. Es war ein Freitagnachmittag, und wie hätte man ihn besser anwenden können, als sich in einer Schar von vielen Hunderten rings um meine Zelte aufzustellen und jede Bewegung jeder einzelnen Person im Lager zu beobachten? Trieben es die Männer schon schlimm genug, so übertrafen die Frauen sie noch, und die Kinder waren am schlimmsten. Nichts konnte sie zurückschrecken, und die Aufregung erreichte ihren Gipfel, als Abd ul Hamed Pascha Druby, der reichste Mann von Homs, vorsprach und den Kādi Mohammed Sāid ul Chāni mitbrachte. Bei dem uns umgebenden Auf- und Abwogen der Menge konnte ich unmöglich der interessanten, geistreichen Unterhaltung die gebührende Aufmerksamkeit widmen; als ich eine Stunde drauf den Besuch in des Paschas schönem neuen Hause am Stadttor erwiderte, war ich von mindestens 300 Personen begleitet. Ich muß einen Seufzer der Erleichterung ausgestoßen haben, als die Tür sich hinter meiner eignen Begleitung schloß, denn nachdem ich mich in dem kühlen, ruhigen Liwān niedergelassen, sagte 'Abd ul Hamed:

»Möge Gott geben, daß das Volk Ew. Exzellenz nicht belästigt, ich werde sonst ein Regiment Soldaten ausschicken.«

Ich murmelte eine mir nur halb von Herzen kommende Ablehnung, hätte ich doch mit Befriedigung jene kleinen Burschen von einer ganzen Musketensalve niedergestreckt gesehen. Darauf bemerkte der Pascha nachdenklich:

»Als der deutsche Kaiser in Damaskus weilte, gab er Befehl, daß niemandem untersagt würde zu kommen und ihn sich anzusehen.«

Kamūa Hurmul.

Mit diesem erhabenen Vorbild vor Augen ward mir klar, daß ich die Buße für Größe und fremde Herkunft klaglos auf mich nehmen mußte.

Das Gespräch ging auf religiöses Gebiet über. Ich fragte nach den Nosairijjeh, aber der Kādi verzog den Mund und erwiderte:

»Es sind keine angenehmen Leute. Einige geben vor, 'Ali anzubeten, andre verehren die Sonne. Sie glauben, daß, wenn sie sterben, ihre Seele in den Körper von anderen Menschen, ja sogar Tieren übergeht, wie es der Glaube in Indien oder China lehrt.«

Worauf ich sagte: »Ich habe von einer Geschichte gehört, die unter ihnen geht. Ein Mann hatte einen Weinberg, und als er starb, hinterließ er ihn seinem Sohn. Der junge Mann arbeitete in dem Weinberg, aber als die Trauben reif waren, kam jeden Abend ein Wolf hinein und fraß die Frucht. Der junge Mann versuchte ihn zu verjagen, aber er kehrte jeden Abend wieder. Und in einer Nacht rief der Wolf laut: ‚Soll ich nicht von den Trauben essen dürfen, ich, der ich den Weinberg pflanzte?’ Da staunte der Mann und fragte: ‚Wer bist du denn?’ Der Wolf antwortete: ‚Ich bin dein Vater.’ Und der junge Mann fragte: ‚Wenn du wirklich mein Vater bist, so sprich, wo hast du denn das Gartenmesser hin? Denn ich habe es nicht gesehen, nachdem deine Seele deinen Körper floh!’ Da führte ihn der Wolf an den Ort, wo er das Messer hingelegt hatte, und der junge Mann glaubte, ja wußte nun, daß der Wolf sein Vater war.«

Der Kādi ließ den Beweis unbeachtet.

»Sie sind ohne Zweifel große Lügner,« sprach er.

Später fragte ich ihn, ob er mit den Behā'is bekannt wäre. Er erwiderte:

»Wie Ew. Exzellenz wissen, hat der Prophet (Gott schenke ihm ewigen Frieden!) gesagt, daß es 72 falsche und nur ein wahres Glaubensbekenntnis gibt; ich aber weiß, daß von diesen 72 wenigstens 50 in unserm Lande zu finden sind. So viel von den Behā'is und ihresgleichen.«

Ich erwiderte, daß Propheten allein befähigt wären, echten und falschen Glauben zu unterscheiden, und daß wir in Europa, denen keine solchen zur Seite stehen, es für eine schwere Sache halten.

»Es ist mir gesagt worden,« entgegnete der Kādi, »daß in Europa die Gelehrten die Propheten sind.«

»Und sie gestehen ein, daß sie nichts wissen,« gab ich zur Antwort. »Ihre Augen haben die Sterne erforscht, und doch können sie uns nicht die Bedeutung des Wortes Unendlichkeit erklären.«

»Wenn Sie damit das unendliche Himmelsgewölbe meinen, so wissen wir, daß es von den sieben Himmeln ausgefüllt wird.«

»Und was befindet sich jenseits des siebenten Himmels?«

»Wissen Ew. Exzellenz nicht, daß die Zahl Eins der Anfang aller Dinge ist? Können Sie mir angeben, was vor der Zahl Eins kommt, so will ich ihnen sagen, was sich hinter dem siebenten Himmel befindet.«

Der Pascha lachte und erkundigte sich, ob der Kādi mit seiner Beweisführung zu Ende sei. Dann fragte er mich, was man in Europa vom Gedankenlesen hielte. »Denn,« fuhr er fort, »vor einem Monat wurde ein wertvoller Ring in meinem Haus gestohlen, und ich konnte den Dieb nicht finden. Da kam ein gewisser, mir befreundeter Effendi, der von der Sache gehört hatte, zu mir und sagte: ‚Ich kenne einen Mann im Libanon, der sich auf diese Dinge versteht.’ Ich bat, ihn holen zu lassen. Der Mann kam und forschte in Homs nach, bis er eine Frau gefunden hatte, die das zweite Gesicht besaß. Dank seinen Beschwörungsformeln sagte sie endlich aus: ‚Der Dieb heißt so und so; er hat den Ring in seinem Hause.’ Wir suchten und fanden das Juwel. Dies sind meine Erfahrungen, denn die Sache hat sich unter meinen Augen zugetragen.«

Ein Feiertag im Orient.

Auf meine Erwiderung, daß die Gedankenleser im Libanon einen besseren Gebrauch von ihrer Gabe zu machen verstünden als die in London, entgegnete der Pascha nachdenklich:

»Vielleicht hatte die Frau irgend etwas gegen den Mann, in dessen Hause wir den Ring gefunden haben — Gott allein weiß es, sein Name sei gelobt!«

Damit verließen wir das Thema.

Straße in Homs.

Bei meiner Rückkehr in mein Zelt fand ich eine Visitenkarte auf dem Tische, die folgenden Namen und Titel trug: »Hanna Chabbaz, Prediger an der protestantischen Kirche in Homs.« Darunter stand geschrieben: »Madame, meine Frau und ich sind gern bereit, Ihnen jeden Dienst zu leisten, dessen Sie im Dienste Christi und der Menschlichkeit benötigen. Wir würden Sie gern besuchen, wenn Sie uns annehmen wollen. Ihr gehorsamer Diener.« Ich schickte sofort die Botschaft, daß ich mich sehr über ihren Besuch freuen würde, und so kamen sie denn gerade vor Sonnenuntergang, die beiden guten Leute. Dringend boten sie mir ihre Gastfreundschaft an, von der Gebrauch zu machen, ich jedoch keine Gelegenheit hatte. Ich bedauerte dies um so weniger, als ich in dem Pascha und dem Kādi so überaus angenehme Gesellschafter für den Nachmittag gefunden hatte, und wenn ich an meinen sehr unruhigen Aufenthalt in Homs zurückdenke, erscheint mir die mit den beiden höflichen, gebildeten Mohammedanern verbrachte Stunde immer wie eine ruhige, geschützte Insel in einem stürmischen, brandenden Meere.


Neuntes Kapitel.

Wir brachen am andern Morgen sehr zeitig auf, aber die Leute in Homs standen früh auf, um uns abreisen zu sehen. Nur der feste Entschluß, ihnen nicht mehr Vergnügen zu bereiten, als unbedingt nötig war, hielt mich äußerlich ruhig. Eine Viertelstunde später hatten wir das Tripolitor und den römischen Ziegelbau hinter uns und waren damit außerhalb des Gesichtskreises selbst des scharfäugigsten der kleinen Buben angelangt. Die friedliche Schönheit des Morgens beruhigte auch unsre Gemüter, und ich ging nun daran, die Bekanntschaft der Gefährten zu machen, die der Kāimakām mir zugesellt hatte. Es waren ihrer vier; zwei gingen frei, die anderen in Fesseln. Die beiden ersteren waren kurdische Zaptiehs, der eine war beauftragt, mich nach Kal'at el Husn zu geleiten, der andere hatte das zweite Paar meiner Reisegenossen zu bewachen. Dies waren Gefangene, die der Kāimakām schon einige Tage in seinem Gewahrsam hatte, bis ihm meine Reise endlich günstige Gelegenheit bot, sie nach der Festung im Djebel Nosairijjeh zu senden, von wo aus sie dann weiter in das große Gefängnis zu Tripoli befördert wurden. Sie waren in zerlumpte Baumwollengewänder gekleidet und aneinandergefesselt, diese Ärmsten. Wie sie so tapfer durch Schmutz und Schlamm dahintrotteten, äußerte ich ein Wort des Mitgefühls; darauf erwiderten sie, Gott möge mir langes Leben schenken, aber es sei der Wille ihres Herrn, des Sultans, daß sie in Ketten gingen. Einer der Kurden unterbrach sie mit der Erklärung:

»Es sind Deserteure aus dem Heere des Sultans: Gott vergelte ihnen nach ihren Taten! Übrigens sind sie Ismailiten aus Selemijjeh und beten einen fremden Gott an, der im Lande Hind wohnt. Es wird gesagt, dieser Gott sei eine Frau, und daß sie sie aus diesem Grunde anbeten. Jedes Jahr läßt sie durch Abgesandte auch in diesem Lande das ihr gebührende Geld einsammeln, und auch die ärmsten Ismailiten spenden ihr einige Piaster. Trotzdem behaupten sie, Moslemiten zu sein: Gott allein weiß, was sie glauben. Komm, Chudr, sage uns, was du glaubst!«

Der also aufgeforderte Gefangene erwiderte verstockt:

»Wir sind Moslemiten.« Aber die Worte des Soldaten waren mir ein Fingerzeig gewesen, dem ich folgte, als die beiden Unglücklichen, sich nahe an mein Pferd drängend, mir zuflüsterten:

»Meine Dame, meine Dame, sind Sie im Lande Hind gewesen?«

»Ja,« sagte ich.

»Gott segne Sie für dieses Ja! Haben Sie auch von dem großen König gehört, den sie König Mohammed nennen?«

Wieder konnte ich bejahend antworten und sogar hinzufügen, daß ich ihn selbst kannte und mit ihm gesprochen habe, denn ihr König Mohammed war niemand anders als mein Mituntertan, der Agha Chān, und die Religion der Gefangenen konnte sich eines ehrwürdigen Alters rühmen, da sie von dem gegründet ist, den wir den ‚Alten vom Berge’ nennen. Die beiden waren demütige Vertreter der vielgefürchteten (und wohl auch vielverleumdeten) Sekte der Assassinen.

Chudr faßte meinen Steigbügel mit der freien Hand und fragte eifrig:

»Ist er nicht ein großer König?«

Diesmal antwortete ich vorsichtig. Obzwar der Agha Chān wohl im modernen Sinne, das heißt um seines außerordentlichen Reichtums willen, ein großer König genannt werden kann, würde es mir doch sehr schwer geworden sein, seinen Jüngern das Wesen dieses gewandten, wohlunterrichteten Weltmannes genau zu erklären, den ich zuletzt in London bei einem Diner gesehen, und der mir den Marlborough-Club als seine Adresse angegeben hatte. Nicht daß ihnen solche Dinge, selbst, wenn sie sie verstanden hätten, anstößig erschienen wären; ist doch der Agha Chān sich selbst Gesetz, und sollte er sich auch größeren Ausschweifungen als Diners u. dgl. hingeben, so würde doch jede seiner Handlungen schon dadurch gerechtfertigt sein, daß er sie begeht. Sein Vater pflegte seinen Untertanen Empfehlungsbriefe an den Erzengel Gabriel mitzugeben, um ihnen einen guten Platz im Paradies zu sichern, und wenn auch der Sohn, dank seiner englischen Erziehung und seiner Bekanntschaft mit englischer Denkungsart, sich dieses Vorrechtes nicht mehr bedient, so ist er doch in der Meinung seiner Anhänger noch immer der Hüter der Schlüssel zum Himmelreich. Ihr Glaube an ihn findet seinen sehr konkreten Ausdruck in dem Einkommen, das sie durch Subskription für ihn in Asien und Afrika aufbringen, und das jährlich in die Zehntausende geht.

Ungefähr eine Stunde ritten wir durch Gärten dahin. Scharen von Arabern der niedersten Klasse begegneten uns. Auf ihren mit Milch und Quark beladenen Eseln trotteten sie zum Markt nach Homs. Endlich gelangten wir in die jenseits des Orontes liegende Ebene, wo diese Araber zu Hause sind. Diese Steppe bot einen vertrauten Anblick: sie ähnelte der Landschaft im Drusengebirge und war gleich dem Haurān mit schwarzem, vulkanischem Gestein bedeckt. Sie ist der Steinlieferant für die Stadt Homs. Alle zum Bauen benötigten Steine werden auf Eseln jenseits vom Flusse hereingebracht. Sie gelten in der Stadt einen Metallik (es ist eine so kleine Münze, daß sie kein europäisches Gegenstück besitzt), und ein Mann mit einem guten Gespann kann bis zu 10 Piaster pro Tag verdienen. Im Frühjahr ist Wa'r Homs, die steinige Steppe von Homs, nur von den verachtetsten Arabern bewohnt, die die Stadt mit Lebensmitteln versorgen, — wohlgemerkt, kein Beduine würde seinen Lebensunterhalt durch Quarkhandel oder durch irgend etwas anderes als durch Kampf erwerben — im Sommer aber lassen sich große Stämme, wie z. B. die Haseneh, auf einige Monate hier nieder, und nach der Ernte folgen ihnen gewisse Familien der 'Anazeh, die ihre Kamele die Stoppeln abweiden lassen. Diese großen Völkerschaften sind dem Lachs zu vergleichen, der aus dem offenen Meere in den Forellenbach eindringt und die kleineren Fische in Angst und Schrecken versetzt. Jetzt, im März, stand die Steppe zum Teil unter Wasser, und zwischen den Steinen sproßten Gras und Blumen; als wir aber, weiter westwärts ziehend, ein allmählich ansteigendes Terrain erreichten, bot die Landschaft das Bild eines wahren Blumengartens. Lichtblaue Hyazinthen erhoben ihre dichtgedrängten Glöckchen über die Lavablöcke, Schwertlilien, rote Anemonen, gelbes Habichtskraut und die prächtige purpurfarbene Nieswurz schmückten das Gras — kurz, die ganze Fülle des syrischen Frühlings lag an diesem glücklichen Tage unter unseren Füßen ausgebreitet. Während der ersten fünf Stunden folgten wir der Fahrstraße nach Tripoli, passierten die die letzte Station vor Homs bildende Karawanserei und überschritten die Grenzlinie zwischen Damaskus und Beirut. Dann wandten wir uns zur Rechten und betraten einen Saumpfad, der eine wellige Grasfläche durchschnitt, die zum Teil angebaut war und einen noch reicheren Blumenflor zeigte als die Ränder der Fahrstraße. Anemonen vom lichtesten Weiß bis zum dunkelsten Purpur und kleine blaue Iris säumten den Pfad, gelbe Krokus drängten einander an den Ufern des Stromes. Für uns aber, die wir vor kurzem Südsyrien durchzogen, bot das Gras eine noch größere Augenweide als die Blumen. Tragen doch selbst die höchsten Gipfel des Djebel Nosairijjeh ein so saftiggrünes Gewand, daß sich sogar die fruchtbarsten Hänge Judäas und Samarias keines solchen rühmen können. Nachdem wir einen niederen Höhenzug überschritten, senkte sich der Pfad nach einem kurdischen Dorfe, dessen Wohnungen teils aus Zelten, teils aus Erdhütten bestanden. Sicher lebten die Einwohner schon lange in Syrien, denn sie hatten ihre heimische Sprache vergessen und konnten nur Arabisch, das sie, ebenso wie unsre beiden Zaptiehs, mit dem abgehackten Akzent der Kurden aussprachen. Über dem Dorfe drüben erstreckte sich eine ungefähr drei Meilen breite Steppe, die Bkei'a, bis an den Fuß des steilen Abfalls des Nosairijjehgebirges, von dessen höchstem Gipfel die große Festung aus der Zeit der Kreuzzüge herniederdräute, die unser nächstes Ziel war. Noch lag sie von der Sonne beschienen da, hinter ihren Türmen aber kroch bereits ein schwarzes Wetter empor; schon hörten wir den Donner in den Bergen grollen, und zackige Blitze durchzuckten den schwarzen Hintergrund der Burg. Leider war der direkte Weg durch die Bkei'a dem Berittenen unzugänglich dank der schwammigen Sümpfe, die nach Aussage der Dörfler tief genug waren, um ein Maultier samt seiner Ladung zu verschlingen; wir wandten uns deshalb, zwar widerwillig nur, nach rechts und umritten den Fuß des Gebirges. Noch waren wir nicht weit gekommen, als uns zwei Reiter begegneten, die der Kāimakām von Kal'at el Husn zu unsrer Begrüßung ausgeschickt; kaum hatten sie sich uns zugesellt, als das Wetter losbrach und uns in Ströme von Regen hüllte. Durch Pfützen und Schlamm plätschernd, gelangten wir gegen 5 Uhr vom Regen durchweicht an den Fuß des Berges. Hier ließ ich meine Karawane die Hauptstraße weiter verfolgen und erklomm mit einem von des Kāimakāms Reitern den Gipfel auf einem steilen, schmalen, gerade hinaufführenden Pfade. Sonnenuntergang brachte uns an den »Schwarzen Turm«. Durch ein prächtiges arabisches Tor ritten wir in einen gewölbten Gang, durch den eine Wendeltreppe aufwärtsführte. Es war fast Nacht darin; einige Schießscharten gewährten der grauen Dämmerung von draußen Eingang und verbreiteten kaum einen Schimmer von Tageslicht. Hin und wieder ritten wir an Türen vorüber, hinter denen tiefste Finsternis lag. Die Steinstufen waren flach und breit, aber vielfach zerbrochen; unsre Pferde stolperten und klapperten höher und höher hinauf, bogen um eine Ecke nach der anderen, ritten durch Tor um Tor, bis das letzte uns endlich in den innern Hof der Festung brachte. Mir war, als ritt ich an der Seite eines Ritters aus dem Feenreich, und ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn mir wie in Spencers Dichtung von dem Torbogen Worte wie »Sei kühn!« »Sei kühn!« »Sei nicht zu kühn!« entgegengeleuchtet hätten. Es befand sich jedoch kein Zauberer im Innern der Burg — nichts als eine Schar Dörfler reckten ihre Hälse, um uns zu sehen, und der Kāimakām versicherte mir lächelnd und freundlich, daß er nicht daran denken könnte, mich in dieser nassen, stürmischen Nacht ein Lager aufschlagen zu lassen. Er hatte bereits für ein Nachtquartier in der Burg gesorgt.

Kaffee am Wegrande.

Der Kāimakām von Kal'at el Husn ist ein ganz hervorragender Gelehrter. Sein Name ist 'Abd ul Hamid Beg Rāfi'a Zādeh; seine Familie stammt aus Ägypten, wo noch jetzt viele Verwandte von ihm leben. Er wohnt im höchsten Turme der Festung, und hier lag auch mein Gastzimmer, bequem ausgestattet mit Teppichen, einem Diwan, einer viersäuligen Bettstelle und einem Mahagonischrank mit Spiegeltüren, deren Glas jedoch während des Transportes von Tripoli auf dem Rücken des Kameles so zersplittert worden war, daß ich auch nicht das kleinste Fleckchen meines Antlitzes darin erblicken konnte. Obgleich ich bis auf die Haut naß war, mußte ich doch den Forderungen des guten Tones nachkommen, und der schrieb vor, daß wir uns zunächst auf den Diwan niederlassen und Höflichkeiten austauschen mußten, während ich mehrere Gläser schwachen Tees zu mir nahm. Mein Wirt schien nachdenklich und augenscheinlich nicht zu lebhafter Konversation aufgelegt — aus einem guten Grund, wie mir später klar wurde, — aber schon bei meiner Antwort auf seine erste Begrüßung löste sich ein Seufzer der Erleichterung aus seiner Brust.