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Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens cover

Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens

Chapter 16: Vierzehntes Kapitel.
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About This Book

The narrative recounts journeys across Syrian deserts and towns, combining travel diary, ethnographic observation, and archaeological description. The writer prioritizes encounters with local people—Arab tent-dwellers, Druze, and Turkish or Syrian officials—quoting their stories and conversations to reveal daily life, customary laws, hospitality, and differences in practical outlook. Landscapes, camp and tent life, regional ruins and monuments are described, often accompanied by photographs and a map. Reflections on administration, social structures, and the need for further archaeological research punctuate the account, while personal impressions emphasize cultural manners encountered on the routes.

Hārim.

»Und wenn Sie das nächste Mal in den Djebel el 'Ala kommen,« sagte er, »müssen Sie Ihr Lager in Kalb Lōzeh aufschlagen und wenigstens einen Monat bleiben. Dann geben wir Ihnen alles, was Sie brauchen, und zeigen Ihnen alle Ruinen. Und nun gefalle es Gott, daß Sie in Frieden und Sicherheit ziehen und nächstes Jahr in Frieden und Gesundheit wiederkehren.«

»Gott schenke euch langes Leben,« sprach ich, »und gebe euch Frieden.«

So trennten wir uns, und in meinem Herzen fühlte ich wieder jene warme Zuneigung zu diesem Volk, die immer wieder aufs neue entfacht wird. Sie mögen grausam im Kriege sein — hier spricht überwältigendes Zeugnis gegen sie — manche erklären sie für treulos, andre haben sie habgierig gefunden; aber wenn ich einem Drusen begegne, so begrüße ich ihn als Freund und werde das so lange tun, bis ich den Beweis habe, daß mein Vertrauen übel angebracht ist.

Die Burg Hārim steht auf einem Bergkegel an der Mündung einer der wenigen Schluchten, die Zugang zum Djebel el 'Ala gewähren. Jenseits liegt die große Orontesebene, die in alten Zeiten die Kornkammer der Stadt Antiochien war. Da die letzten Regengüsse den sumpfigen See, von den Syrern El Barah genannt, in seiner ganzen Ausdehnung angefüllt hatten, stand der nördliche Teil der Ebene fast ganz unter Wasser. Wir wandten uns von Hārim südwärts und ritten am Fuße des Djebel el 'Ala entlang nach Salkīn. Dieser Ritt wird mir der außerordentlichen Schönheit der Landschaft wegen unvergeßlich bleiben. Nirgends weiter in Syrien habe ich solch üppige Fruchtbarkeit gefunden. Oliven- und Mandelhaine teilten sich mit Hafer und Gerste in die Fettigkeit des Bodens, undurchdringliches Gestrüpp von Ginster, Seidelbast und Brombeeren säumte den Weg, und jede sonnige Stelle war mit der blauen Iris stylosa übersät. Salkīn selbst lag in einem bewaldeten Tal inmitten eines wahren Olivenhaines, der sich mehrere Meilen weit, fast bis an den Orontes hin, erstreckte. Ehe wir die Stadt erreichten, stiegen wir auf einem freien Platz zwischen Olivengärten ab. Es war 5 Uhr, aber Fāris war noch nicht da; wir machten es uns deshalb unter den Bäumen gemütlich und warteten auf ihn. Unsre Ankunft verursachte einige Aufregung unter den Leuten, die, im Grase sitzend, den ruhigen Abend genossen; es dauerte nicht lange, so kam einer, augenscheinlich eine vornehme Persönlichkeit, in Begleitung eines Dieners auf mich zu und forderte mich auf, in seine Wohnung zu kommen und auszuruhen. Obgleich erst von mittleren Jahren, war er ein stattlicher Mann und hatte angenehme Züge. Ich nahm seine Einladung an, da ich neugierig war zu sehen, was Salkīn zu bieten hatte. Besonders in fremden Ländern muß man jede Gelegenheit ergreifen, seine Kenntnisse zu erweitern.

Ich merkte bald, daß ich in die Hände des reichsten Bewohners der Stadt gefallen war. Mohammed 'Ali Agha ist der Sohn Rustum Aghas, eines Zirkassiers von Geburt, der Diener in der großen zirkassischen Familie Kakhya Zādeh von Hamadān war — so lautet ihr arabischer Name, während die Perser sie Kat Khuda Zādeh nennen. Die Familie wanderte vor 200 Jahren nach Aleppo aus; durch die bei den Zirkassiern üblichen Unternehmungen wurde sie außerordentlich reich und ist nun eine der mächtigsten Familien in Aleppo. Ihre Diener teilten ihren Erfolg, und Rustum Agha legte als sorglicher Mann so viel Geld zurück, daß er sich in Salkīn, im Orontestale, nahe bei seines Herrn großem Grundbesitz, ein Stück Land kaufen konnte. Dazu begünstigte ihn das Glück so sehr, daß sein Sohn die Hand einer Tochter aus dem Hause der Kakhya erhielt. Ich erfuhr diese Einzelheiten nicht alle sofort und wunderte mich bei meinem Besuch in Mohammed 'Alis Harem über die Ehrerbietung, die er seiner Frau entgegenbrachte. Ich konnte mir nicht denken, warum die kleine Dame mit den scharfen Zügen und den hellen Augen, die ihm doch keinen Sohn geschenkt hatte, von ihrem Mann mit solcher Hochachtung angeredet wurde, denn ich wußte noch nicht, daß sie die Schwester Reschīd Agha Kakhya Zādehs war. Mohammeds einziges Kind, ein Mädchen von sechs Jahren, schien, obwohl sie einem so unnützen Geschlecht angehörte, doch des Vaters Augapfel zu sein. Während ich die vortrefflichen Oliven und die Kirschenmarmelade aß, die seine Mägde mir vorgesetzt hatten, sprach er weitläufig über des Kindes Erziehung und seine weitere Zukunft. Die Hausfrau ließ sich herab, den Kaffee mit ihren eignen Händen zu bereiten und den abgenutzten Filzhut zu bewundern, der, mit einem purpur- und silberfarbenen Tuch ausgeputzt, neben mir auf dem Diwan lag.

Salkīn.

»Oh, der schöne europäische Hut,« sprach sie, »warum legen Sie eine Verhüllung darüber, wo er doch so hübsch ist?«

Damit streifte sie das seidene Tuch und die Kamelshaarschnur ab, drückte ihn in seiner ganzen kahlen Schäbigkeit auf die schwarzen Locken ihrer Tochter und erklärte ihn für den schönsten Kopfputz der Welt.

Um 6 Uhr bekam ich die Nachricht von der Ankunft meiner Packtiere, aber ehe ich zu meinen Zelten zurückkehren durfte, mußte ich erst noch Rustum Agha besuchen. Er lag in wattierte Seidendecken gebettet in einem oberen Zimmer, das auf den rauschenden Strom und die beiden großen Zypressen hinausblickte, die so viel dazu beitragen, der Stadt ein malerisches Ansehen zu verleihen. Riesigen schwarzen Schildwachen gleich, stehen diese Bäume vor dem Tor des Hauses, das das erste und größte der krummen Straße ist. Rustum Agha war sehr alt und leidend. Wie das Antlitz eines Toten hob sich sein Gesicht von der blaßgelben Seide ab. Mein Besuch erfreute ihn augenscheinlich, aber sobald er die Lippen zu einem Wort der Begrüßung öffnete, wurde er von einem so unerträglichen Husten befallen, als ob er sich die Seele heraushusten solle. Sobald er sich einigermaßen erholt hatte, verlangte er die letzten Berichte über Rußland und Japan zu hören, und ich wunderte mich, daß er, mit dem Tode so nahe vor Augen, nicht lieber zu wissen begehrte, ob wir wohl den säumigen Schnitter mit seiner Sense durch die Zypressen auf das Tor zuschreiten sähen.

Als ich mich dann in meinem Zelt zum Abendessen niederließ, traten zwei Diener Mohammed 'Alis mit einem großen Krug Oliven ein, die in den Gärten von Salkīn gewachsen und in ihrem eignen Öl eingelegt waren. Die Diener fragten auch an, ob ihr Herr kommen und eine Stunde mit mir verbringen dürfte. Ich ließ um die Ehre bitten. Später erschien er mit einigen Begleitern, die ihm seine Wasserpfeife trugen, und ließ sich zum behaglichen Geplauder nieder, das durch das gemütliche, besänftigende Lied der Wasserpfeife nur um so angeregter wurde. Er erzählte mir, daß Salkīn, eine der vielen seleucischen Städte, von Seleucus I. selbst als eine Art Sommerresidenz für die Bewohnerschaft von Antiochien gegründet worden wäre. Auf der Stelle, wo mein Lager stand und auf dem Kirchhofe daneben, hatte, wie er sagte, jene alte Stadt gestanden, »und sobald wir ein Grab graben, stoßen wir auf behauene, nicht selten mit Inschrift versehene Steine.« Es erscheint nicht unglaubhaft, daß diese fruchtbaren Ausläufer des Gebirges von den Antiochiern als eine günstige Lage für ihre Landhäuser erwählt worden sind, aber ich habe keinen weiteren Beweis für diese Annahme. Mohammed 'Ali erzählte auch, daß sein Schwager Reschīd Agha bei ihm weile, und sprach die Hoffnung aus, daß ich ihn vor meiner Abreise besuchen würde.

Reisende.

Reschīd Agha Kakhya Zādeh ist der größte Magnat des Distriktes, aber auch der größte Schurke. Ich fand ihn am andern Morgen unter den Zypressen am schäumenden Strome sitzen, und man könnte sich kein boshafteres Gesicht in einer lieblicheren Umrahmung und von einer strahlenderen Sonne beschienen vorstellen. Er war ein großer Mann mit hochfahrendem Wesen; hinter seiner niederen Stirne lauerte eine ganze Welt böser Gedanken, seine Augen schielten fürchterlich, über seine dicken Lippen sprudelten die eitlen Ruhmredereien und die scharfen Befehle nur so, die der Gipfelpunkt seiner Unterhaltung waren. Er trug ein hellseidenes Gewand und rauchte eine Wasserpfeife, deren Mundstück mit Edelsteinen besetzt war. Den neben ihm liegenden Strauß Frühlingsblumen hob er hin und wieder an das Gesicht und roch während des Redens daran; schließlich bot er mir die schönsten Blüten daraus. Es ist einer der Vorteile, die der unabhängige Reisende genießt, daß er selbst die Gesellschaft von Schurken nicht zu meiden braucht: als ich deshalb erfuhr, daß mein Freund Mohammed 'Ali seinen Schwager Reschīd Agha nach dessen Heim in Alāni begleiten wollte, und daß dieser Ort an meinem Wege lag, stimmte ich dem Vorschlag, die Reise in ihrer Begleitung zu machen, bei. Die Reittiere wurden gebracht, wir stiegen unter den Zypressen auf und trabten unter Olivenhainen dem Orontestale zu. Reschīd Agha ritt eine prächtige arabische Stute; ihr schwarzes Fell glänzte dank sorgfältigster Pflege, sie war leicht aufgeschirrt, ihr Zaum bestand aus silberner Kette, den Sattel schmückten silberne Zieraten, jede ihrer Bewegungen war eine Augenweide. Verschiedentlich forderte ihr Herr den an seiner Seite dahintrabenden Mohammed 'Ali zur Bewunderung des schönen Tieres heraus, und wenn derselbe die erwarteten Lobsprüche gespendet hatte, wurden seine Worte von einem alten fetten Mann, der uns auf einem dürren Pony begleitete, aufgegriffen und verstärkt wiederholt. Der Alte war Kakhya Zādehs ordinierter Spaßmacher und Schmeichler, und überdies, wenn sein Gesicht nicht trog, auch Gefährte seiner Laster und Hehler seiner Verbrechen — in solch seltsamer Gesellschaft befand ich mich an jenem Aprilmorgen. Hadji Nadjīb trottete ganz zufrieden hinter uns drein, Michaïl aber, mit seinem stark ausgeprägten Sinn für alles Geziemende, konnte seine Mißbilligung kaum verbergen und antwortete nur einsilbig, sobald ihn der Spaßmacher oder Reschīd Agha selbst anredeten, wenn er sich auch gegen Mohammed 'Ali, der ihm (und mit Recht) aus anderem Stoffe gemacht schien, ganz zugängig zeigte. Ungefähr eine Stunde lang ritten wir über weichen, sprießenden Boden dahin, während uns Reschīd auf die Schönheiten seines Besitztums aufmerksam machte.

»Alle diese Olivengärten gehören mir,« sprach er, »und bei Gott und seinem Propheten, es gibt im ganzen Lande keine solche Oliven. Jedes Jahr komme ich von Aleppo, um der Olivenernte mit meinen eignen Augen zuzusehen, damit die Schurken, die für mich arbeiten, mich nicht betrügen. Gottes Fluch über sie! Deshalb habe ich mir auch ein Haus in Alāni gebaut. Der Mensch muß es sich behaglich machen und anständig wohnen. Aber Sie werden es ja sehen, denn Sie müssen bei mir speisen; mein Tisch ist für alle Gäste gedeckt. Und um das Haus habe ich Maulbeerplantagen angelegt, tausend Schößlinge sind in den letzten fünf Jahren gepflanzt worden. Ich will Seidenzucht einführen, in großem Stile, so Gott will. Oh Jusef! zeige ihr die Schachteln mit Eiern, die aus dem Lande Frankreich gekommen sind.«

Der Spaßmacher zog aus seiner Brusttasche einen kleinen Pappkasten mit dem Stempel einer französischen Firma; aber noch ehe ich dem Fleiße des Agha meine Achtung zollen konnte, wurde seine Aufmerksamkeit plötzlich durch zwei Bauern abgelenkt, die die Olivenbäume nicht zu seiner Zufriedenheit verputzten. Er sprengte hinüber, und eine Flut von Flüchen und Verwünschungen ergoß sich über die unglücklichen Männer. Danach kehrte er zurück und sang sein eignes Lob weiter.

Sein Haus war groß und neu und durchweg mit Plüsch und goldgerahmten Spiegeln ausgestattet. Der Agha war nicht eher befriedigt, bis ich alles gesehen und jeden Winkel bewundert hatte. Der Spaßmacher lenkte mein Lob und meine Beglückwünschungen in die rechte Bahn; von ihm erfuhr ich auch, daß der Agha besondere Würdigung der eisernen Öfen erwartete, die in allen Räumen standen — ohne Zweifel erhöhten sie die Behaglichkeit sehr, weniger aber den Eindruck des Malerischen. Nach der Besichtigung ließen wir uns auf einen Diwan nieder, um das Erscheinen des Frühstücks zu erwarten. Der Hausherr benutzte die Zeit, um mir mit übertriebenem Unwillen von seinen Kämpfen gegen die verderbte tyrannische Regierung zu erzählen, unter der er lebte. Freilich vergaß er zu erwähnen, daß er jede Unbill, die ihm von seinen Vorgesetzten zuteil ward, mit Zinsen an seine Untergebenen weitergab.

»Bei Gott!« sprudelte er hervor, »wie ich in meinen Olivenplantagen arbeite, wie ich Maulbeerbäume anpflanze und Seidenwürmer von fernher kommen lasse, um einen neuen Erwerbszweig einzuführen! Aber ist der Vāli dankbar? Beim Propheten, nein! Er schickt seine Leute, und die sagen: »Halt' ein, wir müssen erst sehen, wieviel höher wir dich besteuern können!« Und als ich unten am Fluß eine Mühle zum Mahlen meines Kornes erbauen wollte, sprachen sie wieder: »Halt' ein, das ist nicht erlaubt!« Dann ließen sie mich mitten in der Ernte holen. Hastig ritt ich nach Aleppo und mußte dort Tag um Tag, Woche um Woche warten, denn sie verboten mir, die Stadt zu verlassen. Aber bei Gott!« schrie der Agha und schlug mit der Faust auf den kleinen eingelegten Tisch, »ich habe sie überlistet. Ich ging zum Kadi und sprach: ‚Wer hat den Befehl gegeben?’ ‚Der Vāli,’ antwortete er. Danach fragte ich den Vāli: ‚Wer hat den Befehl gegeben?’ ‚Ich weiß nicht,’ gab er zur Antwort, ‚vielleicht der Kādi.’ Nun verlangte ich es von beiden schriftlich, aber das wagten sie nicht zu tun und ließen mich gehen.«

Mitten in dieser Unterhaltung wurden drei Besucher angekündigt. Bescheiden ließen sie sich auf dem gegenüberstehenden Diwan nieder und ergingen sich in Begrüßungen und Lobsprüchen. Der Agha empfing sie wie der Kaiser seine Untertanen, und einer ergriff die Gelegenheit, um mir bedeutungsvoll und jedem verständlich zuzuflüstern:

»Sie wissen nun, was für ein Mann der Agha ist! Kommt er Ihnen nicht vor, wie ein König in seinem Lande?« worauf der Agha sich voll noch königlicherer Gnade zeigte.

Endlich ließen wir uns vor einem Tisch nieder, der mit allen Arten syrischer Delikatessen beladen war, und wenig fremde Küchen können sich mit der guten syrischen Kochkunst messen. Der Agha sprach und aß mit gleichem Eifer, indem er seinen Gästen eine Schüssel nach der anderen aufnötigte. Als das Fest in vollem Gange war, trat ein Diener mit der Meldung ein, daß ein gewisser Bauer den Herrn zu sprechen wünschte.

»Er soll kommen!« sprach der Agha gleichmütig. Darauf erschien die zerlumpte Gestalt eines Landmannes in der Tür und starrte mit halb trotzigem, halb erschrecktem Blick auf die Gesellschaft und die Fülle auserlesener Gerichte.

»Friede sei mit dir, oh Agha!« begann er.

Kaum aber hatte dieser den Bittsteller erblickt, als er in leidenschaftlichster Wut aufsprang. Sein Gesicht wurde purpurrot, die Augen traten aus ihren Höhlen hervor, und mit der geballten Faust auf den Tisch schlagend, schrie er:

Antiochien.

»Hinaus mit dir! Gottes Fluch über dich und deine Kinder! Möge er deines Vaters Haus zerstören! Hinaus mit dir, sage ich, und schaffe das Geld, oder ich werde dich mit deiner Frau und deiner ganzen Familie ins Gefängnis werfen und zu Tode hungern lassen.«

»Oh Agha,« sprach der Mann und setzte der Wut des anderen eine gewisse Würde entgegen, »nur ein wenig Zeit! Gewähre mir ein wenig Zeit!«

»Nicht einen Tag! nicht eine Stunde!« tobte der Agha. »Fort! Fort! und noch heute bringst du mir das Geld!«

Ohne ein weiteres Wort verschwand der Bauer durch die Tür, der Agha aber ließ sich wieder zu seiner unterbrochenen Unterhaltung und seinem unterbrochenen Mahle nieder. Die anderen Gäste aßen weiter, als wäre nichts geschehen, ich aber schämte mich einigermaßen meines Platzes an Reschīds Rechter und war nicht böse, als ich ihm Lebewohl sagen konnte.

Der Agha schickte uns an den Orontes hinab und ließ uns in seinem eignen Fährboot über den Strom setzen. Als wir das andere Ufer erreichten, zog Michaïl ostentativ eine Brotkruste aus der Tasche und begann sie zu essen.

»Hast du nicht in Alāni gespeist?« fragte ich.

Antiochien.

»Ich esse nicht mit solchen Leuten, wie er ist,« erwiderte Michaïl steif.

Nadjīb, den kein solches Bedenken davon abgehalten hatte, sich an dem ungewohnten Luxus eines reichen Mahles zu erfreuen, nickte darauf mit dem Kopfe und sprach:

»Der Agha ist ein böser Mann. Gott lohne ihm nach seinen Taten! Er preßt den letzten Heller aus den Armen, nimmt ihnen ihr Land, vertreibt sie von Haus und Hof und gibt sie dem Hungertode preis.«

»Und er tut noch Schlimmeres!« bemerkte Michaïl düster.

»Ja, bei Gott!« bestätigte Nadjīb. »Jeder, der eine schöne Frau oder eine schöne Tochter hat, muß ihn fürchten, denn er ruht nicht, bis sie in seinen Händen ist. Bei Gott und Mohammed, seinem Propheten, er hat manchen Mann getötet, nur um seine Frau in seinen eignen Harem bringen zu können, und niemand wird mehr gehaßt, als er.«

»Vermag das Gesetz nichts wider ihn?« fragte ich.

»Wer sollte etwas wider ihn vermögen?« erwiderte Nadjīb, »er ist reich — möge Gott sein Haus zerstören!«

»Oh Michaïl,« sagte ich, während wir mühsam über die schlammigen Felder zogen, »ich habe euer Land viel bereist und habe viel Menschen gesehen und kennen gelernt, aber selten nur bin ich einem Armen begegnet, den ich mir nicht zum Freunde gewünscht, und ebenso selten einem Reichen, dessen Gesellschaft ich nicht lieber gemieden hätte. Wie kommt das? Verändert der Reichtum selbst das Herz in Syrien? Denn sieh, in meiner Heimat sind zwar längst nicht alle Mächtigen tugendhaft, es sind aber auch nicht lauter Schurken. Würdet denn auch ihr, du und die Drusen von Kalb Lōzeh, und Mūsa, der Kurde, wie Reschīd Agha werden, wenn euch plötzlich Reichtümer zufielen?«

»Oh, meine Dame,« erwiderte Michaïl, »die Herzen sind die gleichen, aber Sie haben in Ihrem Lande eine starke und gerechte Regierung, der jeder Engländer, auch der reiche, gehorchen muß; bei uns dagegen gibt es keine Gerechtigkeit: der Große verschlingt den Kleinen, der Kleine den noch Kleineren, und die Regierung verschlingt sie alle. Wir leiden alle in unsrer Weise und schreien zu Gott um Hilfe, da wir uns nicht selbst helfen können. Aber wenigstens habe ich Reschīd Aghas Brot nicht gegessen,« schloß Michaïl ziemlich anzüglich. Worauf Nadjīb und ich den Kopf hängen ließen.

Es folgten nun fünf Stunden mühseligsten Vorwärtskommens. Es war dies vielleicht für Nadjīb und mich die gerechte Strafe, weil wir an der Tafel des Gottlosen gesessen hatten, aber wie fast immer, so betraf auch dieses Strafgericht den Gerechten mit den Sündern, denn Michaïl hatte dasselbe zu leiden wie wir. Hatten uns am Tage vorher die Felsen und Steine zu schaffen gemacht, so stöhnten wir heute unter dem Gegenteil, dem Schlamm. Nur daß diese Plage tausendmal schlimmer war. Fünf Stunden lang wateten wir über Erdberge hin, auf denen kein einziger Stein zu sehen war. Abhänge, bedeckt mit dickem, zähem Schlamm, wechselten mit tiefen Morästen, in die unsre Pferde bis zum Gurt einsanken. Als wir endlich dieses Sumpfland hinter uns hatten und das Orontestal erreichten, waren Menschen und Tiere völlig erschöpft. Das Hügelland, welches wir eben verlassen, erhob sich nun zu felsigen Bergrücken und Gipfeln, zu unsrer Rechten aber lag das breite, zum Teil von Wasserfluten überschwemmte Tal, und jenseits desselben zog sich eine prächtige Bergkette dahin. Bald erblickten wir auch die byzantinischen Türme und Mauern auf den Bergrücken zur Linken, und zwischen blühenden Lorbeerhecken stolperten unsre Tiere über das lückenhafte Pflaster der alten Römerstraße dahin, die nach Antiochien führte.

Wir mußten uns in den Weg mit einem Nebenfluß des Orontes teilen, der lustig über das Pflaster plätscherte. Nicht ohne eine gewisse Erregung konnte ich auf die Stadt Antiochien blicken, die so viele Jahrhunderte lang Wiege der Kunst und Mittelpunkt einer der glänzendsten Kulturepochen gewesen ist, die die Welt je gekannt. Das moderne Antiochien gleicht dem Harlekin, dessen Kleider viel zu weit für seine mageren Glieder sind: umschließen doch die Festungsmauern, die über Fels und Hügel dahinklettern, ein weites Weichbild, von dem die Stadt allmählich hinweggeschmolzen ist. Aber noch heute bietet sie mit den hohen, zerrissenen, mauergekrönten Bergen im Hintergrund und den sich in dem breiten, fruchtbaren Orontestale ausbreitenden Gruppen roter Ziegeldächer eins der lieblichsten Bilder.

Am Ufer des Orontes.

Erdbeben und Überflutungen des Stromes haben die Paläste der Griechen- und Römerstadt gestürzt und mit Schlamm bedeckt, und doch! als ich bei Sonnenuntergang auf der abfallenden Rasenfläche des nosairischen Kirchhofs stand, am Fuße des Berges Silpius, wo mein Lager aufgeschlagen war, und die wachsende Mondsichel die Trümmer beleuchtete, da erkannte ich, daß Schönheit das unveräußerliche Erbe Antiochiens sei.


Vierzehntes Kapitel.

Auch meine weitere Bekanntschaft mit Antiochien änderte an dem Eindruck des ersten Abends nichts. Je mehr ich die engen, gepflasterten Straßen durchwanderte, desto bewundernswerter erschienen sie mir. Bis auf die Hauptstraße, den Bazar, waren sie fast menschenleer; meine auf den Kieselsteinen widerhallenden Tritte unterbrachen die Stille von Jahren. Die flachen, mit roten Ziegeln gedeckten Giebel verliehen der ganzen Stadt einen reizvollen, eigenartigen Ton; Haus für Haus war mit vorspringenden, verschließbaren Balkonen versehen. Von der Vergangenheit ist freilich kaum eine Spur mehr vorhanden. In der Serāya befinden sich zwei schöne Sarkophage, die mit Girlanden und Köpfen sowie mit den bekannten Stiere zerfleischenden Löwen geziert sind, letzteres, wie ich glaube, ein speziell asiatisches Motiv. Ein dritter, weniger großartiger, steht am Saume der Daphnestraße. Ferner sah ich im Hofe eines türkischen Hauses das Fragment eines klassischen Simses und auf der Hauptstraße ein Stückchen Mauerwerk, das sicherlich aus der vormohammedanischen Zeit herrührte — die Bauart, abwechselnde Streifen in Ziegeln und Steinen, — gleicht derjenigen der Akropolis. Im übrigen lebt das Antiochien des Seleucus Nicator nur in der Phantasie. Die Insel, worauf es erbaut war, ist mit der Veränderung des Flußbettes verschwunden; der Überlieferung nach hat es oberhalb der modernen Stadt gelegen. Prächtige Villen müssen die Ufer des Orontes gesäumt haben. Man erzählte mir, daß die Grundmauern davon zum Vorschein kamen, wenn genügend tief in den Morast gegraben wurde, und daß kleine Wertgegenstände, Münzen und Bronzen, oft gefunden wurden. Es wurden mir auch gar viele zum Verkauf angeboten, aber ich erachtete sie für ungeschickte Nachahmungen und wurde auch in dieser Meinung von einem türkischen Pascha, Rifa't Agha, bestärkt, der sich zu seinem Vergnügen eine Antiquitätensammlung angelegt hat. Von seiner schönen Serie seleucidischer Münzen sind die ältesten beinahe so gut wie die besten sizilianischen, und die späteren fast so schlecht wie die schlechtesten byzantinischen. Auch einige Bronzelampen sind vorhanden. Eine derselben, ein lockiger Eroskopf, ist ein schönes Exemplar römischer Kunst. Der Agha verehrte mir einen kleinen Kopf, welchen ich für eine Nachahmung von dem Haupte des Antiochus mit der hohen Krone halte. Obgleich er ziemlich grob gearbeitet ist, verrät er doch durch eine gewisse Vornehmheit die Abstammung von einem großen Original.

Der Getreidemarkt, Antiochien.

Noch vor 40 Jahren waren die Mauern und Türme der Akropolis fast unversehrt; jetzt sind sie fast gänzlich zerstört. Die Bewohner Antiochiens behaupten, die Stadt werde jedes halbe Jahrhundert bis in ihre Grundfesten erschüttert, und sie selbst erwarten jeden Augenblick eine neue Bodenbewegung, nachdem die letzte im Jahre 1862 stattgefunden hat. Die Verwüstung der Festung aber hat kein Erdbeben, hat der Wohlstand herbeigeführt. Die Stadt ist wunderbar günstig in ihrem reichen Tale gelegen und mit dem Hafen Alexandretta durch eine ziemlich gute Landstraße verbunden, so daß sie mit Leichtigkeit zu einem bedeutenden Handelszentrum werden könnte. Während der letzten 50 Jahre ist sie — sogar unter türkischer Herrschaft — beträchtlich gewachsen, freilich auf Kosten der Akropolis. Der Orientale läßt sich durch keinerlei Schwierigkeiten abschrecken, wofern sie ihm nur die Mühe des Steinebrechens ersparen, und trotz der Mühe, die das Befördern der behauenen Steine der Festung macht, ehe sie bis an den Fuß des ungemein steilen Hügels, worauf sie steht, gelangen, hat man zum Bau all der neueren Häuser das Material von dort genommen. Das Werk der Zerstörung hält an. Die Steine der Mauern verschwinden schnell, und der Rest von Schutt und Mörtel wird in kurzer Zeit dem Einfluß der Witterung erliegen. Eines Morgens umging ich die Festung; es kostete mich drei Stunden. Westlich vom Gipfel der Berges Silpius wurde die Berglehne von einem Felsenspalt durchschnitten, der voller Felsengräber war, und direkt über meinem Lager von einem Aquädukt überspannt wurde. Auf der linken Seite der Schlucht fiel die Felsenwand jäh ins Tal ab. An größeren Überresten erkannte man deutlich, daß die Mauern abwechselnd aus Reihen von Steinen und Ziegeln bestanden hatten, ja hier und da war auch in den Steinreihen noch durch größere und kleinere Blöcke Abwechselung geschaffen worden. Die Befestigungen umfaßten eine weite Fläche; leicht ansteigende, mit Gestrüpp und verfallenem Gemäuer bedeckte Hänge führten zu der Spitze des Hügels. In der Westmauer war eine schmale, massive Steintür, die von einem Sims aus gefügten Blöcken mit einem erhabenen Bogen darüber gekrönt war. Die südliche Mauer wurde durch Türme unterbrochen, die Hauptzitadelle aber befand sich an der südöstlichen Ecke. Von hier aus fielen die Mauern wieder steil nach der Stadt zu ab und setzten sich noch eine Strecke östlich derselben fort. Ich glaube, sie können bis an den Orontes hin verfolgt werden. Ich ging ihnen nicht nach, sondern kletterte auf einem steinigen Pfad von der Zitadelle in die tiefe Schlucht, die das östliche Ende des Hügels durchschneidet. Den Eingang zu derselben bewacht eine mächtige Ziegel- und Steinmauer, und sie führt den Namen »Das eiserne Tor«. Jenseits desselben klettern die Festungswerke an der gegenüberliegenden Seite der Schlucht empor und ziehen sich an der Spitze des Hügels weiter. Wie weit sie sich erstrecken, weiß ich nicht, denn der Boden war so uneben und mit Gestrüpp überwachsen, daß ich den Mut verlor und umkehrte. Eine reiche Fülle von Blumen, Ringelblumen, Asphodill, Zyklamen und Iris, wucherten zwischen den Felsen. Auf der Berglehne, die jenseits vom Eisernen Tor auf den Orontes niederblickt, befindet sich eine Höhle, welche die Tradition St. Petershöhle nennt. Die Griechengemeinde hat an ihrem Eingang eine kleine Kapelle errichtet. Ein wenig weiter am Hügel hin ist eine noch merkwürdigere Reliquie Altantiochiens, nämlich das Haupt einer Sphinx, reliefartig aus einem etwa 20 Fuß hohen Felsen ausgehauen. Sie trägt auf ihrer Stirn eine Drapierung, die, zu beiden Seiten ihres Gesichtes niederfallend, dort endet, wo der Hals in die unbekleidete Brust übergeht. Ihr ausdrucksloses Gesicht ist leicht talaufwärts gerichtet, als ob sie jemandes harre, der aus dem Osten kommen müsse. Könnte sie nur reden! Sie würde uns von großen Königen und prunkvollen Aufzügen, von Kämpfen und Belagerungen erzählen, denn all das hat sie von ihrem Felsen an der Berglehne aus gesehen. Sie erinnert sich auch, wie die ihr bekannten Griechen von Babylonien heraufzogen, aber da selbst die Römer sie nicht lehren konnten, daß das wahre Leben westwärts liegt, durfte auch ich nicht hoffen, sie aufzuklären, und ließ sie daher weiter des Neuen aus dem Osten harren.

Lampe in Rifa't Aghas Sammlung.

Eine weitere Pilgerfahrt mußte von Antiochien aus nach Daphne, der berühmten Ruine, gemacht werden, die den Ort kennzeichnet, wo die Nymphe die Absicht des Gottes vereitelte. »Das Haus der Gewässer« nennt sie der Araber. Man erreicht die im Westen der Stadt gelegene Stelle durch einen einstündigen Ritt am Fuße der Hänge entlang, und einen bezaubernderen Ritt kann man sich zur Frühlingszeit nicht wünschen. Der Pfad führte durch ein liebliches Gehölz aus knospendem Grün, aus dem sich üppig blühender Schwarzdorn und das eigenartige Purpur des Judasbaumes abhoben; er führte dann über einen niederen Gebirgszug hinweg und senkte sich, steil abfallend, in ein Tal, durch welches ein tosender Bach dem Orontes zueilte.

Haupt einer Sphinx, Antiochien.

Von den Tempeln, die dieses schönste aller Heiligtümer zierten, ist keine Spur geblieben; Erdbeben und stürzende Bäche haben sie von den Bergen in die Schluchten gefegt. Aber die Schönheit der Gegend hat nicht verloren seit jenen Tagen, als die Bürger der üppigsten Stadt des Ostens mit den Mädchen tändelten, die dem Gott dienten. Nicht brausend bricht der Strom aus der Seite des Berges hervor, wird er doch in einem tiefen, stillen Weiher geboren, der, in ein Gewand aus Mädchenhaar-Farn gehüllt, zwischen Dickichten verborgen liegt, »die alles Leben zu süßem Traum mit Grün umweben«. Aus dem Weiler geht ein durchsichtiger, spiegelglatter, schmaler und tiefer Bach hervor; bald aber staut er sich und bildet Wirbel und Wasserfälle, die ihren weißen Schaum in das Gezweig von Maulbeerbaum und Platane hinaufschleudern. Unter den Bäumen drehen sich elf Wassermühlen; die zerlumpten Müller bilden die einzige Bewohnerschaft von Apollos Heiligtum. Sie brachten uns Walnüsse, an den Ufern des Stromes zu essen, und kleine, antike Steine, die aus den Schmuckstücken derer gefallen waren, die an dem Gestade dieses Stromes wohl weniger harmlosen Vergnügungen nachgingen als wir.

Daphne.

Man kann unmöglich in Nordsyrien reisen, ohne von einem lebhaften Interesse für die Seleucidenkönige ergriffen zu werden, das durch die Anerkennung ihrer hervorragenden Taten in Politik und Kunst noch gefestigt wird; ich beschloß daher, ehe ich mich nordwärts wenden würde, noch die Gegend von Seleucia Pieria, den Hafen von Antiochien und die Begräbnisstätte von Seleucia Nicator aufzusuchen. Binnenstadt und Hafen entstanden zu gleicher Zeit; beide waren Teile desselben großen Planes, der aus der Gegend des unteren Orontes eine reiche und bevölkerte Handelsstätte schuf. In jenen Tagen konnten Könige mit einem Winke ihres Szepters weltberühmte Städte ins Leben rufen, und die Seleuciden säumten wahrlich nicht, dem Beispiele zu folgen, das Alexander ihnen gegeben. Wie Apamea, so ist auch Seleucia zur Größe eines Dörfchens zusammengeschrumpft, oder besser gesagt, es hat sich in mehrere Dörfer zersplittert, die der Name Sweidijjeh deckt. (Da jede Gruppe Farmhäuser oder Hütten ihren eignen Namen führt, kann man sich in den Ortsbezeichnungen schwer zurechtfinden.) Das weite Auseinanderwohnen der Leute in den Dörfern am Orontes ist in ihrer Beschäftigung begründet. Ihre Tätigkeit als Seidenwurmzüchter erfordert im Frühling einen Monat lang die ununterbrochene Anwesenheit des Besitzers im Mittelpunkt seiner Maulbeerbaumplantagen, so daß der Mann durch deren ganze Ausdehnung von seinem Nachbar getrennt ist. Nach dreistündigem Ritt durch eine prächtige Gegend voll Myrtengebüsch und Maulbeerbaumhaine erreichten wir die Militärstation Sweidijjeh, das wichtigste der verstreut liegenden Dörfer. Und hier geschah es zum ersten und einzigen Mal auf meiner Reise, daß ich von einem Beamten (er hatte offenbar der Arrakflasche zugesprochen) nach meinem Paß befragt wurde. Nun besaß ich keinen Paß, ich hatte ihn im Djebel Zawijjeh mit meinem Mantel zugleich eingebüßt, und daß ich durch das halbe Ottomanenreich ohne papiernen Anhang an meinen Namen reisen konnte, beweist, wie wenig sich der türkische Beamte um seine Regierungsbefehle zu kümmern braucht. Da der mich begleitende Zaptieh mit ziemlichem Eifer erörterte, daß es ihm sicherlich nicht erlaubt gewesen sein würde, mich zu begleiten, wenn ich nicht eine achtbare und gutbeleumdete Persönlichkeit wäre, durften wir weiterreisen. Die Veranlassung zu solch ungewöhnlichem Pflichteifer wurde uns bald klar: die Küstendörfer beherbergen große Kolonien Armenier und sind von Militärstationen umgeben, welche die Bewohner abhalten sollen, sowohl nach anderen Orten im Binnenlande des Reiches, als zur See nach Cypern zu entweichen. Die Ankunft und Abreise der Fremden wird sorgsam überwacht. Der Reisende sollte stets als Hauptpunkt im Auge haben, sich nicht in die armenische Frage verwickeln zu lassen. Es war die stillschweigende Überzeugung der Gelehrten des Mittelalters, daß eine unlösbare Frage überhaupt nicht existierte. Es könnte ja Dinge mit ernstlichen Schwierigkeiten geben, aber wenn man sie der richtigen Person unterbreitete — z. B. irgend einem Araber in Spanien, der durch gründliches Studium in Einzelheiten eingeweiht ist, in die man selber lieber nicht einzudringen versucht — so würde man sicher die rechte Lösung erfahren. Der Kernpunkt wäre, nur die passende Person zu finden. Heutzutage sind wir von diesem Glauben abgekommen. Die Erfahrung hat gelehrt, daß es leider viele für den Menschengeist unlösbare Probleme gibt, und ein beträchtlicher Teil davon fällt dem Türkenreich zu. Ein solches Problem ist die armenische Frage, und ein zweites die mazedonische.

Mit dem Entschluß, nicht einem Grundsatz untreu zu werden, der, wie ich überzeugt war, viel zu einer glücklichen und erfolgreichen Reise beigetragen hat, ritt ich nach Chaulīk, dem Hafen des alten Seleucia, hinab. Mein Entschluß war um so leichter durchzuführen, als die Armenier fast nur Armenisch und Türkisch sprachen; jedenfalls genügten die wenigen arabischen Worte, deren einige mächtig waren, nicht, um eine eingehende Schilderung ihrer Leiden zu geben, und der Mann, der mir diesen Nachmittag als Führer diente, war mit so heiterer Gemütsstimmung begnadigt, daß er sicher ein anderes Gesprächsthema vorgezogen hätte. Ibrahim war der Name des helläugigen, klugen Mannes, und sein Frohsinn verdiente in der Tat Lob, da sein jährliches Einkommen sich auf nicht mehr als 400 Piaster (kaum 40 Mark deutsches Geld) belief. Davon gedachte er noch genug zu erübrigen, um die türkischen Beamten im Hafen zu bestechen, damit sie ein Auge zudrückten, wenn er in einem offenen Boote nach Cypern entwich. »Denn,« sagte er, »hier ist kein anderer Erwerb als die Seidenraupenzucht, die aber schafft mir nur zwei Monate vom Jahre Arbeit, und in den anderen zehn kann ich nichts tun und nichts verdienen.« Er erzählte mir auch, daß die Nosairijjeh, welche die umliegenden Dörfer bewohnten, unangenehme Leute wären.

»Ist Fehde zwischen euch?« fragte ich.

»Ey, wāllah!« sagte er mit Nachdruck und illustrierte seine Behauptung durch den langen Bericht eines vor kurzem ausgebrochenen Streites, der, soviel ich ausmachen konnte, gänzlich den Übergriffen der Armenier zu verdanken war.

»Aber ihr hattet zuerst gestohlen,« wendete ich ein, als er zu Ende war.

»Ja,« sagte er, »die Nosairijjeh sind Hunde.« Und lächelnd fügte er noch hinzu: »Ich saß darauf zwei Jahre lang im Gefängnis zu Aleppo.«

»Bei Gott! Ihr hattet es verdient,« bemerkte ich.

»Ja,« gestand er mit gleicher Heiterkeit ein.

Und das war, wie ich mich freue, konstatieren zu können, alles, was Ibrahim zur Beleuchtung der armenischen Frage beitrug.

Die Bucht von Seleucia ist dem Golf von Neapel nicht unähnlich und kaum weniger schön. Eine jähe Bergwand, mit Felsengräbern und Höhlen durchsetzt, bildet den Hintergrund der Maulbeerbaumanpflanzungen und schließt, einen Bogen bildend, die Bucht auch nach Norden hin ab. Unterhalb der Felswand liegen die Mauern und die Wassertore des Hafens, der durch eine Sandbank vom offnen Meere getrennt ist. Durch Sand und Schlamm fließt der Orontes weiter nach Süden, und eine steile Bergkette, die an ihrem Südende zu dem lieblichen Berg Cassius ansteigt, schließt die Aussicht ab. Der letztere Berg ist gleichsam der Vesuv der Landschaft. Ich schlug mein Lager an der Nordgrenze in einer kleinen Grotte auf. Sie war von der übrigen Bai durch einen niederen Ausläufer getrennt, der in einem mit Ruinen bedeckten Vorgebirge endete und den Ausblick über die gesamte Küste bot. Ich weidete mich in dem Gedanken, daß gerade an dieser Stelle Tempel und Grab von Seleucus Nicator gestanden hatten, obgleich ich nicht weiß, ob die genaue Lage je festgestellt worden ist. Am Strande befand sich ein isolierter Raum, in dem eine von Säulen getragene Halle ausgegraben worden war. Eine frische, salzige Brise durchwehte den nach dem Meere duftenden Raum: ein echter Tempel für Nymphen und Tritonen. Auf schmalen Pfaden und einer ehemaligen Fahrstraße führte mich Ibrahim über die steilen Klippen hin nach der auf dem höchsten Punkt des Plateaus gelegenen oberen Stadt. Wie er sagte, braucht man sechs Stunden zu einem Gang um die Ringmauer der oberen Stadt; es war nur zu heiß, um seine Behauptung auf die Probe zu stellen. Wir stiegen in eine große Anzahl der künstlichen Höhlen hinein, wovon viele keine Grabnischen aufwiesen; sie mögen wohl eher zu Wohnräumen und Vorratskammern bestimmt gewesen sein. Um diese Zeit waren alle Höhlen von Seidenwurmzüchtern bewohnt, die jetzt, wo die Larven aus den Eiern schlüpften, ihre geschäftigste Zeit hatten. Am Eingang jeder Höhle hing ein Büschel grüner Zweige, um die Sonne auszuschließen, und angenehm schimmerte das Licht des Nachmittags durch das knospende Gezweig. Am Südende der Klippe lag ein großer Begräbnisplatz, der aus kleinen, ringsum mit Grabnischen besetzten Höhlen und Steinsarkophagen bestand. Diese letzteren trugen, wenn überhaupt Schmuck daran war, das Girlandenmuster der Sarkophage zu Antiochien. Die bedeutendste Gräbergruppe befand sich am Nordrande der Klippe. Man betrat sie durch einen mit Säulen bestandenen Portikus, welches in ein doppeltes Gewölbe führte. Das größere enthielt zwischen 30–40 Grabnischen und ein paar Gräber mit Baldachinen, die aus dem Felsen selbst gehauen waren. Das kleinere barg etwa halb so viel Grabnischen. Das Dach wurde von Säulen und viereckigen Wandpfeilern getragen, ich bemerkte über den Gräbern auch grob ausgehauenen Fries mit teils efeuartigen, teils ausgezähnten Blättern.

Der Garīz.

Den Erbauern von Seleucia scheint die Verteilung des Wasservorrats viel zu schaffen gemacht zu haben. Ibrahim zeigte mir einen auf dem Felsen hinlaufenden Kanal von etwa zwei Fuß Weite bei fünf Fuß Höhe, der drei bis vier Fuß unterhalb der Oberfläche ausgehauen war und Wasser von einem Ende der Stadt zum anderen leitete. Durch gelegentliche Luftlöcher oder Spalten in der äußersten Felsenwand konnten wir seinen Lauf verfolgen. Ein äußerst schwieriges Problem muß die Regulierung des Flusses gewesen sein, der nördlich der Stadt eine Schlucht hinabstürzte. Man hatte einen riesigen Tunnel durch den Ausläufer bis südlich von meinem Lager gehauen, um das Wasser nach dem Meere zu leiten, damit es die Häuser am Fuße der Klippe nicht überschwemmte. Der Garīz, wie der Name dieses Tunnels ist, begann an der Mündung eines engen Hohlwegs, erstreckte sich einige hundert Meter weit durch Felsenmassen und setzte sich dann bis zum Ende des Ausläufers als ein tiefer, oben offner Einschnitt fort. Am Eingang des Tunnels befand sich in scharf ausgehauenen Buchstaben eine Inschrift. »Divus Vespasianus« begann sie, aber der Rest verschwand unter dem felsigen Boden. Es gab auch noch einige andere Inschriften am Garīz entlang: alle waren lateinisch, ich denke mir, das Werk ist nicht seleucischer, sondern römischer Herkunft.

Die Statue im Maulbeerbaumhain.

Noch zu einem anderen Besuch ließ ich mich durch Ibrahim verleiten. Wenn ich ihm durch die Maulbeeranlagen am Fuße der Klippe folgen wollte, erklärte er, würde er mir »eine Person, aus Stein gemacht« zeigen. Nun war meine Neugierde zwar durch die Hitze und den langen Marsch schon etwas gelähmt, aber ich schleppte mich doch durch die Steine und andere Hindernisse mühsam zurück und fand, unter einem Maulbeerbaum sitzend, einen bärtigen, mit Gewändern angetanen Gott. Ein sehr majestätischer Gott war er nicht. Seine Haltung war steif, das Gewand roh ausgehauen, die obere Hälfte seines Kopfes dahin, aber die tiefstehende Sonne vergoldete seine Marmorschulter, und die Zweige der Bäume flüsterten von seiner einstigen Würde. Als wir uns neben ihn gesetzt hatten, bemerkte Ibrahim:

»Auf diesem Felde ist auch noch jemand begraben, eine Frau, aber sie ist tief unter der Erde.«

»Habt Ihr sie gesehen?« forschte ich.

»Ja, der Herr des Feldes hat sie begraben, weil er glaubte, sie brächte ihm Unglück. Vielleicht gräbt er sie aus, wenn Sie ihm Geld bieten.«

Ich ging auf den Vorschlag nicht ein; wahrscheinlich blieb die Frau besser der Einbildung überlassen.

Dicht an der Statue sah ich einen langen modellierten Sims; vermutlich hatte er eine Mauer gekrönt, die jetzt im Getreidefeld vergraben lag. Es bietet sich hier viel Gelegenheit zu Entdeckungen, aber die Ausgrabungen werden wegen der tiefen Schlammschicht und der Ansprüche der Besitzer von Maulbeerbaumhainen und Getreidefeldern hoch zu stehen kommen. Die Stadt bedeckt eine ungeheure Fläche, und das Nachgraben kann jahrelang dauern, wenn gründlich vorgegangen werden soll.

Bei meinen Zelten schlich ein träger Strom durch Büschel gelber Iris und bildete einen Tümpel im Sande, der für unsre Tiere und die Ziegenherden Wasser lieferte, welche von armenischen Hirtenknaben früh und spät am Meeresufer gehütet wurden. So reizvoll war der Ort, und das Wasser so herrlich, daß ich einen ganzen müßigen Tag dort zubrachte, den ersten wirklich müßigen, seit ich Jerusalem verlassen, und da ich nun einmal Seleucia nicht gründlich erforschen konnte, wollte ich auch nicht mehr davon sehen, als von meiner Zelttür aus möglich war. Diesem löblichen Entschluß verdanke ich 24 Stunden, an die ich mit lebhaftester Befriedigung zurückdenke, wenn ich auch weiter nichts davon zu berichten weiß, als daß ich nicht ganz so leicht, wie ich gehofft hatte, der armenischen Frage entgehen sollte. Am Morgen wurde mir ein langer Besuch von einer Frau, die von Kabuseh herabgekommen war, einem Dorfe auf der Höhe der über dem Garīz gelegenen Schlucht. Sie sprach Englisch, hatte es in den Missionsschulen zu 'Aintāb, ihrer Heimat in den kurdischen Bergen, gelernt. Kymet nannte sie sich. Sie hatte 'Aintāb bei ihrer Verheiratung verlassen und diesen Schritt nie zu bereuen aufgehört, denn ihr Gatte war zwar ein guter und ehrbarer Mann, aber doch so arm, daß sie nicht wußte, wie sie ihre beiden Kinder aufziehen sollte. Außerdem waren, wie sie sagte, die Leute in der Gegend von Kabuseh, Nosairijjeh sowohl als Armenier, alle Räuber, und sie erbat sich meine Hilfe, um nach Zypern entkommen zu können. Sie erzählte mir auch ein seltsames Stück Familiengeschichte, welches, wenn man es nicht als Beweis behördlicher Bedrückung zitieren will, doch dartut, wie traurig die Lage der Sekten in einem mohammedanischen Lande sein muß. Als Kymed selbst noch Kind gewesen, war ihr Vater zum Islam übergetreten und zwar hauptsächlich deswegen, weil er eine zweite Frau zu nehmen wünschte. Kymets Mutter hatte die ihr angetane Schmach nicht ertragen können, sie hatte ihn verlassen und ihre Kinder erhalten, so gut es gehen wollte. Der bittre Zwist hatte, nach der jungen Frau Versicherung, ihre eigne Jugend vergiftet. Am nächsten Morgen schickte sie ihren Gatten mit einem Huhn und einem Gedicht, das sie selbst auf Englisch niedergeschrieben hatte. Das Huhn bezahlte ich, aber die Verse waren unbezahlbar. Sie lauteten:

»Willkommen, willkommen, Geliebteste, dein Kommen beglückt uns!
Für dein Kommen willkommen! Willkommen deine Ankunft!
Laßt uns singen mit Freuden, mit Freuden, mit Freuden, ihr Knaben, mit Freuden!
Die Sonne scheint nun mit dem Mond so klar, mit süßem hellen Schein, ihr Knaben:
Für dein Kommen willkommen, ihr Lächeln heißt dich willkommen!
Die Bäume senden uns, teure Knaben, die Vögel jubeln voll Glück;
Der süße Duft spricht dir willkommen! Willkommen dir ihr froher Sang!
Ich verbleibe
Ihr getreuer

George Abraham

Für den Fall, daß das Gedicht für vielversprechend erachtet werden sollte, beeile ich mich noch hinzuzufügen, daß nicht etwa George Abraham der Verfasser war — bei den Verhandlungen über das Huhn fand ich heraus, daß er kein Wort Englisch konnte. Kymet hatte ihres Mannes Namen lediglich benutzt, weil er eine gewichtigere Unterschrift abgab, als der ihre. Überdies sind die in den Versen erwähnten Knaben nur rhetorische Figuren. Auch kann ich keine Vermutung darüber aussprechen, was die Bäume uns senden; in diesem Punkte scheint der Text unklar. Vielleicht ist »uns« als Akkusativ gedacht.

Ich verließ Seleucia mit wirklichem Bedauern. Noch vor Tagesanbruch ging ich hinab in die See, um zu baden; zarte Wolkenschleier lagen über den Berghängen, und als ich in das laue Wasser hinausschwamm, vergoldeten die ersten Strahlen der Morgensonne das schneeige Haupt des Berges Cassius, der einen so bezaubernd schönen Abschluß für das Halbrund der Bai bildet.

Auf demselben Wege, den wir gekommen, kehrten wir nach Antiochien zurück und schlugen unsre Zelte außerhalb der Stadt an der Landstraße auf. Zwei Tage später brachen wir früh 6½ Uhr zu einem langen Ritt nach Alexandretta auf. Während der ersten Meilen war der Weg abscheulich; tiefe Schlammlöcher wechselten mit kurzen gepflasterten Stellen ab, die jedoch kaum bequemeres Vorwärtskommen ermöglichten als der Morast selbst. Nach drei Stunden erreichten wir das Dorf Kāramurt; ¾ Stunden später verließen wir die Straße und ritten bei einer verfallenen Karawanserei, die Spuren schöner arabischer Arbeit aufwies, direkt in das Gebirge hinein. Der Pfad führte steile, erdbedeckte Hänge hinauf und hinab, durch blühende Dickichte aus Ginster, Judasbäumen und den auf der Erde hinkriechenden Cistenrosen. Zur Linken sahen wir das malerische Kastell Baghrās, das alte Pagrae, einen Berggipfel krönen. Ich glaube nicht, daß die Gebirgsgruppe nördlich von Antiochien jemals systematisch erforscht worden ist, vielleicht kommen dort noch Teile seleucidischer oder römischer Befestigungswerke zu Tage, die den Eingang zu dieser Stadt bewachten. Bald lenkten wir in die alte, gepflasterte Straße ein, die steiler dahinführt als der neuere Fahrweg, und nachdem wir ¾ Stunden gerastet hatten, um an den schattigen Ufern eines Flusses zu frühstücken, erreichten wir den höchsten Punkt des Bailānpasses um 1 Uhr. Hier bogen wir in die Hauptstraße von Aleppo nach Alexandretta ein. Ich konnte keinerlei Spuren von Befestigungen an den Syrischen Toren bemerken, wo Alexander umkehrte und nach der Ebene von Issus zurückmarschierte, um Darius zu begegnen, aber der Paß ist sehr eng und muß leicht gegen Eindringlinge von Norden her zu verteidigen gewesen sein. Es ist das der einzige für eine Armee gangbare Paß über den zerklüfteten Berg Amanus. Eine Stunde davon befindet sich das Dorf Bailān; seine wundervolle Lage an der Nordseite der Berge bietet den Überblick über die Bucht von Alexandretta nach der wilden Cilicianischen Küste und der weißen Tauruskette. Ein etwa vierstündiger Ritt brachte uns von Bailān nach Alexandretta.

Als wir auf grünen, blumenbesäten Hängen, den letzten Syriens, dem schimmernden Meere zutrabten, entspann sich zwischen mir und Michaïl ein Gespräch. Wir blickten, wie Reisegefährten zu tun pflegen, noch einmal auf unsre Reiseerlebnisse zurück, erinnerten uns der Abenteuer, die uns zu Wasser und Land beschieden gewesen, und endlich sagte ich:

»Oh Michaïl, diese Welt ist schön, wenn auch mancher ihr Übles nachredet, und die Kinder Adams sind meist gut und nicht böse.«

»Es geht alles nach Gottes Willen!« sagte Michaïl.

»Ohne Zweifel,« entgegnete ich. »Aber denken wir an alle die zurück, denen wir auf der Reise begegnet sind. Wie haben sie sich gefreut, wenn sie uns helfen konnten, und wie gut haben sie uns aufgenommen. Gleich zu Anfang hatten wir Habīb Fāris, der uns geleitete, dann Namrūd und Gablān —«

»Mascha'llah!« fiel Michaïl ein, »Gablān war ein vortrefflicher Mann. Habe ich doch noch keinen Araber gesehen, der so wenig gierig war, kaum daß er die Speisen kosten wollte, die ich ihm vorrichtete.«

»Und Scheich Mohammed en Nassār,« fuhr ich fort, »sein Neffe Fāris und der Kāimakām von Kal'at el Husn, der alle von uns zwei Nächte beherbergte und bewirtete. Auch der Kāimakām von Drekisch — er veranstaltete uns zu Ehren ein Fest — und der Zaptieh Mahmūd« — hier knurrte Michaïl, denn mit Mahmūd hatte er auf gespanntem Fuße gestanden — »und Scheich Jūnis« fuhr ich hastig fort, »aber Mūsa, der Kurde, war doch der Beste von allen.«