Wir näherten uns jetzt einigen Abhängen, die beinahe mit dem Namen Hügel beehrt werden konnten. Sie bildeten einen großen, südwärts sich erstreckenden Halbkreis, in dessen innerer Seite Fellāh ul 'Isa seine Zelte aufgeschlagen hatte. Zur Zeit meines Besuchs dort hielten die Da'dja die ganze Ebene besetzt, sowohl den Fuß des stufenförmig aufsteigenden Djebel el 'Alya, wie auch den nordwestlichen Landstrich zwischen den Hügeln und dem Fluß Zerka. Mudjemir, der junge Scheich, wohnte nordwärts; seine beiden Onkel, Fellāh ul 'Isa und Hamūd, der Vater Gablāns, gemeinsam in der nach Süden gelegenen Ebene. Ich traf Hamūd nicht an, da er gerade fortgeritten war, um einige seiner Herden zu inspizieren. Gablān sprengte voraus, um uns anzumelden, und als wir selbst uns dem Zelte des großen Scheich näherten, trat ein weißhaariger Mann heraus, uns zu bewillkommnen. Das war mein Wirt, Fellāh ul 'Isa, ein in ganz Belka wegen seiner Weisheit berühmter Scheich mit weit größerem Ansehen, als sonst ein alter Mann aus einem Herrscherhause über seinen Stamm besitzt.
Vor einem halben Jahre war er als hochgeachteter Gast bei den Drusen gewesen, die eigentlich mit arabischen Scheichs nicht auf freundschaftlichem Fuße stehen, und das war der Grund, warum Namrūd gerade ihn als den besten Ratgeber in meinen Reiseangelegenheiten erachtet hatte. Wir mußten in seinem Zelte sitzen, bis der Kaffee bereitet war, welche Zeremonie eine geschlagene Stunde in Anspruch nahm und unter feierlichem Schweigen vor sich ging. Nichts war hörbar als das Geräusch der die Bohnen zermalmenden Mörserkeule, Töne, die, von kundiger Hand geleitet, dem Wüstenwanderer wie liebliche Musik dünken. Als der Genuß vorüber — die Sonne war inzwischen durchgebrochen—, ritt ich mit Gablān und Namrūd die Hügel nordwärts vom Lager hinan, um einige Ruinen zu besichtigen, von denen die Araber berichtet hatten.
Djebel el 'Alya erwies sich als ein welliges Hochland, das sich in einer Ausdehnung von vielen Meilen nach Norden und Nordosten hin sanft abdachte. Die Hauptrichtung der unvermittelt aus der Ebene aufsteigenden Bergkette ist von West nach Südost; ihr Kamm ist mit einer Reihe Ruinen gekrönt, deren ich zwei sah. Es mögen wohl Forts zum Schutze einer Grenze gewesen sein, vermutlich der Ghassanidischen. Inschriften sind nicht vorhanden. Das erste der verfallenen Gebäude lag direkt über Fellāh ul 'Isas Lager — meiner Ansicht nach ist es der auf der Karte von Palästina nahe an der Haddjbahn eingezeichnete Kasr el Ahla. Der Name ist den Da'dja unbekannt. Sollte es an dem sein, so liegt die Ruine vier oder fünf Meilen weiter nach Osten, als von den Kartographen eingezeichnet, und der Name sollte Kasr el 'Alya heißen. Es war ein mäßiger Komplex, ringsum von Mauerwerk umgeben, das eine unentwirrbare Menge Ruinen umschloß. Nachdem wir drei oder vier Meilen weiter ostwärts geritten waren, fanden wir auf der Nordseite des Djebel el 'Alya, am Eingange eines Tales, eine große Zisterne, die, ungefähr 40 zu 50 Meter groß, sorgsam aus behauenen Steinen erbaut und halb voll Erde war. Weiter oben, der Spitze des Hügels zu, war eine Gruppe Ruinen, von den Arabern El Muwaggar benannt[3]. Hier hat sich vermutlich eine militärische Station befunden, denn die wenigen Überreste kleinerer Wohnstätten legen den Gedanken an eine Stadt nahe. Nach Osten zu aber lag ein Gebäude, das die Araber für einen einstigen Stall erklären. Es war gleich einer Kirche in drei parallele Schiffe geteilt. Bogengänge trennten das Mittelschiff von den Seitenflügeln; die sechs auf jeder Seite befindlichen runden Bogen ruhen auf gemauerten Säulen, auf deren Innenseite Löcher zum Durchleiten der Spannseile angebracht sind. Wahrscheinlich wurden vorzeiten Pferde zwischen die Bogen eingestellt. Eine faßbogenförmige Decke wölbt sich über den drei Abteilungen, Gemäuer sowohl als Wölbung bestehen aus kleinen, durch spröden, zerbröckelnden Mörtel verbundenen Steinen. Einige hundert Meter nach Nordwesten fanden wir eine große, unbedeckte, leere Zisterne mit ausgemauerten Wänden und einer Treppe in der einen Ecke. Die größte Ruine lag noch weiter westwärts, fast auf der Spitze des Hügels. Bei den Arabern heißt sie Kasr; vermutlich war es eine Festung oder Baracken. Der Haupteingang fand sich nach Osten zu, und da sich der Boden hier senkte, wurde die Front durch einen Unterbau von acht Gewölben getragen, über denen Spuren von drei oder vier Toren sichtbar waren, die nur vermittels Treppen zugängig gewesen sein können. Zu beiden Seiten des Einganges hatten kannelierte Säulen gestanden — einige waren noch vorhanden —, und die Fassade war mit Säulen und mit einer Nische geschmückt gewesen. Fragmente bedeckten noch den Boden; daneben lagen verschiedene Kapitäle, alle im korinthischen Stil, obgleich manche von ihrem Urbild beträchtlich abwichen. Etliche Kannelierungen zeigten sehr einfache Motive, wie ein Kleeblatt an jedem Außenbogen eines gewundenen Stengels; andre wiederum waren torusförmig und mit dem Palmstammmuster überdeckt. Die Fassade maß 40 Schritt; hinter ihr lag ein Vorraum, der durch eine Kreuzmauer von einem quadratischen Hof getrennt war. Ob dieser Hof früher von Gemächern umgeben gewesen, konnte ich nicht feststellen, da er von Trümmern überdeckt und mit Rasen bewachsen war. Zu beiden Seiten der parallel laufenden Gewölbe befand sich noch je ein anderer gewölbter Raum, also zehn im ganzen, aber die beiden angefügten Gewölbe schienen keinerlei Oberbau getragen zu haben, da die massiven Seitenwände des Vorraums auf den Außenmauern der acht innern Gewölbe ruhten. Das Gewölbe bestand aus viereckigen Steinen und Geröll, durch Mörtel verbunden.
[3] El Muwakker geschrieben, aber die Beduinen ändern das harte k in ein hartes g. Beschreibung des Ortes in »Die Provincia Arabia«, 11. Band.
Wir ritten nun direkt den Hügel hinab und über die sich anschließende Ebene, wobei wir auf ein anderes, Nedjēreh genanntes, verfallenes Bauwerk stießen. Dergleichen Aufhäufungen behauener Steine tragen bei den Arabern den Namen »rudjm«; es wäre interessant zu wissen, wie weit nach Osten hin sie zu finden sind, wie weit die Steppe von einer seßhaften Bevölkerung bewohnt gewesen ist. Eine Tagereise von 'Alya — sagte Gablān — liegt ein zweites Fort, Charāneh, und ein drittes, Um er Resās, nicht weit davon. Und noch mehr gibt es, einige mit Bildwerken; zur Winterzeit, wo die westlichen Weideplätze fast leer sind, kann man sie wohl besuchen[4]. Während wir dahinritten, lehrte mich Gablān, die Wüste zu lesen, auf die aus großen Steinen gelegten viereckigen Lagerstätten der arabischen Diener zu achten, und auf die halbkreisförmigen Erdlöcher, die die Kamelmütter für ihre Jungen aushöhlen. Dann lehrte er mich auch die Pflanzen am Boden kennen, und ich fand, daß die Flora in der Wüste wohl spärlich vertreten, aber doch sehr verschiedenartig ist, und daß fast jede Gattung von den Arabern nutzbar gemacht wird. So würzen sie mit dem Blatt des Utrufān ihre Butter, bereiten einen trefflichen Salat aus dem stacheligen Kursa'aneh, füttern ihre Kamele mit den dürren Stengeln des Billān, die Schafe mit denen des Schīh, und die Asche des Gāli wird beim Seifesieden benützt. Gablān gefiel sich in seiner Lehrerrolle sehr wohl, und wenn wir von einem graublauen, stacheligen Fleck an einen anderen, ganz ähnlichen kamen, pflegte er zu sagen: »Nun, meine Dame, was ist das?« Und er lächelte befriedigt, wenn die Antwort richtig kam.
[4] Mehrere dieser Ruinen wurden von Musil aufgesucht, aber sein Werk ist noch nicht veröffentlicht.
Ich sollte diesen Abend in Fellāh ul 'Isas Zelt speisen und wurde von Gablān abgeholt, als das letzte Abendrot den westlichen Himmel säumte. Das kleine Zeltlager hallte bereits von dem Konzert der Töne wider, die der Wüste zur Nachtzeit eigen sind: die Kamele grunzten und ächzten, Schafe und Ziegen blökten, und unaufhörlich bellten die Hunde. Das Zelt des Scheichs war nur durch den Schein des Herdfeuers erhellt, und mein mir gegenübersitzender Wirt verschwand bald in einer Wolke beißenden Rauchs, bald erstrahlte er im Lichte einer glänzenden Flamme. So oft sich ein angesehener Gast einstellt, muß ein Schaf ihm zu Ehren geschlachtet werden, und so geschah es, daß wir mit unseren Fingern ein üppiges Mahl aus Hammelfleisch, Quark und riesigen Stücken Brot verzehrten. Aber der Araber ißt selbst bei festlichen Gelegenheiten erstaunlich wenig, ja viel weniger, als eine mit gutem Appetit gesegnete Europäerin, und hat man keinen Gast, so begnügt man sich mit Brot und einer Schale Kamelmilch. Freilich pflegen diese Leute auch den größten Teil des Tages zu verplaudern oder zu verschlafen, aber ich habe die 'Agēl bei keiner besseren Kost auch einen Marsch von vier Monaten machen sehen. Meiner Meinung nach müßte der Beduine, obgleich er mit so wenig auskommt, immer hungrig sein; er ist so auffallend spärlich und hager, und wenn der Stamm von Krankheit aufgesucht wird, erheischt sie gewöhnlich viele Opfer. Auch meine Dienerschaft tat sich gütlich, und da Mohammed, oder vielmehr jetzt Tarif, der Christ, zum Schutz unsrer Zelte hatte zurückbleiben müssen, wurde ein Holznapf mit Essen gefüllt und »für den Gast, der zurückbleiben mußte«, hinaus geschickt.
Beim Kaffee entspann sich zwischen Fellāh ul 'Isa und Namrūd ein lebhaftes Gespräch, das die Lage der Belkastämme scharf beleuchtete. Sie werden von der heranrückenden Zivilisation hart bedrängt. Syrische Bauern setzen sich mehr und mehr in ihren Sommerquartieren fest, und was noch schlimmer ist, ihre Tränken werden jetzt von zirkassischen Kolonisten benützt, die vom Sultan Ostsyrien als Wohnsitz angewiesen bekamen, nachdem die Russen sie von Haus und Hof im Kaukasus vertrieben hatten. Keine angenehme Leute, diese Zirkassier! Mürrisch und zänkisch sind sie, aber allerdings auch fleißig und unternehmend; aus ihren steten Streitigkeiten mit den Arabern gehen sie regelmäßig als Sieger hervor. Haben sie doch neuerdings das Entnehmen von Wasser aus dem Zerka, auf den die Beduinen den ganzen Sommer über angewiesen sind, zum casus belli erhoben, und es wird nahezu unmöglich, nach 'Ammān, dem zirkassischen Hauptquartier, hinabzugehen, um die wenigen Bedürfnisse eines arabischen Lebens, wie Kaffee, Zucker und Tabak, einzuhandeln. Nach Namrūds Ansicht müßten die Belkastämme die Regierung angehen, einen Kāimakām zum Schutze ihrer Interessen über ihren Distrikt zu setzen, aber Fellāh ul 'Isa zauderte, den Storchenkönig hereinzurufen, denn er fürchtete die Besatzung, die dieser schicken würde, auch das zwangsweise Registrieren des Viehs und andre schlimme Streiche. Ja, die Tage der Belkaaraber sind gezählt. Die Ruinen deuten auf dieselbe Möglichkeit hin, die schon in vergangenen Jahrhunderten bestand: es kann sich eine seßhafte Bevölkerung über ihr ganzes Gebiet ausbreiten, und ihnen selbst bleibt die Wahl, entweder Dörfer zu gründen und den Boden zu bebauen, oder nach Osten zurückzuweichen, wo Wasser im Sommer fast nicht zu haben, und die Hitze unerträglich ist.
Namrūd wendete sich von diesem unliebsamen Thema ab und begann, die Herrschaft der Engländer in Ägypten zu preisen. Freilich war er nie dort gewesen, aber einer seiner Vettern, ein Schreiber in Alexandrien, hatte ihm erzählt, daß die Bauern dort reich würden, und daß es in der Wüste ebenso friedlich herging, wie in den Städten.
»Blutfehde gibt's nicht mehr,« sagte er, »auch keinen Raub. Wenn jemand einem anderen seine Kamele stiehlt, wißt ihr, was da geschieht? Der Herr der Kamele geht zu dem nächsten Konak (Richter) und beschwert sich; dann reitet ein Zaptieh (Polizeisoldat) ganz allein durch die Wüste, bis er das Zelt des Räubers erreicht. Da entbietet er seinen Gruß und tritt ein. Und der Herr des Zeltes? Der macht Kaffee und versucht, den Zaptieh als einen Gast zu behandeln. Aber jetzt hat der Soldat seinen Kaffee getrunken, er legt Geld auf den Herd und sagt: ‚Nimm diesen Piaster.’ So bezahlt er für alles, was er ißt und trinkt und nimmt nichts an. Am Morgen geht er wieder, nachdem er noch Bescheid hinterlassen hat, daß nach soundsoviel Tagen die Kamele wieder beim Richter sein müssen. Da fürchtet sich der Räuber, holt die Kamele zusammen und schickt sie hin. Vielleicht fehlt eins an der Zahl. Da sagt der Richter zu dem Herrn der Kamele: ‚Sind alle Tiere hier?’ und er erwidert: ‚Eins fehlt.’ So sagt er: ‚Was ist es wert?’ und er antwortet: ‚Acht lira.’ Wāllah! er bezahlt.«
Fellāh ul 'Isa äußerte keine direkte Billigung dieses Systems, aber er lauschte mit Interesse, als ich, soweit ich sie selbst verstand, die Grundsätze der Fellahīn-Bank erläuterte, und erkundigte sich endlich, ob Lord Cromer nicht geneigt sein würde, seine Herrschaft bis Syrien auszudehnen — eine Einladung, die, in seinem Namen anzunehmen, ich mich nicht erkühnen mochte. Es war vor fünf Jahren, im Haurāngebirge, wo mir eine ähnliche Frage vorgelegt wurde, und ihre Beantwortung war eine harte Nuß für meine Diplomatie gewesen. Da hatten sich die drusischen Scheichs von Kanawāt im Schutze der Nacht in meinem Zelte eingefunden, und nach manch vorsichtigem Umschweifen und vielen Versicherungen meinerseits, daß kein Lauscher nahe, hatten sie mich gefragt, ob die Drusen, falls die Türken abermals ihren Vertrag brechen sollten, wohl bei Lord Cromer in Ägypten Schutz suchen dürften. Und ob ich ihm vielleicht eine Botschaft überbringen würde? Ich gab mir den Anschein, den Vorschlag nach allen Seiten hin zu erwägen und erwiderte dann, die Drusen wären doch Bergbewohner und eine Ebene, wie Ägypten, würde ihnen daher schwerlich zusagen. Da sah der Scheich el Balad den Scheich ed Dīn an, und ein Land ohne Berge, in die man flüchten, ohne Bergpfade, die man leicht verteidigen kann, muß ihnen wohl wie ein furchtbares Gespenst erschienen sein, denn sie erwiderten, die Sache wolle allerdings wohl überlegt sein, und ich hörte nichts wieder davon. Trotzdem liegt die Moral offen da. Sobald ein Mann in ganz Syrien, ja selbst in der Wüste unter der Ungerechtigkeit andrer oder seiner eignen Unfähigkeit zu leiden hat, wünscht er von jener Hand regiert zu werden, die Ägyptens Wohlstand begründet hat, und die Besetzung dieses Landes durch die Engländer, die uns anfangs die Sympathie der Mohammedaner zu rauben drohte, ist schließlich doch die wirksamste Reklame für das englische Regierungssystem geworden[5].
[5] Die jetzigen Unruhen in Ägypten mögen die obigen Behauptungen zweifelhaft erscheinen lassen, aber ich glaube, mit Unrecht. Während die Ägypter das Elend vergessen haben, aus dem unsere Verwaltung sie befreite, schmachten die Syrier wie die Bewohner der Wüste noch darunter; in ihren Augen verbringen ihre Nachbarn die Tage in ungetrübtem, beneidenswertem Wohlleben. Aber sobald der Wolf von der Tür verjagt ist, pflegen die Beschränkungen, die der unbeugsame Arm des Gesetzes auferlegt, eine unruhige, unstete Bevölkerung zur Auflehnung zu reizen. Sie sehnen die vielen unverdienten Vorteile zurück, die ihnen früher aus der schlechten, wankelmütigen Regierung erwuchsen. Justiz ist ein treffliches Ding, wenn sie deine berechtigten Ansprüche wahrt, aber abscheulich, wenn man in die Rechte anderer gern einen Griff tun möchte. Fellāh ul 'Isa und seine Genossen würden ihre Schattenseiten bald genug kennen lernen.
Als ich dem Gespräch lauschte und in die sternenhelle Nacht hinaussah, da nahm mein Geist den Faden wieder auf, den er vorher gesponnen, jenes Thema, das Gablān eröffnet hatte, als er stillstehend auf die Spuren seines früheren Lagers gewiesen, und ich sagte:
»In dem Zeitalter vor dem großen Propheten redeten eure Väter wie ihr jetzt, auch in derselben Sprache; uns aber, die wir eure Bräuche nicht kennen, ist die Bedeutung ihrer Worte entschwunden. Sagt mir doch, was bedeutet dieses Wort?«
Die Männer am Herd neigten sich vorwärts, und eine emporzüngelnde Flamme beleuchtete ihre dunklen, gespannten Gesichter.
»Bei Gott,« sagten sie, »sprach man so vor des Propheten Zeit?«
»Mascha'llah! wir gebrauchen das Wort noch. Es ist das Zeichen auf dem Boden, wo das Zelt errichtet wurde.«
So ermutigt, zitierte ich die Strophe Imr el Kais', die Gablāns Bemerkung in mir wachgerufen:
»Wandrer, steh still! Laß uns beweinen die Geliebte an ihrem Ruheplatz im rinnenden Sand zwischen ēd Dudjēl und Haumal.«
Da erhob Gablān an der Zeltstange sein Haupt und rief aus: »Mascha'llah! das ist 'Antara!«
Denn der unbelesene Araber schreibt jedwede Dichtung 'Antara zu, er kennt keinen anderen Namen in der Literatur.
Ich aber entgegnete: »Nein; 'Antara sprach anders. Er sagte: Haben die Sänger der Vorzeit mir etwas Neues zu singen gelassen? oder kommt dir ihr Haus zurück, wenn du seine Stätte betrachtest? Lebīd aber sprach am weisesten, als er sagte: Was ist der Mensch, als ein Zelt und sein Bewohner? Der Tag kommt, wo sie gehen, und die Stätte ist verlassen.«
Gablān machte eine zustimmende Bewegung und bemerkte:
»Bei Gott! Die Ebene ist mit Stätten bedeckt, an denen ich rastete!«
Damit hatte er den Ton angeschlagen. Ich schaute hinaus in die Nacht und schaute die Wüste mit seinen Augen; sie war nicht mehr öde, sondern dichter mit Erinnerungen an menschliche Wesen besetzt, als irgendwelche Stadt. Jeder Streifen gewann Bedeutung, jeder einzelne Stein ließ das Bild eines Herdes auferstehen, an dem das warmpulsierende arabische Leben kaum erkaltet war, mochte auch das Feuer selbst vor Jahrhunderten erloschen sein. In schattenhaften Umrissen erstand eine Stadt; ihre Linien schoben sich ineinander, sie wogten und wechselten; aus Elementen, die alt sind, wie die Zeit selbst, entstand Neues, nicht war das Neue vom Alten, nicht das Alte vom Neuen zu unterscheiden.
Die Araber sprechen nicht von einer Wüste oder Wildnis, wie wir. Warum auch? Ihnen ist es eben keine Wüste, keine Wildnis, vielmehr ein Land, das sie bis ins kleinste kennen, ein Mutterland, dessen geringste Produkte ihnen von Nutzen sind. Sie verstehen es, an den unendlichen Flächen Freude zu haben, sie ehren das Rauschen des Sturmes, — verstanden es wenigstens in jenen Tagen, als sie ihre Gedanken zu unvergessenen Versen gestalteten. Sie besangen in mancher Strophe die Lieblichkeit der bewässerten Stellen, sangen von der Fliege, die dort brummt, wie von einem Mann, der in Weinlaune Lieder summt, seinem eignen Ohr zum Genuß, von den Regentümpeln, die gleich Silber glitzern oder, wenn der Wind sie kräuselt, wie der Panzer eines Kriegers schimmern. Wenn sie die trocknen Wasserläufe kreuzten, merkten sie auf die geheimnisvollen Wunder der Nacht, wo die Sterne an das Himmelsgewölbe geschmiedet schienen, als wollte die Dämmerung für immer säumen. Imr ul Kais hatte die Plejaden gleich Juwelen in dem Netzwerk eines Gürtels hängen sehen, hatte mit dem Wolf, der im Finstern heulte, Kameradschaft geschlossen: »Du und ich, wir sind verwandt; sieh, die Furche, die du ziehst, wird mit der meinen die gleiche Ernte geben.« Tag oder Nacht, sie kannten kein Entsetzen, das sie lähmte, keine leere Furcht, keinen Feind, der unbesiegbar war. Jene Sänger riefen weder Mensch noch Gott um Hilfe an; drohte Gefahr, so dachten sie an ihr Schwert, ihr Roß, an die großen Taten ihres Stammes, und ihre Rechte allein genügte zu ihrer Rettung. Dann frohlockten sie als Menschen, deren Blut heiß in den Adern rollt, und dankten keinem, der es nicht wert war.
Die Gesänge aus dieser Periode der Naturdichtung gehören zu den schönsten, die je aus menschlichem Munde kamen. Sie berühren jede Seite des arabischen Lebens, sie atmen die innigsten Gefühle. Gibt es doch kaum schönere Verse als die, in denen Lebīd den Wert des Lebens preist; jede einzelne der 14 Strophen atmet einen über alles Lob erhabenen Ernst. Er schaut der Sorge, dem Alter, dem Tod ins Auge und schließt, an die enggezogenen Grenzen des menschlichen Wissens erinnernd: »O du, dessen Auge dem Fluge der Vögel folgt und dem Wege des Kiesels, der deiner Hand entflohen, wie kannst du wissen, was Gott vorhat?« Und die warnende Stimme ist nie die Stimme des Zornes, und so oft sie sich auch von neuem erheben muß, der kühne Mut des Sängers erlahmt nicht. »Der Tod wählt nicht!« singt Tārafa, »er schlingt sein Seil um den flüchtigen Fuß des Geizhalses wie um den des Verschwenders.« Aber er fügt hinzu: »Was fürchtest du dich? Das Heute ist dein.« Und der furchtlose Zuhair kleidet seine Lebensweisheit in die Worte: »Das Heute, das Gestern und die verronnenen Tage kenne ich, aber in die Zukunft blickt mein Auge nicht. Denn ich habe gesehen, wie das Verhängnis, einem blinden Kamel gleich, im Finstern schlich; wen es traf, der fiel, wen es verschonte, dem blühte langes Leben.« Der Hauch der Begeisterung kam über alle, über alt und jung, Männer und Frauen, und zu dem Schönsten, was uns die Wüste geschenkt hat, zählt der Grabgesang einer Schwester für ihren toten Bruder. Er ist als historisches Dokument ebenso wertvoll, wie als Zeugnis der herzlichsten Gefühle. Dem Gedicht liegt folgende Tatsache zugrunde. Nach der Schlacht von Bedr wurde ein gewisser Nadr Ibn el Hārith von Mohammed in Uthail gefangen genommen und zum Tode verurteilt. Aus Kutailas Versen ersieht man den Sturm der Gefühle, den des Propheten Verfügung bei seinen Zeitgenossen hervorrief, die sich ihr nicht unterwerfen wollten, und doch drücken sie gleichzeitig die einem Mann gebührende Achtung aus, dessen Stamm dem ihren an Rang gleichkam.
Und in noch stärkerer Sprache erhebt sich der freie Geist der Wüste bei jenem Manne, der in Mekka gefangen lag. Der Ausdruck seiner Todesangst, der visionäre Besuch seiner Geliebten in der Zelle des Gefängnisses, dann die herrliche Beteurung, daß kein Elend seinen Mut brechen könne, und das furchtlose Erinnern des starken Mannes an die Leidenschaft, die wohl sein Leben verwirkt, die Seele aber freigelassen hatte, den Tod zu überwinden — welch Fülle edler Gefühle! Auf der Steppe geboren und ausgewachsen, haben die Sänger aus der Zeit der Wüstendichtung ein Gedenkblatt hinterlassen, in dem reichere und gebildetere Nationen sie schwerlich übertreffen können.
Viertes Kapitel.
Ein arabisches Sprichwort sagt: »Hayyeh rubda wa la daif mudha« — weder aschgraue Schlange noch Mittagsgast. Wir hüteten uns, durch zu langes Bleiben gegen die gute Sitte zu verstoßen, es wurde noch vor Tagesanbruch in unserm Lager lebendig. Es ist als befände man sich inmitten eines Opals, wenn man zur Zeit der Morgendämmerung in der Wüste erwacht. Durch die aus den Bodensenkungen emporsteigenden Nebel und den Tau, der in gespenstigen Formen von den schwarzen Zelten niederrieselte, schoß der erste schwache Schimmer des östlichen Himmels, dem bald die tiefgelben Strahlen der aufgehenden Sonne folgten. Ich schickte Fellāh ul 'Isa ein purpurfarbenes, silbergesticktes Tuch »für den kleinen Sohn«, der so ernsthaft am Herde gespielt hatte, verabschiedete mich dankend von Namrūd, trank eine Tasse Kaffee, und während der alte Scheich mir den Bügel hielt, stieg ich auf und ritt mit Gablān davon. Wir erklommen den Djebel el 'Alya und kreuzten den Kamm des Gebirgszugs. Die Landschaft ähnelte der unsrer englischen Grenzlande, aber sie war großartiger, die Windungen größer, die Entfernungen weiter. Die klare, kalte Luft regte die Sinne an und ließ das Blut rascher pulsieren. Bei mir würde das alte Wort vom Golf von Neapel anders lauten: »Die Wüste an einem schönen Morgen sehen — und sterben — wenn du es vermagst.« Selbst die blöden Maultiere spürten einen Hauch davon und eilten über den schwammigen Boden (»Verrückt, ihr Verwünschten!«), bis ihre Körbe sich überschlugen und sie zu Fall brachten. Zweimal mußten wir halten, um sie auf die Beine zu bringen und wieder zu beladen. Das »Kleine Herz«, der höchste Gipfel des Djebel Druz (Drusengebirges), sah heiter auf uns nieder; sein Schneegewand leuchtete weit in den Norden hinauf.
Am Fuße des Nordabhangs der 'Alyaberge betraten wir eine weite wellige Ebene, ähnlich der, die wir bereits im Süden hinter uns gelassen. Wir passierten viele jener geheimnisvollen Ruinen, aus denen unsre Phantasie Schlüsse auf die Geschichte des Landes zu ziehen versucht, und endlich wurden wir der verstreuten Lagerplätze der Hassaniyyeh ansichtig, die mit den Da'dja befreundet sind und derselben Gruppe von Araberstämmen angehören. Hier sahen wir plötzlich zwei Reiter über die Wüste kommen. Gablān ritt ihnen entgegen, sprach eine Weile mit ihnen und kehrte dann mit ernstem Gesicht zurück. Gerade am Tage vorher, während wir friedlich von Tneib herüberritten, hatten 400 in böser Absicht verbündete Reiter der Suchūr und der Howeitāt die Ebene überschwemmt, eine vorgeschobene Zeltgruppe der Beni Hassan überfallen und die Zelte sowie 2000 Stück Vieh hinweggeführt. Ich meinte, es sei fast schade, daß wir einen Tag zu spät gekommen, Gablān aber sah bei dieser meiner Äußerung noch ernster drein und erklärte, daß er dann an dem Kampfe hätte teilnehmen, ja mich verlassen müssen, obgleich ich seinem Schutz anvertraut sei, denn die Da'dja wären verpflichtet, den Beni Hassan gegen die Suchūr beizustehen. Und vielleicht würde der gestrige Vorfall genügen, um den kaum geschlossenen Waffenstillstand zwischen diesem mächtigen Stamme und den Verbündeten der 'Anazeh zu brechen und die Wüste wieder mit Krieg zu überziehen. Es herrschte Kummer in den Zelten der Kinder Hassans. Das Haupt in den Händen verborgen, saß ein Mann weinend an seiner Zeltstange; es war ihm alles genommen worden, was er sein eigen genannt. Das Besitztum des Arabers ist ebensoviel Wechselfällen unterworfen, wie das des Spekulanten an der Börse. Heute noch ist er der reichste Mann der Wüste, und schon morgen hat er vielleicht nicht ein einziges Kamel mehr zu eigen. Er lebt in beständigem Kriegszustand. Hat er auch mit den Nachbarstämmen die heiligsten Treuschwüre ausgetauscht, so ist er doch nicht sicher, daß nicht eine Hunderte von Meilen entfernt wohnende Räuberbande nachts in sein Lager einbrechen wird. So verließ vor zwei Jahren ein in Syrien ganz unbekannter Stamm, die Beni Awadjēh, seinen Wohnsitz hinter Bagdad oben, durchquerte Mardūf reitend (zwei auf einem Kamel) 300 Meilen Wüste und fiel in das Land östlich von Aleppo, wo sie ungezählte Menschen töteten und alles Vieh wegführten. Wie viele Jahrtausende dieser Zustand schon dauert, können uns die erzählen, die die ältesten Berichte aus der inneren Wüste gelesen haben, denn er geht bis in die fernste Zeit zurück; aber in all den Jahrhunderten hat die Erfahrung den Araber keine Weisheit gelehrt. Nie ist er sicher und lebt doch in der größten Sorglosigkeit. Er schlägt sein kleines, aus zehn bis fünfzehn Zelten bestehendes Lager in einer weiten, ungeschützten, ja nicht einmal zu schützenden Ebene auf, zu weit von seinen Gefährten, um sie zu Hilfe zu rufen, zu weit auch, um die Reiter zu sammeln und den Räubern zu folgen, deren Rückzug infolge der geraubten Herden natürlich ein so langsamer ist, daß eine schnelle Verfolgung zuversichtlich von Erfolg begleitet sein würde. Hat der Araber so all sein Hab und Gut verloren, so durchzieht er bettelnd die Wüste; der eine gibt ihm ein oder zwei Streifen Ziegenhaartuch, der andere einen Kaffeetopf; hier bekommt er ein Kamel, dort ein paar Schafe, bis er wieder ein Dach über sich hat und genug Vieh, um mit den Seinen vor Hunger geschützt zu sein. Es gibt lobenswerte Gebräuche unter den Arabern, wie Namrūd sagte. So wartet er monate-, ja jahrelang die rechte Zeit ab, bis sich endlich eine Gelegenheit bietet; dann machen sich die Berittenen seines Stammes mit ihren Verbündeten auf, reiten aus, rauben die gestohlenen Herden zurück und noch mehr dazu, und die Fehde tritt in ein neues Stadium. In der Tat ist Raub das einzige Gewerbe und das einzige Glücksspiel der Wüste. Als Gewerbe betrachtet, scheint es uns auf einer falschen Auslegung der Angebot und Nachfrage betreffenden Gesetze zu beruhen, als Glücksspiel aufgefaßt aber, läßt sich viel zu seinen Gunsten sagen. Die Abenteuerlust findet weitesten Spielraum. Da ist die Aufregung des nächtlichen Rittes durch die Wüste, das Vorwärtsstürmen der Pferde zum Angriff, das majestätische (und doch verhältnismäßig harmlose) Knallen der Flinten und schließlich die Freude, sich für einen prächtigen Burschen halten zu können, wenn der Zug sich beutebeladen wieder heimwärts wendet. Es ist die beste Art fantasīa, wie sie in der Wüste sagen, denn es ist mit einem Körnchen Gefahr gewürzt. Nicht daß die Gefahr beängstigend groß ist: der Araber kann sich ein gut Teil Vergnügen ohne viel Blutvergießen verschaffen, meist liegt ihm auch gar nichts am Töten. Nie erhebt er die Hand gegen Frauen und Kinder, und wenn hier und da ein Mann fällt, so geschieht es mehr durch Zufall. Denn wer kann schließlich das Endziel einer Kugel voraussagen, die einmal ihren Flug durch die Lüfte angetreten hat? So denkt der Araber über den Ghazu (Raub); der Druse hat eine andere Meinung. Ihm ist er blutiger Krieg. Er behandelt das Spiel nicht als Spiel, sondern geht aus, um zu morden, und verschont keinen. Solange er noch ein Korn Pulver im Horn und die Kraft hat, den Hahn zu spannen, schießt er alles nieder, was ihm in den Weg kommt — Mann, Frau und Kind.
Da ich die Unabhängigkeit der arabischen Frauen kannte und die Leichtigkeit, mit der Ehen zwischen verschiedenen Stämmen gleicher Stellung geschlossen werden, sah ich manches romantische, aus Liebe mit Haß gemischte Verhältnis zwischen den Montecchi und Capuletti voraus. »Lo, auf einmal liebte ich sie,« sagt 'Antara, »obgleich ich ihren Verwandten erschlagen habe.« Gablān erwiderte, daß dergleichen schwierige Fälle vorkamen und oftmals als Tragödie endeten, aber wenn die Liebenden sich zum Warten bequemten, so käme nicht selten ein Vergleich zustande, oder sie könnten während eines Waffenstillstandes heiraten, der zwar immer nur kurz ist, aber doch häufig vorkommt. Wahre Tragik aber entsteht erst, wenn Blutfehde innerhalb des Stammes selbst ausbricht, und ein Mann, der einen seines eignen Volkes ermordet hat, ausgestoßen wird und als heimat- und freundloser Verbannter Schutz bei Fremden oder gar bei Feinden suchen muß. So ruft Imr ul Kais, der verlassene Geächtete, der Nacht zu: »Oh, lange Nacht, wann wirst du der Dämmerung weichen? Doch ist auch der Tag nicht besser als du.«
Einige Meilen weiter nördlich hatte man in den Hassaniyyehlagern noch nichts von dem Unglück des gestrigen Tages gehört, und uns blieb der Vorzug, Überbringer der bösen Kunde zu sein. Gablān ritt zu jeder Gruppe, die wir passierten, und erleichterte sein Herz. Die 400 Räuber vervielfältigten sich im Weiterreiten, und ich habe vielleicht gleich zu Anfang unrecht getan, an die mir berichteten 400 zu glauben, denn in den 24 Stunden, die zwischen ihrem Weggange und unsrer Ankunft lagen, hatten sie bereits Zeit gehabt, sich zu vermehren. In allen Zelten wurden Vorbereitungen getroffen nicht zum Krieg, sondern zu einem Fest. Fiel doch auf den morgenden Tag das große Fest des mohammedanischen Jahres, die Opferfeier, wo die Pilgrime in Mekka ihr Opfer schlachteten, und die Gläubigen in der Heimat ihrem Beispiel folgen. Vor jedem Zelte war ein ungeheurer Reisighaufen aufgetürmt, an dem am nächsten Tage das Kamel oder Schaf gebraten werden sollte, und draußen in der Sonne lagen die Hemden des Stammes nach einer Wäsche, die — ich habe triftigen Grund es anzunehmen — nur einmal im Jahre stattfindet, zum Trocknen ausgebreitet. Um Sonnenuntergang erreichten wir eine große Niederlassung der Beni Hassan, wo Gablān die Nacht zu verbringen gedachte. Ein schmutziger Tümpel in der Nähe lieferte Wasser, und über der Bodensenkung, in der die Araber lagen, fanden wir auch einen günstigen Platz für unsre Zelte. Keiner der großen Scheichs war im Lager anwesend, und Namrūds Warnung eingedenk, schlug ich alle Einladungen aus und verbrachte den Abend zu Hause. Ich beobachtete den Sonnenuntergang, das Anzünden der Kochfeuer und den blauen Rauch, der sich im Zwielicht verlor. Das phantastisch geschmückte Opfertier weidete unter meinen Maultieren, und nach Anbruch der Dunkelheit wurde das Fest durch langandauerndes Schießen feierlich eingeleitet. Gablān saß schweigend am Lagerfeuer; seine Gedanken weilten bei den Lustbarkeiten, die zu Hause vor sich gingen. Es ging ihm sehr gegen den Strich, an einem solchen Tage fernbleiben zu müssen. »Wieviel Reiter,« sprach er, »werden morgen vor meines Vaters Zelt absteigen! und ich werde nicht da sein, sie zu bewillkommnen oder meinem kleinen Sohne ein gesegnetes Fest zu wünschen.«
Noch ehe die Festlichkeiten begannen, brachen wir auf. Es lockte mich nicht, der Todesstunde des Kamels beizuwohnen, überdies hatten wir auch eine lange Tagereise durch eine nicht besonders sichere Gegend vor uns. Für meine Karawane zwar war die Gefahr nicht groß. Trug ich doch in meiner Tasche einen Brief von Fellāh ul 'Isa an Nasīb el Atrasch, den Scheich von Salchad im Djebel Druz (Drusengebirge). »An den berühmten und gelehrten Scheich Nasīb el Atrasch,« lautete er — ich hatte gehört, wie mein Wirt ihn Namrūd diktierte, und zugesehen, wie er ihn mit seinem Siegel verschloß — »den Hochverehrten, Gott schenke ihm langes Leben! Wir senden Euch Grüße, Dir, dem ganzen Volke von Salchad, Deinem Bruder Djad'allah, dem Sohne Deines Onkels Mohammed el Atrasch in Umm er Rummān und unsern Freunden in Imtain. Und weiter: es reist eine sehr hohe englische Dame von uns zu Euch. Und wir grüßen Mohammed und unsre Freunde ... usw. (hier folgt eine weitere Liste von Namen), und das ist alles Nötige, und Friede sei mit Euch.« Außer diesem Briefe schützte mich auch meine Nationalität, denn die Drusen haben unsre Einmischung zu ihren Gunsten im Jahre 1860 noch nicht vergessen. Überdies war ich auch mit mehreren Scheichs des Hauses Turschān bekannt, zu welcher mächtigen Familie auch Nasīb gehörte. Mit Gablān freilich war es etwas anderes, und er war sich der Unsicherheit seiner Lage sehr wohl bewußt. Trotz seines Onkels Besuch in den Bergen konnte er nicht wissen, wie die Drusen ihn aufnehmen würden; er verließ die letzten Vorposten seiner Verbündeten und betrat ein von jeher feindliches Grenzland (er selbst kannte es ja nur von den gelegentlichen Raubzügen her, die er dorthin unternommen), und selbst wenn er unter den Drusen keine Feinde fand, konnte er doch leicht einem umherstreifenden Trupp der Haseneh oder ihresgleichen in die Hände fallen, die östlich von den Hügeln wohnen und die erbittertsten Feinde der Da'dja sind.
Nach ein oder zwei weiteren Stunden veränderte sich der Charakter der Landschaft gänzlich: der weiche Wüstenboden wich den vulkanischen Felsen des Haurān. Nachdem wir eine Weile an einem Lavabett hingeritten waren und die letzten Zelte der Hassaniyyeh in einer kleinen Talmulde hinter uns gelassen hatten, befanden wir uns am Rande einer Ebene, die sich in ununterbrochener Fläche bis an den Djebel Druz erstreckte. Sie war verödet, fast aller Vegetation bar und mit schwarzen vulkanischen Steinen bedeckt. Jemand hat gesagt, daß der Saum der Wüste einem felsigen Strand gliche, an dem der Seefahrer, der das tiefe Wasser glücklich durchschifft hat, immer noch scheitern kann, wenn er sein Schiff in den Hafen zu bringen versucht. Und diese Landung stand uns jetzt bevor. Irgendwo zwischen uns und dem Gebirge lagen die Ruinen von Umm ed Djimāl, wo ich auf die Drusen zu stoßen hoffte; aber da das Land vor uns ziemlich viel Hebung und Senkung zeigte, war es uns ganz unmöglich zu sagen, wo diese Ruinen sich befanden. Umm ed Djimāl steht in schlechtem Rufe — ich glaube, das meinige war eins der ersten europäischen Lager, die je dort ausgeschlagen wurden; vor mir war eine Gesellschaft amerikanischer Archäologen dagewesen, die den Ort 14 Tage vor meiner Ankunft verließ. Gablāns augenscheinliche Angst ließ die Gefahr nur um so größer erscheinen. Zweimal wandte er sich mit der Frage an mich, ob wir wirklich dort lagern müßten. Ich hielt ihm entgegen, daß er es unternommen habe, mich nach Umm ed Djimāl zu führen, und daß ich mich zweifellos auch dorthin begeben würde, und begründete das zweite Mal meine Hartnäckigkeit mit dem Hinweis, daß wir Wasser für unsre Tiere brauchten und es sicher nirgend anders als in den Zisternen des verfallnen Dorfes finden würden. Darauf zog ich meine Karte heraus, versuchte zu erraten, an welchem Punkte des leeren weißen Blattes wir uns augenblicklich befanden, und ließ dann meine Karawane etwas westwärts auf eine niedrige Anhöhe zu gehen, die uns den Ausblick auf unsern Bestimmungsort versprach. Gablān fügte sich dieser meiner Entscheidung gutwillig und drückte sein Bedauern aus, uns keine besseren Führerdienste leisten zu können. Er war in seinem Leben nur einmal in Umm ed Djimāl gewesen und zwar bei einem Raubzuge in der Tiefe der Nacht. Er und seine Gesellschaft hatten hier eine halbe Stunde gerastet, um ihre Pferde zu tränken, waren dann ostwärts weiter gezogen und hatten für die Rückkehr einen anderen Weg gewählt. Ja, dem Himmel sei Dank, es war ein erfolgreicher Beutezug gewesen und noch dazu einer der ersten, an dem er teilgenommen. Michaïl begegnete unsern Entschließungen mit Gleichgültigkeit, und die Maultiertreiber wurden nicht befragt, Habīb aber steckte, als wir weiterritten, seinen Revolver etwas lockerer in den Gürtel.
Wir eilten vorwärts. Wir hielten Umschau nach dem Rasīf, der gepflasterten Römerstraße, die die Kal'at ez Zerkā direkt mit Bosra verbindet, und ich ging gleichzeitig mit mir zu rate, wie ich im Falle der Not den Freund und Führer schützen könnte, dessen angenehme Gesellschaft unsre Reise belebt hatte, und der sicherlich nicht zu Schaden kommen sollte, solange er bei uns weilte. Als wir uns der Bodenerhebung näherten, sahen wir Schafhürden oben stehen und beobachteten, wie Männer die Herden sammelten und sie mit einer Eile, die ihre Besorgnis verriet, hinter die schwarzen Mauern trieben. Aus einer zur Linken gelegenen Vertiefung aber näherten sich uns mehrere Gestalten — ob sie zu Fuß oder beritten waren, konnten wir nicht feststellen — und einige Augenblicke später stiegen zwei Rauchwölkchen vor ihnen auf, und wir hörten den Knall der Gewehre.
Schnell kehrte sich Gablān nach mir um.
»Darabūna!« sagte er, »sie haben auf uns geschossen.«
Laut sprach ich: »Sie haben Angst!« zu mir selbst aber: »Jetzt geht's los!«
Gablān erhob sich in den Steigbügeln, zog seinen pelzgefütterten Mantel von den Schultern, schlang ihn sich um den linken Arm und schwenkte ihn, während wir beide, er und ich, ganz langsam vorwärtsritten, über seinem Kopfe. Es fielen noch ein paar Schüsse, wir ritten weiter unter unsrer Friedensfahne. Das Schießen hörte auf; schließlich war es weiter nichts gewesen als die übliche, freilich mit dem bekannten Leichtsinn der Barbaren vollzogene Begrüßung eines Fremden. Unsre Angreifer erwiesen sich als zwei Neger, die von einem Ohr zum andern grinsten und gleich bereit waren, Freundschaft mit uns zu schließen und uns den Weg nach Umm ed Djimāl zu zeigen, sobald sie nur überzeugt waren, daß wir nicht auf Schafstehlen ausgingen. Nachdem wir den Hügel umritten hatten, sahen wir die Ruinen vor uns liegen. Beim Anblick ihrer schwarzen Türme und Mauern, die so kühn aus der Wüste aufragten, wurde es uns schwer zu glauben, daß der Ort bereits seit 1300 Jahren verödet und verfallen liegt. Erst als wir ganz nahe waren, wurden die Sprünge und Spalten in den Tuffsteinmauern und die Breschen in der Stadtmauer sichtbar. Vorwärts eilend wäre ich mitten in das Herz der Stadt hineingeritten, hätte Gablān nicht die Hand auf meinen Zügel gelegt und mich aufgehalten.
»Ich werde vorangehen!« sprach er, »o meine Dame, Sie sind meiner Obhut anvertraut.«
Dieser Entschluß mußte ihm hoch angerechnet werden, denn Gablān war die einzige Person, die irgendwelche Gefahr lief, und er war sich dieser Tatsache wohl bewußt.
Wir klapperten über die zerfallene Stadtmauer, umritten den viereckigen Klosterturm, das Hauptmerkmal der »Mutter der Kamele« (dies ist die Bedeutung des arabischen Namens), und kamen auf einen freien, von gänzlich verlassenen Straßen umgebenen Platz. Nichts Furchterweckendes zeigte sich, ja wir sahen kein anderes Lebenszeichen als zwei kleine schwarze Zelte, deren Bewohner uns mit Enthusiasmus begrüßten und uns in der liebenswürdigsten Weise Milch und Eier zum Verkauf boten. Die am Fuße des Haurāngebirges wohnenden Araber heißen Djebeliyyeh, Bergaraber, und kommen nicht weiter in Betracht, da sie nur Diener und Hirten der Drusen sind. Während sie im Winter die in die Ebene herniedergesandten Herden weiden, dürfen sie im Sommer ihr eigenes Vieh auf die unbebauten Abhänge treiben.
Ich verbrachte die noch verbleibende helle Stunde mit Besichtigung der prächtigen Grabstätten außerhalb der Mauer. Mr. Dussaud hat die Erforschung derselben vor ungefähr fünf Jahren begonnen, und Monsieur Butler und Dr. Littmann, deren Besuch dem meinen unmittelbar voranging, werden zeigen, mit welchem Eifer sie die Arbeit fortgesetzt haben, sobald ihre nächsten Bände erscheinen. Nachdem ich die von ihnen geöffneten Gräber betrachtet und einige Hügel bemerkt hatte, die auf weitere Grabstätten hinweisen, entließ ich meine Gefährten und durchwanderte in der Dämmerung die wüsten Straßen der Stadt; ich betrat große öde Räume und verfallene Treppen, bis mich endlich Gablān zurückrief. Wenn die Leute eine Person im Pelzmantel zur Nachtzeit an diesem unheimlichen Ort umherwandeln sähen, meinte er, würden sie die Erscheinung für einen Geist halten und niederschießen. Überdies wollte er mich fragen, ob er nicht nach Tneib zurückkehren dürfte. Da einer der Araber uns morgen recht gut nach dem ersten Drusendorf führen könnte, wollte er sich lieber dem Gebirge nicht weiter nähern. Ich willigte gern ein; war es mir doch eine Erleichterung, nicht mehr die Verantwortung für seine Sicherheit zu tragen. Er bekam drei Napoleon für seine Mühe und einen warmen Dankesbrief an Fellāh ul 'Isa, und wir schieden mit vielen Versicherungen, daß wir gern wieder zusammen reisen würden, wenn Gott es so fügte.
Der steinige Fuß des Djebel Haurān ist mit Dörfern bestreut, die seit der mohammedanischen Einwanderung im 7. Jahrhundert verödet liegen. Ich besuchte zwei, die nicht allzu abseits von meinem Wege lagen, Schabha und Schabhiyyeh, und fand sie ganz desselben Charakters, wie Umm ed Djimāl. Von weitem gleichen sie gutgebauten Städten mit viereckigen Türmen und dreistöckigen Häusern. Wo die Mauern eingestürzt sind, da liegen sie noch, keine Hand hat sich gerührt, die Trümmer zu beseitigen. Monsieur de Vogüé hat als erster die Architektur des Haurān beschrieben; noch jetzt ist sein Werk das hauptsächlichste Quellenbuch. Die Wohnhäuser sind um einen Hof gebaut, von welchem aus gewöhnlich eine Außentreppe in das obere Stockwerk führt. Es ist kein Holz zu den Bauten verwendet, selbst die Türen bestehen aus schwerem Stein und bewegen sich in steinernen Angeln, und die Fenster werden durch dünne Steinplatten mit Durchbruchmuster ersetzt. Bisweilen findet man auch Spuren eines säulenflankierten Tores, oder durch die Mauer ist ein gekoppeltes Fenster gebrochen, dessen Bogen von kleinen Säulen mit groben, ganz einfachen Kapitälen getragen werden. Hin und wieder findet man auch die Querbalken der Türen mit Kreuzen oder den Initialen Christi geziert, im allgemeinen aber ist wenig Schmuck vorhanden. Die Zimmerdecken sind mit Steinplatten getäfelt, die auf querlaufenden Bogen ruhen. Soweit man mit Sicherheit annehmen kann, sind Nabathäische Gräber und Inschriften die ältesten geschichtlichen Denkmäler dieses Distrikts; ihnen folgen zahlreiche Überreste aus der heidnischen Römerzeit, die wahre Blüteperiode aber scheint die christliche Ära gewesen zu sein. Nach der Besitzergreifung durch die Mohammedaner, die dem Wohlstande des Hügellandes von Haurān ein Ende bereitete, wurden nur wenige Dörfer wieder bewohnt, und als vor ungefähr 150 Jahren die Drusen einwanderten, fanden sie keine eigentliche Bevölkerung vor. Sie eigneten sich das Gebirge an, zerstörten die alten Stätten vollständig, indem sie sie wieder aufbauten, und dehnten ihre Herrschaft auch über das südliche Flachland aus, ohne sich jedoch in den Ortschaften dieses umstrittenen Gebiets festzusetzen, das dem Archäologen ein dankbares Feld für seine Forschungen verblieben ist. Die amerikanische Expedition wird einen guten Gebrauch von dem hier ruhenden ungeheuren Material machen, und da ich wußte, daß berufenere Hände hier bereits die Arbeit getan hatten, rollte ich mein Metermaß auf und faltete den Zollstab zusammen. Aber ich konnte mir nicht versagen, Inschriften zu kopieren, und die wenigen (sie waren wirklich außerordentlich gering an Zahl), die Dr. Littmanns wachsamem Auge entgangen, zufällig aber zu meiner Kenntnis gelangt waren, habe ich ihm übermittelt, als wir uns in Damaskus trafen.