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Eheglück: Roman

Chapter 12: Elftes Kapitel.
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About This Book

The narrative unfolds in a provincial spa town where a divorced mother and her daughter live modestly amid persistent gossip and social scrutiny. Against promenades, reunions, and bathing rituals, the account traces the daughter's delicate health, household hardships, and restrained interactions with others. Close character studies and scenic framing reveal undercurrents of unspoken longing, moral hesitation, and self-sacrifice. The work meditates on the tensions between outward respectability and private feeling, showing how duty, reputation, and hidden affections shape choices within a tightly observed community.

Und bei alledem eine Schwüle, die sie einander nicht eingestanden, die sie hinweglogen mit einem prahlerischen Eifer, der auf der Grenze zwischen Heroismus und Heuchelei steht, und sie ahnungslos ließ, daß auch das andere etwas auf dem Herzen habe, das es manchmal einzugestehen wünschte und sich doch scheute. So näherte sich zuweilen ein Entschluß zu freimütigem Bekenntnis: »Diese Spargroschen – verzeihe mir« – oder zu heißer Bitte: »Hilf mir mit Deiner Liebe, das Bild eines andern –« der Thür des Gatten und ließ die Worte dann doch an der Schwelle liegen.

Endlich fand Wanda eines Abends doch den Mut; an einem der immer seltener werdenden Abende, an dem der Doktor einmal zu Hause blieb – und sie warf die Bemerkung hin, daß sie Kreowski in Salzbrunn getroffen habe.

»Kreowski?«

Die Miene des Doktors verfinsterte sich sofort. »So? Dieser ›beschlittete Pollacke‹ war dort?«

»Beschlittete Pollacke?« Sie lachte nervös.

»Ja.«

»Ich habe ihn immer nur zu Fuß gesehen, kann mir auch nicht gut denken, daß er hinter meinem Rücken in den Hundstagen durch die Wälder, durch die Auen Schlitten gefahren sein sollte. Übrigens,« fügte sie eifrig hinzu, »spricht er deutsch, ist in Deutschland geboren, macht deutsche Verse und deutsche Musik und erklärt sich selbst für einen Deutschen.«

»Richtigen Patriotismus haben solche Bursche nie im Leibe, die in Schnurröcken herumlaufen.«

»Allerdings treibt er weder groß- noch kleindeutsche Politik,« sagte sie gereizt, denn der ›Bursche‹ ärgerte sie.

»Ich weiß bloß, daß der Mensch – Musikant war er ja wohl – trotz seines ›Adels‹ in dem Kränzchen, in dem Du Deine Triumphe feiertest und in das ich Dir zu Liebe ein paarmal ging, einen Schnurrock trug, wie ein Pole aussah und die geschniegelten Manieren dieser Rasse hatte.«

»Geschniegelt? Ich dächte, er wäre bloß nicht grob oder ungeschliffen.«

»Das fehlte gerade noch!«

Rhode stand ein paar Schritte von ihr entfernt und betrachtete sie. Sie hielt den Kopf gesenkt und lächelte seltsam verlegen. Sie bereute, den Namen erwähnt zu haben, da der Doktor so wenig in der Stimmung war, ihre Beichte entgegenzunehmen, und dabei sah sie auf einmal mit unheimlicher Deutlichkeit grüne Berge, einen schattigen Laubengang und eine Gestalt, die sich auf sie zu bewegte und sie ansah. Die Mutter hatte recht gehabt, wenn sie ihr widerraten, den ominösen Namen vor Rhode zu erwähnen.

Aber es war geschehen! Und der Doktor, unruhig und mißtrauisch geworden, bemühte sich, ihr die Gedanken vom Gesicht zu lesen.

Was er las, beunruhigte ihn noch mehr. Aber da es so wenig greifbar war, wußte er nichts Rechtes dazu zu sagen, um so mehr, als sie plötzlich eine sehr harmlose Miene aufsteckte und von der Registratorin zu reden anfing.

In ihm aber war ein heftiges Verlangen lebendig geworden, ein moralisches Übergewicht zu erlangen, und sei es auf Kosten dieses »Burschen,« und so fing er mit einem Schwall von Beredsamkeit, der ihr Eindruck machen mußte, an, auf die Polen zu schimpfen. Auf die Modesentimentalität, die sich mit ihnen beschäftige, und die Eitelkeit, mit der sie sich darin gefielen, Gegenstand der Neugier und eines schwächlichen Mitleids zu sein; sie, die ein hilfreiches allerdings auch nicht verdienten! Er schenkte ihnen nichts: nicht die sprichwörtliche Verwirrung des Reichstages, noch die »polnische Wirtschaft,« noch den Mangel an einem eigentlichen Kern des Volkes, noch den an einer großen Litteratur, Kunst und Wissenschaft. Er zog Daten über Daten heran, das zu beweisen, mit der verhängnisvollen Gründlichkeit am unrechten Orte, der übertriebenen Autoritätssucht, die jeden Keim eines Widerspruches wie mit groben Schuhen zertreten möchte. Mit einem Pathos, in das seine Eifersucht und jenes dunkle Gefühl, das moralische Übergewicht zu gewinnen, hineinfluteten, donnerte der Doktor gegen ein Volk, um ein Individuum zu treffen.

Wanda hörte das alles schweigend an. Zuletzt schwieg der Doktor auch – es war ihm nicht recht wohl zu Mute, er hatte ein unklares Gefühl, ungeschickt gewesen zu sein.

Und das war er gewesen. Denn diese Gründlichkeit hatte etwas Lächerliches gehabt, und seine Maßlosigkeiten hatten Wanda dahin gebracht, Partei für die Angegriffenen zu nehmen, für die offiziell Angegriffenen und den, der dahinter stand.

Rhode hatte das Wort »unfähige Rasse« fallen lassen und von politischer Impotenz gesprochen. Was hatten denn diese Deutschen für politisches Geschick bewiesen, diese Deutschen, die fortwährend über ihr dreiunddreißigköpfiges Fürstentum und ihren Mangel an Einheit zeterten?

Und das war so charakteristisch für die Zeit, daß sie so dachte: »Diese Deutschen!« Das Interesse für Politik galt für unweiblich und lächerlich an einer Frau. Man hatte sich politisch der Frauen bis dahin immer nur erinnert, wenn es Opfer für das Vaterland galt. Warum hätte Wanda Rhode patriotisch sein, warum national empfinden sollen?

»So sage doch etwas,« rief er endlich gereizt.

»Aber Du hast schon alles gesagt,« antwortete sie leichthin, »ich könnte nur – noch bemerken, daß Kreowski sehr gut Walzer tanzt.«

»Allerdings ein schwerwiegender Vorzug.«

Sie lachte, stand auf und ging hinaus, mit einem seltsamen Wechsel der Empfindungen im Herzen. Sie hatte ihren Mann zum Mitwisser und damit zum Befreier von einer Gefühlsverwirrung machen wollen – das Resultat der bloßen Einleitung dazu war, daß sie tiefer darin verstrickt war als vordem.

Zehntes Kapitel.

Es war eine Woche später.

Wanda war sehr heiter. So harmlos heiter, so grundlos guter Dinge, wie man es manchmal ist, bloß weil man jung ist, der Himmel blau, die Sonne goldig und weil man geliebt wird und wieder liebt, heiter in dem Gefühle von schrankenlosem Lebensreichtum und der Fülle der Beziehungen von Herz und Welt; vielleicht auch nur, weil man kampf- und qualmüde ist und irgend etwas in uns sich auflehnt gegen den Druck der Niedergeschlagenheit.

Sie sang und trällerte in den Stuben herum, küßte das Kind, naschte an Obst und Beeren, sah in den Spiegel, schüttelte den Kopf über ihre eigene junge Schönheit, die sie jeden Tag von neuem wie ein Wunder daraus anlächelte, amüsierte sich über ein paar Toggenburger, die täglich zur bestimmten Stunde vor ihrem Fenster schmachteten, und improvisierte Verse, in denen sie die Laune der Natur pries, die ihr alle Herzen zu Füßen legte. Eine der Stimmungen, in denen wir schlechterdings in uns selbst verliebt sind und so übermütig, daß wir als die rechten Ichs- und Glücksprotzen mitten in allen Unzulänglichkeiten des Lebens stehen, daß wir, sonst ewig dürstend nach Wechsel und Sensation, ganz gesättigt sind von dem stillen Beruhen in der Gegenwart und dem großen, goldenen Lebensgefühl, das sie uns spendet.

Draußen lockte der herrlichste Septembermorgen.

»Wir wollen spazieren gehen,« sagte sie zu dem Kind, »erst schön spazieren gehen und dann zu Großmama, ihr Geld bringen.«

Es war wahrhaftig Zeit, daß sie der Mutter endlich ihre kleine Schuld abtrug.

Das kleine Clärchen jauchzte.

Während sie das Kind anzog, überlegte sie, welches von den teuern Stücken ihres Spargroschens sie umwechseln sollte, denn sie galten ihr alle einzeln. Es waren drei Sterbethaler (aus dem Todesjahre Friedrichs des Großen), zwei mit dem Bildnis seines Nachfolgers, ein Krönungsthaler Friedrich Wilhelms IV., eine Anzahl außerpreußische Stücke und einer mit dem Kopfe Friedrich Wilhelms III. und der Bezeichnung auf dem Revers: »Segen des Mannsfelder Bergbaues.« Den hatte sie als junges Mädchen von einer reichen Bäckerstochter bekommen, der sie ein paar Tragbänder für den Bräutigam gestickt mit Rosen und bronzenen Blättern auf himmelblauem Grunde. Zu albern! Die geizige Braut hatte ihr noch zwei Groschen abhandeln wollen für die mühsame Arbeit. »Billiger rechnen kann ich es Ihnen nicht, Mamsell,« hatte sie da gesagt, »aber wenn Sie zwei Groschen gern von mir geschenkt haben wollen« – da war das dicke Frauenzimmer rot und beschämt davongelaufen und hatte auf den ganzen »Segen des Mannsfelder Bergbaues« verzichtet.

Sie mußte noch jetzt darüber lachen.

So hatte jedes Stück seine Geschichte und war mühsam und sorgfältig zurückgelegt worden. Wie oft hätte sie sich gern einen besseren Hut, einen Schirm oder lange seidene Filethandschuhe angethan, aber nie hatte sie sich entschließen können, diese Ersparnisse anzugreifen. Es war nun einmal gar zu hübsch, einen kleinen Besitz zu haben und zu hüten, es bewahrte sie vor dem bettelhaften, unfreien Gefühl, das vermögenslose Frauen so oft haben im Verkennen des Umstandes, daß sie das Ihre redlich an Mann und Kindern verdienen.

Geld! Die es im Überfluß haben, dürfen es mißachten, wie wir die Luft nicht schätzen, die uns von allen Seiten zuströmt – dem, der es unter Mühen erworben hat, ist es das Leben selbst, Zeichen seiner Kraft, ein Stück metallgewordenes Ich, ein Talisman, ein Fetisch, ihm dennoch heilig, und in seiner Gesichertheit ein Zeichen der eigenen Unverletzlichkeit; und es ihm rauben, heißt ein kleiner Mord.

Das ist so banal, aber man vergißt es manchmal. Und nicht das Außergewöhnliche, sondern das Banale, das Selbstverständliche vergessen, ist verhängnisvoll.

Mit lächelnder Wichtigkeit, leise vor sich hersummend, schloß Wanda den Sekretär auf. Erst die abscheuliche Klappe, an der sich Clärchen bereits einmal ein Loch in den Kopf gestoßen, und dann das Thürchen des Mittelverließes. Sie warf einen Blick hinein: es stand und lag alles darin, wie sie es verlassen hatte, einige Päckchen Briefe sauber geordnet, das Kästchen mit den altmodischen Kleinodien, die leere Geldschwinge, ein Buch mit Familiendaten, die Patenbriefe der Kinder und die Sparbüchse.

»Schö–ner, grü–ner – schö– –«

»Meine Machen, meine Machen!« schrie das Kind, als es die Mutter plötzlich mit einem Schreckenslaute zurücktaumeln sah. »Ich Dir ein Gedichtel aufsagen, Machen! Es bicht und zuckt und verbutet, aber Du siehst es nicht!«

Doch die kindlichen Deklamationen wollten nicht verfangen. – – –

Als eine halbe Stunde später der Doktor nach Hause kam, wurde er von dem Dienstmädchen mit der Neuigkeit empfangen, daß Diebe den Sekretär erbrochen hätten, und sie schon einen Polizisten geholt habe, der drin alles genau aufschreibe. Ein kalter Schweiß trat ihm auf das Gesicht, er legte Hut und Stock hin und ging hinein.

»Ewald!« schrie sie ihm entgegen und fiel ihm schluchzend um den Hals. »Es ist alles fort, man hat die Thüren aufgebrochen – alles!«

»Beruhige Dich, es wird wiederkommen,« sagte er schweratmend, totenblaß, aber ganz ruhig.

Sie ließ ihn los und trat zurück. Er sah mehr tief verstimmt als erschreckt aus. Mit einem Male ging er auf den Beamten zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr, worauf dieser lächelte, sein Notizbuch einsteckte, seinen Helm ergriff und ging.

»Warum wartetest Du nicht, bis ich kam? Warum gleich zur Polizei? – Mein Gott – Du – Du sollst ja alles wieder haben –«

»Also Du?«

»Ja – ich. Ich war in einer so verzweifelten Lage! – Wanda!!«

Und er streckte bittend die Arme nach ihr aus und wartete, wartete auf ein gutes Wort, auf ein Aufschluchzen, auf einen Schrei, auf Vorwürfe, Klagen und endliches Verzeihen. Und – wartete vergebens.

Sie sagte nichts. Diese leidenschaftlich heftige, sich übersprudelnde Frau sagte nichts. Nur ihre Augen und das Zucken ihrer Lippen redeten eine furchtbare stumme Sprache. – Und dann sagte sie doch etwas, ein einziges Wort nur, aber ein sehr böses.

Er stampfte mit dem Fuße auf.

»Vergiß nicht, daß ich nichts genommen habe, was zu nehmen mir nicht zustand, daß ich – nach dem Gesetz – jedes gute Recht habe an allem, was Dir gehört,« keuchte er heraus, sich statt auf das moralische Recht ehelicher Solidarität auf das formelle des Gesetzes berufend, wozu er sich durch das Erscheinen des Beamten gedrängt fühlen mochte.

»Gesetz? Wer hat Euch denn diese Gesetze gegeben? Ihr selbst habt sie Euch gegeben und wollt Euch darauf berufen wie auf göttliche Einrichtungen?«

»Aber – aber Du sollst es ja wieder haben – dieses Geld!«

»Dann wäre es – nach dem Gesetz – ein Geschenk, was Du mir damit machtest. Ich will es nicht von Dir geschenkt, ich verzichte auf dieses Geld.«

Damit ging sie hinaus.

Er stand, mit den Händen auf die Tischplatte gestützt, und sah ihr nach. Sie liebte ihn also nicht?

War es denn möglich? Sie liebte ihn nicht!

Zum ersten Male war's, daß er sich diese Frage vorlegte, die er nicht zu beantworten wagte, weil allein sie zu stellen ihm ein ungeheurer Schmerz war.

Ach! ehe er sie hätte beantworten können, hätte er sich eine ganze Reihe anderer Fragen vorlegen und ihnen Antworten finden müssen.

Hatte sie ihn überhaupt je mit ganzer Seele geliebt? War sie überhaupt die, als die er sie kannte? Hatte er jemals die letzten Tiefen ihrer Seele erforscht, sich nicht vielmehr, auch er, mit dem billigen Märchen von dem Rätselhaften, Geheimnisvollen, Launenhaften der weiblichen Natur begnügt? Hatte überhaupt je ein Mann die Eigenart des Weibes aus ihrer Stellung zu entwickeln gesucht und sich gefragt, in welcher Weise physische, soziale und individuelle Momente auf ihr Empfinden wirken, auf die Beständigkeit ihres Empfindens? Ist die Liebe irgend eines Menschen überhaupt etwas, wodurch er ein Besitzstück, wodurch er vogelfrei wird für den, dem sie gilt? Ist sie jemals eine Vollmacht ohne Grenzen? Ist die uns erwiesene Liebe etwas anderes als jene, die wir fühlen: schrankenloser Egoismus und schrankenlose Hingabe zugleich? Und heißt es nicht den Egoismus in ihr verletzen, wenn wir den Anspruch an die Hingabe aufs äußerste steigern?

Alle diese Fragen stellte er sich nicht. Er fragte nur: liebt sie mich denn nicht? Und eine namenlose Angst erfaßte ihn, daß die Antwort »Nein« sein könnte. Dieser Mann voll Geist und Gemüt hatte die ganze Gefühlsplumpheit, die man Wesen gegenüber hat, die man trotz leidenschaftlicher Zuneigung geringer schätzt als sich selbst.

Es war ein ungemütlicher Tag. Am Abend ging er nicht in seinen Klub, sondern blieb einmal wieder zu Hause und hielt ihr einen langen Vortrag, wie bedeutende Aufschlüsse er dem Mikroskop bereits verdanke, wie segenbringend für die ganze Menschheit seine Forschungen, von welcher Wichtigkeit sie für sein gelehrtes Ansehen und damit für ihrer aller Zukunft seien. Und schließlich sei sein Eingriff ja nur eine Art Zwangsanleihe gewesen und sie solle alles ersetzt erhalten.

Ob es gesetzmäßig sein gutes Recht gewesen sei, so zu handeln, fragte sie.

Ja, das sei es gewesen.

Sie antwortete nichts darauf.

Dann lachte sie und erzählte ein scherzhaftes Vorkommnis aus dem Hause; denn sie hatte gemerkt, daß er sie zur Besiegelung der Angelegenheit küssen wollte, und ihr graute vor seinen Küssen. Er war Thor genug, das nicht zu begreifen. Und da es noch nicht sehr spät war, nahm er doch noch seinen Hut und ging.

Auf der Straße dachte er, wie seltsam »das Weib« wäre und wie ein Mann niemals ganz hinter sein Empfinden käme, hinter das Rätselvolle und Sprunghafte ihres Wesens. – –

Inzwischen saß Wanda zu Hause mit einem Gefühl von Kälte in der Seele, als ob etwas darin abgestorben sei, das sich nicht wieder lebendig machen lasse.

Es heißt, daß jede Kränkung zu verzeihen göttlich ist, aber es giebt Kränkungen, die verzeihlich zu finden man ein Gott sein muß, wenn das Verzeihen nicht schimpflich sein soll. – –

In den nächsten Tagen glückte es Rhode, einer wichtigen wissenschaftlichen Thatsache auf die Spur zu kommen, und er war so erfüllt davon, daß er für Anderes kaum mehr Auge und Ohr hatte. In dem unendlichen Hochgefühl, von dem er sich dabei getragen fühlte, vergaß er sogar die Frage, die ihn so erschüttert hatte: ob seine Frau ihn denn noch liebe, vergaß er alles um sich her, alles, was sich als Recht und Pflicht, als Ursache und Wirkung im moralischen Leben an ihn herandrängte.

In seiner Studierstube eingeschlossen, rätselte er in fieberhafter Begier über dem Problem der organischen Zelle, in der bis zum Wahnsinn gesteigerten Einseitigkeit eines akuten Interesses, das mit dem Gotte neben sich ringt, schreiend: »Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn.« Ein verhängnisvolles Stadium, aus dem der Doktor wohl auf Augenblicke in das wirkliche Leben zurückkehrte, aber um es sofort wieder zu verlassen. Dann fiel ihm etwa ein gequälter und feindseliger Zug in Wanda's Gesicht auf und er erinnerte sich, daß er ihr einen Verdruß im Dienste der Wissenschaft bereitet hatte. Aber opferte er nicht diesem idealen Dienste die Ruhe seiner Nächte, das Behagen seiner Tage, was hatten diese paar Groschen dagegen zu bedeuten!

Er vergaß bei diesem Exempel nur, daß seine Ideale nicht die ihren waren und daß sie ihr Teil an Opfer von Ruhe und Behagen in anderer Weise dem Leben schon reichlich gebracht. Nicht lange, meinte er, und sie würde das verwunden haben, eine so versatile, so elastische Natur! Und so klug, so – – so –

Er wußte nicht was – seine Gedanken packten den Gott schon wieder.

So verflatterte ihm der Konflikt.

In ihrer Seele aber blieb eine Wunde wie von einem Beilhiebe: es gab Gesetze, die dem Manne den Besitz seiner Frau auslieferten, Gesetze, die moralische Rechte mit bürgerlichen totschlugen. Und damit war ihre Achtung vor Recht, Gesetz und bürgerlicher Ordnung überhaupt erschüttert. – –

Einige Tage später schien sie dennoch alles verwunden zu haben. Der Doktor hielt gerade seine Morgensprechstunde ab, als er Wanda singen hörte. Sie brach freilich gleich wieder ab, da sie sich erinnern mochte, daß während dieser Zeit möglichst Ruhe gehalten werden mußte, aber es war doch ein Zeichen wiedergekehrten Frohsinns, das ihm sehr lieb war. Es hätte kaum etwas geben können, das geeigneter gewesen wäre, ihn zu beunruhigen, wenn er den Grund dieses Jubels geahnt hätte.

Wanda Rhode war gerade mit einer recht unangenehmen Arbeit beschäftigt: dem Einseifen von schmutziger Wäsche, das nach der Familientradition die Hausfrau selbst zu besorgen hatte, als ein dicker Brief an sie abgegeben wurde, dessen Aufschrift sie erröten ließ und dessen Umschlag sie mit zitternden Händen aufriß. Sie hatte Kreowski damals trotz allem Schmerze gegrollt, daß er abgereist war, ohne sich noch einmal sehen zu lassen, ohne auch nur eine Zeile zu senden. Sie hatte es ausdrücklich gewünscht, aber sie hätte noch lieber gewünscht, er möge ungehorsam sein. Was wollte er nun plötzlich von ihr?

Ah – Verse! Verse und Melodieen!

Jüngst schlug ich meine Lieb' aufs Haupt
Und thät sie still begraben –
Die Ruhe, die sie mir geraubt,
Die wollt' ich wieder haben.
 
Doch wie sie war drei Tage tot,
Ich bin über Feld gegangen,
Meine Liebe kam, war frisch und rot
Und küßte mich auf die Wangen.
 
Nun ging es über Berg und Thal,
Das war ein fröhlich Gewander,
Sie sprach zu mir: sterb ich einmal,
So sterben wir miteinander.
    ————
Am Waldrand, dort wo die enge Welt
Von blühenden Hecken ist rings umstellt,
Dort unter den alten Rüstern,
Wo Gras und Blumen flüstern,
 
Möcht ich noch einmal Dir allein,
Wenn der ersten Sterne lichter Schein
Die Augen der Müden segnen,
Allein Dir noch einmal begegnen.
 
Und sähe die Dämm'rung um uns her
Umhüllen uns wie mit Schleiern schwer,
Sähe den Himmel sich dehnen
Und sähe doch nichts vor Thränen,
 
Und sähe nur Dich, nur Dich allein! –
Ach, einmal nach all der Entsagungspein,
Dem tödlich schweren Verwinden
Möcht' ich Dich wiederfinden.
    ————
Wilder Tauben Schwarm von umwölktem Hügel,
Dunkelgrün bekränzt mit dem Schmuck der Wälder,
Hebt im Dämmerlicht der betauten Felder
Silberne Flügel.
 
Schweigend durch das Meer der erblauten Feuchte
Schwimmen sie dahin, über Hang und Klüfte,
Ziehn den raschen Flug durch der frühen Lüfte
Nebelgeleuchte.
 
Schwimmen morgenwärts, und es färbt ein Glühen
Horizontes Rand und die grüne Breite,
Färbt den lichten Strom und der ernsten Weite
Schweigendes Blühen.
 
Hei! wie stürzen da in den sel'gen Morgen
Silberflüglig sie, in das Glutgetauche,
Bis ihr Fittich still wie in Heimathauche
Ruhet geborgen.
 
Also ziehn zu Dir meine morgenfrühen
Träume, hin zu Dir von erwachtem Pfühle
Die Gedanken all, um aus Dämmerkühle
Dir zu erglühen.
 
Ach! Du spürst wohl nicht ihrer Flügel Kosen
Um die Schläfen Dir, Dir um Ohr und Wangen,
Oder ahnest Du ihres Flatterns Bangen,
Scheuchst Du die losen,
 
Daß sie müde ganz, ohne Willkomms Glück mir,
Wie von rauhem Fels, von umwölktem Hügel,
Traurig mit der Qual der erschöpften Flügel
Kehren zurück mir.
 
Stille! Jüngst noch kam mir in Jubelwogen
Ihr beglückter Schwarm, wie von Heimatklippen:
Lächelnd hattest Du sie an Brust und Lippen
Schmeichelnd gezogen.

Diese Verse waren zugleich in Musik gesetzt und die Kompositionen beigelegt.

Verbietet dem Auge, dem Lichte zuzujauchzen, wenn nach Regendunkel die Sonne durch das Gewölk herabbricht in Strahlen, unter denen die nassen Bäume in Schauern erzittern, der Strom sich in fließendes Gold verwandelt und die Lüfte im Dunste glühenden Hauches beben! Verbietet dem Ohre, das in schweigender Einöde gelauscht um einen, nur einen verwehten Ton der Ferne, sich zu berauschen an dem Zauber der Melodien, die ihn plötzlich jubelnd umbrausen! Verweigert dichterischem Sinn die Freude an Reim und Rhythmus, an der bilderreichen Sprache der Phantasie – und einem unruhigen, verschmachtenden Gemüt, das sich in der Enge kleiner Mühsale, in der Kälte eines verödeten Lebens verzehrt, sich zu berauschen am Klange der Leidenschaft und einer Sehnsucht, stark wie die eigene! Verbiete es, wer kann!

Ach, wie sie ihr zujauchzte, dieser in Feierkleidern und Blumenschmuck daherprangenden Liebe! Wie sie ihre Festschüsseln, ihre ambrosischen Schalen liebte! Wie sie diese ungekränkte, unverletzte Liebe liebte, die, eine stolze, gabenfrohe Königin, alles giebt, wonach das Gemüt schreit, eine milde Trösterin, die Wunden heilt, an denen das Herz verbluten will, eine jauchzende Genossin, die mit ihren Liedern jubelnd und schluchzend in der Seele ein Echo weckt, das sie verzehnfacht. – –

Doch still – während der Sprechstunde durfte nicht gesungen werden! Und sie verbiß ihr »Glück,« so gut es ging.

Ewald Rhode aber glaubte, als diese Sprechstunde vorüber und er von seinen Abscessen und Magengeschwüren in die kleine Welt neben sich zurückkehrte, da er nur Wandas Augen leuchten und ihre Wangen lächeln sah, daß neugeborene Zärtlichkeit für ihn ihre Pulse höher schlagen lasse. Er klopfte sie auf die Wangen und nannte sie seine verständige, brave, kleine Frau, die sich heiter in die intelligible Welt seiner Ideale gefunden habe.

Da lachte sie hell, laut – aus ihrer intelligiblen Welt heraus.

*

Etwa vierzehn Tage später ging Wanda nach angestrengtem Tagewerk noch gegen Abend ein Stück spazieren. Es war an einem der wundervollen Septembertage, da noch alles grün und sommerlich und doch die scharfe Glut gemildert ist, da es noch blüht und duftet, aber um Busch und Baum die Dämmerung schon frühe Schatten webt und die lebendigen Düfte sich mit dem Atem der Verwesung zu mischen beginnen, da die Sommerfäden zarten Silberhauch von Stamm zu Stamm ziehen, der Mond schon hoch steigt, die Nächte kühl sind und die Winde nicht mehr so warm.

Die Breslauer Promenaden besaßen damals noch keine Palmengruppen und Springbrunnen, keine Festons von wildem Weine und keine Teppichbeete. Nichts von Luxusbauten oder Denkmälern ragte auf den alten Bastionen, nichts von Konzert- und Biergärten füllte ihre schattenreichen Gänge mit Lärm und übeln Dünsten. Es gab sogar noch Gegenden, wo dichtes Gestrüpp von spanischer Weide, Haselgebüsch und Ligusterhecken, alles ungepflegt und unverschnitten, versteckte Wandelgänge einfaßten, wo das Gras in die Wege hineinwucherte und hohe Platanen sich über morsche Bänke wölbten, während unter dem steilabfallenden Hügel die Wellen der Oder brausend einem Wehr entstürzten.

Wanda Rhode, von schwankenden Empfindungen hin und her gerissen, eilte fliegenden Schrittes den Stadtgraben entlang, nach dichterischem Ausdruck ringend, der sie wenigstens für Augenblicke von der Qual des inneren Widerstreites befreit hätte und der sie doch nicht eher befreien konnte, als bis sie diese Qual so hoch in sich gesteigert, daß dem Ausdruck Kraft und Präzision geworden wäre. Ein starker, aber weicher Wind wehte ihr entgegen, ein Wind, der in den Wipfeln der Bäume wühlte, unruhig flatternde Wolken über die Sonne spannte und sie wieder mit fortführte, mit zitterndem Flügel ihre Wangen streifte und seine Lieder in langgezogenen Klagetönen sang. Gereimte Zwiesprache mit dem beflügelten Genossen ihres Weges gab ihr doppelten Schwung der Empfindung und das wundervolle Gefühl des Zusammenhanges mit der Natur und des Hinausstrebens über irdische Gebundenheit. Ihre Sehnsucht stieg auf mit den Lüften, breitete Arme nach dem Himmel und kehrte wieder zurück nach ihrem Herzen, alles in ihr löste sich in ungestümes Verlangen nach dem Unfaßbaren, Unnennbaren, das heute künstlerische Begeisterung, morgen Liebe, heute Glück, morgen heißester Schmerz, der Seele Flügel löst und sie zu sich emporreißt in einem Rausch, der zugleich Wunsch und Erfüllung ist.

Doch was war das? Welches Irdische eilte ihr entgegen? Da! – wo die Sonne goldigen Flor zwischen die Stämme wob – regte sich's dort nicht? Raschelte nicht ein Schritt im dürren Laube? Knickten nicht Zweige?

Schlug da nicht eine Flamme aus dem Boden und loderte vor ihr auf, ihre Brauen versengend? Zitterte nicht in ihrer Glut Himmel und Erde und ihr Herz?

Und lag sie – jetzt – wirklich jubelnd, schluchzend an einem andern Herzen?

Elftes Kapitel.

Die Tage kamen und gingen. Es wurde Herbst, es wurde Winter. Anfang Dezember machte Eduard Gernoth wieder einmal in der Stadt von sich reden. Es hieß, er müsse wegen politischer Umtriebe fliehen, wenn er nicht den Kopf verlieren wolle. Andere prophezeiten wenigstens eine längere Freiheitsstrafe. Eines Tages war er wirklich fort, kein Mensch wußte wohin.

Über diese Sache mit den Ihren zu sprechen, war Madame Gernoth zu Rhodes geeilt, wo sie das gleiche Bedürfnis fand. So hatten sie denn alle drei lange zusammengesessen, allerlei Vermutungen getauscht und unerfreuliche Schlüsse gezogen. Danach hatte man sich anderen Dingen zugekehrt, Rhode hatte lebhaft politisiert; die Wogen des Zusammenstoßes reaktionärer und demokratischer Bestrebungen gingen wieder sehr hoch und regten die Gemüter gewaltig auf. Madame Gernoth war nicht ohne Interesse dafür, aber Wanda machte nur ihre scherzhaften Glossen darüber, sie war wirklich unglaublich unpolitisch. Zuletzt wurde sie ganz ausgelassen, von einer krankhaften, krampfhaften Ausgelassenheit. Ihrer Mutter war dabei nicht recht wohl: Wandas Lustigkeit bei der Flucht ihres Vaters kam ihr unnatürlich vor und verletzte sie, obgleich ihr selbst der Mann nichts mehr galt. Ihre Tochter machte ihr überhaupt schweren Kummer. Sie war ihr einmal Abends mit Kreowski begegnet und hatte sie trotz dichtester Verschleierung erkannt. Als wenn eine Andere ihre Figur und ihre Bewegungen gehabt hätte! Später hatte sie sie zur Rede gestellt und Wanda hatte erst geleugnet, dann alles zugegeben. Dabei war dann die Sache mit dem erbrochenen Sekretär zur Sprache gekommen. Frau Gernoth hatte das alles mit einem Schmerz erfahren, der ihr fast das Herz versteinerte. Nicht zu zählen waren die schlaflosen Nächte, die die Kenntnis dieser Dinge ihr kostete. So, so hatte sich eine Ehe gestaltet, auf die sie die frohesten Erwartungen gesetzt! So suchte sich ihre Tochter zu helfen, zu trösten! Das war das Resultat ihres harten Entschlusses, Wanda dem Einfluß des Vaters zu entziehen, daß sie nun neben einem andern Manne alle Eigenschaften dieses Vaters entfaltete.

Aber indem sie gegen ihre Tochter Partei nahm, konnte sie deshalb noch keine für Rhode nehmen.

Der Mann hatte sich entwaffnet. Die Spargroschen aus der Mädchenzeit einer Frau, mühsam mit Stickereien beim Talglicht erworben, anzugreifen – pfui! Sie den Gefahren, die in ihrer Natur lagen, zu überlassen, sie gerade in ihren besten Eigenschaften, der ängstlichen Rechtschaffenheit, dem haushälterischen Sinn zu treffen – thöricht bis zur Verächtlichkeit! Und wenn sie hier auch nicht ganz gerecht war, da sie nichts ahnte von jener unpersönlichen Selbstsucht eines starken idealen Triebes, um so sicherer erkannte sie die Unwahrheit eines Solidaritätsgefühles, das einseitige Interessen solidarische nannte.

Wie häuslicher und geselliger Zwang so tausendmal im Leben seine Schleier über Abgründe breitet! Unter ernstem, ruhigem Gespräch, unter Plaudern und Scherzen – wieviel verheimlichtes Mißtrauen, wieviel verstecktes Schuldgefühl, wieviel übertünchte Lüge!

So auch hier.

Man saß zusammen, mutmaßte und folgerte, lachte und lächelte, und in der hellen Sonne, im traulichen Lampenschein, saßen zwischen den drei sich so nahe Stehenden Gespenster, die der eine nicht sah und die beiden andern ignorierten. Frau Florentine hatte plötzlich den Eindruck, als ob Wanda auch ihr etwas verheimliche, als ob eine Unruhe sie foltere, eine Niedergeschlagenheit sie drücke, die sich weder auf ihr Verhältnis zu dem Doktor noch auf diese unselige Liebelei bezöge. Diese jungen Frauen – ob am Ende – Jesus, das fehlte nun grade noch!

Gegen sieben wollte Madame Gernoth gehen, blieb aber und ließ sich von Rhode ein paar gelehrte Geschichten vormachen, Experimente, die damals neu waren, während Wanda sehr eilfertig das Abendbrot rüstete. Dann aßen sie zusammen und schließlich bat die Großmutter, Clärchen zu Bett bringen zu dürfen.

Es war erst halb acht, da man von Tische aufstand.

»Es ist mir sehr lieb, Mutter, wenn Du mir Clärchen abnimmst,« sagte Wanda hastig, »ich muß schnell noch mal zur Kleideranprobe.«

»Jetzt?«

»Ja.

Die Mädchen nah'n im Flittertand 
Mit bunter Bänder Wallen,
Ach! wer giebt ein Festgewand,
Dem Liebsten zu gefallen!

– oder auch:

Und den goldgestickten Schleier
Legt sie an, das Glanzgeschmeide,
Zu des Tages hoher Feier
Rauscht ihr Gang von stolzer Seide.

– kurz gesagt: ich habe kaum mehr meine Blöße zu decken, und also addio! – Kuß das Kind? Ja, mein Clärchen, mein kleines artiges Mädelchen.« Sie küßte das Kind mit der Heftigkeit irgend einer seltsamen Erregung.

Mann und Mutter wollten sie trotz ihrer Schnaken nicht gehen lassen, aber da kam es heraus, daß sie oft des Abends kleine Besorgungen mache oder ein Stück an die Luft gehe, wenn das Kind zu Bett und der Doktor in seinem Klub sei, und daß ihr noch niemals eine Unannehmlichkeit widerfahren.

Und damit hatte sie auch schon Hut und Mantel angelegt, küßte das Kind nochmals, sagte den andern: »In einer halben Stunde bin ich wieder da,« und eilte fort. Die Mutter seufzte und schloß die Reste des Abendbrotes weg, der Doktor ging in sein Zimmer. Er hatte die Absicht gehabt, noch in eine politische Versammlung zu gehen, aber er wollte Frau Gernoth beweisen, daß er bisweilen abends zu Hause sei.

In seinem Zimmer überkam ihn eine sonderbare Unruhe, er ging wieder in die Wohnstube, öffnete das Fenster und sah hinaus, um Wanda zurückzurufen. Aber in dem schwachen Dämmerlicht und den tiefen Schatten, die ein paar Öllämpchen auf den Schnee draußen warfen, war nichts mehr von ihr zu sehen. So kehrte er zurück und nahm sich vor, jetzt öfter des Abends zu Hause zu bleiben. Er hatte sie am Flügel und mit ihren Gedichtbüchern immer sehr gut aufgehoben geglaubt und nicht daran gedacht, daß das Alleinsein, einen Abend wie den andern, Gift für ihr unruhiges Gemüt war. Jetzt machte er sich Vorwürfe, daß die Einsamkeit sie noch oft spät auf die Straßen trieb, um irgend welche Lappalien einzukaufen.

Unterdessen trug die Großmutter das Kind, das schon auf ihrem Arme eingeschlafen war, in das Schlafkabinett, in dem eine schmauchende Nachtlampe an Wände und Decke groteske Schatten warf, kleidete ihr Enkeltöchterchen aus, indem sie beständig in jener zärtlichen und zugleich monoton einschläfernden Weise zu ihm sprach, mit der man übermüdetes kleines Volk zur Ruhe bringt, und sah dabei in Gedanken immerfort ihre Tochter mit schnellen Füßen über den Schnee laufen, immerfort, ohne Ziel und Ende. Sie seufzte, lüftete dem Kinde nochmals die Kissen, deckte es zu und faltete die Hände, aber das Bild vor ihren Augen wich nicht.

»Beten, mein Clärchen!«

Die Kleine war so verschlafen, daß sie nur mit den Augen blinzelte, den Kopf wieder fallen ließ und sich hinlegte. Doch die Großmutter, der Pünktlichkeit und Ordnung auch der höchsten Instanz gegenüber über alles ging, richtete das kleine Mädel abermals auf und prägte ihr die Notwendigkeit seines Nachtgebetes dringlichst ein.

»Ja,« sagte das Kind gehorsam, aber von Schläfrigkeit ganz verwirrt, schlug die Augen weit auf, legte die Fingerchen ineinander und sagte dann feierlich:

»Mein dunkles Herze lieb' Dich,
Es lieb' Dich und es bicht –«

»Schon gut, schon gut!«

»Amen, gute Nacht, Großel.«

Und da schlief sie auch schon.

»Großer Gott, was für Zeug,« flüsterte die Frau und sah gramerfüllt auf das kleine Ding nieder. »Rechne es ihr nicht an, mein Gott. Und behüte sie, mein Gott, behüte sie vor – vor –«

Ach! man spricht nicht alles aus, was man denkt, nicht einmal vor Gott.

Es kam ihr heiß und schwül im Zimmer vor. Sie stand auf, ließ das trübe Nachtlichtchen etwas höher aufflammen und wollte sich eben mit einem Strickzeug wieder an das Bett des Kindes setzen, als eine klaffende Schrankthür ihren Ordnungssinn beleidigte. Sie suchte sie zu schließen, öffnete sie, weil sie klemmte, weiter und sah das Kleid, zu dessen Anprobe Wanda gegangen, fertig dahängen; ein Anblick, der der graden Frau die Schamröte für ihre Tochter ins Gesicht trieb.

Wanda hatte also gelogen. Das Lügen gehörte sonst nicht zu ihren Fehlern, sie war sogar wahrhafter und offenherziger, als zu sein klug ist. Wenn sie hier die Unwahrheit gesagt, konnte es nur einen Grund haben: sie war gegangen, ihren Liebhaber zu treffen.

Sie schloß den Schrank wieder, setzte sich steif in den Stuhl und starrte vor sich hin. Ihr sonst noch regelmäßig schönes und keineswegs ältliches Gesicht sah aus, wie das eines bekümmerten alten Mannes.

Nebenan hörte sie den Doktor mit Papieren knistern, den Stuhl rücken, auf- und abgehen und endlich mit seinen Apparaten hantieren. Ein eigentümlicher Geruch verriet ihren empfindlichen Sinnen, daß er die Zink-Kohlenelemente eingesetzt hatte. Er hatte ihr das vorhin gezeigt und sie belehrt, wie man in einem Augenblicke den Strom her- und die Verbindung wieder abstellen könne. Und sie lächelte vor sich hin. Unzweifelhaft: in der Tiefe seines Herzens war ein Strom von Liebe für ihre Tochter – aber der Mann verstand es nicht, die Verbindung zwischen dem praktischen Leben und diesem Strome herzustellen. Der Thor!

Er verstand es nicht, weil da etwas war, das eine Binde um seine Augen legte, seine Hände fesselte, seinen Sinn bethörte, und ihn hinderte, diesen Strom herzustellen. Ach – sie wußte recht gut, was das war, sie hatte es selbst erfahren! Es war der Mangel an höchster Achtung, den der Mann der Frau als einer ihm nicht Gleichstehenden bezeigt, und der der verderbliche Dämon ist, der alle Paradiese in Wüsten verwandelt, die Ströme der Liebe versiegen und die Funken lebendigen Lebens verlöschen läßt. Wenigstens war das die Meinung von Madame Gernoth. –

Wenn sie ihm das alles sagte? ihn warnte, ihn beschwor, ihm alles rückhaltlos mitteilte?

Sie stand auf, zögerte – und ließ es.

Es war eine so verhaßte Rolle, die der warnenden, scheltenden Schwiegermutter.

Und warum vorzeitig Unfrieden erwecken? Kam er, so kam er früh genug. Warum ihr Kind anklagen vor diesem Thoren, der selbst nicht schuldlos war, der seine Hände befleckt hatte, mit einem Eingriff, der Unrecht war, auch wenn ihn tausend Gesetze ein Recht nannten? So wenigstens empfand sie.

Sie war nicht unfähig, sich seine Not, die Heftigkeit seiner Wünsche vor Augen zu halten, aber ihr Herz schrie darnach, ihr Kind, obschon sie es verurteilte, zu verteidigen, und dieses Verlangen entsprang dem verletzten Rechtsgefühl der Frau, die selbst Unrecht gelitten, wo ihr Schutz verheißen worden war.

Die Hälfte der Schuld lag auf ihm – mochte er ihren Fluch tragen.

Als Wanda Rhode die Straße betrat, wunderte sie sich, daß es so kalt geworden war. Es war zwar nicht mehr als drei Grad unter Null, aber die Luft war rauh und scharf. Auf den Straßen lag ein dünner, trockener Schnee, der im Mondschein schimmerte. Glitzernd standen Brunnen und Laternenpfähle, Bäume und Sträucher, alle von buntem Rauhreif überzogen. Doch es sollte noch schöner kommen. Sie mußte das Stück Promenade nehmen, das sich von der Ziegelbastion bis zur Universitätsbrücke den Strom entlang hinzieht. Dort, in geringer Entfernung von der Brücke, erhob sich ein anderer vom Festungswall stehen gebliebener Hügel, der Eisberg. Auf ihm war die Begegnung verabredet.

Es war ein öder, menschenleerer und schlecht beleuchteter Weg, doch bei Vollmond sehr gut passierbar und verklärt von zauberhafter Schönheit. Unwillkürlich verlangsamten sich ihre Schritte. Man betritt nur bebenden Fußes ein Feenland, in dem, dem traumhaften, bleichen, doch alles zuckt in millionenfachem, buntem Geflimmer. Da waren die großen, feierlichen Platanen, die ihr undichtes, hellfarbiges Astwerk, daran im Sommer die großen tiefschattigen Blätter prangen, weit ausbreiteten wie glänzende Arme, da die ehrwürdigen Nußbäume und traulichen Linden, die stämmigen Kastanien und zierlich verästelten Buchen, und alle hatten sich die gleißende Verzauberung gefallen lassen müssen, so gut wie die Flieder- und Goldregenhecken, wie die Reste dürftigen Grases und das niedrige Fichtengesträuch am Wege, wie Weg und Steg selber.

Die Oder war fest gefroren und auf ihrer bläulich-silbernen und doch bunt überflimmerten Decke zogen ein paar einsame Schlittschuhläufer ihre Kurven.

Es war so schön, daß sie sich fragte, ob irgend ein Sommertag mit goldigen Lüften und prangendem Grün sich damit vergleichen ließe, so fremdartig, so märchenhaft schön wie die Welt verbotenen Glückes, die ihre Liebe war, mitten in dieser kahlen, nüchternen Alltagswelt.

Und da kam der Erwartete auch schon! In einen weiten, faltenreichen Burnuß gewickelt, die viereckige Polenmütze auf dem Kopfe, die ihm so gut stand, kam er ihr entgegen.

»Mein Lieb, mein Lieb,« flüsterte er und schloß sie in die Arme. Wie poetisch und romantisch das war, im Mondenschein über knisternde Stege durch den knirschenden, leuchtenden Schnee zu gehen und zu hören, daß man geliebt werde, daß man schön sei, genial und hinreißend, daß jeder Gedanke eines andern, jeder Vers, jede Melodie, jede Empfindung einem gehören, und versichern zu dürfen, wie man dieser kurzen Stunde entgegengejubelt, wie sie das Glück und der Glanz des Lebens sei.

Und wie ernsthaft-heimlich es war, sich dazu aus dem grellen Mondlicht in den Schatten der ehrwürdigen Alma Mater zu ducken, die fromme Jesuitenpatres erbaut, um verbotener Liebe Schirm zu gewähren.

»Was hast Du heute getrieben, mein Glück?« fragte er.

»Ein bischen genäht, Wäsche gefaltet, mit Clärchen gespielt, nach dem Himmel gesehen und immer an Dich gedacht. Und was Du?«

»Meine Serenade ins Reine geschrieben, eine Chorübung abgehalten, ein Stück spazieren gegangen und mich auf Dich gefreut. Macht es Dich glücklich, an mich zu denken?«

»Über alles glücklich! Ewald hegt irgend einen großen Plan, ich glaube, er bildet sich ein, man könne Leute mit elektrischen Funken gesund machen – das macht ihn ganz geistesabwesend, oder entgeistert mich oder macht mich zu einem Gespenst, ich weiß nicht: er sieht mich, scheint es, überhaupt nicht mehr. Aber freilich, ich sehe ihn auch nicht mehr, ich sah nur Dich, immer nur Dich, Lieber, immer nur Dich.«

»Meine Fee, meine Göttin, mein Engel! Daß ich doch neue, süße, hohe Namen erfinden könnte. Dich zu ehren – aber nun ist meine Phantasie zu arm. Viel, viel zu arm. Und ich kann nur kläglich nachstammeln, was andere vor mir gestammelt. Du über alles Geliebte.«

»Das ist das liebste, was ich höre.«

Aus dem Austausch zärtlicher Versicherungen wurde die Unterhaltung schließlich ein allerliebstes kleines Fachgespräch. Es war so langweilig, an diesen einsamen langen Winterabenden immer bloß zu lesen und zu singen. Wanda Rhode beschäftigte sich neuerdings damit, englische Gedichte zu übersetzen. Das war eine anmutige kleine Anstrengung, die sie unterhielt und davor bewahrte, zu viel eigene Verse zu machen, die ihr allzu leicht von statten gingen und die gewissenhaft zu feilen sie noch nicht kritisch genug war, so daß die Arbeit daran das Gefährliche, Gefühlen starke Wendungen zu suchen, aufgehoben hätte. Aber das Übersetzen war richtige Arbeit, die sie von ihrer Subjektivität und der schwankenden Unruhe ihres Inneren abzog. Sie trug dem sanften und verständnisvollen Witold daher gern Text und deutsche Fassung vor, und dann hatten sie ihre kleinen Diskussionen über ihren und den Urtext, die sehr ernsthaft und lebhaft geführt wurden und von denen man dann zu musikalischen überging.

Wanda Rhode wollte heute schwören, daß eine Melodie, die sie zu summen anfing, aus einer Mozart'schen Symphonie sei, Kreowski schwur auf Beethoven.

»Wenn Du jetzt ein Mann und mein guter Freund wärest,« sagte er scherzend, – »wir sind keine fünfzig Schritte mehr von meinem Hause – wie hübsch, wenn ich jetzt sagen könnte: komm' mit herauf, ich habe den Klavierauszug oben – und Du wärest geschlagen.«

Sie lächelte, und still gingen sie weiter. Leise sang sie die Stelle wieder. »Es ist nicht einmal ganz richtig so, es ist so: la – la – la – lalala, lala.«

Da standen sie vor seinem Hause.

Sie zuckte an seinem Arm:

»Zeig mir den Klavierauszug.«

»Wirklich?«

»Was ist da auch Schlimmes!«

»Wanda –«

»Du willst wohl nicht?«

Er lächelte seltsam, sah sie an und flüsterte endlich:

»Ein Mann – sagt da nicht nein.«

Sie zögerte einen Augenblick. »Ich komme bloß als guter Freund.«

»Hm, – Du bist es aber nicht. Willst Du wirklich?«

»Ja.« Er gab ihr den Arm, an den sie sich leise lachend hing. »Ich glaube, das ist ein Abenteuer, wie?«

»Ja, es ist eins.«

»Ist das drollig. Weißt Du: ich habe mir immer schon gewünscht, einmal ein kleines Abenteuer zu erleben.«

Er drückte ihren Arm: »Leise, ganz leise. Und vorsichtig! Flur und Treppen sind finster –«

»Das seh ich wohl.«

»Halte Dich ganz fest an mich.«

»Ganz fest.« So stiegen sie hinauf, zwei sich wendende Treppen, auf die die Mondhelle des Himmels ein leises Dämmerlicht fallen ließ. Dann schloß er eine Thür auf. Als sie in dem dunkeln kleinen Vorzimmer standen, drückte er sie an sich und küßte sie heftig.

Es wurde ihr ein wenig schwül und, sich losmachend, sagte sie eifrig: »Mache Licht.«

Er zündete eine Kerze an und dann eine schlechtgeputzte messingene Öllampe; und er that es mit zitternden Händen, fahrig, unsicher.

Wanda merkte es nicht. Das Herz klopfte ihr ein wenig, denn was sie that, war nicht in der Ordnung, aber sie war mehr belustigt von ihrer Keckheit, als fassungslos. Mit der Harmlosigkeit eines genialen Kindes, das sie war, stand sie in der Stube des Mannes, den sie liebte und der sie liebte, und betrachtete das sehr einfache Möblement, die nicht sehr sauberen Gardinen, die Musikinstrumente und Lithographien, die an den Wänden hingen: eine Guitarre, ein Waldhorn, eine Geige in grünem Flanellbeutel, ein Tod Kosziuskos und Sobieskis Sieg über die Türken.

Indessen blätterte und suchte er in einem Noten-Folianten und schien nicht finden zu können, was er suchte. »Endlich! Da!« Er drehte sich nach ihr um und sah sie mit einem seltsamen Lächeln an, die, da es heiß im Zimmer war, eben den Mantel aufknöpfte. Er sprang hinzu und nahm ihn ihr ab. »Du bist so blaß,« sagte sie.

»Ja, mein Gott« – und immer wieder mußte er eine rebellische Locke aus dem Gesicht schieben, die zu tief hineinfiel. »Ich – ja – ich werde das jetzt spielen. Siehst Du: Beethoven.«

»Ich bin geschlagen.«

»Soll ich spielen?«

»Aber natürlich.«

Er schlug den Deckel des kleinen Pianos auf, das in einem Winkel stand, stellte Notenbuch und Lampe darauf: »Ich kann es auswendig, aber – damit Du Dich überzeugst,« sagte er heiser.

»Ja. Ach, Deine Lampe! Die muß Dir die Wirtin einmal blank putzen.«

»So?«

»Und dieser Staub hier! Du, Du, weißt Du, wie man das nennt: polnische Wirtschaft.« Sie lachte leise.

Er lächelte mit schmerzlicher Ironie.

»Man muß heiraten – nicht wahr? – man sollte – – hier ist die Stelle!«

»Fang nur an.« Und da spielte er, schlecht zuerst, mit klammen, zitternden Fingern danebengreifend, ausdruckslos; dann wunderschön, singend, schwellend, jubelnd, groß und edel.

Wanda Rhode hatte in einem Rohrlehnstuhl Platz genommen und hörte ganz verloren zu. Ihr kleines Abenteuer war beinahe feierlich, ja wirklich, es war feierlich, die Thränen traten ihr in die Augen, während sie auf die grün schablonierte Wand und den Sieg Sobieskis starrte. Als er aufschaute, war eine Pause zwischen ihnen.

»Spiel' jetzt was Lustiges,« sagte sie; »ich bin ganz traurig geworden, ganz traurig. Spiel' einen Krakowiak.«

»Gewiß.« Und er spielte. Er spielte glühend, er spielte seine ganze Leidenschaft in die Wirbel eines Nationaltanzes, sein ganzes heißes Mannesbegehren, das ihr harmlos-kecker Besuch heraufbeschworen.

Es zuckte Wanda durch alle Glieder, sie bewegte den Kopf nach der Melodie, fing an, sie mitzusingen und endlich mit den Füßen leicht den Takt dazu zu treten. Mit einem Mal brach er ab und sprang auf, auch Wanda erhob sich, Zärtlichkeit, Lust und Übermut sprühte aus ihren Augen. »Ich danke Dir sehr, es war schön. Und nun geh' ich wieder,« sagte sie.

Der Pole aber stürzte vor ihr nieder, umklammerte ihre Kniee und drückte den Kopf in die Falten ihres Kleides. »Du – bist zu mir gekommen – Du –«

»Steh' doch auf, Witold,« bat sie ängstlich.

Da stand er auf. »Liebst Du mich aber? Sehr!? Sehr?«

»Ich lieb' Dich sehr.«

Aber während sie sich an ihn lehnte, überkam sie ein Angstgefühl und eine heiße Unruhe, und sie suchte sich wieder los zu machen. »Laß mich, Witold.«

Doch er umschloß sie nur fester, und während er sie an seine schweratmende Brust drückte, knüpften die Finger seiner Rechten an einem kleinen Tuch, das sie, um den Hals trug, und an den Bändern ihres Hutes. »Laß' doch das.«

»Laß'? – ja – laß' nur, gieb – Deinen Hut – und das auch – das – Du mein, mein, mein!«

»Witold, was thust Du denn, was fällt Dir ein!«

»Ich lieb' Dich, ich lieb' Dich! und Du – wirst mir angehören, ganz mir, mir, süßestes Weib!«

Sie gab ihm einen Stoß vor die Brust, daß er zurücktaumelte, griff nach ihrem Mantel, den sie schnell umwarf und rannte hinaus, die dunkeldämmerigen Treppen hinunter, zitternd, mit einem Herzklopfen, das ihr den Atem benahm, ganz aufgelöst von Scham und Zorn. »Diese – Bestien, ob sie weiter nichts wissen! Diese Bestien!«

Jetzt – rechts oder links? – rechts – dort die Hausthür – – Gottlob, sie war gerettet!

Gerettet – ja. Die Liebe in Feiertagsgewändern hatte ihre Schleier abgeworfen und sich frech und hohnvoll gewandelt, die Himmlische hatte die Engelslarve abgethan und sie angestiert mit brutalem Grinsen. Warum hatte er ihr das angethan! Was sie bei ihm gesucht, war ja doch nur die Poesie der Liebe, das selige Wandeln in ihren lichteren Vorhöfen, war gerade das, was die Ehe nicht war.

Und dann – überkam sie mit einem Male das gräßlichste Gefühl, wie ein Glutstrom, der sich aus seinem Begehren in ihr Blut ergoß: sie wäre vielleicht eines Tages – nicht heute, nicht morgen – doch wer kann für alle Zeiten gut für sich sagen? – vielleicht – diesem Begehren gewichen –

Nein! nein! gewiß nicht! nie!

Aber schon daß sie es einen Augenblick lang denken gekonnt, war möglich, weil er ihre Liebe in den Staub getreten und den Boden, auf dem sie gewandelt, unter ihr fortgezogen!


Wanda war etwa eine Viertelstunde fort, als Rhode mit einem Licht in den Händen bei Madame Gernoth eintrat, die im Wohnzimmer am Fenster stand und in die Schneenacht hinaussah.

Er sah blaß und aufgeregt aus.

»Ich habe keine Ruhe – es war Unrecht, sie allein fortgehen zu lassen – und sie sagte, sie gehe manchmal des Abends allein fort – wohin geht sie, da es sich nicht immer um ein Kleid handeln kann?«

»Sie ist auch heut nicht um das Kleid gegangen,« sagte Frau Florentine hart, »es hängt fertig im Schrank.«

»Mein Gott, was soll das denn heißen? und warum machen Sie so unheimliche Augen, Mama? Sprechen Sie doch.«

Sie zögerte. »Soll ich zur Verräterin meines Kindes werden?« sagte sie dann.

»Um alle Barmherzigkeit, foltern Sie mich nicht so! Ich habe ein Recht zu wissen, was Sie wissen.«

»O ja,« sagte die Frau bitter, »Rechte haben Sie immer, ob Sie auch Pflichten haben, größere Pflichten, als Ihre Frau dürftig satt zu machen, darnach fragen Sie nicht. Also denn: sie hat ein Liebesverhältnis mit dem Musiker Kreowski.«

»Nein!« schrie er.

»Ja.«

»Seit wann?«

Madame Gernoth tupfte ein paarmal leicht auf den verhängnisvollen Sekretär und sagte: »Seit Sie – das Geld hier herausgenommen haben.«

Einen Moment lang war eine Totenstille zwischen ihnen. »Es ist dennoch nicht wahr,« sagte er endlich gequält.

»Ich traf sie jüngst zusammen, unweit des Kaiserthores am Eisberge. Ich glaube, sie treffen sich öfter dort. Gehen Sie sie suchen.«

»Ich gehe,« sagte er heiser.

»Vergessen Sie indes nicht, welcher Teil der Schuld an Ihnen liegt. Ich möchte mein Kind nicht einem uneinsichtigen Richter verraten haben, sondern einem, der fühlt, daß er –«

»Mitschuldiger ist. Ich begreife.«

Sie leuchtete ihm, Hut und Mantel zu finden. Beide zitterten. Es war kalt und eine große Qual in beider Seelen. Dann ging er.

Die Luft war rauh, bunt glitzerte der hartgefrorene Schnee und knirschte unter seinen Tritten.

»Es ist ja nicht möglich, nicht möglich!« dachte er immerfort. Er sah sie ganz deutlich vor sich, ganz nahe, mit diesem geistreichen Nixenlächeln, mit diesen leuchtenden Augen, mit dieser schmalen, leicht geschwungenen Nase, dem edlen Oval, dem Rhythmus aller Linien und Bewegungen: das »Wunder eines Weibes,« das er sich langsam gewöhnt hatte, zur Haushälterin und zum Objekt seiner gewohnheitsmäßigen, pflichtmäßigen, handwerksmäßigen Zärtlichkeiten herabzudrücken, denen alles Impulsive, alles Innerliche, alles Tiefe und Verehrungsvolle abhanden gekommen war. Und mit dieser Art Zärtlichkeit hatte er sie von sich gedrängt, der Zärtlichkeit eines andern entgegen – – bis – wohin?

Bis – bis –? Er mochte es nicht ausdenken?

Bis zur Vernichtung ihrer und seiner Ehre ....

Nein, nein – das war unmöglich! so weit verlor sie sich nicht, so weit hatte er sie nicht verloren!

»Gott, mein Gott!« schrie es in ihm, während heiße Glutwellen ihm zum Herzen schossen. »Gott im Himmel – das nicht!«

Da war der Eisberg – da das Kaiserthor! Er blieb einen Augenblick stehen; wohin sich wenden?

Da sah er eine weibliche Gestalt die Burgstraße herunter fliehen. »Wanda!«

»Ah! – Du?«

»Was thust Du hier?«

»Ich bin auf dem Nachhausewege.«

»Warum bist Du so sehr gerannt? Deine Wangen glühen und alles zittert an Dir.«

Da brach sie in Thränen aus. Er nahm ihren Arm und zog ihn unter seinen. »Wanda, um Gottes willen, was ist vorgefallen, verschweige mir nichts.«

»Dieser unverschämte Mensch, dieser –«

»Kreowski?«

»Woher weißt Du –?«

»Genug, ich weiß, daß Du mit diesem Manne – ein – ist es denn wirklich wahr?«

»Nun – ich hatt' ein bischen eine Liebelei mit ihm – ja! Man will eben auch irgend etwas vom Leben haben, wenn man – doch eigentlich – keinen Mann hat!«

»Du hast keinen?«

»Nein. Gerade zum Suppe kochen, Socken stricken und – und – na ja, prachtvoll! Und Kreowski, der liebte mich wirklich und ehrte mich so hoch und war immer so zart und rücksichtsvoll, und nun – – ach!«

»Sprich doch bloß, sprich!«

»Nun stritten wir uns, ob Mozart oder Beethoven – und sind gerade vor seiner Wohnung – und ich sag: ich werde mit hinauf gehen, da können Sie nachsehen. Und so gehen wir hinauf. Und dann – wird er eben unverschämt! Wo ich mit keiner Seele an so was – Greuliches gedacht hab! – Jesus – das, ja das kann ich freilich zu Hause auch haben! Und ich wollte doch Liebe, Liebe, richtige Liebe! Ach wie ich ihn hasse!«

Er atmete auf. Sie war doch ein Kind, ein glänzendes, geistreiches Kind. »Hassest Du mich auch?« fragte er zärtlich.

Sie antwortete nicht. Schluchzend ließ sie den Kopf auf seine Schulter sinken, im Schmerz über ihre gekränkte und verlorene Liebe in dem Gatten den Freund suchend, dem sie ihre Klagen darum ausschütten dürfe.

Doktor Rhode nahm ihren Schmerz für Reue und eheliche Zärtlichkeit. Ohne weiter zu sprechen, gingen sie nach Hause. Als Madame Gernoth, die angstvoll am Fenster harrte, sie Arm in Arm in die mondbeglänzte Straße einbiegen sah, verließ sie die Wohnung und schlüpfte nach der andern Seite hinunter. Sie war nicht die Person, die Dritte abzugeben, wo zwei Eheleute miteinander fertig werden mußten. Genug, daß sie zusammen kamen. –

Er führte sie in sein Studierzimmer, das die Wärme am besten zu halten pflegte, nahm ihr Hut und Mantel ab, rieb ihr die erstarrten Hände und braute ihr über der Berzeliuslampe einen Thee. Dann setzte er sich neben sie, umschlang sie, strich ihr das Haar aus der Stirn und trocknete ihre Thränen.

Sie ließ ihn schweigend gewähren, merkwürdig schnell beruhigt und ohne auf seine Zärtlichkeit zu reagieren.

Endlich sagte er weich:

»Wanda, laß' mir Dir etwas erzählen. Es war einmal ein Mann, der besaß einen köstlichen Diamanten, auf den war er über die Maßen stolz, steckte ihn in einen ledernen Beutel, den Beutel in die Tasche und zog seines Weges, Kiesel zu suchen. Wie er sich aber nach einem gar großen, blanken Kiesel bückte, fiel ihm der Beutel samt Kleinod hinaus, und er merkte es nicht. Da kam einer des Weges, der hob den Schatz auf und hätte ihn – beinahe – zu sich gesteckt, wenn der andere es nicht plötzlich gemerkt und ihm den Demant noch rechtzeitig entrissen hätte. Wanda – und war der Mann sehr dumm oder – sehr schlecht?«

»Sehr dumm.«

»Und wenn der Dumme fortan ein ganz, ganz kluger Mann sein will und sein Kleinod allezeit an seiner Brust hegen als das größte Gut und den einzigen Schmuck seines Lebens – Wanda?«

Sie schwieg und lächelte seltsam. Er dachte sich das so billig, so leicht. Glaubte er mit einer Parabel und ein paar Küssen, glaubte er mit einem Versprechen die Schuld jahrelanger Vernachlässigung, all' der egoistischen Rücksichtslosigkeit, die sich mit der Neigung eines Mannes zu verschmelzen weiß, vergessen zu machen? Es ist der Nachteil des Mannes in der Ehe, daß er zu wenig über sie nachdenkt, indes die Frau, der sie einziger Beruf ist, den Wert aller ihrer Beziehungen und Stimmungen, jedes Mißverständnisses, jedes schwebenden Wortes durchzudenken Gelegenheit nimmt. Oder vielleicht auch ist das sein Vorteil, diese größere Plumpheit des Empfindens.

»Warum lächelst Du so seltsam, so ironisch?« fragte er unsicher und von ihrem Schweigen verletzt.

Wanda Rhode nahm einen Streifen Papier, der auf dem Tische lag, wickelte ihn über die Finger und wieder ab und sagte dann:

»Diese Parabel, die Du da erzähltest, klang ja sehr schön und war gewiß ehrlich gemeint, schließlich – war sie doch nur Phrase. Denn jenem Manne mit dem Kleinod, das er fernerhin hüten und ehren will, wird diese gute Absicht nicht lange nützen. Bei nächster Gelegenheit werden ihm die Kiesel doch wieder als Brillanten gelten, und er wird sich nach ihnen bücken und den »Demant,« wie Du sagtest, vergessen. Wie denn keiner für seine Augen kann und alle Dinge den Wert haben, den unsere Augen ihnen geben.«

»Wage es immerhin noch einmal auf meine Augen!« bat er. »Versuche es noch einmal, mich ein bischen lieb zu haben, mich zu verstehen, Dich in meine Interessen einzuleben und so Nachsicht mit mir zu haben. Und Du wirst mir nie mehr verloren gehen, noch ich Dir.« Sie sah ihn an, der bittend die Hände nach ihr ausstreckte, und eine Rührung überkam sie, ein Zittern und Aufschluchzen. »Wanda!«

»Ach, es ist zu, zu gräßlich!«

»Was?«

Sie stand auf, stützte die Hände auf die Tischkante und starrte gequält in eine Ferne, die nicht da war.

»Was ist Dir, Kind? sprich doch! Sage mir, was ich thun soll, daß alles wieder gut würde! Habe doch noch einmal Vertrauen zu mir!«

Sie lächelte trübe.

»Habe mich doch noch ein einziges Mal lieb!« Die Stimme brach ihm fast vor Schmerz, und Thränen traten ihm in die Augen. »Wanda!«

Da sprach sie.

»Dies wäre die Stunde, könnte sie sein, die uns alles wiedergäbe, alles verlorene Vertrauen, alles verlorene Glück, jene goldnen Tage, jene junge Seligkeit –«

»Und warum kann sie es nicht? Laß' sie uns das doch wiedergeben. Liebste! Warum sollte uns das alles nicht wieder werden?«

»Weil – ach Gott! – weil – das wieder ist ... Alle diese Qualen, diese Not und dieses Elend. Und ich will nicht, will nicht! Lieben? man liebt doch nicht seinen Peiniger und Verderber!«

»Deinen Peiniger –«

»Neben Kreowski konnte ich es wenigstens vergessen. Aber hier, hier, wo die Angst vor dem Ende in jedem Winkel lauert! Und wenn ich nur wenigstens diesmal stürbe, daß ich es nicht ein fünftes Mal erleben müßte! wenn ich lieber vorher stürbe!«

»Also das ist es? – Und das ist Dir so schrecklich?«

»Es zerreißt mir die Seele! Ich will nicht! Es wird auch wieder sterben! Ewald, hörst Du denn nicht? ich will nicht! Ich will lieber sterben!«

Er schloß sie in die Arme, gab ihr hundert gute, zärtliche Worte und suchte sie zu beruhigen. Aber ein Dunst von Bier und Tabak, der von seinen Lippen und aus seinen Kleidern auf sie eindrang, erregte ihr ein widriges Gefühl und machte jedes Wort von vornherein zu einem verlorenen.

Sie machte sich los von ihm, der verzweifelnd wahrnahm, wie ihre Erregung sich zur Ekstase steigerte. »Da hinten, ganz dort in der Ferne, siehst Du, da lauert es – und kommt heran – immer näher – das – und das andere Gräßliche: die Geldnot, der Ärger, der Schmutz und das Schrecklichste, – – der Tod! Und da wieder – da! – die Sehnsucht nach Glück und Leben, nach Schönheit, nach Rhythmen und Tönen – und nach Liebe, Liebe, Liebe

»Wanda!«

»Und wenn es mich nicht tötet, wird es meine Seele verderben, hörst Du? meine Seele! Denn wer, wer ist Herr seiner Seele, wer von uns, die wir nicht einmal Herren unseres Leibes sind? wer Herr seines Hungers, seiner Sehnsucht?« –

Er zuckte die Achseln. Er beklagte sie, aber zugleich verletzte ihn ihr Abscheu vor einem Zustande, der ihr ihn selber abscheulich machte, der ihm Freude verhieß und der doch manche andere Frau selbst sogar beglückte.

»Es ist nutzlos und thöricht, sich gegen göttliche Einrichtungen aufzulehnen,« sagte er.

»Göttliche? Das ist kein Gott, dieser Schöpfer, der die Hälfte der Menschheit dem Manne in die Hände gespielt und mit der Mutterschaft geschlagen hat!«

»Du bist schrecklich.«

»Ich? nein. Jener!«

Er war allein.

Dumpf erschüttert, schweratmend, gefoltert von einem ungeheuren Schmerz, stand er lange inmitten des Zimmers und starrte auf die Thür, die sich hinter ihr geschlossen.

Dann trat er ans Fenster. Kein Mondstrahl traf das enge Gewinkel von Höfen und Hinterhäusern da draußen. Es war ganz dunkel. Dunkel wie diese ewigen Daseinsfragen, die der in glücklicher Geistesenge Lebende nicht kennt, und an denen der ringende Geist, das leidenschaftliche Gefühl zur eigenen Qual herumrätselt, um nur einen, einen Strahl zu erhaschen von dem ewigen Lichte, das er ahnt, einen Strahl, der seine Finsternis erhellte.

Aber es blieb dunkel, wie sehr er auch an den Falten des Mantels zerrte, in denen die Gottheit sich verhüllt; und seine Wünsche, seine Empfindungen blieben, die sie waren, wie sehr er an den Fasern des eigenen Herzens riß, das sein Verlangen dem Weibe zuwandte, die ihn ihren Peiniger und Verderber genannt.

Was war nun das Leben?

Nichts, nichts als ein beständiger Konflikt! Nichts als ein ewiges Gewühl von Täuschungen und Irrtümern des Kopfes und des Herzens! Nichts als ein Kampf, der hier vernichtet, um dort leben zu lassen!

Es blieb dunkel. –

Indessen hatte sich von einem Seitentische her ein feiner scharfer Geruch verbreitet, der jetzt seine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Er ging dorthin und beugte sich über den aufgestellten Apparat.

»Ah – die Zersetzung schreitet fort, schon entwickelt sich Strom. Es wird gut werden!« Und damit überkam ihn etwas wie frohe Zuversicht überhaupt. »Alles wird gut werden, alles! wird der Anfang neuen Glückes werden und herrlichen Gelingens.«

Er nahm es an mit dem Optimismus der moralischen Bequemlichkeitsliebe, des Ruhebedürfnisses; obgleich er ihn selbst anders nannte: ein neuerwachtes Gottvertrauen und einen starken Glauben an den Sieg des Guten in der Welt.

Adolf Niese, Saalfeld i. Th.