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Eheglück: Roman

Chapter 9: Achtes Kapitel.
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About This Book

The narrative unfolds in a provincial spa town where a divorced mother and her daughter live modestly amid persistent gossip and social scrutiny. Against promenades, reunions, and bathing rituals, the account traces the daughter's delicate health, household hardships, and restrained interactions with others. Close character studies and scenic framing reveal undercurrents of unspoken longing, moral hesitation, and self-sacrifice. The work meditates on the tensions between outward respectability and private feeling, showing how duty, reputation, and hidden affections shape choices within a tightly observed community.

Fünftes Kapitel.

Nachdem Wanda ein paar Stunden schlaflos verbracht, dämmerte der Morgen nach jener Réunion, auf der sie Kreowski wieder begegnet war, trübe herauf und brachte einen feinen Sprühregen, der auffrischte, ohne alles unter Wasser zu setzen.

Als Wanda auf dem Kurplatze erschien, umdrängte man sie von allen Seiten und sie hatte alle Hände voll zu thun, die schönen Redensarten, mit denen man sie begrüßte, zu parieren und all den schmachtenden und feurigen Blicken um sie her Stand zu halten. Die Männer kokettierten damals noch nicht mit soviel militärischer Zusammengerafftheit wie heute – die Sentimentalität war auch bei ihnen eine schöne Tugend und respektvolle Galanterie ein Zeichen urbaner Bildung – aber man kokettierte ebenso gern.

Es war ihr lieb, daß Kreowski nicht darunter war.

Als sie sich aber später in einen der sanftaufsteigenden Seitenpfade verlor, fand es sich, daß er sie dort in ahnungsvoller Hoffnung erwartet hatte. Es war ein reizendes Stück Weges, das sie zusammenführte. Die Badeverwaltung war hier schon mit allerlei Anlagen vorgegangen, hatte Wege graben, befestigen und zu beiden Seiten mit jungen Lärchen einfassen lassen, die mit ihren hellgrünen zart gefiederten Zweigen traumhaft in dem leise wallenden Nebel standen.

Sie war ein Stück gegangen, als sie stehen blieb, versuchend, ihre Gedanken ganz von diesem grünen, dämmernden Märchen einspinnen zu lassen, diese Gedanken, denen sie abwechselnd nachhing und zu entfliehen suchte. Da trat er ihr in den Weg.

»Verzauberte Königskinder,« begann er, »die sich zu einem stummen Reigen an den Händen fassen, um ihrer Herrin ihre Huldigungen darzubringen. Erlauben Sie, daß ich mich ihnen anschließe, obgleich meine Huldigung weiß und papieren ist und ich den Reigen schon gestern Abend aufgeführt habe. Ich würde Ihnen die Rolle zu Füßen legen, wenn das nicht meine Huldigung erniedrigen und die Fleckenlose beflecken hieße. Also in Ihre verehrten Hände.«

Sie dankte ihm mit einem Lächeln, das ihm reichster Dank schien. »Wie hübsch, daß Sie heute heiter sind,« sagte sie.

»Heiter? Glückberauscht!«

Sie errötete ein wenig, fing dann an von Holtei zu sprechen und redete endlich allerhand durcheinander: von dem Badevorstand, der Friederike von Sesenheim und den Epheulauben, die sie Schlupfwinkel für Strumpfwirkerleidenschaften und Spielhöllen für Domino- und Lottospieler nannte. Sie besaß eine beneidenswerte Geschicklichkeit, kleine Verlegenheiten zu Tode zu schwatzen, und wenn ein paar Spöttereien mitunterliefen, hörte es sich ihr darum nicht schlechter zu.

Er war so entzückt und so guter Laune, daß es ihm sogar gelang, auf ihren Ton einzugehen.

Mit einem Male, in all ihre Narrheiten hinein, brach die Sonne hervor und durchglomm den weißlichen Dunst um sie her silbern und goldig, rieselte an den moosumsponnenen und rötlichen Stämmen der Buchen und Kiefern herab und glühte in tausend bunten Farben an jedem Blatt, jeder Nadel, jedem Hälmchen am Wege, daß es wie ein Glückserschauern durch den ganzen Wald ging.

Da verging ihnen alles Geschwätz. Sie standen wie verzückt, sahen in die Wunderwelt um sich her, sahen sich an und lächelten.

Dann begann Kreowski leise eine Melodie zu summen. Das hatte etwas wundervoll Feierliches und Unmittelbares. Sie hörte andächtig zu, sie begriff, daß sich ihm die Stimmung der Stunde in Töne umsetzte, und das Schöpferische neben ihr erschien ihr heilig.

»Das wäre das leise Rauschen des Regens durch die Blätter und das Wogen der ziehenden Nebel gewesen,« sagte er. »Sehnsuchtsvoll, schwermütig. Jetzt aber – jetzt der Durchbruch der Sonne, der Glücksstrahl, der alles überloht! Aus es moll über es-dur in e-dur. Trah – tratatatah!! Das müßten die Trompeten machen, die haben zugleich das Herzzerreißende und das Glänzende.«

»Muß es denn herzzerreißend sein?«

»Es muß so sein, weil es so ist. Aber ich erscheine Ihnen wohl als ein thörichter Phantast, Ihnen, die Sie glücklich sind, wirklich glücklich, wie Sie gestern sagten, und die Sie nicht begreifen können, daß wir abgeschmackt werden, wenn wir's nicht sind, so abgeschmackt, daß wir uns sogar die Gaben mitleidiger Teilnahme behagen lassen, die uns vielleicht demütigen sollten.«

Sie sah ihn an und schwieg doch. Es war wie gestern: das Pathos zwischen ihnen ging nicht, sie mußte einen andern Ton suchen. Und ihrer leichtbewegten Natur fiel das nicht schwer.

»Was Sie doch alles reden!« rief sie lachend. »Ich wollte, es machte Sie ein bischen lustig, wie wir hier zusammen spazieren gehn, während die verzauberten Königskinder hochachtungsvoll und ergebenst zur Seite stehn und ihre Nebeltaschentücher schwenken, wenn wir kommen, die Sonnenstrahlen sich in schlüpfende Eidechsen verwandeln, die Wassertropfen rot werden vor Vergnügen und die Blumen sich wichtig zuflüstern: dort kommen zwei Phantasten, die denken, sie sind Menschen wie die andern auch, weil sie auf zwei Füßen gehn und reden wie die andern auch. Aber diese guten Leute sind Flüchtlinge aus Genieland, sie tragen die Flügel unter ihren Flanelljäckchen, weil Flügel im Philisterlande durchaus unmodern sind und sie sich ihrer also schämen müssen. Und bloß wenn es die andern nicht sehen, legen sie Jäckchen und Fräckchen ab, breiten ihre Flügel aus und kehren auf ein paar Stunden in ihre Heimat zurück. Eines Tages aber werden sie kommen wie Simson, werden irgend einen großen Esel unter den Philistern erschlagen und mit seinen Kinnbacken die übrigen ausrotten und dämpfen mit der Glut ihres Geistes.«

»Wundervoll!«

Sie lachte.

»Und werden,« nahm der Pole ihre Phantasterei auf, »das Evangelium verkünden, das die Augen und Ohren aller Sterblichen jauchzend vernehmen werden und lachend mitteilen ein Mund dem andern, das Evangelium von der Kraft und Tugend, die eine Kraft und Tugend ist über alle: das hehre, jubelnde Evangelium von der Schönheit.«

»Sie schwärmen.«

»Was könnte ich besseres thun? Ich, der ich sie anbete im Geist und in der Wahrheit, der ich ihrer Gläubigen demütigster und zugleich ihr Hoherpriester bin? Der ich trunken bin von dem Trank meiner Augen und als ihr Blutzeuge sterben wollte, – wenn Sie es forderten?«

Diese Art Unterhaltung, geistreichelnd, pathetisch und voller Schmeichelei für Wanda war nur allzu sehr nach ihrem Geschmacke. Dennoch fühlte sie, daß sie bereits wieder an der Grenze angelangt waren und daß es Zeit war, den Ernst zu persiflieren.

»›Und die blutgefüllte Schale reicht er ihr zum Opfer dar!‹ Schauderhaft! Ich merke, man ist seines Lebens neben Ihnen nicht sicher, denn leicht könnte der neue Hohepriester die Schärfe seines Messers an seinen Nebenmenschen wetzen wollen, ehe er sich selber darbringt. Gehen Sie und besänftigen Sie erst Ihr barbarisches Gemüt, eh ich mich wieder in Ihre Nähe wage.«

Und sie lief ihm lachend davon, den Abhang hinunter, ihm ihre spöttischen Grüße hinaufsendend, ehe sie ganz verschwand.

Als sie nicht mehr zu sehen war, schwand Lächeln und Glückseligkeit aus seinem Gesicht. Halb schwermütig, halb verwundert starrte er ins Leere vor sich nieder. Was für gekräuseltes Zeug hatte er noch eben geredet, das er nie vorher gedacht, das seiner Art zu denken und zu empfinden neu und seltsam war. Aber war es denn so, daß uns die Liebe in Augenblicken der Ekstase uns selbst entfremdet und uns Worte reden läßt, wie aus anderem Munde? Daß sie uns bald blind, bald hellseherisch, heut zu Propheten, morgen zu Gotteslästerern macht?

Langsam ging er den Weg hinunter. In einem leisem Winde rauschten die regenschweren Bäume, rauschten Tropfen, Melodieen auf ihn nieder; schwermutsvolle Melodieen, wie Thränen, die wir zögernd vergießen, weil uns angst wird, daß wir uns selber verlieren, bis sie sich zu Freudenthränen wandeln in dem jauchzenden Bewußtsein, daß das Fremde in uns Gewinn, Zuwachs, Steigerung unser selber war, und daß es die Flut unserer Schmerzen ist, in der die Sonne unseres Glückes sich am hellsten spiegelt. – –

Sechstes Kapitel.

Es war etwa anderthalb Wochen nach jenem Tage, da Holtei die Salzbrunner Badegäste mit seiner Vorlesung aus »Lorbeerbaum und Bettelstab« entzückt hatte, daß Madame Gernoth und ihre Tochter wieder einmal im Buchengange lustwandelten, zwischen sich das Kind führend.

»Die Gerichtsrätin aus Brieg hat mir ein sehr hübsches Muster zu einer Strumpfkante gegeben, wie aus kleinen Fächern zusammengesetzt. So will ich Klärchen ein paar Sonntagsstrümpfel stricken.«

»Was wirst Du Dich nur so quälen.«

»Es soll mir Freude machen.«

»Wie Du willst, Mutter.«

»Die Registratorin, denk nur, schüttet Salz in das Faßbier, sagt sie. Sie zieht alle vierzehn Tage welches ab. Aber wo hat man das gehört? Das muß abscheulich schmecken, ordentlich giftig.«

»Die einen mit ihrer Liebe, die andern mit ihrem Salz.«

»Du interessierst Dich auch für nichts Vernünftiges mehr.«

»Dazu ist dann in Breslau wieder Zeit genug. Wenn Hauswirtschaft denn das Vernünftige schlechthin ist.«

»Die Fräulein Meier, die Lehrerin, hat mir ein Gedichtbuch geborgt, es ist von einem Grafen Strachwitz.«

»Ach ja, Strachwitz! ›Mein treues Roß, mein Spielgenoß.‹« Dann ließ sie auch dieses Thema wieder fallen.

Madame Gernoth sah sie von der Seite her an. Wanda lächelte vor sich hin. Eine ganze Zeitlang gingen sie nebeneinander und schwiegen, die Mutter verletzt, die Tochter unruhig und von irgend etwas voreingenommen.

An einer Biegung des Weges stießen sie auf Bekannte, eine Mutter und drei Töchter, mit denen sie einige Worte wechselten. Nachdem die Damen wieder außer Hörweite waren, bemerkte die Gernoth:

»Wie waren die wieder aufgedonnert, und ist nichts dahinter. Die Krause sagt, sie kaufen die übertragenen Toiletten einer Baronesse Richthof und suchen Einen damit einzufangen. Du lieber Gott, die garstigen Dinger! Die und Registrators sind die richtigen Mexikaner.«

»Mexikaner?«

»Nun – Mexikaner – Magsiekeiner. Der Polowski machte neulich den Witz.«

Die Doktorin lachte, sie lachten alle beide. Sie waren gewiß nicht böse, aber der Spott über die »Sitzengebliebenen« war eine der Grausamkeiten, die jede Zeit in reicher Fülle besitzt und die wir erst als solche empfinden, wenn wir sie abgelegt haben.

»Wer ist denn der Polowski?«

»Ich meine den polnischen Musikanten.« – Wanda schwieg verletzt.

»Man begegnet dem Menschen ewig. Paß mal auf, er wird uns gleich wieder begegnen und ansprechen.«

»Er mißfällt Dir natürlich?«

»Er hat so was Unmännliches!«

»Nach Deiner eigenen Erklärung, Mutter, ist Männlichkeit nichts als eine Dosis Anmaßung, Brutalität und – na, was war es denn noch? ja: Treulosigkeit. Wenn aber einer nicht so ist, nennst Du ihn unmännlich. Dir ist eben keiner recht.«

Madame Gernoth sagte hierauf nichts. Sie war eine kluge Frau, aber Haß und Verbitterung machen den Klügsten unlogisch. Es war ihr sehr lieb, daß ihre Enkelin jetzt ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.

»Können die Bäume auch sprechen?« fragte das Kind.

»Freilich,« sagte die Großmutter wichtig, »hast Du noch nicht gehört, wenn der Wind puh, puh bläst, wie dann die Bäume rauschen und miteinander plaudern? Paß nur mal auf, wie sie sich dann unterhalten und tiefe Diener machen, ihre Arme nacheinander ausstrecken, sich ihre schönen Blumen hinhalten und sagen: riechen Sie mal, Herr Nachbar. Und dann riecht der Herr Nachbar an dem Bouquet und sagt: Hazzi. Da! horch mal! Hörst Du, wie sie jetzt sprechen?«

»Ja. Hörst Du's auch, Machen?«

»Jaja. – Freilich, nun wundert's mich nicht mehr, wenn sie die Tischbeine sich unterhalten läßt und von den Fußbänken Mordgeschichten erzählt. Sie ist ein kleiner Phantast.«

»Wenn man das erlebte!«

»Was, Mutter?«

»Daß sie Bücher schriebe. Wie die Paalzow und die Carlèn, weißt Du.«

»Dann würde sie aber keinen Sinn für die Strickmuster und das Bierabziehen haben, und das würde Dir auch nicht recht sein.«

Madame Gernoth schwieg wieder. Nein, das würde ihr nicht recht sein. Eine ordentliche Frau mußte für so etwas Sinn haben. »Wir wollen uns ein bischen setzen,« sagte sie.

Die Frau Doktor hob ihr kleines Mädel auf und setzte es auf die Bank.

»Sag von Eia popeia,« bat die Großmutter.

»Eia –«

»Nein, sag lieber: mein dunkles Herze,« meinte die Mutter.

»Mein dunkles Herze lieb dich,
Es lieb dich und es bicht,
Es bicht und zuckt und verbutet, –
Aber du siehst es nicht.«

Die letzte Zeile sagte das Kind im Ton herzlicher Begütigung, was von überwältigendem Effekt war.

»Aber Du bist toll, Wanda, Du bist toll,« schalt die Großmutter, während sie doch mit beglücktem Lächeln die kleine Deklamatrice an ihre Brust drückte.

Die junge Frau lachte helllaut. »Sie sagt es zu drollig, so wichtig und ernsthaft. Und zuletzt dieses: aber Du siehst es nicht.« Und nun küßten sie alle beide das Kind ab.

»Sie könnte Schauspielerin werden, Mutter.«

»Weiter gar nichts!«

»O, müssen wir auch alle Kaufmanns- oder Doktorsfrauen sein? Ich wollte, ich wäre auch Schauspielerin.«

»Du bist nicht gescheidt, danke Gott, daß Du einen guten Mann hast.«

»Ich spielte das Gretchen oder die Ophelia. Oder das Klärchen!«

Und da sprang sie auch schon auf, breitete die Arme aus, nahm eine zärtliche Miene an und machte ihrer Tochter Konkurrenz:

»Freudvoll und leidvoll,
Gedankenvoll sein,
Langen
Und Bangen
In schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrübt,
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.

›Laß das Eiapopeia,‹ sagt die Mutter drauf,« fügte sie bei.

»Wirklich, ich muß hier auch so sagen,« schmollte Madame Gernoth.

»Scheltet mir's nicht, es ist ein kräftig Lied. Hab' ich doch schon manchmal ein großes Kind damit schlafen gewiegt. – ›Du hast doch nichts im Kopfe als deine Liebe,‹ mußt Du jetzt sagen, Mutter.«

»Ach laß mich.«

»Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.«

Frau Gernoth machte ein finsteres Gesicht. »Schäme Dich doch! Hier auf öffentlicher Promenade! Es könnte jeden Augenblick wer kommen.«

»Oder als Ophelia mit Blumen im Haar: ›da ist Fenchel für euch und Agley – da ist Raute für euch, und hier ist welche für mich – ihr könnt nun Raute, mit einem Abzeichen tragen. Denn traut lieb Fränzel ist all meine Lust.‹« Oder sonst was:

»Und größer als aller Sehnsucht Qual
Ist meine Liebe zu Dir.«

»Hör doch auf. Wo Du nur die Narrheiten her hast.«

»Ich weiß nicht, wie Du bist, Mutter. Du bist glücklich, wenn Du einmal Verse lesen kannst und dann schwärmst Du: wie herrlich sagt der das, wie treffend! und obgleich Du das Theater immer verlästerst, hat Dir letzten Winter die Jungfrau von Orleans wer weiß wie gut gefallen. Aber daß in jemandem neben Dir, daß in Deiner Tochter etwas davon steckt, von dem Talent zu alledem, das willst Du nicht, das ist Dir keiner Achtung wert. Und so seid Ihr alle, alle! Ach, und ich halte es kaum aus vor Unruhe.«

»Aber einer bürgerlichen Frau kommt doch so etwas nicht zu. Wenn jemand zu einer Kunst erzogen ist, das ist doch etwas anderes. Und wenn ein Mädchen zur Hausfrau erzogen ist, so soll sie darin tüchtig sein.«

»Warum erziehst Du denn nicht die Nachtigallen, Hühnereier zu legen?«

»Ich weiß gar nicht, was in Dich gefahren ist.«

»Es ist gar nichts in mich gefahren. Nur in den letzten Jahren war ich tot, und jetzt bin ich wieder aufgewacht. Aufgewacht! Und lebe! Ach, Mutter!«

»Wenn Du nur wieder zu Hause und bei Deinem Manne sein wirst, dann wirst Du schon wieder vernünftig werden. Du bist aufgeregt, weiß der Kuckuck woher. Geh ein Stückchen spazieren.«

Etwas Lieberes konnte Frau Wanda gar nicht hören. Sie sprang sofort auf und griff nach ihrem Schirm.

»Ich gehe da hinunter, auf die Mühle zu.«

»Da ist es zu einsam.«

»Bäume und Sträucher thun mir nichts.«

»Dir nicht, nein,« sagte die Mutter mißtrauisch; sie hatte vor einer Viertelstunde den Musiker dort hinunter gehen sehen.

Madame Gernoth hatte Kreowski sehr auffällig ihr Mißfallen zu verstehen gegeben, es dünkte ihr unpassend, daß er die Frauen so häufig ansprach und sie nahm an den Blicken Anstoß, mit denen er ihre Tochter zu verschlingen pflegte. Sie hatte ihm das in ihrer gelegentlich harten Weise gradezu gesagt. Seitdem hielt er sich fern. Aber sie konnte es nicht verhindern, daß der interessante Pole die Doktorin bei der Brunnenpromenade ansprach, während sie selbst das Aufräumen des Zimmers besorgte und das Kind anzog und fütterte, und sie hatte es nicht in der Gewalt, die Dauer dieser Brunnenpromenade festzusetzen.

Mit beflügeltem Schritt machte sich Wanda auf den Weg.

Warum sie ihn nur liebte?

Er war eigentlich kein bedeutender Mensch. Er hatte ein paar hübsche Talente, aber weder das dichterische noch das musikalische waren stark und umfangreich, sie gingen zu ausschließlich auf das Lyrische, und obgleich er hier Schönes und sogar Originelles leistete, verliehen sie ihm etwas Einseitiges und das, was Madame Gernoth das Unmännliche an ihm genannt hatte. Dennoch gefiel er Wanda gerade so, wie er war. Es war etwas Sanftes und Ehrerbietiges in ihm, das sie umschmeichelte wie die vollendete Beherrschung des guten Tones, die er besaß. Er war freilich kein akademisch-wissenschaftlich gebildeter Mann, aber dafür sprach er auch nicht mit der Wucht, der Härte und dem Hyperlogischen dieser Leute, und seinen Worten fehlte das Verletzende, das eine Meinung zum Gesetz erheben möchte. Bei alledem war er nicht ohne Geist und Schwung. Und er liebte sie. Mit dieser so schlecht verhüllten Leidenschaft, in der er sie mit Versen und Melodieen überschüttete, ohne jemals geradeheraus zu gestehen, daß sie ihr galten, ein Verfahren, das ihrem Verkehr das scheinbar Harmlose erhielt.

Sie schlug den Weg ein, auf dem sie des Morgens mit ihm zu promenieren pflegte, und es dauerte nicht lange, so trafen sie sich mit der Unfehlbarkeit, mit der sich Liebende in den Weg rennen.

Sie grüßten sich verlegen und gingen ein Stück schweigend nebeneinander. Es war heiß, und um sie her wogten die grünen dämmernden Schatten, die ganz durchwürzt waren von dem herben Duft des Eichen- und Buchenlaubes, von dem süßen Duft eines blühenden Buchweizenfeldes, das rötlich in der Sonne lag, und eines Kleeackers, und ganz durchzückt von zitternden Sonnenstrahlen, die sie umspielten.

Manchmal sagte er etwas Kurzes, Gleichgültiges, dann lächelte sie dazu oder seufzte oder sie gab eine ganz verkehrte Antwort, deren Sinnlosigkeit er indes nicht merkte. Warum es nur so ganz anders war, wenn man einander unversehens des Nachmittags hier traf, als wenn man des Morgens zusammen herschlenderte? Warum es so viel verwirrender war? Weil Sonnenglut sich breitet, wo früh dämmernde kühle Schatten lagen?

Auf einer Bank saßen sie ein wenig nieder, und damit schien er den Mut zu einer Mitteilung zu finden, die er bisher zurückbehalten.

»Ich habe einen Brief aus Breslau erhalten,« sagte er, »und eigentlich in der Hoffnung, Sie vielleicht einen Augenblick sprechen zu können, bin ich hergekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich – diese Stelle bekomme.«

»Ach – Sie bekommen sie!« rief sie erschrocken.

»Ich glaubte nicht, daß es Ihnen unangenehm sein würde,« sagte er gekränkt.

Sie schwieg und sah vor sich nieder.

»Ich – ich hatte gehofft, mich manchmal zur Dämmerstunde bei Ihnen einstellen zu dürfen. Ich habe sie so sehr gewünscht, diese Stelle. Deshalb – Warum sagen Sie nichts?«

»Es geht nicht.«

»Es geht nicht? Nicht, daß ich Sie sehe?«

Sie blickte wie hilfeflehend auf und in die Ferne, durch eine Durchsicht starrend, zu der das Unterholz sich lichtete. Ihr Atem ging stark.

»Es kann ja wohl sein, daß wir uns einmal zufällig begegnen – denn –«

»Und warum darf ich nicht zu Ihnen kommen?«

»Ich kann es Ihnen nicht sagen.«

Sie saßen ernst und bestürzt nebeneinander.

»Sagen Sie es lieber.«

»Nun denn: es war einmal an einem dieser Abende – wo man so ganz zusammenrückt – geistig, gemütlich – wo man seine Seele so umdreht wie einen Handschuh – dumm! aber es giebt solche Stunden – wenn man verheiratet ist – –«

»Gewiß, natürlich.«

»Wo man alles so voreinander auskramt: alte Blumen und Schleifen, ein paar altmodische Ohrgehänge, Schulprämien, seine Spargroschen, was weiß ich.«

»Jawohl.«

»Und wo man sich so allerlei Geständnisse macht –«

»Zum Beispiel?«

»Zum Beispiel, daß man – um ein Haar – um eines Andern willen zurückgetreten wäre – vor der Hochzeit.«

Sie stockte.

Er fragte nicht. Er bog einen Haselzweig zur Seite, der in den Weg hing und sah sie an.

»Und dann – sagt man sogar den Namen – eben des Andern.«

»Welchen Namen?«

»Witold von – – nun, jetzt wissen Sie es.« Sie lachte. Lachte mit dem desparaten Lachen und sprang auf.

So erhob auch er sich, bleich bis in die Lippen.

»Und Sie glauben, daß er Ihre Besuche dulden würde?« setzte sie hinzu.

»Wenn Sie ihm sagten, daß es heut doch nur – Freundschaft ist – von Ihrer Seite – auch dann –«

»Dann würde ich lügen.«

Kein Wunder, daß er sie jetzt in seine Arme schloß und küßte. »So glücklich, so grenzenlos glücklich soll ich sein!« stammelte er.

Aber sie machte sich los. »Glücklich? ›Mein Lieb, wir wollen beide elend sein,‹ wird das Programm wohl eher lauten. Haha!«

»Lachen Sie doch nicht so schrecklich! Lach' nicht so, Geliebteste.«

»›Wem so des Schicksals hübsche sieben Sachen‹ und so weiter! Um bei Heine zu bleiben. Aber genug für heute. – Auf morgen! auf morgen! Ich kann nicht mehr.«

Und leidenschaftlich riß sie sich los.

In allem Elend stand er doch mit einem glückseligen Lächeln und sah sie ihm wieder entfliehen.

Siebentes Kapitel.

Durch die gardinenlosen Fenster eines Parterrezimmers fiel ein Sonnenstrahl, der sich eben noch durch die Lücke zwischen zwei Hinterhäusern durchzwängte, und beleuchtete das Innere eines wunderlichen Gelehrtenheims, der Arbeitstube Doktor Ewald Rhodes. Die eine Wand dieses Raumes war hauptsächlich von hohen Regalen bedeckt, die ganz mit Büchern besetzt waren und zwar Büchern medizinischen, chemischen und physikalischen Inhaltes. Am Fenster stand ein Bureau, das als Schreibtisch diente und zugleich verschiedene Instrumente und Chemikalien barg. Ein ziemlich großer Tisch in der Mitte des Zimmers war mit Skripturen und Drucksachen bedeckt. Im übrigen war der Raum vollgepfropft mit allerlei Apparaten, Werkzeugen und Instrumenten, von denen indes nur einiges auf der Höhe der Wissenschaft stand, das übrige überholt und dürftig war, einiges, das der Doktor selber erfunden, geradezu seinen dilettantischen Ursprung verriet.

Aber es sind schließlich nicht immer die großen Laboratorien gewesen, aus denen die gewaltigen Erfindungen hervorgingen, die berufen waren, der menschlichen Kultur ein anderes Gepräge zu geben, und oft genug ist zwischen unbehilflichem Kram die Fahne aufgepflanzt worden, die weithin flatternd den Völkern die große Friedensbotschaft verkündete: im Anfang war die Kraft.

Doktor Rhode war Armenarzt und hatte einige Privatpraxis. Wenn diese nicht größer und gewinnbringender war, so lag das an seiner Ehrlichkeit. Aufs lebhafteste ergriffen von den Umwälzungen, welche sich gerade damals innerhalb seiner Wissenschaft vollzogen, war er nicht Charlatan genug, mit imponierender Sicherheit aufzutreten, wo neue Entdeckungen die bisher gültigen Behandlungsweisen in Frage gestellt hatten, und obwohl er pflichttreu und hilfsbereit war, fühlte sich ein starker Forschungstrieb in ihm mehr von der theoretischen als der praktischen Seite der Heilkunde angezogen. Er träumte eine wissenschaftliche Laufbahn, die ihm Raum gäbe, den Mängeln der ärztlichen Praxis Abhilfe zu schaffen, die ihn zu einem der Pfadfinder machte, wo sie im Dunkeln tappte. Nie hatte es einen größeren Idealisten gegeben, nie einen anspruchsloseren, der williger Armut und Sorge auf sich genommen.

Indes, so bescheiden er war, noch nie hatte er das Zweischneidige finanzieller Beschränkung so hart empfunden als eben jetzt, da er einer Entdeckung auf der Fährte zu sein glaubte, die von hoher Bedeutung werden mußte.

Man hatte damals angefangen, das Mikroskop für die Heilkunde zu Rate zu ziehen. Er selbst hatte das Glas, das ihm gehörte, vielfach benützt, aber es erwies sich als ungenügend, um bereits Gefundenes nachzuprüfen, um wieviel mehr, Neues festzustellen. Wollte er weiter auf dem Felde arbeiten, zu dessen Bestellung er sich berufen fühlte, war ein besseres Instrument unerläßlich.

Gute Mikroskope aber sind teuer, und er schuldete ohnedies Mechanikern und Droguenhändlern Summen, deren Zahlung ihm Sorge machte. Sollte er diese Schuld ohne zu wissen, wie sie tilgen, um neue vierzig Thaler anwachsen lassen? Sollte er, sie herauszubringen, das häusliche Leben noch karger einrichten, als es schon war? Das war unmöglich.

Dann also verzichten.

Das aber hieß: Wissenschaft, Carriere, geistiges Streben, Inhalt alles Lebens fahren lassen! Für Kraft und rege geistige Arbeit – dumpfes Tagewerk und geistiger Tod!

Seine Seele schrie nach diesem Instrument und das Verlangen danach wurde zum Heißhunger, der seine Forderung nicht mehr einstellte und endlich eine fieberhafte Phantasie in ihm entzündete: sah er doch unter den geheimnisvollen Gläsern schon Wunder über Wunder sich entfalten, Dunkel sich auflichten, Wege sich durch Dickichte öffnen und – fühlte sich dabei angekettet, unvermögend, diese Wege zu verfolgen; wie wir manchmal im Traum einem grenzenlosen Glücke nachstreben und unsere Füße zu Blei erstarrt fühlen. Das Instrument aber ließ ihn nicht los. Er sah es zuletzt auf Schritt und Tritt vor sich mit dieser Lockung des Ehrgeizes, mit der der Dolch vor den Augen Macbeths in der Luft hing. Er streckte den Arm danach aus, und es verschwand.

Schließlich machte der Tod eines älteren Gelehrten den Fall für ihn zu einem akuten. Aus der Hinterlassenschaft dieses Mannes war ihm ein kostbares Glas zu verhältnismäßig niedrigem Preise angeboten worden, den er jedoch sogleich hätte erlegen müssen – eine Gelegenheit, wie sie sich ihm nicht wieder bot. Aber woher auch nur diese 25 Thaler nehmen! Vergeblich zermarterte er sein Gehirn – ihm blieb nur eines übrig: der reiche Schwiegervater.

Ach! er hatte ihn schon des öfteren angehen müssen – aber die Kälte und der Hochmut, mit denen dieser Mann seine bescheidenen Bitten erfüllt, hatten ihn so gekränkt und empört, daß er sich verschworen, lieber zu hungern als ihn jemals wieder aufzusuchen.

Nun – ein Mann hungert allenfalls für Weib und Kind und hungert auch für seinen Beruf, aber wo vielleicht ihrer aller Zukunft auf dem Spiele stand, wo Not leiden vielleicht der Menschheit einen Dienst erweisen hieß –

Doktor Rhode beschloß also zu thun, was zu thun er sich heilig verschworen.

Als er, sich zu dem sauern Gange aufmachend, noch einmal vor den Spiegel trat, erschrak er selbst über das blasse, verstörte Gesicht, das ihm, hager und von scharfen Linien zerschnitten, von dort entgegensah. Er war dreißig und sah um ein Jahrzehnt älter aus, ein mittelgroßer, sehniger, hagerer Mann mit breitgewölbter Stirn, dunklem Haar, tiefliegenden Augen und einer scharfgeschnittenen Nase, auf der eine Brille saß: der Typus des darbenden Idealisten.

Indem er die Blicke von dem wenig erfreulichen Spiegelbilde, das seine Not und seine Überarbeitung verriet, wegwandte, fiel er auf den altmodischen Sekretär seiner Frau, eines der schrankartigen Möbel, das erst durch eine heruntergelassene Klappe zum Schreibtisch wird, wobei eine Anzahl Schubladen und in der Mitte ein abschließbares Verließ bloßgelegt werden.

Rhode blieb stehen und starrte dieses Möbel an, als ob es verhext wäre, als ob etwas Lebendiges darin wäre und mit stummer Sprache zu ihm redete; trat dichter heran, befühlte es, seufzte, trat wieder zurück, zögerte nochmals und machte sich dann schleppenden Ganges auf.

Langsam ging er die schlechtgepflasterten, unsauber gehaltenen Straßen hinunter, die meist von schmalen Giebelhäusern eingefaßt waren, zwischen die sich nur manchmal ein breites, von Wohlhabenheit zeugendes Haus schob; vorüber an den bescheidenen Lädchen und vergitterten Gewölben, in denen es so finster war, daß Käufer und Verkäufer an die Thür treten mußten, um die Ware zu behandeln, über die ärmlichen Holzbrücken, die über die übelriechende Ohle führten, unter den alten Schwibbögen hindurch und den Eisenketten, von denen in der Mitte Laternen herabbaumelten. Es war eine so arme, so klägliche Zeit, es war, als wenn alles hungerte: nach Brot, nach Licht, nach Freiheit, nach irgend etwas Großem und Starkem; eine Zeit, in der man seelisch so darbte, daß man sich vieler Nöte gar nicht einmal bewußt wurde und ihre Übelstände hinnahm wie Unbilden des Wetters; in der jeder Arbeiter noch der von der Habsucht eines Herrn ausgepreßte Sklave, jede Frau noch die Leibeigene ihres Mannes, tausende von Beamten die Hörigen ihrer Vorgesetzten waren, ohne auch nur zu ahnen, daß man sie um ihre Menschenrechte verkürzte.

Die Straßen, die zugleich die Spielplätze der Kinder waren, die damit zu Gassenkindern erzogen wurden, und die Ablagerungsstätten der Fässer und Ballen einer protzigen Kaufmannschaft bildeten, waren von übelsten Dünsten erfüllt, die aus den finstern, unsaubern Höfen herausquollen, von schwerfälligem Fuhrwerk durchschnitten und von Gruppen Aufgeregter belebt, die unreife politische Gedanken austauschten. Studenten in Sammetpekeschen und Cerevis spielten die Rolle moderner Gigerl und verfolgten mit edler Dreistigkeit, was ihnen an jüngeren Damen in weitgebauschten Röcken, planwagenartigen Hüten und karrierten seidenen Spensern in die Quere kam, während an jeder Straßenecke ein ausgemergelter Leierkasten: »Denkst du daran, mein tapfrer Lagienka«, »An Alexis send' ich dich« oder eine Bellinische Arie zum besten gab. Da man den Segen von Sprengwagen noch nicht kannte, waren Sonne, Straßenverkehr, Koketterie und Leierkastenmusik in dichte Staubwolken, wie in einen goldbraunen Nebel gehüllt.

Als Doktor Rhode das Haus des alten Gernoth erreicht hatte, eines der stattlichsten Häuser weit und breit, mit hohen Fenstern und breiten Pfeilern dazwischen, nahm er einen Augenblick den Hut ab und trocknete sich die Stirn, sah an den Mauern in die Höhe und trat ein paar Schritte auf die Treppe zu. Und ganz deutlich sah er die hohe, schlanke Gestalt des immer noch schönen Mannes vor sich und dieses hochmütige Fabrikantengesicht, mit dem er, zugleich ein Phantast, ein Lebemann und ein »Rotürier«, auf den mit Sorgen ringenden Armenarzt herabsah, um ihm danach ein widerwillig gespendetes Geschenk hinzuschieben – und alles empörte sich in der Seele des Sprossen eines Jahrhunderte alten Gelehrtengeschlechtes, eines im Idealismus des deutschen Pfarrhauses Aufgewachsenen, mit allen Kenntnissen der Zeit gesättigten Geistes gegen die drohende Schmach. Den Mann bitten, diesen Mann, der nicht die Spur von Verständnis für Aufgabe und Wesen der Wissenschaft hatte, dessen politischer »Idealismus« nichts war als die Sucht, eine Rolle zu spielen – den bitten – er konnte, konnte nicht!

Und langsam, ganz langsam drehte er um.

Aber mit dem Abscheu vor einer unwürdigen Situation hatte er noch kein Geld. Nun, es würde ihm wohl ein Gedanke kommen, es mußte ihm ja einer kommen.

Er sann und sann.

Aber es fiel ihm nichts ein. Eine kostbare alte Bibel, ein ehrwürdiges Familienerbstück, war bereits einer früheren Kalamität zum Opfer gefallen. Vielleicht fand er gleichwohl noch etwas unter seinen Büchern. Seufzend ging er weiter, diesmal den Weg über den großen Marktplatz, den »Ring,« einschlagend. Ein reicher Mann, dessen Sohne er kürzlich bei einem Unglücksfalle Hilfe geleistet, hatte ihm weitschweifig gedankt, aber seine Honorarforderung unbeachtet gelassen. Schuster und Schneider konnten mahnen, er nicht. An der Universität war ein reicher Geheimer Medizinalrat, der sich mit ähnlichen Untersuchungen beschäftigte, wie er selbst. Wenn er ihm seine kleinen Entdeckungen und großen Mutmaßungen mitteilte, das heißt: verkaufte? – schimpflich! und thöricht zugleich, denn wozu hätte er dann noch das Mikroskop gebraucht?!

Etwas anderes also!

Auf dem Marktplatz blieb er ein paar Augenblicke stehen. Die Qual, die ihn bedrückte, war so groß, daß sie seinen Nerven jene seltsame Eindrucksfähigkeit gab, die die erste Wirkung eines leichten Rausches ist, wie man sagt: Die Gegenstände vor ihm bildeten nicht ein einheitliches Ganze, sondern lösten sich von dem gewohnten Bilde einzeln als scharf umgrenzte ab, das Unauffällige, Gewohnte wurde neu, befremdlich, ein Gegenstand verwunderten Nachdenkens. Er starrte auf das Stadtbild, als habe er es nie zuvor gesehn. Wie unsinnig, Bürgersteig und Fahrstraße mit hundert geschmacklosen und ärmlichen Buden einzuengen, an deren Stirnseiten, der wundervollen altersgrauen Gotik des Rathauses zum Trotz, in dessen Schatten diese Baracken standen, Schuhe, Bürsten, Blechwaren und anderer Haushaltungskram baumelten! Wie unsinnig, Pulverwagen und Schlachtvieh durch die Straßen zu treiben! Wie verrückt, sich von diesen Leierkasten, die man oft zu dreien auf einmal hörte, die Ohren zerreißen zu lassen! Wie ekelhaft diese Krüppel und Siechen, die sich krückenlos mit den Händen über das Pflaster schleppten oder jedem Vorübergehenden ihre Schäden enthüllten! Wie unbarmherzig dieses Anspannen keuchender Lehrburschen vor schweren Wagen, wie schrecklich diese Tierquälereien an den überlasteten Pferden, an den armen kleinen Nachtigallen, deren Käfige im Sonnenbrand an den Straßenmauern hingen, und die geblendet waren, um die Nacht zu glauben, die ihnen ihre Lieder entlockte.

Es war soviel Qual in der Welt, soviel Elend!

Aber ist das ein Trost für die Pein der eigenen Brust, die der Edle empfindet, der helfen möchte und nicht helfen kann, weil ihm die Hände gebunden sind? Ist stumm und ergeben leiden wirklich eine Tugend, wo seinen Schmerz ausschreien vielleicht ein allgemeines Leid verständlich machen und ihm Abhilfe verschaffen heißt, wo die Auslösung der höchsten Energie nicht bloß ein einzelnes Subjekt – nein! eine ganze empfindende Welt beglücken könnte?

Welcher Schmutz, den der Fuß des Wandelnden, den jeder Windzug aufwirbeln ließ! Wie eine dicke Wolke zitterte er in der Sonne und stahl sich in die Lungen, die Augen, die Organe der Ernährung. Welche mörderischen Stoffe mochten nicht vielleicht millionenfach durch diese Straßen wirbeln, mit unsichtbaren Dolchen die Ahnungslosen anfallend. Wer das unter ein Glas bringen und erforschen könnte, seine Zusammensetzung begreifen, seine Wirkung festsetzen – müßte der nicht, dem pythischen Gotte gleich, der Erleger giftiger Drachen, der Vernichter mörderischen Gewürmes, müßte er nicht, auch er, ein Heiland der Menschen werden?!

Ein Hochgefühl, wie es uns bisweilen über uns selbst erhebt, überkam den Einsamen, den Armen, das Bewußtsein eines Reichtums an Kräften, der Würde einer Mission, die grenzenlos waren. Und ihm war das Mittel verwehrt, das diesen Reichtum frei gemacht, ihn diese Mission hätte erfüllen lassen.

Da er aus dem warmen Sonnenschein heraus seine ungastliche Wohnung wieder betrat, umfing ihn ein Frösteln zwischen den kahlen, feuchten Wänden, das von Verzichtleisten und Entsagen sprach. Er seufzte. Er wollte nicht verzichten. Er ging aus einem Zimmer in das andere, aus der mit bescheidenen Kirschbaummöbeln ausgestatteten »guten Stube« in das noch bescheidenere Wohnzimmer, von dort in das Schlafkabinett, in die Studierstube und wieder zurück und sah sich überall um, als erwarte er, ihm bis dahin unbekannte Wertsachen irgendwo aufgestellt zu sehn, zog da und dort eine Schublade auf, als könne seine Frau dort Gelder zurückgelassen haben, sie, die so sorgfältig und sparsam war, und schob sie wieder zu.

»Sparsam!«

Wer hatte denn das Wort ausgesprochen? Es war ihm, als ob in einer der dämmernden Ecken ein Gespenst gestanden, das es gehaucht.

Ja, sie war sparsam. Gewiß, sehr sparsam. Ohne ihren Fleiß und ihre Sparsamkeit hätten sie überhaupt nicht haushalten können.

Schon als Mädchen war sie immer thätig und sparsam gewesen. Es mochte etwas von dem Kaufmannsgeist ihrer Eltern in ihr sein. Er selbst war nicht so sparsam. Oder doch in anderer Weise. Er war anspruchslos, beinahe bis zur Bedürfnislosigkeit, das konnte er von sich sagen, ohne zuviel zu behaupten, aber er konnte es einem andern nicht abschlagen, wenn er ihn dringend um ein Darlehen oder eine Unterstützung anging, und hatte manchen Groschen auf diese Weise hingegeben, den er hätte festhalten sollen.

Aber sie war so sparsam.

Und damit glitten seine Finger leise über die Klappe des Sekretärs, die fest verschlossen war.

Dann trat er seufzend an das Fenster und sah hinaus. Es war nicht sehr belebt draußen. In Gedanken sah er Wanda die Straße heraufkommen mit dem Kinde an der Hand, ganz deutlich sah er sie. Und eine starke Sehnsucht ergriff ihn.

Wie sehr er sie liebte!

Und sie liebte ihn. Nicht ganz so, nicht so leidenschaftlich, nicht mit dem Stolz auf ihn, den er empfand, sie zu besitzen, nicht mit der Sehnsucht, die ihn oft mit Unruhe erfüllte, aber sie liebte ihn doch, und wie teilnehmend und unglücklich würde sie sein, wenn sie wüßte, in welcher Bedrängnis er sich befand.

Er zweifelte nicht im mindesten daran, daß sie alles aufbieten würde, ihm zu helfen, wenn sie könnte, zweifelte nicht, daß ihre Anhänglichkeit für ihn im Grunde genommen dasselbe Gefühl sei, das er für sie trug. Ach! dieser kluge und geistvolle Mann täuschte sich bitter über ihre Empfindung, über ihre ganze Lebensstimmung. Er hatte keine Ahnung davon, daß Wanda zu den Naturen gehörte, die ermüdend und erlahmend in dem traurigen Einerlei eines ärmlichen Lebens, beständig umworben und neuerobert werden wollen, um wirklich besessen zu werden, die etwas von dem Idealismus anbetender Zärtlichkeit verlangen für die Hingabe ihrer Person und ihrer Ideale. Er nahm an, daß für Wanda eheliche Liebe Identitäts- und Solidaritätsgefühl sein müsse, wie er sich einredete, daß sie es für ihn war, für ihn, der ihr nichts von seiner Persönlichkeit geopfert und der immer nur genommen, wo sie gegeben hatte. Er ahnte nichts davon, daß sie sich in der letzten Tiefe ihrer Seelen fremd waren, daß Wanda nicht einen Funken mehr Verständnis oder Ergebenheit hatte für das, was ihn erfüllte, als er für ihre Interessen, ja daß in dieser Tiefe sogar ein unversöhnlicher, wenn auch ganz abstrakter Gegensatz lebte: Der zwischen Begreifen und Empfinden, zwischen Wissenschaft und Poesie.

Er glaubte einfach, daß sie ihn liebte und bereit sein müsse, alles für ihn zu opfern. Es war sein Unglück, daß er so oft etwas glaubte, was nicht war, daß er, die Schärfe seines Verstandes in einseitiger Richtung zuspitzend, in manchen moralischen Dingen so konventionell dachte, so auf der glatten Oberfläche blieb.

Die Naturwissenschaft war in den vierziger Jahren noch nicht das, was sie später wurde. Sie war noch eine tastende, schüchterne Disciplin, die noch keinen Einfluß auf das allgemeine Denken gewonnen, der Menschheit noch nichts von dem großen Positivismus geraubt hatte, der so bequem war. Man hielt noch auf »Systeme.« War es doch so verführerisch, die Welt sich wohlgeordnet und gut zusammengeklappt in die Tasche zu schieben und seiner Wege zu gehn. Freilich war es auch gefährlich; etwa, als wenn sich einer eine wohlverschraubte Granate in die Tasche steckt. Es giebt Momente, wo die schönsten Begriffe krepieren.

Zu den unerschütterlichen Voraussetzungen, die der Doktor hegte, gehörten seine Anschauungen über »das Weib.« Dieser Periode war das Weib etwas an sich, ein Typus, eine Summe von einigen Eigenschaften, die es dem Mann bequem und angenehm machten, und einigen andern, die als das Rätselvolle oder Launenhafte oder Unergründliche in Bausch und Bogen hingenommen wurden. Die Mühe, die Gesetze von Ursache und Wirkung, die man anfing auf Natur und Geschichte anzuwenden, auf das Weib auszudehnen, gab sich kein Mensch. Das Weib war eben reizend und tugendhaft und verständig oder es war das alles nicht. In jedem Falle war es ein der Leitung so dringend bedürftiges Geschöpf, daß es durchaus unter die Vormundschaft des Mannes gestellt und diesem die Verfügung über Besitz und Erwerb der Frau zuerkannt blieb. Das Weib war Mittel zum Zwecke »Mann« und an sich – das Urbild der Schwäche.

Doktor Rhode hing mit Zärtlichkeit an seiner Frau und war sogar durchaus das, was man einen Gemütsmenschen nennt. Aber wir haben unsere stärksten, zartesten und wärmsten Empfindungen doch immer nur auf dem Boden unserer allgemeinen Anschauungen. Und so sehr Rhode seine junge Frau liebte, – daß sie eine Person war, auf die er alle Rechte habe, physische, seelische, materielle, moralische, das war ihm doch über allen Zweifel erhaben. Und weil es ihm nebenher durchaus zweifellos war, daß sie eine ebenso tugendhafte als schöne und begabte Frau sei, und daß eine tugendhafte Frau für ihren Mann alles thue, ihm alles hingebe, weder Geheimnisse, noch Besitztitel, noch irgend etwas neben ihm habe noch haben wolle – begriff er auf einmal nicht, wie er so lange hatte zögern können, nach einer Hilfe zu greifen, die äußere, gesetzliche Mittel ihm ohnedies zuwiesen.

Und da mit einem Male holte er seinen Schlüsselbund und ein Brecheisen und ging völlig mit der heiteren Miene des guten Rechtes daran, die Klappe des Sekretärs zu öffnen. Es gelang mühelos, und ebenso leicht gaben das Schloß des Mittelverließes und das Vorhängeschlößchen an der Sparbüchse nach, aus der er mit einem Laut der Befreiung eine Handvoll Geld in die daneben stehende kleine Korbschwinge schüttete. Es waren übrigens zwei Dukaten und dreiunddreißig Thaler Silbergeld.

Eine Stunde später war das ersehnte Mikroskop in seinem Besitz.

Achtes Kapitel.

Den folgenden Tag erhielt Wanda einen Brief von ihrem Gatten, der sich von den bisherigen auffallend unterschied.

Der Doktor schrieb jede Woche zweimal: einen Bericht, wie es ihm ging, was für Krankheitsfälle er behandle, ob er gute oder schlechte Resultate bei seinen Patienten erzielt, Mitteilungen von kleinen Vorkommnissen in der Bekanntschaft, die sie etwa interessieren konnten, Fragen nach dem Befinden der Frauen und des Kindes und nach ihrer Lebensweise. Alles herzlich und humorvoll.

Dieser Brief hatte einen anderen Charakter. Er war von einer unruhevollen Zärtlichkeit, von Sehnsucht nach Frau und Kind erfüllt, die er zu lange und zu sehr entbehren müsse, von Sorge, ob es ihr nach den schönen, frohen Wochen im Gebirge in dem bescheidenen Heim auch wieder gefallen werde. Er enthielt außerdem eine tiefgründige Betrachtung über die Solidarität der ehelichen Interessen, ja über den sakramentalen Charakter der Ehe, der das Gebundensein der Geister und Herzen heilige und alles, was sonst unerlaubt oder verletzend sei, in ihrer Doppeleinheit gut und rein und gesegnet mache; eine Betrachtung, die doch nicht etwa nüchtern, sondern sogar von einem seltsamen Überschwang war. Es atmete etwas Gedrücktes und Leidenschaftliches zugleich aus dem Briefe; das Behagen des Humors fehlte ihm durchaus.

Er erregte seine Empfängerin, die ohnedies auf das stärkste bewegt war, noch mehr. Ihr Herz wurde von dem heftigsten Zwiespalt gefoltert. Pflichtgefühl und warme Anhänglichkeit an den Gatten rissen es nach der einen Seite, Sympathie und der poetische Rausch einer starken jungen Empfindung nach der andern. Abwechselnd warf sie sich bald dem einen, bald dem andern Gefühl in die Arme, den Schmerz dieser Zerrissenheit nicht mildernd durch irgendwelche Erwägungen, die befreiend hätten wirken können, sondern noch verschärfend mit der Kraft leidenschaftlicher und phantasievoller Naturen, jedes Gefühl auf die Spitze zu treiben, in der Ahnung von dem lyrisch Fruchtbaren solcher Sensationen. Denn es war ihr wunderbar und wonnevoll, seit sie einmal das Glück dichterischen Ausdrucks ihres Empfindens genossen, die Wallungen ihres Herzens in Versen auszusprechen, die sie nicht ihrem Heine und Lenau, sondern irgend einer Kraft in sich selber verdankte. Und obschon sie die merkwürdige, ihr zuerst geradezu unheimliche Erfahrung machte, daß die Leidenschaft für den Ausdruck so groß sein kann, daß dieser die eigenen Empfindungen derartig übertreibt, daß er anfängt, sie zur Unwahrheit zu machen nach irgendwelchem Gesetze der Steigerung oder des Wohlklanges, so kam es ihr doch gar nicht in den Sinn, Wendungen dieser Art herabstimmen zu wollen. Sie fühlte das dichterische Gesetz und verfuhr darnach.

Ihre poetische Spielerei sollte ihr eines Tages zur Verräterin werden. Madame Gernoth kam von einem Ausgange heim, als Wanda eben den Klang einiger Verse probierte. Sie ging dabei im Zimmer auf und ab, wiederholte eine Zeile mit einer kleinen Abänderung, kehrte zur ersten Form zurück und trug das Gereimte schließlich mit einer Art jauchzenden Pathos den Wänden vor:

Klingende Weisen, tönet
Über mir! Duftet, o Rosen!
Schatten der Dämm'rung, versöhnet
Grelle des Tags! Mit losen
Duftigen Schleiern decket
Angst und lastende Plage,
All was die Seele schrecket:
Not und ringende Klage.
Ganz mit duftigem Schleier,
Wallend in seliger Fülle,
Mir zur einsamen Feier
Holden Abends umhülle
Dämmerung den grämlichen Tag!
 
Höher als strebende Mühen,
Höher als alles Vollbringen,
Stolz in der Tugend Erglühen,
Höher als Kraft und Gelingen,
Froher als heitere Feste,
Jubelnder als das Entzücken
Fröhlich gescharter Gäste,
Glänzend in all ihrem süßen
Elende wandelt in Wonne,
Wandelt auf seligen Füßen,
Leuchtender noch, als die Sonne,
Liebe den blumigen Pfad.
 
Klingende Weisen, tönet
Über mir! Duftet, o Rosen!
Schatten der Dämmerung, versöhnet
Grelle des Tags mit losen
Duftigen Schleiern, denn selig
Öffnen sich schimmernde Pfade!
Über mir unwiderstehlich
Himmlisches Wolkengestade!
Und meine Seele, der Sonne
Gleich, der einsam beglückten,
Wandelt in jauchzender Wonne
Wolkenhin, wo Entzückten
Liebe schmücket den Pfad.

Es folgte zwischen den beiden Frauen eine Scene voll von Zorn, Vorwürfen, Klagen und Leidenschaftsausbrüchen, deren Resultat aber doch war, daß Wanda versprach, dem Polen einen »handfesten« Brief zu schreiben, in dem sie ihn endgültig verabschiedete.

Dieser Brief kostete freilich noch ein paar böse Stunden, schließlich bereitete er Wanda aber sogar eine gewisse Genugthuung und zwar nicht nur wegen des tugendhaften Entschlusses, den sie damit besiegelte, sondern – wie sie nun einmal war – wegen der geistreichen schriftstellerischen Leistung, die er nebenher bedeutete.

Und eine zugleich moralische und briefschreiberische Leistung war auch die Antwort, die sie ihrem Manne zukommen ließ: ohne eine Unwahrheit zu sagen, verschwieg der Brief alles, was zu verschweigen gut that, beantwortete das ethische Pathos des Doktors mit einigen passenden Wendungen ernsten Stiles, die mehr beistimmender als eingehender Natur waren, und gab launige Schilderungen des Badelebens und Mitteilungen über das Kind, die dem Doktor Freude machen mußten.

Wanda durfte stolz sein auf diesen Sieg über sich selbst und die Klugheit ihrer Briefe, die sie sogar Frau Gernoth unterbreitete.

Bei der Genugthuung, die diese immer korrekte und in korrekter Pflichterfüllung zufriedene Dame über das Verhalten ihrer Tochter empfand, war es ihr nicht ganz verständlich, warum Wanda die letzten Salzbrunner Tage dennoch in einer ewig flackernden Unruhe, in einem beständigen Stimmungswechsel zubrachte, in einer quälerischen Zerfahrenheit, die Frau Florentine endlich die Abreise beschleunigen ließ.

Neuntes Kapitel.

Eine Eisenbahnfahrt war vor fünfzig Jahren kein Vergnügen. Die Bediensteten, selbst von oben her schlecht behandelt, waren von der Kulanz mittelalterlicher Steckenknechte und pflegten die engen »Coupees« mit Fahrgästen zu überstopfen. Die Ventilation wurde durch zugige Fenster besorgt; sich vor dem Tabaksrauch oder kleinen Kindern zu retten, war ein Ding der Unmöglichkeit, einen Schutz vor den Strahlen der die Wagen durchglühenden Sonne zu finden ebenso; Wartestuben und Perrons waren finster und zugig, die Zuganschlüsse äußerst mangelhaft. Nein, das Reisen war kein Vergnügen, und es war außerdem eine Fährlichkeit. Die Notizen über umgeworfene Postwagen und Eisenbahnunglücke gehörten zu den Dingen, auf die die Feinschmecker unter den Zeitungslesern mit soviel Sicherheit rechnen konnten, wie heute auf gestrandete Fahrräder und abstürzende Alpenfexe.

Doktor Rhode war nicht nur glücklich, die Seinen überhaupt endlich wieder zu haben, er atmete auch auf, sie heil dem Waggon entsteigen zu sehen. In dem flackernden Licht einiger Öllampen, die durch die Dunkelheit des Perrons ein paar unsichere helle Streifen sandten, und durchrüttelt von einer Postfahrt von zwei und einer Bahnfahrt von drei Stunden, war von den blühenden Farben auf Frau Wandas Wangen, die als das Resultat ihr Badekur gelten konnten, nicht viel zu merken. Aber sie war da, hatte leuchtendere Augen und frischere Lippen und war – ach! so unglaublich schön, schöner als je. Er jauchzte ihr ordentlich entgegen.

Auch der Schwiegermama war der Aufenthalt bestens bekommen. »Potztausend,« rief er ihr zu, »Sie sind wieder jung geworden, Großel!« Nun, Madame Gernoth war achtundvierzig Jahr, man hört so etwas auch dann noch gern. Und damit nahm er ihr das sorgsam in Tücher gehüllte, schlafende Etwas ab, das sie auf dem Arm trug, während ein mürrischer Packträger sich des Handgepäcks bemächtigte, das die junge Frau hinauslangte.

»Gott sei dank, daß ich Euch wieder hab, ich hab es schon kaum mehr ausgehalten!« Und abwechselnd preßte er das schlafende Packet an sich, die junge Frau und ein klein wenig Madame Gernoth.

»Nun, was Sie anbetrifft, lieber Rhode,« sagte diese, »so sehen Sie nicht besonders gut aus.«

»Es war so heiß in der Stadt und ich habe viel gearbeitet.« Inzwischen wurde es in dem Tuche lebendig. »Mein Klärchen, bist Du denn munter, mein geliebtes kleines Mädel?«

Das Kind richtete sich auf und sah den Mann, der es trug, erschreckt an. »Kennt mich mein Klärchen nicht mehr?«

»Wenn wir nur erst aus dem Gedränge wären!«

Inzwischen schien sich die Kleine völlig ermuntert und besonnen zu haben.

»Der Papa!« sagte sie und legte die Ärmchen um seinen Hals.

»Sag' doch Papa das Verschen, das Du gelernt hast, das hübsche Willkommenverschen für Papa. ›Wir haben sieben, Klärchen, sieben echte.‹«

»Ach, laß sie doch,« bat Madame Gernoth. Aber Rhode sah das Kind zärtlich aufmunternd an.

Da versteckte es das Köpfchen an den Hals des Vaters, und ganz leise und verschämt, als mache es ihm eine Liebeserklärung, stammelte es:

»Wir haben sieben echte Rippen und fünf falße, und vierundzwanzig Wurbel.«

Dem Doktor traten die Thränen in die Augen vor Entzücken über diese Leistung und über die originelle Aufmerksamkeit seiner Frau, indes Wanda in ein helles Lachen ausbrach und Madame Gernoth mit einer Miene, die zugleich Mißbilligung und Stolz war, räsonnierte:

»Was sie dem Wurme alles beibringt, Rhode, das müssen Sie gar nicht leiden.«

Nachdem er die Schwiegermama mit ihrem Gepäck in eine und Frau und Kind in eine andere Droschke untergebracht hatte, war dem Doktor erst wohl. Er hielt das Kind auf seinem linken Knie und die Frau mit dem rechten Arm umschlungen, küßte beide abwechselnd und fragte wohl zehnmal, ob sie ihn noch lieb habe und ob sie gern wiedergekommen sei. Sie sagte immer ja und rührte sich nicht, halb froh und halb beklommen, wie sie war.

Zu Hause fand sie alles freundlich gesäubert, Gardinen und Decken blühend weiß, Rosen auf dem Tisch inmitten einiger appetitlichen kalten Schüsseln und ein Paar niedliche Hausschuhe als Willkommensgabe. Sie betrachtete alles mit den forschenden interessierten Blicken, mit denen wir uns, von einer Reise zurückkehrend, wieder heimisch machen, allerlei Dinge, die ein Teil von uns und uns halbfremd geworden sind, wieder in Besitz nehmend. Es war alles dürftig, aber es war ihr eigen und das kleine Königreich, in dem sie herrschte, und sie liebte jedes Stück daran, jede dieser bescheidenen Provinzen, die es ausmachten.

Mit einer Art Neugier lief sie in den beiden Vorderstuben hin und her, fing an von Salzbrunn zu erzählen, lachte und scherzte, schwatzte von den Wirtsleuten und ihrem dummen Jungen, der noch keine zwei Worte reden könne, von der Kaufmannsfrau aus Grünberg, die wie ein gemästeter Frosch aussähe, und einem Domherrn aus Brünn, den sie immer den Dompfaff oder Gimpel und seinen Rheumatismus den Gimpelschmerz genannt hätten:

»Du bist ja hold den Gimpeln
Und heilest Gimpelschmerz,«

– von den zwanzig Toiletten der Baronesse Neudorf, die eine so steife, langweilige Person gewesen sei, daß sie ihr den Spitznamen die Säule gegeben, und die wohl Goethe noch gekannt haben müsse:

»Kleid eine Säule –
Sie steht wie ein Fräule.«

Aber eigentlich brauchte man nicht Goethe gewesen zu sein, um einen solchen Vers zu dichten.

Dann machte sie sich über das Abendbrot her, behauptete, der Schinken, der nicht scharf genug gepökelt war, rühre seiner Blässe halber von einem Eisbären her, der sich ihn mürbe gedrückt, als er auf einer Eisscholle um den Nordpol Karussell gefahren, sprang dann auf und zeigte, wie die Polen den Mazurek tanzten und wie die Kolmeika.

»Die Kolmeika?« fragte er.

»O das ist auch so'n polnischer Tanz. Paß mal auf!

Die Kolmeika tanz ich gern
Mit dem gewissen jungen Herrn,
Doch am liebsten ist es mir
Mit dem schönen Gard'off'zier.«

»Eine prachtvolle Hopserei und ein geistreicher Text,« sagte er lachend.

»Ach, da war ein Graf Borinski – der tanzte das zum Küssen. Ein netter Mensch, der sich fürchterlich in mich verliebte. Als ich sagte, daß ich Frau Doktor Rhode wäre, wurde er ganz blaß und hat noch acht Tage lang vor unsern Fenstern getoggenburgert.

Und so saß er, eine Leiche,
Eines Morgens da, juchhe!«

Sie lachte hell auf. Aber es war kein ganz freies, es war ein nervöses, fieberiges Lachen.

»Ach, fast hätte ich mein Mitbringsel vergessen!« Sie sprang wieder auf, suchte da und dort: »Die Tasche?«

»Die legt' ich ins Schlafkabinett« –

»Ach dort!« und rannte hinaus.

Als sie aber an die Schwelle des Schlafzimmers kam, das von einer kleinen Nachtlampe weniger erhellt als mit großen fratzenhaften Schatten angefüllt war, blieb sie stehen. Denn wie gespenstisch überfielen sie auf einmal die Erinnerungen an die gräßlichsten Stunden ihres Lebens. Hier waren ihre drei Kinder geboren worden, hier zwei von ihnen unter Qualen und Zuckungen wieder gestorben.

Vor ihren Sinnen stieg all das Entsetzliche, all der Ekel, all die Pein dieser Stunden in grausamer Deutlichkeit auf. Wie gräßlich der langsame Verfall, das wochenlange Absterben eines reizenden, blühenden Kindes, das eine schleichende Krankheit befiel, bis es mehr einem runzeligen Greise als einem kleinen Kinde ähnlich war, wie gräßlich diese wächsernen, spinnenartigen Glieder, die sich in Krämpfen wanden, bis der Tod sie grauenvoll streckte. Ein halbes Jahr später eine neue Geburt, in der sie dreißig Stunden in Schmerz und Verzweiflung gerungen. Und im nächsten Jahre eine dritte, diesmal eines Kindes, das die beiden ersten weit an Kraft und Schönheit übertraf. Und ein paar Monate darauf der Tod dieses jungen Lebens, jäh, unerwartet, unter Zuckungen der blühende kleine Körper hingemordet von dem scheußlichen Würgengel Cholera.

Wie qualvoll deutlich sie sich all dessen an dieser Schwelle erinnerte! Wie deutlich der Dunst von Kamillenthee, Morphium, von hundert intensiven verletzenden Kranken- und Kinderstubengerüchen sich ihr erneuerte und sich mit der Erinnerung an gellendes Geschrei, Stöhnen und Wimmern vermischte. Wie deutlich das fahle Morgengrauen vor ihr aufstieg, das in den Dämmer der schmauchenden Lampe fiel und die Bilder des Todes beleuchtete, indessen ihr eine krasse Kälte die Glieder schüttelte und in ihrer Brust ein Gefühl war, als würde ihr das Herz darin mit Zangen herumgedreht und zerrissen.

Und das alles, alles sollte wieder sein! Wieder streckte Natur ihre Hände nach ihr aus, verführerische, trügerische Hände der Zärtlichkeit und des Verlangens, um sie zu packen, sie zu opfern, ihr Leib und Seele zu zerreißen! Ein Schauder ergriff sie, der ihren ganzen Körper schüttelte.

Wahrlich: Wanda Rhode hatte das Unglück, zu den Frauen zu gehören, deren Nerven ein zu gutes Gedächtnis haben, um sie vor allen Dingen zu Müttern zu qualifizieren.

Was hatte sie nur überhaupt hier gewollt? Ja so – dieses Glas, das sie Ewald mitgebracht – und für das die Sparbüchse die Groschen erst noch hergeben sollte, die Frau Gernoth ausgelegt – dieses Glas – – da in der Handtasche! So!

Sie wickelte es aus und ließ das kleine Licht der Nachtlampe einen Augenblick hineinfallen. Es war ein schönes Krystallglas, das den gelblichen Schein dort glänzend spiegelte, hier in leuchtend bunte Farben brach. Und in einer der Verknüpfungen der Vorstellungen in unserer Seele, die so schwach und zugleich so mächtig sind, fielen ihr die Zeilen ein:

»– und Glanz und Wonne
Umfluten strömend mich,
Ich habe Dich gefunden,
Und jauchzend lieb' ich Dich.«

Was mochte ihr Dichter jetzt eben treiben, wo weilen, wie ihrer denken? Vielleicht über seinen Kompositionen ihrer vergessen! Immerhin Glück genug – indes sie ihn vergessen mußte über diesen »ehelichen Pflichten.«

Inzwischen saß Rhode mit glücklichem Lächeln am Tische. So, ganz so war sie als junges Mädchen gewesen: so sprudelnd, so übermütig und von dieser sieghaften, leuchtenden Schönheit, mit der sie ungezählten Herzen gefährlich geworden, mit der sie das seine entzündet und es eben von neuem in hellste Flammen gesetzt, so daß nur noch eins in ihm war: Zärtlichkeit und Verlangen nach ihr.

Wo blieb sie nur?!

»Wanda?«

»Ja.«

Blaß, niedergeschlagen, mit einem seltsamen Ausdruck auf den Lippen, trat sie herein, setzte das Glas vor ihn hin, sank auf einen Stuhl und brach in heftiges Schluchzen aus.

»Herr mein Gott, was ist Dir denn geschehen?«

»Nichts.«

»Nichts?! Du mußt doch einen Grund haben, sprich doch, rede doch!« drängte er zärtlich.

Da hielt sie nicht länger zurück.

Er legte die Hände auf den Rücken, trat ans Fenster und rang mit unsäglicher Qual und Bitterkeit.

»Ich will fort,« schrie sie. »Ich will wieder fort, ich will das nicht wieder!«

Welcher Fluch, einer heißgeliebten Frau mit seiner Liebe selbst zum Gegenstande der Furcht und des Grauens zu werden! Und was sollte er sagen? Als ob es sich nicht um Unabänderliches gehandelt hätte, nicht um etwas, in dem er machtlos war, in dem geknickter Mannesstolz, Mitleid, Wunsch, ihr alles zu Liebe zu thun, nichts waren – gegen den Willen der Natur! Was sollte er überhaupt nur sagen? Vielleicht, wenn sein Gemüt nicht belastet gewesen wäre mit diesem Eingriff in ihren kleinen Besitz – so gern er diese Last wegräsonniert hätte mit der Wendung von der ehelichen Solidarität, sie war dennoch da und drückte ihn – vielleicht, daß er dann gute, treue, würdige Worte zum mindesten gefunden hätte, die ihr das Unabänderliche erleichtert hätten!

Aber so fand er sie nicht.

Wanda schluchzte weiter.

»Fort! wieder fort möcht' ich!«

»Aber wenn ein Mädchen heiratet, weiß sie doch –«

»Nichts weiß sie. Nichts!«

Fort! Und ihre Gedanken kehrten zurück unter die grünen Laubgänge, durch die die Sonne golden leuchtete, ein sanfter Wind tausend Blütendüfte hauchte, das Rauschen und Murmeln plätschernder Quellen klang und die Liebe auf sie wartete, eine Liebe, an der alles Zartheit, unterdrückte Glut, alles Langen und Bangen, ein stilles frohes Miteinander der Seelen, ein lautloses Verstehen und süßes Begreifen war.

Als ob irgend eine Liebe der Welt ewig das alles bleiben könnte! Als ob Liebe nicht auf unser aller Wege in leuchtenden Feierkleidern träte, blumengeschmückt und die Hände voll seliger Gaben und, sobald wir sie nur an unser Herz genommen, Werkeltagsgewänder anlegte und Opfer über Opfer von uns verlangte für jedes überirdische Glück, das sie wie zum Geschenke uns gereicht!

Aber wir vergessen das manchmal für Augenblicke.

Da, in dieser Vision, die Wald und Berghang, Sonnenschein und junge Liebe vor ihr aufleben ließ, tauchten mit einem Male mitten zwischen geputzten Menschen diese blassen Mädchengestalten mit den traurig umflorten Augen und verwaschenen Wangen vor ihren Blicken auf, mit den festgeschlossenen Lippen, die sich gewöhnen müssen, die Enttäuschung, den Harm und die Sehnsucht zu verschweigen, die einzugestehen die Mißachtung verdoppelt hätte, mit der man den »Sitzengebliebenen« begegnete.

Ehelos durch das Leben gehen – nein, das war das Entsetzlichste. Das war noch entsetzlicher als Kinder gebären und wieder begraben. Das dünkte ihr so schrecklich, daß ein neues Grauen sie ergriff und ihre Seele dem unglücklichen Mann am Fenster wieder zukehrte. Welcher Mann wäre nicht aus dem Geliebten endlich der Vater ihrer Kinder geworden? Es war der Lauf der Natur so, die die Blüte um der Frucht willen zerstört, die verdirbt, um zu schaffen, und den sonderbare Schwärmer den Willen eines gütigen, gerechten und barmherzigen Gottes nennen!

Gleichviel: es war so.

»Ewald!«

»Wanda.«

Einen Augenblick sahen sie sich stumm verlegen in die Augen. Rhode blickte völlig verstört drein. Er trug so grenzenloses Verlangen nach ihr, grade, weil er sich schuldig vor ihr fühlte und Indemnität in ihrer Liebe finden wollte.

Und Wanda sah dieses bis zur Leidenschaft gesteigerte Verlangen neben ihr, in diesem Heiligtum von ehelichem Heim, in Beziehung gesetzt mit dem Leben, das nun einmal ihr Leben war und – ist es nun so, daß Liebe im menschlichen Gemüt überhaupt etwas für sich ist, eine subjektive Veranlagung, obschon sie mit allen Wurzeln in der Natur ruht, und daß neben diesem »für sich« das Objekt Nebensache sein kann – war es, daß speziell in Wanda Rhode's beweglicher Natur, der das Präsente immer eine Macht war, eine solche Möglichkeit zu raschem Wechsel gegeben war – als der Doktor sie mit Thränen der Qual und Erregung in den Augen anstarrte, geschah es, daß sie auf ihn zueilte und die Arme um den Hals des Mannes schlang, der sie leidenschaftlich umschloß. –

*

Äußerlich richtete sich ihr Leben wieder ein, wie es gewesen: Sprechstunden, Krankenbesuche, Bierhaus oder politisches Radaulokal – Hauswirtschaft, Pflege des Kindes, ein wenig Musik und Lektüre, Besuche bei Verwandten und Gevatterinnen. Dazwischen gemeinsame Mahlzeiten, ein Spaziergang, eine kleine Besprechung oder ein Scherz. Keine rechte geistige oder seelische Verschmelzung so wie im ersten Jahre ihrer Ehe, als eheliche Gemeinschaft nichts als diese Zärtlichkeiten, die schließlich mit zum Abhaspeln der Tagesgeschäfte gehörten und, weil sie nichts als Sinnenbefriedigung waren, der jungen Frau die gräßliche Auffassung der Ehe als einer legalisierten Prostitution und damit ihrem Denken einen frühzeitigen Cynismus gaben. Das ganze Beieinander übrigens glatt, flüchtig, freundlich, geschäftig, wie es eben kam.