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Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte

Chapter 16: V.
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About This Book

This collection of five tightly observed tales examines provincial society through character studies and moral dilemmas. One narrative follows a physician who rises from hardship by relentless thrift, negotiating professional success, family duty, and social ambition; other stories portray interpersonal rivalry, the pressures on a promising pupil, the ritualized manners of social greeting, and a quietly intense Christmas evening in a woman's life. Across varied episodes the prose favors psychological insight and subtle social critique, tracing how pride, compassion, and practical necessity shape ordinary choices and relationships.

Sie lag still und öde; so weit das Auge reichte, keine Spur von herannahenden Bauernrotten. Von Podgorze aus kam jedoch eine Schreckenskunde, der Nachhut durch eilende Boten zugetragen; sie durchfiel den Zug wie ein Blitz:

Österreichische Truppen marschieren gegen Podgorze.

Ein rascher Befehl seines Führers, und der Zug trat den Rückweg an in der Hoffnung, die Stadt vor den Kaiserlichen erreichen und die Brücke noch gewinnen zu können.

Auf den Anhöhen rechts von Podgorze angelangt, konnte der Sendbote schon den Sturm auf die Stadt und das siegreiche Vordringen der Truppen überblicken.

Die Kaserne war genommen, die Kirche besetzt; die polnischen Schützen, aus den Häusern vertrieben, jagten in ungeordneter Flucht der Brücke zu.

Grimm und Schmerz erfüllten bei diesem Anblick die Seele des Emissärs.

„Vorwärts! Mit Gott vorwärts, wir schlagen uns durch, wir erreichen noch die Brücke. Mut!“ rief er den zögernden Priestern zu. „Ihr habt nichts zu fürchten. Die man zum Sturme zwingt, folgen widerwillig. Es sind Galizier, sie schießen nicht auf ihre Landsleute, schießen nicht auf geweihte Priester!“

Er befahl, ein geistliches Lied anzustimmen, und in majestätischer Ordnung, langsam und feierlich, kam die Prozession die Anhöhe herab. Der Emissär schritt voran im Bauernkleide, sein heller Kaftan schimmerte in der anbrechenden Dämmerung; in der Hand hielt er ein kleines schwarzes Kreuz.

Ungehindert gelangte der Zug durch den noch unbesetzten Stadtteil bis zur Kirche. Hierher aber war schon eine Kompanie vorgedrungen, die den Weg zur Brücke versperrte.

Der Emissär machte halt.

„Seht eure Brüder!“ sprach er die Soldaten an und deutete auf die Scharen, die ihm folgten. „Auch ihr seid Polen. Keinen Kampf, Brüder – gebt Raum!“

Schweigen antwortete ihm. Noch einmal begann er die Soldaten zu beschwören – da ertönte das Kommando:

„Fällt das Bajonett!“

Mit einem Blick der Verzweiflung sah Dembowski sich um.

Die Geistlichen und Mönche waren zurückgewichen. Seine Getreuen jedoch und die Schützen drängten sich um ihn.

„Kein Ausweg ... Schießt – und vorwärts!“ rief er plötzlich mit wilder Entschlossenheit und drang auf die Soldaten ein.

Zwei Dechargen erwiderten den unerwarteten Angriff.

Nach der ersten sah man Dembowski noch aufrecht stehen, das Kreuz hoch über seinem Haupte schwingend. Nach der zweiten sank er, in den Kopf getroffen.

Rosenzweig erfuhr den Tod des Sendboten durch den Kreishauptmann, der seinen Bericht mit den Worten schloß: „So mußte ein Wahnsinniger enden.“

Die Prophezeiung Nathanaels traf ein; der idealste Vertreter der Revolution erfuhr den einstimmigen Tadel und Hohn aller Parteien; sein Andenken erlosch auch bald im Volke.

Seine Leiche war unter denen der in Podgorze Gefallenen nicht aufgefunden worden, und eine Zeit lang erhielt sich das Gerücht, er sei nicht tot, er lebe versteckt als Bauer und werde beim Ausbruch neuer Freiheitskämpfe auf ihrem Schauplatz erscheinen.

Als jedoch die Stürme des Jahres 1848 aufstiegen und verbrausten, ohne ihn aus seiner vermeintlichen Verborgenheit gelockt zu haben, erlosch auch in denen, die sie am längsten genährt hatten, die Hoffnung auf seine Wiederkehr.


Es war zu Ende der fünfziger Jahre, an einem milden Septemberabend, in einem Dorfe unweit der schlesischen Grenze. Vor der Schenke hielt eine gedeckte Britschka, der ein paar tüchtige Braune vorgespannt waren. Behaglich, ohne Eile, wie es guten Fressern geziemt, ließen sie sich den Inhalt einer vor ihnen aufgestellten Futterkrippe schmecken. Der Kutscher, ein ältlicher Mann, so wohlgenährt wie seine Pferde, hatte sich auf die Bank vor dem Hause gesetzt, dampfte aus einer kurzen Pfeife und machte sich ein Vergnügen daraus, die Fragen der hübschen Wirtsmagd mit einer schelmischen Zurückhaltung zu beantworten, die darauf abzielte, ihre durch die Ankunft völlig fremder Gäste ohnehin erregte Neugier noch zu spannen.

„Ihr fahrt wohl recht weit über Land?“ fragte sie.

„Weiter, als du denken kannst,“ erwiderte er.

„Vielleicht gar ins Ungarn hinein?“

„Pah! Das wäre ja nur ein Katzensprung!“

Das Mädchen stemmte den Arm in die Seite und lachte:

„Die möcht ich sehen, die Katz, die so springen könnt!“

„Bei uns zu Haus gibt's ihrer genug. Komm du nur hin, dann wirst sie sehen.“

„Ei, so was!... Aber wo ist denn Euer zu Haus?“

„Wo?“ Er deutete mit der Hand nach drei verschiedenen Richtungen: „Da – und da, und dort.“

„Geh weg, du spaßest.“

„Frag meinen Herrn, wenn du mir nicht glaubst.“

„Ja, just,“ spottete sie, „fragen – so einen Herrn!“

„Fürcht'st dich?“ – er zwinkerte sie verschmitzt an. „Hast es schon weg, daß er ein Hexenmeister ist?“

Sie schlug rasch und verstohlen ein Kreuz:

„So? Das hätt ich ihm nicht angesehen.“

„Ja, ein gar großer Hexenmeister. Macht die Kranken gesund, macht die Toten lebendig.“

„Die Toten?“ ... Das Mädchen schauerte.

„Die Halbtoten also. Zu so einem sind wir g'rad auf dem Weg.“

„Da kommt ihr ja zu spät, wenn ihr noch lang zu fahren habt.“

„Wir kommen nie zu spät. Der Herr sagt nur: Wart! – und der Tod wartet.“

„So? Hat dein Herr auch eine Frau?“

„Eine Frau hat er nicht, aber mehr als hundert Kinder.“

„Was du sagst?“ und wieder lachte sie hellaut auf.

Der Gegenstand dieses Gespräches war ein Greis von kräftiger Gestalt. Er trug eine Reisekappe und einen langen, auf der Brust leicht verschnürten Rock. Den untern Teil des markigen, dunkelfarbigen Gesichtes bedeckte der Bart, der, weiß und dicht wie die Haare, in zwei mächtige Strähne geteilt, fast bis zum Gürtel herabwallte. Der Alte, die Hände auf dem Rücken, stand am jenseitigen Ufer des Teiches, der sich auf eines Steinwurfs Entfernung vom Wirtshaus befand und ein lang gestrecktes Oval bildete, an dessen einem schmalen Ende knorrige, ganz schief gewachsene Weiden ihre Zweige zu seinem trüben Spiegel niedersenkten, während das andre sich sanft gegen die ansteigende Dorfstraße verflachte.

Der Teich war alles in allem: Badeort für die Jugend, Waschanstalt für die Hausfrauen, See für das schwimmtüchtige Geflügel, Schwemme für die Pferde. Am Werktagabend ging es in seiner Umgebung lebendig zu. Große und kleine Knaben, barfüßig, die Hosen übers Knie gezogen, ritten ihre Pferde ins Wasser, bewundert und beneidet von den Kindern, die am Ufer standen oder saßen, die meisten als ziemlich lässige Hüter jüngerer Geschwister. Männer und Weiber kehrten vom Felde heim, und, von weitem schon angekündigt durch die Töne eines schallenden Gesanges, kam eine Mädchenschar, Rechen und Sicheln tragend, ins Dorf gezogen.

Unter den am Teiche spielenden Kindern war eines, das die besondere Aufmerksamkeit des Fremden erregte. Ein Bürschlein von etwa sechs Jahren, mit sehr lieblichem, aber blassem Gesichtchen. Seine schlichten, blonden Haare, im Nacken lang, über der Stirn gerade geschnitten, quollen reich unter dem Mützchen hervor. Er hatte tiefliegende, blaue Augen, eine schmale, leicht gebogene Nase und einen feinen, ausdrucksvollen Mund. Nach der Beschaffenheit seines Kaftans und seiner Stiefel zu schließen, gehörte er wohlhabenden Eltern an.

In der offenen Tür eines der nächstgelegenen Häuser war ein junges, hübsches Weib mit einem Kinde auf dem Arm erschienen und rief dem Knaben zu:

„Jasiu, der Vater kommt.“

Da machte das Bübchen einen Luftsprung und lief von seinen Spielgefährten fort, dem Angekündigten entgegen. Der blieb stehen, beugte sich und lachte, als sein Junge im vollen Lauf an ihn anprallte. Er rückte ihm die verschobene Mütze zurecht, nahm seine Hand und schritt mit ihm weiter.

Es war ergötzlich, sie daher kommen zu sehen, den Bauern und das Bäuerlein, das zweite in Haltung, Gang, Gestalt und Kleidung das verkleinerte Ebenbild des ersten.

Sie näherten sich, und der Fremde bemerkte auf dem Gesicht des Bauern die entstellenden Spuren einer schweren Verwundung. Die rechte Wange war eingefallen und von Narben zerrissen, das rechte Auge geschlossen.

Auch ein Veteran der letzten Kämpfe, dachte der Greis und heftete den Blick immer aufmerksamer auf den Herankommenden. Ein märchenhaft-wunderlicher Einfall durchzuckte ihn. Plötzlich machte er ein paar rasche Schritte, stand dicht vor dem Bauern, starrte ihn an und rief:

„Ist es möglich?“

Überrascht wich jener zurück, aber nur, um schon im nächsten Augenblick auf ihn zuzustürzen.

„Sie! O Gott, Sie – Doktor Rosenzweig!“ sagte er mit einer Stimme, deren Wohllaut unvergessen in der Erinnerung des Alten gelebt hatte. Früher als dieser gewann er seine Fassung wieder: „So habe ich Sie nicht umsonst erwartet, nicht vergeblich gehofft, daß Sie auf einem Ihrer Samariterzüge den Weg durch unser Dorf nehmen würden, um –“ fügte er mit Rücksicht auf das Publikum, das sie umgab, hinzu – „Ihren Diener Hawryl zu besuchen.“

„Hawryl –“ stammelte Rosenzweig, „Hawryl also ... Wie geht's, Hawryl?“

„Überzeugen Sie sich selbst. Erweisen Sie mir die Ehre, in mein Haus einzutreten, ruhen Sie ein wenig aus unter meinem Dache.“

Schweigend, noch ganz betäubt, folgte der Doktor dieser Einladung und ließ sich zu dem Hause geleiten, auf dessen Schwelle die junge Frau stehen geblieben war und sich bemühte, das kräftige Kind in ihren Armen, das dem Vater jauchzend und mit ausgestreckten Händchen entgegenstrebte, festzuhalten.

„Mein liebes Weib, Herr Doktor,“ sprach Hawryl, und zu ihr gewandt: „Heiße ihn willkommen, Magdusia, einen werteren Gast kann uns der Himmel nicht schicken.“

Ihr Gesicht spiegelte die Freude, die sich auf dem ihres Mannes malte, rein und innig wider: „Seien Sie schön gegrüßt, Herr,“ sagte sie und lachte ihn mit ihren großen Augen treuherzig an.

Nathanael war wie im Traum. Erst in der Stube, allein mit Hawryl, begann er sich von seinem Staunen zu erholen:

„Sie leben! – Mensch, Sie leben! Ist das auch wahr, daß Sie leben? Aber wenn es wahr ist, so stehen Sie doch nicht so gleichgültig da –“

„Gleichgültig?“ rief Hawryl.

„So reichen Sie mir doch die Hand!“

Zum zweitenmal hielt er sie in der seinen – eine andre als damals, eine derb gewordene Hand, deren Besitzer den Bauern nicht nur spielte.

Sie nahmen Platz am Tische, der mitten in der freundlichen Stube stand, und lange dauerte es, bevor Hawryl, immer von neuem durch die verwunderten Ausrufungen des Doktors unterbrochen, die seltsame und doch so einfache Geschichte seiner Rettung beenden konnte.

Zunächst schrieb er sie der Kleidung zu, die er trug, als er bei der Kirche in Podgorze verwundet wurde und für tot liegen blieb. Er war, da sich noch Leben in ihm fand, mit andern Landleuten und Soldaten ins Spital nach Krakau gebracht worden. Dort hatte er das Bewußtsein wieder erlangt, bald aber auch die Überzeugung, daß der Arzt, der ihn behandelte, ihn keineswegs für einen Bauern hielt. Später verrieten ihm einige, wie absichtslos hingeworfene Worte des Doktors, daß er von ihm erkannt worden war.

An dem Tage, an dem man ihn für geheilt erklärte, kam der Direktor, ein Pole – man hatte die Spitalsleitung noch nicht gewechselt – in die Rekonvaleszentenstube.

Der Agitator sah diesen Mann damals zum ersten- und letztenmal in seinem Leben.

„Du heißest Hawryl Koska,“ sagte er zu ihm, „bist ein aus dem Königreich zugereister Untertan des Grafen Branski, der dich nach seiner galizischen Herrschaft, auf ein Bauerngut, übersiedelt. So lese ich in deinem Passe. Ist das richtig?“

Und ohne die Antwort abzuwarten, reichte er ihm einen auf den Namen Hawryl Koska lautenden, mit einer auf ihn passenden Personalbeschreibung versehenen Paß, wandte sich an seinen Nachbar und ließ den Umgetauften stehen.

„In der verworrensten Gemütsstimmung, Freund,“ rief Hawryl, „in der ein Mensch sich befinden kann. Ich hatte zuversichtlich erwartet, nach meiner Genesung vor Gericht gebracht und als einer der Unruhstifter erschossen zu werden, und hatte mich auf den Tod vorbereitet, wie ein gläubiger Christ. Und nun sollte ich leben. – Mein erstes Gefühl war das der Enttäuschung, mein erster Gedanke ein Gedanke schon des Hochmuts: Gott spart dich auf. Er will nicht deinen Tod, er will deinen Dienst. Das Werk, das zu beginnen du ausersehen warst, du sollst es auch vollenden.

Von diesem stolzen Glauben erfüllt, trat ich ins Volk und wurde sein Genosse: scheinbar ein Gleicher unter Gleichen, in meinen eigenen, eitlen Augen – ein verkleideter Prophet. O Freund! ein einziges Jahr dieses Lebens, und der vermeinte Prophet war ein demütiger Mensch geworden. Das für erreichbar gehaltene Ziel rückte in unabsehbare Fernen. Zu der Kirche, die ich mit einer herrlichen Kuppel krönen wollte, war der Grundstein noch nicht gelegt, ja, der Boden für ihn noch nicht ausgehoben! Nicht die Arbeit des Künstlers war zu tun, sondern die des bescheidenen Taglöhners.

Das erkannte ich.

Und nun – wäre ich nicht ein elender Wortheld gewesen, wenn ich es verschmäht hätte, mich an dieser Arbeit, dieser allerwichtigsten, zu beteiligen?... So griff ich denn zu Schaufel und Spaten, nicht bloß im bildlichen Sinn. Das Kruzifix, in dessen Zeichen ich dereinst zum Kampfe schritt – da hängt es über dem Bette meiner Kinder. O sehen Sie die ausgebreiteten Arme der Liebe, die verwundete Brust, das geneigte, edelste Haupt ... Wer darf sich vermessen, in dieses Versöhners Namen aufzurufen zu Kampf und Streit?“

Er seufzte, aber sein Angesicht bewahrte den Ausdruck tiefsten, klarsten Friedens, und mit einem heiteren Lächeln fuhr er fort:

„So finden Sie den gefährlichen Agitator wieder. Ach, wenn ich an meinen Ausgang denke, an alles, was ich gehofft, was ich mir zugetraut habe – und jetzt! Vergnügt lege ich mich zur Ruhe und preise den Tag, an dem es mir gelungen ist, den Jan abzuhalten, sein Weib zu prügeln, den Martin, in die Schenke zu gehen, oder den Basil dahin zu bringen, seinen alten Pflug in den Winkel zu werfen und mit dem neuen auf den Acker zu fahren.“

„Ihr Geheimnis aber,“ fragte Nathanael, den Gang des Gespräches unterbrechend, „war das nie in Gefahr, verraten zu werden?“

„Der vorige Gutsherr hat es mit ins Grab genommen. Für seinen Nachfolger bin ich ein Bauer wie ein andrer.“

– „Ein Bauer! Ein Bauer!... Und so wollen Sie es forttreiben bis an Ihr Ende?“

– „Bis an mein Ende, und ich glaube nicht, damit etwas Großes zu tun und ihnen mehr zu geben, als ich von ihnen empfange. Ich bin keineswegs immer ihr Lehrer, sie sind auch die meinen. Ihre Freuden zu teilen, vermag ich nicht, aber in Leid und Schmerz haben wir uns oft gefunden. Ich habe Bauern vor ihrem verhagelten Feld, ich habe Mütter an der Leiche ihrer Kinder stehen gesehen und Ehrfurcht gefühlt. Selten ist mir einer von ihnen verachtungswürdig erschienen, aber hundert unzählige Male beklagenswert.“

In seinem Auge leuchtete die alte schwärmerische Glut, seine gebräunten Wangen erbleichten vor innerer Bewegung:

„Es ist ein Schatz an Geduld, Ausdauer, heldenmütiger Ergebung in einen höheren Willen in diesem Volke, den alle Mißhandlung, die es erfahren hat, nicht zu erschöpfen vermochte. Aber seines Reichtums unbewußt, streut es ihn aus und erwirbt nichts dazu. Die Einsicht fehlt und mit ihr das Wirken der tätigen, sittlichen Kräfte. Genug! Genug! das alles wissen Sie so gut wie ich, und somit auch, daß es vieles nicht geringe zu tun gibt auf meinem geringen Posten. Ihn auszufüllen, reicht mein Können gerade hin. Hawryl Koska wird nicht umsonst gelebt haben. – Der Sendbote ist gestorben, ohne einen Jünger zu hinterlassen.“

„Einen doch!“ rief Nathanael. „Einen, den Sie aus den Reihen Ihrer eifrigsten Gegner geholt haben. Einen Mann, dessen Zwecke irdischer Natur gewesen sind, dessen Herz an verlierbaren Gütern gehangen hat und den Sie den Wert der unverlierbaren kennen gelehrt haben. Sendbote! da steht er vor Ihnen, Ihr Jünger in weißen Haaren.“

Beide waren zugleich aufgesprungen, stürzten einander an die Brust und hielten sich fest umschlungen.

FUSSNOTEN:

[1]Großmütterchen.

[2]Andersgläubiger.

[3]Esel.

[4]Lieber Herr!

[5]Mein Seelchen.

[6]Ein Riese.


Der Nebenbuhler.


I.

Graf Edmund N. an seine Hochwürden Herrn Professor Erhard.

Paris, den 10. Mai 1875.

Mein verehrter Freund!

Da bin ich, aus Marseille eingetroffen, vor vierzehn Tagen, die mir vergangen sind wie vierzehn Stunden.

Es ist unmöglich, liebenswürdiger empfangen zu werden, als ich es wurde von Freunden und Verwandten. Freilich begegnet man auch nicht alle Tage einem Manne, der direkt von den Antipoden kommt, mit Menschenfressern zu Mittag gespeist, am Salzsee gewohnt, den schwarzen Turban der Kopten getragen, den Schrei auf Ceylon gehört und bei indischen Schlangenbändigern in die Lehre gegangen ist.

Tante Brigitte grüßt Dich. Sie hat sich kürzlich frisch emaillieren und perückieren lassen, und jetzt machen wir gegenseitig Staat miteinander. Von einer Veränderung an ihr keine Spur. Sie sagt noch immer bei den unpassenden Gelegenheiten: Ah, je comprends ça! Sie spricht noch immer mit derselben Schwärmerei von meiner verstorbenen Mutter: ihrem Kinde mehr als ihrer Schwester, und bricht plötzlich ab mitten in der tiefsten Rührung, wischt sich die Augen, winkt mit dem Taschentuche und seufzt: „Va, mon enfant, va te distraire.

Lieber Freund, ich bilde mir ein, daß auch sie vor Zeiten nicht verschmäht hat, kleine Zerstreuungen zu suchen in ihrem Schmerze, erst um die Schwester, dann um den Gatten. Heil ihr! möge noch so mancher Frühling frisch gemalte Rosen auf ihren Wangen erblühen sehen. Sie ist die gutmütigste Egoistin, die ich kenne.

Ganz in Übereinstimmung mit Dir, will sie mich jetzt verheiraten, und gegen die junge Dame, die sie mir ausgesucht hat, ist nichts einzuwenden. Sie stammt aus gutem Hause, von braven Eltern, ist verteufelt hübsch, hat einen klaren, schlagfertigen Verstand, eigenes Urteil, den Mut es auszusprechen und – was unendlich mehr: die Fähigkeit, auch ein gegenteiliges anzuhören und sogar gelten zu lassen. Dabei gleichmäßig heiter, harmlos, unbefangen. Ich glaube, daß sie noch nie vor einem Menschen die Augen niedergeschlagen hat; und es wäre schade wahrlich, denn sie sind prachtvoll; dunkelgrau wie ein Gewitterhimmel, und wenn es in ihnen aufblitzt bei irgend einem Anlaß, da gibt's einen schönen Anblick.

Ich hoffe, du bestätigst mir heute oder morgen den Empfang meiner Sendung aus Marseille. Kurz vor dem Einlaufen in den Hafen, an Bord des „Triomphant“, schrieb ich die Schlußworte des letzten Kapitels meines Reisetagebuchs. Streiche fort, was Dir sentimental vorkommt, ehe Du abschreiben lässest. Nach zweijährigem Herumbummeln in fremden Weltteilen hat mich die Heimkehr ins alte Europa seltsam bewegt. Plötzlich ist alles vor mir gestanden, was zu vergessen ich auf und davon gegangen ...

Aber – sei unbesorgt, es war nur eine flüchtige Erinnerung. In die Tiefen des Ozeans versenkt, in den Sand der Wüste vergraben, in die Lüfte gestreut habe ich die Leidenschaft meiner Jugend.

Und jetzt will ich glücklich und tätig sein, ein Landwirt werden, ein Familienvater, ein Bürgermeister, alles, alles – nur nicht Politiker.

Vorher indessen noch eine Zeitlang: cum dignitate otium. Es ist ein gewaltiger Strom des Lebens, der hier an einem vorüberbraust, und mit gekreuzten Armen seinem Treiben zuzusehen, hat einen großen Reiz.

Jedenfalls, Lieber, Verehrter, dürfte der Aufenthalt in Paris mir jetzt gesünder sein als vor zehn Jahren, da ich, ein laubfroschfarbiger Jüngling, in dieser Stadt der Arbeit und des Genusses erschien. Damals an Deiner Hand, mein Mentor, oder vielmehr in Deiner Hand, das reine Postpaket, aufgegeben von meinem armen, weltentfremdeten Vater in Korin an der Wottawa, abzugeben in Paris, Rue St. Dominique im Hotel der Tante. Sie hatte mich reklamiert, und Ihr liefertet mich aus für ein Jahr, in dem es mir oblag, tanzen und fechten zu lernen und mich in der Aussprache des Französischen zu vervollkommnen.

O, Ihr alten, unschuldigen Kinder!

Wir haben leicht lachen heute, aber einen zwanzig-jährigen, in einem Privat-Trappisten-Kloster zwischen zwei greisen Gelehrten erzogenen Menschen nach Paris schicken, zu einer langmütigen Tante, die den Bengel vergöttert – das war ein Wagnis, das ich nicht unternehmen werde mit meinen Söhnen.

Ei, wenn er nur welche hätte! denkst Du im stillen. Nun, Freund, vielleicht ist heute übers Jahr schon einer auf dem Wege. Sobald er sein erstes Lustrum erreicht haben wird, kommt er zu Dir in die Lehre. Du lässest einen kleinen Pfahlbau für ihn im Teiche errichten, und er stellt mit seinen Bausteinen keltische Monumente auf und getreuliche Nachbildungen der Stufenpyramiden auf Otaheiti. Alle Kinder, die überhaupt Bausteine besitzen, tun das unbewußt, die meinen werden es mit Bewußtsein tun.

Und nun für heute lebe wohl!

Dein Edmund.

II.

Professor Erhard an den Grafen Edmund N.

Korin, den 15. Mai 1875.

Hochgeborener Herr Graf!

Mein lieber Mundi!

Ballen und Kisten glücklich einpassiert. Ei, wie köstlich! Gratuliere vornehmlich zur Erwerbung des Papyrus. Da ist Arbeit für viele Jahre in Aussicht gestellt. Möge Dein gehorsamster Diener sie zu Ende führen können. Dazu jedoch möchte die Zeit nicht langen, und wenn sein guter, gnädiger Gott ihn auch das Alter Methusalems erzielen ließe.

Daß Dein edler Vater noch lebte, sich der altägyptischen Statuette zu erfreuen, und der trefflichen Produkte textiler Kunst aus dem einstigen Reiche der Sikhs! Lieber Mundi, mein teurer Graf, Du hast im größten wie im kleinsten bei der Auswahl der von Dir nach Hause geschickten, vielfach unschätzbaren Gegenstände Dich in einem hohen Grade umsichtig und weise erwiesen. So bist und warst Du von jeher, und ich würde mich sehr besinnen, Deiner Behauptung zuzustimmen, daß Dein hochseliger Vater und meine Wenigkeit sich in ein Wagnis eingelassen, als wir dich vor zehn Jahren für reif erklärten zu einem Aufenthalt im modernen Babel. Wir wußten, was wir taten, und durften es – wie Figura zeigt – wohl tun.

Dein Reisetagebuch wird bestens abgeschrieben werden; doch darf ich leider nicht zur Indrucklegung raten, ein Vorschlag, mit dem ich Dich zu überraschen gedachte; es fehlt gar zu oft der nötige Zusammenhang. Die sentimental-feurige Apostrophe an die südliche Küste Frankreichs ist eine Zierde des Manuskriptes, und ich müßte lügen, wenn ich behauptete, daß sie mich, wenn auch nur gelinde, erschreckt hat. Was Du so schwungvoll die Leidenschaft Deiner Jugend nennst (ein hübscher Ausdruck und mir durchaus neu) dürfte derzeit wohl zur Gänze erloschen sein und Dein guter Verstand eingesehen haben, daß auf Erwiderung niemals zu hoffen, ja, daß eine solche niemals zu wünschen war. Eine vermählte, eine edle, heilig-zarte Frau, und zugleich die Deines besten Freundes, der Dich liebt, wie wenn Du der Sohn wärest, den er, leider vergeblich, ersehnt – das müßte ein andrer als mein Mundi sein, der sich da mit unerlaubten Gedanken trüge oder getragen hätte; denn wenn sich ja dereinst etwas Ähnliches in seiner schönen Seele begeben hat, liegt es derselben heute ferner als uns die Sintflut.

Glück und Segen und des Himmels auserlesenste Gunst über Dich! Ich bitte um Mitteilung des werten Namens derjenigen, die, Gott gebe es! bald den teuren Deinen tragen wird. Wolle mich, wenn Du das Haus ihrer hochschätzbaren Eltern besuchst, dort allerseits des Angelegentlichsten empfehlen.

In treuer Wertschätzung, Liebe, Ergebenheit

Dein alter Lehrer P. Erhard.

PS. In Deiner Wirtschaft herrscht beste Ordnung, in Deinem Schlosse beginnt sie schon das Szepter zu schwingen. Auf Schritt und Tritt begegnet dem Wissenden Genuß, dem Schüler Belehrung. Der Boden der Halle mit Ausgrabungen bedeckt, darf ohne Ruhmredigkeit verglichen werden mit einem klassischen Trümmerfeld. Aus bereits eingetretenem Mangel an Raum waren wir genötigt, die holdig-schönen von ungemeinem antiquarischen Reiz umflossenen Mumien in Deinem Schlafgemache unterzubringen.

III.

Graf Edmund N. an Professor Erhard.

Paris, den 22. Mai 1875.

Lieber Professor, bester Freund!

Allzubreit darf das Altertum sich in meinem Hause doch nicht machen, wer weiß, ob wir nicht, in erwartbarer Zeit, darin Platz brauchen für eine junge Frau. Die Mumien lasse, wenn's nicht anders geht, in den Keller schaffen. Es gehört zu meinen Marotten, daß ich lieber in meinem Bette schlafe als im Sarge einer Pharaonentochter.

Um die Erlaubnis, das Elternhaus Madeleines – so heißt nämlich die halb und halb Erwählte – besuchen zu dürfen, habe ich noch nicht gebeten, mich noch nicht entschlossen zu dem entscheidenden Schritt. Keineswegs aus Angst vor einem Korbe. Madeleine hat für mich „de l'amitié“ – nicht zu übersetzen mit unserm deutschen „Freundschaft“; es heißt weniger und mehr und jedenfalls etwas ganz andres. Die Mutter ist mir wohlgesinnt, und geradezu geliebt werde ich vom Vater. Der würde Dir gefallen, den würdest Du zu erwerben suchen – für unsre Sammlung. Denke Dir das schönste Exemplar einer Rasse, die wir für ausgestorben hielten, einen „chasseur du roi“, wie ihn die Bretagne um 1794 nicht charakteristischer aufgestellt: Untersetzt, breitnackig, breitgestirnt, mit funkelnden Falkenaugen, kurzer Nase, runden Nüstern, Mund und Kinn wie, ziemlich grob, aus Stein gemeißelt. Ich wette, er schwört noch bei der heiligen Jungfrau von Auray und trägt unter dem Hemde mehr Amulette als Ludwig XI. In seinen Augen ist jedes Mißgeschick, von dem Frankreich seit dem Zusammentreten der Nationalversammlung betroffen wurde, eine Sühne für die Zertrümmerung des Königtums. Mit dem letzten Kriege ließ Gott die schwerste Geißel über das abtrünnige Reich des Heiligen Ludwig niedersausen. Die Deutschen sind ihm nur Werkzeuge der Rache des Allgerechten, und als solche dürfte er sie eigentlich nicht hassen, aber er haßt sie doch und ingrimmig. Mich, als den Sohn eines „Tschèche“ und einer Französin, hält er für einen geborenen Widersacher seiner Feinde und zieht in meiner Gegenwart mit besonderem Schwung gegen sie los.

Da habe ich denn schon oft bemerkt, wie peinlich solche Ausbrüche des Zornes gegen uns – welch ein Schnitzer! ich sage uns, ich „Tschèche“, – auf Madeleine wirken.

Sie schweigt zwar, aber sie kämpft entschieden mit innerster Empörung; wechselt die Farbe, und gestern sah ich, wie ihre schönen Hände, die einen so ausgesprochen festen und braven Charakter haben, krampfhaft zitterten auf ihrem Schoße.

Vielleicht ahnt sie etwas von meiner wahren Gesinnung, dachte ich, und fürchtet, ich könnte mich durch die Ausfälle ihres Vaters verletzt fühlen. In der Absicht, sie darüber zu beruhigen, sagte ich ihr, daß ich Kosmopolit bin aus ganzem Herzen. Ich wiederholte, was ich so oft von Dir gehört, und was sich mir überzeugend eingeprägt hat: daß unsre Nation nur unsre erweiterte Familie ist, und daß der rechte und gute Mensch seine Familie nicht auf Kosten andrer liebt, lobt und fördert. Indessen vermöge ich doch, mich in die Empfindungen eines, in seinem Stolze gekränkten Patrioten hineinzudenken, und sie, trotz ihrer Verschiedenheit von den meinen, zu ehren.

Sie hörte mich aufmerksam an und nickte zustimmend, freilich auch etwas spöttisch, und lächelte, wie sie pflegt, wenn ich ihr gegenüber einmal einen warmen, vertrauensvollen Ton anschlage ... Es ist eine ungute Art zu lächeln, die mich aus der Fassung bringt, mich immer unvorbereitet findet und peinlich überrascht.

Das war anders dereinst! Elsbeth konnte mich nie überraschen; sie konnte mich nur stets von neuem in der hohen Meinung, die ich von ihr hatte, bestärken. Bei zahlreichen Gelegenheiten fragte ich mich: was würde jetzt das Prototyp dieser Frau tun? dachte mir das Schönste und Schwerste aus – und das war dann, was sie tat, so natürlich und einfach, wie wenn es das Selbstverständliche wäre.

Ja, diese Frau! Ich habe dem Geschick für vieles zu danken, für nichts aber so heiß, als daß ich drei Jahre in ihrer Nähe leben und mit ihr verkehren durfte, fast wie ein Hausgenosse. Ohne sie wäre ich untergegangen, war auf dem besten Wege ... Sehr unrecht hast Du, es zu bezweifeln! Erinnere Dich, wie ich Euch heimkehrte, nach jenem ersten lehrreichen Aufenthalt in Paris. Ich sehe noch den Ausdruck des Schreckens im Angesicht meines armen, damals schon todkranken Vaters bei unserm ersten Tischgespräche, da ich meine neuerworbenen Ansichten vom Leben auskramte, mit meinen Erfahrungen prahlte und mich erhaben dünkte über Euch, wie ein aus dem Kriege kommender Soldat über ein paar alte Ofenhocker.

Und später – das Eis war gebrochen, es hatte schon begonnen zu tauen in meiner erwachenden Seele ... weißt Du noch? – lag ich auf den Knien vor dem Sterbenden, und er segnete mich und sprach leise mit seinem allgütigen Lächeln: „Verliebe Dich, mein Sohn.“

Wahrlich, ein väterlicher Rat ist nie treuer befolgt worden. Ich habe geliebt, wie man nicht mehr liebt im neunzehnten Jahrhundert, und wie vielleicht auch in den vorigen Jahrhunderten nur wenig Frauen geliebt worden sind.

Die Frau Deines väterlichen Freundes, sagst Du vorwurfsvoll. – Aber dieses Bewußtsein verschärfte nur die Qual und änderte nichts an der Empfindung.

Niemand vermag mir den Glauben zu nehmen, daß sie für mich, und daß ich für sie geboren war, daß wir Eins gewesen sein mußten in einem früheren Leben und nun zueinander strebten mit derselben Urgewalt, wie die Fluten des durch Klippen getrennten Bergstroms, der zu Tale stürzt.

Und dennoch, so zuversichtlich ich hoffte, daß jede sehnsüchtige Empfindung meiner Seele einen Widerhall in der ihren fände, so fest war meine Überzeugung, daß Elsbeth lieber sterben würde und lieber mich sterben ließe, als ein Unrecht tun. Ich aber hatte Augenblicke – Dir, alter Mensch, darf ich's sagen, unsre Schuljungen würden mich verhöhnen – in denen alle meine Wünsche schwiegen vor dem einen, ihrer würdig, ihr Freund, ihr geistiger Genosse zu bleiben. Die ich wie eine Göttin verehrte, sollte nicht niedersteigen, um in meinen Armen eine Erdenfrau zu werden. Aber diese Augenblicke wurden immer seltener, die Selbstbeherrschung wurde mir immer schwerer, um so mehr, als Elsbeth ihr Benehmen änderte, ihre Unbefangenheit zu verlieren, jedes Alleinsein mit mir ängstlich zu vermeiden schien —

Unwandelbar derselbe blieb nur Er, der Lustspielgatte, der arglose, alberne – anbetungswürdige. Er hielt mich mit Gewalt fest, wenn ich fort wollte, er plagte mich, um mir mein kroatisches Gut zu erhalten, das ihm das seine so schön arrondiert hätte, und das schon zu Zeiten meines Vaters losgeschlagen werden sollte, weil wir Geld brauchten für die arg zurückgegangene Wirtschaft in Korin.

Aber er weigerte sich zu kaufen. Im Anfang zögernd, dann immer entschiedener. – „Es ist halt schwer, es ist halt schwer. Mir würde der Krempel passen. Du gehst mathematisch darauf zu Grund. Kennst Dich ja bei uns gar nicht aus.“

„So kaufe! kaufe! zahle, was du recht findest.“

„Was ich recht fände, kann ich nicht zahlen, und weniger mag ich nicht zahlen; ich mache keinen Handel mit einem Menschen, der wie Du in Geschäften ein Mondkalb ist. Das darf nicht sein. Was meinst, Elsbeth?“

Sie lachte. Es gibt nichts, das lieblicher wäre als ihr Lachen. Um so lachen zu können, muß man eine großartige und milde Seele haben. Gar wenige Frauen lachen schön. „Was soll ich nur antworten, ohne entweder unhöflich oder gewissenlos zu sein?“ fragte sie, und er schmunzelte und begann seinen graublonden Knebelbart um den Zeigefinger zu wickeln: „Ja, wenn ich Kinder hätte, Gott weiß, welcher Schandtat ich fähig wäre, – aber so!“

Und später hieß es dann: „Weil ich keine Kinder habe und mathematisch keine bekommen werde, will ich Deine lang vernachlässigten Interessen vertreten, Du Junge Du, wie wenn es die meiner Kinder wären.“

Nein, einen solchen Mann betrügt man nicht: „Das darf nicht sein,“ wie er sagt.

Aber so schwer als möglich hat er mir's gemacht, ein ehrlicher Kerl zu bleiben. Ich mußte am Ende heraus mit einem halben Geständnis. Da murmelte er etwas von Unsinn und wurde ein wenig rot. „Du weißt nicht mehr, was Du erfinden sollst, damit man Dich nur fortläßt,“ sagte er und – ließ mich ziehen.

Kommst halt wieder, wenn Du mathematisch sicher bist: ich darf mit gutem Gewissen!

Und ich darf! Ich werde mit meiner jungen Frau den ersten Winter in meinem, durch den fürsorgenden Freund bewohnbar gemachten Hause in der Nähe von Fiume verleben, gut nachbarlich mit Elsbeth und mit meinem lieben alten Hans.

Seit drei Tagen schreibe ich an diesem Brief. Nun soll er endlich abgeschickt werden. Wir reisen morgen auf das Land.

Die Tante hat ihre Einladungen gemacht; unter den ersten Aufgeforderten waren die Eltern Madeleines samt Tochter.

Die letztere und ich hatten eben vom Ende der Saison gesprochen, vom nahen Scheiden, als die Tante herantrat mit der Kunde, daß uns ein baldiges Wiedersehen bevorstehe.

Da bereitete mir Madeleine wieder eine Überraschung – ein heller Freudenglanz überflog ihr Gesicht, leuchtete aus ihren Augen.

Dieses plötzliche Aufflammen war wirklich eigentümlich. Ich glaube, sie hat mehr „amitié“ für mich, als sich einbildete

Dein treuer Schüler.

Wenn die Eifersucht der Mumien es erlaubt, so schreibe mir doch einmal wieder und adressiere: Les Ormeaux, Département Meurthe et Moselle, près Cirey les fosses. Wie nahe der jetzt deutschen Grenze!

IV.

Graf Edmund N. an Professor Erhard.

Les Ormeaux, den 2. Juni 1875.

Teurer Freund, lieber Professor!

Gestern hatte die Tante den Besuch einer merkwürdigen Frau.

Ich will sie Irina nennen.

Vor Jahren in Wien lernte ich sie kennen. Sie war reizend und sehr gefeiert. Ihr Mann, ein widerwärtiger Gesell, ein Streber, hatte sie aus Ehrgeiz geheiratet; sie galt, als „Adoptivtochter“ eines hohen Würdenträgers, für einflußreich. Der Gatte ließ ihr volle Freiheit. Welchen Gebrauch sie in Petersburg davon gemacht, weiß ich nicht; in Wien bestand ihr Hauptvergnügen darin, die Herzen ihrer zahlreichen Anbeter an langsamem Feuer zu braten. Wie niemand verstand sie sich auf die Kunst, nichts zu versprechen und – alles hoffen zu lassen. An mir ging sie gerade so lange gleichgültig vorbei, als sie meine Gleichgültigkeit nicht bemerkte. Dann begann der Kampf. Meine Seele lag in Elsbeths Banne. Ich konnte mir jederzeit ihr Bild so deutlich heraufbeschwören, daß ich sie sah wie mit körperlichen Augen, – aber kennst Du den Mann, der einer hübschen Frau gegenüber, die sich ihm an den Kopf wirft, den Spröden spielt? – Ich hatte nur den Abhub der Liebe zu vergeben, Irina begnügte sich damit, sie triumphierte. Der Rausch war kurz, aber noch vor der völligen Ernüchterung trennten uns die Verhältnisse.

Zwei ihrer Briefe beantwortete ich, den dritten und vierten nicht mehr.

Und jetzt sehe ich sie wieder; etwas gealtert, aber noch immer verlockend, und, wie ich höre, noch immer sehr umworben. Eine gefährliche Frau; besonders für junge Leute, die die Kinderschuhe eben ausgetreten haben, oder für die alten, die eben im Begriffe sind, wieder hinein zu schlüpfen.

Bei Tische schenkte sie mir keine Aufmerksamkeit; als ich aber nachmittags in den Garten ging, um im Freien meine Zigarre zu rauchen (aus dem Hause der Tante ist der Tabak verbannt), kam sie mir nach, eine Zigarette dampfend. Wir wandelten eine Weile am Ufer des Teiches nebeneinander und führten ein unbedeutendes Gespräch. Plötzlich blieb sie stehen, sah mich fest an und sagte in ihrer nachlässigen und sanften Weise: „Unter anderm, warum haben Sie meine letzten Briefe nicht beantwortet?“

Ich war auf diese Frage gefaßt und erwiderte ohne Zögern: „Weil ich wußte, daß Sie mir einst danken würden für diese weise Zurückhaltung.“

„Wirklich? Mir ist das nicht ausgemacht.“

„Mir hingegen mit einer Gewißheit, so groß, daß sie auslangt für uns beide.“

Wir setzten unsre Wanderung wieder fort; die Luft war drückend schwül, hinter den Hügeln an der deutschen Grenze stiegen schwere Gewitterwolken auf.

Irina zog mit einem tiefen Atemzuge den Rauch ihrer Zigarette ein und ließ ihn, langsam genießend, wieder herausqualmen zwischen den leicht geöffneten Lippen. – „Wenn ich nicht irre, trug ich Ihnen an, mich scheiden und mich mit Ihnen trauen zu lassen in irgendeinem siebenbürgischen Gretna Green.“

„Etwas dergleichen ... Denken Sie, wenn ich selbstsüchtig genug gewesen wäre, Sie beim Wort zu nehmen?“

„Nun?“

„Sie hätten auf alles verzichten müssen: Ihre Stellung in der Welt, Ihren Einfluß, die Liebe der Ihren, Ihr abwechslungsreiches Leben ...“

„Und die Folge dieser Entbehrungen?“

„Daß Sie sich unglücklich gefühlt hätten.“

„Was weiter? Wer sagt Ihnen, daß Durst nach Glück mich veranlaßt hat, Ihnen den Vorschlag zu machen, der so wenig Anwert bei Ihnen fand? Es war Durst nach dem Gegenteil, nach Leid, nach Schmerz, mit einem Worte – nach Liebe.“

Ich muß sie sehr zweifelnd angesehen haben, denn sie beeilte sich, zu bekräftigen – „Liebe, ja, ja. Schade, daß ich sie nur zu empfinden und nicht einzuflößen verstand. Wir wären miteinander durchgegangen, und Sie hätten mich unglücklich gemacht, und das wäre wundervoll gewesen – unglücklich durch einen Menschen, den man liebt. Die Hand, die mich schlägt, ich küsse sie. Quäle, mißhandle mich, so viel es Dich freut, mit meiner Liebe wirst Du doch nicht fertig, diesen Reichtum erschöpfst Du nicht ... Und den in sich zu fühlen, den göttlichen Lebensquell ... was ist all das kleine Glück, das sich uns im Leben bietet, gegen ein solches Unglück?“

Sie verlangsamte ein wenig ihren noch sehr jugendlichen und hübschen Gang; ihre ganze Art und Weise blieb ruhig, ja gleichgültig, und dieser Gegensatz zwischen ihren Worten und ihrem Benehmen hatte einen eigentümlichen Reiz.

Wir nahmen Platz auf einer Gartenbank; der Himmel verfinsterte sich mehr und mehr, es herrschte ein malerisches Halbdunkel unter den Bäumen, das äußerst vorteilhaft war für Irinas farblosen, durchsichtigen Teint. Ihr feines Gesicht mit den großen grauen Augen, die zarte Gestalt im duftigen Spitzenkleide gewannen in der schmeichelnden Beleuchtung etwas Poetisches, Elfenhaftes.

„Das Glück,“ sagte ich, „mit dem Sie sich in Ermangelung des erwünschten Gegenteils begnügen mußten, hat doch auch sein Gutes, es hat Sie jung erhalten und schön.“

„Und leichtsinnig,“ setzte sie hinzu, in nur allzu überzeugtem Tone. „Wir Frauen haben einmal im Leben nichts als die Liebe, und wenn wir mit der unsern nicht an den Rechten gekommen sind, dann heißt es eben – tröste Dich, wie du kannst!... Man sucht, man findet ... das wohlbekannte Surrogat: Zerstreuung – ohne Liebe ... Sie aber“ – der wehmütige Ausdruck, den ihre Züge angenommen hatten, verwandelte sich in einen übermütig schalkhaften – „Sie werden Liebe haben – ohne Zerstreuung.“

Ich verstand sie nicht gleich und brachte ein albernes „Wieso?“ vor, dessen ich mich zur Stunde noch schäme.

Der Donner grollte, einige Regentropfen fielen, sie achtete ihrer nicht, schalt mich einen Geheimniskrämer, den sie jedoch durchschaue, und gratulierte mir zu meiner bevorstehenden Heirat. Als echter Deutscher (ihr bin ich ein Deutscher) hätte ich klug und praktisch gewählt. – Das Erbfräulein ist hübsch, wohlerzogen, hat einen vortrefflichen Charakter. „Kann man mehr verlangen?“ fragte sie. „Sie treffen es gut – beinahe so gut wie – Ihre Braut. Und somit gebe ich Ihnen meinen Segen.“

Sie erhob sich rasch und streifte meine Stirn mit flüchtigem Kusse. Ich wollte sie an mich ziehen, doch entwand sie sich mir und sprach: „O nein ... Aus, aus!... Ob die Liebe gar nicht kommt, ob zur unrechten Zeit, ist eins und dasselbe ... wir sind geschiedene Leute. – Wenn unsre Wege sich nicht mehr kreuzen sollten, Sie nur noch von mir hören, und nicht immer das Beste, dann gesellen Sie sich nicht zu denen, die einen Stein auf mich werfen. Sie haben kein Recht dazu,“ schloß sie sanft.

Ich war ergriffen und gerührt. Es ist nicht heiter, wenn jemand, mit dem wir glaubten, längst abgerechnet zu haben, vor uns hintritt und uns beweist, daß wir tief in seiner Schuld stehen.

Etwas dergleichen sagte ich auch, ohne damit einen besonderen Eindruck zu machen.

Die schwarzen Wolken am Himmel platzten und sandten einen Guß nieder wie aus hunderttausend Traufen. Irina, leicht aufatmend, bot dem strömenden Regen ihr unbedecktes Haupt und schlug ohne die geringste Eile den Heimweg ein.

Zur Albernheit verurteilt an diesem Nachmittag, wußte ich nichts andres zu sagen als: „Ihr schönes Kleid wird ganz verdorben.“

„Durch Ihre Schuld!“ erwiderte sie mit scherzender Anklage. „Warum mahnten Sie nicht früher zum Aufbruch ... Jetzt haben Sie auch mein Kleid auf dem Gewissen.“

Triefend kamen wir nach Hause. Irina ging, sich umkleiden zu lassen, und betrat eine halbe Stunde später im Reiseanzug den Salon. Die Tante beschwor sie zu bleiben, wenigstens morgen noch, vergeblich, sie ließ sich nicht erbitten.

Wir begleiteten sie zur Bahn, im offenen Wagen. Das Gewitter hatte sich völlig verzogen, der Sommerabend war mild und hell, ein kräftiger Erdgeruch wallte aus den feuchten Feldern und Wiesen zu uns herauf. Ich saß Irina gegenüber; sie lächelte mir zu und machte sich lustig über die Melancholie, in die mich, wie sie behauptete, ihre Abreise versetzte.

Auf der Station warteten einige Bauern, der Zug war schon signalisiert; Irinas Leute hatten kaum Zeit, die Bagage aufzugeben und Billetts zu lösen, da brauste er heran.

Aus dem Fenster eines Coupés erster Klasse beugte sich ein junger Mensch weit heraus, ein langer, hübscher, blasser Bursche, mit keimendem Schnurr- und Backenbärtchen. Als er Irina erblickte, stieg eine dunkle Röte ihm in die Wangen, die aufrichtigste Seligkeit funkelte aus seinen unverwandt auf sie gerichteten Augen. Hastig winkte er den Schaffner herbei.

„Ach, mein Neffe Wladimir, welcher Zufall!“ sagte Irina mit förmlich herausfordernder Unbefangenheit und nahm Abschied. Ich führte sie zum Waggon, dessen Tür bereits offen stand. Der Jüngling hatte das Handgepäck, das der Kammerdiener hineinreichte, in Empfang genommen, stand da und hielt selbstvergessen die Reisetasche Irinas mit leidenschaftlicher Innigkeit an seine Brust gepreßt. Ich half der schönen Frau einsteigen. Der Duft frischer Blumen strömte uns aus dem Wagen entgegen; in den Netzen hingen, auf den Sitzen lagen die schönsten Teerosensträuße. – Ich hörte Irina noch sagen: „Quelle folie!“ Dann flog die Tür zu, die Lokomotive pfiff und pustete, die Räder setzten sich in Bewegung, ein letzter Gruß, ein Taschentuch, das man flattern sieht an einem Fenster und – alles vorüber.

Die Tante und ich fuhren nach Hause. Sie war außerordentlich aufgeräumt. Durch alle ihre Kosmetikes hindurch schimmerte der Glanz stiller Heiterkeit. In einem alten Renner, vor dessen Augen ein andres Pferd durchgeht, mögen sich ähnliche Erinnerungen regen, wie die ihren waren in diesem Augenblicke.

Ganz gegen ihre Gewohnheit, denn sie gehört zu den harmlosesten Geschöpfen, die ich kenne, bemerkte sie nach einer kleinen Pause, während der wir uns unsren Betrachtungen überlassen hatten:

„Früher waren es Cousins, jetzt sind es Neffen. Ich weiß nicht, ob das ein Fortschritt oder ein Rückschritt ist.“

Mais“, setzte sie seufzend hinzu, und ihre Stirn würde sich in nachdenkliche Falten gelegt haben, wenn die Crême de Lys à la Ninon eine solche Hautgymnastik erlaubt hätte – „mais je comprends ça!

Dein Edmund.

V.

Graf Edmund N. an Professor Erhard.

Les Ormeaux, den 25. Juni 1875.

Lieber verehrter Freund!

Bereite Dich auf eine Überraschung vor. Unsre Pläne sind umgestoßen. Ich schrieb Dir gestern in verdrießlicher Laune. Dank der Nachlässigkeit meines Dieners blieb der Brief liegen. Heute zerreiße ich ihn, schreibe einen neuen und hoffe, wenn diese Zeilen in Deine Hände kommen, bin ich ganz versöhnt mit meinem Lose und habe eingesehen, „daß alles Segen war.“

Was sich begeben hat, ist folgendes:

Neulich am Abend waren wir alle auf dem Balkon. Eine Dame aus der Nachbarschaft, die sich für eine Naturfreundin hält, hatte uns dahin beordert, um den Aufgang des Mondes zu bewundern. Sie quittierte die Oh und Ah, die ausgestoßen wurden, und machte die Honneurs des schönen Schauspiels, als ob sie es erfunden hätte. Es verdroß sie, daß Madeleine sich schweigend verhielt. – „Die jetzige Jugend lobt nichts,“ meinte sie, „nicht einmal den lieben Gott in seinen Werken. Ein Anblick wie dieser läßt Euch kühl. Nicht wahr, liebe Kleine?“

Die „Kleine“, von der die dicke Naturschwärmerin um einen halben Kopf überragt wird, sah zu ihr nieder und erwiderte rasch und lebhaft: „Sie tun mir unrecht, niemand schätzt den Mond mehr als ich, diesen liebenswürdigen Alten, dessen Glanz schon längst erloschen ist, der sich aber in Ermangelung eigenen Lichtes zum Spiegel fremden Lichtes macht und uns so hold die Nacht erhellt. Ich will mir sogar ein Beispiel an ihm nehmen und bei fremdem Glücke borgen, was man so braucht, um den Schein der Heiterkeit zu haben und zu verbreiten.“

„Welche Resignation!“ rief ich aus.

„Eine sehr bedingte, wohl gemerkt,“ erwiderte sie. „Mit dem Scheine begnügt ein braves Herz sich erst, wenn das Wesen ihm unerreichbar bleibt ... Ja, wenn die Wahl frei stände ...“ sie hielt inne. Es war wieder das Aufblitzen in ihrem Gesichte, das Leuchten der Augen, das übermütig schalkhafte Lächeln. –

Plötzlich warf sie einen Blick voll Entschlossenheit auf eine junge Frau hinüber, die ich längst im Verdachte hatte, die Vertraute aller ihrer Mädchengeheimnisse zu sein, und fuhr fort: „Zum Beispiel Sie, meine Damen, wenn Sie sich statt dieses Anblicks,“ den Arm ausstreckend, deutete sie nach dem Horizont, „den eines Sonnenaufganges gönnen wollten, was so leicht geschehen kann, und – ich wette, noch nicht geschehen ist.“

Einige widersprachen, ein kurzer Streit entspann sich. Am Ende beschloß die ganze Gesellschaft einstimmig, morgen mit dem frühesten auszureiten und von einem Hügel aus, der zu Pferde in zwanzig Minuten zu erreichen war, das Erscheinen des Tagesgestirns zu erwarten.

„Seien Sie pünktlich,“ empfahl mir Madeleine, ehe wir uns trennten, und ich versprach's und hielt Wort. Ich war der erste beim Stelldichein im weitläufigen, kiesbestreuten Hofe, in dessen Mitte eine Fontäne plätscherte. Ihr einförmiges Geräusch wurde allmählich eine Art Stimme und gurgelte: „Mach Dich gefaßt! Mach Dich gefaßt!“ Es kam sogar zu einem Vers: