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Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte

Chapter 8: IV.
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About This Book

This collection of five tightly observed tales examines provincial society through character studies and moral dilemmas. One narrative follows a physician who rises from hardship by relentless thrift, negotiating professional success, family duty, and social ambition; other stories portray interpersonal rivalry, the pressures on a promising pupil, the ritualized manners of social greeting, and a quietly intense Christmas evening in a woman's life. Across varied episodes the prose favors psychological insight and subtle social critique, tracing how pride, compassion, and practical necessity shape ordinary choices and relationships.

Derselbe! er war es – er gewiß, der Rätselhafte, dessen Lebensgeschichte die Vernünftigen einander mit Hohn und Spott erzählten, die Furchtsamen mit Haß, die Phantasten mit Begeisterung, es war – Eduard Dembowski.

Oft hatte er sagen gehört, daß von diesem Menschen ein Zauber ausgehe, dem sich niemand zu entziehen vermöge, und dieser geheimnisvollen Einwirkung den größten Unglauben entgegengebracht, und nun gestand er sich, daß er doch etwas ihr Ähnliches erfahre.

Ja! der bleiche Schwärmer schritt wie ein Gespenst neben ihm her. Ja! sein Bild verfolgte ihn mit unleidlicher Hartnäckigkeit. Vergeblich suchte er seine Gedanken von ihm abzulenken, immer wieder tauchte es auf und trotzte dem Willen, es zu verscheuchen.

Das Gefährt des Doktors stand schon seit geraumer Weile auf der Straße. Eine bequeme Britzschka, bespannt mit einem Paar kugelrunder Falbenstuten, in zierlichen Krakauergeschirren, mit glockenbehangenen Kummeten. Der Kutscher war ein schlanker Bursche im saubern, einfach verschnürten Leibrock, und das Ganze bildete eine hübsche Equipage, um die so mancher Edelmann den Doktor beneidete.

Dieser klopfte den Falben die starken Hälse und legte ihnen die Zöpflein der schwarzen, eingeflochtenen Mähnen zurecht. Schon war er im Begriff, in den Wagen zu steigen, da wandte er sich zu dem Alten am Fuße des Kreuzes zurück:

„Du! wie heißt du?“

„Semen Plachta, Herr.“

„Hör an, Semen! Krieche heim und sage deinem Schwiegersohn, daß Doktor Rosenzweig morgen kommen wird, dich zu besuchen. Er soll dich zu Hause lassen. Verstehst du mich? Wenn ich komme und dich nicht zu Hause finde, werde ich dafür sorgen, daß dein Schwiegersohn noch vor der allgemeinen Verteilung als erste Abschlagzahlung auf das Künftige eine Tracht Prügel erhält.“ Rosenzweig hatte seine Brieftasche gezogen und ihr eine Fünfguldenbanknote entnommen. Sein Gesicht wurde sehr ernst, während er sie betrachtete. Ein kurzes Zögern noch – dann reichte er sie dem Greise hin.

„Das aber gehört dir. Ich will morgen hören, ob das Geld für dich verwendet worden ist.“

Semen streckte die Hand nach dem fabelhaften Reichtum aus; – zu sprechen, zu danken vermochte er nicht. Auch der Kutscher auf dem Bocke blieb starr, riß die Augen auf, ließ vor Erstaunen beinah die Zügel fallen. Was sollte das heißen, um Gottes willen? Sein Herr verschenkte fünf Gulden an einen Straßenbettler?!

„Herr,“ sagte er, als der Doktor in den Wagen stieg, „du hast ihm fünf Gulden gegeben. Hast du dich nicht geirrt?“

„Schweig und fahr zu!“ befahl Rosenzweig, und die Peitsche knallte, und die Falben griffen aus.

Bald kam auf der weiten Ebene das Doktorhaus in Sicht. Es stand jetzt nicht mehr so allein da wie ein Grenzstein; sehr nette Stallungen und Schuppen erhoben sich hufeisenförmig im Hintergrund, und eine wohlgepflegte Baumschule füllte den Raum zwischen den Wohn- und Wirtschaftsgebäuden.

Die letzteren waren wirklich nach einem Plane des Chamers, dem der Architekt seine Sanktion gegeben hatte, ausgeführt worden und gut ausgefallen, das mußte man gelten lassen.

Ob Rosenzweig zu seinem Daheim zurückkehrte aus dem Gehöft eines Schlachziz, aus dem Hause eines Grundherrn oder aus dem Schlosse eines Magnaten – sein geliebtes Besitztum begrüßte er stets mit der gleichen Freude. „Den andern das ihre, das meine mir!“ – Aufrichtig gesagt, getauscht hätte er, wenn auch noch so gewinnreich, mit keinem. Er hatte ja nie ein lebendes Wesen (seine Großmutter ausgenommen) so geliebt, wie er sein kleines Gut liebte. Und wie es da so schmuck vor ihm lag, das langsam und mühsam Erworbene, die Verkörperung seiner Kraft und Tüchtigkeit, ein so wahrhaft zu Recht bestehendes Eigentum, wie es wenige gab, da ballten sich seine Fäuste, und er vollzog einen imaginären Totschlag an dem imaginären ersten, der es wagen würde, ihm seinen Besitz anzutasten.

Am Abend noch besuchte er den Kreishauptmann und berichtete ihm Wort für Wort sein Gespräch mit Semen Plachta.

Der Beamte ließ sich in eine ausführliche Erörterung der kommunistischen Umtriebe im Lande ein; die eigentlichen Absichten ihres Urhebers jedoch, das Wesen des seltsamen Mannes überhaupt, wußte er nicht zu erklären, so genaue Kenntnis er auch von dessen ganzem Lebenslaufe besaß.

Der Sendbote, der das Land rastlos durchpilgerte und in den Palästen und den Hütten das Evangelium der Gleichberechtigung aller Menschen und der Gleichteilung allen Grund und Bodens verkündete, gehörte, als Sohn des Senatorkastellans von Polen und Herrn der Herrschaft Rudy im Warschauer Gouvernement, dem hohen Adel an. Auch er war wie seine Standesgenossen aufgewachsen und erzogen worden im Bewußtsein überkommener Rechte, ererbter Macht und der Pflicht, sie zu wahren und sie auszuüben.

Kaum jedoch in ihren Besitz gelangt, hatte er sich ihrer freiwillig entäußert. Die Erträgnisse seiner Güter flossen in die Bettelsäcke der Güterlosen oder wurden zu Revolutionszwecken verwendet. Er aber zog umher und warb Jünger für seine Lehre und fand ihrer in den Reihen seiner eigenen Standesgenossen. An die eindrucksfähigen Herzen der Jugend wandte er sich, und je reiner und unschuldiger diese Herzen waren, desto feuriger erglühten sie in Verehrung für ihn, und in Sehnsucht, seinem opfermutigen Beispiel zu folgen. Boten des Sendboten tauchten auf im Königreiche Polen, im westlichen Rußland, in Posen, in Galizien. Die Worte ihres Abgottes auf den Lippen, riefen sie dem Adel zu: – Wirf deine Reichtümer und deine zu lang genossenen Vorrechte von dir. Vorrecht ist Unrecht. Und dem Volke: – Kommt, ihr Armen! Nehmt euern Anteil an dem Boden, den seit Jahrhunderten euer Schweiß, und wie oft! auch euer Blut gedüngt hat. – Zu allen aber sprachen sie: Erhebt euch, schüttelt das Joch der Fremden ab! Wir wollen ein Reich gründen, darin es weder Überfluß noch Armut, nicht Herrschaft noch Knechtschaft gibt, das Reich – das Christus gepredigt hat.

Der geistige Leiter dieser Missionen hatte sich inzwischen an dem gegen Rußland geplanten und fast im Augenblick des Losbruchs gescheiterten Aufstande des Jahres 1843 beteiligt. Als Flüchtling entkam er nach Posen, wurde dort binnen kurzem wegen Verbreitung kommunistischer Grundsätze zur Rechenschaft gezogen, in Haft genommen, endlich verbannt. Er begab sich nach Brüssel, wo Lelewel die Verirrungen seiner allzuheißen Freiheits- und Vaterlandsliebe in den Qualen bittersten Heimwehs verbüßte. Der Umgang mit diesem „Großmeister der Revolutionäre“ steigerte die Begeisterung Dembowskis zum Fanatismus. Was seine Seele fortan erfüllte, war nicht mehr Mitleid allein mit den Elenden und Armen, es war auch Haß gegen die Starken und Reichen, hießen sie nun die Beherrscher der Teilungsmächte oder die Inhaber der polnischen Zentralgewalt in Paris und Usurpatoren des Königreichs, das sie wiederherstellen wollten.

Der Apostel der Nächstenliebe kehrte als ein politischer Agitator nach der Heimat zurück. Er, den bisher nur seine eigenen Eingebungen geleitet hatten, übernahm die Ausführung fremder Pläne und die Aufgabe, Galizien zur Empörung reif zu machen. In dieser Aufgabe wirkte er nun. Wußten die, die ihn mit ihr betrauten, was sie taten? Sahen sie ihn und seine Lehre nur als das Ferment an, das die stumpfsinnige Menge in Gärung bringen, in eine Bewegung setzen sollte, der die Richtung vorzuschreiben sie sich anmaßten? –

Die Sympathie und Bewunderung, die jeder echte Pole für den empfindet, der im Kampfe gegen die Fremdherrschaft gelitten hat, bewährte sich von neuem. Der Adel nahm den Geächteten in Schutz, obwohl er einen Gegner seiner Interessen in ihm erkannte. Mochte er welcher Partei immer angehören, die Befreiung Polens war auch sein Ziel, auf dem Wege traf man zusammen und drückte einander die Hand.

„Und sehen Sie,“ schloß der Kreishauptmann, „so sehr ist der Mensch in mir im Beamten doch nicht aufgegangen, daß ich diese Polen um solcher Züge ihres oft unbesonnenen, blinden, stets aber hochherzigen Patriotismus willen nicht lieben und zugleich – beneiden müßte.“

„Euer Gnaden!“ rief Nathanael mißbilligend aus, und beide Männer schwiegen. Nach geraumer Zeit erst nahm der Doktor wieder das Wort:

„Ich glaube, Euer Gnaden, es wäre Sache der Regierung, vor allem sich und den Adel vor dem verderblichen Einfluß des kommunistischen großen Herrn zu schützen.“ Hier flocht er das ruthenische Sprichwort ein: ‚Ein schlechter Vogel, der sein eigenes Nest beschmutzt.‘ – „Ich begreife nicht, warum man so lange untätig zusieht. Warum man ihn nicht hindert gleichsam unter den Augen der gesetzlichen Macht sein tödliches Gift auszustreuen.“

Unangenehm berührt durch die Entschiedenheit, mit der Rosenzweig sprach, entgegnete der Kreishauptmann mit kühler Überlegenheit:

„Es geschieht schwerlich ohne Grund. Übrigens – unter uns! – wir haben Weisung, auf ihn zu fahnden – in unauffälliger Weise.“

„O – dann!“ rief Nathanael übereifrig – „dann beschwöre ich Euer Gnaden, meine Dienste in Anspruch zu nehmen. Unauffälliger wäre nichts, als einen Kranken dem Arzte anzuvertrauen. Und daß Ihr ‚Sendbote‘ krank ist – hier,“ er deutete auf die Stirn, „und in das Beobachtungszimmer des Kreisphysikus gehört, darauf schwöre ich!“

Der Ausdruck im Gesichte des Beamten wurde immer kälter; er richtete plötzlich eine gleichgültige Frage an den Doktor und entließ ihn, indem er beim Abschied warnend Talleyrands berühmtes „Surtout pas trop de zèle!“ zitierte.

Die Warnung blieb fruchtlos. Des Doktors ein mal entfesselter Eifer für die Sache der Ordnung und des Gesetzes war nicht mehr zu bändigen. Er hätte die Friedlosigkeit, die ihn umherjagte, auch den andern mitteilen mögen, legte einen Abscheu ohnegleichen gegen die zuwartende Geduld an den Tag, deren man sich in maßgebenden Kreisen befliß, und nannte sie verbrecherischen Leichtsinn und unverzeihliche Lauheit.

Sein politisches Glaubensbekenntnis hatte sich bisher in dem Satze zusammenfassen lassen:

„Unsre Regierung wird die denkbar beste sein, sobald sie sich nur noch herbeiläßt, den Juden das Recht zu geben, Grund und Boden zu besitzen.“ Jetzt aber war ihm der Glaube an die Weisheit dieser Regierung erschüttert, und er begann sich als ihr Belehrer und Ratgeber zu gebärden. Auf dem Kreisamt hatte man wenig Ruhe vor ihm, er brachte täglich neue, immer bedenklicher lautende Nachrichten von dem Umsichgreifen der kommunistischen Propaganda, und riet immer dringender, man möge sich doch entschließen, energische Sicherheitsmaßregeln zu ergreifen.

Die genaue Bekanntschaft des Schwiegersohnes Semen Plachtas, die er gemacht hatte, gab ihm viel zu denken. Er hatte sich bisher niemals mit dem Studium einer Bauernseele beschäftigt. Ein Bauer war in seinen Augen der uninteressanteste von allen mit einer Menschenhaut überzogenen Bipedes. Jetzt nahm er einen von der Sorte aufs Korn, beobachtete ihn genau, ging sogar mit ihm ins Wirtshaus, ließ sich mit ihm in Gespräche ein und wußte am dritten Tage, was er schon im ersten Augenblick gewußt hatte, daß der Mann faul, trunksüchtig und einfältig war. Wie einfältig, das kam erst zum Vorschein, wenn ihm der Branntwein die schwere Zunge löste und es nur weniger Fragen bedurfte, um sich zu überzeugen, daß ihm sogar die Kardinalerkenntnis der Unterscheidung zwischen mein und dein fehlte.

Der Doktor fuhr zur Gräfin Aniela und hielt ihr einen Vortrag über den Zustand der Landbevölkerung. „Ja,“ schloß er, „der Bauer ist dumm, aber wodurch soll er denn gescheit werden, wenn er es nicht zufällig von Natur ist? Ja, der Bauer ist faul, aber was würde die Arbeitsamkeit ihm nützen, sie brächte ihn doch nimmer auf einen grünen Zweig. Seine Arbeitsamkeit käme mehr dem Herrn zugute als ihm. Ja, der Bauer trägt den heute verdienten Groschen heute noch in die Schenke, aber diese Verschwendung kommt von seinem Elend. Das Elend ist nicht sparsam, das Elend vermag einen so gesunden und fruchtbringenden Gedanken, wie den der Sparsamkeit, gar nicht zu fassen.“

Gräfin Aniela streckte das zierliche Hälschen in die Höhe, ihre lieblichen Lippen verzogen sich spöttisch.

„Verehrter Lebensretter, Sie sprechen ja ganz wie der ‚Sendbote‘,“ sagte sie, „man glaubt ihn zu hören.“

Der Doktor schwieg; der scherzhaft gemeinte Vorwurf traf ihn tief.

Eine Stunde später stand er in seiner Baumschule vor einem Stämmchen, nicht viel dicker als ein Finger, und doch trug es schon unter seiner kleinen Blätterkrone drei herrliche Äpfel, völlig reif beinah, mit gelblich glänzender Schale. Zu jeder andern Zeit hätte der Doktor an dem Anblick seine Freude gehabt, heute vermehrte sich durch ihn nur sein Mißmut. Joseph kam aus dem Hause, sein Arbeitsgerät auf der Schulter, und wollte den Wohltäter noch zu andern Bäumchen führen, die ein ebenso kräftiges Streben, brave Bäume zu werden, an den Tag legten, wie das, welches er staunend betrachtete.

Er erhielt keine Antwort. Mit finsterer Strenge funkelten die schwarzen Augen Rosenzweigs unter ihren buschigen Brauen den Jüngling an, und plötzlich sprach er:

„Sag einmal, hast du nie etwas von einem Freiheitshelden, so eine Art Narren gehört, der sich hier in der Gegend aufhält, und, wie man behauptet, den Bauern in den Wirtshäusern Revolution predigt?“

Joseph sah offenbar betroffen aus und schwieg.

„Gesteh! Gesteh!“ befahl Rosenzweig, und sein drohendes, zornrotes Gesicht näherte sich dem des Jünglings.

„Ich weiß nicht, Herr,“ stammelte dieser, „ob du den meinst, den sie den Sendboten nennen.“

„Den eben meine ich!“

„Der predigt aber nicht Revolution, der predigt Fleiß und Nüchternheit.“

„Fleiß im Stehlen, Nüchternheit beim Totschlagen – was?“ höhnte der Doktor.

Ungewohnterweise ließ sich Joseph nicht aus der Fassung bringen. Noch mehr! Er erlaubte sich einen Widerspruch:

„Du bist im Irrtum. Ich kenne ihn.“

Rosenzweig prallte mit einem unartikulierten Ausruf zurück, und Joseph fuhr fort:

„Ich habe lange mit ihm gesprochen.“

„Wo? und wann? und was?“

„Auf dem Felde, in der vorigen Woche; und von dir ist die Rede gewesen.“

„– Von mir?“

Aus dem Munde des Chamers hat er seine Nachrichten über mich? dachte der Doktor. – Nun, sie sind danach!

„Ich habe ihn nie predigen gehört,“ nahm Joseph wieder das Wort.

„Möchtest aber wohl?“

„O ja! – ich möchte wohl. Kein Pfarrer kann es ihm gleichtun, heißt es. Es heißt auch, daß er heute nacht zum letztenmal in unsrer Gegend sprechen wird, in der Schenke des Abraham Dornenkron, eine Meile von hier, auf der Straße nach Dolego.“

Eine lange Pause entstand, der der Doktor ein Ende machte, indem er Joseph befahl, an die Arbeit zu gehen; er selbst begab sich zum Kreishauptmann, meldete, was er soeben in bezug auf den Emissär in Erfahrung gebracht hatte, und fragte an, ob es nicht geraten wäre, ein Pikett Husaren nach der Schenke zu schicken und den Aufwiegler gefangen nehmen zu lassen.

„Was nötig ist, wird geschehen, mein lieber Rosenzweig!“ antwortete der Beamte. „Wir sind von allem, was vorgeht, auf das genaueste unterrichtet und finden darin keinen Grund zur Sorge. Wovor fürchten denn Sie sich? Sie gehören zu uns. Ich wollte, ich könnte etwas von Ihrer Vorsicht denen einflößen, die ihrer bedürftiger wären als Sie und wir.“

Rosenzweig machte noch einige Krankenbesuche und kam erst spät am Abend heim. Vor dem Gartentor fand er Joseph, der ihn erwartete.

„Was hast du dazustehen? Geh schlafen!“ herrschte er ihm zu.

Auch er hätte gern Ruhe gefunden, aber sie floh ihn in dieser Nacht, wie in den vorhergehenden Nächten.

Auf einmal fiel es ihm ein, ob es nicht möglich wäre, daß Joseph sich jetzt aus dem Hause schliche, um nach der Schenke zu rennen und die Abschiedsrede des Agitators zu hören. Der Weg ist freilich weit, und die Nacht schon vorgeschritten, aber der Bursch hat junge Beine ... Übrigens – wer weiß? Wenn er fürchtet, zu spät zu kommen, nimmt er am Ende gar ein Pferd aus dem Stall ...

Nun, der Zweifel wenigstens sollte ihn nicht lange quälen. Rasch nahm er den Leuchter vom Tisch und eilte über die Treppe, den Gang, nach der von Joseph bewohnten Stube.

In Jahren hatte er sie nicht betreten; sie war die einzige schlechte im Hause und ärgerte ihn, so oft er sie sah. Ein länglicher, schmaler Raum, einfenstrig, mit Ziegeln gepflastert. Wäre Rosenzweig nicht der Wohltäter, sondern der Arzt Josephs gewesen, er hätte ihm verboten, da zu schlafen auf dem Strohsack, im Winkel zwischen der Drehbank und der Mauer, die förmlich troff von Feuchtigkeit.

Er sagte sich das, als er eintretend den Menschen, den er auf dem Wege nach Dolego vermutete, lang ausgestreckt fand auf seiner mehr als bescheidenen Lagerstätte, tief und selig schlafend.

Als Rosenzweig sich über ihn beugte und ihm ins Gesicht leuchtete, zuckten seine Augenlider, sein roter, frischer Mund zog sich trotzig zusammen, aber nur um gleich wieder mit leicht aufeinander ruhenden Lippen ungestört weiter zu atmen. Hätte er tausend Zungen gehabt, sie würden nicht vermocht haben, kräftigere Fürsprache für die Lauterkeit seines Herzens einzulegen, als es der Ausdruck des bewußtlosen, schweigenden Friedens auf seinem Antlitz tat.

Der Doktor stellte den Leuchter auf die Drehbank und begann sich in der Kammer umzusehen. Was es da gab an begonnenen, an halb und fast beendeten Arbeiten, das alles war die Frucht des Fleißes emsig schaffender und geschickter Hände. Und es mußte doch kein so übler Verstand sein, der ihr Tun leitete, denn nirgend fand sich die Spur verwüsteten Materials oder kindischer Spielerei. Und worauf sich das ganze Sinnen und Denken dieses Verstandes richtete, das war das Wohl und Gedeihen des Doktorhauses, ihm kam all sein Streben zugute, das förderte er nach bester Kraft und Einsicht. Ein Beispiel für hundert fiel dem Doktor auf und – fast rührte es ihn.

Er hatte unlängst das hölzerne Gartenpförtlein durch ein eisernes ersetzen lassen und war zufrieden gewesen mit der vom Stadtschlosser gelieferten Arbeit, aber Joseph meinte: „Sie ist nicht schön genug, ich will eine Verzierung anbringen.“ Rosenzweig verhöhnte ihn damals, und nun war das Werk schon unternommen, war schon mit unsäglicher Mühe aus starkem Eisenblech herausgesägt und gefeilt, und inmitten schmucker Arabesken zeichnete sich, gar künstlich verschlungen, der Namenszug Rosenzweigs.

Dieser lächelte, kreuzte die Hände und versank in eine, zum erstenmal wohlwollende und mitleidige Betrachtung des bescheidenen Tausendkünstlers. Zu Häupten seines Lagers bemerkte er ein Bild des heiligen Joseph, mit vier Nägeln an der Wand befestigt, und darunter stand in ungefügiger Schrift:

„Von meiner Lubienka.“

– Die deine, du armer Junge, der auf der weiten Erde nichts besitzt? Hab erst festen Boden unter deinen eigenen Füßen, eh du es wagst, einem schwächeren Menschenkinde zuzurufen: Tritt zu mir! Du hast dir noch nichts erworben, noch nichts verdient trotz deiner Arbeitsfreudigkeit und Treue, nichts – keinen Lohn, keinen Dank, kein Recht. Was du mir leistest und nützest, gilt nur als Zahlung einer dereinst – unfreiwillig eingegangenen Schuld.

Wann wird diese Schuld endlich getilgt sein, armer Geselle?... Ist sie es denn im Grunde nicht längst? Besäßest du Klugheit genug, um abzurechnen und abzuwägen, vor Jahren schon hättest du gesagt: Wir sind quitt! Von nun an bezahle mich, Herr! Ich will auch für mich erwerben. – Ich sei ein harter Mann, heißt es, aber ungerecht darf mich niemand schelten. Wenn du gefordert hättest, ich hätte dir gegeben, ich hätte dich gelten lassen, wenn du dich geltend gemacht hättest ... Du hast es aber nicht getan; du bist schweigend unter deinem Joche weitergeschritten und wirst so weiterschreiten, bis du zusammenbrichst, und am Ausgang deines Lebens so hilflos dastehst, wie du an seinem Eingang gestanden hast.. Wessen Schuld? – Warum denkst du nicht? Warum sprichst du nicht? Warum verschwendest du die kostbaren Kräfte deiner Jugend?... Aber es geschieht, und ich verbrauche sie – und so wie ich tun Tausende, und so wie du Hunderttausende ...

Noch einen Blick auf den sanft Schlafenden, und Nathanael schloß die Augen und preßte die Hände an seine Stirn. Grell und blendend drang es auf ihn ein, wie ein im Dunkel aufflammendes Licht. Mit Grauen und Entsetzen erfüllte ihn das Bewußtsein: Da schläft er noch still und harmlos, und die Hunderttausende seinesgleichen schlafen wie er. Doch werden sie erwachen – schon weckt man sie. Zu welchen Taten? Wie werden sie hausen, die plötzlich entfesselten Knechte?

Ein Schwindel ergriff ihn, ihm war, als wanke sein Haus.

„Noch nicht!“ rief er und stieß den Fuß heftig gegen den Boden.

Joseph erwachte, sprang auf: „Was befiehlst du, Herr?“ Das Bewußtsein kehrte ihm nicht schneller zurück, als diese Frage auf seine Lippen trat.

„Wissen will ich, was vorgeht, hören, was euch gepredigt wird. Ich will den Sendboten hören. Spann die Falben vor den Wagen, du wirst mich nach der Schenke des Dornenkron fahren. Spann ein!“

IV.

Die Nacht war dunkel. Ein feiner, dichter Regen strömte unablässig, emsig auf die Erde nieder, und ein andrer, ein kompakter Regen spritzte von ihr auf beim energischen Gestampfe der wackeren Rößlein. „Polens fünftes Element“ umwirbelte und übersprühte das von Joseph gelenkte Gefährt, das zwischen einer doppelten Reihe riesiger Pappeln auf der Kaiserstraße dahinrollte.

Der Doktor saß lange Zeit schweigend in seinen Mantel gehüllt. Ungeduld verzehrte ihn.

„Wir kommen zu spät,“ sagte er endlich. „Treib die Falben an.“

„Sie laufen ja, was sie können,“ antwortete Joseph. „Wir sind schon weit.“ Er deutete nach einem großen, weißlichen Fleck im Nordwesten des bleigrauen Horizonts, „die Weichsel und der Dunajec stecken schon ihre Fahnen aus.“

Eine Viertelstunde später war das Ziel erreicht: ein niedriges, weitläufiges Gebäude. Vor dem standen allerlei Fuhrwerke und hinderten Joseph, sich mit dem seinen zu nähern.

Rosenzweig hieß ihn halten, stieg ab und suchte sich einen Weg durch das Gewirr der Wagen und Pferde zu bahnen. Es war keine leichte Aufgabe für einen, der möglichst unbemerkt in das Haus gelangen wollte.

Die meisten Kutscher hatten ihr Gespann verlassen, die andern schliefen auf dem Bocke oder taten so und leisteten dem Befehl des Doktors, ein wenig Raum zu geben, keine Folge. Er hob eben den Stock, um sich ihnen deutlicher verständlich zu machen, als Abraham Dornenkron auf der Schwelle des Hauses erschien, einen brennenden Span in der Hand.

„Schaff mir Platz, Abraham,“ sprach der Doktor, „ich bin's, ich, Doktor Rosenzweig.“

„Gott der Gerechte!“ stieß der Wirt erschrocken hervor, faßte sich aber sogleich und patschte dienstwillig in den Sumpf, der die Zufahrt zu seinem Gasthof bildete. Er schob die künstlich aufgestellte Wagenburg auseinander und rief dabei fortwährend mit überflüssigem Stimmaufwand:

„Der Herr Doktor Rosenzweig! – Is wer krank? Wohin belieben zu reisen der Herr Doktor?“

Sobald die Möglichkeit vorhanden war, sich ihm zu nähern, sprang Nathanael auf ihn los und packte ihn beim Ohr:

„Sei still, Spitzbube! Du brauchst mich bei deinen Gästen nicht anzumelden. Ich will das schon selbst besorgen.“

Und als das Männlein trotzdem nicht aufhörte, seine Verwunderung über die Ankunft des Doktors laut auszuschreien, drückte der ihn gegen den Türpfosten, daß ihm der Atem verging, und drang an ihm vorbei in den Flur.

„Ein Gibor![6] Schema Isroel, ein Gibor der gewaltige Doktor!“ raunte Abraham einem mißgestalteten Wesen zu, das plötzlich im Dunkel geräuschlos wie eine Eidechse, krummbeinig wie ein Kobold, neben ihm aufgetaucht war.

Es wiegte den unförmigen Kopf; seine nachtschwarzen Augen funkelten klug und feurig.

„Er ist eingezogen, zu spionieren, Tateleben. Wir wollen ihm kommen zuvor, daß uns nicht kann begegnen ein Unglück,“ flüsterte der Kleine.

„Elend über Elend! Wie heißt ihm kommen zuvor?“

„Ich will nehmen ein Pferd, Tateleben, und reiten nach Tarnow wie ein Windstoß, zu melden bei der Polizei, daß bei uns Versammlung halten die rebellischen Gojim, und daß die kaiserliche Regierung soll ausschicken gegen sie Soldaten, wenn es is gefällig der kaiserlichen Regierung.“

Abraham betrachtete seinen Sprößling mit Blicken bewundernder Liebe:

„Reit wie ein Windstoß, mein Sohnleben, daß du mit Gott bald kommst ans Ziel. Reit,“ wiederholte er und setzte in naiver Fürsorge hinzu: „Tu dich nur nehmen in acht, daß du nicht kommst um deine graden Glieder.“

Rosenzweig war inzwischen in die Wirtsstube getreten oder hatte sich vielmehr hineingezwängt.

Es herrschte darinnen eine dicke, dumpfe Atmosphäre, das Produkt von mehr als hundert, dicht aneinandergepferchten Menschen, in nassen Pelzen, Kleidern und Stiefeln. Fuseldünste und der Qualm einer an der Decke hängenden Naphthalampe trugen dazu bei, das Atmen in diesem Raume zu erschweren. Die Anwesenden jedoch erfuhren unbewußt den beklemmenden Einfluß, der die Gesichter der einen glühen machte und die andrer bis zur Todesblässe entfärbte. Es waren Männer, den verschiedensten Altersstufen und Ständen angehörig, in ärmlicher Kleidung, im reichen Nationalkostüm, im Priestertalar, im Studentenrock, im schäbigen, schwarzen Gewand des Winkelschreibers. Die keinen andern Platz mehr gefunden hatten, waren auf die Bänke gestiegen und, zwischen die Mauern und die Menge geklemmt, bezahlten sie bei jedem neuen Andrang den Vorteil ihrer erhöhten Stellung mit der Gefahr, erdrückt zu werden.

In der vordersten Reihe, seine Umgebung überragend, stand ein grauhaariger, graubärtiger, breitschultriger Herr, in kostbarer Magnatentracht. Wenn er den Kopf wandte, zeigte sich dem beobachtenden Nathanael das ausdrucksvolle asiatische Profil eines der mächtigsten Fürsten des Landes.

– Auch du, Starosta princeps nobilitatis? dachte Rosenzweig. Aber eine noch größere Überraschung erwartete ihn.

Der einzige in der Stube freigebliebene Raum war der vor dem Eingang in das Nebenzimmer, dessen offene Tür von einigen jungen Leuten mit wahrhaft wildem Eifer vor der Zudringlichkeit der Neugier oder des Fanatismus behütet wurde. Dort schritt Dembowski im Gespräch mit einem Schlachziz auf und ab, in dem Rosenzweig zu seinem grenzenlosen Erstaunen den vertrauten Freund des Kreishauptmanns erkannte. Er lebte in glücklichen Familien- und geordneten Vermögensverhältnissen, war ein harmloser, aufrichtiger Mensch, dem der Friede über alles ging. Nie hatte er es dahin gebracht, einer politischen Debatte seiner Gutsnachbarn bis ans Ende zu folgen, weil er regelmäßig früher einschlief. Und dieser ruhigste und stillste aller Staatsbürger, da wandelte er nun flammend und glühend in einem Seelenkampfe, dessen Pein sich in seinem zuckenden Gesicht malte, neben dem Aufwiegler einher.

Der aber, leicht vorgebeugt, den Arm des Neophiten sanft berührend, sprach eindringlich und leise zu ihm, sprach Worte, auf welche dieser keine Erwiderung mehr zu finden schien. Ein letztes noch – und er wandte sich von dem Erschütterten und trat zu seiner Gemeinde, die ihn mit unendlichem Jubel empfing.

Der Sendbote war als Bauer gekleidet. Er trug einen langen, weißen Kaftan, der am Halse durch zwei große Metallknöpfe geschlossen war, hohe Stiefel, ein Hemd aus grober Leinwand und Pluderhosen aus demselben Stoffe. Ein lederner Riemen, an dem ein kleines Kruzifix aus schwarzem Holze hing, umgürtete seine Lenden. Sein dichtes, dunkelblondes Haar war kurz geschoren; es wuchs in scharfer Spitze in die Stirn und zog schön gewölbte Bogen um die mattweißen, etwas eingedrückten Schläfen.

Ruhig ließ er den Freudensturm des Willkomms verbrausen, stand da mit herabhängenden Armen, die Finger nur leicht gekreuzt, und schaute ins Gewühl lässig und obenhin, wie sehr Kurzsichtige pflegen, die schauend schon im voraus auf das Sehen verzichten.

„Freunde, Brüder,“ begann er, ohne die Stimme zu erheben, und sogleich wurde es still bis zur Lautlosigkeit, – „ich grüße euch zum letztenmal vor dem Kampf, vielleicht zum letztenmal vor dem Tode.“

„Sei uns gegrüßt!“ antwortete ein brauner Kumpan von martialischem Aussehen; „im Kampf, im Tod, im Sieg!“

„Im Sieg!“ durchlief's die Menge als Seufzer der Sehnsucht, als Schrei der Hoffnung, als Ausruf der Zuversicht.

„Sieg?“ wiederholte der Redner, „ihr habt ihn schon errungen. Ein Kampf wie der eure ist ein Sieg und ein Sieger jeder von euch, ob er den Fuß auf seine Feinde stellt, ob er zertreten von ihren Rossen auf dem Schlachtfelde liegt. Meine Brüder! was immer uns beschieden sein mag, der Gedanke, der uns beseelt, kann nicht mehr sterben. Er wird fortleben, sogar auf den Lippen derer, die uns um seinetwillen verfolgen und töten. Sie selbst werden die heilige Lehre noch verbreiten, indem sie von dem Märtyrertum erzählen, das wir erlitten haben.“

Allmählich war die lähmende Müdigkeit von ihm gewichen, seine geschmeidige Gestalt hatte sich emporgerichtet:

„Vielleicht ist die Erinnerung an unsern Tod das einzige, was wir denen hinterlassen können, für die wir so gern gelebt hätten. Wir müssen dafür sorgen, daß dieses Erbe ein glorreiches sei ... Es wird kein glorreiches sein, wenn nicht jeder einzelne, der zu unserm Bunde geschworen hat, sich als ein Priester fühlt, dessen Ehrgeiz Entsagung und dessen Ruhm grenzenlose Hingebung an die Sache Gottes ist.“

Vereinzelte Laute der Zustimmung ließen sich vernehmen, aber so manches Antlitz drückte Enttäuschung aus.

„Die Sache Gottes, meine Brüder!“ wiederholte der Redner. „Vermöchte ich den Feuereifer, ihr zu dienen, in euern Seelen zu erwecken, den er in der meinen erweckt hat, und euch den Abscheu und die Scham kennen zu lehren, womit ich zurückblicke auf die einst genossenen Erdenfreuden. Mitten in der Fülle ihrer Genüsse fand mich der Herr. Aus ihrem Taumel schrak ich auf bei seinem Ruf. Und die Stimme, mit der der Allerbarmer mich rief, war die des Mitleids, und das Mitleid gebar den Zweifel und der Zweifel die Erkenntnis.“

Verklärung breitete sich über seine Züge; das Licht der schönsten Liebesgedanken leuchtete auf seiner Stirn.

„Ich lebte, wie die Verwöhnten leben. Weil der Zufall mir zuviel beschert hatte, kannt ich kein Genügen; in meiner heißen Hand zerschmolz das Gold.

Da war einer unter meinen Dienern – Jelek hieß er, ein Bauerssohn, der, aufgeweckt und tüchtig, es bis zu dem Amte meines Güterverwalters gebracht hatte. Er allein wagte es einmal, eine Warnung gegen mich auszusprechen, und fiel dadurch bei mir in Ungnade.

An einem Sommermorgen ritt ich nach fröhlich durchlebter Nacht mit meinem Anhang von einem Feste bei meiner Geliebten heim. Ihre Küsse brannten noch auf meinen Lippen, die Klänge der Musik summten mir noch im Ohr, liebliche Bilder gaukelten vor meinen Augen, eine beglückende Lebenslust erfüllte mich. In meiner Seele vermählten sich die Erinnerung an genossene Freuden mit der Erwartung künftiger, und übermütig rief ich meinen Gefährten zu:

‚Wie heute, so morgen, und immer!‘

Wir waren am Ausgang des Waldes angelangt; vor uns lagen im schimmernden Duft des jungen Tages die taufrischen Wiesen, das Ährenmeer der Felder, und aus der Ferne grüßte mein bewimpeltes Schloß mit seinen starken Türmen. Seine Fenster blinkten, auf seinem altersgrauen Gemäuer lag der Glanz der aufgehenden Sonne wie ein Lächeln auf dem Antlitz eines Greises. Einen schönen Anblick bot mein ehrwürdiges, gastliches Haus, und mit Jauchzen sprengten meine Gefährten ihm zu.

Ich aber verhielt mein Roß.

Ich hatte längs des Waldsaumes einen Mann in hastender Eile herbeikommen gesehen und Jelek, meinen Verwalter, in ihm erkannt. ‚Woher und wohin?‘ rief ich ihn an. Er nannte einen weit entfernten Meierhof, nach dem ihn der Intendant mit einem Auftrag schickte. – ‚Fand sich dazu kein Geringerer? Seit wann machst du Botengänge?‘ – Auf diese meine Frage gab er zur Antwort: ‚Seit ich bei dir in Ungnade gefallen bin. Dein Intendant hat mich meines Amtes entsetzt und bedenkt mich dafür mit allerlei Ämtern.‘ – Er keuchte und wischte sich den Schweiß von der Stirn, und ich sah es ihm an, daß ihm der Boden unter den Füßen brannte. Ich sah auch, daß sich vom Dorfe aus ein langer Zug nach der Straße hin bewegte, und daß der es war, dem er entgegenstrebte. Ich setzte mein Pferd in Schritt, und er folgte mir. So kamen wir zur Landstraße, auf der die Leute wanderten. Ein paar hundert Männer, Jünglinge, Greise, ihre Sensen auf den Schultern, Säcke auf den Rücken. Sie schritten stumm, mit gesenkten Köpfen, die meisten barfuß und zerlumpt – meine Bauern!... Und wie sie, sich bis zur Erde verneigend, an mir vorüberschlichen, unlustig, wie eine Herde, die nach fremdem Pferch getrieben wird, da wußt ich: die Leute sind vermietet für die Erntezeit, weithin vielleicht, und werden den Boden, auf dem ihre eigene ärmliche Ernte reift, nicht wiedersehen, eh der Schnee ihn bedeckt.

Jelek hatte ein Tüchlein hervorgezogen, in dem einige Münzen eingebunden waren, und drückte es einem Alten in die Hand, der am Ende des Zuges mühsam nachhumpelte: – ‚Damit du nicht darbst unterweges, Vater. Gott tröste dich. Meinetwegen mußt du fort.‘

Der Alte barg das Tuch an seiner Brust, und der Haiduk, der die Schar geleitete, stieß ihn vorwärts.

In die Augen Jeleks traten Tränen des Schmerzes und der Wut.

‚Warum sagtest du,‘ fragte ich ihn, ‚dein Vater müsse um deinetwillen fort?‘

‚Weil es so ist. Der Intendant hätte sich nicht getraut, ihn zu vermieten, wenn du mir noch gnädig wärest wie sonst.‘

Ein paar Tage später traf ich meinen Jelek, wie er einen Arbeiter auf dem Felde, einen hochbejahrten Mann, der Faulheit anklagte und erbärmlich schlug.

‚Siehst du nicht, daß der Mann erschöpft ist und nicht mehr arbeiten kann?‘ sagte ich, und er erwiderte:

‚So werden sie es in der Fremde auch meinem Vater tun. Warum soll es dem einen besser gehen als dem andern?‘

Was ich ihm antworten sollte, wußte ich nicht, aber zu dem Alten sagte ich:

‚Tun dir die Schläge nicht weh, daß du dastehst und nicht einmal klagst?‘

‚O, mein gnädiger Herr!‘ entgegnete er, ‚was würde das Klagen mir nützen?‘

Und auch darauf mußte ich schweigen ...

Heimkehrend fand ich das Haus zum Empfang meiner Geliebten geschmückt, und alle, die um meine Gunst buhlten, waren versammelt, um ihr zu huldigen. Sie erschien in ihrer königlichen Schönheit, und ihr Anblick und der Anblick der Pracht, die mich umgab, und der kriechenden Dienstfertigkeit meines Anhangs – Grauen, meine Brüder! Grauen erweckten sie mir ... Ein Dämon, meint ich, habe tückisch mein Auge zu furchtbarem Hellsehen geschärft ... All der Glanz, alle die Pracht und Herrlichkeit und die Liebe des Weibes und die Treue der Freunde – sie hatten einen Preis, und bezahlt hatte ihn das Elend. Die hatten ihn bezahlt, die zum Frondienst vermietet hingezogen waren in die Fremde.. Das Gewühl vor mir, die Wände des Saales wurden durchsichtig. Wie durch schimmernde Schleier sah ich eine wandernde Schar, deutlich jede Linien der Gestalten, jeden Zug der Gesichter, die mein Auge an jenem Morgen nur flüchtig gestreift hatte. Ergebung auf allen! Nicht schöne, männliche – nein! die trost- und hoffnungslose Ergebung des Stumpfsinns. Was jenes Opfer der ungerechten Vergeltung, die mein Diener übte, gesprochen hatte, das sprachen auch sie in ihrem Schweigen. ‚Was würden Klagen uns nützen?‘

Brüder! in dieser Stunde habe ich meiner Macht geflucht und mein Glück gerichtet ... Meine Macht war zum Unheil andrer ausgeübt worden, mein Glück wuchs nicht wie eine Blume aus dem gesunden Mutterschoß der Erde, es war ein Wuchergebilde, ihrer Krankheit Frucht, und nährte sich parasitisch von kostbaren Lebenssäften.“

Der Redner bog den Kopf zurück; seine Lider schlossen sich, einem Gepeinigten gleich zog er den Atem ein.

„Da ergoß sich in meine Brust ein Strom der Schmerzen ... Die Schmerzen jedes einzelnen, der um meinetwillen gelitten hatte, ergossen sich in meine Brust!... Und jede Schuld und jedes Unrecht, das die begangen hatten, die mir dienten, als meine Schuld empfand ich sie und vernahm schaudernd, wie ihr Schrei gegen mich zum Himmel stieg.

Die Luft im Saale lastete wie Blei, aus den Augen meiner Geliebten blickte die Sünde, die Töne der Musik girrten sinnverwirrende Melodien, und – fort trieb es mich, hinweg von dem durchschauten Trug in die kühle, klare Nacht. Ich wanderte unter ihren schimmernden Sternen, soweit meine Füße mich trugen, und wie auch mein Herz blutete und rang, mir war, als lebte ich auf. In der herben Qual, die ich litt, fühlte ich die Hand meines Herrn, verstand die Mahnung, deren er mich gewürdigt hatte. Und während sie mich suchten im Schlosse und in den Gärten, lag ich im Waldesgrund auf dem Angesicht vor meinem Gott und flehte um Kraft zur Buße und Sühne, und bot mich ihm dar zum Werkzeug seines Willens, zum Verkünder seiner Lehre, und flehte den Urquell des Lichtes um Erleuchtung auf meinem Wege an.

Sie wurde mir. Wie das Auge des Blindgeborenen, als der Finger des Heilands es berührte, sich der alten, vertrauten und ihm doch unbekannten Welt erschloß, so erschloß sich meine Erkenntnis der Offenbarung, in deren Licht ich gewandelt war von Jugend an – ein Blinder. Und je tiefer ich in den Geist des göttlichen Wortes eindrang, desto klarer wird es mir: Inbegriff seiner Weisheit ist die Liebe. Für uns Menschen – die Nächstenliebe!“

Die hochgehenden Wogen der Begeisterung, mit der der Sendbote empfangen worden, waren allmählich verebbt. Ein Gemurmel der Mißbilligung, in das sich nur vereinzelt warme Zurufe mischten, erhob sich jetzt. Aus der Gruppe, die den Fürsten umdrängte, scholl rauh die Mahnung:

„Laß den Pfarrer von Nächstenliebe sprechen, sprich du von der Befreiung des Vaterlands!“

„Eines, die beiden!“ antwortete der Redner. „Keine Befreiung ohne die Liebe des Nächsten. Sie ist der unermeßlich reiche Schatz, der uns an dem Tag erlöst, an dem wir uns entschließen, ihn zu heben. Nur verstehen müßt ihr ihr Gesetz. Für euch, ihr Mächtigen und Reichen, lauten seine ersten Worte: Entsagung, Entbehrung, Sühne!“

Die Lippen des Fürsten kräuselte ein Lächeln, aber mit immer mächtiger werdender Stimme fuhr der Redner fort:

„Es gibt nur einen Herrn, den König der Himmel und der Welten, und nur ein Menschenvolk gleichgeborener Brüder. Der sich Herrschaft anmaßt über seine Brüder, säet und erntet Unheil; die Seele des Knechtenden wie die des Geknechteten verdirbt.“

Mit einem raschen Schritte trat er auf den Fürsten zu:

„Rette deine Seele, demütige dich! Gedenke der Sünden deiner Väter, gedenke der Flüche, die auf deinem Haupte lasten. Wie? – Befreiung von fremder Tyrannei verlangt ihr? Was habt denn ihr jemals ausgeübt an dem bejammernswerten Volke, als Tyrannei? Ihr, der Adel, ihr wart der Staat. Niemals ist in Polen ein andrer Stand zu Wort gekommen, als der eure, und wohin habt ihr das Land gebracht?... Euer Eigennutz hat es ausgebeutet, eure Zwietracht es zerrissen, euer Verrat es den Feinden ausgeliefert!“

„Du lügst! Schweig! Wir wollen dich nicht mehr hören!“ tönte es ihm zurück.

Ein rasender Tumult erhob sich.

„Platz da! Platz für den Fürsten!“ riefen die Begleiter des Magnaten, der sich schweigend und verächtlich umgewandt hatte, und dem die Seinen mit Stoßen und Drängen einen Weg zum Ausgang zu bahnen suchten.

Nathanael, in der Nähe stehend, erwies sich ihnen hilfreich. Die Menge war wie eingekeilt unter der Tür, aber sein eiserner Arm teilte sie, um den Fortstürmenden Raum zu schaffen, und ein allgemeines Aufatmen gab es, als der Fürst mit seiner Schar das Freie gewonnen hatte.

Von draußen vernahm man ihr Schreien, Fluchen und Lachen. Die Herren pfiffen ihren Kutschern und ihren Hunden, Peitschen knallten, Fuhrwerke setzten sich in Bewegung.

Der Blick des Sendboten glitt schwermütig über die gelichteten Reihen seiner Jünger.

„Auf die Großen dieser Erde habe ich nicht gezählt; wohl uns, wenn wir keine andern Gegner hätten als sie,“ sprach er ruhig. „Der Bedrücker sind wenige, der Bedrückten viele. Wenn die Bedrückten sich erheben und im Namen des Allgerechten ihren Anteil am Besitz der Erde fordern würden, dann wäre die Macht der Mächtigen wie Spreu. Aber der Koloß, der sich nur zu regen brauchte, um seine Bande zu sprengen – er regt sich nicht. Er duldet und front und wird ewig dulden und fronen. Durch das unwürdige Leben, das er seit Jahrhunderten führt, ist das Bewußtsein seines Menschentums, seines freien Willens in ihm erstickt worden. Sie aber, die ihm dieses Bewußtsein raubten, haben nicht nur gegen das elende, von ihnen verachtete Volk, sie haben – und dessen gedenken sie nicht! – sie haben gegen Gott gefrevelt, indem sie Tausende seiner Geschöpfe unfähig machten, sein Bild widerzuspiegeln.“

Er hielt inne, und die jungen Leute jubelten ihm Beifall zu. Die älteren Männer schwiegen. Einige Geistliche hatten sich in die Nähe der Tür begeben. Der treulose Freund des Kreishauptmanns war samt den Edelleuten verschwunden, nachdem er mit staunendem Schrecken den großen Kopf Rosenzweigs aus dem Gedränge hervorragen gesehen hatte. Der Doktor jedoch, mit der Wucht eines Pfeilers auf seinem Vordermann lastend, brachte jeden allmählich zum Weichen und stand nun auf demselben Fleck, auf dem früher der Fürst gestanden hatte, dicht vor dem Sendboten.

Eine freudige Röte stieg diesem in die Wangen, als er Nathanaels ansichtig wurde.

„Gott wird die Schuldigen richten!“ nahm er wieder das Wort. „Was uns zukommt, ist die Erlösung der Armen, deren Jammer zu ermessen wir besser vermögen, als sie selbst. Was ich von euch fordere, ihr Herren, ihr wißt es, besprochen und wieder besprochen haben wir's in langen Stunden. Ihr aber, Studenten und Männer der Wissenschaft, die ihr dem Volke nahe steht wie euerm Vater, betreut es, als wäre es euer Kind. Lehrt es euch lieben und vertrauen, verwendet zu seinen Gunsten euer Wissen, euer Können, eure Erfahrung, Kraft und Zeit. Vergeßt euch selbst in seinem Dienst. Keiner von euch pflege mehr seinen Geist in kaltsinniger Abgeschlossenheit ... Mit welchem Rechte vertieft ihr euch in die Erforschung der schwierigsten Welt- und Daseinsrätsel, während um euch her noch Menschen leben, mit dem gleichen Anspruch auf Erkenntnis ausgestattet wie ihr – und unfähig, die einfachsten Gedankenreihen zu bilden?... Ihr sucht nach Zielen in euern Wissenschaften und werdet immer nur Grenzen finden. Ich nenne euch ein Ziel, das sich erreichen läßt: die Verminderung des Irrtums, des Wahns, des Aberglaubens unter euern Brüdern ... Dem Zug einer ungeheuern Heersäule, die nachts aufbricht, um zum Kampfplatz zu eilen, gleicht das Wandeln des Menschengeschlechts über die Erde. Die, denen Kraft gegeben ward, die andern zu überholen, haben sich an die Spitze gestellt. Sie schreiten schon im rosigen Morgenlicht, die Schatten fliehen, ein Wunderland öffnet sich vor ihnen. Unaufhaltsam jagen sie ihm zu, auf sonnenbeglänzter Bahn, unbekümmert um die Nachhut, die hinter ihnen im Dunkel tappt und sich verirrt, und keinen Steg mehr findet, der zu den Glücklichen hinüberführt, an deren Seite auch sie den Kampf des Lebens zu kämpfen berufen waren ... Deshalb, ihr Führer, macht halt! Öffnet eure Reihen, laßt die Nachhut herankommen. Einen breiten Weg für die Nachhut! Zu ihrem Heil, meine Brüder! aber auch zu dem eurigen, denn aus jedem bisher blöden Auge, das sich dank eurer fürsorgenden Liebe einem Strahl der Wahrheit öffnet, wird euch der Himmel grüßen ...“

Einige Schulmänner in der Nähe Rosenzweigs wechselten bedeutungsvolle Blicke: „Ich bin sehr enttäuscht,“ flüsterte ein Advokatenschreiber den gelehrten Herren zu: „Das ist ja gar nichts.“

Der Doktor stand nach und nach ganz bequem, von einem Gedränge war keine Rede mehr. Das Auditorium machte sich langsam und geräuschlos fort. Wagen um Wagen rollte, Reiter trabten davon.

Die Zurückbleibenden widersetzten sich endlich dieser Flucht. Die Verwünschungen, mit denen die Abtrünnigen begleitet wurden, begannen in Tätlichkeiten auszuarten.

Gebieterisch erhob der Redner seinen Arm.

„Laßt jeden unbehelligt ziehen,“ befahl er. „Wer von euch kann sagen, ob das Samenkörnlein Wahrheit, das jetzt von der Brust dieser Männer abzuprallen schien, nicht, ohne daß sie selbst es ahnen, in ihr Wurzel geschlagen hat? Vielleicht tritt mancher von denen, die uns jetzt verlassen, noch dereinst in unsre Reihen ein. Mir aber, meine Brüder, mir ist es ein Segen zu fühlen: was mich in dieser Abschiedsstunde umgibt, ist Treue, was mich vernimmt – Verständnis. Den tiefsten Inhalt meiner Lehre, in eure Herzen darf ich ihn gießen wie in köstliche Schalen, die ihn rein und lauter bewahren, und ihn andern Herzen also mitteilen werden.

Brüder, wir müssen immer hören, ohne Kampf der Menschen untereinander könne die Welt nicht bestehen; in einem allgemeinen Frieden würden unsre Kräfte einrosten und unsre Geister erschlaffen. Das ist falsch. Friede zwischen den Menschen bedeutet ja nicht das Ende aller Kämpfe, es bedeutet vielmehr den Beginn eines neuen, eines herrlichen Kampfes. Während der Haß der Urheber aller bisherigen Kämpfe gewesen ist, wird die Liebe die Mutter der künftigen sein. Die Streiter, die sie aufruft, werden nicht etwa ein leichtes Spiel haben, denn die Feinde, denen sie gegenüberstehen, gönnen ihren Überwindern nicht Ruhe, nicht Rast; täglich besiegt, erheben sie sich täglich wieder. Leiden und Leidenschaft sind ihre Namen. Faßt sie nur einmal scharf ins Auge, und ihr werdet euch fragen müssen: Ist es möglich, daß wir jemals einen andern Streit unternommen haben als den gegen sie, als den gegen die Leiden der andern und gegen die Leidenschaft in unsrer eigenen Brust? Wie? es gibt in der Welt diese fürchterlichen Gewalten, und wir haben mit ihnen einen faulen Frieden geschlossen? Wir haben sie hingenommen wie das Notwendige und Unentrinnbare, wir haben schläfrig und lau den Vampyr an unserm Marke zehren lassen und unsre Streitlust nicht an ihm gebüßt, nein, an unsern Brüdern, unsern mitleidenden Brüdern! Wir haben Beladenen neue Lasten auferlegt, wir haben Verwundete verletzt.

O, des Wahnsinns! Oder – des Verbrechens – oder vielmehr der beiden! Verbrechen ist Wahnsinn, die Torheit ist die Quelle jedes Unrechts.“

Ja, und tausendmal ja! dachte Rosenzweig, Tränen in den Augen, erschüttert in allen Fugen seines Wesens. Ein unermeßliches Glück durchdrang ihn, er empfand die höchste aller Wonnen – die Wonne, aus den beengenden Schranken der Selbstsucht aufzusteigen wie aus einem Grabe. Was er bisher am meisten geschätzt hatte, erschien ihm wertlos, die Arbeit vergeudet, die er auf die Erwerbung seines Reichtums verwandt, verächtlich seine engherzige Freude an ihm, der, ein toter Staub, in seinen Händen gelegen. Beschämung erfüllte seine Seele, aber mit Entzücken gab er sich ihr hin als dem Wahrzeichen seiner Wandlung, dem Beginn seines inneren Wachsens und Klärens. Nur ein Gedanke trübte die reine Seligkeit dieses Augenblicks; er galt dem Apostel des Mitleids und der Liebe und wurde schmerzlicher und sorgenvoller, als dieser die Zukunft, die er träumte, als eine erreichbare zu schildern begann. – Täusche dich nicht! hätte er ihm zurufen mögen. Das Land deiner Verheißung hat auf Erden keine Stätte. Begnüge dich damit, unsre Sehnsucht nach ihm erweckt zu haben. Schon das ist Befreiung.

Aber der Sendbote sprach ... Der Klang seiner Stimme füllte wie etwas Körperliches den Raum, der Glutstrom seiner Beredsamkeit trieb seine kühnsten, prächtigsten Wogen, und endlich schloß er:

„Zweck und Ziel unsres Bundes ist das Wohl des Volks, das Wohl eines jeden Bewohners der polnischen Erde; schwört Treue unserm Bunde!“ Da riefen alle, da tönte es mit der Stimme einer Begeisterung aus der Brust von jung und alt, von Besonnenen und Schwärmern:

„Wir schwören!“

Sie fielen vor ihm nieder und küßten seine Hände, seine Knie, seine Füße. „Wir schwören dir Gehorsam bis in den Tod!“ überschrie einer aus der Menge alle übrigen. Der Sendbote wehrte ab:

„Nicht mir Gehorsam – der Sache schwört, die Armen und Bedrückten zu lieben, wie euch selbst, und das Vaterland mehr, als euch selbst.“

Die Beteuerungen wiederholten sich.

„So geht denn hin. Werbt im Volke, werbt Werber für das Volk. Entsendet keinen, der nicht auf das Kruzifix geschworen hat. Ich bringe euch die Eidesformel und den Katechismus,“ sprach der Agitator, und Stille trat während der Verteilung der Schriften ein.

Plötzlich wurde sie durch ein so angstvolles Gekreisch unterbrochen, daß alle zusammenfuhren. Abraham Dornenkron stürzte herein, schreckensbleich, mit aufgelösten Locken:

„Rette sich, wer kann sich retten! Mein Sohnleben ist gewesen in Tarnow, hat gesehen steigen auf die Husaren, gleich werden sie sein hier, mein Sohnleben is geritten ihnen voraus.“

Die Warnung Abrahams erweckte Hohn, Trotz, Bestürzung. Einige stammelten ein leises Abschiedswort und eilten rasch davon. Was Waffen trug, scharte sich um Dembowski und schickte sich zu seiner Verteidigung an. Er aber wies seine Getreuen hinweg.

„Fort! Ihr, ich, wir alle. Noch ist es nicht Zeit zum Kampfe. Ein Hochverräter jeder, der den Kampf zu früh beginnt. Fort! Alle fort!“

Die Stube leerte sich. Der letzte, der hinaustrat, war der Sendbote, knapp vor ihm schritt Nathanael. In tiefer Stille bestiegen die Verschworenen ihre Wagen und stoben auseinander wie Schatten. Das Pferd des Redners wurde vorgeführt, er schwang sich hinauf und gab ihm die Fersen. Das Tier bäumte sich, fiel schwer auf einen Vorderfuß zurück und zog den andern mit schmerzvollem Zucken in die Höhe.

Eilends sprang Rosenzweig herbei. „Ihr Pferd lahmt,“ sagte er, „auf dem Pferde kommen Sie nicht weit.“

Der Wirt näherte sich, eine Flasche tragend, in deren Hals eine tropfende Unschlittkerze stak, hockte am Boden nieder und bestätigte jammernd den Ausspruch des Doktors. Diesen ergriff ein Verdacht, er hielt dem Juden die geballte Faust vors Gesicht:

„Wart, Kerl, wenn du das getan hast!“

Abraham brach sofort in Wehklagen und Unschuldsbeteuerungen aus. Der Emissär war vom Pferde gestiegen, stand regungslos und horchte.

Deutlich vernahm man schon das Heransprengen der Reiter auf der Straße. Sie ritten mit dem scharf herüber pfeifenden Wind. Gelblichgrau begann der Horizont zu schimmern. Der fahle Schein der ersten Dämmerung verbreitete sich über die Ebene. Nathanael fröstelte und glühte. Kalter Schweiß rann ihm über die Stirn, eine eiserne Kralle schnürte ihm die Kehle zu. Das war Furcht, deren Symptome er so oft an andern beobachtet, die er an sich selbst nie erfahren hatte.

„Verbergen Sie sich im Haus,“ sprach er zum Emissär.

„Was würde mir das nützen, wenn der Wirt falsch ist – und er ist es,“ antwortete jener. „Ich will meinen Beinen vertrauen. So viel Klugheit wie das gehetzte Wild habe auch ich. Irgendwo findet sich ein Hohlweg, ein Baum, ein mitleidiger Strauch, der mich verbirgt.“

Er schickte sich zur Flucht an.

Da faßte ihn der Doktor mit überlegener Kraft und drängte ihn zu seinem Wagen hin.

„Herunter, Joseph!“ befahl er, „und sieh zu, wie du nach Hause kommst. Sie aber, nehmen Sie seinen Platz ein. Rasch!“

Der Widerstrebende war auf den Wagen hinaufgehoben, bevor er sich's versah. Der Doktor warf ihm seinen im Wagen zurückgebliebenen Mantel über die Schultern, Joseph legte die Zügel in seine Hand und trat sofort im Eilschritt den Heimweg an.

„Du!“ sprach Nathanael, und Abraham beugte sich beinahe bis zur Erde unter dem Blitz, der aus den Augen des Doktors auf ihn niederfuhr, „du sollst mich kennen lernen, wenn du den Verräter weiter spielst!“ Einige Verwünschungen folgten, die ihm leicht von den Lippen flossen. Schwerer wurde es ihm, hinzuzusetzen: „Wenn du aber dein Maul hältst – dann kriegst du von mir für dein Schweigen das Doppelte von dem, was deine Angeberei dir eingetragen hätte.“

Er machte eine rasche Wendung den immer näherkommenden Reitern entgegen.

„Hallo ho!“ rief er, die Hände vor dem Munde zum Sprachrohr geformt, „zu spät! zu spät!“

Ein Pikett Husaren mit einem blutjungen Kadetten an der Spitze kam angaloppiert. Der Kadett riß sein Pferd dicht vor Nathanael zusammen:

„Gottes Donner! der Herr Doktor! Was führt Sie her?“

„Beim Zeus! die Neugier, mein Gräflein. Aber Sie – warum just Sie? Ein heißer Ritt in kalter Morgenstunde, das gibt, so wahr ich Sie kenne, eine Halsentzündung.“

„Gottes Donner! scherzen Sie nicht! komm ich wirklich zu spät? Ist das Nest leer? War der Emissär wirklich da? Haben Sie ihn gesehen?“ fragte der Jüngling in überstürzter Hast.

„Gesehen, gehört, ihn als unschädlichen Schwärmer diagnostiziert.“

„Unschädlich? Dann war er's nicht.“

„Er war's!“

„Es is gewesen er!“ fiel Abraham geläufig ein. „Der Herr Kadett können noch sehn stehn hier sein Pferd, das ich hab vernagelt, damit er nicht kann reiten davon.“

„Was ihn zwang,“ bemerkte Rosenzweig, „im Wagen eines seiner Freunde davon zu fahren!“

Der Jüngling nahm das Pferd in Augenschein, ließ ihm das Eisen abreißen und befahl einem Soldaten, es am Zügel mit zu führen.

„Ich nehm es mit, als Pfand,“ sagte er. „Und nun – in welcher Richtung ist er davongefahren, Doktor?“

„Das verrate ich Ihnen um keinen Preis.“

„In welcher Richtung? Die Sache ist ernst. Ich bin ein gemachter Mann, wenn ich ihn fange. Wir haben verschärfte Order erhalten, heute nachmittag. – In welcher Richtung, Doktor?... Gottes Donner! sprechen Sie!“

Rosenzweig entgegnete mürrisch: „Ich weiß nichts. Vielleicht sind Sie ihm selbst begegnet auf der Straße.“

„Niemandem bin ich begegnet außer einigen guten Bekannten ... Übrigens“ – er hielt inne und schlug sich vor die Stirn. „Auch die sind ja verdächtig ... Rechts um!“ kommandierte er seinen Leuten, und die Husaren machten kehrt. „Adieu, Doktor. Und du, Jude, merk auf! Es soll ein Preis auf den Kopf des Emissärs gesetzt sein, heißt es, ein Preis von tausend Gulden. Dein wäre er gewesen, hätt ich den Kerl hier erwischt.“

Abraham zuckte zusammen, wand sich wie ein Wurm und kreischte laut. Der Fuß des Doktors stand auf dem seinen und trat ihn unbarmherzig.

„Was gibt's?“ rief der Husar.

„Er weint um die tausend Gulden, die ihm an der Nase vorbei geflogen sind,“ entgegnete Rosenzweig.

Der Kadett setzte sich wieder an die Spitze seiner Mannschaft: „Ich reite zurück. Die Wagen holen wir noch ein ... Gottes Donner! die wollen wir jetzt aufs Korn nehmen ... In Galopp, Marsch!“ Und das Pikett rasselte davon.

Abraham hüpfte kläglich auf einem Fuße und hielt den andern, zurückgekrümmten, wie in einer Schlinge in der Hand.

„Zweitausend Gulden!“ winselte er. „Sie haben mir zerquetscht, Herr Doktor, Sie Gibor, zwei Zehen.. Aber sie sollen gehen drein, ich verlang kein Schmerzensgeld, wenn Sie mir auszahlen morgen meine zweitausend Gulden, die Sie sind mir schuldig, so wahr Gott lebt!“

Rosenzweig antwortete dumpf: „Komm nur, Halunke. Was ich verspreche, halte ich – auch einem Halunken.“

Er trat an den Wagen und sprach, auf den Rücksitz deutend, zu seinem Fahrgast:

„Da hinüber steigen Sie, überlassen Sie mir Ihren Platz. Ich bringe Sie in Sicherheit.“

Der Sendbote stand mit einem Satze neben ihm und drückte kräftig seine Hand:

„Haben Sie Dank. Sorgen Sie nicht weiter um mich; ich finde Freunde überall.“

Vergeblich suchte der Doktor ihn zurückzuhalten, er entwand sich ihm und war bald den Augen seines Retters im verhüllenden Zwielicht entschwunden.

V.

Rosenzweig kutschierte nach Hause, im kurzen Trab, im Schritt – wie es den Falben beliebte. Er hatte keine Eile. Wäre der Weg noch einmal so lang gewesen, er würde ihm nicht zu lang geworden sein. Dem, der über ein Wunder nachdenkt, vergeht die Zeit geschwind.

Gelogen, betrogen, einen Schurken bestochen – hatte er das wirklich getan, er, der redliche Rosenzweig? Um eines Menschen willen getan, den er noch vor kurzem für einen Feind der Gesellschaft, für seinen eigenen Feind gehalten?

Die widersprechendsten Empfindungen lieferten sich eine Schlacht in Nathanaels sonst so gleichmütiger Seele. Nur die schlimmste von allen, die Reue, war nicht unter ihnen.

Am Nachmittag kam Abraham, sein Geld zu holen. Ja, der Spitzbube nannte es sein, das schöne, zum Ankauf eines neuen Feldes bestimmte Geld. Finster gab der Doktor es hin.

Dann begab er sich auf das Kreisamt.

Er hatte die Absicht, seinem Chef die Ereignisse in der Schenke genau zu berichten, fand ihn jedoch so beschäftigt und in so ungewöhnlicher Aufregung, daß er es vorzog, zu schweigen. Auch in den folgenden Tagen ging es nicht besser.

Auf dem Amte herrschte in dieser Zeit eine beständige Unruhe, eine außerordentliche Tätigkeit. Der Kreishauptmann bewahrte mit Mühe den Schein seines heitern Selbstvertrauens. Die Zuversicht war erzwungen, mit der er beteuerte, alle Fäden des Netzes in seiner Hand zu halten, an dem Tyssowski in Krakau, Skarzynski im Bochnier, Julian Goslar im Sandezer, Wolanski im Jasloer und Mazurkiewicz im Sanoker Kreise knüpften. Die Untreue seines besten Freundes, der offen zur Revolutionspartei übergetreten war, machte einen tiefen Eindruck auf ihn. Er und der Doktor tauschten allmählich die Rollen. Der Ängstliche wurde der Sorglose und der Sorglose der Ängstliche.

Eines Morgens überbrachte Joseph seinem Herrn einen Brief, der durch einen Boten im Hause abgegeben worden war. Er enthielt zwei Eintausendguldennoten in ein Blatt gefaltet, auf dem die Worte geschrieben standen:

Meine Schuld bleibt ewig ungetilgt.

Nathanael barg das Blatt an seiner Brust und legte die Noten vor sich hin auf den Tisch.

„Joseph,“ rief er.

„Was befiehlst du?“

„Sieh diese zwei Bilder gut an. Weißt du, was sie vorstellen?“

„Viel Geld, mein ich.“

„Geld! Geld! nun ja – aber noch etwas andres.“

„Was denn, Herr?“

„Den Lohn deiner jahrelangen Arbeit ... Nein, nicht ihren Lohn – ihren redlich verdienten Ertrag.“

Joseph sah den Gebieter fragend an.

Dahin sieh, auf die Bilder, nicht auf mich,“ rief dieser. „Sie stellen noch ein drittes vor.“

„Was denn, Herr?“ wiederholte Joseph.

„Was denn? Soll ich Lubienka rufen? Die wüßte es gleich, daß es nichts andres sein kann als – dein Heiratsgut.“

Da rief Joseph mit einem Schrei der Wonne:

„Mein Wohltäter, mein Herr, du Gütigster!“ und wollte sich vor ihm niederwerfen.

„Steh!“ befahl Nathanael, legte beide Hände auf seine Schultern und blickte ernst in sein Angesicht, das sich zu ihm emporwandte wie zu einem Gott.

„Du hast eine harte Jugend gehabt, mein Joseph.“

„Ich? – Was sagst du, Herr? – Warst du nicht immer wie ein Vater gegen mich?“

„Nein, nein, mein Junge, wirklich nicht. Aber du bist gegen mich immer wie ein Sohn gewesen,“ antwortete der Doktor und setzte die für Joseph unverständlichen Worte hinzu: „Gäb es viele deinesgleichen, dann wäre der himmlische Sendbote – kein Tor.“

Von nun an hatte Joseph glückliche Tage, und noch viel glücklicher wären sie gewesen, wenn die große Veränderung, die mit seinem Herrn vorgegangen war, ihn nicht bekümmert hätte. Sie fiel jedem auf und erregte das Befremden aller Freunde des Doktors. Er, der emsige Sparer, wurde oft von großmütigen Regungen ergriffen. Er, für den der Bettler und der Dieb bisher in eine Kategorie gehört hatten, begann zwischen ihnen einen großen Unterschied zu entdecken. Er, auf den bisher die Reichen und der Reichtum eine starke Anziehungskraft ausgeübt, betrat nur noch gerufen die Schlösser, ungerufen aber die Hütten der Armen. Die Unruhe, die ihn umhergejagt hatte, war verschwunden. Mit stillem, hartnäckigem Eifer ging er seinem Beruf nach. Als die Revolution ausbrach und ihre ersten blutigen Opfer forderte, verstand er es, immer da zu sein, wo man seiner am meisten bedurfte. Nie, auch nicht in den schlimmsten Tagen, verließ ihn die kaltblütige Zuversicht: von der Revolution ist nichts zu fürchten.

Andrer Ansicht war der Kreishauptmann.

Alle Mutigen wandten sich schon der Überzeugung zu, der Aufstand müsse in kurzem beendet sein, als er noch davon sprach, die Provinz sei verloren, wenn nicht in höchster Eile eine Armee einrücke, die tausendköpfige Hyder der „verwüstenden Insurrektion“ zu bekämpfen. Er meinte, Rosenzweig habe den Verstand verloren, als er eines Tages erwiderte:

„Die Insurrektion ist keine tausendköpfige Hyder, sondern ein hilfloses Kind. Mit Blumen in den Händen kommt es heran, mit einem Herzen voll Liebe, und mit Worten der Erlösung auf den Lippen. So kommt es zu uns. Aber wir sind Wölfe, Bären, Tiger, aber wir sind reißende Bestien. Wir verstehen die Sprache dieses Kindes nicht. Es predigt Erbarmen, Gerechtigkeit und Güte, und wir wollen von alledem nichts wissen, wir wollen mit niemand Erbarmen haben, als mit uns selbst, wir wollen bleiben, was wir sind, behalten, was wir haben, womöglich noch andern etwas wegnehmen, um uns zu bereichern. Und so wird es immer sein, und ein Narr, der daran zweifelt! Und wir, reißende Tiere, wir werden das Kind zerfleischen und fressen, und uns zufrieden schlafen legen nach dieser Heldentat.“

„Phantasterei! Das ist ja pure Phantasterei!“ rief der Beamte voll Bestürzung aus. „Was ist mit Ihnen vorgegangen! Welcher Teufel hat Ihre gesunden Sinne verwirrt?“

„Wissen Sie,“ nahm er nach kurzem Schweigen wieder das Wort, „daß mir berichtet wurde, Sie hätten einer Zusammenkunft beigewohnt, in der der gefährlichste Kommunistenführer eine seiner berüchtigten Ansprachen hielt? Wissen Sie, daß schlechte Spötter behaupten, seine Beredsamkeit habe Sie zum Schwärmer gemacht?“

Nathanael ließ sich durch diese Anklage nicht außer Fassung bringen.

„Ein Schwärmer wäre ich,“ entgegnete er, „wenn ich an die Verwirklichung der Utopien glaubte, für die dieser ‚Kommunistenführer‘, wie Sie ihn nennen, lebt, und für die er sterben wird. Nun, nicht einmal unter dem Einfluß seiner Nähe, beim Wohllaut seines Wortes, unter den Blitzen seines Auges ist es mir auch nur durch den Sinn geflogen: Wer weiß? vielleicht doch!... Vielleicht vermag ein Beispiel, wie das deine, uns Selbstlosigkeit zu lehren und allgemeine Erfüllung der einfachsten Pflichten. O nein, nein! dazu kenne ich uns Menschen zu gut. Aber gedacht habe ich mir: du wirst zu Boden geworfen, zertreten, ein Narr geheißen und – vergessen werden. Kaum gibt es in zehn Jahren noch einen unter allen, die du liebtest, der deinen Namen nennt. Trotzdem ist der mächtige Fürst, den die Neugier oder der Wunsch, sich populär zu machen, in deine Versammlung trieb, ein Bettler gegen dich. Reich bleibt ewig nur der Schenkende, und die Größe des Mannes mißt sich nach der seiner Idee und der Opfer, die er ihr bringt. Die deine hat das Maß überschritten, das sich in unsrer kleinen Welt verwirklichen läßt. Ihre Größe macht sie zum Irrtum, und dich zum Irrenden. So dachte ich; und ich, der Arzt, der eingefleischte Hasser und Verfolger alles Krankhaften, Überspannten, Wahnbefangenen, ich tat ein Gebet für ihn zu meinem Gott:“

„Laß ihn sterben, umringt von allen Gebilden seiner Torheit, laß ihn ungeheilt sterben, o Herr!“


Dieses Gebet schien bald im vollkommensten Maße erhört.

Die Erhebung war am Widerstand der Landbevölkerung gescheitert; das Korps, das die Insurgenten aufgebracht hatten, war durch dreihundert Mann kaiserlicher Truppen und eine zehnfache Anzahl Bauern, die sich ihnen anschlossen, unter Benedeks energischer Führung, bei Gdow geschlagen worden.

Von der erlittenen Niederlage erhielt die Revolutionsregierung in Krakau entstellte Kunde.

Die Freiheitshelden waren, so lautete sie, nicht durch reguläre Truppen, sondern durch fanatisierte Bauernhorden überwältigt worden, die, bis Wieliczka vorgedrungen, sich jetzt im Anmarsche auf die Stadt befanden.

Ein Schrei der Rache erhob sich und – verstummte vor der Beredsamkeit eines Mannes, der Schonung des verblendeten und irregeführten Volkes forderte und verlangte, ihm als Bekehrer entgegengesendet zu werden.

Dieser Mann war Eduard Dembowski, und sein Wille geschah.

Vertrauend auf die Gewalt seines Wortes verließ er Krakau, von Priestern im reichen Ornate, von Fahnen und Kreuze tragenden Mönchen begleitet. Eine große Menschenmasse folgte; dreißig Scharfschützen deckten den Zug. Er überschritt die Weichselbrücke und bewegte sich durch die Vorstadt Podgorze auf der Straße nach Wieliczka.