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Ein fröhlicher Bursch: Eine Erzählung

Chapter 11: 10
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About This Book

Die Erzählung folgt dem Jungen Öyvind, der einen kleinen Bock liebevoll aufzieht und ihn durch die Begegnung mit dem lebhaften Mädchen Marit verliert, nachdem er ihn für einen Butterkringel hergibt. Vom tiefen Schuldgefühl und kindlicher Reue geprägt, schwört er sich, künftig gut zu handeln; Träume und Gewissensbisse begleiten ihn, bis sich die Lage beruhigt, als der Bock zurückkehrt und Marit zerknirscht um Verzeihung bittet. In einfachen ländlichen Szenen werden Unschuld, Versuchung und moralisches Erwachsenwerden im Alltag einer Dorfgemeinschaft gezeigt.

9

An einem Sonnabend im Hochsommer ruderte Thore Pladsen über das Wasser, um seinen Sohn zu holen, der am Nachmittag von der Ackerbauschule heimkehren sollte, wo er sein Studium beendet hatte. Die Mutter hatte mehrere Tage vorher Arbeitsfrauen gehabt, alles war rein und blank, die Kammer war schon vor langer Zeit instand gesetzt, ein Ofen war hineingestellt, und dort sollte Öyvind wohnen. Heute trug die Mutter frisches Laub hinein, legte reines Leinenzeug zurecht und sah von Zeit zu Zeit hinaus, ob wohl ein Boot über das Wasser gerudert käme. Drinnen war ein festlicher Tisch gedeckt, aber immer fehlte noch dies und jenes, oder es waren Fliegen wegzujagen, und in der Kammer lag Staub, immer wieder Staub. Noch kam kein Boot. Sie stützte sich auf das Fensterbrett und schaute hinüber. Da vernahm sie Schritte dicht über sich oben auf dem Wege und wandte den Kopf; es war der Schulmeister, der langsam herunterkam, auf einen Stock gestützt, denn er hatte eine kranke Hüfte. Die klugen Augen blickten ruhig umher; er blieb stehn und ruhte sich aus und nickte ihr zu: „Noch nicht gekommen?“ — „Nein, ich erwarte sie jeden Augenblick.“ — „Gutes Heuwetter heute.“ — „Aber heiß zum Gehen für alte Leute!“ Der Schulmeister sah sie lächelnd an: „Sind junge Leute heute ausgewesen?“ — „Freilich, sind aber wieder gegangen.“ — „Natürlich, ja, werden sich wohl heute abend irgendwo treffen.“ — „Das werden sie wohl, ja; Thore sagt, sie dürften sich in seinem Hause nicht treffen, ehe sie die Einwilligung des Alten haben.“ — „Ganz recht, ganz recht!“ — Nach einer Weile rief die Mutter: „Ich glaube fast, da kommen sie.“ — Der Schulmeister sah lange über den Fjord hinaus. — „Ja, das sind sie!“ — Sie trat vom Fenster zurück, und er kam herein. Als er etwas geruht und ein wenig getrunken hatte, gingen sie an die See hinab, während das Boot mit schneller Fahrt auf sie zuschoß, denn sowohl der Vater wie der Sohn ruderten. Die Rudernden hatten die Jacken abgeworfen, der Schaum spritzte weiß unter den Rudern auf, deshalb war das Boot bald bei ihnen angelangt. Öyvind wandte den Kopf um und sah auf, er gewahrte die beiden am Anlegeplatz, ließ die Arme auf den Rudern ruhen und rief: „Guten Tag, Mutter! Guten Tag, Schulmeister!“ — „Was für eine männliche Stimme er bekommen hat!“ sagte die Mutter; sie strahlte über das ganze Gesicht. — „Ach nein, ach nein, er ist noch ebenso hellblond,“ fügte sie hinzu. Der Schulmeister nahm das Boot in Empfang, der Vater zog die Ruder ein, Öyvind sprang an ihm vorüber und hinauf, gab zuerst der Mutter die Hand, dann dem Schulmeister; er lachte und lachte einmal über das andre, und ganz gegen die Sitte der Bauern erzählte er sofort in einem reißenden Strome von dem Examen, von der Reise, von dem Zeugnis des Direktors und den guten Anerbietungen. Er fragte nach dem Stande der Saaten, den Bekannten, mit Ausnahme einer Einzigen; der Vater war mit dem Gepäck beschäftigt und trug es aus dem Boot heraus, wollte aber auch gern alles hören, deswegen meinte er, es könne hier stehnbleiben, und ging mit ihnen. Und dann gings bergan, Öyvind lachte und erzählte, die Mutter lachte mit, denn sie wußte gar nicht, was sie sagen sollte. Der Schulmeister schleppte sich langsam neben ihnen her und sah ihn mit klugen Blicken an, der Vater folgte ehrerbietig in einer kleinen Entfernung. Und so gelangten sie heim. Er war erfreut über alles, was er sah, zuerst darüber, daß das Haus neu angestrichen war, dann darüber, daß die Mühlwerke erweitert worden waren, und darüber, daß man die Bleieinfassungen der Fenster in der Stube und in der Kammer entfernt hatte, daß das grüne Glas durch weißes ersetzt worden war und die Fensterrahmen größer gemacht worden waren. Als er hineinkam, war alles so wunderbar klein, wie er es gar nicht mehr in der Erinnerung gehabt hatte, aber so freundlich dabei. Die Uhr gackerte wie eine fette Henne, die Stühle waren so kunstvoll geschnitzt, als wollten sie mitreden, jede Tasse auf dem gedeckten Tische kannte er, der Herd lächelte ihm so weißgekalkt Willkommen zu; das Laub stand duftend an der Wand entlang, Wacholderzweige lagen am Fußboden und zeugten von der festlichen Stimmung. Sie setzten sich hin, um zu essen, aber es wurde doch nicht viel gegessen, denn er plauderte unaufhörlich. Jedes Einzelne betrachtete ihn jetzt mehr mit Ruhe, entdeckte Ähnlichkeiten und Unähnlichkeiten, betrachtete, was ganz neu an ihm war, bis auf den blauen Tuchanzug, den er trug. Einmal, als er eine lange Geschichte von einem seiner Kameraden erzählt hatte und endlich fertig war, worauf eine kleine Pause entstand, sagte der Vater: „Ich verstehe kaum ein Wort von dem, was du sagst, Junge, du sprichst so ungeheuer schnell“ — da brachen alle in lautes Gelächter aus, nicht am mindesten Öyvind; er wußte sehr wohl, daß es wahr war, aber es war ihm nicht möglich, langsamer zu sprechen. All das Neue, das er auf seinem großen Ausfluge gesehen und gelernt hatte, hatte seine Einbildungskraft und seine Auffassung dermaßen ergriffen und ihn so aus den gewohnten Geleisen herausgerissen, daß Kräfte, die lange geruht hatten, gleichsam aufschäumten und der Kopf unablässig arbeiten mußte. Ferner bemerkten sie, daß er sich angewöhnt hatte, hier und da zwei, drei Worte vor lauter Geschäftigkeit wieder und wieder zu wiederholen, es war, als stolpere er über sich selber. Bisweilen wirkte das lächerlich, aber dann lachte er selbst, und vergessen war es. Der Schulmeister und der Vater saßen da und gaben acht, ob er etwas von seiner frühern Besonnenheit eingebüßt hätte; aber das schien nicht so: er dachte an alles, erinnerte selber daran, daß das Boot ausgeladen werden müsse, packte sofort selber seine Sachen aus und hängte alles sorgfältig auf, zeigte seine Bücher, seine Uhr, all das Neue, und es sei gut erhalten, sagte die Mutter. Über sein kleines Zimmer war er überglücklich; er wolle fürs erste zu Hause bleiben, sagte er, und bei der Heuernte helfen und studieren. Wohin er später ginge, wisse er noch nicht; aber das sei ihm ganz allerlei. Er hatte eine Schnelligkeit und Kraft des Denkens, die erquickte, und eine Lebhaftigkeit im Ausdruck seiner Gefühle, das den so wohltuend berührt, der das ganze Jahr lang nur daran denkt, sich zurückzuhalten. Der Schulmeister wurde zehn Jahre jünger.

„Jetzt wären wir so weit mit ihm gekommen,“ sagte er strahlend, als er sich erhob, um zu gehn.

Als die Mutter, die ihn ihrer Gewohnheit gemäß bis an die Schwelle des Hauses begleitet hatte, wieder hereinkam, bat sie Öyvind, ihr in die Kammer zu folgen. — „Da ist jemand, der dich um neun Uhr erwartet,“ flüsterte sie. — „Wo?“ — „Oben auf dem Berge.“

Öyvind sah nach der Uhr, sie ging auf neun, es war ihm nicht möglich, im Hause zu warten, er ging hinaus, erklomm den Berg, blieb oben stehn und sah um sich. Das Dach des Hauses lag dicht unter ihm, das Buschwerk auf dem Dache war groß geworden, alles junge Holz ringsumher, wo er stand, war auch gewachsen, und er kannte jeden einzelnen Baum. Er sah den Weg hinab, der am Berge entlang führte, und an dessen andrer Seite der Wald stand. Der Weg lag grau und ernsthaft da, aber der Wald prangte in allerlei Laub. Die Bäume waren hoch und schlank gewachsen; in der kleinen Bucht lag ein Fahrzeug mit schlaffen Segeln; es war mit Planken geladen und wartete auf Wind. Er schaute über das Wasser hinaus, das ihn fort und wieder zurückgetragen hatte; still und blank lag es da, einige Singvögel flogen darüberhin, aber ohne Geschrei, denn es war schon spät. Der Vater kam aus der Mühle, blieb auf der Schwelle des Hauses stehn, sah hinaus wie der Sohn, ging dann an die See hinab, um das Boot vor der Nacht festzumachen. Die Mutter kam auf der einen Seite aus dem Hause heraus, denn sie war in der Küche gewesen; sie sah zum Berge hinauf, als sie mit Futter für die Hühner zum Holzplatz ging, sah abermals hinauf und summte eine Melodie vor sich hin. Er setzte sich nieder, um zu warten; das Unterholz stand so dicht, daß er nicht weit sehen konnte, aber er lauschte auf das leiseste Geräusch. Lange waren es nur Vögel, die aufflogen und ihn täuschten, bald wieder ein Eichhörnchen, das in einen andern Baum hinüberhüpfte. Endlich aber knackt es in einiger Entfernung, verstummt einen Augenblick, knackt dann wieder; er springt auf, sein Herz pocht, das Blut steigt ihm zu Kopfe; da raschelt es in den Büschen dicht neben ihm, aber es ist ein großer, zottiger Hund, der kommt und ihn betrachtet, auf drei Beinen stehn bleibt und sich nicht rührt. Es war der Hund von den obern Heidehöfen, und dicht hinter ihm raschelt es abermals, der Hund wendet den Kopf und wedelt; jetzt kommt Marit.

Ein Busch hielt ihren Rock fest, sie wandte sich um, um ihn loszumachen, und so stand sie da, als er sie zum erstenmal wiedersah. Sie trug ihr Haar unbedeckt und aufgerollt, so wie die Mädchen an Alltagen zu gehn pflegen, sie hatte ein buntgewürfeltes Mieder ohne Ärmel an, nichts um den Hals außer dem herabfallenden Leinwandkragen; sie hatte sich von der Feldarbeit weggestohlen und hatte nicht gewagt, sich zu putzen. Jetzt sah sie ihn von der Seite an und lächelte; weiß schimmerten die Zähne, und weiß blitzte es unter den halbgeschlossenen Augenlidern; sie stand einen Augenblick da und zupfte an ihrem Rock, dann aber kam sie heran und wurde mit jedem Schritt röter. Er ging ihr entgegen und nahm ihre Hand zwischen seine beiden. Sie sah zu Boden, und so standen sie da.

„Hab Dank für alle deine Briefe,“ war das erste, was er sagte, und als sie nun ein wenig aufsah und lachte, fühlte er, daß sie der schelmischste Kobold sei, dem er jemals in einem Walde begegnen könnte; aber er war befangen, und sie war es offenbar nicht minder.

„Wie groß du geworden bist!“ sagte sie, meinte aber etwas ganz andres. Sie betrachtete ihn mehr und mehr, lachte mehr und mehr, und da lachte er auch; aber sie sagten nichts. Der Hund hatte sich an den Felsrand gesetzt und sah in den Hof hinab. Thore bemerkte diesen Hundekopf unten vom Strande her und konnte bei dem besten Willen nicht begreifen, was es war, das sich da oben auf dem Berge zeigte.

Aber die beiden hatten einander jetzt losgelassen und fingen allmählich an miteinander zu reden. Und als er erst einmal angefangen hatte, wurde er bald so beredt, daß sie über ihn lachen mußte. „Ja, siehst du, das geht mir so, wenn ich fröhlich bin, so recht von Herzen fröhlich, siehst du; und als zwischen uns beiden alles wieder gut geworden war, da war es, als spränge ein Schloß in mir auf, siehst du!“ — Sie lachte. Dann sagte sie: „Alle die Briefe, die du mir geschickt hast, die kann ich beinahe auswendig.“ — „Und ich erst die deinen! Aber du schriebst immer so kurz!“ — „Weil du die Briefe immer so lang haben wolltest.“ — „Und wenn ich wollte, daß wir mehr von einer gewissen Sache schreiben sollten, dann entschlüpftest du mir.“ — „Ich nehme mich am besten aus, wenn du mich von hinten siehst,“ sagte die Waldfrau. — „Aber das ist wahr, du hast mir noch nie gesagt, wie du Jon Hatlen losgeworden bist!“ — „Ich lachte!“ — „Wie?“ — „Ich lachte! Weißt du nicht, was Lachen ist?“ — „Ja, lachen kann ich!“ — „Laß einmal sehen!“ — „Hat man je so etwas gehört! Ich muß doch etwas zum Lachen haben!“ — „Das habe ich nicht nötig, wenn ich fröhlich bin.“ — „Bist du jetzt fröhlich, Marit?“ — „Lache ich jetzt etwa?“ — „Ja, das tust du!“ Er nahm ihre beiden Hände und schlug sie wieder und wieder zusammen, so daß es klatschte, während er sie dabei ansah. Plötzlich fing der Hund an zu knurren, dann sträubte er das Haar und setzte sich hin, um in die Tiefe hinabzubellen, er wurde immer aufgeregter und war zuletzt ganz wütend. Marit sprang erschreckt zurück, Öyvind aber eilte an den Abhang und sah hinab. Es war sein Vater, den der Hund anbellte; er stand mit beiden Händen in der Tasche dicht unter dem Berge und sah zu dem Hunde hinauf. — „Bist du da, du auch? Was ist das für ein toller Hund, den du da oben hast?“ — „Es ist ein Hund aus den Heidehöfen,“ sagte Öyvind ein wenig verlegen. — „Wie zum Kuckuck ist denn der da hinaufgekommen?“ — Aber die Mutter hatte aus der Küche herausgeguckt, denn sie hatte den schrecklichen Lärm gehört; sie begriff alles, lachte und sagte: „Der Hund läuft hier jeden Tag herum; das ist doch nichts Sonderbares!“ — „Es ist aber ein bissiger Köter.“ — „Er beruhigt sich, wenn man ihn streichelt,“ meinte Öyvind und tat es; der Hund schwieg, knurrte aber. Der Vater ging arglos ins Haus, und die beiden waren vor der Entdeckung gerettet.

„Ja, diesmal ging es gut,“ sagte Marit, als sie wieder nebeneinander standen. — „Meinst du, daß es später schlimmer wird?“ — „Ich kenne einen, ich, der uns aufpassen wird.“ — „Dein Großvater?“ — „Ja, er!“ — „Aber er soll uns nichts tun.“ — „Niemals!“ — „Und das gelobst du?“ — „Ja, das gelobe ich, Öyvind!“ — „Wie schön du bist, Marit!“ — „So sagte der Fuchs zum Raben und bekam den Käse.“ — „Du kannst mir glauben, ich möchte auch gern den Käse haben.“ — „Aber du bekommst ihn nicht!“ — „Dann nehme ich ihn mir!“ — Sie wandte den Kopf ab, und er — nahm ihn nicht. — „Ich will dir etwas sagen, ich, Öyvind“ — sie sah ihn von der Seite an. — „Nun?“ — „Wie häßlich du geworden bist!“ — „Du willst mir den Käse doch wohl geben!“ — „Nein, das will ich nicht!“ — sie wandte sich von neuem ab.

„Jetzt muß ich gehn, Öyvind.“ — „Ich will dich begleiten.“ — „Aber nicht aus dem Wald hinaus, da kann Großvater dich sehen. — Nein, nicht aus dem Walde hinaus!“ — „Du läufst ja so, Liebe!“ — „Wir können hier doch nicht nebeneinander gehn.“ — „Aber das nennt man doch nicht begleiten!“ — „So greife mich!“ — Sie lief, er hinterdrein, und sie blieb hängen, so daß er sie fangen konnte. — „Hab ich dich nun für immer gefangen, Marit?“ — er hatte die Hand um ihre Taille. — „Ich glaube es,“ sagte sie leise und lachte, errötete aber gleich darauf und wurde wieder ernsthaft. — Nein, jetzt muß es geschehen, dachte er, umfaßte sie und wollte sie küssen; sie aber bog den Kopf unter seinem Arm durch, lachte und lief davon. Bei den letzten Bäumen blieb sie jedoch stehn. „Wann werden wir uns wiedersehen?“ fragte sie leise. — „Morgen, morgen,“ flüsterte er zurück. — „Ja, morgen!“ — „Leb wohl!“ Sie lief davon. — „Marit!“ — Er blieb stehn. — „Du, es war sonderbar, daß wir uns zuerst oben auf dem Berge getroffen haben.“ — „Ja, das war es auch!“ Sie lief weiter.

Lange sah er ihr nach, der Hund sprang vor ihr her und bellte, sie lief hinter ihm her und beschwichtigte ihn. Er wandte sich um, nahm seine Mütze, warf sie in die Höhe, fing sie wieder auf und warf sie nochmals in die Höhe. — „Jetzt glaub ich wirklich, daß ich anfange fröhlich zu werden, ich,“ sagte der Bursche und ging singend heim.

10

Eines Nachmittags, als die Mutter und ein Mädchen Heu zusammenharkten, das der Vater und Öyvind hineintrugen, kam ein kleiner, barfüßiger, barhäuptiger Junge über Hügel und Felder dahergesprungen und gab Öyvind einen Zettel. — „Du kannst aber laufen!“ sagte Öyvind. — „Ich bin dafür bezahlt!“ sagte der Junge. Auf die Frage, ob er Antwort bringen solle, sagte er nein, und er nahm den Weg nach Hause über den Berg, denn auf dem Wege käme jemand hinter ihm her, sagte er. Öyvind öffnete mühsam den Zettel, denn er war erst zu einem Streifen zusammengelegt, dann verschlungen und dann versiegelt, und auf dem Zettel stand:

„Jetzt ist er auf dem Wege, aber es geht langsam. Lauf in den Wald und verstecke Dich.

Die Bewußte.“

Als ob ich das täte! dachte Öyvind und sah trotzig zu den Bergen empor. Es währte auch nicht lange, bis ganz oben auf dem Berge ein alter Mann sichtbar wurde, sich ein wenig ausruhte, eine Strecke ging, sich wieder ausruhte; sowohl Thore als seine Frau hielten mit der Arbeit inne, um ihn zu beobachten. Thore aber lächelte bald, die Frau hingegen wechselte die Farbe. „Kennst du ihn?“ — „Ja, da ist ein Irrtum nicht gut möglich.“

Vater und Sohn fingen wieder an, Heu hineinzutragen; aber der Sohn wußte es so einzurichten, daß sie immer zusammenblieben. Der Alte oben auf dem Berge kam langsam näher wie ein schweres Gewitter, das von Westen her heraufzieht. Er war sehr groß und ziemlich korpulent; er hatte schlimme Füße und ging Schritt für Schritt, indem er sich schwerfällig auf einen Stock stützte. Er kam bald so nahe heran, daß sie ihn genau sehen konnten. Er blieb stehn, nahm die Mütze vom Kopf und trocknete den Schweiß mit einem Taschentuch. Er war ganz kahl bis hintenüber; er hatte ein rundes, runzliges Gesicht, kleine stechende, zwinkernde Augen, buschige Brauen und noch alle Zähne im Munde. Wenn er sprach, war es mit einer scharfen und gellenden Stimme, als hüpfe sie über Kies und Stein; auf einem R aber ruhte sie hin und wieder mit großem Wohlbehagen, rollte mehrere Ellen lang darüberhin und machte dabei einen gewaltigen Sprung im Tone. Er war in seinen jungen Jahren als munterer aber etwas heftiger Mann bekannt gewesen; jetzt im Alter war er infolge von mancherlei Widerwärtigkeiten jähzornig und mißtrauisch geworden.

Thore und Öyvind waren schon oftmals hin und her gegangen, ehe Ole bis zu ihnen gelangt war; sie begriffen beide, daß er nicht in guter Absicht kam, deshalb war es um so komischer, daß er nicht ans Ziel gelangen konnte. Sie mußten beide höchst ernsthaft einhergehn und ganz leise sprechen; da dies aber kein Ende nehmen wollte, wurde es lächerlich. Nur ein halbes Wort, wenn es trifft, kann unter solchen Umständen Lachen hervorrufen, namentlich wenn mit dem Lachen Gefahr verbunden ist. Als er schließlich nur noch wenige Schritte entfernt war, die aber nie ein Ende nehmen wollten, sagte Öyvind ganz trocken und leise: „Er muß schwer geladen haben, der Mann!“ — Und das genügte. — „Ich glaube, du bist nicht klug,“ flüsterte der Vater, mußte aber selber lachen. — „Hm! hm!“ räusperte sich Ole oben auf dem Berge. — „Er macht die Stimme klar!“ flüsterte Thore. Öyvind kniete vor einem Heuhaufen nieder, steckte den Kopf ins Heu und lachte. Auch der Vater beugte sich hinunter. — „Laß uns in die Scheune hineingehn,“ flüsterte er, nahm einen Arm voll Heu und trabte damit ab; Öyvind nahm ein kleines Bündel, lief hinterdrein, krümmte sich vor Lachen und warf sich auf die Tenne nieder. Der Vater war ein ernster Mann, brachte ihn aber erst jemand ins Lachen, so gluckste es erst in ihm, dann wurde es immer stärker, wie abgerissene Triller, bis sie in eine einzige lange Lache zusammenflossen, worauf Welle auf Welle folgte mit immer größerer Macht. Jetzt war er in Zug gekommen, der Sohn lag am Boden, der Vater stand über ihn gebeugt, und beide lachten, daß es schallte. Sie hatten bisweilen solche Lachanfälle, aber dieser käme ungelegen, meinte der Vater. Schließlich wußten sie nicht mehr, wie es werden sollte, denn der Alte mußte ja allmählich den Hof erreicht haben. — „Ich gehe nicht hinaus,“ sagte der Vater; „ich habe nichts mit ihm zu tun.“ — „Ja, dann gehe ich auch nicht hinaus,“ erwiderte Öyvind. — „Hm, hm,“ erklang es draußen vor der Scheunentür. Der Vater drohte dem Burschen: „Mach, daß du hinauskommst!“ — „Ja, geh du nur erst!“ — „Nein, willst du dich wohl packen!“ — „Ja, geh du nur erst!“ Und sie klopften sich gegenseitig ab und gingen dann höchst ernsthaft hinaus. Als sie unten an die hölzerne Brücke kamen, sahen sie Ole vor der Küchentür stehn, als bedächte er sich. Er hielt die Mütze in der Hand, in der er den Stock hielt, und trocknete mit dem Taschentuch den Schweiß von dem kahlen Kopfe, strich aber auch die Haarbüschel hinter den Ohren und im Nacken hinauf, so daß sie wie Stacheln in die Höhe starrten. Öyvind hielt sich hinter dem Vater, dieser mußte deswegen stillstehn, und um der Sache ein Ende zu machen, sagte er in ganz ernstem Tone: „Wagen sich so alte Leute noch auf den Berg?“ — Ole wandte sich um, sah ihn scharf an und setzte seine Mütze wieder zurecht, ehe er antwortete: „Ja, das scheint so!“ — „Du mußt müde sein, willst du nicht hineinkommen?“ — „Ach, ich kann mich hier ausruhen, wo ich stehe, mein Geschäft währt nicht lange.“ — Aus der Küchentür guckte jemand heraus; zwischen ihr und Thore stand der alte Ole, den Mützenschirm tief über den Augen, denn die Mütze war ihm jetzt, wo er das Haar verloren hatte, zu groß geworden. Um sehen zu können, legte er den Kopf weit hintenüber, den Stock hielt er in der rechten Hand, und die Linke stemmte er in die Seite, wenn er nicht gerade gestikulierte. Aber das tat er nur so, daß er den Arm in halber Länge vor sich hinstreckte und ihn dort, als Wächter seiner Würde, stillhielt. — „Ist das dein Sohn, der da hinter dir steht?“ begann er mit kräftiger Stimme. — „Man sagt es.“ — „Er heißt Öyvind, nicht wahr?“ — „Ja, man nennt ihn Öyvind.“ — „Er ist auf einer von diesen Ackerbauschulen dort im Süden gewesen?“ — „So etwas ähnliches war es, ja.“ — „Nein, das Mädchen, meine Tochtertochter, die Marit, ja, die ist in der letzten Zeit verrückt geworden.“ — „Das ist ja traurig!“ — „Sie will sich nicht verheiraten!“ — „Nein wirklich?“ — „Sie will keinen von den Bauernsöhnen haben, die sich um sie bewerben.“ — „So?“ — „Aber das soll die Schuld von dem sein, der da steht!“ — „Was du sagst!“ — „Er soll ihr den Kopf ganz verdreht haben; ja der da, dein Sohn!“ — „Das wäre doch des Teufels!“ — „Siehst du, ich leide es nicht, daß mir jemand meine Pferde stiehlt, wenn ich sie ins Gebirge auf die Weide schicke, ich leids auch nicht, daß mir jemand meine Töchter nimmt, wenn ich sie zum Tanze gehn lasse, ich leide es durchaus nicht!“ — „Nein, das versteht sich.“ — „Ich kann nicht hinterher laufen; ich bin alt, ich kann nicht aufpassen.“ — „Nein nein, nein nein!“ — „Ja, siehst du, Ordnung muß in allem sein; hier soll der Haublock stehn, und dort soll das Beil liegen und da das Messer, und hier müssen sie ausfegen, und da müssen sie es hinauswerfen, nicht vor die Tür, sondern da in die Ecke, gerade dorthin, ja, und nirgend anderswohin. Also, wenn ich zu ihr sage: Nicht der, sondern der, so muß der es sein und nicht der!“ — „Natürlich!“ — „Aber so ist es eben nicht; drei Jahre lang hat sie nein gesagt, und drei Jahre lang ist es nicht gut gewesen zwischen uns. Das ist schlimm, und wenn er es ist, der die Veranlassung dazu ist, so will ich ihm nur sagen, so daß du es hörst, du, sein Vater, daß es ihm nichts nützt, daß die Sache ein Ende haben muß.“ — „Ja ja!“ — Ole sah Thore eine Weile an, dann sagte er: „Du antwortest so kurz.“ — „Die Wurst ist nicht länger.“

Hier mußte Öyvind lachen, obwohl ihm eigentlich gar nicht danach zumute war. Aber bei unverzagten Menschen steht die Furcht beständig auf der Grenze des Lachens, und jetzt neigte es auf diese Seite bei ihm. — „Worüber lachst du?“ fragte Ole kurz und scharf. — „Ich?“ — „Lachst du über mich?“ — „Gott bewahre mich davor!“ — aber seine eigne Antwort erweckte wieder seine Lachlust. Ole bemerkte das und wurde ganz wütend. Sowohl Thore als Öyvind wollten es wieder gutmachen, indem sie ein ernstes Gesicht aufsetzten und den Alten aufforderten, hineinzugehn; aber hier machte sich ein seit drei Jahren verhaltner Groll Luft, und deswegen war er nicht zurückzuhalten. — „Du brauchst nicht zu denken, daß du mich zum Narren machen kannst,“ fing er an; „ich bin in meinem vollen Recht, ich sorge für das Glück meines Kindeskinds, so wie ich es verstehe, und das Lachen eines jungen Windhunds hindert mich nicht daran. Man zieht die Mädchen nicht dazu auf, daß man sie in die erste beste Häuslerstelle hineinwirft, die sich auftun will, und man wirtschaftet nicht vierzig Jahre, um dem ersten, der der Dirne den Kopf verdreht, die ganze Bescherung an den Hals zu werfen. Meine Tochter trieb es so lange, bis sie sich schließlich mit einem Landstreicher verheiraten mußte, und er trank sie beide zu Tode, und ich mußte das Kind zu mir nehmen und die Zeche bezahlen. Aber Tod und Teufel, wenn es meiner Tochtertochter ebenso ergehn soll, jetzt weißt du es! Und das will ich dir sagen, so wahr ich Ole Nordistuen auf den Heidehöfen bin, eher soll der Pfarrer die Kobolde droben im Nordalswalde zur Hochzeit aufbieten, als daß er deinen und Marits Namen von der Kanzel wirft, du Gelbschnabel! Willst du mir vielleicht die anständigen Freier vom Hofe verscheuchen? Ja, versuch es nur zu kommen, dann sollst du eine solche Reise den Berg hinabmachen, daß die Schuhe hinter dir herdampfen, du Fratzenschneider du! Du glaubst am Ende, ich wüßte nicht, woran ihr denkt, du und sie. Ja, ihr denkt, daß der alte Nordistuen bald draußen auf dem Kirchhofe die Nase in die Luft stecken wird, und dann wollt ihr vor den Altar treten. Nein, jetzt habe ich sechsundsechzig Jahre gelebt, und ich will euch beweisen, ich, mein Junge, daß ich leben werde, bis ihr die Bleichsucht darüber bekommt, alle beide! Und das will ich dir doch noch sagen, ich, du kannst dich wie neuer Schnee um die Hauswände legen, und du sollst doch ihre Fußsohlen nicht sehen, denn ich schicke sie aus dem Kirchspiel fort, ich schicke sie dahin, wo sie in Sicherheit ist, dann kannst du hier umherflattern wie ein Spottvogel und dich mit Regen und Nordwind verheiraten. Und weiter habe ich dir nichts zu sagen; aber nun kennst du, der du sein Vater bist, meine Meinung, und wenn du es gut mit ihm meinst, um den es sich hier handelt, da mußt du ihn dazu bringen, daß er den Strom dahin lenkt, wo er fließen kann; über meinen Hof ist ihm der Weg verboten.“ — Er wandte sich mit kleinen, schnellen Schritten ab, indem er den rechten Fuß immer ein wenig höher hob als den linken und fortwährend vor sich hinbrummte.

Ein tiefer Ernst hatte sich der Zurückbleibenden bemächtigt; ein böses Vorzeichen hatte sich in ihren Scherz und ihr Lachen gemischt, und das Haus stand einen Augenblick leer wie nach einem Schrecken. Die Mutter, die von der Küchentür aus alles mit angehört hatte, sah Öyvind bekümmert an, sie war dem Weinen nahe, wollte aber kein Wort sagen, um ihm das Herz nicht noch schwerer zu machen. Als sie alle stillschweigend hineingegangen waren, setzte sich der Vater ans Fenster und sah Ole mit ernstem Gesicht nach. Öyvinds Augen hingen an seinem leisesten Mienenspiel; denn in seinem ersten Wort mußte ja fast die ganze Zukunft des jungen Paares liegen. Setzte ihnen Thore in Gemeinschaft mit Ole ein Nein entgegen, dann war es wohl eine Unmöglichkeit, daran vorbeizukommen. Aufgeschreckt schweiften seine Gedanken von einem Hindernis zum andern; einen Augenblick sah er nichts als Armut, bösen Willen, Mißverständnisse und gekränktes Ehrgefühl, und jede Stütze, die er ergreifen wollte, entglitt ihm unter der Wucht der Gedanken. Es vermehrte seine Unruhe noch, daß die Mutter mit der Hand auf der Türklinke dastand, unentschlossen, ob sie sich das Herz fassen und hereinkommen und die Entscheidung abwarten solle, und schließlich den Mut völlig verlor und hinausschlich. Öyvind sah unverwandt den Vater an, der seinen Blick nicht zu beobachten schien; auch der Sohn wagte nicht zu sprechen, denn er mußte den Vater doch erst seine Gedanken zu Ende denken lassen. Aber gerade jetzt hatte die Seele die Bahn ihrer Angst ausgelaufen und gewann wieder Fassung: schließlich vermag uns doch niemand als Gott allein zu trennen, dachte er und beobachtete die gerunzelte Stirn des Vaters. — Nun würde wohl bald etwas kommen. — Thore seufzte tief auf, erhob sich, sah auf und begegnete dem Blick des Sohnes. Er blieb stehn und sah ihn lange an. — „Mein Wunsch wäre, daß du ihr entsagtest, denn man soll sich nichts erbetteln oder ertrotzen. Willst du aber nicht von ihr lassen, so kannst du es mir gelegentlich sagen; vielleicht kann ich dir dann helfen.“ — Er ging an seine Arbeit, und der Sohn folgte ihm.

Am Abend aber hatte Öyvind seinen Plan gemacht; er wollte sich um die Stelle eines Bezirksagronomen bemühen und wollte den Direktor und den Schulmeister bitten, ihm dabei behilflich zu sein. — Hält sie nur aus, so will ich sie schon mit Gottes Hilfe durch meine Arbeit gewinnen. Vergebens wartete er diesen Abend auf Marit, aber während er dort auf und nieder ging, sang er sein Lieblingslied:

Den Kopf empor, du junges Blut!
Ob auch ein Fehlschlag weh dir tut,
Du mußt nicht gleich verzagen,
Du wirst es doch erjagen.
Den Kopf empor! Schau grade aus,
Es ruft das Leben dich hinaus
Mit vielen tausend Zungen,
Nur fröhlich vorgedrungen!
Den Kopf empor! Sei dir bewußt
Des Himmels in der eignen Brust.
Das Gute und das Schöne
Klingt drin wie Harfentöne.
Den Kopf empor! Sing es hinaus:
Die Knospe schwillt trotz Sturmesbraus,
Wo Frühlingskräfte gären,
Da kann kein Winter währen.
Den Kopf empor! Den ficht nichts an,
Der frohes Herzens hoffen kann.
Wer hofft, dem kann nichts rauben
Die Liebe und den Glauben.

11

Es war mitten in der Mittagsruhe; auf den großen Heidehöfen schliefen die Leute. Das Heu lag zusammengeharkt auf der Wiese, und die Rechen standen in die Erde gesteckt da. Unten an der Scheunenbrücke standen die Heuwagen, das Sielengeschirr lag abgeschirrt daneben, und die Pferde weideten angepflöckt eine kleine Strecke davon. Außer ihnen und einigen Hühnern, die sich ins Feld verlaufen hatten, sah man in der ganzen Ebene kein lebendes Wesen.

Im Gebirge oberhalb der Felswand war eine Schlucht, durch die der Weg zu den großen, grasreichen Gebirgsweiden der Heidehöfe führte. Droben in der Schlucht stand heute ein Mann und sah in die Ebene hinab, so, als erwarte er jemand. Hinter ihm lag ein kleiner Gebirgssee, von dem ein Bach herunterfloß, der diese Schlucht im Felsen gebildet hatte. Um diesen See herum führten zu beiden Seiten Viehwege nach der Alm hinauf, die er von weitem übersehen konnte. Jodeln und Hundebellen klang ihm entgegen, und zwischen den Bergen erschallten die Herdenglocken, denn die Kühe tummelten sich und suchten den See auf, Hunde und Kuhjungen wollten sie zusammentreiben; es gelang ihnen aber nicht. Die Kühe kamen mit den wunderlichsten Sprüngen heruntergesetzt und liefen mit kurzem, zornigem Gebrüll, den Schwanz hoch erhoben, geradeswegs ins Wasser hinein, wo sie stehnblieben; ihre Glocken schollen jedesmal, wenn sie den Kopf bewegten, über das Wasser dahin. Die Hunde tranken ein wenig, blieben aber auf festem Lande; die Kuhjungen kamen ihnen nach und setzten sich auf den warmen glatten Bergabhang. Hier kramten sie ihr Essen heraus, tauschten miteinander, prahlten mit ihren Hunden, Ochsen und Hausgenossen gegeneinander, zogen sich dann aus und sprangen zu den Kühen ins Wasser. Die Hunde wollten nicht mit hinein, sondern lungerten träge und mit hängenden Köpfen und heißem Auge umher, während ihnen die Zunge an der einen Seite aus dem Rachen hing. Ringsumher an den Felswänden ließ sich kein Vogel blicken, kein Laut vernehmen, außer dem Geplauder der Kuhjungen und dem Läuten der Glocken; das Heidekraut stand versengt und verbrannt da, die Sonne erhitzte die Bergwände, so daß alles lechzte vor Wärme.

Aber es war Öyvind, der dort oben in der Mittagssonne saß und wartete. Er saß in Hemdsärmeln dicht neben dem Bach, der aus dem See rann. Noch immer zeigte sich niemand in dem Heidehoftal, und er begann schon unruhig zu werden, als plötzlich ein großer Hund schwerfällig aus einer Tür in Nordistuen herauskam, und hinter ihm drein ein Mädchen in Hemdsärmeln. Sie sprang über die Wiesen dahin und den Berg hinab; er hatte große Lust, hinabzujodeln, aber er wagte es nicht. Er sah aufmerksam auf den Hof hinab, ob auch nicht jemand zufällig herauskäme und sie bemerkte, aber da war sie schon im Schutz angelangt, und er erhob sich mehrmals voller Ungeduld. Endlich kam sie denn auch, indem sie sich mühsam am Bach entlang emporarbeitete; der Hund lief dicht vor ihr her und witterte in der Luft, sie hielt sich am Gesträuch fest, und immer müder wurde ihr Gang. Öyvind eilte hinab, der Hund knurrte, wurde aber zum Schweigen gebracht; aber sobald Marit ihn kommen sah, setzte sie sich, dunkelrot vor Hitze, matt und erschöpft auf einen großen Stein. Er warf sich auf den Stein daneben: „Hab Dank, daß du gekommen bist! Was für eine Hitze, und was für ein Weg!“ — „Hast du schon lange gewartet?“ — „Nein. Seit sie uns des Abends aufpassen, müssen wir ja die Mittagsstunde benutzen. Aber in Zukunft, denke ich, wollen wir uns die Sache nicht so heimlich und mühselig machen; gerade darüber wollte ich mit dir reden.“ — „Nicht heimlich?“ — „Ich weiß wohl, daß es dir am besten gefällt, wenn es heimlich zugeht; aber es gefällt dir auch, Mut zu zeigen. Heute bin ich gekommen, um lange mit dir zu reden, und jetzt mußt du mich anhören.“ — „Ist es wahr, daß du Bezirksagronom werden willst?“ — „Ja, und ich werde die Stelle wohl auch erhalten. Damit verfolge ich einen doppelten Zweck: zunächst den, eine Stellung zu erringen, dann aber, und zwar vor allen Dingen, den, etwas auszurichten, was dein Großvater sehen und beurteilen kann. Es trifft sich so glücklich, daß die meisten Hofbesitzer auf den Heidehöfen jüngere Leute sind, die Verbesserungen wünschen und Hilfe begehren; Geld haben sie auch. Damit will ich anfangen; ich will alles verbessern, von ihren Viehställen bis zu ihren Wasserleitungen, ich will Vorträge halten und arbeiten, ich will, sozusagen, den Alten mit guten Taten belagern.“ — „Das ist keck gesprochen, was aber weiter, Öyvind?“ — „Ja, das andre soll von uns beiden handeln. Du darfst nicht reisen.“ — „Wenn er es nun aber befiehlt?“ — „Und du darfst nichts verheimlichen, was uns beide angeht.“ — „Wenn er mich aber quält!“ — „Durch offnes Auftreten erreichen wir aber mehr und beschützen uns besser. Wir wollen gerade so viel unter den Augen der Leute sein, daß sie immer davon reden müssen, wie wir zueinander halten; um so eher werden sie wünschen, daß es uns gut ergehn möge. Du darfst nicht reisen. Die Getrennten setzen sich Gefahren aus, und es kann sich Klatsch zwischen sie drängen. Im ersten Jahre glauben wir nichts, im zweiten aber können wir anfangen, allmählich zu glauben. Wir beide wollen uns einmal wöchentlich treffen und über all das Böse lachen, das sich zwischen uns drängen will. Wir müssen uns beim Tanz treffen können und uns im Takte drehen, daß es nur so singt, während unsre Verleumder ringsumher sitzen. Wir wollen uns vor der Kirche treffen und uns begrüßen, daß alle es sehen können, die uns hundert Meilen weit voneinander wünschen. Dichtet jemand ein Spottlied über uns, so setzen wir uns zusammen und versuchen unsrerseits, eins zu machen, das ihnen die Antwort nicht schuldig bleibt; das wird schon gehn, wenn wir uns gegenseitig helfen. Niemand kann uns etwas anhaben, wenn wir zusammenhalten und den Leuten auch zeigen, daß wir es tun. Unglückliche Liebe findet man nur bei furchtsamen Leuten, oder bei schwachen oder kranken Leuten, oder bei berechnenden Leuten, die auf eine Gelegenheit warten, bei listigen Leuten, die schließlich an ihrer eignen List zugrunde gehn, oder bei sinnlichen Leuten, die sich nicht so innig lieben, daß Stand und Unterschied vergessen werden kann — die verstecken sich, schicken sich Briefe, zittern bei jedem Worte, und die Furcht, diese beständige Unruhe, dieses Prickeln im Blut halten sie dann schließlich für Liebe; sie fühlen sich unglücklich und zerfließen wie Zucker. Pah, so ein Liebespaar! Hätten sie sich nur wahrhaft lieb, dann fürchteten sie sich nicht, dann lachten sie, dann gingen sie in jedem Lächeln, in jedem Wort offen auf die Kirchentür zu. Ich habe davon in Büchern gelesen und habe es selber auch schon gesehen: es ist schlecht bestellt mit der Liebe, die auf Schleichwegen geht. Sie muß in Heimlichkeit beginnen, weil sie in Verschämtheit beginnt, sie muß aber offen leben, weil sie in Freude lebt. Es geht damit wie mit dem Wechsel des Laubes; was wachsen soll, kann sich nicht verbergen, und jedenfalls siehst du, daß all das, was am Baume trocken ist, abfällt, sobald das neue Laub ausschlägt. Zu wem die Liebe kommt, der läßt fahren, was er an altem, an totem Kram festhielt, die Säfte quellen und steigen, und das sollte niemand merken? Ju — ju, Mädchen, sie sollen fröhlich werden, wenn sie uns fröhlich sehen; zwei Verlobte, die ausharren, erweisen den Leuten eine Wohltat, denn sie schenken ihnen ein Gedicht, das die Kinder zur Beschämung der ungläubigen Eltern auswendig lernen. Ich habe von so vielen Liebenden dieser Art gelesen, es leben auch hier im Kirchspiel einige in der Leute Mund, und gerade die Kinder von denen, die einstmals all dieses Böse verübten, erzählen es jetzt und sind darüber gerührt. Ja, Marit, jetzt wollen wir beide einander die Hand geben, und dann wollen wir uns geloben, zusammenzuhalten, und dann wird auch alles gut gehn, hurra!“ — Er wollte ihren Kopf zu sich ziehen, sie aber wandte sich ab und ließ sich von dem Steine hinabgleiten.

Er blieb sitzen, sie kam zurück, und mit den Armen auf seinen Knien blieb sie stehn und sprach mit ihm, während sie zu ihm aufblickte. — „Hör einmal, Öyvind, wenn er nun aber will, daß ich reisen soll, was dann?“ — „Dann sollst du geradeheraus nein sagen.“ — „Lieber, geht das wohl an?“ — „Er kann dich doch nicht in den Wagen hinaustragen.“ — „Wenn er auch nicht gerade das tut, so kann er mich doch auf mancherlei andre Weise zwingen.“ — „Das glaube ich nicht; Gehorsam bist du ihm ja schuldig, solange es keine Sünde ist; aber du bist es ihm auch schuldig, ihn deutlich fühlen zu lassen, wie schwer es dir diesmal wird, gehorsam zu sein. Ich glaube, er wird sich bedenken, wenn er das sieht; jetzt glaubt er wie die meisten, daß es nur Kinderei sei. Zeig ihm, daß es mehr ist.“ — „Du kannst mir glauben, mit ihm ist nicht zu spaßen. Er bewacht mich wie eine angepflöckte Geiß.“ — „Aber du zerreißt die Leine jeden Tag ein paarmal.“ — „Das ist nicht wahr.“ — „Ja, jedesmal, wenn du heimlich an mich denkst, so zerreißt du sie.“ — „Ach so, ja! Bist du aber auch sicher, daß ich so oft an dich denke?“ — „Sonst säßt du nicht hier.“ — „Lieber, du ließt mir ja sagen, ich sollte hierherkommen.“ — „Aber du kamst, weil deine Gedanken dich trieben.“ — „Oder auch, weil das Wetter so schön war.“ — „Du sagtest vorhin, es sei zu warm.“ — „Den Berg hinaufzugehn, ja, aber nicht, ihn wieder hinabzugehn.“ — „Weswegen gingst du denn hinauf?“ — „Um wieder hinabspringen zu können.“ — „Weshalb bist du denn noch nicht gesprungen?“ — „Weil ich mich ausruhen mußte.“ — „Und weil du mit mir von Liebe plaudern wolltest.“ — „Ich konnte dir ja gern die Freude machen, dich anzuhören.“ — „Während's Vöglein sang — — und das andre schlief ein — — und die Glocke erklang — — im grünen Hain.“

In diesem Augenblick sahen sie beide Marits Großvater auf den Hof hinaushumpeln und an die Glocke gehn, um die Leute zu wecken. Aus Scheunen, Schuppen und Stuben kamen die Leute heraus, gingen verschlafen zu den Pferden und den Harken, zerstreuten sich auf dem Felde, und bald darauf herrschte überall wieder Leben und Arbeit. Nur der Großvater ging aus dem einen Gebäude heraus und in das andre hinein, schließlich stieg er auf die höchste Scheunenbrücke und sah sich um. Ein kleiner Junge kam auf ihn zugesprungen, wahrscheinlich hatte er ihn gerufen. Darauf lief der Knabe richtig in der Richtung fort, wo Öyvinds Elternhaus lag; der Großvater humpelte indes auf dem Hof umher, indem er oft hinaufschaute und wohl keine Ahnung davon hatte, daß das Schwarze da droben auf dem ‚Großen Stein‘ Marit und Öyvind waren. Zum zweitenmal aber bereitete Marits großer Hund Ungelegenheiten. Er sah ein fremdes Pferd auf die Heidehöfe einlenken, und da er glaubte, er befände sich mitten in seinem Hofgeschäft, so fing er an, aus Leibeskräften zu bellen. Sie suchten den Hund zu beschwichtigen, der aber war böse geworden und wollte nicht wieder aufhören; unten stand der Großvater und starrte gerade in die Höhe. Aber die Sache sollte noch schlimmer werden, denn alle Hirtenhunde hörten voller Staunen die fremde Stimme und eilten herbei. Als sie sahen, daß es ein großer wolfähnlicher Riese war, fuhren alle die struppigen Finnenhunde auf diesen einen ein; Marit erschrak so sehr, daß sie ohne Abschied davonlief. Öyvind stürzte sich mitten in den Kampf hinein, stieß mit den Füßen und schlug, aber sie verlegten nur den Walplatz und fuhren dann unter grausamem Geheul und Gebeiße wieder aufeinander ein, er aufs neue hinterdrein, und so fort, bis sie sich an das Ufer des Baches wälzten. Da lief er hinzu, und die Folge war, daß sie alle ins Wasser platschten, und zwar gerade da, wo es sehr tief war; da zogen sie sich beschämt auseinander, und so endete diese Waldschlacht. Öyvind ging durch den Wald, bis er an die Landstraße gelangte, Marit aber begegnete dem Großvater oben an dem Hofzaun; das hatte sie dem Hunde zu verdanken.

„Wo kommst du her?“ — „Aus dem Walde.“ — „Was hast du da getan?“ — „Beeren gepflückt.“ — „Das ist nicht wahr.“ — „Nein, das ist es auch nicht.“ — „Was hast du da getan?“ — „Ich habe mit jemand gesprochen.“ — „Mit dem Häuslerjungen?“ — „Ja.“ — „Höre nun, Marit, morgen verreist du!“ — „Nein!“ — „Höre nun, Marit, ich will dir jetzt eins sagen, nur das eine: du sollst reisen!“ — „Du kannst mich nicht in den Wagen heben!“ — „Ich? Kann ich das nicht?“ — „Nein, denn du willst es gar nicht.“ — „Ich will es nicht? Höre nun, Marit, nur des Scherzes halber, siehst du, nur des Scherzes halber will ich dir erzählen, daß ich diesem deinem Lumpenbub die Rippen im Leibe zerschlagen will.“ — „Nein, das wagst du gar nicht.“ — „Ich wage es nicht? Du sagst, ich wage es nicht? Wer sollte mir wohl etwas tun; wer, wenn ich fragen darf?“ — „Der Schulmeister!“ — „Der Schul — Schul — Schulmeister? Glaubst du, daß der sich um ihn kümmert, du?“ — „Ja, er ist es, der ihn auf der Ackerbauschule erhalten hat.“ — „Der Schulmeister?“ — „Der Schulmeister!“

„Höre nun, Marit, ich will von diesem Gelaufe nichts wissen, du mußt aus dem Kirchspiel fort! Du machst mir nichts als Kummer und Sorge; so war es mit deiner Mutter auch, nichts als Kummer und Sorge. Ich bin ein alter Mann, ich will dich gut versorgt sehen; ich will um dieser Geschichte willen nicht wie ein Narr in der Leute Mund sein; ich will ja nur dein Bestes, das mußt du doch einsehen, Marit. Bald wird es mit mir vorbei sein, dann stehst du da; wie würde es deiner Mutter ergangen sein, wenn ich nicht dagewesen wäre? Höre nun, Marit, sei verständig, achte auf das, was ich dir sage, ich will nur dein Bestes!“ — „Nein, das willst du nicht!“ — „So? Was will ich denn?“ — „Deinen Willen haben willst du, weiter nichts; aber nach dem meinen fragst du gar nicht.“ — „Du willst vielleicht auch schon einen Willen haben, du Grünschnabel? Du willst dich vielleicht auf dein eignes Beste verstehen, du, du Närrin? Ich will dir die Rute geben, das will ich, so groß und so lang du bist! Höre nun, Marit, ich will in aller Freundlichkeit mit dir reden; du bist im Grunde gar nicht so verrückt, du bist nur irregeleitet. Du mußt mich anhören; ich bin ein alter, vernünftiger Mann. Wir wollen ganz ruhig miteinander reden; es steht gar nicht so gut mit mir, wie die Leute glauben; ein armer, loser Vogel kann gar bald mit dem Wenigen davonfliegen, was ich habe; dein Vater hat mein Vermögen arg mitgenommen, der. Laß uns in dieser Welt für uns selber sorgen, sie ist es nicht besser wert. Der Schulmeister hat gut reden, denn der hat selber Geld; und der Pfarrer hat auch Geld, die können gut predigen, die. Aber wir, die wir uns für das tägliche Brot abmühen müssen, mit uns ist es eine andre Sache. Ich bin alt, ich bin erfahren, ich habe vielerlei gesehen; die Liebe, siehst du, die mag ganz gut sein, dazu, daß man davon redet, ja; aber das taugt nichts; das ist ganz gut für Pfarrersleute und solche Art, die Bauern müssen die Sache anders auffassen. Erst das tägliche Brot, siehst du, dann Gottes Wort, und dann ein wenig Schreiben und Rechnen, und dann ein wenig Liebe, wenn sich das gerade so macht; aber es nützt dem Teufel was, mit der Liebe anzufangen und mit dem täglichen Brot enden zu wollen! Was antwortest du darauf, Marit?“ — „Ich weiß nicht.“ — „Du weißt nicht, was du darauf antworten sollst?“ — „Doch, das weiß ich.“ — „Nun denn?“ — „Soll ich es sagen?“ — „Gewiß sollst du es sagen.“ — „Ich halte große Stücke auf die Liebe.“ — Er stand einen Augenblick ganz entsetzt da, dachte dann an die Hunderte von ähnlichen Gesprächen, die einen ähnlichen Ausgang gehabt hatten, schüttelte den Kopf, wandte sich ab und ging.

Er fiel über die Tagelöhner her, schalt die Mägde, prügelte den großen Hund und ängstigte ein kleines Huhn, das auf den Acker hinausgeraten war, fast zu Tode. Zu ihr aber sagte er nichts.

Als Marit an diesem Abend hinaufging, um sich schlafen zu legen, war sie so froh, daß sie das Fenster öffnete, sich hinauslehnte und sang. Sie hatte ein kleines, feines Liebeslied erhalten, das sang sie.