The Project Gutenberg eBook of Ein fröhlicher Bursch: Eine Erzählung
Title: Ein fröhlicher Bursch: Eine Erzählung
Author: Bjørnstjerne Bjørnson
Release date: June 9, 2011 [eBook #36363]
Language: German
Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Katrin and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
Anmerkungen zur Transkription:
Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Diese Änderungen sind im Text gekennzeichnet, der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus. Zusätzlich findet sich eine Liste der vorgenommenen Änderungen am Ende des Textes.
Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Im Original in Antiqua gesetzter Text wurde kursiv markiert.
Anmerkungen zur Transkription (speziell für Handheld):
Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Diese Änderungen sind im Text gekennzeichnet. Zusätzlich findet sich eine Liste der vorgenommenen Änderungen am Ende des Textes.
Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrt gesetzter Text wurde kursiv markiert. Im Original in Antiqua gesetzter Text wurde fett markiert.
Ein fröhlicher Bursch
Eine Erzählung
von
Björnstjerne Björnson
Im Insel-Verlag zu Leipzig
Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel & Co. in Altenburg, S.-A.
1
Öyvind hieß er, und er weinte, als er geboren wurde. Als er aber erst aufrecht auf dem Schoße der Mutter saß, lachte er, und wenn sie des Abends Licht anzündeten, lachte er so, daß es sang, weinte aber, als er nicht daran durfte. — „Aus dem Jungen muß etwas Besondres werden,“ sagte die Mutter.
Dort, wo er geboren war, ragte eine kahle Felswand empor, aber sie war nicht sehr hoch; Föhren und Birken sahen von oben herunter, der Faulbaum streute Blüten auf das Dach. Aber oben auf dem Dache lief ein kleiner Bock herum, den Öyvind fütterte; er sollte dort oben bleiben, daß er sich nicht verliefe, und Öyvind trug ihm Laub und Gras hinauf. Eines schönen Tages sprang der Bock herunter und lief auf den Berg hinauf; er kletterte geradeswegs in die Höhe und kam an einen Ort, wo er noch nie zuvor gewesen war. Öyvind sah den Bock nicht mehr, als er nach dem Abendbrot hinauskam, und dachte gleich an den Fuchs. Es lief ihm heiß über den ganzen Körper; er sah sich um und lockte: „Kille — kille — kille — Böckchen!“ — „Bä—ä—ä—ä!“ sagte der Bock oben am Bergesrand, legte den Kopf auf die Seite und sah herab.
Aber neben dem Bock lag ein kleines Mädchen auf den Knien. — „Gehört dir der Bock?“ fragte sie. Öyvind stand da, sperrte Mund und Augen auf und steckte beide Hände in die Kittelhose, die er trug. — „Wer bist du?“ fragte er. — „Ich bin Marit, Mutters Töchterchen, Vaters Fiedel, der Kobold im Hause, Ole Nordistuens Enkelin auf den Heidehöfen. Vier Jahre im Herbst, zwei Tage nach den Frostnächten, ich!“ — „Bist du die?“ sagte er und schöpfte Atem, denn er hatte nicht zu atmen gewagt, solange sie sprach.
„Gehört der Bock dir?“ fragte das Mädchen noch einmal. — „Jawohl,“ sagte er und sah hinauf. — „Ich möchte den Bock so gern haben — willst du ihn mir nicht schenken?“ — „Nein, das will ich nicht.“
Sie lag da und wackelte mit den Beinen und sah zu ihm hinunter, und dann sagte sie: „Aber wenn du einen Butterkringel für den Bock bekommst, kann ich ihn dann bekommen?“ Öyvind war armer Leute Kind, er hatte nur einmal in seinem Leben einen Butterkringel gegessen; das war, als der Großvater zu Besuch gekommen war, und etwas Ähnliches hatte er nie, weder früher noch später, gegessen. Er sah zu dem Mädchen hinauf: „Laß mich den Kringel erst einmal sehen,“ sagte er. Das ließ sie sich nicht zweimal sagen, sie zeigte ihm einen großen Kringel, den sie in der Hand hielt. — „Hier ist er,“ sagte sie und warf ihn hinab. „Ach! er ist zerbrochen,“ sagte der Junge; sorgfältig sammelte er jeden Bissen auf; den allerkleinsten mußte er schmecken, und der war so gut, daß er noch einen schmecken mußte, und ehe er sichs versah, hatte er den ganzen Kringel verputzt.
„Jetzt gehört der Bock mir,“ sagte das Mädchen. Dem Knaben blieb der letzte Bissen im Munde stecken, das Mädchen lag da und lachte, der Bock stand daneben mit weißer Brust und braunschwarzem Haar, legte den Kopf auf die Seite und sah herüber.
„Könntest du nicht ein wenig warten?“ bat der Knabe; das Herz fing ihm an zu klopfen. Da lachte das Mädchen noch mehr und richtete sich schnell auf den Knien auf. — „Nein, der Bock gehört mir,“ sagte sie und schlang die Arme um seinen Hals, löste eins ihrer Strumpfbänder und band es ihm um. Öyvind sah ihr zu. Sie erhob sich und fing an, den Bock mit sich fortzuziehen; er wollte nicht mitgehn und reckte den Hals zu Öyvind herunter. „Bä—ä—ä—ä!“ sagte er. Sie aber griff ihm mit der einen Hand ins Haar, zog mit der andern Hand am Bande und sagte schmeichelnd: „Komm nur, Böckchen, bei mir darfst du in der Stube laufen und aus Mutters Schüsseln essen und meine Schürze fressen.“ Und dann sang sie:
Komm Kälbchen zur Kuh,
Komm Kätzchen gesprungen
In schneeweißem Schuh,
Kommt aus dem Versteck
Ihr Entlein nur keck,
Kommt Täubchen mein
Mit Federchen fein,
Kommt Küchlein in Haufen,
Ihr könnt doch schon laufen,
Naß wirds im Gras bald sein,
Warm ists im Sonnenschein.
Wie schön ists im Sommer und lind,
Im Herbst weht der Wind, kommt geschwind!“
Und da stand nun der Junge!
Seit dem Winter, wo der Bock geboren war, hatte er ihn gehütet, und er hatte nie daran gedacht, daß er ihn verlieren könnte; aber nun war das im Handumdrehen geschehen, und er sollte ihn nie wiedersehen.
Die Mutter kam trällernd mit Kübeln, die sie gescheuert hatte, vom Strande herauf; sie sah den Jungen, die Beine unter sich gezogen, im Grase sitzen und weinen und kam zu ihm heran. — „Weshalb weinst du?“ — „Ach, der Bock, der Bock!“ — „Ja, wo ist der Bock?“ fragte die Mutter und sah nach dem Dache hinauf. — „Der kommt nie wieder,“ sagte der Junge. — „Aber Kind, wie ist denn das zugegangen?“ — Er wollte es nicht gleich gestehen. — „Hat ihn der Fuchs geholt?“ — „Ja, wollte Gott, es wäre der Fuchs!“ — „Bist du von Sinnen?“ sagte die Mutter, „was ist aus dem Bock geworden?“ — „Ach, ach, ach — ich bin zu Schaden gekommen, ich habe ihn für einen Kringel verkauft!“
In dem Augenblick, wo er das Wort heraus hatte, begriff er wohl, was es bedeute, den Bock für einen Kringel verkauft zu haben; bisher hatte er noch gar nicht darüber nachgedacht. Die Mutter sagte: „Was glaubst du wohl, was der kleine Bock von dir denken muß, daß du ihn für einen Kringel hast verkaufen können?“
Und der Junge dachte es selbst und begriff sehr wohl, daß er auf dieser Welt nie wieder froh werden könne — und auch wohl nicht einmal bei Gott, dachte er dann.
So tiefen Kummer fühlte er, daß er sich selber gelobte, nie wieder etwas Böses zu tun, weder den Faden des Spinnrockens durchzuschneiden, noch die Schafe hinauszulassen, noch allein an die See hinabzugehn. Er schlief ein, dort, wo er lag, und er träumte von dem Bock, und daß der in den Himmel gekommen sei; der liebe Gott saß da mit einem großen Bart, gerade so wie im Katechismus, und der Bock stand neben ihm und fraß Laub von einem schimmernden Baume; Öyvind aber saß allein auf dem Dach und konnte nicht hinaufkommen.
Da fühlte er plötzlich etwas Nasses in seinem Ohr, er fuhr in die Höhe: „Bä—ä—ä—ä!“ sagte es, und das war der Bock, der wieder zurückgekommen war!
„Nein, bist du wiedergekommen!“ — Er sprang auf, faßte ihn bei den Vorderbeinen und tanzte mit ihm herum, als sei er sein Bruder; er zupfte ihn am Bart, und er wollte gerade mit ihm zur Mutter hinein, als er etwas hinter sich hörte und das Mädchen dicht neben sich auf dem Rasen sitzen sah. Jetzt begriff er alles. Er ließ den Bock los: „Bist du mit ihm hergekommen?“ — Sie saß da und zupfte Gras mit der Hand aus und sagte: „Ich durfte ihn nicht behalten; Großvater sitzt da oben und wartet.“ — Während der Junge dastand und sie anstarrte, hörte er eine scharfe Stimme oben vom Wege her rufen: „Nun?“ Da fiel ihr ein, was sie tun sollte; sie stand auf, ging zu Öyvind hin, steckte ihre mit Erde beschmutzte Hand in die seine, wandte sich ab und sagte: „Verzeih mir!“ Aber dann war es auch aus mit ihrem Mut, sie warf sich über den Bock und weinte.
„Ich meine, du solltest den Bock doch behalten,“ sagte Öyvind und sah weg.
„Beeile dich jetzt!“ sagte der Großvater oben auf dem Berge. Und Marit stand auf und ging schleppenden Schrittes den Berg hinan. — „Du vergißt ja dein Strumpfband,“ rief ihr Öyvind nach. Da wandte sie sich um und sah erst das Strumpfband an und dann ihn. Endlich faßte sie einen großen Entschluß und sagte mit erstickter Stimme weinend: „Das kannst du behalten.“ — Er lief ihr nach und ergriff ihre Hand. — „Ich bedanke mich vielmals!“ sagte er. — „Ach, keine Ursache zu danken!“ entgegnete sie, seufzte tief auf und ging weiter.
Er setzte sich wieder ins Gras nieder, der Bock graste neben ihm, aber er hatte ihn nicht mehr so lieb wie vorher.
2
Der Bock war an der Wand des Hauses angebunden, Öyvind aber stand da und schaute zu dem Berge empor. Die Mutter kam zu ihm heraus und setzte sich zu ihm; er wollte Märchen über das hören, was weit weg war, denn jetzt war ihm der Bock nicht mehr genug. Da hörte er denn, daß einstmals alles sprechen konnte: der Berg sprach mit dem Bach, und der Bach mit dem Strom, und der Strom mit dem Meere, und das Meer mit dem Himmel; dann aber fragte er, ob denn der Himmel mit niemand spräche; ja, der Himmel spräche mit den Wolken, und die Wolken mit den Bäumen, und die Bäume mit dem Grase, und das Gras mit den Fliegen, und die Fliegen mit den Tieren, und die Tiere mit den Kindern, die Kinder mit den Erwachsenen; und so ging es weiter, bis es rundherum ging, und niemand wußte, wer begonnen hatte. Öyvind sah den Berg an und die Bäume und die See und den Himmel und hatte das alles eigentlich bisher noch niemals gesehen. In diesem Augenblick kam die Katze heraus und legte sich auf die steinerne Schwelle in die Sonne. — „Was sagt die Katze?“ fragte Öyvind und zeigte auf sie. Die Mutter sang:
Der abends sieht zur Tür herein:
Ein Mäusepärlein kam
Und naschte von dem Rahm,
Vier Stück Fisch,
Die stahl ich mir vom Tisch,
Und bin so rund und satt,
Und bin so faul und matt!
Sagte die Katze.“
Aber der Hahn und alle Hühner kamen. — „Was sagt der Hahn?“ fragte Öyvind und klatschte in die Hände. Die Mutter sang:
Aber oben auf dem Dachfirst saßen zwei kleine Vögel und sangen. — „Was sagen die Vögel?“ fragte Öyvind und lachte.
Für den, der nicht braucht zu schaffen und streben!
Sagten die Vöglein.“
Und er erfuhr, was sie alle miteinander sprachen bis hinab zur Ameise, die durch das Moor kroch, und dem Wurm, der in der Borke pickte.
In demselben Sommer begann die Mutter, ihn lesen zu lehren. Bücher hatte er schon lange gehabt, und er hatte viel darüber nachgedacht, wie es wohl zugehn würde, wenn auch sie zu sprechen anfingen. Nun wurden die Buchstaben zu Tieren, Vögeln und zu allem, was da kreucht und fleugt. Bald aber fingen sie an, zusammen zu gehen, immer zu zweien; A blieb stehn und ruhte unter einem Baume aus, der B hieß, dann kam C und tat dasselbe; als sie aber zu dreien und vieren zusammenkamen, da war es, als wenn sie böse aufeinander würden; es wollte nicht recht gehn. Und je weiter er kam, desto mehr vergaß er, was sie waren; am längsten dachte er an das A, das er am liebsten hatte; es war ein kleines, schwarzes Lämmchen und war gut Freund mit allen. Bald aber vergaß er auch das A, das Buch enthielt kein Märchen, nur Aufgaben.
Da geschah es eines Tages, daß die Mutter zu ihm hereinkam und sagte: „Morgen fängt die Schule wieder an, du sollst mit mir nach dem Hofe gehn.“ Öyvind hatte gehört, daß die Schule ein Ort sei, wo viele Knaben spielten, und dagegen hatte er nichts einzuwenden. Er war sehr vergnügt; auf dem Hofe war er oft gewesen, allerdings nie, wenn Schule war, und so schritt er denn schneller als die Mutter die Hügel hinan, von Sehnsucht erfüllt. Sie kamen an die Altenteilerwohnung; ein entsetzliches Geräusch, wie bei der Mühle daheim, schallte ihnen entgegen, und er fragte die Mutter, was das sei. — „Das sind die Kinder, die lesen,“ antwortete sie, und darüber war er sehr erfreut, denn geradeso hatte er auch gelesen, ehe er die Buchstaben kannte. Als er hineinkam, saßen da so viele Kinder um einen Tisch herum, daß in der Kirche nicht mehr waren; andre saßen auf ihren Eßbütten an den Wänden entlang, einige umstanden in einem kleinen Haufen eine Tafel. Der Schulmeister, ein alter, grauhaariger Mann, saß auf einem Schemel am Herde und stopfte sich eine Pfeife. Als Öyvind und die Mutter eintraten, sahen alle auf, und das Mühlradgeklapper hielt inne, geradeso wie wenn der Bach gestaut wird. Alle sahen die Eintretenden an, die Mutter begrüßte den Schulmeister, der den Gruß erwiderte.
„Hier komme ich mit einem kleinen Jungen, der gern lesen lernen möchte,“ sagte die Mutter. — „Wie heißt der kleine Schelm?“ fragte der Schulmeister und wühlte nach Tabak in dem ledernen Beutel.
„Öyvind!“ sagte die Mutter, „er kennt die Buchstaben, und er kann sie zusammenfügen.“ — „Sieh nur an!“ sagte der Schulmeister; „komm einmal her, du Flachskopf!“ — Öyvind ging zu ihm hin, der Schulmeister setzte ihn auf seinen Schoß und nahm ihm die Mütze ab. — „Was für ein hübscher kleiner Junge!“ sagte er und strich ihm über das Haar. Öyvind sah ihm in die Augen und lachte. — „Lachst du über mich?“ Er runzelte die Brauen. — „Ja, das tue ich!“ antwortete Öyvind und lachte aus vollem Halse. Da lachte auch der Schulmeister, die Mutter lachte, die Kinder merkten auch, daß sie lachen dürften, und so lachten sie dann alle zusammen.
Damit war Öyvind in die Schule aufgenommen.
Als er sich hinsetzen sollte, wollten sie ihm alle Platz machen. Er sah sich auch lange um; sie flüsterten und sie zeigten, er drehte sich nach allen Seiten um, die Mütze in der Hand, das Buch unterm Arm. — „Nun, wirds bald?“ fragte der Schulmeister, der sich wieder mit seiner Pfeife beschäftigte. Als er sich nach dem Schulmeister umwenden wollte, sah er dicht neben sich am Herde auf einer kleinen rot angestrichnen Eßbütte Marit mit den vielen Namen sitzen; sie hatte das Gesicht hinter beiden Händen verborgen und saß da und guckte zu ihm hinüber. — „Hier will ich sitzen,“ sagte Öyvind schnell, nahm eine Eßbütte und setzte sich neben sie. Jetzt erhob sie den Arm, der ihm zunächst war, ein wenig und sah ihn unter dem Ellenbogen weg an; sofort bedeckte auch er sein Gesicht mit beiden Händen und sah sie unter dem Ellenbogen weg an. So saßen sie und stellten sich an, bis sie lachte, da lachte auch er. Die Kinder hatten das gesehen und lachten mit. Da aber fuhr eine fürchterlich starke Stimme, die jedoch allmählich milder wurde, dazwischen: „Still, ihr Kobolde, ihr Krabbenzeug, ihr Nichtsnutze! Still, und seid hübsch artig gegen mich, ihr Zuckerferkelchen!“ — Das war der Schulmeister, der die Gewohnheit hatte, aufzubrausen, aber wieder gut zu werden, ehe er fertig war. Sogleich wurde es ruhig in der Schule, bis sich die Pfeffermühlen von neuem in Bewegung setzten. Sie lasen jedes laut in seinem Buche, die feinsten Diskante spielten auf, die gröbern Stimmen trommelten lauter und lauter, um das Übergewicht zu haben, und zuweilen jodelte auch wohl einer dazwischen; Öyvind hatte sein ganzes Leben lang keine solche Kurzweil gehabt.
„Ist es hier immer so?“ flüsterte er Marit zu. — „Ja, so ist es hier immer,“ sagte sie.
Nach einer Weile mußten sie zum Schulmeister kommen und lesen; ein kleiner Junge wurde dann angestellt, mit ihnen zu lesen, und dann waren sie frei und durften wieder gehn und sich ruhig hinsetzen.
„Nun habe ich auch einen Bock bekommen,“ sagte sie. — „Wirklich?“ — „Ja, aber so schön wie deiner ist er nicht.“ — „Weshalb bist du nicht öfter auf den Berg gekommen?“ — „Großvater fürchtet, daß ich hinunterfallen könnte.“ — „Aber es ist ja nicht so hoch.“ — „Großvater will es aber doch nicht.“
„Mutter kann so viele Lieder,“ erzählte er. — „Du kannst mir glauben, Großvater kann auch welche!“ — „Ja, aber nicht davon, was Mutter weiß.“ — „Großvater kann eins vom Tanzen, er. Willst du es hören?“ — „Ja, gern!“ — „Aber dann mußt du näher hierherkommen, daß es der Schulmeister nicht merkt.“ — Er rückte zu ihr heran, und dann sagte sie ihm ein Bruchstück eines Liedes vier bis fünfmal vor, so daß der Knabe es lernte, und das war das erste, was er in der Schule lernte.
Die Saiten erklangen,
Der Bursch voll Verlangen
Sprang auf und rief: ho!
Halt an! sagte Ola.
Den Schulzen stieß um er,
Hinflog mit Gebrumm der,
Sie lachten nur so!
Die Absätze dröhnten
Am Balken, es stöhnten
Die Wände beim Sprung.
Hör auf! sagte Erling
Und packt' ihn beim Kragen,
Hinaus ihn zu jagen:
Noch bist du zu jung!
Nahm Randi ums Mieder:
Den Kuß gib mir wieder,
Du weißt! Sei gescheit!
Wird nix! lachte Randi,
Eins hinter die Ohren
Gebührt solchen Toren,
Nun weißt du Bescheid!“
„Auf, Kinder!“ rief der Schulmeister; „heute ist der erste Schultag, da will ich euch früher freigeben; vorher aber müssen wir noch beten und singen!“ Das gab ein Leben in der Schule, sie sprangen von den Bänken, sprangen durch das Zimmer, schwatzten alle durcheinander. — „Still, ihr Teufelsbrut, ihr jungen Elstern, ihr Takelzeug! Stille! Und geht fein säuberlich durch das Zimmer, Kinderchen!“ sagte der Schulmeister, und sie gingen ruhig hin und stellten sich auf, worauf der Schulmeister vor sie hintrat und ein kurzes Gebet sprach. Dann sangen sie. Der Schulmeister stimmte mit kräftigem Baß an, alle Kinder standen mit gefalteten Händen da und sangen mit, Öyvind stand zu unterst neben der Tür mit Marit zusammen und sah zu; auch sie falteten die Hände, aber sie konnten nicht singen.
Das war der erste Tag in der Schule.
3
Öyvind wuchs heran und wurde ein muntrer Junge. In der Schule war er einer der ersten, und daheim war er zu jeder Arbeit geschickt. Das kam daher, daß er daheim die Mutter liebhatte und in der Schule den Schulmeister; von dem Vater sah er nur wenig, denn entweder war dieser auf dem Fischfang, oder er besorgte ihre Mühle, in der das halbe Kirchspiel mahlen ließ.
Was in diesen Jahren am meisten auf sein Gemüt eingewirkt hatte, war die Geschichte des Schulmeisters, die ihm die Mutter eines Abends, als sie am Herde saßen, erzählt hatte. Sie senkte sich in seine Bücher hinab, sie lag jedem Wort zugrunde, das der Schulmeister sagte, und schlich in der Schule umher, wenn alles still war. Sie flößte ihm Gehorsam und Ehrfurcht ein und verlieh ihm gleichsam ein leichteres Verständnis für alles, was gelehrt wurde. Die Geschichte lautete folgendermaßen:
Baard hieß der Schulmeister, und er hatte einen Bruder, der Anders hieß. Sie hatten sich sehr lieb, ließen sich beide anwerben, lebten in der Stadt zusammen, zogen mit in den Krieg, wo sie beide zu Korporalen befördert wurden und beide bei derselben Kompagnie standen. Als sie nach dem Kriege wieder heimkehrten, fanden alle, daß es zwei stattliche Männer seien. Da stirbt ihr Vater; er hatte viel Hab und Gut, das schwer zu teilen war, und deswegen sagten sie zueinander, daß sie auch diesmal nicht uneins werden, sondern eine Auktion ansetzen wollten, wo jeder kaufen könnte, was er wollte, und dann wollten sie den Erlös teilen. Gesagt, getan! Aber der Vater hatte eine große goldne Uhr gehabt, die weit und breit berühmt war, denn es war die einzige goldne Uhr, die die Leute in dieser Gegend jemals gesehen hatten, und als diese Uhr ausgerufen wurde, wollten viele reiche Männer sie haben, bis auch beide Brüder zu bieten anfingen; darauf ließen die andern nach. Jetzt erwartete Baard von Anders, daß er ihm die Uhr überlassen würde, und Anders erwartete dasselbe von Baard; sie boten jeder einmal, um einander auf die Probe zu stellen, und sahen zueinander hinüber, während sie boten. Als die Uhr auf zwanzig Taler gekommen war, dachte Baard, daß das nicht schön gehandelt sei von dem Bruder, und fuhr fort zu bieten, bis er die Uhr ungefähr auf dreißig hinaufgetrieben hatte; als Anders noch nicht nachließ, meinte Baard, Anders wisse nicht mehr, wie gut er oft gegen ihn gewesen wäre, und daß er außerdem der älteste sei, und so kam die Uhr höher als auf dreißig Taler. Anders bot noch immer. Da bot Baard vierzig Taler auf einmal und sah den Bruder nicht mehr an; es war sehr still im Auktionszimmer, nur der Schulze wiederholte ruhig die Summe. Anders dachte, wie er so dastand, daß, wenn Baard die Mittel habe, vierzig Taler zu geben, er sie auch wohl habe, und wenn Baard ihm die Uhr nicht gönne, so wäre er im Rechte, sie zu nehmen; er überbot ihn also. Dies erschien Baard wie die größte Schande, die ihm je zugefügt worden war; er bot fünfzig Taler, und zwar ganz leise. Viele Leute standen ringsumher, und Anders dachte, so sollte ihn der Bruder nicht vor aller Ohren verhöhnen, und überbot ihn. Da lachte Baard: „Hundert Taler und meine Bruderschaft mit in den Kauf,“ wandte sich ab und ging zur Stube hinaus. Nach einer Weile, während er damit beschäftigt war, das eben erstandne Pferd zu satteln, kam jemand zu ihm heraus. „Die Uhr ist dein,“ sagte der Mann; „Anders hat nachgegeben.“ — In demselben Augenblick, wo Baard dies erfuhr, durchzuckte es ihn wie Reue; er dachte an den Bruder und nicht an die Uhr. Der Sattel war aufgelegt, aber er hielt inne, die Hand auf dem Rücken des Pferdes, unsicher, ob er reiten solle. Da kamen viele Leute heraus, unter ihnen Anders, und wie er den Bruder neben dem gesattelten Pferde stehn sah — er wußte ja nicht, worüber Baard jetzt nachdachte —, schrie er zu ihm hinüber: „Hab Dank für die Uhr, Baard, du sollst sie an dem Tage nicht gehn sehen, wo dein Bruder dir in den Weg tritt!“ — „Auch an dem Tage nicht, wo ich wieder auf den Hof reite!“ entgegnete Baard, kreideweiß im Gesicht, und schwang sich auf sein Pferd. Das Haus, wo sie zusammen mit dem Vater gewohnt hatten, betrat keiner von ihnen wieder.
Bald darauf heiratete Anders in eine Käte hinein, aber er bat Baard nicht zur Hochzeit; Baard war auch nicht in der Kirche. In dem ersten Jahre nach Andersens Verheiratung wurde die einzige Kuh, die er hatte, an der Nordseite seines Hauses, wo sie angepflöckt geweidet hatte, tot aufgefunden, und niemand wußte, woran sie gestorben war. Mehrere Unglücksfälle kamen hinzu, und es ging zurück mit ihm; am schlimmsten aber wurde es, als seine Scheune mitten im Winter abbrannte mit allem, was darin war; niemand wußte, wie das Feuer entstanden war. „Das hat jemand getan, der mir übel will,“ sagte Anders, und in dieser Nacht weinte er. Er war ein armer Mann geworden und verlor alle Lust zur Arbeit.
Da stand Baard am nächsten Tage in seiner Stube. Anders lag auf dem Bett, als er eintrat, sprang aber auf. — „Was willst du hier?“ fragte er, schwieg dann aber und blieb stehn und starrte den Bruder unverwandt an. Baard wartete eine Weile, ehe er antwortete: „Ich will dir meine Hilfe anbieten, Anders; es geht dir nicht gut.“ — „Mir geht es so, wie du es mir gewünscht hast, Baard! Geh, oder ich weiß nicht, ob ich mich beherrschen kann.“ — „Du irrst, Anders; ich bereue —.“ — „Geh, Baard, oder Gott sei dir und mir gnädig.“ — Baard trat ein paar Schritte zurück; mit bebender Stimme sagte er: „Wenn du die Uhr haben willst, so sollst du sie bekommen!“ — „Geh, Baard!“ schrie der andre, und Baard wagte nicht länger zu bleiben, sondern ging.
Mit Baard aber war es so zugegangen. Sobald er hörte, daß der Bruder Not leide, taute ihm das Herz auf, aber der Stolz hielt ihn zurück. Er empfand das Bedürfnis, zur Kirche zu gehn, und dort faßte er gute Vorsätze, allein er brachte sie nicht zur Ausführung. Oft kam er so weit, daß er das Haus sehen konnte, bald aber kam jemand aus der Tür, bald war ein Fremder dort, oder auch Anders stand draußen und hackte Holz, genug, es war immer irgend etwas im Wege. Aber eines Sonntags zu Ende des Winters war er wieder in der Kirche, und da war Anders auch dort. Baard sah ihn; er war blaß und mager geworden, er trug noch dieselben Kleider wie früher, als sie noch zusammen gewesen waren, aber sie waren jetzt alt und geflickt. Während der Predigt sah er zum Pfarrer hinauf, und Baard erschien es, als sähe er gut und sanft aus, er gedachte ihrer Kinderjahre und was für ein guter Junge er gewesen war. Baard selber ging an jenem Tage zum Abendmahl, und er legte seinem Gott das feierliche Gelübde ab, daß er sich mit seinem Bruder versöhnen wolle, es möchte kommen, was da wollte. Dieser Vorsatz ging in dem Augenblick durch seine Seele, als er den Wein trank, und als er sich erhob, wollte er geradeswegs zu ihm hingehn und sich neben ihn setzen; aber es saß jemand im Wege, und der Bruder sah nicht auf. Auch nach der Predigt war wieder etwas im Wege; da waren zu viel Leute, die Frau ging neben ihm, und die kannte er nicht — er meinte, es sei das beste, zu ihm ins Haus zu gehn und ernstlich mit ihm zu reden. Als der Abend kam, tat er das. Er ging auf die Stubentür zu und lauschte; da aber hörte er seinen Namen nennen, und zwar von der Frau: „Er ging heute zum Abendmahl,“ sagte sie; „er hat gewiß an dich gedacht.“ — „Nein, er hat nicht an mich gedacht,“ sagte Anders. „Ich kenne ihn; er denkt nur an sich.“
Dann wurde nichts mehr gesagt. Baard schwitzte, wo er stand, obwohl es ein kalter Abend war. Die Frau drinnen war an einem Kessel beschäftigt, der auf dem Feuer brodelte und prasselte, ein Säugling weinte von Zeit zu Zeit, und Anders wiegte. Da sagte sie die wenigen Worte: „Ich glaube, ihr denkt beide aneinander, ohne es eingestehn zu wollen.“ — „Laß uns von etwas anderm sprechen,“ erwiderte Anders. Nach einer Weile erhob er sich, er wollte auf die Tür zugehn. Baard mußte sich im Holzschuppen verbergen; aber gerade dahin kam auch Anders, um einen Arm voll Holz hereinzuholen. Baard stand in der Ecke und sah ihn deutlich; er hatte seine schlechten Sonntagskleider ausgezogen und trug die Uniform, die er aus dem Kriege mit nach Hause gebracht hatte, dieselbe wie Baard seine; er hatte dem Bruder versprochen, sie nie zu berühren, sondern sie ihm zu vererben, wie ihm auch dieser das gleiche gelobt hatte. Die von Anders war jetzt geflickt und abgetragen, sein kräftiger, wohlgewachsner Körper steckte wie in einem Bündel Lumpen, und zugleich hörte Baard die goldne Uhr in seiner eignen Tasche picken. Anders ging dahin, wo das Reisig lag; aber statt sich gleich zu bücken und sich zu beladen, blieb er stehn, lehnte sich mit dem Rücken gegen einen Holzstapel und sah zum Himmel auf, an dem die Sterne hell flimmerten. Dann seufzte er tief auf und sagte: „Ja — ja — ja; Herr Gott, Herr Gott!“
Solange Baard lebte, hörte er fortan diese Worte. Er wollte auf ihn zugehn, aber in demselben Augenblick räusperte sich der Bruder, und das klang so hart — mehr gehörte nicht dazu, ihn zurückzuhalten. Anders nahm seinen Arm voll Holz auf und streifte so dicht damit an Baard vorüber, daß ihm die Reiser ins Gesicht schlugen, daß es schmerzte.
Wohl zehn Minuten lang stand er noch regungslos auf demselben Fleck, und man kann nicht wissen, wann er gegangen wäre, wenn ihn nicht nach der starken Erregung ein solcher Frost befallen hätte, daß es ihn durchschauerte. Da ging er hinaus; er gestand sich ganz offen, daß er zu feige sei, hineinzugehn; deswegen hatte er jetzt einen andern Plan ersonnen. Aus einer Aschbütte, die in der Ecke stand, die er soeben verlassen hatte, nahm er ein paar Kohlen, suchte sich einen Kienspan, ging in die Scheune hinein, schloß hinter sich und schlug Feuer. Als er den Kienspan angezündet hatte, leuchtete er in die Höhe nach dem Nagel, an den Anders seine Laterne hängte, wenn er in der Frühe des Morgens kam, um zu dreschen. Baard zog seine goldne Uhr heraus und hängte sie an den Nagel, löschte den Kienspan aus und ging, und da fühlte er sich so erleichtert, daß er wie ein junger Bursche über den Schnee dahinlief.
Am nächsten Tage hörte er, daß die Scheune in der Nacht abgebrannt sei. Wahrscheinlich waren Funken von dem Kienspan heruntergefallen, der ihm leuchten sollte, während er die Uhr anhängte.
Dies überwältigte ihn dermaßen, daß er den ganzen Tag wie ein Kranker dasaß, sein Gesangbuch hervorholte und sang, so daß die Leute im Hause glaubten, es sei nicht ganz richtig mit ihm. Am Abend aber ging er aus; es war heller Mondschein; er ging nach dem Gehöfte des Bruders, grub auf der Brandstätte nach — und fand wirklich einen kleinen, zusammengeschmolznen Goldklumpen; das war die Uhr.
Damit in der Hand ging er an jenem Abend zum Bruder, bat um Frieden und wollte sich erklären. Wie es aber ging, ist schon erzählt worden.
Ein kleines Mädchen hatte ihn auf der Brandstätte graben sehen, ein paar Burschen, die zum Tanze gingen, hatten ihn am vorhergehenden Sonntagabend auf das Gehöft zugehn sehen. Die Leute im Hause erzählten, wie sonderbar er am Montag gewesen wäre, und da nun alle wußten, daß er und der Bruder bittere Feinde waren, so wurde die Sache bei Gericht angemeldet und ein Verhör vorgenommen.
Niemand konnte ihm etwas beweisen, aber der Verdacht ruhte auf ihm; er konnte sich jetzt weniger denn je dem Bruder nähern.
Anders hatte an Baard gedacht, als die Scheune brannte, hatte es aber zu niemand gesagt. Als er ihn am nächsten Abend bleich und verstört in sein Zimmer eintreten sah, dachte er sofort: Jetzt schlägt ihm sein Gewissen, aber für eine so schreckliche Tat gegen seinen eignen Bruder erhält er keine Vergebung. Später hörte er denn auch, daß die Leute ihn an demselben Abend, als es brannte, auf das Gehöft hatten zugehn sehen, und obwohl beim Verhör nichts nachgewiesen wurde, glaubte er steif und fest, daß Baard der Missetäter sei. Sie trafen einander beim Verhör; Baard in seinen guten Kleidern, Anders in seinen geflickten; Baard sah zu ihm hinüber, als er eintrat, und die Augen flehten, daß es Anders bis ins Herz hinein fühlte. Er will nicht, daß ich etwas sagen soll, dachte Anders, und als man ihn fragte, ob er dem Bruder die Tat zutraue, sagte er laut und bestimmt: „Nein!“
Aber seit jenem Tage ergab sich Anders dem Trunke, und es ging ihm sehr schlecht. Noch schlechter erging es jedoch Baard, obwohl der nicht trank; er war nicht wiederzuerkennen.
Da kam eines Abends spät eine arme Frau in die kleine Kammer, in der Baard zur Miete wohnte, und bat ihn, mit ihr zu kommen. Er erkannte sie; es war die Frau des Bruders. Baard wußte sofort, was sie zu ihm führe; er wurde leichenblaß, kleidete sich an und folgte ihr, ohne ein Wort zu sagen. Aus Andersens Fenster schimmerte ein schwacher Lichtschein, er blitzte und verschwand, und sie folgten dem Licht, denn es führte kein Weg über den Schnee. Als Baard wieder in der Flur stand, drang ihm ein wunderlicher Geruch entgegen, so daß ihm ganz schlecht wurde. Ein kleines Kind stand am Herd und aß Kohlen, es war über das ganze Gesicht schwarz, sah aber auf und lachte mit weißen Zähnen; es war das Kind des Bruders. Aber hinten im Bette, mit allerlei Kleidungsstücken zugedeckt, lag Anders, abgemagert, mit klarer, hoher Stirn und sah den Bruder hohläugig an. Baard schlotterten die Knie, er setzte sich an das Fußende des Bettes und brach in heftiges Weinen aus. Der Kranke sah ihn unverwandt an und schwieg. Endlich hieß er die Frau hinausgehn, Baard aber winkte, daß sie bleiben solle — und nun fingen diese beiden Brüder an, miteinander zu reden. Sie erklärten sich alles, von dem Tage an, wo sie auf die Uhr geboten hatten, bis zu dem heutigen, wo sie sich wiedersahen. Baard schloß damit, daß er den Goldklumpen hervorzog, den er immer bei sich trug, und jetzt wurde es den Brüdern klar, daß sie sich alle diese Jahre lang nicht einen einzigen Tag glücklich gefühlt hatten.
Anders sagte nicht viel, denn er war nicht dazu imstande; Baard aber blieb am Bette sitzen, solange Anders krank war. — „Jetzt bin ich wieder ganz gesund,“ sagte Anders eines Morgens, als er aufwachte; „jetzt, mein Bruder, wollen wir lange zusammenleben und nie wieder voneinandergehn, wie in den alten Zeiten.“ Aber an dem Tage starb er.
Die Frau und das Kind nahm Baard zu sich, und sie hatten es gut seit der Zeit. Worüber sich aber die Brüder am Krankenbett unterhalten hatten, das drang durch die Wände und die Nacht hinaus, es wurde allen Leuten im Kirchspiel bekannt, und Baard wurde der geachtetste Mann unter ihnen. Alle grüßten ihn wie jemand, der ein schweres Leid gehabt und wieder Freude gefunden hat, oder wie jemand, der sehr lange fern gewesen ist. Baards Gemüt wurde stark infolge der Freundlichkeit, mit der man ihm entgegenkam, er wurde gottergeben — und er wolle etwas zu tun haben, sagte er, so entschloß sich der alte Korporal, Schulmeister zu werden. Was er den Kindern von früh bis spät einprägte, war die Liebe, und er selbst übte sie, so daß die Kleinen ihn liebten wie einen Spielkameraden und Vater zugleich.
Und diese Geschichte, die vom alten Schulmeister erzählt wurde, machte einen solchen Eindruck auf Öyvinds Gemüt, daß sie ihm zur Religion und Erziehung wurde. Der Schulmeister war für ihn ein fast übernatürlicher Mensch geworden, obgleich er so umgänglich dasaß und nur wenig schalt. Auch nur eine einzige Aufgabe nicht zu wissen, war ihm unmöglich, und lächelte er ihm zu, oder strich er ihm mit der Hand über das Haar, wenn er sie aufgesagt hatte, da war ihm den ganzen Tag froh und warm ums Herz.
Den größten Eindruck auf die Kinder machte es immer, wenn der Schulmeister ihnen zuweilen vor dem Gesang eine kleine Rede hielt und ihnen wenigstens einmal in der Woche ein paar Verse vorlas, die von der Nächstenliebe handelten. Wenn er den ersten von diesen Versen las, zitterte seine Stimme, obwohl er ihn jetzt schon seit zwanzig bis dreißig Jahren gelesen hatte; er lautete:
Niemals tritt ihn unter den Fuß,
Läge er auch im Staube.
Alles, was lebt, ist untertan
Göttlicher Liebe! Sieh nur hinan,
Liebe gibt dir dein Glaube.
Wenn aber dann das ganze Gedicht hergesagt war und er eine Weile dagestanden hatte, sah er sie an und blinzelte mit den Augen: „Auf, ihr kleinen Kobolde, und geht hübsch ohne Lärm nach Hause; geht hübsch artig, daß ich nur Gutes von euch zu hören bekomme, Kinderchen!“ — Während sie dann wie besessen lärmten, um ihre Bücher und Eßbütten zusammenzusuchen, schrie er in den Lärm hinein: „Kommt morgen wieder, sobald es hell wird, oder ich hole euch und mache euch Beine! — Kommt ja zur rechten Zeit, ihr kleinen Mädchen und Jungen, dann wollen wir fleißig sein!“
4
Über sein weiteres Heranwachsen bis zu dem Jahre vor seiner Konfirmation ist nicht viel zu berichten. Er lernte am Morgen, arbeitete am Tage und spielte am Abend. Da er einen ungewöhnlich fröhlichen Sinn hatte, währte es nicht lange, bis die in der Nähe wohnende Jugend sich in den Freistunden dort einzufinden pflegte, wo er war. Ein großer Hügel zog sich bis an die Bucht hinab, davor lag auf der einen Seite das Haus an der Bergwand, und der Wald auf der andern, wie schon berichtet worden ist, und den ganzen Winter war hier an jedem schönen Abend und des Sonntags Eisbahn für die schlittenfahrende Jugend des Kirchspiels. Öyvind war Meister auf der Schlittenbahn, er hatte zwei Schlitten, den „Scharftraber“ und das „Ungetüm“; diesen lieh er größern Gesellschaften, den andern lenkte er selbst und hatte dabei Marit auf dem Schoß.
Das erste, was Öyvind in der Zeit tat, war auszugucken, wenn er aufwachte, ob Tauwetter war, und sah er, daß es jenseits der Bucht grau über den Büschen hing, oder hörte er, daß es vom Dache heruntertropfte, da ging es so langsam mit dem Ankleiden, als sei an diesem Tage nichts zu tun. Erwachte er aber, und namentlich des Sonntags, bei knarrendem Frost und klarem Wetter, hatte er die besten Kleider und keine Arbeit vor sich, nur Überhören und Kirchgang am Vormittag und dann den ganzen Nachmittag und den Abend frei — juchhe! da sprang der Junge mit einem Satz aus dem Bette, kleidete sich an, als brenne das Haus, und konnte kaum essen. Sobald der Nachmittag da war und der erste Junge am Wegesrande entlang auf seinen Skien dahergesaust kam, den Skistab über dem Kopf schwang und rief, daß es an den Bergabhängen um das Wasser widerhallte, und dann einer den Weg entlang auf dem Schlitten, und noch einer und noch einer — da machte sich der Junge mit dem „Scharftraber“ auf, lief den ganzen Hügel hinan und machte mit langem, gellendem Jodeln, das an der Bucht entlang von Berg zu Berg schallte und erst ganz in der Ferne erstarb, zwischen den zuletzt Angekommnen halt.
Er pflegte sich dann nach Marit umzusehen; war sie aber erst gekommen, so kümmerte er sich auch nicht mehr um sie.
Aber dann kam ein Weihnachtsfest, wo der Knabe wie auch das Mädchen ungefähr sechzehn oder siebzehn Jahre alt sein mochten und zum Frühling konfirmiert werden sollten. Am vierten Tage nach Weihnachten war ein großes Fest auf dem obersten der Heidehöfe bei Marits Großeltern, bei denen sie erzogen worden war, und die ihr dies fast nun schon seit drei Jahren versprochen hatten, jetzt aber endlich an diesem Feiertage damit herausrücken mußten.
Dazu war Öyvind eingeladen worden.
Es war ein halbklarer, nicht kalter Abend, kein Stern war zu sehen, am nächsten Tage mußte Regen kommen. Ein lauer Wind wehte über den Schnee, der hie und da von den weißen Heidefeldern weggefegt und an andern Stellen zu langen Schanzen zusammengetrieben war. Am Wege entlang war, wo kein Schnee lag, Glatteis, und das lag blauschwarz zwischen dem Schnee und dem nackten Felde und blitzte streckenweise auf, soweit man sehen konnte. An den Felswänden waren Schneelawinen niedergegangen; sie hatten Dunkelheit und Leere hinterlassen, aber zu beiden Seiten ihres Bettes war es hell und schneebekleidet, ausgenommen dort, wo sich die Birkenwälder zusammendrängten und es dunkel machten. Das Wasser war nicht zu sehen, aber halbnackte Heideflächen und Sümpfe lagen unten an den Felswänden hinauf, zerklüftet und schwer. Die Gehöfte lagen in dichtgedrängten Haufen mitten auf der Fläche; sie sahen in der Dunkelheit des Winterabends aus wie schwarze Klumpen, von denen sich Licht über das Feld ergoß, bald aus diesem, bald aus jenem Fenster. Nach den Lichtern zu urteilen, mußte es da drinnen geschäftig hergehn. Die Jugend, die erwachsne wie die halberwachsne, scharte sich von verschiednen Seiten her zusammen; die wenigsten gingen auf dem Wege, oder sie verließen ihn doch, sobald sie sich dem Gehöfte näherten, und schlichen sich dann weiter, einer hinter das Viehhaus, ein paar unter das Vorratshaus, etliche krochen hinter die Scheune und schrien wie Füchse, andre antworteten aus der Entfernung wie Katzen, einer stand hinter dem Backofen und bellte wie ein alter, bissiger Hund, dem die Quinte gesprungen ist, bis eine allgemeine Jagd angestellt wurde. Die Mädchen kamen in großen Scharen daher, sie hatten einige Burschen, in der Regel kleine Jungen, bei sich, die sich auf den Wegen um sie prügelten, um als Männer zu erscheinen. Wenn so ein Mädchenschwarm auf den Hof kam und der eine oder der andre der erwachsnen Burschen ihrer ansichtig wurde, stoben die Mädchen auseinander, flohen in die Gänge oder in den Garten hinab und mußten eine nach der andern hervorgeholt und ins Haus gezogen werden. Einige waren so verschämt, daß man Marit holen lassen mußte, daß sie sie kräftig hereinnötigte. Zuweilen kam auch wohl eine, die eigentlich gar nicht eingeladen war, und deren Absicht es durchaus nicht war, hineinzugehen, sondern die nur zusehen wollte, aber das Ende von der Sache war dann, daß sie doch wenigstens einen Tanz mitmachen sollte. Die, die Marit gern hatte, lud sie ein, zu den Altenteilern in eine kleine Kammer zu kommen, wo der Alte saß und rauchte und die Großmutter hin und her ging; man schenkte ihnen dann ein und redete sie freundlich an. Öyvind war nicht unter diesen, und das erschien ihm ein wenig wunderbar.
Der gute Spielmann des Kirchspiels konnte erst später kommen, deswegen mußten sie sich bis dahin mit dem alten behelfen, einem Häusler, den sie Grauknud nannten. Er konnte vier Tänze spielen, nämlich zwei Springtänze, einen Halling und einen alten sogenannten Napoleonwalzer; nach und nach aber hatte er den Halling in einen Schottisch umwandeln müssen, indem er den Takt veränderte, und ein Springtanz mußte auf dieselbe Weise zur Polka-Mazurka werden. Er spielte nun auf, und der Tanz begann. Öyvind wagte nicht gleich, sich zu beteiligen, denn hier waren zu viel Erwachsne; aber die Halberwachsnen taten sich bald zusammen, pufften einander vor, tranken sich Mut in dem starken Bier, und da kam auch Öyvind mit; heiß wurde es in der Stube, die Lustigkeit und das Bier stiegen ihnen zu Kopfe. Marit war an diesem Abend die begehrteste Tänzerin, wahrscheinlich weil ihre Großeltern das Fest veranstaltet hatten, und das bewirkte, daß auch Öyvind oft nach ihr sah; immer aber tanzte sie mit andern. Er wollte gern selbst mit ihr tanzen, deswegen blieb er einen Tanz über sitzen, um gleich zu ihr hineilen zu können, sobald er zu Ende war, und das tat er auch, aber ein großer Kerl mit dunkler Gesichtsfarbe und starkem Haarwuchs vertrat ihm den Weg. „Weg, Junge!“ rief er und puffte Öyvind, so daß er beinahe rücklings über Marit gefallen wäre. Noch niemals war ihm so etwas begegnet, nie waren die Leute anders als freundlich gegen ihn gewesen, nie war er „Junge“ genannt worden, wenn er an irgend etwas hatte teilnehmen wollen; er wurde dunkelrot, sagte aber nichts und zog sich in die Ecke zurück, wo der eben angekommne neue Spielmann saß und stimmte. Es war still in dem Gewimmel geworden, man wartete darauf, die ersten kräftigen Töne von „ihm selber“ zu hören; er versuchte und stimmte, es währte lange; endlich strich er drauflos und spielte einen Springtanz. Die Burschen schrien und warfen sich Paar auf Paar in den Kreis hinein. Öyvind sah zu Marit hinüber, die dort mit dem starkhaarigen Manne tanzte; sie lachte über dessen Schulter weg, daß ihre weißen Zähne blitzten, und Öyvind empfand zum erstenmal in seinem Leben einen eigentümlich stechenden Schmerz in der Brust.
Wieder und wieder sah er sie an, aber je mehr er sie ansah, desto mehr kam es ihm vor, als sei Marit völlig erwachsen; das kann doch nicht sein, dachte er, denn sie ist doch noch mit bei unsern Schlittenfahrten. Aber erwachsen war sie doch, und der Mann mit dem starken Haarwuchs zog sie nach dem Tanz auf seinen Schoß; sie riß sich zwar los, blieb aber doch neben ihm sitzen.
Öyvind betrachtete den Mann; er trug feines blaues Tuchzeug, ein blaugewürfeltes Hemd und ein seidnes Halstuch; er hatte ein kleines Gesicht, ausdrucksvolle blaue Augen, einen lachenden, trotzigen Mund, er war hübsch. Öyvind sah mehr und mehr, er sah endlich auch sich selber an; er hatte zu Weihnachten neue Hosen bekommen, auf die er sehr stolz war, jetzt sah er aber, daß sie nur aus grauem Fries waren; die Jacke war aus demselben Stoff, aber alt und dunkel, die Weste aus gewürfeltem, eigengemachtem Stoff, ebenfalls alt und mit zwei blanken und einem schwarzen Knopf. Er sah sich um, und es schien ihm, daß wenige so schlecht gekleidet seien wie er. Marit trug ein schwarzes Mieder aus feinem Stoff, eine silberne Spange im Halstuch und ein zusammengelegtes seidnes Tuch in der Hand. Auf dem Hinterkopfe hatte sie eine kleine schwarzseidne Haube, die mit großen, geränderten seidnen Bändern unter dem Kinn befestigt war. Sie war rot und weiß und lachte; der Mann sprach mit ihr und lachte. Es wurde von neuem aufgespielt, und sie wollten wieder tanzen. Ein Kamerad kam und setzte sich neben ihn. — „Weshalb tanzt du nicht, Öyvind?“ fragte er freundlich. — „Ach nein,“ sagte Öyvind, „ich sehe nicht danach aus.“ — „Du siehst nicht danach aus?“ Aber ehe er fortfahren konnte, sagte Öyvind: „Wer ist der da in den blauen Tuchkleidern, der mit Marit tanzt?“ — „Das ist Jon Hatlen, du weißt, der, der lange auf der Ackerbauschule gewesen ist und jetzt den Hof übernehmen soll.“ — In demselben Augenblicke setzten Marit und Jon sich. — „Wer ist der Junge mit dem blonden Haar, der dort neben dem Spielmann sitzt und mich anstarrt?“ fragte Jon. Da lachte Marit und sagte: „Es ist der Häuslersohn von Pladsen.“
Öyvind hatte ja immer gewußt, daß er ein Häuslerjunge sei, aber bisher hatte er das nie empfunden. Er fühlte sich auf einmal so klein an Körper, kleiner als alle die andern; um sich aufrechtzuerhalten, mußte er versuchen, an all das zu denken, was ihn bis dahin froh und stolz gemacht hatte, von der Schlittenbahn an bis zu jedem einzelnen Wort. Als er auch an seine Mutter und an seinen Vater dachte, die daheim saßen und glaubten, daß er jetzt vergnügt sei, war es ihm fast, als könne er die Tränen nicht zurückhalten. Um ihn her lachte und scherzte alles, die Fiedel schallte ihm gerade ins Ohr hinein, einen Augenblick war es, wie wenn etwas Schwarzes in ihm aufsteige, aber dann fiel ihm die Schule ein mit all den Kameraden und dem Schulmeister, der ihn streichelte, und der Pfarrer, der ihm beim letzten Examen ein Buch gegeben und gesagt hatte, daß er ein tüchtiger Bursch sei. Der Vater hatte selber dabei gesessen und zugehört und ihm zugelächelt. „Sei jetzt gut, Öyvind, hörst du?“ glaubte er den Schulmeister sagen zu hören, indem er auf den Schoß genommen wurde, wie damals, als er klein war. — Herr Gott, das alles hat ja so wenig zu bedeuten, und im Grunde sind alle Menschen gut; es sieht nur so aus, als wenn sie es nicht wären. Wir beide wollen tüchtig werden, Öyvind, ebenso tüchtig wie Jon Hatlen; wir wollen schon gute Kleider bekommen und mit Marit in einer hellerleuchteten Stube tanzen, unter hundert Menschen, lächeln und miteinander plaudern, zwei Brautleute, der Pfarrer, und ich im Chor, ich lächle dir zu, und die Mutter wohnt bei dir im Hause, der Hof ist groß, zwanzig Kühe, drei Pferde, und Marit ist gut und lieb wie in der Schule — —
Der Tanz war zu Ende; Öyvind sah Marit vor sich auf der Bank und Jon neben ihr, das Gesicht dicht über dem ihren; ein heftiger, stechender Schmerz durchzuckte wieder seine Brust, und es war, als sage er zu sich selber: „Das ist ja wahr, mir ist elend.“
In demselben Augenblick erhob sich Marit und kam gerade auf ihn zu. Sie beugte sich über ihn: „Du mußt nicht so dasitzen und mich unverwandt anstarren,“ sagte sie; „du kannst dir doch denken, daß es den Leuten auffallen muß; hol dir jemand und tanze!“
Er antwortete nicht, aber er sah sie an und konnte nichts dafür: seine Augen füllten sich mit Tränen. Sie hatte sich schon aufgerichtet und wollte gehn, als sie es sah und stehn blieb; sie wurde plötzlich dunkelrot, wandte sich um und kehrte auf ihren Platz zurück; aber dort wandte sie sich wieder und setzte sich an eine andre Stelle. Jon ging ihr sofort nach.
Er stand von der Bank auf, ging zwischen den Leuten durch, auf den Hof hinaus und setzte sich auf den Söller, wußte dann aber nicht, was er dort sollte, erhob sich, setzte sich jedoch wieder hin, denn er konnte ja ebensogut dort sitzen wie anderswo. Er hatte keine Lust, nach Hause zu gehn, wieder hineingehn mochte er auch nicht; es war ihm alles einerlei. Er war nicht imstande, sich klarzumachen, was eigentlich vorgefallen war; er wollte nicht denken, denn es gab nichts, wonach er sich sehnte.
„Aber woran denke ich denn eigentlich?“ fragte er sich halblaut, und als er seine eigne Stimme gehört hatte, dachte er: „Sprechen kannst du noch, kannst du auch wohl noch lachen?“ Und er versuchte es: ja, er konnte lachen, und dann lachte er, laut, noch lauter, und dann fand er, daß es köstlich sei, daß er so dasaß und ganz allein lachte — und darüber lachte er dann auch wieder. Aber Hans, der Kamerad, der neben ihm gesessen hatte, kam heraus, um sich nach ihm umzusehn. — „Um Gottes willen, worüber lachst du denn?“ fragte er und blieb in der Tür stehn. Da hörte Öyvind auf zu lachen.
Hans blieb stehn, als erwarte er, was weiter geschehen würde; Öyvind erhob sich, sah sich vorsichtig um, und dann sagte er leise: „Nun will ich dir sagen, Hans, weshalb ich bisher so fröhlich war; das kam daher, daß ich niemand so recht liebgehabt habe; aber von dem Tage an, wo wir jemand wirklich liebhaben, sind wir nicht mehr fröhlich“ — und er brach in Tränen aus.
„Öyvind!“ flüsterte es draußen auf dem Hofe; „Öyvind!“ Er blieb stehn und lauschte. — „Öyvind!“ ertönte es noch einmal, etwas stärker. Es mußte die sein, an die er dachte. — „Ja,“ antwortete er ebenfalls flüsternd, trocknete schnell die Augen und trat hinaus. Da kam eine Frauengestalt langsam über den Hof. — „Bist du da?“ fragte sie. — „Ja,“ antwortete er und stand still. — „Wer ist da bei dir?“ — „Hans!“ — Aber Hans wollte gehn. — „Nein, nein,“ bat Öyvind. Sie kam jetzt, wenn auch langsam, dicht an sie heran; es war Marit. — „Du gingst so schnell fort,“ sagte sie zu Öyvind. Er wußte nicht, was er darauf antworten sollte. Dadurch wurde auch sie verlegen; sie schwiegen alle drei. Hans aber schlich sich unbemerkt fort. Die beiden blieben stehn, sahen sich nicht an, rührten sich aber auch nicht. Da flüsterte sie: „Ich bin schon den ganzen Abend mit einem kleinen Weihnachtsgeschenk für dich in der Tasche umhergegangen, Öyvind, aber ich habe es dir bis jetzt nicht geben können.“ — Sie zog einige Äpfel, ein Stück Honigkuchen und eine kleine Flasche aus der Tasche, steckte es ihm zu und sagte, er solle es behalten.
Öyvind nahm es. — „Danke,“ sagte er und reichte ihr die Hand; die ihre war warm, er ließ sie gleich wieder los, als habe er sich verbrannt. — „Du hast heute abend viel getanzt.“ — „Ja, das habe ich getan,“ antwortete sie; „aber du hast nicht viel getanzt,“ fügte sie hinzu. — „Nein,“ sagte er. — „Weshalb hast du es nicht getan?“ — „Ach — —“
„Öyvind!“ — „Ja!“ — „Weshalb saßest du da und starrtest mich so an!“ — „Ach!“
„Marit!“ — „Ja!“ — „Weshalb mochtest du es nicht, daß ich dich so ansah?“ — „Da waren so viele Menschen!“ —
„Du hast heute abend viel mit Jon Hatlen getanzt!“ — „Ach ja!“ — „Er tanzt gut!“ — „Findest du?“ — „Findest du es nicht?“ — „Ach ja!“
„Ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich kann es heute abend nicht ertragen, daß du mit ihm tanzt, Marit!“ — Er wandte sich ab, es hatte ihn Überwindung gekostet, dies zu sagen. — „Ich verstehe dich nicht, Öyvind.“ — „Ich verstehe es selber auch nicht, es ist so dumm von mir. — Leb wohl, Marit, jetzt will ich gehn.“ — Er tat einen Schritt, ohne sich umzusehen. Da rief sie ihm nach: „Das ist falsch, was du zu sehen geglaubt hast, Öyvind.“ — Er blieb stehn: „Daß du jetzt ein erwachsnes Mädchen bist, ist nicht falsch gesehen!“ — Er sprach nicht aus, worauf sie gewartet hatte, deswegen schwieg sie; plötzlich aber sah sie das Glühen einer Pfeife dicht vor sich; es war ihr Großvater, der gerade um die Ecke gebogen war und an ihr vorüberkam. Er blieb stehn: „Bist du hier, Marit!“ — „Ja!“ — „Mit wem sprichst du?“ — „Mit Öyvind!“ — „Mit wem, sagtest du?“ — „Mit Öyvind Pladsen!“ — „Ach, mit dem Häuslerjungen aus Pladsen; komm sofort mit mir hinein!“
5
Als Öyvind am nächsten Morgen die Augen aufschlug, erwachte er aus einem langen, erquickenden Schlaf und glücklichen Traum. Marit hatte auf dem Berge gelegen und Laub auf ihn herabgeworfen; er hatte es aufgefangen und wieder hinaufgeworfen. In tausend Farben und Figuren war es auf und nieder geflattert; die Sonne schien darauf, und der ganze Berg schimmerte von oben bis unten. Als er erwachte, sah er sich um, in der Hoffnung, alles wiederzufinden; da entsann er sich aber des gestrigen Tages, und er empfand wieder denselben stechenden heftigen Schmerz in der Brust. Den werde ich wohl nie wieder los, dachte er, und eine Schlaffheit kam über ihn, als versinke die ganze Zukunft vor ihm.
„Jetzt hast du lange genug geschlafen,“ sagte die Mutter; sie saß nebenan und spann. „Steh jetzt auf und iß! Dein Vater ist schon im Walde und fällt Holz.“ — Es war, als hülfe ihm diese Stimme; ein wenig mutiger stand er auf. Die Mutter dachte wohl an die Zeit, wo sie selber getanzt hatte; denn sie saß am Spinnrad und trällerte eine Tanzmelodie vor sich hin, während er sich ankleidete und aß. Deswegen mußte er vom Tisch aufstehn und an das Fenster treten; dieselbe Schwere und Unlust legte sich auf ihn, er mußte sich zusammennehmen und an die Arbeit denken. Das Wetter war umgeschlagen, die Luft war ein wenig kälter geworden, so daß das, was gestern als Regen gedroht hatte, heute als feuchter Schnee niederfiel. Er setzte seine Pelzmütze auf, zog Schneestrümpfe, eine Seemannsjacke und Fausthandschuhe an, sagte Lebewohl und ging mit der Axt über der Schulter von dannen.
Der Schnee fiel langsam in großen, nassen Flocken; er arbeitete sich den Schlittenberg hinan, um links in den Wald einzubiegen; nie zuvor, weder im Winter noch im Sommer, war er den Schlittenberg hinangegangen, ohne an etwas zu denken, was ihn fröhlich stimmte, oder wonach er sich sehnte. Jetzt war es ein toter, schwerer Weg; er glitt aus in dem feuchten Schnee. Die Knie waren ihm steif, entweder vom gestrigen Tanz oder von der Unlust; jetzt fühlte er, daß es mit dem Schlittenfahren für dieses Jahr vorbei sei, und damit für immer. Nach etwas anderm sehnte er sich, wie er da so zwischen den Baumstämmen dahinging, wo der Schnee lautlos fiel. Ein aufgescheuchtes Schneehuhn schrie und flatterte einige Schritte vor ihm auf, sonst stand alles da, als wartete es auf ein Wort, das nie gesagt wurde. Aber was es war, wonach es ihn verlangte, wußte er selber nicht deutlich; es war keine Sehnsucht nach Hause oder in die Ferne, weder nach Lustbarkeit noch nach Arbeit; es war etwas, das wie ein Lied geradeswegs zum Himmel aufsteigt. Allmählich nahm es die Gestalt eines bestimmten Wunsches an, nämlich im Frühling konfirmiert zu werden und bei der Gelegenheit Nummer eins zu sein. Das Herz klopfte ihm, als er daran dachte, und ehe er noch des Vaters Axt in den zitternden Bäumchen zu hören vermochte, erfüllte ihn dieser Wunsch mehr als irgend etwas seit seiner Geburt.
Der Vater sagte wie gewöhnlich nicht viel zu ihm; sie schlugen beide Holz und setzten es in Haufen zusammen. Sie begegneten sich wohl hin und wieder einmal, und bei einer solchen Begegnung ließ Öyvind die schwermütigen Worte fallen: „Ein Häusler hat doch ein mühseliges Leben.“ — „Er wie andre!“ entgegnete der Vater, spie in die Hand und griff wieder zur Axt. Als der Baum gefallen war und der Vater ihn auf den Haufen hinaufzog, sagte Öyvind: „Wenn du ein Hofbesitzer wärst, würdest du dich nicht so abmühen.“ — „Ach, dann gäbe es sicher andres, was auf mir lastete!“ — Er griff mit beiden Händen zu. Die Mutter kam mit dem Mittagessen zu ihnen hinauf; sie setzten sich. Die Mutter war fröhlich, sie saß da und summte eine Melodie vor sich hin und schlug die Füße aneinander im Takte. „Was willst du werden, wenn du groß bist, Öyvind?“ sagte sie plötzlich. — „Für einen Häuslersohn gibt es nicht viele Wege,“ erwiderte er. — „Der Schulmeister sagt, du müßtest aufs Seminar,“ sagte sie. — „Gibts da Freistellen?“ fragte Öyvind. — „Die Schulkasse bezahlt,“ versetzte der Vater und aß weiter. — „Hast du Lust dazu?“ fragte die Mutter. — „Ich habe Lust, etwas zu lernen, aber nicht, Schulmeister zu werden.“ — Sie schwiegen alle drei eine Weile; sie summte wieder eine Melodie vor sich hin und sah zu Boden. Öyvind aber ging fort und setzte sich für sich allein.
„Wir brauchen nicht gerade aus der Schulkasse zu leihen,“ sagte sie, als der Junge gegangen war. Der Mann sah sie an: „Arme Leute wie wir?“ — „Ich mag es wirklich nicht, Thore, daß du dich immer für arm ausgibst, da du es ja doch einmal nicht bist.“ — Sie sahen beide verstohlen zu dem Jungen hinüber, ob er es auch nicht hören könnte. Dann sah der Vater seine Frau zornig an: „Du redest, wie du es verstehst.“ — Sie lachte. „Es ist wirklich, als wenn wir Gott nicht dafür danken sollten, daß es uns so ergangen ist,“ sagte sie und wurde ernsthaft. — „Man kann ihm wohl auch danken, ohne silberne Knöpfe daran,“ meinte der Vater. — „Ja, aber damit, daß wir Öyvind so zum Tanze gehn lassen wie gestern, danken wir ihm auch nicht.“ — „Öyvind ist ein Häuslersohn!“ — „Deswegen können wir ihn anständig kleiden, wenn wir Rat dazu haben,“ sagte sie und sah den Mann tapfer an, der finster dreinblickte und den Löffel hinlegte, um zur Pfeife zu greifen. — „So eine elende Stelle wie die unsre!“ sagte er. — „Ich muß über dich lachen! Immer sprichst du von der Stelle; weshalb erwähnst du die Mühlen denn nie?“ — „Ach du mit deinen Mühlen! Ich glaube, du kannst sie nicht gehn hören!“ — „Doch, Gott sei Lob und Dank! Möchten sie nur Tag und Nacht gehn.“ — „Jetzt haben sie schon länger als seit Weihnachten gestanden.“ — „Die Leute mahlen aber doch nicht in der Weihnachtszeit!“ — „Sie mahlen, wenn Wasser da ist, aber seit sie eine Mühle bei Nyström gebaut haben, geht es bei uns nur kläglich.“ — „Davon sagte der Schulmeister heute nichts.“ — „Ich werde meine Geldangelegenheiten von einem verschwiegnern Mann als dem Schulmeister besorgen lassen.“ — „Ja, er sollte zu allerletzt mit deiner eignen Frau davon sprechen!“ — Thore erwiderte nichts hierauf; er hatte seine Pfeife gerade angezündet, lehnte sich jetzt gegen ein Reisigbündel und ließ den Blick erst zu der Frau, dann zu dem Sohn hinüberschweifen, bis er an einem alten Krähennest hängen blieb, das halb zerdrückt an einem Föhrenzweige hing.
Öyvind saß allein da, vor ihm lag die Zukunft wie eine lange, blanke Eisfläche, über die er zum erstenmal von einem Ufer bis zum andern dahinsauste. Daß die Armut ihn nach allen Richtungen hin hemmte, fühlte er, aber deswegen gingen auch alle seine Gedanken darauf hinaus, an ihr vorüber zu gelangen. Von Marit hatte sie ihn sicher für immer getrennt; er betrachtete sie als halbwegs mit Jon Hatlen verlobt. Aber all sein Sinnen war darauf gerichtet, den Wettlauf durch das ganze Leben mit ihr und mit ihm aufzunehmen. Sich nicht wieder wegpuffen lassen wie gestern, deswegen sich fernhalten, bis etwas aus ihm geworden war, das nahm er sich vor, und es stieg kein Zweifel in seiner Seele auf, daß ihm das nicht gelingen sollte. Er hatte das dunkle Gefühl, daß er durch Studium seinen Zweck am besten erreichen würde; zu welchem Ziel es ihn führen sollte, darüber mußte er später nachdenken.
Gegen Abend wurde wieder Schlittenbahn, die Kinder kamen auf den Hügel, Öyvind aber kam nicht. Er saß am Herd und lernte, und er hatte keinen Augenblick zu verlieren. Die Kinder warteten lange, endlich wurde eins nach dem andern ungeduldig, sie kamen herauf, preßten das Gesicht gegen die Fensterscheibe und riefen hinein; er aber tat, als höre er es nicht. Es kamen immer mehr, einen Abend nach dem andern; sie gingen in großer Verwunderung vor dem Hause umher, er aber wandte ihnen den Rücken zu und las, indem er sich getreulich bemühte, den Sinn des Gelesenen zu verstehn. Später hörte er, daß Marit auch nicht mehr käme. Er lernte mit einem Eifer, von dem selbst der Vater sagen mußte, daß er zu weit ginge. Er wurde ernsthaft; das Gesicht, das so rund und so weich gewesen war, wurde magrer, schärfer, das Auge strenger; selten sang, nie spielte er mehr; es war, als lange die Zeit nicht. Wenn die Versuchung an ihn herantrat, war es, als flüstre ihm jemand zu: Später! Später! und immer wieder: Später! Die Kinder kamen, riefen und lachten eine Weile wie früher, als sie ihn aber nicht zu sich hinauslocken konnten, weder durch ihre eigne Fröhlichkeit beim Schlittenfahren noch durch ihr Rufen mit gegen die Fensterscheiben gepreßten Gesichtern, so blieben sie allmählich weg; sie fanden andre Spielplätze, und bald stand der Hügel leer.
Der Schulmeister aber merkte bald, daß es nicht mehr der alte Öyvind war, der lernte, weil es sich so gehörte, und spielte, weil das notwendig war. Er sprach oft mit ihm, forschte und spähte; aber es wollte ihm nicht gelingen, des Burschen Herz so leicht zu finden wie in alten Zeiten. Er sprach auch mit den Eltern und kam verabredetermaßen eines Sonntagsabends gegen Ende des Winters zu ihnen und sagte, nachdem er eine Weile bei ihnen gesessen hatte: „Komm jetzt, Öyvind, wir wollen ein wenig hinausgehn, ich möchte gern mit dir reden.“ — Öyvind zog sich an und folgte ihm. Es ging bergauf, in der Richtung nach den Heidehöfen, die Unterhaltung war lebhaft, drehte sich aber um nichts Wichtiges; als sie in die Nähe der Höfe kamen, bog der Schulmeister nach dem in der Mitte gelegnen ein, und als sie weiter gelangten, drangen ihnen Rufe und Fröhlichkeit entgegen. — „Was ist denn hier los?“ fragte Öyvind. — „Hier wird getanzt,“ sagte der Schulmeister; „wollen wir nicht hineingehn?“ — „Nein!“ — „Du willst nicht mit zu einem Tanze, Junge?“ — „Nein, noch nicht!“ — „Noch nicht? Wann denn?“ — Er antwortete nicht. — „Was meinst du mit dem ‚Noch nicht‘?“ — Als der Junge nicht antwortete, sagte der Schulmeister: „Komm jetzt, laß den Unsinn!“ — „Nein, ich gehe nicht!“ — Er war sehr bestimmt und zugleich bewegt. — „Daß dein eigner Schulmeister hier stehn und dich bitten soll, zum Tanze zu gehn!“ — Es entstand ein längeres Schweigen. — „Ist dadrinnen jemand, den zu sehen du dich fürchtest?“ — „Ich kann es nicht wissen, wer da ist.“ — „Könnte aber jemand da sein?“ — Öyvind schwieg. Da trat der Schulmeister gerade vor ihn hin und legte ihm die Hand auf die Schulter: „Fürchtest du dich, Marit zu sehen?“ — Öyvind sah nieder, sein Atem ging schwer und kurz. — „Sag es mir, Öyvind, hörst du!“ — Öyvind schwieg. — „Du schämst dich vielleicht, es einzugestehn, da du noch nicht eingesegnet bist; sage es mir aber trotzdem, Öyvind, und du sollst es nicht bereuen.“ — Öyvind blickte auf, vermochte aber kein Wort hervorzubringen und sah zur Seite. — „Du bist auch in der letzten Zeit gar nicht mehr so fröhlich; mag sie denn andre lieber als dich?“ — Öyvind schwieg noch immer, der Schulmeister fühlte sich ein wenig verletzt und wandte sich von ihm ab; sie gingen zurück.
Als sie eine Strecke gegangen waren, blieb der Schulmeister stehn, bis Öyvind an seine Seite gekommen war. — „Du sehnst dich wohl danach, konfirmiert zu werden?“ fragte er. — „Ja!“ — „Was denkst du dann anzufangen?“ — „Ich möchte gern auf das Seminar.“ — „Und dann Schulmeister werden?“ — „Nein.“ — „Das scheint dir wohl nicht großartig genug?“ — Öyvind schwieg. Sie gingen wieder eine lange Strecke. — „Wenn du nun das Seminar durchgemacht hast, was willst du dann?“ — „Darüber habe ich noch nicht weiter nachgedacht.“ — „Wenn du Geld hättest, würdest du dir wohl gern einen Hof kaufen?“ — „Ja, aber die Mühlen würde ich behalten.“ — „Dann ist es am besten, du gehst auf die Ackerbauschule.“ — „Lernen sie denn da ebensoviel wie auf dem Seminar?“ — „Nein, das nicht. Aber sie lernen, was sie später gebrauchen können.“ — „Bekommen sie dort auch Zeugnisse?“ — „Weshalb fragst du danach?“ — „Ich möchte gern recht tüchtig werden.“ — „Das kannst du auch wohl ohne Zeugnis.“ — Sie gingen abermals schweigend weiter, bis sie das Haus sehen konnten; aus der Stube drang ihnen Licht entgegen, der Berg hing jetzt am Winterabend schwarz darüber, unten lag das Wasser mit blankem, schimmerndem Eis, der Wald stand ohne Schnee rings um die stille Bucht, der Mond schwebte darüber und spiegelte den Wald im Eise. — „Hier ist es schön bei euch,“ sagte der Schulmeister. Öyvind konnte seine Heimat zuweilen mit denselben Augen betrachten wie damals, als ihm die Mutter Märchen erzählte, oder mit dem Blick, den er zu haben pflegte, wenn er auf dem Hügel umherwanderte; jetzt war dies der Fall; alles lag hoch und hell da. — „Ja, es ist schön hier,“ sagte er, seufzte aber. — „Deinem Vater hat diese Stelle genügt, du könntest dir auch daran genügen lassen.“ — Das freundliche Aussehen der Gegend war mit einemmal verschwunden. Der Schulmeister stand da, als erwarte er eine Antwort, er erhielt aber keine. Er schüttelte den Kopf und ging mit ins Haus hinein. Dort saß er eine Weile bei ihnen, schwieg aber mehr, als daß er redete, wodurch auch die andern schweigsam wurden. Als er Abschied nahm, begleiteten ihn Mann und Frau vor die Tür; es war, als warteten sie beide darauf, daß er etwas sagen würde. — Sie blieben stehn und sahen in den Abend hinaus. — „Es ist hier so ungewöhnlich still geworden,“ sagte endlich die Mutter, „seitdem sich die Kinder einen andern Spielplatz gesucht haben.“ — „Ihr habt auch kein Kind mehr im Hause,“ sagte der Schulmeister. Die Mutter verstand, was er meinte. — „Öyvind ist in der letzten Zeit nicht mehr so fröhlich,“ sagte sie. — „Ach nein, wer ehrgeizig ist, ist nicht fröhlich!“ — Er schaute mit der Ruhe des Greises zu Gottes stillem Himmel empor.