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Ein fröhlicher Bursch: Eine Erzählung

Chapter 9: 8
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About This Book

Die Erzählung folgt dem Jungen Öyvind, der einen kleinen Bock liebevoll aufzieht und ihn durch die Begegnung mit dem lebhaften Mädchen Marit verliert, nachdem er ihn für einen Butterkringel hergibt. Vom tiefen Schuldgefühl und kindlicher Reue geprägt, schwört er sich, künftig gut zu handeln; Träume und Gewissensbisse begleiten ihn, bis sich die Lage beruhigt, als der Bock zurückkehrt und Marit zerknirscht um Verzeihung bittet. In einfachen ländlichen Szenen werden Unschuld, Versuchung und moralisches Erwachsenwerden im Alltag einer Dorfgemeinschaft gezeigt.

6

Ein halbes Jahr später, im Herbst nämlich — die Konfirmation war bis dahin hinausgeschoben worden —, saßen die Konfirmanden des Kirchspiels im Leutezimmer des Pfarrhofs, um gesetzt zu werden; unter ihnen waren auch Öyvind Pladsen und Marit von den Heidehöfen. Marit war gerade von dem Pfarrer heruntergekommen, von dem sie ein schönes Buch und viel Lob erhalten hatte; sie lachte und schwatzte mit ihren Freundinnen nach allen Seiten hin und sah sich unter den Knaben um. Marit war ein völlig erwachsnes Mädchen, leicht und frei in ihrem ganzen Wesen, und die Knaben wie auch die Mädchen wußten, daß der stattlichste junge Mann des Kirchspiels, Jon Hatlen, sich um sie bewarb; sie konnte wohl fröhlich sein, wie sie so dasaß. Unten an der Tür standen einige Mädchen und Knaben, die nicht bestanden hatten; sie weinten, während Marit und ihre Freundinnen lachten; unter ihnen war ein kleiner Junge, der seines Vaters Stiefel und seiner Mutter Sonntagstuch trug. „Gott o Gott!“ schluchzte er, „ich wage nicht heimzugehn.“ — Und das ergriff alle die, die noch nicht geprüft worden waren, mit der Macht des Mitgefühls; es entstand ein allgemeines Schweigen. Die Angst fuhr ihnen in den Hals und in die Augen, sie konnten nicht klar sehen und auch nicht schlucken, wozu sie einen unaufhörlichen Drang fühlten. Einer saß da und überrechnete, was er könnte, und obwohl er erst wenige Stunden zuvor ausgerechnet hatte, daß er alles könne, so fand er jetzt ebenso sicher heraus, daß er nichts konnte, nicht einmal mehr fließend lesen konnte er. Ein andrer zählte sein Sündenregister zusammen von der Zeit an, wo er so groß war, daß er sich daran erinnern konnte, bis jetzt, wo er hier saß, und er fand, daß es durchaus nicht merkwürdig wäre, wenn ihn der liebe Gott diesmal noch sitzen ließe. Ein dritter saß da und achtete auf alle möglichen äußern Dinge; wenn die Uhr, die gerade schlagen sollte, zum Schlagen aushübe, ehe er bis zwanzig gezählt hätte, so kam er durch; wenn der, den er draußen auf der Diele hörte, der Knecht Lars war, dann kam er durch; wenn der große Regentropfen, der sich langsam draußen am Fenster herunterarbeitete, bis an die Leiste gelangte, so kam er durch. Die letzte und entscheidende Probe sollte sein, ob er den rechten Fuß um den linken zu schlingen vermöchte, und das war ihm ganz unmöglich. Ein vierter wußte ganz genau, wenn er in der biblischen Geschichte nur nach Joseph und im Katechismus nur nach der Taufe gefragt würde, oder auch nach Saul, oder nach der Haustafel, oder nach Jesus, oder nach den Geboten, oder — er saß noch da und überlegte, da wurde er gerufen. Ein fünfter hatte sich mit großer Vorliebe auf die Bergpredigt gelegt; er hatte von der Bergpredigt geträumt; er war fest überzeugt, daß er nach der Bergpredigt gefragt werden würde, und er sagte sich die ganze Bergpredigt leise her; er mußte sich draußen an die Wand des Hauses stellen, um die Bergpredigt noch einmal zu überlesen — da wurde er hinaufgerufen, um über die großen und die kleinen Propheten examiniert zu werden. Ein sechster dachte an den Pfarrer, der ein so prächtiger Mann war und seinen Vater so gut kannte, er dachte auch an den Schulmeister, der ein so liebevolles Gesicht hatte, und an Gott, der so barmherzig war und schon so vielen geholfen hatte, sowohl Joseph als auch Jakob, und dann dachte er daran, daß seine Mutter und seine Geschwister daheim säßen und für ihn beteten, und daß das sicher helfen würde. Der siebente saß da und leistete im stillen Verzicht auf alles das, was er hier in der Welt hatte werden wollen. Einmal hatte er gehofft, es bis zum König zu bringen, einmal bis zum General oder bis zum Pfarrer, jetzt war die Zeit vorüber; aber bis zu dem Augenblick, wo er hierher gekommen war, hatte er doch daran gedacht, zur See zu gehn und Kapitän, vielleicht Seeräuber zu werden und ungeheure Reichtümer zu erwerben; jetzt verzichtete er zuerst auf die Reichtümer, dann auf den Seeräuber, dann auf den Schiffskapitän, auf den Steuermann, beim Matrosen blieb er stehn, höchstens wollte er Bootsmann werden, ja es war möglich, daß er überhaupt nicht zur See ginge, sondern eine dienende Stellung auf dem Hofe seines Vaters annähme. Der achte war seiner Sache sicherer, wenn auch nicht ganz gewiß; denn selbst der Tüchtigste war nicht ganz sicher. Er dachte an die Kleider, in denen er eingesegnet werden sollte, und wozu sie verwandt werden würden, wenn er nicht durchkäme. Kam er aber durch, so sollte er zur Stadt und sich Tuchkleider machen lassen, und wenn er wieder heimkam, am Weihnachtsfest zum Neide aller Burschen und zum Staunen aller Dirnen tanzen. Der neunte rechnete anders; er richtete eine Art Kontobuch mit dem lieben Gott ein, worin er auf die eine Seite als Debet schrieb: Er soll mich durchlassen, und auf die andre als Kredit: Dann will ich nie wieder lügen, nie wieder klatschen, regelmäßig zur Kirche gehn, die Mädchen in Ruhe lassen und mir auch das Fluchen abgewöhnen. Der zehnte aber dachte, wenn Ole Hansen im vergangnen Jahre durchgekommen sei, so wäre es mehr als Ungerechtigkeit, wenn er selbst dies Jahr nicht durchkäme, er, der doch immer zu den Bessern in der Schule gehört hatte und außerdem aus besserer Familie war. Neben ihm saß der elfte, der sich mit den schrecklichsten Racheplänen trug, falls er nicht durchkäme; entweder wollte er die Schule in Brand stecken oder aus dem Kirchspiel weglaufen und als vernichtender Richter des Pfarrers und der ganzen Schulkommission wiederkommen, dann aber großmütig Gnade für Recht ergehn lassen. Zuerst wollte er bei dem Nachbarpfarrer in der benachbarten Gemeinde in Dienst treten und dort im nächsten Jahre den ersten Platz erringen und so antworten, daß die ganze Kirche sich wundern sollte. Der zwölfte aber saß ganz allein unter der Uhr, die Hände in den Hosentaschen und sah wehmütig über die Versammlung hin. Niemand hier wußte, welche Bürde er trug, welche Verantwortung auf ihm lastete. Daheim war eine, die es wußte, denn er war verlobt. Eine große, langbeinige Spinne lief über den Fußboden und näherte sich seinem Fuß; er pflegte so ein ekelhaftes Insekt totzutreten, heute aber hob er liebevoll den Fuß auf, daß es in Frieden gehn könne, wohin es wolle. Seine Stimme war sanft wie die eines Kollektensammlers, seine Augen sagten unaufhörlich, daß alle Menschen gut seien, seine Hand machte eine demütige Bewegung aus der Tasche bis zum Haar hinauf, um es glatter zu streichen. Wenn er sich nur gnädig durch dies gefährliche Nadelöhr hindurchwinden könnte, wollte er auf der andern Seite schon wieder wachsen, Tabak rauchen und die Verlobung veröffentlichen. Aber unten auf dem niedrigen Schemel, die gekreuzten Beine unter sich gezogen, saß der unruhige dreizehnte; seine kleinen, blitzenden Augen durchliefen das ganze Zimmer dreimal in der Sekunde, und unter seinem dicken, struppigen Schädel wälzten sich die Gedanken von den zwölfen in bunter Unordnung hin und her, von der gewaltigsten Hoffnung bis zu dem zermalmendsten Zweifel, von den demütigsten Vorsätzen bis zu den die ganze Gemeinde zerstörenden Racheplänen, und währenddes hatte er all das noch übrige Fleisch an seinem rechten Daumen verzehrt, machte sich nun an die Nägel und spuckte große Stücke davon über den Fußboden.

Öyvind saß am Fenster, er war oben gewesen und hatte alle Fragen, die ihm gestellt worden waren, beantwortet; aber der Pfarrer hat nichts gesagt, ebensowenig der Schulmeister. Über ein halbes Jahr lang hatte er daran gedacht, was die beiden wohl sagen würden, wenn sie erführen, wie er gearbeitet hätte, und er fühlte sich nun sehr enttäuscht und zugleich gekränkt. Da saß Marit, die für ungleich geringere Anstrengungen und Kenntnisse sowohl eine Ermunterung wie eine Belohnung erhalten hatte; gerade um in ihren Augen groß dazustehn, hatte er gearbeitet, und jetzt erreichte sie lachend, woran er mit so viel Entsagung gearbeitet hatte. Ihr Lachen und Scherzen brannte ihm in der Seele; die Freiheit, mit der sie sich bewegte, tat ihm weh. Er hatte es sorgfältig vermieden seit jenem Abend, mit ihr zu sprechen; Jahre müssen vergehn, dachte er; aber als er sie so heiter und überlegen dasitzen sah, fühlte er sich durch ihren Anblick zu Boden gedrückt, und alle seine stolzen Vorsätze hingen da wie feuchtes Laub.

Nach und nach versuchte er jedoch, es abzuschütteln. Es kam darauf an, ob er heute Nummer eins wurde, und darauf wartete er. Der Schulmeister pflegte noch einige Zeit nachher bei dem Pfarrer zu bleiben, um die Reihenfolge zu ordnen, und dann herunterzukommen und den jungen Leuten den Ausfall mitzuteilen; es war ja nicht die endgültige Entscheidung, aber es war das, worüber der Pfarrer und er vorläufig übereingekommen waren. Die Unterhaltung im Zimmer wurde immer lebhafter, je mehr die Prüfung hinter sich hatten und glücklich durchgekommen waren. Aber jetzt fingen die Ehrgeizigen an, sich stark von den Fröhlichen abzusondern; diese gingen, sobald sie Gesellschaft gefunden hatten, um den Eltern ihr Glück mitzuteilen, oder sie warteten auf andre, die noch nicht fertig waren. Die ersten wurden dagegen immer stiller, ihre Augen sahen gespannt nach der Tür.

Endlich war die Prüfung zu Ende; die letzten waren heruntergekommen, und der Schulmeister sprach also jetzt mit dem Pfarrer. Öyvind sah Marit an, sie war noch ebenso fröhlich, aber sie blieb doch sitzen, ob um ihrer selber willen oder andrer wegen, wußte er nicht. Wie schön war Marit geworden; blendendweiß und fein war ihre Haut, wie keine andre sie hatte, die er bisher gesehen hatte; sie trug das Näschen etwas hoch, ihren Mund umspielte ein Lächeln. Die Augen waren halb geschlossen, wenn sie nicht gerade jemand ansah; gerade deshalb wirkte ihr Blick, aber, wenn er jemand traf, mit ungeahnter Macht — und als wollte sie zu verstehn geben, daß sie nichts damit meinte, lächelte sie ein wenig dabei. Das Haar war eher dunkel als hell, aber es war lockig und fiel zu beiden Seiten tief hinab, so daß es zusammen mit den halbgeschlossenen Augen ihr etwas Geheimnisvolles verlieh, das man nie ganz zu ergründen vermochte. Man war nie völlig sicher, wen sie eigentlich ansah, wenn sie für sich allein oder unter andern saß; auch nicht woran sie eigentlich dachte, wenn sie sich dann an jemand wandte und sprach, denn sie nahm gleichsam sofort wieder zurück, was sie gab. Hinter diesem allen liegt wohl eigentlich Jon Hatlen verborgen, dachte Öyvind, sah sie aber beständig an.

Da kam der Schulmeister. Jeder verließ seinen Platz und stürmte auf ihn ein. „Welche Nummer habe ich bekommen?“ — „Und ich? — Und ich, und ich?“ — „Still! Ihr großen Jungen! Keinen Spektakel hier! — Ruhig Kinder, dann sollt ihr es hören! — Du bist Nummer zwei,“ sagte er zu einem Knaben mit blauen Augen, der ihn flehentlich ansah, und der Knabe tanzte jubelnd aus dem Kreise. „Du bist der dritte!“ — er klopfte einem kleinen, flinken Rotkopf, der hinter ihm stand und ihn an der Jacke zerrte, auf die Schulter. „Du bist Nummer fünf; du bist Nummer acht“ usw. Er erblickte Marit: „Du bist Nummer eins von den Mädchen;“ sie wurde dunkelrot über Gesicht und Hals, versuchte aber zu lächeln. „Du, Nummer zwölf, bist ein Faulpelz gewesen und ein großer Schelm; von dir, Nummer elf, war nichts Besseres zu erwarten, mein Junge; du, Nummer dreizehn, mußt noch tüchtig lernen vor der Katechese, sonst ergeht es dir schlecht!“ — —

Öyvind konnte es nicht länger aushalten; Nummer eins war freilich noch nicht genannt, aber er stand doch die ganze Zeit so, daß der Schulmeister ihn sehen konnte. — „Schulmeister!“ — Er hörte nicht. — „Schulmeister!“ — Dreimal mußte er es wiederholen, ehe er gehört wurde. Endlich sah der Schulmeister ihn an: „Nummer neun oder Nummer zehn, ich entsinne mich nicht mehr, welche von beiden,“ sagte er und wandte sich an einen andern. — „Wer ist denn Nummer eins?“ fragte Hans, Öyvinds bester Freund. — „Du bist es nicht, du Krauskopf!“ sagte der Schulmeister und schlug ihn mit einer Papierrolle auf die Hand. — „Wer ist es denn?“ fragten mehrere; „wer ist es, ja, wer ist es?“ — „Das erfährt der, der die Nummer hat,“ erwiderte der Schulmeister streng; er wollte nicht weiter gefragt werden. — „Geht nun hübsch nach Hause, Kinder, dankt euerm Gott und macht euern Eltern Freude! Bedankt euch auch bei euerm alten Schulmeister; ihr hättet schön dagesessen und die Nägel gekaut, wenn er nicht dagewesen wäre!“ — Sie dankten ihm und lachten, sie zogen jubelnd von dannen, denn in diesem Augenblick, wo sie nach Hause zu den Eltern sollten, waren sie alle froh. Nur einer blieb zurück, der seine Bücher nicht gleich finden konnte, und der sich, als er sie gefunden hatte, wieder hinsetzte, als wolle er von neuem anfangen, über sie wegzulesen. Der Schulmeister ging zu ihm heran: „Nun, Öyvind, willst du nicht mit den andern gehn?“ — Er antwortete nicht. — „Weshalb schlägst du deine Bücher auf?“ — „Ich will sehen, was ich heute verkehrt beantwortet habe.“ — „Du hast gar nichts verkehrt beantwortet.“ — Da sah Öyvind ihn an, Tränen traten ihm in die Augen, er sah ihn unverwandt an, während eine nach der andern die Wange hinabrollte, aber er sagte kein Wort. Der Schulmeister setzte sich vor ihn hin: „Bist du jetzt nicht froh, daß du durchgekommen bist?“ — Es zitterte um seinen Mund, aber er antwortete nicht. — „Deine Mutter und dein Vater werden sehr froh sein,“ sagte der Schulmeister und sah ihn an. — Öyvind kämpfte lange, ein Wort herauszubringen, endlich fragte er leise und abgebrochen: „Ist es — weil ich — ein Häuslersohn — bin, daß ich den neunten oder zehnten Platz haben soll?“ — „Gewiß ist es deswegen,“ antwortete der Schulmeister. — „Dann nützt es mir ja nichts, wenn ich arbeite,“ sagte er klanglos und brach zusammen über all seinen Träumen. Plötzlich richtete er den Kopf in die Höhe, hob die rechte Hand auf, schlug mit voller Macht auf den Tisch, warf sich auf sein Gesicht nieder und brach in heftiges Weinen aus.

Der Schulmeister ließ ihn liegen und weinen, sich so recht ausweinen. Es währte lange, aber der Schulmeister wartete, bis das Weinen kindlicher wurde. Da nahm er seinen Kopf mit beiden Händen, hob ihn auf und sah ihm in das verweinte Gesicht: „Meinst du, daß es Gott gewesen ist, der jetzt bei dir war?“ sagte er und zog ihn freundlich an sich. Öyvind schluchzte noch, aber kürzer; die Tränen rannen stiller, aber er wagte nicht, den, der die Frage stellte, anzusehen, noch ihm zu antworten. — „Dies, Öyvind, ist der Lohn für das, was du verschuldet hast. Du hast nicht aus Liebe zu deinem Christentum und zu deinen Eltern gelernt, sondern einzig und allein aus Eitelkeit.“ — Es wurde jedesmal still im Zimmer, wenn der Schulmeister sprach; Öyvind fühlte seinen Blick auf sich ruhen, und unter ihm wurde er weich und demütig. — „Mit einem solchen Zorn im Herzen hättest du nicht vortreten dürfen, um das Bündnis mit deinem Gott zu schließen; hättest du das wohl können, Öyvind?“ — „Nein,“ stammelte er, so gut er es vermochte. — „Und hättest du dagestanden mit eitler Freude darüber, daß du Nummer eins wärest, hättest du da nicht mit Sünde da vorn gestanden?“ — „Ja,“ flüsterte er, und es zuckte um seinen Mund. — „Du hast mich noch lieb, Öyvind?“ — „Ja!“ — Er sah zum erstenmal auf. — „Dann will ich dir auch sagen, daß ich es war, der dich heruntergesetzt hat; denn ich habe dich sehr lieb, Öyvind.“ — Dieser sah ihn an, blinkte ein paarmal mit den Augen, und dann strömten ihm die Tränen von den Wangen herab. — „Du hast doch deswegen nichts gegen mich?“ — „Nein!“ — Er sah voll und klar zu ihm auf, wenn auch die Stimme gequält klang. — „Mein liebes Kind; ich will um dich sein, solange ich lebe.“

Er wartete auf ihn, bis er sich zurechtgemacht und seine Bücher wieder zusammengesucht hatte, dann sagte er, daß er ihn nach Hause begleiten wolle. Sie gingen langsam heimwärts; anfangs war Öyvind noch still und kämpfte mit sich, allmählich aber überwand er sich. Er war so davon überzeugt, daß das Vorgefallne das Beste sei, das ihm jemals hätte widerfahren können, und ehe er zu Hause anlangte, war dieser Glaube so stark geworden, daß er seinem Gott dafür dankte und es dem Schulmeister aussprach. — „Ja, nun wollen wir daran denken, daß du etwas im Leben erreichst,“ sagte der Schulmeister, „und nicht hinter Irrlichtern und Nummern herjagst. Was sagst du zum Seminar?“ — „Ja, ich möchte gern dahin.“ — „Du meinst die Ackerbauschule?“ — „Ja!“ — „Das ist auch gewiß das beste für dich; sie eröffnet andre Aussichten als auf eine Schulmeisterstelle.“ — „Aber wie soll ich nur dahin kommen? Ich habe große Lust, aber weiß keinen Rat.“ — „Sei fleißig und brav, dann wird sich schon Rat finden.“

Öyvind fühlte sich ganz überwältigt von Dankbarkeit. Es flimmerte ihm vor den Augen, sein Atem ging schneller, das Feuer der unendlichen Liebe loderte in ihm, das hervorbricht, wenn man die unerwartete Güte der Menschen empfindet. Die ganze Zukunft stellt man sich einen Augenblick wie eine Wanderung in frischer Bergluft vor; man wird mehr getragen, als man geht.

Als sie daheim anlangten, waren beide Eltern in der Wohnstube und hatten in stiller Erwartung dagesessen, obwohl es Arbeitszeit war und sie viel zu tun hatten. Der Schulmeister kam zuerst herein. Öyvind folgte ihm, beide lächelten. — „Nun?“ sagte der Vater, er legte ein Gesangbuch hin, worin er gerade das ‚Gebet eines Konfirmanden‘ gelesen hatte. Die Mutter stand am Herde; sie wagte nichts zu sagen, sie lachte, aber ihre Hand war unsicher. Sie erwartete offenbar etwas Gutes, wollte sich aber nicht verraten. — „Ich wollte nur gern mitkommen, um euch die freudige Nachricht zu überbringen, daß er alle Fragen beantwortet hat, die ihm gestellt wurden, und daß der Pfarrer, als er gegangen war, sagte, er habe nie einen tüchtigern Konfirmanden gehabt!“ — „Ach nein!“ sagte die Mutter und war ganz bewegt. — „Das ist ja schön,“ sagte der Vater und räusperte sich unsicher.

Nachdem alle eine Weile geschwiegen hatten, fragte die Mutter leise: „Welche Nummer hat er denn bekommen?“ — „Nummer neun oder zehn,“ sagte der Schulmeister ruhig. Die Mutter sah den Vater, dieser erst sie und dann Öyvind an; „ein Häuslersohn kann nicht mehr erwarten,“ sagte er. Öyvind sah ihn wieder an. Nochmals war es ihm, als wolle ihm etwas im Halse aufsteigen, aber er bezwang sich, indem er schnell an allerlei Liebes dachte, eins nach dem andern, solange bis er es hinuntergeschluckt hatte.

„Jetzt ist es wohl am besten, wenn ich gehe,“ sagte der Schulmeister, nickte und wandte sich um. Beide Eltern begleiteten ihn der Gewohnheit gemäß bis auf die steinerne Schwelle; dort nahm der Schulmeister einen Priem und sagte lächelnd: „Er wird doch Nummer eins werden; aber es ist besser, wenn er nichts davon erfährt, bis der Tag kommt.“ — „Nein, nein,“ sagte der Vater und nickte. — „Nein, nein,“ sagte die Mutter und nickte auch. — „Ja, hab du vielen Dank,“ sagte der Vater, und der Schulmeister ging; sie aber standen noch lange da und sahen ihm nach.

7

Der Schulmeister hatte einen scharfen Blick gehabt, als er den Pfarrer bat, zu prüfen, ob Öyvind es auch verdiene, der Erste zu sein. Während der drei Wochen, die bis zur Konfirmation verstrichen, war er jeden Tag bei dem Knaben; eine junge, weiche Seele kann wohl einem Eindruck nachgeben, etwas andres aber ist es, was sie mit Treue festhalten wird. Viele finstre Stunden kamen über den Knaben, ehe er lernte, den Maßstab für seine Zukunft von bessern Dingen als von Ehre und Trotz abzuleiten. Wenn er gerade so recht mitten in der Arbeit saß, verlor er die Lust und gab die Arbeit auf: Wozu, was gewinne ich dabei? — und dann, eine Weile später gedachte er des Schulmeisters, seiner Worte und seiner Güte; aber dieses menschlichen Mittels bedurfte er jedesmal, um wieder emporzusteigen, wenn er von dem Verständnis seiner höhern Pflicht herabgestürzt war.

In den Tagen, wo man sich daheim auf die Konfirmation vorbereitete, traf man auch Anstalten zu seiner Reise auf die Ackerbauschule; denn am Tage darauf sollte diese vor sich gehn. Schneider und Schuster saßen in der Stube, die Mutter buk in der Küche, der Vater arbeitete an einem Koffer. Es wurde viel darüber gesprochen, was er ihnen in den zwei Jahren kosten würde, daß er das erste Weihnachtsfest, vielleicht auch das zweite nicht nach Hause kommen könne, und wie schwer es sein würde, sich so lange getrennt zu wissen. Es wurde auch von der Liebe geredet, die er zu seinen Eltern haben müsse, die um ihres Kindes willen so große Opfer bringen wollten. Öyvind saß da wie jemand, der sich auf eigne Hand hinausgewagt hatte, aber übergesegelt und nun von freundlichen Menschen aufgenommen worden war.

Ein solches Gefühl verleiht Demut, und mit ihr kommt noch vieles andre. Als der große Tag herannahte, durfte er sich vorbereitet nennen und durfte ihm mit zuversichtlicher Hingebung entgegensehen. Jedesmal, wenn Marits Bild mit dabei sein wollte, schob er es vorsichtig beiseite, fühlte aber den Schmerz wohl, wenn er es tat. Er versuchte, sich hierin zu üben, kam aber niemals vorwärts damit, im Gegenteil, der Schmerz nahm zu. Deswegen fühlte er sich müde am letzten Abend, als er nach einer langen Selbstprüfung bat, daß Gott ihn in diesem Punkte nicht prüfen möge.

Der Schulmeister kam, als es Abend wurde. Sie setzten sich alle in die Wohnstube, nachdem sie sich gewaschen und gekämmt hatten, wie das Sitte ist am Abend, ehe man zum Abendmahl oder zur Hochmesse geht. Die Mutter war bewegt, der Vater schweigsam; hinter dem Feste am andern Tage lag der Abschied, und es war ungewiß, wann sie wieder beisammensitzen würden. Der Schulmeister holte das Gesangbuch hervor, sie hielten Andacht und sangen, und hinterher sprach er ein kurzes Gebet, so wie ihm die Worte kamen.

Diese vier Menschen saßen nun bis in die Nacht zusammen, und ihre Gedanken hielten stille Einkehr; endlich schieden sie mit den besten Wünschen für den kommenden Tag und das, was er bringen würde. Öyvind mußte einräumen, als er sich schlafen legte, daß er sich noch nie so glücklich niedergelegt hätte; heute abend gab er dieser Stimmung eine eigne Deutung; er verstand nämlich darunter: nie habe ich mich so ergeben in Gottes Willen und so fröhlich in ihm niedergelegt. — Marits Gesicht wollte alsbald wieder vor ihn treten, und das letzte, dessen er sich bewußt war, war, daß er dalag und sich selber versuchte: nicht ganz glücklich, nicht ganz — und daß er erwiderte: ja, ganz — dann aber wieder: nicht ganz — ja, ganz — nein, nicht ganz.

Als er erwachte, gedachte er sofort des Tages, betete und fühlte sich gestärkt, wie man es des Morgens zu tun pflegt. Seit dem Sommer hatte er allein in der Bodenkammer geschlafen; er stand jetzt auf, zog behutsam seine neuen, schönen Kleider an; denn solche hatte er noch nie zuvor gehabt. Namentlich war da eine runde Tuchjacke, die er wieder und wieder befühlen mußte, ehe er sich daran gewöhnte. Er zog einen kleinen Spiegel heraus, als er den Kragen umgebunden und die Jacke zum viertenmal angezogen hatte. Als er sich nun sein eignes vergnügtes Gesicht, umrahmt von dem ungewöhnlich hellen Haar, aus dem Spiegel entgegenlächeln sah, fiel es ihm ein, daß dies sicher wieder Eitelkeit wäre. Ja, aber gut und reinlich gekleidet müssen die Leute doch da sein, antwortete er sich, indem er das Gesicht vom Spiegel abwandte, als sei es ein Unrecht, hineinzusehen. — Freilich, aber man darf sich in dieser Beziehung nicht so über sich selbst freuen. — Nein, aber der liebe Gott muß doch auch sein Wohlgefallen daran haben, daß jemand gern gut aussehen mag. — Kann wohl sein, aber es gefiele ihm sicher besser, wenn du hübsch wärest, ohne selber so viel Wert darauf zu legen. — Das ist wahr, aber sieh, es kommt wohl davon, daß alles so neu ist. — Ja, aber dann mußt du es auch nach und nach wieder ablegen. — Er ertappte sich dabei, daß er bald über diesen, bald über jenen Gegenstand selbstprüfende Unterhaltung mit sich führte, damit nicht eine Sünde auf diesen Weg fallen und ihn beflecken möge; aber er wußte auch, daß mehr dazu gehörte.

Als er hinunterkam, saßen die Eltern völlig angekleidet da und warteten mit dem Frühstück auf ihn. Er ging hin und reichte ihnen die Hand und bedankte sich für die Kleider und erhielt ein: „Vertrag sie in Gesundheit!“ zur Antwort. Sie setzten sich zu Tische, beteten leise und aßen. Die Mutter deckte den Tisch ab und holte die für den Kirchgang bestimmte Proviantbütte herein. Der Vater zog seine Jacke an, die Mutter steckte ihre Tücher fest; sie nahmen ihre Gesangbücher, verschlossen das Haus und gingen bergan. Sobald sie auf den obern Weg hinaufgelangt waren, begegneten sie Kirchgängern, zu Wagen und zu Fuß, dazwischen Konfirmanden, und hin und wieder in einer Schar weißhaarige Großeltern, die dies eine Mal noch mitmußten.

Es war ein Herbsttag ohne Sonnenschein, wie es zu sein pflegt, wenn das Wetter umschlagen will. Wolken ballten sich zusammen und zerteilten sich wieder, zuweilen entstanden aus einem größern Gebilde zwanzig kleinere, die über den Himmel dahinjagten wie mit Botschaft an das Unwetter; aber unten auf der Erde war es noch still, das Laub hing entseelt da und zitterte nicht einmal, die Luft war etwas schwül; die Leute hatten Reisemäntel mitgenommen, hatten sie aber nicht an. Eine ungewöhnlich große Menschenmenge hatte sich um die freistehende Kirche versammelt; aber die Konfirmanden gingen sofort in die Kirche, um aufgestellt zu werden, ehe der Gottesdienst begann. Da kam der Schulmeister in blauem Anzug, Rock und Kniehosen, hohen Stiefeln, mit steifer Halsbinde und aus der hintern Rocktasche guckender Pfeife den Gang entlang, nickte und lachte, klopfte hier einem auf die Schulter, sprach dort ein paar Worte mit einem andern und ermahnte ihn, laut und deutlich zu antworten, und gelangte während alledem an die Opferbüchse, wo Öyvind stand und alle Fragen seines Freundes Hans wegen der Reise beantwortete. „Guten Tag, Öyvind, ein schöner Tag heute!“ Er faßte ihn beim Kragen seiner Jacke, als wollte er mit ihm reden. „Weißt du, ich habe den besten Glauben von dir. Deswegen habe ich mit dem Pfarrer geredet; du sollst deinen Platz behalten; stell dich oben an als Nummer eins und antworte deutlich!“

Öyvind sah ihn erstaunt an, der Schulmeister nickte ihm zu, der Knabe ging einige Schritte, stand still, ging wieder einige Schritte, stand wieder still; ja freilich ist es so, er hat beim Pfarrer ein gutes Wort für mich eingelegt! und schnell ging der Junge weiter. — „Du sollst ja doch Nummer eins sein!“ flüsterte ihm einer zu. — „Ja,“ antwortete Öyvind leise, wußte aber noch nicht recht, ob es auch wirklich wahr sei.

Die Aufstellung war beendet, der Pfarrer kam, es wurde eingeläutet, und die Kirchgänger strömten herein. Da sah Öyvind Marit Heidehöfen gerade vor sich stehn, auch sie sah ihn; beide aber waren so ergriffen von der Heiligkeit des Ortes, daß sie nicht wagten, sich zu begrüßen. Er sah nur, daß sie strahlend schön war und schwarzes Haar hatte, mehr sah er nicht. Öyvind, der seit länger als einem halben Jahre so stolze Pläne darauf gebaut hatte, daß er ihr gerade gegenüberstehn würde, vergaß, als es so gekommen war, den Platz und sie, und daß er jemals an so etwas gedacht hatte.

Als alles vorüber war, kamen Verwandte und Bekannte, um ihre Glückwünsche abzustatten; dann kamen seine Kameraden, um Abschied von ihm zu nehmen, da sie gehört hatten, daß er am nächsten Tage reisen solle; dann kamen viele kleinere Kinder, mit denen er auf den Hügeln Schlitten gefahren war, und denen er in der Schule geholfen hatte, und der Abschied ging nicht ganz ohne Tränen ab. Zuletzt kam der Schulmeister, er reichte ihm und den Eltern schweigend die Hand und machte ihnen ein Zeichen, daß sie gehn sollten, er würde sie begleiten. Die vier waren wieder zusammen, und jetzt sollte es der letzte Abend sein. Unterwegs nahmen noch viele von ihm Abschied und wünschten ihm Glück, miteinander aber sprachen sie nicht, ehe sie daheim in der Stube waren.

Der Schulmeister bemühte sich, sie bei gutem Mut zu erhalten; es fehlte nicht viel, daß sie alle drei ein Grauen befiel vor der zweijährigen Trennung, jetzt, wo es soweit war, da sie bisher noch nicht einen Tag fern voneinander gewesen waren; aber keins wollte es sich merken lassen. Je mehr sich der Tag neigte, um so beklommener wurde Öyvind; er wollte hinausgehn, um sich ein wenig zu beruhigen.

Es war schon halb dunkel, und ein eigentümliches Sausen ging durch die Luft; er blieb auf der steinernen Schwelle stehn und sah zum Himmel empor. Da hörte er vom Rande des Berges seinen Namen rufen, ganz leise; es war keine Täuschung, denn es wiederholte sich zweimal. Er sah auf und gewahrte eine weibliche Gestalt, die zwischen den Bäumen kauerte und herabsah. — „Wer ist da?“ fragte er. — „Ich höre, daß du fortreisen sollst,“ sagte sie leise, „da mußte ich zu dir kommen, um dir Lebewohl zu sagen, da du nicht zu mir kommen willst.“ — „Liebe, bist du es! Ich will zu dir hinaufkommen!“ — „Nein, tu das nicht, ich habe schon so lange gewartet, und da müßte ich noch länger warten; niemand weiß, wo ich bin, ich muß eilen, nach Hause zu kommen.“ — „Es war hübsch von dir, daß du gekommen bist,“ sagte er. — „Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß du so abreisen solltest, Öyvind; wir haben einander gekannt, seit wir klein waren.“ — „Ja, das haben wir.“ — „Und nun haben wir ein halbes Jahr lang nicht miteinander gesprochen.“ — „Nein, das taten wir nicht.“ — „Wir gingen damals auch so sonderbar auseinander.“ — „Ja — ich glaube, ich muß doch zu dir hinaufkommen.“ — „Ach nein, tu das nicht! Aber sag mir, du bist mir doch nicht böse?“ — „Liebe, wie kannst du das nur glauben!“ — „So leb denn wohl, Öyvind, und hab Dank für alles, was wir zusammen erlebt haben.“ — „Nein, Marit!“ — „Ja, jetzt muß ich gehn, sie werden mich vermissen.“ — „Marit! Marit!“ — „Nein, ich wage es nicht, länger fortzubleiben, Öyvind. Lebe wohl!“ — „Lebe wohl!“

Wie im Traum ging er den Rest des Abends einher und antwortete wie aus weiter Ferne, wenn man ihn anredete; sie schrieben es der Abreise zu, was ja ganz natürlich war, und auf diese war auch seine ganze Aufmerksamkeit gerichtet in dem Augenblick, als der Schulmeister am Abend Abschied nahm und ihm etwas in die Hand gab, was, wie er hinterher sah, ein Fünftalerschein war. Als er sich dann aber später niederlegte, dachte er nicht mehr an die Abreise, sondern an die Worte, die vom Bergrande herabgekommen und hinaufgegangen waren. Als Kind durfte sie nicht auf die Bergwand hinaufkommen, weil der Großvater fürchtete, daß sie herabfallen könnte. Vielleicht kommt sie doch noch herab!

8

Liebe Eltern!

Jetzt haben wir viel mehr zu lernen bekommen, aber jetzt bin ich den andern auch mehr nachgekommen, so daß es nicht mehr so schwer ist. Und wenn ich nun wiederkomme, werde ich viel auf Vaters Stelle verändern; denn da ist vieles verkehrt, und es ist wunderbar, daß es so lange gegangen ist. Aber ich werde es alles in Ordnung bringen, denn ich habe jetzt viel gelernt. Ich habe große Lust, auf eine Stelle zu kommen, wo ich alles das verwerten kann, was ich jetzt gelernt habe; deswegen muß ich mir eine große Stelle suchen, wenn ich fertig bin. Hier sagen alle, Jon Hatlen sei nicht so tüchtig, wie bei uns zu Hause gesagt wird, aber er hat einen eignen Hof, so daß es keinen andern angeht als ihn selber. Viele, die von hier fortkommen, erhalten hohen Lohn; aber sie werden so gut bezahlt, weil unsre Ackerbauschule die beste im Lande ist. Einige sagen, daß eine im nächsten Bezirke noch besser sei, aber das ist gar nicht wahr. Hier sind zwei Worte: das eine heißt Theorie und das andre Praxis, und es ist gut, wenn man sie beide hat, denn das eine ist nichts ohne das andre, das letzte ist aber doch das beste. Und das erste Wort bedeutet die Kenntnis der Ursache und des Grundes zu einer Arbeit, das zweite aber bedeutet, die Arbeit ausführen können, wie zum Beispiel jetzt mit einem Sumpfe, denn da sind viele, die wohl wissen, wie sie es bei einem Sumpfe machen sollten, die es aber trotzdem verkehrt machen, denn sie können es nicht. Viele aber können es und wissen es nicht, und daher kann es auch verkehrt gehn, denn es gibt vielerlei Arten von Sümpfen. Aber wir auf der Ackerbauschule, wir lernen beide Worte. Der Direktor ist so flink, daß sich keiner mit ihm messen kann. Bei der letzten landwirtschaftlichen Versammlung, wo sie aus dem ganzen Lande zusammenkamen, stellte er zwei Fragen auf, aber die Direktoren der andern Ackerbauschulen stellten jeder nur eine auf, und es wurde immer so, wie er es sagte, wenn sie sich die Sache erst ordentlich überlegten. Aber auf der letzten Versammlung, wo er nicht war, da redeten sie nur Unsinn. Den Leutnant, der die Landesvermessung lehrt, hat der Direktor nur wegen seiner großen Tüchtigkeit bekommen, denn die andern Schulen haben keinen Leutnant. Aber er ist so flink, daß er auf der Leutnantschule der allerbeste gewesen sein soll.

Der Schulmeister fragt, ob ich in die Kirche gehe. Freilich gehe ich in die Kirche, denn jetzt hat der Pfarrer einen Hilfsprediger bekommen, und der predigt so, daß ihnen allen in der Kirche ganz bange wird, und das ist ein Vergnügen zu hören. Er gehört zu der neuen Religion, die sie in Christiania haben, und die Leute finden, daß er zu strenge ist, aber das ist ihnen nur heilsam.

Augenblicklich lernen wir viel Geschichte, die wir früher nicht gelernt haben, und es ist merkwürdig, alles zu sehen, was in der Welt vorgegangen ist, namentlich aber bei uns. Denn wir haben immer gewonnen, ausgenommen wenn wir verloren haben, und da sind wir sehr in der Minderzahl gewesen. Jetzt haben wir Freiheit, und die hat kein Volk in so hohem Maße wie wir, ausgenommen Amerika, aber da sind sie nicht glücklich. Und unsre Freiheit sollen wir über alles andre lieben.

Jetzt will ich für diesmal schließen; denn ich habe einen sehr langen Brief geschrieben. Der Schulmeister liest wohl den Brief, und wenn er für Euch antwortet, so soll er mir etwas Neues von diesem und jenem erzählen, denn das tut er nicht. Aber seid jetzt vielmals gegrüßt von

Euerm Euch liebenden Sohn
Öyvind Thoresen.

Liebe Eltern!

Jetzt muß ich euch erzählen, daß hier Examen gewesen ist, und ich bin in vielen Fächern vorzüglich durchgekommen, und sehr gut im Schreiben und im Feldmessen, aber nur ziemlich gut in der Ausarbeitung in der Muttersprache. Das kommt davon, sagt der Direktor, daß ich nicht genug gelesen habe, und er hat mir einige Bücher von Ole Vig geschenkt, die wunderschön sind, denn darin verstehe ich alles. Der Direktor ist sehr gut gegen mich, er erzählt uns so vielerlei. Alles hier ist so ganz klein gegen das, was im Auslande ist; wir verstehn beinahe nichts, sondern lernen alles von Schottländern und Schweizern, von den Holländern aber lernen wir die Gartenkunst. Viele reisen hinüber nach diesen Ländern. In Schweden sind sie ja auch viel flinker als wir, und da ist der Direktor selber gewesen. Nun bin ich bald ein Jahr hier gewesen, und ich glaubte, ich hätte vieles gelernt, aber als ich hörte, was die wußten, die ins Examen gingen, und wenn ich daran denke, daß die auch nichts können, wenn sie mit Ausländern zusammenkommen, so werde ich ganz betrübt. Und dann ist der Boden hier in Norwegen so schlecht gegen den im Auslande; es verlohnt sich gar nicht, was wir auch damit anfangen. Außerdem will auch das Volk keine Neuerungen annehmen. Und wenn sie es auch wollten, und wenn auch der Boden viel besser wäre, so haben sie ja doch kein Geld, um ihn zu bebauen. Es ist merkwürdig, daß es gegangen ist, wie es gegangen ist.

Nun bin ich in der obersten Klasse und soll ein Jahr darin sein, ehe ich fertig bin. Aber meine meisten Kameraden sind verreist, und ich sehne mich nach Hause. Es ist mir, als stünde ich ganz allein, obwohl ich das gar nicht tue; aber es ist so wunderlich, wenn man so lange fort gewesen ist. Ich glaubte einstmals, ich würde hier so flink werden, aber damit sieht es traurig aus.

Was soll ich nun anfangen, wenn ich von hier fortkomme? Zuerst will ich natürlich heim, später muß ich mir wohl etwas suchen, aber es darf nicht weit weg sein.

Lebt nun wohl, liebe Eltern! Grüßet alle, die nach mir fragen, und sagt ihnen, daß es mir gut gehe, daß ich mich nun aber nach Hause sehne.

Euer Euch liebender Sohn
Öyvind Thoresen Pladsen.

Lieber Schulmeister!

Hiermit frage ich Dich, ob Du den einliegenden Brief übersenden und mit niemand davon sprechen willst. Und wenn du es nicht willst, dann mußt Du ihn verbrennen.

Öyvind Thoresen Pladsen.

An
die wohllöbliche Jungfrau Marit Knudstochter
Nordistuen auf den obern Heidehöfen.

Du wirst Dich wohl sehr wundern, wenn Du einen Brief von mir erhältst, aber das sollst Du nicht, denn ich will nur fragen, wie es Dir geht. Darüber mußt Du mich baldmöglichst und in jeder Hinsicht benachrichtigen. Von mir selber ist nur zu melden, daß ich hier in einem Jahre fertig bin.

Ehrerbietigst
Öyvind Pladsen.

An
den Junggesellen Öyvind Pladsen
auf der Ackerbauschule.

Deinen Brief habe ich richtig vom Schulmeister erhalten, und ich will Dir antworten, da Du mich darum bittest. Aber ich fürchte mich davor, weil Du so gelehrt bist, und ich habe einen Briefsteller, aber der will gar nicht passen. So will ich es denn versuchen, und Du mußt den Willen für die Tat nehmen, aber Du darfst es niemand zeigen, denn dann wärst Du nicht der, für den ich Dich halte. Du sollst den Brief auch nicht aufbewahren, denn da kann ihn leicht jemand zu sehen bekommen, sondern Du sollst ihn verbrennen, und das mußt Du mir versprechen. Es ist so mancherlei, was ich gern schreiben möchte, was ich aber nicht recht wage. Wir haben eine gute Ernte gehabt, die Kartoffeln stehn hoch im Preise, und hier auf den Heidehöfen haben wir genug davon. Aber der Bär hat diesen Sommer arg unter dem Vieh gehaust; dem Ole auf den Niederhöfen hat er zwei Stück Rinder zerrissen, und unserm Häusler verletzte er eine Kuh so, daß sie geschlachtet werden mußte. Ich webe an einem sehr großen Gewebe, es hat Ähnlichkeit mit dem schottischen Zeug, und es ist sehr schwer. Und nun will ich Dir auch erzählen, daß ich noch zu Hause bin, und daß andre es gern anders haben möchten. Jetzt hab ich für diesmal nichts mehr zu schreiben und deswegen lebe wohl!

Marit Knudstochter.

N. S. Du mußt diesen Brief aber auch wirklich verbrennen.

An
den Agronom Öyvind Thoresen Pladsen.

Das habe ich Dir immer gesagt, Öyvind, daß wer mit Gott wandert, das bessere Teil erwählt hat. Aber nun sollst Du meinen Rat hören, daß Du die Welt nicht mit Sehnsucht und Widerwillen ansiehst, sondern auf Gott vertraust und Dein Herz sich nicht verzehren lässest, denn dann hast Du einen Gott neben ihm. Ferner muß ich Dir zunächst melden, daß sich Dein Vater und Deine Mutter wohlbefinden, ich aber habe Schmerzen in der einen Hüfte; denn jetzt schlägt der Krieg wieder aus und all das, was man gelitten hat. Was die Jugend sät, das erntet das Alter, und zwar am Geist wie am Körper, der jetzt brennt und schmerzt und zu eitel Klage reizet. Aber klagen soll das Alter nicht, denn Weisheit rinnt aus den Wunden, und der Schmerz predigt Geduld, daß der Mensch Kraft gewinne für die letzte Reise. Heute habe ich aus vielerlei Ursache die Feder ergriffen, und zuerst und vor allen Dingen Marits wegen, die ein gottesfürchtiges Mädchen geworden, aber leichtfüßig ist wie ein Renntier und mit vielen Vorsätzen. Sie möchte sich wohl gern an eins halten, kann es aber nicht wegen ihrer Natur, indessen habe ich oft gesehen, daß der Herr gegen ein solches schwaches Herz langmütig und geduldig ist und es nicht über Vermögen versucht, so daß es in Stücke zerbricht, denn sie ist gar sehr zerbrechlich. Den Brief habe ich ihr richtig gegeben, und sie verbarg ihn vor allen, ausgenommen vor ihrem eignen Herzen. Und wenn Gott dieser Sache seinen Segen verleihen will, so habe ich nichts dagegen, denn sie ist eine Augenlust für junge Männer, wie man leicht sehen kann, und sie hat vollauf an irdischen Gütern, und auch die himmlischen hat sie in all ihrer Unbeständigkeit. Denn die Gottesfurcht in ihrem Sinn ist wie das Wasser in einem seichten Teich, es ist da, wenn es regnet, wenn aber die Sonne scheint, so ist es weg.

Jetzt erlauben meine Augen mir nicht mehr, denn sie sehen gut in die Ferne, schmerzen aber und tränen, wenn ich etwas in der Nähe sehen will. Zum Schluß will ich Dir noch sagen, Öyvind, was Du auch erstrebst und arbeitest, laß allzeit Deinen Gott mit dabei sein, denn wie geschrieben steht: „Es ist besser eine Handvoll mit Ruhe, denn beide Fäuste voll mit Mühe und Jammer“ (Pred. Salom. 4, 6).

Dein alter Schulmeister
Baard Andersen Opdal.

An
die wohllöbliche Jungfrau Marit Knudstochter, Heidehöfen.

Ich danke Dir für Deinen Brief, den ich gelesen und verbrannt habe, so wie Du sagst. Du schreibst von vielerlei, aber gar nichts von dem, was ich wollte, daß Du schreiben solltest. Auch wage ich nicht, von etwas Gewissem zu schreiben, ehe ich nicht erfahre, wie es mit Dir in jeder Beziehung steht. Der Brief des Schulmeisters sagt nichts, woran man sich halten kann, aber er lobt Dich, und dann sagt er, Du seiest unbeständig. Das warst Du früher auch. Jetzt weiß ich nicht, was ich glauben soll, und deshalb mußt Du schreiben; denn ich bin nicht ruhig, ehe Du geschrieben hast. In dieser Zeit denke ich am häufigsten daran, wie Du am letzten Abend auf den Tanz kamst, und was Du da sagtest. Mehr will ich diesmal nicht sagen, deshalb lebe wohl!

Ehrerbietigst
Öyvind Pladsen.

An
den Junggesellen Öyvind Thoresen Pladsen.

Der Schulmeister hat mir einen neuen Brief von Dir gegeben, und den habe ich jetzt gelesen. Aber ich verstehe ihn gar nicht, und das kommt wohl daher, daß ich nicht gelehrt bin. Du willst wissen, wie es mir in jeder Beziehung geht; ich bin gesund und munter, und mir fehlt nichts. Ich esse sehr gut, namentlich wenn es Milchspeisen gibt; in der Nacht schlafe ich und zuweilen auch am Tage. Ich habe diesen Winter viel getanzt, denn es hat hier viele Tanzfestlichkeiten gegeben, und das ist sehr schön gewesen. Ich gehe in die Kirche, wenn nicht zu viel Schnee liegt, aber der hat in diesem Winter hoch gelegen. Jetzt hast Du wohl alles erfahren, und wenn Du es nicht hast, so weiß ich Dir keinen andern Rat, als daß Du mir noch einmal schreiben mußt.

Marit Knudstochter.

An
die wohllöbliche Jungfrau Marit Knudstochter, Heidehöfen.

Deinen Brief habe ich erhalten, aber Du scheinst mich ebenso klug lassen zu wollen. Vielleicht ist dies auch eine Antwort, ich weiß es nicht. Ich wage nichts von dem zu schreiben, was ich wohl schreiben möchte, denn ich kenne Dich nicht. Aber vielleicht kennst Du mich auch nicht?

Du mußt nicht glauben, daß ich noch der weiche Käse bin, aus dem Du Wasser drücktest, als ich dasaß und Dich tanzen sah. Ich habe seitdem auf vielen Borten gelegen, um zu trocknen. Ich bin auch nicht wie die langhaarigen Hunde, die gleich den Schwanz einziehen und sich vor den Leuten fürchten, so wie ich es früher tat; jetzt lasse ich es darauf ankommen.

Dein Brief war spaßig genug; aber er spaßte, wo gar nichts zu spaßen war; denn Du hast mich sehr wohl verstanden, und da hättest Du einsehen können, daß ich nicht aus Scherz fragte, sondern weil ich in der letzten Zeit an nichts andres zu denken vermag als an das, wonach ich fragte. Ich ging voller Angst und Spannung umher, und da kam eitel Spaß und Gelächter.

Lebe wohl, Marit Heidehöfen, ich will Dich nicht zuviel ansehen, so wie bei jenem Tanz. Mögest Du gut essen und gut schlafen und Dein neues Gewebe zustande bringen, mögest Du vor allem imstande sein, den Schnee wegzuschaufeln, der vor der Kirchentür liegt.

Ehrerbietigst
Öyvind Thoresen Pladsen.

An
den Agronom Öyvind Thoresen Pladsen, Ackerbauschule.

Trotz meines hohen Alters und der Schwäche meiner Augen und des Schmerzes in meiner rechten Hüfte muß ich doch dem Drängen der Jugend nachgeben; denn sie braucht uns Alte, wenn sie sich selber festgerannt hat. Sie schmeichelt und weint, bis sie wieder losgekommen ist, dann läuft sie aber wieder davon und will nichts mehr von uns wissen.

Das ist also Marit; sie gibt mir viele süße Worte, und ich soll mit ihr zugleich schreiben, denn sie getraut sich nicht, allein zu schreiben. Ich habe Deinen Brief gelesen; sie hat sich eingebildet, Jon Hatlen oder einen andern Narren vor sich zu haben, nicht einen, den Schulmeister Baard erzogen hat; aber nun weiß sie sich nicht zu helfen. Und doch bist Du zu strenge geworden, denn es gibt gewisse Frauensleute, die scherzen, um nicht zu weinen, und es ist kein Unterschied zwischen beidem. Es gefällt mir aber, daß Du das Ernste ernsthaft nimmst, denn sonst kannst Du nicht über das lachen, was Spaß ist.

Was nun das Gefallen anlangt, das ihr aneinander habt, so ist das aus vielem ersichtlich. An ihr habe ich oft gezweifelt, denn sie ist wie das Wehen des Windes; allein jetzt weiß ich, daß sie Jon Hatlen doch abgewiesen hat, worüber ihr Großvater in heftigen Zorn geraten ist. Sie freute sich, als Dein Antrag kam, und wenn sie scherzte, so geschah das nicht aus bösem Willen, sondern aus Freude. Sie hat viel ausgestanden, und das hat sie getan, um auf den zu warten, nach dem ihr Sinn stand. Nun aber willst Du sie nicht haben, sondern wirfst sie von Dir wie ein unartiges Kind.

Das war es, was ich Dir erzählen wollte. Und den Rat will ich noch hinzufügen, daß Du Dich mit ihr gründlich aussöhnen mußt, denn an Kampf wird es Dir nicht fehlen. Ich bin wie jener Greis, der drei Geschlechter gesehen hat; ich kenne die Torheiten und ihren Lauf.

Von Deinem Vater und von Deiner Mutter soll ich Dich grüßen. Davon habe ich Dir aber bisher nicht schreiben wollen, daß Dich Dein Herz nicht schmerze. Deinen Vater kennst Du nicht, denn er ist wie der Baum, der keinen Seufzer ausstößt, bis er umgehauen wird. Wenn Dir aber einmal etwas zustößt, da sollst Du ihn kennen lernen, und Du wirst Dich wundern wie über eine reiche Stätte. Er ist bedrückt und schweigsam im Weltlichen gewesen, Deine Mutter aber hat sein Gemüt von weltlicher Angst befreit, und nun klärt es sich auf über Tag.

Jetzt umschleiern sich meine Augen, und die Hand will nicht mehr. Deswegen empfehle ich Dich ihm, dessen Auge immer wacht, und dessen Hand nie ermüdet.

Baard Andersen Opdal.

An
Öyvind Thoresen.

Du scheinst böse auf mich zu sein, und das tut mir sehr leid, denn ich meinte es nicht so, ich meinte es gut. Es fällt mir aufs Herz, daß ich oft nicht so gegen Dich gewesen bin, wie ich sollte, und deshalb will ich Dir nun schreiben, aber Du mußt es niemand zeigen. Einmal hatte ich es, wie ich es haben wollte, und da war ich nicht gut; aber jetzt mag mich niemand mehr, und jetzt geht es mir sehr traurig. Jon Hatlen hat ein Spottgedicht auf mich gemacht, und das singen alle Burschen, und ich wage nicht mehr, zum Tanz zu gehn. Die beiden Alten wissen es, und ich muß böse Worte hören. Aber ich sitze allein und schreibe, und Du mußt es niemand zeigen.

Du hast viel gelernt und könntest mir raten, aber Du bist jetzt weit fort. Ich bin oft unten bei Deinen Eltern gewesen und habe mit Deiner Mutter gesprochen, und wir sind gute Freunde geworden, aber ich wagte nicht, ihr etwas zu sagen, denn Du schreibst so sonderbar. Der Schulmeister macht sich nur lustig über mich, und er weiß nichts von dem Spottlied, denn niemand im Kirchspiel wagt so etwas in seiner Gegenwart zu singen. Jetzt bin ich allein und habe niemand, mit dem ich sprechen könnte; ich denke an die Zeit zurück, als wir Kinder waren, und Du so gut gegen mich warst, und ich immer auf Deinem Schlitten sitzen durfte. Und jetzt wünschte ich, daß ich wieder ein Kind wäre.

Ich darf Dich nicht mehr um Antwort bitten, denn das darf ich nicht. Wolltest Du mir aber nur noch einmal antworten, so würde ich es Dir nie vergessen, Öyvind.

Marit Knudstochter.

Verbrenne diesen Brief, Lieber; ich weiß wirklich nicht, ob ich ihn abschicken darf.

Liebe Marit!

Habe Dank für den Brief; den hast Du in guter Stunde geschrieben. Nun will ich Dir sagen, Marit, daß ich Dich so lieb habe, daß ich es hier kaum mehr aushalten kann. Und wenn Du mich ebenso lieb hast, dann sollen Jons Spottlieder und andre böse Worte nur Blätter sein, deren der Baum zu viele trägt. Seit ich Deinen Brief erhalten habe, fühle ich mich wie ein neuer Mensch, denn es ist doppelte Kraft in mich gefahren, und ich fürchte mich vor niemand auf der ganzen Welt. Als ich den vorigen Brief abgesandt hatte, bereute ich es, so daß ich fast krank davon wurde. Und nun sollst Du hören, was dies zur Folge hatte. Der Direktor nahm mich beiseite und fragte mich, was mir fehle, er meinte, ich arbeite zu viel. Da sagte er mir, wenn mein Jahr um wäre, sollte ich noch ein Jahr hierbleiben, und zwar ganz frei; ich sollte ihm bei diesem und jenem behilflich sein, er aber wolle mich noch viel lehren. Da dachte ich, die Arbeit sei das einzige, woran ich mich halten könne, und ich dankte ihm sehr dafür; und auch jetzt bereue ich es nicht, obwohl ich große Sehnsucht nach Dir habe; denn je länger ich hier bin, mit um so größerm Recht kann ich Dich einstmals begehren. Wie froh bin ich jetzt! Ich arbeite für drei, und nie werde ich in einer Sache zurückstehn! Aber Du sollst ein Buch bekommen, das ich lese, denn darin steht viel von Liebe. Am Abend, wenn die andern schlafen, lese ich darin, und dann lese ich auch Deinen Brief wieder durch. Hast Du Dir wohl unser Wiedersehen vorgestellt? Daran denke ich so oft, und Du sollst es auch versuchen und sehen, wie schön das ist. Aber ich bin froh, daß ich so viel zusammengekritzelt und geschrieben habe, obgleich es mir früher so schwer war; denn jetzt kann ich Dir sagen, was ich will, und in meinem Herzen dazu lächeln.

Viele Bücher will ich Dir zu lesen geben, damit Du sehen kannst, wie viele Widerwärtigkeiten die hatten, die einander wahrhaft liebten, so daß sie lieber vor Gram gestorben wären, als daß sie einander aufgegeben hätten. Und so wollen auch wir es machen, und wollen es mit großer Freude tun. Wohl werden fast zwei Jahre darüber vergehn, bis wir uns wiedersehen, und noch länger, bis wir uns haben werden; aber mit jedem Tage, der vergeht, wird es doch einen Tag weniger; so wollen wir denken, während wir arbeiten.

Mein nächster Brief soll von so vielerlei Dingen handeln, aber heute abend habe ich kein Papier mehr, und die andern schlafen. So will ich mich denn hinlegen und an Dich denken, und das will ich tun, bis ich einschlafe.

Dein Freund
Öyvind Pladsen.