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Ein kleines Kind: Weihnachts-Novelle

Chapter 3: 2. Mann und Weib.
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About This Book

A fugitive family — a man, his wife, and their sleeping child — flees across a border to escape political pursuit, confronting a patrol whose attempt at arrest is thwarted by intervening strangers. The plot follows their precarious journey and the tense moments of danger at the frontier, then turns inward to the couple's anguished debates about sacrifice and separation for the child's future. Compact scenes of flight, confrontation, and quiet domestic sorrow examine themes of exile, duty, and compassion, portraying how personal love and political conviction collide in a brief, emotionally charged narrative.

The Project Gutenberg eBook of Ein kleines Kind: Weihnachts-Novelle

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Title: Ein kleines Kind: Weihnachts-Novelle

Author: Karl Wartenburg

Release date: November 11, 2019 [eBook #60672]
Most recently updated: October 17, 2024

Language: German

Credits: Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was
produced from images generously made available by The
Internet Archive)

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KLEINES KIND: WEIHNACHTS-NOVELLE ***

Ein
kleines Kind.


Weihnachts-Novelle
von
Carl Wartenburg.

Der Dienst der Freiheit ist ein schwerer Dienst,
Er bringt nicht Gold, er bringt nicht Fürstengunst;
Er bringt Verbannung, Kerker, Schmach und Tod –
Und doch ist dieser Dienst der höchste Dienst,
Dem sich die Edelsten des Volkes weihen!
L. Uhland.

Wien, 1864.
Verlag von Carl Schönewerk.

Meinem einzigen, geliebten Kinde
Helene
geb. 17. August 1855, gest. 17. August 1861.

1. Auf der Flucht.

Noch wenige Schritte und das deutsche Land lag hinter ihnen ... Die Flüchtlinge holten still stehend Athem, ihre Blicke noch einmal zurückwendend zur alten Heimath. Es waren drei Personen, ein Mann, ein junges Weib und ein kleines Kind, das im Arme des Vaters lag, mit sanft gerötheten Wangen den süßen Schlaf der Kindheit schlummernd, nicht ahnend, daß es in diesem Augenblicke das Vaterland verlor. Eine Thräne flimmerte in den Augen des jungen Mannes. »Lebe wohl, mein Heimathland ... mein liebes, theures deutsches Land ... Ich verlasse dich, gejagt wie ein Thier des Waldes von der Meute, die nach meinem Blute dürstet. Lebe wohl und vergieb mir, daß ich dich zu sehr geliebt ... Gott segne dich, mein deutsches Land ...« Schmerz und Wehmuth erstickten seine Stimme, er verbarg sein Gesicht in dem Lockenköpfchen des Kindes und weinte bitterlich.

Die junge Frau an seiner Seite blickte düster und stumm hinüber nach der deutschen Grenze ... Auch in ihren großen dunklen Augen funkelte eine Thräne, aber es war keine Zähre des Schmerzes und der Wehmuth, wie bei ihrem Gatten ...

Zorn, Stolz, Verachtung sprühten ihre Blicke, und die Lippen des fein geformten Mundes waren fest aneinander geklemmt, als fürchte sie, daß ihr wider ihren Willen ein Laut der Klage entschlüpfen könne ...

So standen sie eine lange Weile, stumm und fast regungslos, ein Jedes die Beute stürmisch fluthender Gefühle ...

Endlich richtete der Mann sein Haupt empor, strich das blonde Haar, das ihm wirr um die Stirne fiel, mit einer lebhaften Geberde zurück und streckte seiner Gattin die mit einem Verbande umhüllte Rechte entgegen: »Laß uns weiter wandern, Fanny,« sprach er mit gefaßter Stimme, »hinein in die unbekannte Fremde, in die weite Welt, in die ich aus dem alten Vaterlande Nichts weiter mit hinüber nehme, als die Freiheit und das Bewußtsein, für unsere Ueberzeugung gestritten und gelitten zu haben.« Sie antwortete ihm mit einem seltsamen Blicke und wendete sich zum Weitergehen, ohne die dargereichte Rechte ihres Gatten zu ergreifen ...

Da raschelte es in den Büschen, welche an dem Ufer des Baches standen, der hier die Grenze zwischen dem deutschen und dem französischem Lande bildet. Gewehrläufe und Helme blinkten in den Strahlen der untergehenden Augustsonne und eine Gendarmeriepatrouille streckte den Flüchtlingen mit dem Zuruf: »Halt! ... Wer da?« ihre Bajonnete entgegen.

Die Flüchtlinge standen still, doch schon im nächsten Augenblicke hatte sich der junge Mann gefaßt und entschlossen antwortete er: »Laßt mich ruhig meines Weges ziehen ... Was kümmert's Euch, wer ich bin, wer giebt Euch das Recht, hier auf diesem Grund und Boden mich anzuhalten?«

»Wer uns das Recht giebt, Mann,« antwortete der Patrouillenführer, indem er auf den Flüchtling zutrat und mit der Säbelscheide auf den Boden stieß, »hier Das gibt uns das Recht, und das Signalement, welches ich hier in meiner Brieftasche trage, worin ein gewisser Walther Dennhardt, seines Zeichens ein Bildhauer, der an dem Aufruhr in der Pfalz und Baden thätigen Antheil genommen, verfolgt wird.«

»Und wenn ich Der wäre, den Ihr sucht,« rief der Flüchtling mit drohender Geberde, indem er das schlafende Kind in die Arme der jungen Frau legte, welche mit einer gewissen düsteren Ruhe dem Vorgange folgte, »so habt Ihr kein Recht, mich hier auf französischem Gebiete ... anzuhalten. Darum gebt mir freie Bahn oder ich schaffe sie mir ...« Und er zog mit der Linken unter der Blouse eine doppelläufige Pistole hervor, die er dem Patrouillenanführer entgegen streckte.

»Wie! Ihr wagt es Euch zur Wehre zu stellen,« schrie der Gendarmerie-Officier, indem er den Säbel zog, »vorwärts, Leute, faßt ihn.«

Ohne Zweifel wäre jetzt eine Scene der Brutalität, der Kampf einer vielfach überlegenen Gewalt mit einem Einzelnen erfolgt, wenn nicht in demselben Augenblicke die Gendarmen durch den lauten und energischen Zuruf: »Halte!« der von dem Saume des Birkenwäldchens her erscholl, welches sich links an dem Bache hinzog, stutzig gemacht worden wären.

Sowohl Verfolger als Verfolgte wendeten gleichzeitig ihre Blicke nach der Richtung, von woher der Ruf gekommen, und sahen drei junge Männer in eleganter Kleidung, die Jagdflinte über den Rücken geworfen, herankommen.

»Was giebt es da, was geht hier vor?« frug der Vorderste von ihnen, der einen schönen großen englischen Wasserhund an einer langen seidenen Schnur hielt, in französischer Sprache – und dabei glitt sein großes dunkles Auge über die Gruppe, bis er auf der jungen Frau haften blieb.

»Wir sind eben im Begriff einen Verbrecher zu verhaften, einen Aufrührer und Rebellenführer, und Sie werden uns einen Gefallen thun, wenn Sie uns bei diesem Geschäft nicht weiter stören,« antwortete in schlechtem, aber doch verständlichem Französisch der Gendarmerie-Officier, indem er die Hand nach dem Flüchtlinge ausstreckte, der beim Herzutreten der drei jungen Männer seine Waffe gesenkt hatte.

»Gemach, mein Herr,« unterbrach ihn der junge Mann, indem er zwischen den Patrouillenführer und den Verfolgten trat, »und wer giebt Ihnen das Recht dazu?«

Erbitterte es den Officier, aus dem Munde des Fremden denselben Einwurf zu hören, den ihm der Flüchtling entgegen gehalten, oder dürstete er zu sehr nach Auszeichnung und Beförderung, die ihm gewiß war, wenn er den Flüchtling einfing, genug, er vergaß alle Rücksichten der Klugheit, und ungeduldig über die Hindernisse, welche sich der Gefangennahme des proscribirten Freischaarenführers entgegensetzten, rief er brüsk:

»Ich weiß nicht, wer Sie zu dieser Frage berechtigt ... gehen Sie Ihre Wege und mischen Sie sich nicht in die Angelegenheiten Anderer ... Und nun vorwärts, Ihr Leute, nehmt den Mann und das Weib mit dem Kinde in die Mitte.«

Eine dunkle Röthe hatte schon bei den ersten Worten des Officiers die Stirne des jungen Mannes gefärbt, doch bezwang er sich so weit, daß er den Andern vollenden ließ.

Wie aber die Polizeisoldaten Miene machten den Befehl ihres Vorgesetzten auszuführen, hob er drohend seine Flinte und rief mit gebieterischer Stimme, während er zugleich mit Anstrengung den Hund, welcher sich vom Instinct getrieben auf den Gendarmerie-Officier stürzen wollte, zurückhielt:

»Wie? Unverschämter, antwortet man so auf eine höfliche Frage ... Und habt Ihr,« und er trat einen Schritt gegen den Officier vor und blickte ihn durchdringend an, »habt Ihr vergessen, daß Ihr Euch einer Grenzverletzung schuldig gemacht habt und auf dem Boden der französischen Republik steht? Habt Ihr nicht jenen Grenzpfahl gesehen?« Und er deutete auf einen blau-weiß-rothen Grenzbaum, an welchem eine Tafel befestigt war, auf welcher die Worte standen: »République française

»Ich könnte Euch,« fuhr er ruhiger fort, als er bemerkte, wie die Gendarmen nebst ihrem Führer verlegen wurden, »ich könnte Euch festnehmen lassen und nach Straßburg abliefern, wo man Euch den Proceß machen würde wegen Verletzung der Republik mit gewaffneter Hand, aber ich will Nachsicht üben ... Doch jetzt macht schnell, daß Ihr fortkommt, oder ich schicke Euch den Gendarmerie-Capitain Molet über den Hals, der in dem Schlosse dort,« und er deutete auf ein hinter dem Birkenwäldchen liegendes kleines Gebäude »einquartirt ist.«

Murrend und knurrend, wie eine Meute, die der Befehl des Herrn von einem Stück Wild zurückruft, welches sie eben zerreißen will, trat die Streifpatrouille den Rückzug auf das deutsche Gebiet an und war bald in dem Gebüsche jenseits des Baches verschwunden.

Der Flüchtling streckte dem jungen Manne tief bewegt die Hand entgegen.

»Nehmen Sie den Dank eines Mannes hin, der nie vergessen wird, daß Sie dem heimathlosen Flüchtling die Freiheit retteten, für die er im Vaterlande mit den Waffen gekämpft.«

Der Andere entgegnete, die dargebotene Hand conventionell ergreifend und mit einer Gemessenheit des Tones, die fast überraschend abstach gegen die eben in der Vertheidigung des Verfolgten gezeigte Wärme:

»Es ist gut, mein Herr, Sie sind mir keinen Dank schuldig ... Wenn ich zwischen Sie und Ihre Verfolger trat, so geschah es nicht aus Sympathie für die Grundsätze, welche Sie hegen, denn ich hasse die Revolution und jene demokratischen Freiheitsideen, welche jetzt die Köpfe der Menge verwirren, sondern es geschah, weil ich sah, daß Sie Gatte und Vater sind.«

Und wieder traf ein leuchtender Blick seines Auges die junge Frau, welche unwillkürlich erröthend zur Erde niedersah.

Ein leichter Schatten verdüsterte auf einen Moment des Flüchtlings Stirne, als sein Befreier in so ablehnender Weise auf den warmen Ausbruch seines dankerfüllten Herzens antwortete, allein er unterdrückte dieses Gefühl rasch und sprach:

»Gleichviel ... wenn Sie auch kein Anhänger der Grundsätze sind, für welche ich gefochten und geblutet habe ... Walther Dennhardt wird doch nie aufhören sich Ihrer dankbar zu erinnern, und wenn Sie einst einen Mann suchen, der Ihnen einen großen Dienst leisten soll, so mögen Sie meiner eingedenk sein ... Und nun leben Sie wohl, mein Herr ... die Sonne sinkt und es ist noch eine tüchtige Strecke Wegs zur nächsten Eisenbahnstation. Gieb mir das Kind, Fanny.«

Die junge Frau reichte ihrem Gatten das Kind, welches noch immer schlummerte, und grüßte mit stummer Verbeugung den jungen Mann und seine beiden Freunde, die stille Zuschauer der Scene geblieben waren.

Auch der Flüchtling grüßte noch einmal seinen Helfer in der Noth mit einem Blick des Danks, dann wendete er sich zur Linken, der Heerstraße zu, welche nach der Hauptstadt des Elsasses führte, gefolgt von Fanny, die gedankenvoll hinaus ins Weite sah.

Sie waren schon zehn Schritte gegangen, als sie sich noch einmal von dem Andern angerufen hörten. »Ein Wort noch, mein Herr,« rief der junge Mann, auf die Stillstehenden zugehend, »Sie wollen heute noch nach Straßburg ... ich glaube kaum, daß es Ihnen möglich sein wird die Stadt heute vor später Nacht zu erreichen ... Es ist jetzt fünf Uhr ... in wenigen Stunden bricht schon die Nacht an und Sie haben noch zwei Meilen bis dorthin ... Für eine zarte Frau und für ein Kind von so jungem Alter dürfte eine Nachtreise doch bedenklich sein.«

Dennhardt warf einen fragenden Blick auf seine Gattin.

»O, was mich betrifft,« entgegnete die junge Frau mit Stolz und Energie, »so brauchst Du keine Rücksicht darauf zu nehmen ... ich hasse jenes Land,« und sie deutete nach der deutschen Grenze; »ich habe es nie geliebt ... und jeder Schritt, der mich weiter davon entfernt, dünkt mir Gewinn zu sein.«

Es waren die ersten Worte der jungen Frau, und das reine Französisch, in welchem sie gesprochen wurden, überraschte den Andern ebenso wie der energische Ausdruck des Hasses gegen Deutschland, der sich in ihnen aussprach.

»Sie sind eine Landsmännin von mir?« frug der junge Franzose mit lebhaftem Tone.

»Meine Frau ist Brüsselerin,« fiel der Flüchtling ein, indem sich eine Wolke auf seiner Stirn zeigte, »für die aber Deutschland die zweite Heimath wurde, die sie nie aufhören sollte zu lieben ... die sie nie schmähen sollte, selbst nicht in Momenten, wo die Seele erfüllt ist von Bitterkeit und dem Bewußtsein erlittenen Unrechts.«

Die Frau schwieg auf diese mehr schmerzliche, als in vorwurfsvollem Tone gesprochene Bemerkung ihres Gatten, und der junge Mann fuhr rasch fort: »Ich wollte Ihnen nur einen Vorschlag machen, der Ihnen unter diesen Umständen vielleicht annehmbar erscheinen dürfte. Ich bin der Besitzer dieser Fluren und jenes Schlosses, welches Sie dort hinter dem Birkenwäldchen sehen ... Wenn Sie sich hier von den Anstrengungen Ihrer Flucht erholen wollen, so steht es zu Ihrer Verfügung ... Doch,« fügte er rasch hinzu, als er eine gewisse Unentschiedenheit in den Zügen des Flüchtlings zu erblicken glaubte, »doch zuvor ist es nöthig, daß wir näher mit einander bekannt werden ... Kennen wir doch nicht einmal unsere Namen. Ich bin der Vicomte Edmund von Grandlieu.«

»Mein Name ist Walther Dennhardt, Bildhauer meinem Berufe nach.«

»Wie? Sie sind Bildhauer ... o, Das trifft sich ja herrlich,« fiel der junge Baron von Grandlieu ein, »ich habe eine wundervolle Antike in meinem Parke, eine Statue der Juno, an der leider ein Theil des rechten Armes fehlt ... Sie könnten, Herr Dennhardt, in voller Muße diesen Mangel ergänzen und mich dadurch zum lebhaftesten Dank verbinden.«

Mit einem schmerzlichen Lächeln zeigte der Bildhauer auf seine verwundete und mit Bandagen umhüllte Rechte. »Es thut mir in der That wehe, Herr Vicomte, daß ich Ihnen meine Dankbarkeit so schlecht beweisen kann. Ich werde wohl nicht so bald wieder den Meißel und den Hammer führen können. Der Bajonnetstich, der mir die Hand durchstach, hat vielleicht meiner Künstlerlaufbahn für immer ein Ende gemacht. Und nun nochmals herzlichen Dank für Ihr gastfreundliches Anerbieten, wenn wir dasselbe auch nicht annehmen können.«

»Wie, Sie wollen?« erwiderte der Baron von Grandlieu, indem er ein Gefühl der Verstimmung, welches ihn bei der abschläglichen Antwort des Bildhauers überkommen, unterdrückte. »Und wenn Sie vielleicht das Schicksal nach Paris führen sollte, so vergessen Sie dann nicht das Hôtel Grandlieu in der Rue de la Paix.«

Er grüßte, ließ noch einen lebhaften Blick auf die junge Frau fallen und ging dann zurück zu seinen Freunden, während die Flüchtlinge ihren Weg nach Straßburg fortsetzten, stumm und ernst, ein Jedes mit seinen Gedanken an die Vergangenheit und die ungewisse Zukunft beschäftigt, ein Jedes fühlend, daß zwischen ihnen Etwas lag, worüber es zur Erklärung kommen mußte.

2. Mann und Weib.

Die Vorhersagung des Barons von Grandlieu war in Erfüllung gegangen. Das Geschick hatte Walther Dennhardt nebst Frau und Kind nach Paris geführt ... An einem heitern Septembermorgen war er in der französischen Hauptstadt, die ihm schon von einem frühern Aufenthalte her nicht ganz unbekannt war, angelangt und hatte sich mit seiner kleinen Familie in einer der Vorstädte, in der Nähe von Belleville, eingemiethet.

Es war an einem Nachmittag, vielleicht eine Woche nach der Ankunft in Paris, als Dennhardt mit seinem Kinde am Fenster saß und gedankenvoll hinüberschaute in den Park des Nachbarhauses, in welchem der Herbstwind schon gelbe Blätter über die noch grünen Rasenplätze trieb.

Seine Frau war mit einer Dienerin ausgegangen, um einige Einkäufe für die häusliche Einrichtung zu besorgen. Dennhardt hatte eine Weile mit dem Kinde gescherzt und gespielt, bis es müde geworden das Köpfchen an seine Brust gelehnt hatte und eingeschlummert war.

Leise und vorsichtig, um die schlafende Kleine nicht zu erwecken, erhob er sich und legte sie behutsam in das kleine braunlackirte Schaukelbett, welches unweit des Fensters stand. Dann rückte er sich seinen Sessel an die Wiege und versank von Neuem in tief-ernstes Sinnen und gedankenschweres Brüten ... Die letzten drei Jahre, zugleich die bedeutungsvollsten seines Lebens, zogen an ihm vorüber. Gerade vor drei Jahren hatte er Paris, wo er in dem Atelier eines der berühmtesten Meister gearbeitet, verlassen, um einen Auftrag auszuführen, welchen er von der belgischen Regierung erhalten hatte. Er ging nach Brüssel, und hier war es wo er Fanny kennen lernte. Sie gehörte einer reichen adeligen Familie an, die sich lange gegen die Verbindung mit dem deutschen Künstler, der zwar einen ehrenvollen Namen in seiner Kunst, aber doch nur einen bürgerlichen trug, sträubte.

Aber Fanny war eine energische Natur; gerade der Widerstand, den sie fand, reizte sie, und eines Tages war sie mit Dennhardt aus Brüssel entflohen, um sich in einer Grenzstadt an der belgisch-holländischen Grenze mit dem Geliebten trauen zu lassen. Der Familie blieb darauf weiter Nichts übrig, als zu der vollendeten Thatsache ihre Zustimmung zu geben. Im Grunde der Herzen blieb aber der Zwiespalt unausgeglichen, und Dennhardt, Dies fühlend, verließ Brüssel, sobald er die übernommene Arbeit vollendet hatte.

Er kam nach Deutschland zurück in einer Zeit, deren mächtiger Zug auch kältere und weniger für alles Große und Schöne im Menschen- und Völkerleben begeisterte Naturen in unwiderstehlicher Gewalt mit sich fortriß, im Anfange des Jahres 1847.

Welches Ringen, welches Streben, welches Kämpfen in der Welt der Geister, auf allen Gebieten des Lebens, der Politik, der Kunst, der Literatur, der Gesellschaft. Die alte Weltordnung war im Begriff vollends unterzugehen, auch jene letzten Trümmer noch, welche die Revolution von 1789 übrig gelassen und die von der Restauration von 1815 mit aller Macht und Anstrengung aufrecht erhalten worden waren. In Frankreich klopfte die Revolution schon an die Thore eines Königspalastes, dessen Bewohner vielleicht hauptsächlich deßhalb seine Krone verlor, weil er über den schön aufgeputzten Reden und Declamationen einer corrumpirten, mit Orden, Titeln und Aemtern erkauften Kammermehrheit den Nothschrei und den Weheruf des Volkes in den Straßen überhörte.

In der Schweiz stand sich das Jesuitenthum von Luzern und das freie Bürgerthum der Eidgenossenschaft mit gewaffneter Hand gegenüber, schon witterte man in der Luft der Schweizerberge Etwas von einem Pulverdampfe, der wenige Monate später über die Ebene am Gislikon wogte und in dessen Wolken das jesuitische Sonderbündlerthum ersticken sollte ... Dazu die Bewegung der Geister in Deutschland selbst! Seit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelm's IV. von Preußen war ein Ringen und Kämpfen entstanden auf den Gebieten des öffentlichen Lebens, wie man es vorher in Deutschland in dieser Weise nicht gekannt hatte. Große und leidenschaftliche Hoffnungen hatten sich an den Regierungsantritt dieses Königs geknüpft. Kaum ein Jahr war verflossen, und man sah mit zweifelloser Klarheit, daß man sich getäuscht hatte.

In der Presse, in den Kammern, in der Wissenschaft, auf dem Gebiete der Religion, überall liefen die Vorkämpfer der neuen Ideen Sturm gegen die alten Traditionen. Die Reden Itzstein's, Welcker's, Hecker's, Bassermann's, in der badischen zweiten Kammer fanden einen Wiederhall in ganz Deutschland und weckten gleiche Stimmen im Ständesaal zu Dresden, während die Presse mit ihrer ganzen Macht die Kammerredner unterstützte. Alles rief nach Freiheit; und so unklar für Tausende auch dieser Begriff war, so wunderlich die Vorstellungen, welche sich Viele von der Freiheit machten; das Wort hatte einen Zauberklang, der die Herzen mit gewaltiger Kraft ergriff und mit sich fortzog ... Die »Vaterlandsblätter« Robert Blum's, Gustav Struve's »Deutscher Zuschauer,« Keil's »Leuchtthurm« wurden heißhungrig verschlungen und jedes Blatt warf neue Funken in die schon entzündeten Gemüther. Dazu der Kampf auf dem Gebiete der katholischen Kirche, welchen Johannes Ronge durch seinen berühmten Fehdebrief aus Laurahütte an den Bischof Arnoldi von Trier zum Ausbruch gebracht hatte, die Aufregung der Geister wegen Lösung der socialen Frage, die immer drohender heranrückte und ihre Tirailleurs in ganzen Schwärmen socialistischer Schriftsteller vorausschickte, der ängstliche zögernde, halbe Widerstand der Staatsgewalten, welche den Boden unter ihren Füßen wanken fühlten, – alle diese Momente mußten eine so empfängliche Natur, wie Walther Dennhardt, mit unwiderstehlicher Gewalt ergreifen.

Und Fanny? Sie war oder schien wenigstens ebenso leidenschaftlich für die Ideen der Freiheit und Gleichheit begeistert zu sein wie ihr Gatte, und als die gewaltige Katastrophe der Februarrevolution ausbrach, Deutschland von ihrer Macht ergriffen wurde, in Wien und Berlin die Barrikaden sich erhoben, da bedurfte es der ganzen Ueberredungsgabe Dennhardt's, um die junge Frau abzuhalten gleich ihm auf den Barrikaden gegen die Soldaten zu fechten ... Es liegt nicht in unserer Absicht, in dieser Erzählung alle die verschiedenen Phasen der so denkwürdigen Bewegung von 1848 und 1849 zu schildern, wir wollen nur so viel erwähnen, daß Walther Dennhardt und seine junge Frau sich den entschiedensten Vorkämpfern der demokratischen Partei anschlossen, und im Frühjahr 1849 finden wir sie in Baden, wo die letzten Kämpfe der Bewegung ausgefochten wurden. Hier entdeckte Dennhardt, dem seine Gattin im Sommer 1848 eine Tochter geboren hatte, zum ersten Mal einen Zwiespalt zwischen seinen und Fanny's Ansichten.

Die provisorische Regierung bot ihm die Stellung eines politischen Commissärs an. Er sollte mit ausgedehnten Vollmachten nach dem Schwarzwald geschickt werden, um dort die Bewegung zu organisiren. Es war dies eine Stellung ganz selbständiger Natur und von bedeutendem Einfluß.

Dennhardt schlug sie jedoch aus und zog es vor, als Freischaarenführer in die Reihen der Kämpfer zu treten.

Fanny machte ihm hierüber Vorwürfe: »Warum hast Du dieses Amt nicht angenommen?« sprach sie »und verurtheilst Dich selbst zu einer so niedrigen Stellung? Als ob es nicht Tausende genug gäbe, die gut zum Dreinschlagen sind. O, Ihr idealen deutschen Schwärmer, Ihr werdet niemals eine wirkliche Revolution zu Stande bringen; denn es fehlen Euch die energischen revolutionären Naturen. Ueberall diese ängstliche Bescheidenheit und Blödigkeit, die jungen Mädchen gut steht, aber wahrlich Männern nicht geziemt, welche eine Staatsumwälzung vollführen wollen.«

»Ich kämpfe nicht aus selbstsüchtigen, persönlichen Motiven, sondern für meine Ueberzeugung, für Deutschlands Einheit und Freiheit; ich schlug diesen Antrag aus, weil ich fühlte, daß ich dieser Aufgabe nicht gewachsen war. Als Kämpfer aber kann ich meine Pflicht erfüllen.«

Fanny lächelte spöttisch: »War es nicht ein deutscher Dichter, Euer Göthe, welcher das Wort vom Dienen und Herrschen sprach? Wohl, wenn die Freiheit und Einheit Deutschlands erkämpft ist, wird es noch immer Solche geben, die befehlen, und Solche, welche gehorchen müssen. Hast Du so große Lust zu den Letztern zu schwören?«

»Weder zu den Einen, noch zu den Andern ... ich will Nichts weiter als ein freier Bürger im freien Vaterlande sein. Doch lassen wir Das,« sprach er abbrechend, »diese Erörterung ist überflüssig ... und schmerzlich dabei ist mir nur das Eine, daß Du, Fanny, so wenig meine Grundsätze und Ueberzeugung kennst.«

Fanny schwieg. Doch als der Gang der Begebenheiten immer verhängnißvoller wurde, der Sieg der Sache, für welche Dennhardt die Waffen in feuriger Begeisterung ergriffen, immer zweifelhafter, da mußte er manche bittere Bemerkung seines Weibes hinnehmen, und obwohl widerstrebend mußte er sich doch gestehen, daß Fanny nicht aus Enthusiasmus, aus innerer Ueberzeugung seine politischen Bestrebungen gebilligt und an ihnen Theil genommen hatte, sondern aus ganz andern Beweggründen. Zur vollen Gewißheit darüber gelangte er nach jenem Auftritt an den Ufern des Rheins, wo er nur durch das Dazwischentreten des französischen Barons vom Kerker errettet wurde. Dennhardt hatte Fanny Vorwürfe über ihr gehässiges Wort gegen Deutschland, das sie dem Baron von Grandlieu gegenüber ausgesprochen, gemacht.

Da war ihrem Herzen in leidenschaftlicher Rede all die Bitterkeit entquollen, die sich lange in ihr angehäuft hatte.

»Du willst mir Vorwürfe machen,« hatte sie ihm erwiedert, »daß ich mit Worten des Hasses und des Abscheues von Deinem Deutschland gesprochen habe. Kann ich aber andere Empfindungen gegen Dein Vaterland haben? Ist es nicht das Grab aller meiner Hoffnungen und Träume geworden, hat es mir etwas Anderes als Täuschungen geboten?«

Und als Dennhardt sie mit einem großen fragenden Blicke angesehen, hatte sie unter dem Eindrucke einer sich immer höher steigernden Erregung weiter gesprochen:

»Du weißt es, Walther, als ich Dein Weib wurde, da liebt' ich Dich stark und innig. Aber ebenso liebte ich auch Deinen Künstlerruhm, den Namen, den Du Dir durch Deine Werke errungen hattest. Oder glaubst Du, daß ich, die Tochter eines edlen Geschlechts, Dir mein Herz und meine Hand gegeben hätte, wenn Du ein unbekannter und unbedeutender Mensch, ein Mann ohne Namen und ohne Zukunft gewesen wärest?«

»Wie!« unterbrach sie bei diesen Worten ihr Mann mit schmerzlichem Ausdruck in Rede und Geberde, »so war es nicht der Mann, den Du in mir liebtest, sondern der Künstler, nicht Walther, sondern der Bildhauer Dennhardt?!«

»Ich kann den Einen nicht von dem Andern trennen. Ich sah in Dir den gefeierten Künstler und den Mann von Geist und Kraft, der ringend und strebend seine Hand nach dem Höchsten auszustrecken wagt, das uns vom Leben dargeboten wird. Und nun ...«

»Bin ich ein heimathloser Flüchtling,« fiel Dennhardt mit schmerzlicher Bitterkeit ihr ins Wort, »der das bittere Brod der Verbannung essen muß und Du mit ihm ... O Fanny, dieses Wehe den Besiegten! aus Deinem Munde zu hören, Das brennt mich mehr als es jemals diese Wunde hier gethan.«

Aus Fanny's Augen brach ein Blick verletzten Stolzes hervor.

»Du kennst mich wahrlich schlecht,« antwortete sie leidenschaftlich, »wenn Du glaubst, daß es die Furcht vor der ungewissen Zukunft unseres Schicksals ist, was mich beunruhigt und aufreizt ... Oder, daß ich deßhalb in Vorwürfe und Klagen ausbreche, weil die Sache, für welche Du gefochten, unterlegen ist ... Nein, nicht Das ist es, sondern weil ich sehe, daß Du nicht zu jenen kühnen und energischen Naturen gehörst, welche zu den Höhen des Lebens emporstreben.«

»Sprich nicht weiter ...« unterbrach sie Walther mit einer Geberde und einem Ausdruck in Blick und Ton, vor welchem sie die Augen zur Erde senken mußte, »ich weiß genug, Du brauchst Nichts mehr hinzuzusetzen ... Also nicht die gleiche Ueberzeugung, wie ich sie habe, die Ueberzeugung, für eine große, gerechte und edle Sache zu kämpfen, war es, welche Dich beseelte, nicht die Uebereinstimmung mit den Grundsätzen Deines Gatten, die Liebe zur Freiheit sprach aus Dir, sondern die Leidenschaft zu herrschen und zu glänzen, jener ungezügelte Ehrgeiz, für den die Ideen nur die Mittel zur Erreichung selbstsüchtiger Zwecke sind. Mein Ruf und Ruhm als Künstler, den ich mir in strenger Arbeit meines Berufs erworben, er genügte Dir nicht mehr, Dein nach äußerer Ehre und glänzender Lebensstellung dürstendes Herz begehrte mehr ... Suche weder mich noch Dich selbst zu täuschen, Fanny, Du bist nicht die Einzige Deines Geschlechtes, die so empfindet ... Ich habe in dieser sturmbewegten Zeit, wo alle Kräfte und Elemente der Menschen- und Volksnatur entfesselt wurden, gar manche Frau gefunden, welche von gleichen Gefühlen bewegt wurde; aber nie hätte ich geglaubt, daß Du auch zu ihnen gehörtest. Es muß wohl wahr sein,« setzte er mit einem bittern Lächeln hinzu, während der Ton seiner Stimme zu einem dumpfen Murmeln herabsank, »es muß wohl wahr sein das alte Wort, daß die Liebe Diejenigen blendet, welche ihr unterthan sind.«

So endete jenes Gespräch auf der Flucht.

Konnte bei so einander widerstrebenden Ansichten ein inniges Verhältniß zwischen den beiden Gatten fortbestehen?

Ein Jedes von ihnen fühlte nur zu deutlich, daß Dies nicht möglich sei.

Wenn Walther und Fanny gewöhnlichere Naturen gewesen wären, so hätte vielleicht mit der Zeit eine Ausgleichung stattgefunden.

Allein er wie sie waren zu bestimmt ausgeprägte Charaktere; der ideale Zug Walther's, der ihn zum Märtyrer für die Freiheit gemacht, die uneigennützige Hingabe an eine große und heilige Sache stand in schroffem und unvermitteltem Gegensatz zu Fanny's Wesen. Ihr Gatte hatte nicht Unrecht gehabt, als er sie vor Selbsttäuschung warnte, die junge Frau war sich in der That über den Ursprung ihrer Empfindungen und Meinungen nicht klar.

Fanny war Nichts weniger als ein Mannweib oder eine Emancipirte, wie es deren während der Bewegungsjahre eine ziemliche Anzahl unter den Frauen gab. Nicht die Begeisterung für die großen Ideen der Demokratie hatte sie beseelt, sondern ganz andere Motive hatten sie zur Anhängerin der Bewegung gemacht.

Dennhardt lebte, wie wir schon erzählt, vor dem Ausbruche der Märzrevolution in einer deutschen Residenzstadt.

Sein Beruf brachte ihn in häufige Berührung mit der sogenannten vornehmen Gesellschaft. Frauen und Männer aus diesen Kreisen besuchten sein Atelier, fast täglich hielten die Wagen der Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hofs vor seinem Hause.

Allein man kennt ja die chinesische Abgeschlossenheit der vornehmen Kasten in unserm Deutschland; trotzdem, daß Dennhardt's Werkstatt nicht leer wurde von vornehmen Besuchen, blieben ihm und seiner Frau doch die geselligen Kreise dieser Besucher verschlossen. Ja, wenn er wenigstens Baron, Ritter eines hohen Ordens oder Hofrath vierter Classe gewesen wäre!

Allein ihm fehlte jedes dieser Verdienste, er war und wollte nicht mehr sein als der Bildhauer Walther Dennhardt. Es half ihm Nichts, daß sein Name in der Kunst ein hoch geachteter, sogar berühmter war, all sein Künstlerruhm öffnete ihm nicht die Thüren zu jenen aristokratischen Salons, in welchen Abends die Herren und Damen über die Statuen und Gruppen plauderten, die sie des Morgens in seinem Hause bewundert hatten. Ihm persönlich war Dies nun freilich sehr gleichgültig. Dennhardt würde selbst diese geselligen Cirkel gemieden haben, wenn man ihn mit Einladungen überhäuft hätte.

Er war ein principieller Gegner der Anschauungen, die unter diesen Leuten gang und gäbe waren, er war mit Leib und Seele viel zu sehr Demokrat, als daß er sich in dem Umgange mit diesen Aristokraten hätte wohl fühlen können. Hätte er ihnen doch sogar gern seine Werkstatt geschlossen, wenn Dies möglich gewesen wäre. Außer in einem kleinen Kreise gleichgesinnter Freunde, welche theils Künstler, theils Gelehrte, Schriftsteller, Aerzte, Advokaten waren, bewegte sich Dennhardt häufig in jenen Volkskreisen, wo der Mangel an positiver Bildung und Formengewandtheit durch die Naivetät der Empfindung und durch die selbstlose Hingebung an oft selbst mißverstandene Ideen aufgewogen wird. Anders war es bei Fanny.

Sie, die Tochter eines adeligen vornehmen belgischen Geschlechts, welche dem jungen deutschen Künstler vielleicht eben so sehr aus Liebe als aus Trotz gegen ihre widerstrebende Familie ihre Hand gegeben, sie mit ihrem stolzen Sinn, der gewöhnt war an Glanz und Huldigungen, sie, die schöne junge Frau, nicht ganz frei von jener Koketterie, welche unbekümmert um die Wunden, die sie schlägt, so gern stolze Triumphe feiert, sie fühlte sich durch jene schroffe Abgeschlossenheit der vornehmen Kaste verletzt, gekränkt.

War der Adel ihrer Familie nicht ebenso alt als der dieser hochmüthigen deutschen Baroninnen und Gräfinnen, war sie nicht ebenso schön, vielleicht noch schöner und jedenfalls viel geistreicher als eine Menge dieser vornehmen Damen, welche das Vorrecht genossen, bei den Festen des königlichen Hofes erscheinen zu dürfen, die den gesellschaftlichen Ton angaben und deren Namen stets genannt wurden, wenn von den Bevorzugten der Gesellschaft gesprochen wurde?

Es wäre ein Wunder gewesen, wenn sich Fanny's stolze Natur nicht aufs tiefste dadurch hätte verletzt fühlen sollen. Ihr Haß gegen jene vornehme Kaste steigerte sich täglich, mit fieberhafter Hast las sie die Werke der französischen und deutschen Socialisten und verfocht in den Kreisen der Freunde ihres Mannes die Grundsätze der socialen Gleichheit mit einer Leidenschaftlichkeit, wie man sie nur bei heißblütigen Frauennaturen findet.

So geschah es, daß Fanny ihrem Gatten als begeisterte Anhängerin der Grundsätze, für welche er selbst das Leben einzusetzen bereit war, erscheinen mußte.

Erst als die Katastrophe eintrat, welche ihn zum heimathlosen Flüchtling werden ließ, kannte er die tiefe Kluft, welche zwischen seinen und seiner Gattin Ideen lag.


Dies Alles bei sich im Geiste erwägend, saß Dennhardt an dem Herbstnachmittag an der Wiege seines Kindes in jenem Hause der Vorstadt von Belleville.

3. Ein kleines Kind.

Der Winter lag auf der Stadt Paris, ein echter nordischer Winter mit Schneegestöber und schneidender Kälte. Weihnachten, das heilige Fest, an welchem die Engel des Himmels wie die Engel der Erde die kleinen Kinderherzen, aufjauchzen in seliger Freude, stand vor der Thür.

Noch wenige Stunden und herab senkte sich auf die dunklen Fluren die geweihte Nacht, die einst mit den erhabenen Worten der Verheißung: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!« den armen Hirten verkündigt wurde.

Friede auf Erden! Hohe, schöne Botschaft der himmlischen Heerschaaren! Aber wo ihn suchen, um ihn zu finden diesen Frieden, von dem die Engel auf jenem Felde Palästina's sangen? In der Natur, wo oft urplötzlich entfesselte Kräfte mit wilder dämonischer Gewalt losbrechen, Zerstörung und jähe Vernichtung in ihrem Gefolge? Bei den Thieren des Feldes oder des Waldes, die vom Hunger gestachelt in blutigem Kampfe sich zerfleischen? Oder bei den Menschen? Vielleicht in ihren Tempeln, wo sie Gott dienen und derselbe Priester, der über Euch den Segen spricht, seinen Fluch auf Die schleudert, welche andern Glaubens sind? Oder in den Schulen und Hörsälen, wo die Quellen der Weisheit fließen und die Jünger der Wissenschaft, die nach derselben einzigen und ewigen Wahrheit suchen, so oft ihre beste Kraft vergeuden in fruchtlosem Gezänke über leere Formen? Oder in den Palästen der Könige, wo feile Schmeichler das Ohr der Mächtigen vergiften und Zwietracht und Furcht säen zwischen Volk und Fürst? Und wenn Ihr wie jener Unselige, der den Heiland mit der Kreuzeslast fluchend von seiner Schwelle stieß, Jahrhunderte lang über den Erdball wandertet, Ihr würdet ihn nimmer an diesen Stätten finden jenen stillen sanften Frieden, nach welchem unser Herz sich so tief sehnt, wenn es gebrochen, aus tausend Wunden blutend, die ihm der Kampf des Lebens geschlagen, im wilden Schmerze zusammenzuckt. So sucht den Frieden an der Brust eines Freundes, in den Armen eines liebenden Weibes!

Aber wenn Ihr nicht verblendet seid und Schaumgold mit edlem Metall verwechselt, dann müßt Ihr gestehen, daß die echten Freunde wie die liebenden Frauen so selten sind wie jene blaue Blume, deren Duft die Zauberkraft hat, kranke Herzen zu heilen, die von tiefster Sehnsucht nach einem Glück gequält werden, welches auf Erden nie zu finden ist. So suchen wir vergebens den Frieden auf Erden? »Suchet und Ihr werdet finden!« Suchet ihn da, wo ihn jener Mann gefunden hat, den wir als Verfolgten das deutsche Land verlassen und nach der großen Stadt Paris fliehen sehen, wo er seit vier Monaten mit Weib und Kind weilt.

Es ist Abend geworden, heiliger Abend. Walther Dennhardt sitzt in demselben Zimmer, in welchem wir ihn an jenem Septembernachmittage brütend fanden, vor einem Tisch, um den Christbaum für sein Kind zu schmücken, für sein liebes kleines Kind.

Hinter dem Ofenschirm schlummert sie in ihrem Wiegenbett, die kleine Mimi, die vor zwei Monaten ihren ersten Geburtstag gefeiert hat.

Horch! jetzt regt und streckt es sich in dem Bettchen, ein leichter Aufschrei, und mit einem Sprunge ist der Vater an des Kindes Wiege.

»Ausgeschlafen, meine kleine Mimi?« lächelte er dem Kinde entgegen, während ein goldiger Freudenschimmer des ernsten Mannes Züge verklärt. Und das Kind streckt ihm mit dem süßen Rufe »Papa« lächelnd die kleinen runden Arme entgegen.

Er hebt es zu sich empor und bedeckt das kleine rosige Gesicht mit Küssen, während Mimi mit ihren Händchen ihm jauchzend den Bart zaust. Da erblickt die Kleine den grünen Tannenbaum mit den goldenen Nüssen und silbernen Aepfeln und dem bunten Zuckerwerk, und in die Hände klatschend stößt sie einen hellen Schrei aus.

Mit einem Blick unaussprechlicher Zärtlichkeit betrachtete Dennhardt die kleine Mimi, welche nach dem ersten Ausbruch ihres Jubels still die Herrlichkeiten des Christbaums anstaunte. Sie war sein Alles, die kleine Mimi, seine Freundin, seine Geliebte, seine Welt, sein Ideal. Es war ein herziges, liebes Kind, ein kleiner holder Engel, wie ihn Raphael's Phantasie in ihrer glücklichsten Stunde nicht reizender träumen konnte.

Die blonden weichen Locken, welche den kleinen Kopf umwallten, die lieben braunen Augen, welche so frisch in die Welt hineinblickten, das rosige Plappermäulchen, hinter dessen rothen Lippen schon der weiße Schmelz der ersten Zähne hervorglänzte, das weiche runde Kinn mit dem kleinen Grübchen, die helle Stirn mit ihrem Schimmer reinster Unschuld, auch ein kälteres Herz, als es das Herz eines Vaters ist, hätte die Kleine lieben müssen.

Da klingelte es draußen an der Thüre des Vorzimmers, leichte Schritte wurden hörbar. Die Kleine hob das Köpfchen von der Schulter des Vaters und fröhlich in die Händchen klatschend rief sie: »Mama ... Mama ...«

Fanny trat ein.

»Mimi!« und Hut und Mantel abwerfend eilte sie auf die Kleine zu, welche ihr jauchzend entgegenzappelte.

Sie nahm das Kind aus Walther's Armen und zog es an ihre Brust, das kleine Köpfchen mit unzähligen Küssen bedeckend.

Wer in diesem Augenblicke Beobachter dieser Scene gewesen, Zeuge von den Ausbrüchen der leidenschaftlichen Zärtlichkeit gegen das kleine reizende Wesen, der würde sicher geglaubt haben, daß in dieser kleinen einfachen Wohnung des deutschen Flüchtlings sich ein Tempel des häuslichen Glückes aufgerichtet, wie man ihn in Millionen von Palästen und Hütten vergebens sucht.

Und doch hätte er nur den einen Blick, welchen die beiden Gatten bei ihrem Wiedersehen mit einander wechselten, auffangen müssen, um zu erkennen, daß dieses Kind das einzige, letzte Band noch war, welches die Beiden an einander fesselte. Wem aber jener Blick noch nicht Alles gesagt, der hätte an dem Tone von Walther's Stimme erkannt, daß hier zwei Herzen neben einander schlugen, die sich so fremd geworden waren, daß keines mehr den Schlag des andern verstand.

»Es beginnt zu dunkeln, geh' mit der Kleinen so lange in das Schlafzimmer, bis ich den Baum angezündet habe. Wo sind die Puppen und die anderen Sachen?«

»Der Commissionär wird sie auf dem Vorsaal abgelegt haben,« entgegnete die junge Frau, in das Nebenzimmer gehend, in einem Tone, der so kalt, so eisig war, wie der Nordwind, der vom Montmartre herab durch die Straßen der Stadt fegte.

Dennhardt sah ihr mit einem langen ernsten Blicke nach.

»Wir beide haben mit einander abgeschlossen,« sprach er für sich, »aber das Herz des Kindes sollst Du mir nicht rauben, Du verblendetes stolzes Weib, das nicht leben kann ohne jenes nichtige Rauschgold und jenen Flittertand, dem die Narren nachjagen, um darüber das wahre echte Glück des Lebens, den Frieden des Herzens zu verlieren.«

Weder in seinen Mienen, noch in dem Klange seiner Stimme drückte sich bei diesen Worten etwas Schmerzliches oder Klagendes aus, er sprach diese Worte so ruhig, so leidenschaftlos, so reflectirend, etwa wie ein Professor auf dem Katheder über einen Satz der Moralphilosophie. Aber diese Ruhe hatte er mit Kämpfen sich erkauft, die er nicht zum zweiten Male hätte bestehen können. Dann trat er an den Tisch, um den Christbaum anzuzünden und den Weihnachtstisch für seine kleine Mimi herzurichten.

Es war finster draußen, der Wind trieb dichte Wolken von Schneeflocken durch die Straßen und gegen die Fenster der Häuser, die Bäume des Parks stöhnten und seufzten unter der Gewalt des Wintersturmes – in der Brust des Verbannten aber, der hier auf fremder Erde seinem Kinde den ersten Christbaum anzündete, da leuchtet es in diesem Augenblicke auf von hellem, warmem Sonnenschein. Seine Mimi war es ja, für die er die Lichter des Tannenbaums anbrannte, ihr gehörten alle die bunten flimmernden Herrlichkeiten dieses Tisches, dem kleinen holden Engel, welchen ihm die gütige Gottheit gesendet hatte zum Trost und zur Freude inmitten der Wirrsale seines wild bewegten Lebens.

Endlich war Alles geordnet, er klatschte in die Hände, die Thür des Nebenzimmers öffnete sich und mit einem Male strömte der helle Lichtglanz in das dunkle Cabinet, auf dessen Schwelle die kleine Mimi stand, sprachlos die Händchen in einander gefaltet, ein Bild lieblichsten Erstaunens. Ein Wonneschauer seligsten Entzückens ging durch des Mannes Seele.

Wohl giebt es der Freuden, welche ein Menschenherz erbeben lassen, viele und schöne, aber eine reinere, unschuldigere, süßere Freude, als ein liebend Elternherz empfindet, wenn des ersten Christbaums Lichter in die Seele des Kindes jenen hellen Glanz werfen, der noch nach langen, langen Jahren durch das Dunkel des Lebens uns seinen magischen Schimmer nachsendet, eine sanftere, beglückendere Freude giebt es nicht auf dem Erdenrund.

Aber auch Fanny vergaß in dieser Minute alle die Dissonanzen ihres jetzigen Lebens und versenkte sich ganz in die bewegte liebliche Kinderseele. Still war es im Zimmer, still als wenn ein Engel durchs Gemach schwebte und seinen Gruß dem blonden Engelsköpfchen mit den lieben braunen Augen zuwinkte.

Allmälig erholte sich die Kleine von ihrem Erstaunen. Anfangs mit zögerndem, dann mit lebhafterem Schritte näherte sie sich dem Weihnachtstische, und als sie endlich dicht vor den schimmernden Herrlichkeiten stand, stieß sie einen lauten jauchzenden Ruf aus und faßte mit beiden Händen nach der nächsten Puppe, die sie zärtlich an ihr kleines, vor Aufregung und Freude laut klopfendes Herz drückte.

O welch ein unendlich reicher Schatz von Liebe liegt in eines Kindes Brust, wie sollte er gehütet werden von Denen, welchen Gott die Kinder zur Obhut anvertraut, und wie gewissenlos wird es nur zu oft verwaltet dieses Geschenk des Himmels, wie wird Stück für Stück dieser Juwelen der Liebe den kleinen Kinderherzen geraubt, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Und wenn sie endlich groß sind, dann sind sie so bettelarm geworden, daß sie die wahren Juwelen der Liebe von den falschen, unechten nicht einmal mehr unterscheiden können. Es war Mimi's erste Puppe ... die erste Puppe! Welche Liebkosungen, welche Zärtlichkeiten empfängt sie, wie offenbart sich an dem Kinde und seiner ersten Puppe ein so schöner rührender Zug edelster Menschlichkeit. Es fühlte das kleine Kinderherz die Hülflosigkeit seiner Puppe, wie das arme Ding mit den kleinen Händen und Beinen und dem runden rothen freundlichen Gesicht so ganz und gar auf seine Pflege und Sorge angewiesen ist. Und nun füttert die Kleine das arme Püppchen und giebt ihm zu trinken, Kuchen und Milch, gerade wie es Mama mit ihr zu thun pflegte, und wickelt sie in ihre Schürze, daß sie nicht friert die arme Kleine, und macht ihr ein Bettchen in der kleinen Wiege und drückt sie zärtlich an die Brust und schläft endlich mit ihr ein, mit ihrer Puppe im Arm.

Und so ist auch die kleine Mimi eingeschlafen mit ihrer Puppe und des Kindes Wange ruht an der ihres kleinen Schützlings und um die Lippen des Kindes schwebt noch das letzte Lächeln, mit dem sie ihre Puppe angelächelt, schon halb im Schlummer, umgaukelt von den rosigen Engeln der Kinderträume. Da erhebt sich die junge Frau und verläßt das Zimmer, Hut und Shawl ergreifend, und steigt die Treppe hinab und öffnet das Haus und steigt in einen Wagen, der zwanzig Schritte von der Thür hält und dann mit ihr fortrollt.

Und wieder sitzt Dennhardt allein an der Wiege seines Kindes.

Die Lichter des Tannenbaums sind erloschen bis auf eine einzige Kerze, welche mit ihrem matten Schimmer das Gemach erleuchtet, auf dessen Wänden und auf dessen Diele die Aeste und Zweige des Christbaums ihre Schatten werfen. Der Geruch des Wachses durchzieht vermischt mit dem harzigen Tannenduft die Luft und aus dem Halbdunkel glitzern und blinken die goldenen Nüsse und silbernen Aepfel magisch hervor. Erinnerungen an alte längst verklungene Zeiten gehen durch des Flüchtlings Seele. Die freundlichen Geister seiner Kindheit schlüpfen aus den Zweigen des Tannenbaums hervor und tragen ihn fort, weit fort von dem großen Paris in eine kleine Stadt, inmitten der grünen Berge Thüringens. Sie führen ihn durch die Flur eines traulichen Hauses, die Treppe hinauf, über den dunklen Vorsaal in ein kleines Kämmerchen, dicht an dem Wohnzimmer. Und wie er so in der dunklen Kammer steht und den hellen Lichtstreifen betrachtet, der sich verstohlen durchs Schlüsselloch schleicht und leise über die Diele hingleitet, da ist es ihm auf einmal, als wäre sein ganzes späteres Leben nur ein Traum gewesen, den er in der letzten unruhigen Nacht geträumt. Er ist wieder der zehnjährige Knabe mit den langen blonden Locken, das fröhliche Kind, welches durch das Schlüsselloch blinzelt, um Etwas von den Geheimnissen der Bescheerung, die darin von Vater und Mutter aufgebaut wird, zu erlauschen.

Da öffnet sich plötzlich die Thür, ein blendend heller Lichtstrom dringt in die dunkle Kammer, mit glücklichem Lächeln betrachten die Eltern den überraschten Knaben, der zögernd einige Schritte gegen den Tisch wagt, wo unter den Zweigen des Christbaums in rosig schimmerndem Kleide mit goldenen Flügeln ein Weihnachtsengel sitzt und ihm mit dem Finger winkt.

Da verwirren sich ihm plötzlich die Gedanken. Er kennt den Weihnachtsengel und die lieben guten Augen seines lieblichen Gesichts, er hat oft mit ihm gespielt und getändelt, den kleinen Engel in seinen Armen herumgetragen, ihn geküßt und geherzt, er hat ihn beim Namen gerufen, und doch weiß er in dem Augenblicke nicht, ob er ihn Lenchen nennen soll, wie sein einziges kleines Schwesterchen hieß, das so bald von den Engeln des Himmels hinaufgetragen wurde zu den blauen Wolken, oder ob er Mimi heißt, wie sein liebes süßes Kind. Wie wenn zwei Wasserströme sich vereinigen und ihre Wellen sich vermischen, so fließen jetzt in Dennhardt's Traumgebilde Vergangenheit und Gegenwart zusammen.

Da schlägt ein Laut an sein Ohr, ein süßer, lieblicher Laut, der ihn von den Todten auferwecken könnte.

»Papa ... lieber Papa ...« Und gebrochen ist plötzlich der Bann, mit dem der Traumgott ihn bestrickt.

»Meine Mimi,« ruft er und beugt sich über die Kleine, die mit heißen Wangen in ihrer Wiege liegt, im Halbschlummer plaudernd, noch aufgeregt von den Eindrücken des Abends, die sie noch im Traume verfolgten.

»Schlummere, mein kleiner Engel,« murmelte Dennhardt und legte seine Hand leise auf des Kindes heiße Stirn, während er sein Haupt leicht auf den Rand der Wiege stützte. Da erlosch auch die letzte Kerze, im tiefen Dunkel lag das Zimmer und herab senkte sich auf Vater und Kind jener sanfte ruhige Schlummer, der den Gerechten geschenkt wird, die reinen Herzens sind.

4. Ein Gespräch und seine Folgen.

Fanny hatte doch das Herz geklopft, als sie ihren Fuß auf den Tritt des Wagens setzte, der sie von der Vorstadt bei Belleville weit hinein in das Herz von Paris führen sollte.

Dieser Schritt, Das fühlte sie klar, war ein Bruch mit der Vergangenheit, ein entschiedener Bruch, der nicht mehr zu heilen war. Manch innerer schwerer Kampf war vorausgegangen, ehe sie ihn wagte.

Bevor wir aber die junge Frau auf ihrer nächtlichen Fahrt nach Paris hinein begleiten, müssen wir von einer Begegnung erzählen, die vielleicht einen Monat vor Weihnachten stattgefunden hatte.

Fanny war in die innere Stadt gefahren, um hier einige Einkäufe zu besorgen. Etwas ermüdet war sie dann in ein Café des Boulevard Italien getreten, um eine Erfrischung zu nehmen, als mit einem halb unterdrückten Ausruf der Freude ein junger eleganter Mann auf sie zutritt.

»Welch glücklicher Stern, der mich Ihnen, Madame, zwei Tage nach meiner Ankunft in Paris begegnen läßt!«

Die junge Frau überfliegt mit einem überraschten Blicke die Züge und Gestalt des Mannes und die Erinnerung an jene Scene an den Ufern des Rheins steigt in ihrer Seele auf.

»Der Herr Vicomte von Grandlieu,« entgegnete sie, »ist das nicht Ihr Name, mein Herr?« Und ohne die bejahende Geberde des Andern abzuwarten, fuhr sie fort: »O, mein Mann wird sich sehr freuen, wenn ich ihm mittheile, daß Sie in Paris sind.«

Der Vicomte unterbrach sie:

»Sprechen wir jetzt nicht von Ihrem Gatten, Madame, sondern von Ihnen und von Ihrem Leben in unserm großen prächtigen Paris.« Und er lud sie durch eine verbindliche Handbewegung ein, neben ihm an einem der kleinen Marmortische des Salons Platz zu nehmen.

»Dieses Leben ist so einfach, daß man kaum darüber sprechen kann. Vielleicht würde ich mich darüber beklagen, wenn ich nicht ein Kind hätte, das ich anbete und dessen Besitz mich Vieles, Vieles vergessen läßt.«

Der Vicomte schwieg einen Augenblick auf diese Bemerkung der jungen Frau, und ein leiser Schatten glitt über seine Züge.

»So sind Sie sehr glücklich, Madame, denn ich habe oft gehört, das die Liebe der Mütter zu ihren Kindern in einem gewissen Verhältnisse zu der Liebe gegen ihren Gatten steht. Wenn Sie Ihr Kind anbeten, so müssen Sie gewiß den Vater dieses Kindes sehr lieben. Und was bedarf es mehr, um glücklich zu sein?«

»Solche allgemeine Sentenzen,« entgegnete die junge Frau, indem sie das Auge vor dem funkelnden Blicke des Barons von Grandlieu niedersenkte, »mögen zuweilen Recht haben, zuweilen lügen sie aber auch.«

Der Vicomte war ein leidenschaftlicher, unternehmender junger Mann, der sich im Umgange mit den Frauen von Paris eine Kühnheit der Sprache angewöhnt, die oft verletzt hätte, wenn sie nicht gemildert worden wäre durch einen Ausdruck von Ehrerbietung in Miene und Geberde und im Ton der Stimme: Eigenschaften, um derenwillen ihm die Frauen manche indiscrete und kühne Frage verziehen.

»Sollte bei Ihnen, Madame,« frug er mit schüchternem Ausdruck und niedergeschlagenen Augen, wie ein Schüler von sechszehn Jahren, welcher der Auserwählten seines Herzens seine erste schüchterne Liebeserklärung stammelt, »sollte bei Ihnen jener Gemeinspruch eine Ausnahme machen?«

Eine dunkle Röthe flammte über das Gesicht der jungen Frau.

»Und wenn Dies der Fall wäre, welches Interesse könnten Sie, Herr Vicomte, haben, Dies zu wissen?« frug sie mit leiser Stimme und ohne die Augen von dem Parquet des Salons zu erheben.

»Oh, Madame!« rief der junge Mann mit leisem und bebendem Tone. Eine ganze Rede würde nicht beredter, nicht ausdrucksvoller gewesen sein, als dieser kurze Ausruf, der so einfach, so natürlich war und doch so Viel errathen ließ.

Es trat ein kurzes Stillschweigen ein, eine jener Pausen, in denen statt des Mundes nur das Herz spricht, in denen man die Worte und Empfindungen des Andern in dessen Augen lesen muß.

Der Vicomte war es, welcher das Stillschweigen brach. Er war ein sehr gewandter Mann, welcher wußte, daß so stolze Naturen wie Fanny sehr behutsam behandelt werden müssen.

»Und wissen Sie, Madame,« begann er das Gespräch in einem Tone, der den Ausdruck achtungsvoller Vertraulichkeit trug, ohne jene durchschimmernde Leidenschaftlichkeit, welche dem vorhergehenden Gespräch einen so eigenthümlichen Charakter aufgeprägt hatte, »wissen Sie, welche Angelegenheit mich schon so früh nach Paris geführt und mich den Freuden der Jagd in meinen schönen Wäldern so bald Adieu sagen ließ?«

Die junge Frau lächelte mit einer verneinenden Geberde.

»Die Politik,« fuhr der Vicomte fort, »ich bin Deputirter der Nationalversammlung, und ich und meine Freunde halten es für hohe Zeit, diesem republikanischen Komödienspiel ein Ende zu machen und Frankreich seinem rechtmäßigen Herrscher wiederzugeben.«

»Wen nennen Sie den rechtmäßigen Herrscher Frankreichs?« frug Fanny, überrascht, in dem Vicomte, welchen sie bis jetzt blos für einen jungen Elegant gehalten, auch einen Politiker zu entdecken.

»Wie, Madame?« rief der junge Edelmann lebhaft aus, »können Sie einen Augenblick daran zweifeln, daß ich ein anderes Banner auf dem Schlosse der Tuilerien sehen will, als das mit den königlichen Lilien von Frankreich? Wir Söhne des alten Frankreich kennen nur Einen rechtmäßigen Herrscher und das ist Heinrich V.«

»Und haben Sie wirklich gegründete Hoffnung, Ihren König wieder auf dem Throne Frankreichs zu sehen?«

»Sie können noch zweifeln, Madame? Ehe ein Jahr vergeht wird der Enkel König Karl's X. in dem Schlosse seiner Ahnen wohnen.« In seiner lebhaften Weise theilte nun der Vicomte der jungen Frau die Pläne der Legitimisten in der Nationalversammlung mit, wie sie im Bunde mit den andern Parteien der Ordnung zuvörderst die Nationalversammlung und die Republik in den Augen des Volks zu entwürdigen suchen müßten, um dann mit einem kühnen Schlage die weiße Fahne in Paris aufzupflanzen. Er erzählte Das in einem Tone der Vertraulichkeit, mit einem Ausdrucke der Hingebung an die Sache, wie man es vielleicht einem Freunde gegenüber thut, aber nicht einer jungen Frau; er schien ganz zu vergessen, daß nicht ein Mann, ein Politiker vom Fach ihm zuhörte, sondern eine schöne junge Dame, die am Ende doch zu wenig in die französischen Parteiverhältnisse eingeweiht war, um für diese Dinge ein großes Interesse zu hegen.

Für Fanny lag in dieser Vertraulichkeit des Vicomte ein Reiz, dem sie sich nicht entziehen konnte. Es schmeichelte ihrem stolzen, ehrgeizigen Sinne, daß der Vicomte ihr gegenüber nicht blos den liebenswürdigen Mann, sondern auch den Politiker zeigte; sie mußte voraussetzen, daß der Vicomte sie für bedeutender hielt als tausend ihres Geschlechts, für welche er vielleicht galante, zärtliche Worte, aber nie ein ernsthaftes Gespräch, welches sich um so wichtige Interessen drehte, gehabt hätte. Und als sie sich endlich trennten, da erhielt der Vicomte nach kurzem Zögern das Versprechen der jungen Frau, einer der nächsten Sitzungen der Nationalversammlung beizuwohnen, in welcher die legitimistische Partei einen Antrag auf Zurückberufung der Prinzen des Hauses Bourbon stellen würde.

Gegen ihren Gatten schwieg sie über das Zusammentreffen mit dem Vicomte. Es war das erste Geheimniß, welches sie vor ihrem Manne verbarg, es sollte nicht das letzte sein.

Wenige Tage nach dieser ersten Begegnung hörte sie auf der Damentribüne der Nationalversammlung den Vicomte von Grandlieu für die Aufhebung der Verbannungsgesetze gegen die Prinzen des Hauses Bourbon sprechen. Der junge legitimistische Edelmann sprach mit Feuer und einer gewissen Eleganz des Ausdrucks, welche die vornehme Damenwelt des Faubourg St. Germain, die in ihren glänzendsten Toiletten auf der Zuhörertribüne erschienen war, zu den lebhaftesten Beifallsbezeigungen hinriß.

Der Vicomte warf einen Blick nach dem Damenflor, der ihm eine so schmeichelhafte und rauschende Huldigung darbrachte. Aber sein Auge glitt theilnahmlos an allen den reizenden Herzoginnen, Marquisinnen, Gräfinnen und Baroninnen vorüber und blieb an der Gestalt einer jungen Frau haften, die in einem einfachen Kleide von dunkler Seide, den Shawl fest um die Schultern gezogen, den Oberkörper leicht an eine Säule der Tribüne gestützt, mit strahlenden Blicken den Triumph betrachtete, welchen der Vicomte feierte.

Purpurröthe färbte ihr Gesicht, als ihr Auge dem des Vicomte begegnete, ein leiser Schauer ließ ihre schlanke, zarte Gestalt erbeben, und wie von einer plötzlichen Schwäche ergriffen sank sie auf ihren Sitz zurück. Aber trotzdem entging ihr nicht, wie einige nahestehende Damen, welche dem Blick des Vicomte gefolgt waren, ihre Augen auf sie richteten. Sie hörte leise Flüsterworte, wie eine Dame der andern Bemerkungen ins Ohr raunte.

»Ein interessantes Gesicht,« sprach eine alte Herzogin zu ihrer Nachbarin, einer jungen blonden Gräfin, »nur etwas zu selbstbewußt.«

»Sie ist wirklich reizend,« gab die junge Frau zurück, während sich ein leichter Seufzer ihrem Busen entrang; »aber wer mag sie wohl sein?«

Nach Beendigung der Sitzung erwartete der Vicomte die junge Frau am Portal und hob sie in seinen bereitstehenden Wagen. Dann nahm er ihr gegenüber Platz und befahl seinem Kutscher nach dem Boulogner Wäldchen zu fahren. Es verging eine Viertelstunde, ehe zwischen den Beiden ein Wort gewechselt wurde, aber eine desto lebhaftere und innigere Sprache redeten die Augen.

»Sie haben heute eine Schlacht gewonnen,« begann Fanny endlich.

»Sie wollen sagen: wir sind besiegt, aber nicht geschlagen worden; denn wenn unser Antrag auch nicht angenommen wurde, so geschah Das nicht deßhalb, weil man unsere Gründe durch Gegengründe widerlegte, sondern weil man uns durch das Gewicht der Mehrheit erdrückte.«

Eine Kutsche, in welcher jene alte Marquise und die junge blonde Gräfin von der Zuhörertribüne der Nationalversammlung saßen, rollte vorüber.

Der Vicomte von Grandlieu grüßte mit einer Verbeugung, während ein leiser spöttischer Zug um seine Lippen schwebte.

»Die arme Gräfin,« sprach er zu Fanny gewendet, »sie war blos deßhalb auf die Tribüne gekommen, um ihren Gatten, den Grafen von Bonville, als Demosthenes zu bewundern. Der Arme bekam aber das bekannte Fieber, welches den Soldaten, der zum ersten Male in die Schlacht geht, ebenso befällt, wie den Komödianten, wenn er zum ersten Male vor die Lampen tritt, oder den Priester, wenn er seine erste Predigt hält.«

»Desto mehr waren Sie der Gegenstand ihrer Bewunderung,« entgegnete Fanny in einem gewissen piquirten Tone, »sie applaudirte Ihnen wie ein Claqueur in der großen Oper.«

Trotz der Ironie, die durch diese Bemerkung schimmerte, brach ein freudestrahlender Blick aus dem Auge des Vicomte, und indem er sich rasch nach vorwärts beugte und einen Kuß auf Fanny's Hand drückte, flüsterte er:

»Und doch kann ich Ihnen versichern, daß mich alle diese Zeichen des Beifalls kalt ließen, und daß ich mich durch den stummen Blick einer jungen Frau, welche dicht an einer der Säulen der Zuhörertribüne stand, mehr beglückt fühlte, als durch alle diese rauschenden Acclamationen.«

Eine tiefe Röthe färbte Fanny's Stirn bei diesen Worten des Vicomte und mit banger Beklommenheit senkte sie den Blick nieder.

Auch der junge Mann versank in ernstes Sinnen, und so hatten sie den Saum des Hölzchens erreicht, ohne daß weiter ein Wort zwischen ihnen gewechselt worden wäre.

Der Wagen lenkte in eine der Seitenalleen ein, welche das Wäldchen nach allen Richtungen hin durchkreuzen.

Es war in der düstersten und trübsten Jahreszeit, Ende November.

Ein leichter Schneefall hatte die Bäume des Waldes weiß gefärbt, graue Wolken bedeckten den Himmel, ein kalter Wind strich über die Erde. Dichte Schaaren von Krähen und Dohlen saßen stumm auf den entlaubten Zweigen und flogen mit mißtönendem Geschrei und schwerem Flügelschlag davon, wenn die Peitsche des Kutschers durch ihren Knall die Waldeinsamkeit und tiefe Stille unterbrach.

Fanny gehörte nicht zu den sentimentalen Naturen, deren Seele von dem trüben Eindruck eines melancholischen Landschaftsbildes in Schwermuth versenkt wird, aber dennoch fühlte sie allmälig eine gewisse Traurigkeit ihre dunklen Fittige über ihr Herz ausbreiten.

»Lassen Sie uns zur Stadt zurückkehren,« sprach sie zu dem Vicomte, »diese öde Stille, dieses Schweigen in der Natur macht mich traurig und verstimmt.«

Auf den Lippen des jungen Mannes erschien ein leichtes Lächeln.

»Das ist wohl noch eine Erinnerung an Deutschland, die Sie aus diesem nebligen Lande mit herüber gebracht haben in unser sonniges Frankreich, wo solche Tage wie der heutige zu den Ausnahmen gehören. In Deutschland sollen sich wenigstens die Dichter an grauen trüben Nebeltagen an Mondschein, Regenschauer und Nordwind begeistern.«

Fanny schüttelte verneinend das Haupt.

»Ich habe Nichts mit diesem Lande gemein, seine Sitten, Gewohnheiten und Ideen sind mir heute ebenso fremd wie an dem Tage, als ich es zum ersten Male betrat.«

»Und vergessen Sie, Madame,« flüsterte der Vicomte in leisem Tone, die Augen auf seinen Hut, den er zwischen den Händen drehte, gerichtet, »daß Sie das festeste Band mit Deutschland verknüpft, daß Ihr Gatte ein Deutscher ist?«

»Sie haben sich versprochen, Herr Vicomte,« entgegnete die junge Frau mit einem Ernst im Ausdruck von Miene und Sprache, welcher den jungen Mann fast einschüchterte, »Sie wollten von einem andern Bande sprechen, welches mich vielleicht an jenes Land ein wenig fesselt, von meinem Kinde, das ich anbete, und dessen Vaterland jenseits des Rheins liegt.«

Damit brach die Unterhaltung über diesen Gegenstand ab, gewiß in so bedeutsamer Weise, daß sie dem Vicomte eine klare Einsicht in die Empfindungen der jungen Frau gestattete.

Von diesem Tage an sahen sich die Beiden täglich. Entweder war Fanny auf der Tribüne der Nationalversammlung oder sie traf den Vicomte in dem Café Tortoni auf dem Boulevard der Italiener.

Ihr Gatte frug nie nach ihren Ausgängen, sie mochte längere oder kürzere Zeit weg bleiben, es war eine solche Entfremdung zwischen ihnen eingetreten, daß sich ihr gegenseitiges Gespräch nur auf das Nothwendigste, Unerläßlichste beschränkte. Die Beziehungen zwischen dem Vicomte und Fanny wurden mit jedem Tage inniger. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn es anders gekommen wäre.

Der junge Edelmann war allerdings in gewissem Sinne Das, was man einen Lebemann, einen Bonvivant nennt, allein er war nicht der schlimmsten einer. Er konnte, wie aus seiner Beschäftigung mit den politischen Angelegenheiten hervorging, sich auch noch für etwas Höheres begeistern, als für die Damen von der großen Oper, Ballettänzerinnen, Pferde, Spiel, Toiletten- und Boudoirgeheimnisse. Er fühlte, wie seine Empfindungen gegen Fanny immer mehr den Charakter einer leidenschaftlichen Liebe annahmen, wie das Bild der jungen Frau sein Wesen von Tag zu Tag mehr erfüllte und die Trennung von ihr ihm immer unerträglicher wurde. Hier handelte es sich nicht um eine jener flüchtigen Leidenschaften, die, geboren im Rausche der Sinne, ebenso schnell erlöschen, wenn den Sinnen ihr Recht geworden, es war eine ernste Herzensneigung, die ihn zu Fanny hinzog.

Und daß er ihr nicht gleichgültig war, daß ein höheres Interesse sie zu ihm hinzog, als das der Geselligkeit und das Bedürfniß des Umgangs mit einem Mann aus jenen Kreisen der Gesellschaft, denen sie vor ihrer Vermählung selbst angehört: Das hatte der Vicomte aus einer Menge kleiner Zeichen errathen.

Wir sagen absichtlich: kleiner Zeichen; denn es ist die charakteristische Eigenthümlichkeit mancher Frauen, besonders solcher, bei denen die Liebe mit Stolz und Selbstbewußtsein kämpft, ihre Neigung, den Zug ihres Herzens dem geliebten Manne durch anscheinend gleichgültige Kleinigkeiten zu verrathen, deren wahre Bedeutung nur das Auge der Liebe erkennt.

Indessen gehört unstreitig eine große Selbstbeherrschung hiezu, wenn zwei so lebhafte und bestimmt ausgesprochene Naturen, wie Fanny und der Vicomte es waren, längere Zeit einen so peinlichen Zustand ertragen sollen.

Eines Tages kurz vor dem Christabend faßte der Vicomte einen festen Entschluß.

Er schrieb folgenden Brief an die junge Frau:

»Es liegt weder in meinem Charakter noch in meiner Kraft, den gegenwärtigen Zustand, unter welchem ich und, wenn mich nicht Alles täuscht, unter welchem auch Sie, Fanny, leiden, noch länger zu ertragen. Wie auch Ihre Entscheidung ausfalle, jedenfalls werden Sie mir nicht darüber zürnen, daß ich als Mann den Schritt gewagt und diese Entscheidung herbeigeführt habe.

»Mit einem Worte sei die glühendste Sehnsucht meines Herzens, das Glück meines Lebens ausgesprochen: werden Sie die Meine. Trennen Sie Ihr Geschick von dem eines Mannes, welchen Sie, ungeachtet ich weder seinen Charakter noch seinen Geist anzugreifen wage, nicht mehr lieben, scheiden Sie von einem Manne, für welchen auch Sie nicht mehr jenes Ideal sind, das er in Ihnen zu finden glaubte. Es ist ein schwerer Schritt, ein großes Opfer, welches ich von Ihnen verlange, theure Fanny. Gewohnheit, Scheu vor der Welt, vor Ihren Angehörigen, vielleicht auch noch ein gewisses Mitgefühl für den Mann, welcher Ihr Gatte war und der Vater Ihres Kindes ist, das Sie anbeten, selbst die Erinnerungen an gemeinschaftlich überstandene Leiden und Freuden, alles Dies wird Ihnen einen harten Kampf bereiten.

»Aber Sie haben eine kühne muthige Seele, theure Fanny, ein stolzes und doch so liebeglühendes Herz, und Sie werden siegreich aus dem Kampfe hervorgehen.

»Besser ein kurzer, scharfer Schmerz, als dieses langsame Verbluten, dieses Hinwelken der Lebenskraft in unglücklichen Verhältnissen, die für alle Theile, für Sie, Ihren Gatten, für mich, ja sogar für Ihr Kind eine Qual sind. Vor einer Trennung von Ihrem Kinde schützen Sie die Gesetze Frankreichs. Bis zum fünften Jahre gehört das Kind der Mutter. Für die spätere Zukunft überlassen Sie mir die Sorge.

»Ich dränge Sie nicht um eine Antwort. Ich verlange auch keine schriftliche, sondern möchte die Entscheidung aus Ihrem eigenen Munde hören. Fällt sie gegen mich, so ist mein Entschluß gefaßt.

»Von morgen an wird ein Wagen mit einem treuen zuverlässigen Diener täglich in den Abendstunden zwischen sechs und acht Uhr wenige Schritte von Ihrer Wohnung entfernt warten. Sobald Sie mit Ihrem Entschlusse einig geworden, bitte ich Sie, zu mir zu kommen. Meinem Diener können Sie sich ohne Furcht anvertrauen, er ist mir ganz ergeben.

»Doch zögern Sie nicht zu lange, Fanny, und bedenken Sie, daß jeder Tag der Ungewißheit für mich zu einer qualvollen Ewigkeit wird. Immer

Paris, 16. December 1849.

Ihr
Edmund von Grandlieu.«

Einen Tag nach dem Empfang dieses Briefes, es war beim Anbruch der Dämmerungsstunde, Walther hatte eben die kleine Mimi auf dem Schooße und sang ihr das alte deutsche Wiegenlied von dem

»Eia popeia, was raschelt im Stroh?
Es sind kleine Gänschen, die haben keine Schuh.«