Behrens und Andres blieben stehen um sie vorbei zu lassen, und als sie näher kamen, konnten sie auch Beide die Worte des Liedes unterscheiden, die ihnen bald keinen Zweifel mehr ließen, wen sie vor sich hätten.
Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit.«
klang der Refrain, und bald darauf setzte wieder eine tiefe Baßstimme in Solo ein:
Ade, ade, nun lebe ewig wohl!
Was fragen wir nach Gut und Geld,
Wir wandern fröhlich in die Welt,
Brasi–lien ist unsre Seligkeit!
Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit von hier!
Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit!«
Es war ein ganz eigenes Gefühl das Behrens durchzuckte, als er die Worte hörte, die ihm wie aus der eigenen Seele heraustönten, und fast unwillkürlich rief er die ihm Nächsten an: »Heda, Kameraden, – wollt Ihr auch nach Brasilien?«
»Auch nach Brasilien? na, versteht sich,« lachte einer der jungen Burschen zurück, indem der Schwarm Halt machte. »Gehst Du auch mit, Kamerad? Das ist Recht. Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit von hier!«
»Na,« seufzte Behrens, »weit ist's doch wohl, aber was kann's helfen; die Reise nimmt ja auch einmal ein Ende.«
»Da hast Du Recht, alter Junge!« jubelte Einer der Burschen, »und nachher leben wir, wie der liebe Gott in Frankreich. Mit welchem Schiff gehst Du?«
»Ja, ich weiß noch nicht,« sagte Behrens, über die vertrauliche Anrede des jungen Volks weniger erstaunt, als über die bestimmte Voraussetzung seiner Reise, denn des Doctors abmahnende Worte hatten ihn doch wieder ganz schwankend gemacht.
»Und von welchem Hafen aus?«
»Doch wohl von Antwerpen, wie der Ort heißt.«
»Hurrah, ein Reisegefährte!« jubelte die Schaar. »Komm her, daß wir Eins zusammen trinken. Nun hat die elende Schinderei daheim ein Ende, und wir kommen ins Paradies.«
»Ins Paradies?« Das stimmte freilich nicht mit dem, was Behrens von dem Doctor gehört, aber er konnte auch nicht der fröhlichen Einladung folgen, denn geschenkt mochte er nichts nehmen, und Geld zum Vertrinken hatte er noch nie im Leben gehabt.
»Ich kann nicht,« sagte er deshalb freundlich, »ich muß erst noch meinen Contract in Richtigkeit bringen, daß ich mit komme; aber wohin geht Ihr?«
»In den Löwen; so komme nachher hin, daß wir den Abend beieinander sind! Hurrah, Brasilien soll leben!«
Und mit dem Halli, Hallo! des neu beginnenden Liedes setzte sich die Schaar wieder in Bewegung und marschirte die Straße hinab, dem ihrem neuen Reisegefährten bezeichneten Wirthshaus zu.
Behrens blieb mit seinem Begleiter, als ihn die Schaar verlassen hatte, noch eine ganze Weile wie betäubt auf der Straße stehen, denn wie ein Traum, wie ein Gruß aus der fernen, fabelhaften Welt, die er bis jetzt nur in seinen Träumen gesehen, kam ihm das Ganze vor. Ein Paradies! – und er selbst war im Begriff, dorthin aufzubrechen, – aber wer hatte nun Recht? Das junge, jubelnde Volk, vor dem das Leben noch offen lag und ihm nur seine bunten Bilder zeigte, oder der alte mürrische Herr, der voll Mißtrauen hinausblickte? Behrens wußte es nicht, und nur unwillkürlich legte er seine Hand wieder in Andres Arm und schritt mit ihm die Straße hinunter, dem Hause des Auswanderungsagenten zu.
Drittes Capitel.
Herrn Kollboeker's Comptoir.
Sie brauchten nicht so lange mehr zu gehen, als sie das Haus, oder vielmehr das »Comptoir« des Agenten vor sich sahen, denn er selber wohnte draußen in einer kleinen Spelunke der Vorstadt, und hatte sich nur im »Geschäftstheil« der Residenz ein Local gemiethet, um inmitten des Verkehrs zu sein und sich keine »Gelegenheit« entgehen zu lassen.
Die Thür war auch kenntlich genug durch eine Anzahl von Schildern bezeichnet, die den verschiedensten Lebenszwecken zu dienen schienen. Den Mittelpunkt derselben bildete freilich ein großes, über der Thür angebrachtes und in Öl ausgeführtes Gemälde, das ein großes, dreimastiges Schiff unter vollen Segeln aber bei dem Winde zeigte. Plätschernde Wellen erhoben sich darum her, aber still und unbewegt verfolgte das Fahrzeug seine Bahn und eine Anzahl von Personen in rothen Hemden, die über Bord hinaus auf das Meer sahen, sollten andeuten, daß es reichlich mit Passagieren besetzt sei, die eine ruhige Fahrt nach einem fernen Welttheil hatten.
Das Schiff selber führte eine Bremer Flagge, – die roth und weißen Streifen und Quadrate, – darüber aber im blauen Himmel stand deutlich mit goldenen Buchstaben:
und wie um das zu illustriren, waren links und rechts von der Thür noch große Tafeln aufgehangen, auf welchen die verschiedensten Reisen nach Nordamerika, Australien und Brasilien specificirt wurden.
Außerdem schien aber Herr Kollboeker, wie der Auswanderungsagent hieß, noch außerordentlich vielseitig in anderen Geschäftszweigen. Er hatte die Agentur für Sächsische Renten-, Berliner und Gotha'sche Lebensversicherung, ebenso eine Niederlage von Daubitz's Kräuterliqueur und aromatischer Gichtwatte, und Behrens wurde ganz irr an den vielen Schildern, die überall die Wand und sogar die aufgeschlagenen Fensterladen bedeckten. Aber es konnte nichts helfen, hinein mußte er doch, denn die Zeit verging, und nachdem er und Andres – während die Beiden indessen von drinnen durch ein paar junge kichernde Leute beobachtet waren – eine Weile die verschiedenen Placate durchbuchstabirt hatten, sagte Behrens, seines Begleiters Arm ergreifend: »So komm, Andres, hier werden wir doch nicht draus klug und drinnen müssen wir ja erfahren woran wir sind. Da oben ist ja auch das Schiff gemalt, mit dem wir fahren sollen, – guck einmal wie groß es ist; das sieht ordentlich gefährlich aus – und so weit übers Wasser muß man damit.«
Behrens schüttelte freilich mit dem Kopf, als er das Haus betrat; es war ihm noch so vieles bei der ganzen Sache, von der er sich gar keine richtige Idee machen konnte, unerklärlich, und er fühlte ordentlich das Bedürfniß, endlich einmal Jemanden darüber zu hören, der Alles ganz genau wußte.
Gleich rechts im Hausflur war eine Thür, an welcher auf einem ovalen schwarzen Schild das Wort stand: »Comptoir«, aber weiter befand sich kein Name oder sonstiges Abzeichen daneben, und die Beiden zögerten noch, ob sie hier anklopfen sollten, als die Thür aufging und ein blutjunger Mensch mit auf der Mitte gescheitelten fuchsrothen Haaren heraussah.
»Wollen Sie zu der Auswanderungs-Agentur?«
»Ja wohl«, nickte Behrens.
»Na, da kommen sie nur hier herein, – hier ist's.«
Beide betraten das Zimmer. Es war ein nicht sehr großes und etwas düsteres Gemach. In der Mitte stand ein hohes, doppeltes Schreibpult aus polirtem Erlenholz, an dem an jeder Seite zwei Menschen arbeiten konnten, und an den Wänden waren eine Menge Gefache angebracht, in welchen die verschiedenartigsten Dinge lagen: kleine Broschüren, Papiere, etiquettirte Flaschen, Packete und Gott weiß was sonst noch. An den Wänden aber hingen, wo nur noch irgend ein Platz frei geblieben, Fahrpläne von Eisenbahnen und Dampfschiffen, eine große Karte mit den beiden Erdhälften und andere von Australien, Südamerika, Brasilien, Nordamerika, Rußland und Ungarn, denn Herrn Kollboeker's Thätigkeit war eine sehr ausgebreitete, und er schaffte Menschen fort, wohin sie eben wollten, oder – wohin er sie gerade bereden konnte. Hatte er doch intime Verbindungen in allen Theilen der Welt, wenn er auch alle Theile der Welt nur dem Namen nach kannte.
Herr Kollboeker selber war leider gerade nicht zu Hause, und die beiden jungen Herren im Comptoir, – wahrscheinlich ein paar Lehrlinge, junge, aufknospende Auswanderungs-Agenten, die ihren Ehrgeiz darin setzten, später ebenfalls ein volles Schiff unter Segeln über ihrer eigenen Thür gemalt zu sehen, – schienen die freie Zeit benutzt zu haben, um an die Fenster zu hauchen und unmögliche menschliche Figuren darauf zu zeichnen. Beide trugen aber Federn hinter den Ohren, als Zeichen, daß sie jeden Augenblick zu deren Dienst bereit wären, und der Ältere von ihnen, der den Beiden auch die Thür geöffnet hatte, nahm jetzt das Wort und sagte: »Nun, Gevatter, wie geht's? Wollt Ihr nach Amerika oder nach Australien und Gold graben? Jetzt ist die Gelegenheit günstig; in der nächsten Woche geht ein Schiff.«
»Ist Herr Kollboeker nicht zu Haus?« frug Behrens, der durch die vertrauliche Anrede »Gevatter« etwas stutzig geworden war, denn er hatte den jungen Burschen, so weit er sich erinnerte, noch in seinem ganzen Leben nicht gesehen.
»Nein, Herr Kollboeker ist ausgegangen. Kann ich es nicht besorgen, wenn Ihr über irgend etwas Auskunft wünscht?«
»Ich weiß doch nicht,« sagte Behrens, »ich – ich komme wegen der Reise nach Brasilien.«
»Nach Brasilien, so? Wo seid Ihr denn her?«
»Von Groß-Emmen.«
»Ach, das ist die Familie, die mit der Rosalie nach Porto Seguro soll,« sagte der Jüngste, »wie heißt Ihr denn?«
»Behrens – Carl Gottlieb Behrens.«
»Ja, ganz Recht. Ihr habt ja wohl noch Euren Contract zu unterschreiben.«
»Ja – aber – ich wollte doch vorher gern erst noch einmal mit dem Herrn Kollboeker sprechen.«
»Ach, das ist nicht nöthig,« sagte der junge Mann mit den rothen gescheitelten Haaren, »das können wir auch besorgen. Habt Ihr den Contract mitgebracht?«
»Den hätt' ich schon,« meinte Behrens, indem er in die Tasche griff und das Papier herausholte, »aber –«
»Da kommt Ihr in ein prachtvolles Land,« nahm der Kleinste die Unterhaltung wieder auf, »Donnerwetter, da muß es himmlisch sein, – wo haben Sie denn den Brief, Meier, in dem die Beschreibung steht?«
»Dort auf dem Pult liegt er,« sagte Herr Meier, indem er selber darnach unter einem Haufen von Papieren herumwühlte und auch bald einen großen, auf bläulichem, sehr dünnem Papier eng geschriebenen Brief zum Vorschein brachte. »Ja, allen Respect, das muß ein Land sein, Kaffee, Vanille, Cacao, Alles wächst da wild, die Apfelsinen kann sich Jeder von den Bäumen schütteln, wo er nur will, und Ananas, wo hier das Stück drei Thaler kostet, wachsen wie bei uns die Kohlrüben und die Runkeln.«
»Und dort in den Bergen haben sie auch neulich die großen Diamanten gefunden, und ein Deutscher soll beim Graben einen Goldklumpen von zwei Pfund Gewicht herausgeschaufelt haben.«
»Hm,« sagte Andres, der dem Allen aufmerksam zugehört hatte, »das ist aber merkwürdig; und da zahlen Sie Einem noch Geld, wenn man nur hingeht?«
»Jawohl,« nickte Herr Meier, »weil es dort an ordentlichen deutschen Bauern fehlt, die was von der Landwirthschaft verstehen. Die Kerle sind da so dumm, und wissen gar nicht, was sie mit ihren Feldern anfangen sollen.«
Behrens hörte das Alles wie in einem halben Traum; es war ihm, als ob er von einem Zauberland sprechen, ein Märchen erzählen höre, und er konnte es sich kaum denken, daß er selber im Begriff stehe dort hinüber zu gehen und das Alles mit eigenen Augen zu sehen und zu erleben, – aber der Contract, –
»Ja,« sagte er verwirrt, »das ist Alles gewiß ganz wunderschön und herrlich, aber ich – ich muß doch vorher noch einmal mit dem Herr Kollboeker sprechen, denn –«
»Ach, da kommt er selber,« rief Herr Meier, der dabei zugleich hinter das Schreibpult an seinen Platz glitt und die Feder eintunkte; auch der Kleine war blitzschnell an seinen »Marterpfahl« gefahren, wie er den Ort, wo er zu arbeiten hatte, gewöhnlich nannte, wenn der Principal nicht zugegen, und beide jungen Leute schienen, als der Agent im nächsten Augenblick das Zimmer betrat, so emsig mit dem Copiren einiger Briefe beschäftigt, daß sie sein Kommen fast gar nicht bemerkten.
»Herr Kollboeker,« sagte Meier, von seinem Brief aufsehend, »da ist Behrens aus Groß-Emmen, der schon eine Weile auf Sie wartet, und Sie zu sprechen wünscht.«
Herr Kollboeker, der, ohne seinen Hut abzunehmen in das Zimmer getreten war und sehr eilig zu sein schien, sah über die Achsel nach den beiden Leuten hinüber und nickte, während er ein Packet Schriften auf den Tisch legte: »Oh, Behrens, das ist gut daß Ihr heute herein gekommen seid; es wird die höchste Zeit, und ich glaubte schon, Ihr wolltet Euch die Gelegenheit entschlüpfen lassen, ein brasilianischer Pflanzer zu werden.«
»Ja, Herr Kollboeker, – ich möchte Sie nur noch um Eins fragen,« sagte der durch das geschäftsmäßige Benehmen eingeschüchterte Mann. Herr Kollboeker hörte aber vor der Hand nicht auf ihn.
»Sind Briefe angekommen während ich fort war?«
»Ja, Herr Kollboeker,« sagte Meier, mit der Feder nach den auf dem Pult liegenden deutend.
Der Agent nahm sie in die Hand, es waren drei, – einen davon warf er wieder zurück. »Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß unfrankirte Briefe refüsirt werden.«
»Ich habe das Porto noch nicht dafür gezahlt.«
»Gut, er geht zurück, – das fehlte auch noch: man hat mit den Geschäften anderer Leute schon Auslagen genug an Geld. Nun, Behrens, was wolltet Ihr mir sagen?« frug er den Mann, ohne ihn aber anzusehen, denn er hatte den einen Brief erbrochen und fing an, darin zu lesen.
»Ja, Herr Kollboeker, – wegen des Contracts wollte ich Ihnen gern noch etwas sagen, – denn eigentlich ist es doch gar kein Contract, sondern nur eine Verpflichtung –«
»Nun, steht das nicht auch darüber?« frug der Agent, ohne von seinem Brief aufzusehen.
»Ja, allerdings, – aber – ich habe da mit einem Herrn Doctor gesprochen, und der meinte –«
»So? mit einem Herrn Doctor?« frug Kollboeker, den Mann ansehend, »und war der Herr schon einmal in Brasilien?«
»Nein, in Brasilien war er noch nicht.«
»Aha, und was weiß er denn nachher davon?« rief der Agent, »etwa mehr als wir hier, die täglich Briefe und Zeitungen von dorther bekommen, und das Land so genau kennen, wie unsere eigenen Taschen, heh?«
»Aber der Herr Frommann, unser Rittergutspachter –«
»Der hat Euch abgeredet, fortzuziehen, nicht wahr?« rief Herr Kollboeker triumphirend aus, »na, das versteht sich doch von selbst, denn daß es den Herren nicht recht ist, wenn ihre Knechte selber einmal Herren werden, läßt sich denken. Wo sollen sie denn nachher die Arbeiter hernehmen, wenn die Leute erst merken, daß sie nur über See zu fahren brauchen, um selbständige Gutsbesitzer zu werden, nicht blos Pachter. Also der hatte auch etwas dagegen einzuwenden? Es ist doch wirklich merkwürdig, was es für gescheidte Leute auf der Welt giebt,« und verächtlich mit dem Kopf schüttelnd, fuhr er in der Lectüre seines Briefes weiter fort.
»Abgeredet hat er mir eigentlich nicht«, sagte Behrens, »aber der Herr Doctor meinte, es wäre eigentlich gar kein Contract, und dann besonders die Stelle, wo von der ganzen Zeit und Aufmerksamkeit steht –«
»Kein Contract?« fuhr aber jetzt Herr Kollboeker auf – »so soll ich mich etwa heute auch noch mit Euch herumärgern, heh? – Was ist denn das, wenn Einer das Geld hergiebt und der Andere verspricht nachher dafür zu arbeiten, bis es abverdient ist, heh? – Was sind denn Eure Miethcontracte auf dem Lande, wo so ein armer Teufel von Ochsenknecht lumpige achtzehn oder zwanzig Thaler für's ganze Jahr bekommt und sich dafür das ganze geschlagene Jahr von Morgens früh drei oder vier Uhr bis Abends Glock sieben schinden und plagen und das Fleisch von den Knochen herunterarbeiten muß? Sind die etwa was Anderes und findet Ihr hier nur einen einzigen von all den großmäuligen Rittergutsbesitzern und Pachtern, die Euch nur so viel hundert Groschen vorschössen, um Euch zu einem bessern Leben zu verhelfen, als Ihr hier Thaler bekommt? Hab' ich Recht oder nicht?«
»Ach ja, Herr Kollboeker, wahr ist's schon und läßt sich Nichts dagegen einwenden; wenn man nur einmal zehn Groschen Lohn voraus haben will, so muß man vor Gott und nach Gott darum bitten, und kriegt's dann gleich in der nächsten Woche wieder bei Heller und Pfennig abgezogen.«
»Na also – und was wollt Ihr sonst noch?«
»Ja«, sagte Behrens verlegen – »eins liegt mir doch noch auf dem Herzen, und ich wollte Sie dringend darum gebeten haben.«
»Und das ist?« frug Herr Kollboeker, indem er den zweiten Brief hernahm und aufbrach.
»Ich wollte doch gern,« fuhr Behrens der sich ein Herz faßte, fort, »so nah wie möglich dorthin nach Brasilien kommen, wo mein Bruder drüben ist.«
»So? Ihr habt schon einen Bruder drüben? und wo steckt denn der?«
»In der Colonie Blumenau.«
»Na da geht doch hinüber,« meinte Herr Kollboeker kurz – »es hindert Euch Niemand daran. Dorthin gehn immer Schiffe.«
»Wo man seine Passage auch abarbeiten kann?« frug Behrens rasch.
»Ne,« lachte Herr Kollboeker, daß das kleine Comptoir dröhnte – »wenn Ihr direkt dahin wollt, müßt Ihr Eure Passage selber bezahlen. Aber seid Ihr unbehülfliches Volk,« rief er, indem er seinen Brief auf das Pult warf und sich gegen die an der Wand hängende kleine Weltkarte wandte. »Seht einmal hier,« fuhr er fort, und zeigte mit seinem Finger auf einen Platz auf dem Behrens gar Nichts erkennen konnte, als buntgemalte aber ihm vollkommen unverständliche Linien »hier ist Blumenau wohin Ihr gern wollt, und wo Euer Bruder sein soll, und hier gleich darüber, kaum mehr wie ein Zoll davon entfernt, fängt die Provinz Minas Geraes an, wohin Euer Contract lautet, nachdem Ihr unentgeldlich hinübergeschafft werdet.[3] Verlangt Ihr noch mehr? und wenn Ihr dort Eueren Contract abgearbeitet und Geld in der Tasche habt, hindert Euch denn etwa wer, die kurze Strecke da hinunter zu gehen und Euch anzusiedeln wo Ihr Lust habt? – Es ist rein zum Verzweifeln wenn Menschen etwas nicht einsehen wollen, was so sonnenklar auf der offenen Hand liegt.«
»Aber der Herr Doctor,« sagte Behrens schüchtern, »meinte, die Provinz wäre so sehr groß.«
»Na, wenn Euch das genirt, ob die Provinz groß oder klein ist,« rief Herr Kollboeker, indem er wieder zu seinem Pult ging, »dann bleibt doch meinetwegen in Deutschland – was liegt mir dran. Der Herr Doctor wird dann wahrscheinlich für Euch sorgen, damit es Euch hier an Nichts fehlt und Ihr leben könnt, wie der liebe Gott in Frankreich.«
»Ja du lieber Gott,« seufzte der Mann, der damit an sein Elend zu Haus erinnert wurde – »für Unsereinen sorgt auch Jemand, wenn wir es nicht selber thun können. Also Sie meinen wirklich, daß es nicht so weit von da wäre, wo mein Bruder ist?«
»Na, ich habe die Karte doch nicht gemacht,« sagte Herr Kollboeker, »die lassen die Regierungen selber ausarbeiten und was da drauf steht, ist richtig und muß richtig sein – Und ist sonst noch etwas, das Ihr auf dem Herzen habt?«
»Ja sehen Sie, Herr Kollboeker,« sagte Behrens, da der Agent das Erstere als beseitigt zu betrachten schien, »wenn Sie nur einmal so gut sein wollten, den letzten Satz durchzulesen, der da im Contract steht. – Bitte schön.«
»Nun was ist mit dem?«
»Ja, da steht, so lange der Contract dauerte, sollten wir Alle mit einander für unsern Brodherrn in einem fort arbeiten?«
»Nun? – versteht sich denn das nicht von selbst?«
»Ja, in der Woche gewiß – aber doch Sonntags« –
»Dummes Zeug – glaubt Ihr denn, daß in Brasilien Sonntags gearbeitet wird?« rief Herr Kollboeker – »das ist ja ein streng katholisches Land und hat noch außerdem eine Masse Fest- und Feiertage, die Euch ebenfalls zu Gute kommen –«
»Danke Ihnen,« sagte der Mann – »aber von einem Gärtchen steht kein Wort drin, – ein klein Stückchen Land müßte unser Einer doch haben, damit er sich selber ein wenig Gemüse bauen und ein paar Hühner und Schweine halten könnte. Das haben wir ja sogar hier in Deutschland gehabt, wo das Land so theuer ist.«
»Du lieber Gott,« lachte Herr Kollboeker gerade heraus – »das macht Euch doch etwa keine Sorge – ein Stück Land, wo der ganze Acker ein paar Thaler kostet? Lieber Freund, das sollt Ihr haben, und das will ich Euch, auf eigene Verantwortung auch noch in den Contract setzen, in sofern Euch das beruhigen sollte. Gebt einmal her – da ist ja gleich noch Platz. »Der besagte Carl Gottlieb Behrens erhält von seinem neuen Brodherrn auch noch ein Stück Land zur eigenen Bebauung angewiesen, um sich darauf einen Garten anlegen zu können.« So, seid Ihr jetzt damit zufrieden?«
»Ich danke Ihnen recht vielmals, Herr Kollboeker, damit ist mir ein großer Stein vom Herzen. Wissen Sie, unser Einer ist an sein kleines Gärtchen gewöhnt, und es würde uns hart anthun, wenn wir es in dem fremden Land missen sollten.«
»Ei versteht sich von selbst, Behrens, versteht sich von selbst; aber Ihr müßt mich entschuldigen – ich habe noch sehr viel zu thun. Wenn Ihr also weiter nichts zu bemerken habt, so könnt Ihr ja den Contract unterschreiben und da lassen – da ich doch morgen Briefe nach Antwerpen schicke.«
»Ja, Herr Kollboeker,« sagte Behrens etwas bestürzt, denn das kam ihm zu rasch, und so weit war er noch nicht einmal mit sich im Reinen, ob er überhaupt gehen wollte oder nicht, »so geschwind geht's doch freilich nicht. Es ist gar so ein wichtiger Schritt, den ich vorher noch reiflich mit meiner Alten überlegen möchte.«
»Na ich dächte, Ihr hättet Zeit genug zum Überlegen gehabt, aber wie Ihr denkt; ich wäre der Letzte der Euch dazu drängte, denn was hab ich dabei, ob Ihr geht oder da bleibt; mir kann's einerlei sein. So überlegt Euch denn meinetwegen die Sache noch eine ganze Woche lang, bis Ihr selber abreist, und wenn Ihr wollt, könnt Ihr den Contract auch erst in Antwerpen selber unterschreiben, wenn Ihr einmal das Schiff gesehen habt. Das bleibt sich gleich, und bei uns geht Alles offen und ehrlich zu, aber in einer Sache kann ich Euch nicht helfen, wenn Ihr überhaupt mitwollt, – heute ist Mittwoch, bis morgen Abend spätestens muß Euer Gepäck, was Ihr unterwegs mitnehmen wollt, d. h. die großen Kisten, hier sein. Kleinigkeiten könnt Ihr bei Euch behalten, denn übermorgen früh mit dem Packzug um acht Uhr, geht Alles, was ich zu befördern habe, nach Antwerpen ab, um gleich verladen zu werden.«
»Ja, spätestens,« sagte Herr Kollboeker, »denn wegen Euch allein und extra kann ich doch keine Fracht abschicken; das sieht ein Kind ein. Alles was später kommt, müssen die verschiedenen Eigenthümer auf ihre eigenen Kosten transportiren lassen, und viel später hilft's ihnen nicht einmal mehr was, denn wenn das Schiff erst einmal geladen ist, dann werden die Luken zugemacht und versiegelt, damit unterwegs nichts wegkommen kann, und dann wird keine Fracht mehr angenommen. – Sind Sie denn noch nicht mit den paar Briefen fertig, Meier, das dauert ja eine wahre Ewigkeit.«
»Wir hatten so viel Abhaltung, Herr Kollboeker.«
»Ja, ich kenne Eure Abhaltung schon, – Maulaffen feil halten, wenn ich den Rücken drehe. Eilen Sie sich ein bischen; in einer Viertelstunde bin ich wieder zurück, damit ich sie dann unterschreiben kann. – Also bis morgen Abend vor sieben Uhr, Behrens, denn pünktlich um sieben Uhr wird zugemacht. Bei mir geht Alles auf die Minute, und muß auch bei einem solchen Geschäft so gehen. Also auf Wiedersehen, Behrens. – Apropos, will der junge Mensch, den Ihr da bei Euch habt, auch mit?«
»Nein, Herr Kollboeker, das ist nur ein –«
»Na, gute Nacht Behrens, gehabt Euch wohl,« und ohne sich weiter um die Beiden zu bekümmern, verließ der Agent das Haus, es Behrens anheimgebend seine weiteren Maßregeln zu treffen, wie es ihm beliebe, – er wußte, daß das Gift jetzt wirkte.
Behrens war das gar nicht recht, denn er hätte am liebsten noch eine längere Zeit zum Überlegen frei behalten, auch wohl gern noch einmal mit dem Doctor gesprochen, und Andres, der bei der ganzen Unterredung auch nicht eine Sterbenssylbe gesagt oder gar einen Rath gewagt hatte, ging auch mit zurück. Der Doctor war aber noch nicht nach Hause gekommen, und Niemand wußte wann er wieder kam, da er, sehr ungleich dem Agenten Kollboeker, nichts auf die bestimmte Minute that, und in seinem Beruf auch nicht thun konnte.
Es war dabei schon spät geworden und Behrens mußte an den Heimweg denken, wenn er nicht in stockfinsterer Nacht nach Hause kommen wollte. Er nahm sich deshalb auch kaum Zeit, ein paar Bissen Brod und Käse mit Andres, der hier in gutem Verdienst stand, in der nächsten Restauration zu essen und ein Glas Bier dazu zu trinken, was ihm sein Vetter aufnöthigte, – dann wanderte er mit schwerem Herzen und von Zweifeln gequält den langen Weg nach Groß-Emmen zurück, um mit seiner braven Frau zu berathen, was sie nun thun, – ob sie bleiben und das bisherige karge Leben, das ihnen nur Noth und Mangel gebracht, fortführen oder auswandern sollten in ein fremdes, weit gelegenes Land, um die Heimath nie – nie wiederzusehen.
Und was hatte ihnen das Vaterland eigentlich bis jetzt geboten? Lieber Gott, sie verlangten ja wahrlich nicht viel, – nur leben wollten sie, – nur nothdürftig leben und sich satt essen und nicht ewig in Sorge und Angst sein, um das Nothdürftigste für sich und die Kinder herbeizuschaffen. Aber selbst das war der Mann in der letzten Zeit – und da noch ein Kind dazu gekommen – nicht mehr im Stand gewesen, zu erschwingen. Kinder sollten ein Segen sein, und sie wurden ihnen hier zur drückendsten Last, während noch außerdem die Frau an zu kränkeln fing, da sie in ihrem schwächlichen Zustand jeder stärkenden Nahrung und kräftigen Kost entsagen mußte.
»Schlimmer kann es dort auch nicht sein,« lautete auch zuletzt das Resultat der langen Verhandlung zwischen den beiden Gatten; schlimmer kann es nicht kommen, denn zu essen und zu trinken werden wir doch in dem fremden Lande haben und – wir brauchen nicht zu fürchten, daß unsere Kinder betteln gehen müssen, wenn ihnen der Vater einmal plötzlich wegsterben sollte.
Es ist das jene furchtbare Aussicht, die Tausende von braven, wackeren Menschen hinaus aus Deutschland in ein fernes Land treibt, und mit wie schwerem Herzen gehen sie fort! – O, wie gern, – wie gern wären sie daheim geblieben.
Viertes Capitel.
Die Abreise.
Am nächsten Tag hatte Behrens und seine Familie alle Hände voll zu thun, um ihr weniges Eigenthum in Kisten zu packen. Behrens war an dem Morgen wieder zweifelhaft geworden was er thun sollte, denn die Warnungen des Doctors und selbst Herrn Frommann's Einwürfe fielen ihm wieder ein und ließen ihn fast die ganze Nacht nicht schlafen – aber das Gepäck mußte fort, der Agent hatte es ihm ja gesagt, wenn er nicht die ganze Fracht dafür bezahlen wollte, und wie wäre er das im Stande gewesen? Mußte er nicht sogar das mühsam aufgefütterte Schwein, seine paar Hühner und manches Andere verkaufen, um nur ein paar Thaler in die Hände zu bekommen und die nöthigsten Ausgaben damit zu decken?
Herr Frommann vom Gut ließ ihm die Sachen in die Stadt fahren, oder gab ihm vielmehr einen Rüstwagen und ein paar Pferde dazu, daß er es selber besorgen konnte, und Herr Kollboeker stand schon in der Thür und wartete darauf, besorgte auch sogleich, daß sie mit anderen, schon dort stehenden Kisten an den Bahnhof gefahren wurden. Er hatte einen besonderen Waggon für seine Güter genommen, die augenblicklich eingeladen und noch mit dem nächsten Zug befördert wurden.
Nach dem Contract frug ihn der Agent aber gar nicht wieder, das hatte Zeit und drängte nicht, denn jetzt waren ihm die Leute sicher genug. Ihr ganzes Gepäck hätten sie doch nie im Stich gelassen.
Behrens fuhr still und schweigend, ohne nur ein einziges Mal in der Stadt einzukehren, nach Groß-Emmen zurück, und scheute sich fast seine eigene Wohnung zu betreten, so wüst und leer sah es an dem Abend darin aus.
Nur die nothwendigsten Betten für das Kind hatten sie zurückbehalten; für die andere Familie war Stroh im Schlafzimmer aufgeschüttet worden, das ihm der Pachter ebenfalls geborgt. Es that ihm leid einen braven Arbeiter zu verlieren, denn er hatte Behrens immer gern gehabt, hütete sich aber auch wohl, ihm von dem, wie es schien fest gefaßten Plan abzureden, denn wäre es ihm später einmal schlecht gegangen, so hätte er sich am Ende gar, wenn auch noch so ungerechten Vorwürfen ausgesetzt, der Familie in ihrem »Glück« hinderlich gewesen zu sein. Es war das eine Sache, die Jeder mit sich selber ausmachen, aber dann auch selber vertreten mußte.
Den Freitag und Sonnabend hätte Behrens gern noch mit auf dem Gut gearbeitet, um wenigstens die paar Tage Lohn zu verdienen – aber es ließ ihm keine Ruh. War es, daß er jetzt ein paar Thaler in der Tasche hatte – war es das Gefühl, nun bald für immer von so vielen lieb gewonnenen Plätzen Abschied nehmen zu müssen, aber rastlos wanderte er am nächsten Tag von Fleck zu Fleck, bald hinaus auf das Feld, bald zum Schulmeister, bald zum Kirchhof, wo seine Eltern und ein vor drei Jahren gestorbenes Kind ruhten, und wohl eine volle Stunde lang saß er auf dem nächsten Hügel der das kleine Dorf überschaute, und blickte hinab auf die Häusergruppe mit ihren rothen Ziegeldächern, auf den alten Kirchthurm, die Pfarrwohnung und seine eigene kleine Hütte, in welcher er so viele, viele traurige Stunden, aber doch auch wieder manche glückliche verlebt, und gerade diese gingen jetzt an seinem inneren Geiste vorüber.
Am Feierabend kamen nachher viele der frühern Kameraden zu ihm, um mit ihm über Brasilien zu sprechen – er mußte es ja doch jetzt wissen, denn er ging hin in das weite, fremde Land; aber ihm selber war viel zu weh ums Herz, als daß er einem Andern hätte zureden mögen, einen gleichen Entschluß zu fassen; er blieb einsilbig und niedergeschlagen, und der Besuch ging unbefriedigt fort.
Es ist eigenthümlich, mit welcher fabelhaften Zähigkeit die menschliche Seele an alt Gewohntem hängt, und wir verlassen mit fast eben so schwerem Herzen einen Ort, in dem wir uns elend gefühlt, und aus dem wir uns tausend und tausend Mal hinausgesehnt, wie eine Stelle, die nur glückliche Erinnerungen für uns trägt.
Am nächsten Morgen ging Behrens noch einmal in die Stadt, um mit Herrn Kollboeker die genaue Abfahrtszeit zu besprechen und noch Manches über das fremde Land, und wie er sich besonders in der Seestadt zu benehmen habe, zu erfragen. So redselig Herr Kollboeker aber auch früher über Brasilien gewesen war, als es noch galt die Lust zur Auswanderung in dem Mann rege zu machen, so wenig Zeit hatte er jetzt sich mit ihm einzulassen.
»Mein lieber Freund,« sagte er, in seinem Comptoir zwischen einer Unzahl von Papieren herumkramend – »Sie kommen mir heute sehr ungelegen. Die Abfahrtszeit wissen Sie jetzt – Sie müssen Sonntag Morgen Punkt halb Zwölf spätestens hier am Bahnhof sein, denn um zwölf Uhr zwanzig geht der Zug. Auf Weiteres kann ich mich aber für jetzt nicht einlassen, denn ich habe bis zur nächsten Post noch einige zwanzig Briefe zu schreiben und zu dictiren.«
»Aber meinen Contract –«
»Den nehmen Sie mit nach Antwerpen. Dort am Bahnhof wird Jemand sein der Sie empfängt, und dort erfahren Sie auch Alles, was Sie zu wissen brauchen. Bitte, Meier, stellen Sie sich einmal dahin und schreiben Sie, damit wir das nur endlich fertig kriegen.«
Behrens ging; er sah ein, daß er den so sehr beschäftigten Herrn Kollboeker heute nicht stören dürfe. Er schüttelte den Kopf; der Mann war früher so herzlich und theilnehmend gegen ihn gewesen, und jetzt auf einmal so kalt und vornehm – aber du lieber Gott, er hatte wohl den Kopf voll – zwanzig Briefe – das war keine Kleinigkeit und er wußte recht gut, welche Mühe und Arbeit es seiner sonst in Allem so flinken Frau gemacht, wenn sie nur einmal einen einzigen hatte schreiben müssen.
Wie er die Straße langsam und traurig hinunterschritt, begegnete er dem Doctor, der ihn augenblicklich wieder erkannte.
»Heh?« sagte er, indem er stehen blieb, »ist das nicht unser Brasilianer? – Nun, wie ist's? Den Contract habt Ihr doch nicht unterschrieben?«
»Nein, Herr Doctor,« sagte der Mann, und wurde bis hinter die Ohren roth, – »ich kann's mir noch eine Weile überlegen.«
»Das ist gescheut,« nickte der alte Herr, »und noch gescheuter wär's, Ihr bliebet ganz hier, denn wenn sie Euch auch einen bessern Contract aufsetzen, so ist hier doch Deutschland und drüben Amerika, und was hier gilt, kann möglicher Weise dort drüben auch nicht einen Stecknadelknopf werth sein.«
»Ja« sagte Behrens mit einem Seufzer, »das ist wohl wahr. Nun ich soll ja aber in Antwerpen ganz genau erfahren, wie es damit wird.«
»In Antwerpen? – was wollt Ihr denn dort?«
»Ja da liegt ja das Schiff, und unsere Sachen sind schon voraus gegangen.«
»Eure Sachen habt Ihr schon fortgeschickt?« rief der Doctor in blankem Erstaunen aus, »und noch keinen ordentlichen und anständigen Contract in den Händen?«
»Der Herr Kollboeker meinte das hätte bis dort Zeit.«
»Natürlich,« nickte der Arzt, »weil sie Euch jetzt sicher genug in der Tasche haben, denn Ihr lauft ihnen nun nicht mehr fort. Na, dann glückliche Reise, Freund. Wer nicht hören will muß fühlen« und ihm zunickend ging er ärgerlich die Straße hinab.
Behrens schaute ihm verdutzt nach. »Wer nicht hören will muß fühlen,« hatte der alte Herr gesagt, – sollte er denn wirklich einen dummen Streich gemacht haben? – Und jetzt waren die Sachen fort. Er hatte allerdings keinen freien Willen mehr und mußte nach, und daß er von dort nicht wieder zurück konnte, war ebenso gewiß. Ein Gutes hatte aber dieser Zwang trotzdem: er war endlich die Zweifel losgeworden die ihn bis dahin immer noch gequält. Jetzt, nachdem die Würfel gefallen, half auch kein Überlegen und kein Grübeln mehr, und zum ersten Mal, als er weiter schritt, hob er trotzig und entschlossen den Kopf, denn er fühlte die Kraft in sich, seine Familie mit Fleiß und Ausdauer – wo es auch sei und unter welchen Verhältnissen, eben so gut – und jedenfalls besser durchzubringen wie hier im Vaterland. »Es hat einmal so sein sollen,« tröstete er sich, »der liebe Gott hat's gewollt, und der wird uns ja auch schon weiter helfen.«
Von jetzt an betrieb er das Nöthige vor der Abreise mit Ruhe und Besonnenheit, und nur als der Abschied wirklich heranrückte, und seine Frau bitterlich weinend auf dem Wagen saß, den ihnen Einer der Bauern zur Verfügung gestellt um die zum Gehen noch zu schwache Frau fortzubringen, da liefen auch ihm die Thränen an den wetterbraunen Wangen nieder.
Ja, wär es ein stürmischer, regnerischer Tag gewesen, ein wildes Wetter, wo die Windsbraut über die Felder jagte und düstere Wolken den Horizont beengten, Behrens hätte sich vielleicht leichter hineingefunden, – aber der helle, warme Sonnenschein, die Lerchen jubelnd in der Luft, Glockengeläute vom alten Kirchthurm nieder, neben dem er die theuren Gräber ließ, und freundliche geputzte Menschen um sich her, die ihm Alle zunickten und den davon Ziehenden mit den Tüchern nachwinkten. Das faßte ihm das Herz wie mit eisernen Zangen, und Wald und Sonnenschein, Heimath und Freundesgruß schwammen in seinen Thränen zusammen, während es ihm war, als ob bei dem Geläute der alten, lieben Glocken Alles noch einmal zu Grabe getragen würde, was er je in der Welt verloren.
Aber auch das wich von ihm, – weit in der Ferne verhallten die Töne, über das rauhe Straßenpflaster der Stadt rasselte der Rüstwagen, und fremde, geschäftige Menschen umdrängten ihn, als er den Bahnhof endlich erreichte und nun für sich und all die Seinen denken mußte. Da war keine Zeit mehr, sich dumpfem Brüten hinzugeben; Herr Meier, aus Kollboeker's Geschäft, hatte die Beförderung der Auswanderer überkommen und schleppte ihn bald da, bald dort mit hin, um zunächst das mitgeführte Reisegepäck, dann ihn selbst und die Seinen unterzubringen. Und nicht lange, so läutete die Glocke das Zeichen zur Abfahrt, – die Maschine pfiff, und fort wurden sie gerissen durch das weite Land, der unbekannten Ferne entgegen.
Aber wie fremd kamen sich die Armen schon hier im eigenen Vaterland vor, wie sie nur erst die Marken ihres heimischen Dorfes hinter sich hatten. Da war kein bekanntes Gesicht mehr, auf das ihr Auge fiel, kein menschliches Wesen, das sich um sie bekümmert hätte oder nach ihnen gefragt. Nur die Bahnbeamten schoben sie manchmal, wenn der Zug gewechselt wurde, da und dort hinüber, und wollten wissen, ob sie auch ihre Fahrbillette hätten; dann ging's weiter, immer weiter, in eine endlose Ebene hinaus, mit Dörfern und Wiesen und blauem Himmel wie daheim, aber doch so fremd Alles, so entsetzlich fremd.
Tag und Nacht fuhren sie so durch; die Kinder, die sich Anfangs über die Reise gefreut, wurden ungeduldig und fingen an zu weinen, das Kleinste schrie viel, und die Mitpassagiere ärgerten sich darüber und sprachen oder lachten auch wohl untereinander. Endlich stiegen Leute ein die eine ganz fremde Sprache redeten, und Canäle durchzogen das Land, das fast nur aus grünen Wiesen bestand, auf denen zahllose Heerden weideten, – und zuletzt erreichten sie eine große mächtige Stadt an einem Strom, so breit, wie die Deutschen noch gar keinen in ihrer Heimath gesehen, und von hieraus mußten sie nun auf dem großen Wasser fahren, vor dem sich die Frau im Stillen immer gefürchtet hatte.
Wie ihnen Herr Kollboeker daheim gesagt, sollten sie auch hier einen Mann treffen, der sich ihrer weiter annehmen und ihre Beförderung auf das Schiff besorgen würde; wie der sie aber aus der ungeheuren Menschenmenge, die da auf und ab wogte, herausfinden konnte, begriff Behrens nicht, und noch stand er, das jüngste Kind auf dem Arm, während sich die anderen um ihn und die Mutter drängten, auf dem Perron, und sah rathlos und scheu in das ihn umtobende Gewühl hinein, als ein junger, sehr elegant gekleideter Herr auf ihn zukam und freundlich sagte: »Familie Behrens aus Groß-Emmen?«
»Ja, du lieber Gott,« rief die Frau, ordentlich erschreckt, »woher wissen Sie denn das schon?«
Der junge Mann lächelte und während er – aber in einer Sprache, welche die Auswanderer nicht verstanden – einen der Packträger, der eine Nummer an der Mütze trug, herbeiwinkte, frug er Behrens nach seinem Gepäckschein, der Jenem übergeben wurde, und lud dann die Auswanderer ein mit ihm zu kommen, daß er sie in ein Wirthshaus führe, wo sie übernachten könnten, denn sie sollten erst morgen früh an Bord des Schiffes gebracht werden.
Die Frau wollte allerdings den Bahnhof nicht verlassen, ohne ihre Sachen mitzunehmen; der junge Fremde beruhigte sie aber darüber, und brachte sie auch endlich so weit, daß sie ihm folgten.
Von jetzt ab gingen die Deutschen wie in einem Traum herum, denn wenn auch noch in Europa, fanden sie sich doch in einer vollkommen fremden Welt, in der sie sich nicht zu rathen und zu helfen wußten. Da sahen sie rings um sich Menschen in einer anderen Tracht, die eine andere Sprache redeten, – selbst an den Häusern die Schilder konnten sie nicht lesen, und ordentlich erstaunt blieben sie stehen, als oben von dem einen Thurm ein Glockenspiel die Stunde anzeigte.
Glücklicher Weise brachte sie ihr Führer zu Deutschen, und forderte dann Behrens auf, mit ihm auf das Comptoir zu gehen, um dort ihre Angelegenheit zum Schluß zu bringen.
Behrens folgte ihm willenlos, und wenn er auch manchmal gern stehen geblieben wäre, um sich in den Straßen umzusehen, wo wunderliche Frauengestalten mit langen Strickstrümpfen und hohen Mützen in Holzpantoffeln vor den Thüren saßen, und mit einander erzählten und plauderten, ließ ihm sein Führer doch keine Zeit dazu.
Er hielt auch nicht eher, als bis sie wieder ein schmales, in der unmittelbaren Nähe des Strandes gelegenes Haus erreichten, an dessen Thür sich ebenfalls viele Schilder befanden, die Behrens aber auch nicht lesen konnte. Dort traten sie ein, und der arme Tagelöhner fand sich plötzlich in einem langen, wenn auch ziemlich schmalen Saal, in welchem wohl zwölf oder vierzehn Herren emsig schrieben und keine Seele sich um ihn bekümmerte. Dort wurde er hindurch geführt, ohne daß ihn auch nur Einer angesehen hätte, in ein anderes, kleines Gemach, in welchem kostbare Möbel standen und zwei ältliche Herren an ihren Pulten saßen.
Dem Einen von diesen meldete Behrens' Führer seine Ankunft, ohne daß der Herr aber nur den Kopf gehoben hätte, so war er in ein Papier vertieft, in dem er gerade las. Endlich sah er Behrens über seine Brille an, und ohne ein Wort zu sprechen, betrachtete er ihn wohl über eine halbe Minute, so daß der arme Teufel ganz verlegen wurde. Endlich sagte er auf deutsch, aber mit einem etwas fremdartigen Ausdruck: »Wo ist Euer Contract?«
»Hier, Herr,« erwiderte Behrens, und überreichte ihm das Papier, in das jener einen flüchtigen Blick warf.
»Ihr habt ja noch nicht unterschrieben.«
»Ja, sehen Sie – « sagte Behrens, und hätte jetzt gern noch einige Bedenklichkeit, über die er unterwegs gegrübelt, vorgebracht, aber es ging nicht. Erstlich fiel ihm nicht einmal gleich ein, was er eigentlich sagen wollte, und dann hatte der Herr vor ihm mit der grünen Brille, dem er nicht einmal in die Augen sehen konnte, so entsetzlich viel zu thun, daß er sich kaum mit ihm abgeben mochte. Der alte Herr ließ ihn aber auch gar nicht ausreden.
»Leben die Personen noch alle, die hier auf dem Papier stehen?«
»Wer?« frug Behrens erschreckt.
»Nun, all diese Familienglieder.«
»Gott wolle verhüten, daß Eines davon gestorben wäre,« rief der arme Mann, bestürzt die Hände über den Hut faltend.
»Und sind sie Alle mit Euch hierher gekommen?«
»Gut – dann unterschreibt einmal den Contract. Ihr könnt doch schreiben?«
»Meinen Namen, ja.«
Der alte Herr erwiderte nichts weiter, – er trat einen Schritt zur Seite und reichte Behrens eine von den auf dem Pult liegenden Federn, die er vorher für ihn eintauchte, und Behrens setzte mit zitternder Hand und gar keine Widerrede mehr wagend, seinen Namen an die bezeichnete Stelle auf das Papier.
Der alte Herr sah ihm zu, nahm dann, als Behrens fertig war, das Document und streute blauen Sand über den frisch und etwas dick geschriebenen Namen, faltete es nachher zusammen und legte es auf sein Pult.
»Ja aber,« sagte Behrens etwas verwundert, »bekomme ich denn das Papier nicht wieder?«
»Das muß der Capitän haben, um zu sehen ob die Anzahl der Personen trifft,« sagte der alte Herr, »an Bord wird man es Euch nachher wiedergeben,« und als ob Behrens nicht weiter auf der Welt existire, drehte er sich von ihm ab, und beschäftigte sich wieder mit seiner früheren Arbeit.
Der junge Mann zupfte dabei Behrens am Ärmel, daß er ihm folgen möge, und Beide schritten wieder, ohne daß der Alte des Bauern Gruß erwidert oder nur bemerkt hätte, durch den langen Saal hinaus ins Freie.
Von jetzt an hatte Behrens aufgehört selbstständig zu handeln, und war einzig und allein auf die Hülfe fremder Leute angewiesen. Aber gutes kräftiges Essen bekamen sie wenigstens in dem Wirthshaus, wie es die Familie seit Jahren, vielleicht in ihrem ganzen Leben noch nicht gehabt. Eine gute Suppe, Fleisch im Überfluß, so viel sie davon genießen wollten, und was für ein herrliches Fleisch, und Kaffee mit Zucker und Weißbrod, ja sogar eine Flasche Wein ließ sich der junge Mann geben, der ihn dort hineingebracht und der viel anständiger aussah als Herr Meier, bei dem Auswanderungsagenten daheim – und schenkte Behrens ein großes Glas davon ein.
Es war jedenfalls ein neues Leben, das er damit begonnen hatte und wenn das so fort ging, konnte er recht wohl zufrieden damit sein. Trotzdem kam es ihm unheimlich bei den Fremden vor, denn wenn auch einzelne Leute in dem Haus deutsch miteinander sprachen, so unterhielten sie sich doch nur über Dinge, von denen er kein Wort verstand: von Schiffen, von Fracht und Ladung, von Havarie und anderen ähnlichen Sachen. Aber die Ruhe that ihm und den Seinen wohl, und wenn er sich auch nicht aus dem Haus hinausgetraute, weil er fürchtete, daß er den Rückweg nicht wieder finden würde, erfreute er sich der regelmäßigen Mahlzeiten und war sogar nicht böse darüber, als sie am nächsten Tag hörten, sie könnten noch nicht an Bord gehen, da das Schiff noch nicht ganz segelfertig sei, was ihren Aufenthalt in dem Wirthshaus um einige Tage verlängerte.
Es kam ihm wohl dabei einmal der Gedanke, daß er das, was er hier mit den Seinen bei seinem gar nicht selber verschuldeten Aufenthalt verzehrt habe, am Ende mit seiner Hände Arbeit würde wieder bezahlen müssen – aber er gab sich dem nicht lange hin. Sie waren einmal unterwegs, und jetzt mochte der liebe Gott weiter helfen.
Fünftes Capitel.
Auf See und an Land.
Am dritten Tag kam endlich ein Wagen vor die Thür, der ihre Sachen abholen sollte. Es standen schon eine Anzahl großer unbehülflicher Kisten darauf, wie sie die Deutschen gewöhnlich mit in ein fremdes Land schleppen, und dann, an Ort und Stelle angekommen, nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Dem Wagen folgten sie zu Fuß – Geld wurde ihnen dabei im Wirthshaus gar nicht abverlangt. Der junge Mann aus dem Geschäft kam nur wieder, ließ sich die Rechnung geben, dann begleitete er sie selber zu einem kleinen Dampfer, der bestimmt war sie an Bord ihres Schiffes zu bringen, das schon weiter unten im Strom, in der Schelde lag.
Von da an kamen sie eigentlich nicht mehr recht zu sich selbst; denn wie sie nur das breitere Wasser erreichten und das Schiff an zu schaukeln fing, waren sie kaum im Stande ihr Gepäck zurecht zu rücken und sich selber in ihrem Schlafplatz auf die ausgebreiteten Betten zu werfen. Dann wurden sie krank und behielten nichts als das Gefühl ihres Elends viele Tage lang.
Es war auch in der That eine böse Fahrt, bis sie den Canal hinter sich hatten. Mit kleinen Segeln, bei einem ziemlich heftigen Nordostwind, fuhr das Schiff aus der Schelde hinaus und draußen wehte schon an dem nämlichen Abend ein fliegender Sturm und peitschte die See zu Schaum. Die Wellen schlugen über Deck, und das rasche Laufen der Matrosen auf den Planken, die laut geschrieenen Befehle ängstigten die unglücklichen Passagiere nur noch mehr. Aber der Sturm hatte wenigstens in so fern sein Gutes, daß er das Fahrzeug rasch hinaus aus dem gefährlichen Wasser des Canals und in die offene See hineinfegte. Dort ging die See allerdings noch hoch, aber der Wind ließ doch nach und die Wellen beruhigten sich allgemach; ja es trat sogar am sechsten Tage – wie das nach einem sehr heftigen Unwetter häufig der Fall ist, Windstille ein, und als sich die See glättete und die halbtodten Passagiere an Deck hinaufschwankten, um zum ersten Mal wieder frische Luft zu schöpfen, waren sie aus Sicht von jedem Land und schwammen draußen auf dem weiten, öden Meer.
In dem ruhigen Wetter erholten sie sich aber rasch; der Körper hatte sich auch indessen an das Schaukeln gewöhnt und der so lang vollständig vernachlässigte Magen verlangte sein Recht. Auch Bekanntschaft konnten die Reisegefährten jetzt unter einander machen, denn bis dahin hatte sich Keiner um den Anderen bekümmert.
Es waren noch viele Familien an Bord aus allen Theilen Deutschlands, auch eine Menge junges Volk, und Behrens erkannte zu seinem Erstaunen gerade einen Theil der Burschen wieder, die er damals hatte, mit buntem Schmuck an den Hüten, durch die Stadt ziehen sehen, und die so übermüthig und keck gewesen waren. – Aber lieber Gott, wie traurig und niedergeschlagen sahen sie jetzt, nach der überstandenen Seekrankheit, aus, wie bleich und hohläugig, und nie im Leben würde er aus diesen Jammergestalten die rothbackigen munteren Gesellen von damals wiedererkannt haben, wäre es nicht eben an dem bunten Flitterputz gewesen, den sie noch an den freilich zerknitterten und arg mitgenommenen Hüten trugen. Sie sangen und jubelten auch nicht mehr; ineinander gebrochen saßen sie an Deck umher, und es brauchte Tage lang, bis sie sich nur in etwas wieder erholen konnten.
Besonders viel Familien waren an Bord und eine wahre Unzahl von kleinen Kindern – und alle wollten nach Brasilien, alle hatten ähnliche Contracte unterzeichnet wie Behrens und trugen die Herzen voller Hoffnung dem fremden Land entgegen. Hier war auch Niemand, der sie mit Sorge oder Verdacht erfüllt hätte; kein Mensch, der von unvollständigen oder zweideutigen Contracten oder von schlechten Bedingungen sprach. Die alte Welt lag hinter ihnen, mit ihren pedantischen Ansichten und kleinherzigen Rücksichten, und was sich vor ihnen ausbreitete, war ein neues frisches Leben voller Glanz und Sonnenschein.
Sonderbar nur, daß Keiner der Passagiere angeben konnte wohin er ging. Es fiel ihnen jetzt allerdings auf, wo sie sich darüber untereinander aussprachen, daß Keiner von Allen noch einen bestimmten Platz wußte, und eigentlich nur das Wort »Brasilien« der Sammelpunkt war, den sie sich bis dahin gedacht – aber wo in Brasilien würde ihr künftiger Aufenthalt sein?
Einer der Passagiere, ein wunderlicher Kauz mit einem ganz jungen frischen Gesicht, aber schneeweißen Haaren und einem eben solchen Barte, hatte eine Karte mit und schien auch einen ungefähren Begriff von Geographie zu haben. Er zeigte ihnen das brasilianische Kaiserthum und berechnete ihnen die ungefähre Größe des gewaltigen Reiches nach den angegebenen Graden.
Auch den Hafen fanden sie darauf angegeben, nach welchem sie bestimmt waren; aber nicht alle Passagiere gingen dorthin. Einige sollten nach Bahia, Andere nach Mucury geschafft werden, und man vermuthete natürlich, daß das Schiff an den verschiedenen Punkten anlegen werde, wenn diese auch ziemlich weit von einander entfernt lagen.
Und wie es in dem fremden Lande werden würde? – Keiner der Auswanderer hatte auch nur eine Ahnung davon, aber Alle soviel von dem herrlichen Klima und den paradiesischen Früchten gehört, daß sie die Zeit kaum erwarten konnten, in welcher sie den Platz erreichen, und Alles an Ort und Stelle selber sehen würden.
So verträumten sie die Tage, mit Hoffnungen und Plänen, in die ihnen Niemand einen Mißton bringen konnte, und da auch von jetzt an warmes und freundliches Wetter mit günstigem Winde einsetzte, scheuchte der blaue Himmel selbst die letzten Sorgen fort.
Eigenthümlich war, daß sämmtliche Passagiere ihre »Contracte« hatten in Antwerpen abliefern müssen, und wenn auch gar nichts in denselben stand, was die Arbeitgeber im Geringsten hätte gegen sie, die Arbeiter binden können, so hängt doch der Deutsche nun einmal mit merkwürdiger Zähigkeit an etwas Schriftlichem, und wiederholt waren die Gesuche an den Capitän gewesen, ihnen die Papiere zurückzugeben.
Anfangs hatte dieser nur einfach gesagt, sie müßten erst eingetragen werden, und das hätte noch Zeit, denn sie blieben noch eine lange Weile zusammen auf der See, dann mischte sich aber auch noch ein anderer Mann hinein – ein langer, magerer Herr, den sie bis dahin nur für einen Cajütspassagier gehalten, der ihnen aber erklärte, daß er der Supercargo des Schiffes und Bevollmächtigter des Hauses in Antwerpen wäre. Dieser erklärte ihnen – nachdem sie etwa vier Wochen in See waren – daß die Contracte erst Jedem ausgeliefert würden, wenn sie an Land kämen, um sich bei ihren neuen »Brodherren« zu legitimiren. Hier auf See brauchten sie dieselben doch nicht, und sie könnten nur vielleicht verloren gehn, was nachher die größte Verwirrung herbeiführen würde.
Das blieb der einzige Bescheid den sie erhielten, und sie mußten sich, wohl oder übel, damit begnügen.
Wieder vergingen vierzehn Tage; der Wind war ihnen günstig, denn sie hatten jetzt lange die nordöstlichen Passate erreicht, die sie der neuen Heimath entgegenführten, aber diese wehten außerordentlich schwach und sie machten wohl steten aber doch ziemlich langsamen Fortgang. Endlich – endlich bekamen sie das erste Zeichen, daß sie sich wirklich dem Festland näherten, denn das Loth oder Senkblei wurde geworfen, um zu sehen ob sie Grund fänden, da sich an vielen Küsten, besonders an den amerikanischen, die Entfernung des Landes ziemlich sicher und genau nach der Tiefe des Meerbodens beurtheilen läßt, die man findet.
Zwei Tage später rief der Mann, der Morgens mit Tagesanbruch in den Top gesandt wurde: Land! Wenn die Passagiere aber auch sämmtlich an Deck standen und dort hinüber schauten, konnte doch Keiner von ihnen auch nur das Geringste entdecken, was ihrer Vorstellung von Land nur einigermaßen entsprach. Da waren keine Berge noch bewaldete Höhen zu entdecken, keine Städte noch Dörfer, und wo da Land sein sollte, wußte Keiner von ihnen. Nur am westlichen Horizont bemerkten sie endlich, nachdem ihnen der Steuermann drei oder viermal die Stelle gezeigt, einen lichtblauen niedrigen Streifen, der aber auch eben so gut eine Wolke sein konnte, so dicht lag er auf dem Wasser, und so vollkommen verschmolz er mit dem überdies dunklen Rand des Horizonts, der sich stets gegen den blauen Himmel abspiegelt. Aber die Brise war ihnen günstig. Je weiter sie dabei nach Westen vorrückten, desto mehr hob sich der Rand in die Höhe, und gegen Mittag konnten Alle schon die Abzeichnung der Bergcontouren erkennen, die immer deutlicher hervortraten und höher wurden.
Trotzdem segelten sie den ganzen Tag noch dagegen an, ohne es zu erreichen, und erst mit einbrechender Nacht sahen sie ein helles, funkelndes Licht von dort herüberglimmen, – den Leuchtthurm, der ihnen die Stelle kündete, wo sie anzufahren hatten.
Und alle Passagiere standen in der wunderbar schönen milden Nacht an Deck und schauten nach dem Licht hinüber, das ihnen von der brasilianischen Küste entgegen funkelte, und welch ein eigenthümlich beängstigendes Gefühl war es, das dabei ihre Herzen erfüllte! Dort war das Land, dem sie ihre Zukunft anvertraut hatten, von dem geheimnißvollen Schleier der Nacht bedeckt, und dort, wo jetzt noch die kleinen hellen Punkte am Ufer hervortraten und sich wie ein Streifen an der Küste hinzogen, wohnten Menschen, – wohnten wirkliche Brasilianer, zwischen denen sie von nun an leben und wirken sollten. Dahinter aber lagen die Berge mit ihren düsteren Waldungen und Schatten, mit wilden Thieren, Indianern, bunten Vögeln und großen, giftigen Schlangen, und das Alles sollten sie jetzt sehen, – in dem Allen sollten sie mitleben, das so ganz Anders wie die Heimath war.
Und wie würde sich dort nun zwischen den fremden Menschen ihr Schicksal gestalten? – es war eine ernste Frage, die sie sich stellten, und selbst die Schaar der jungen Burschen, die den Tag hindurch übermüthig und ausgelassen genug gewesen, schien recht still und nachdenkend geworden zu sein. Sie alle lehnten schweigend oder leise mit einander flüsternd an Bord und schauten nach den Lichtern hinüber, die ihnen von dort drüben entgegenwinkten.
Das Schiff selber hielt aber nicht mehr genau auf die Küste zu, sondern kreuzte daran auf und ab, da der Capitän den Hafen zu wenig kannte, um dort bei Nacht einzufahren. Das Wetter war ja auch so still und freundlich, daß er nichts dabei zu wagen hatte. Er konnte recht gut den Morgen abwarten, um hinanzulaufen und nachher zu ankern.
Und der Morgen kam. – Aus der verlassenen Heimath her sandte ihnen die Sonne ihr Licht und übergoß die Berge Brasiliens mit ihrem duftigen Schimmer – und dicht vor ihnen lag das Land, auf das der Capitän schon von vier Uhr früh an scharf zugesteuert hatte. Deutlich konnten sie die einzelnen lichten Wohnungen zwischen dem saftigen Grün der Bäume erkennen, und hie und da ragten daraus die hohen, phantastischen Kronen der Palmen hervor und schüttelten ihre gefiederten Blätter im Wind.
Jetzt aber, mit dem hellen Tageslicht, war auch der unheimliche Zauber gebrochen, der in der Nacht auf den Herzen der Auswanderer gelegen.